Fly Girl – Die Liebe eines Lebens - Kristin Hannah - E-Book
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Fly Girl – Die Liebe eines Lebens E-Book

Kristin Hannah

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Beschreibung

»Eine meisterhafte Erzählerin.« Delia Owens.

Am Abend ihres 41. Geburtstages sitzt Jolene allein am Esstisch – ihr Mann hat ihre Verabredung vergessen. Überhaupt zieht sich Michael immer mehr aus dem Leben mit seiner Frau und den beiden Töchtern zurück. Als Jolene nach Antworten sucht, kommt es zum Eklat, und Michael stellt alles infrage, was sie verbindet. Für Jolene bricht eine Welt zusammen. Dann wird sie als Helikopterpilotin einberufen. Sie muss in den Krieg und weiß weder, ob sie je zu ihrer Familie zurückkehren wird, noch ob es für sie und Michael einen Neuanfang geben kann.

Berührend und tiefgründig erzählt Weltbestsellerautorin Kristin Hannah von den Herausforderungen der Liebe und dem, was eine Familie zusammenhält.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 643

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Über das Buch

Als Jolenes Eltern bei einem Autounfall sterben, muss sich die 18-jährige allein durchschlagen. Während ihrer Ausbildung zur Pilotin lernt sie Tami kennen. Die beiden Frauen werden unzertrennlich. Zwanzig Jahre später, mit Anfang 40, scheint Jolenes Leben perfekt: Noch immer kann sie gemeinsam mit Tami fliegen, in Michael hat sie einen liebevollen Ehemann gefunden, und für ihre Töchter Lulu und Betsy ist sie trotz Pubertät und Trotzphase der wichtigste Mensch im Leben. Alles ändert sich, als ihr Schwiegervater stirbt: Michael zieht sich immer mehr von seiner Familie zurück, und Jolene sieht ihre Ehe vor dem Aus. Dann passiert, wovor sie sich immer gefürchtet hat: Sie und Tami werden als Hubschrauberpilotinnen in den Irak berufen, wo seit Jahren Krieg herrscht. Aber wie soll sie es schaffen, ihre Töchter zu verlassen, wo sie doch nicht weiß, ob sie den Einsatz überleben wird?

Über Kristin Hannah

Kristin Hannah, geboren 1960 in Südkalifornien, arbeitete als Anwältin, bevor sie zu schreiben begann. Heute ist sie eine der erfolgreichsten Autorinnen der USA und lebt mit ihrem Mann im Pazifischen Nordwesten der USA. Nach zahlreichen Bestsellern waren es ihre Romane »Die Nachtigall« und »Die vier Winde«, die Millionen von Leser:innen in über vierzig Ländern begeisterten und Welterfolge wurden.Zuletzt erschien bei Rütten & Loening »Die Frauen jenseits des Flusses«.

Alle lieferbaren Titel der Autorin finden Sie unter aufbau-verlage.de.

Christine Strüh übertrug u. a. Kristin Hannah, Gillian Flynn und Cecelia Ahern ins Deutsche. Sie lebt in Halle. 

Anke Kreutzer übertrug u.a. John Katzenbach, Christopher Paolini, Diane Setterfield, Alice Feeney und Ashley Elston ins Deutsche, sie lebt mit ihrer Familie in Potsdam.

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Kristin Hannah

Fly Girl – Die Liebe eines Lebens

Roman

Aus dem Amerikanischen von Christine Strüh und Anke Kreutzer

Übersicht

Cover

Titel

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Titelinformationen

Informationen zum Buch

Newsletter

Widmung

Teil I — Aus der Distanz

Prolog — 1982

Kapitel 1 — April 2005

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Teil II — Das Herz einer Soldatin

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Epilog

Danksagung

Impressum

Wer von diesem Roman begeistert ist, liest auch ...

Dieses Buch ist all den mutigen Männern und Frauen der amerikanischen Streitkräfte und ihren Familien gewidmet, die so viele Opfer bringen, um unsere Lebensweise zu schützen und zu erhalten.

Und wie immer meinen persönlichen Helden Benjamin und Tucker.

Teil I

Aus der Distanz

»Manche Dinge im Leben lernt man am besten, wenn alles ruhig ist, andere eher im Sturm.«

Willa Cather

Prolog

1982

Ihrer Ansicht nach ähnelten manche Familien gut gepflegten Parkanlagen mit hübschen Narzissenrabatten und großen, ausladenden Bäumen, unter deren Schutz man sich von der heißen Sommersonne erholen konnte, während andere – und das wusste sie aus eigener Erfahrung – wie Schlachtfelder waren, finster und blutig, übersät von Schrapnell und abgerissenen Körperteilen.

Obwohl sie gerade erst siebzehn war, wusste Jolene Larsen Bescheid über den Krieg, denn sie war inmitten einer kaputten Ehe aufgewachsen.

Am schlimmsten war es am Valentinstag. Zwar war die Atmosphäre zu Hause immer unbeständig, aber an diesem Tag, wenn im Fernsehen Werbespots für Blumen, Pralinen und Herzen aus roter Plastikfolie liefen, wurde die Liebe in den achtlosen Händen ihrer Eltern zu einer Waffe. Natürlich begann es jedes Mal mit dem Alkohol. Immer wieder wurden die Bourbongläser nachgefüllt, so fing es an. Dann wurde geschrien und geweint, Gegenstände flogen durch die Luft. Seit Jahren schon fragte Jolene ihre Mutter, warum sie ihn – Jolenes Vater – nicht einfach verließen und sich in der Dunkelheit davonschlichen. Die Antwort ihrer Mutter war immer gleich: Das kann ich nicht. Ich liebe ihn doch. Manchmal weinte sie, wenn sie diese grässlichen Worte aussprach, manchmal war ihr deutlich anzuhören, wie verbittert sie war, aber letztlich spielte das keine Rolle – was zählte, war ausschließlich die traurige Wahrheit ihrer einseitigen Liebe.

Unten im Haus schrie jemand.

Höchstwahrscheinlich Mom.

Dann ein Poltern – ein schwerer Gegenstand, der gegen die Wand schlug. Eine Tür fiel krachend ins Schloss. Dad.

Wutentbrannt (wie immer) war er aus dem Haus gerannt und hatte die Tür hinter sich zugeknallt. Morgen oder übermorgen würde er zurückkommen, je nachdem, wann ihm das Geld ausging. Nüchtern und kleinlaut, nach Alkohol und Zigaretten stinkend, würde er sich in die Küche schleichen. Ihre Mutter würde sofort zu ihm rennen und ihn in die Arme schließen. Oh, Ralph … du hast mir solche Angst gemacht … es tut mir leid, gib mir noch eine Chance, bitte, du weißt doch, wie sehr ich dich liebe …

Geduckt, um sich nicht den Kopf an einem der grob behauenen Dachsparren zu stoßen, durchquerte Jolene ihr Zimmer. Es gab nur eine einzige Lichtquelle, eine Glühbirne, die wie der letzte Zahn im Mund eines alten Mannes lose und unzuverlässig von einem der Balken herunterbaumelte.

Leise öffnete sie die Tür und lauschte.

War es vorbei?

Sie schlich die schmale Treppe hinunter, hörte die Stufen unter ihrem Gewicht knarren. Unten fand sie ihre Mutter, zusammengesackt auf dem Sofa im Wohnzimmer, im Mundwinkel eine qualmende Zigarette, von der ihr die Asche auf den Schoß krümelte. Auf dem Boden lagen verstreut die Überbleibsel des Streits: Flaschen, Aschenbecher, Glasscherben.

Noch ein paar Jahre zuvor hätte Jolene versucht, ihre Mutter zu trösten. Aber allzu viele solcher Nächte hatten sie hart gemacht. Ihre Geduld war am Ende, sie hatte das Ehedrama ihrer Eltern gründlich satt. Nie änderte sich etwas, und sie war immer diejenige, die das Chaos beseitigen musste. Vorsichtig suchte sie sich einen Weg durch die Scherben und kniete sich neben ihre Mutter.

»Gib sie mir«, sagte sie müde, während sie ihrer Mutter die brennende Zigarette wegnahm und sie im Aschenbecher auf dem Boden neben ihr ausdrückte.

Ihre Mutter blickte auf, ihre Augen waren traurig, die Wangen tränennass. »Wie soll ich ohne ihn leben?«

Wie als Antwort öffnete sich die Hintertür, kalte Nachtluft wehte den Geruch von Regen und Kiefernnadeln ins Zimmer.

»Er ist zurückgekommen!« Sie schob Jolene beiseite und rannte in die Küche.

»Ich liebe dich, Baby, es tut mir so leid«, hörte Jolene ihre Mutter sagen.

Langsam richtete sie sich auf und drehte sich um. Eng umschlungen wie das Liebespaar in einem Kinofilm, das sich nach dem Krieg endlich wiederfindet, standen ihre Eltern in der Küche, ihre Mutter verzweifelt an ihren Vater geklammert, die Hände in sein kariertes Hemd gekrallt.

Er war noch immer betrunken und schwankte, so dass es aussah, als sei es ihre Mutter, die ihn festhielt, doch das war unmöglich: Ihr Vater war ein Riese, groß und breit, mit Pranken wie Servierplatten, sie dagegen eine zierliche, blasse Frau. Ihre Körpergröße hatte Jolene eindeutig von ihrem Vater geerbt.

»Verlass mich nicht«, schluchzte ihre Mutter an seiner Brust.

Er wandte den Blick ab. Für den Bruchteil einer Sekunde sah Jolene den Schmerz in seinen Augen. Schmerz und – schlimmer noch – Scham, Schwäche und Bedauern.

»Ich brauche was zu trinken«, sagte er, die Stimme rau von vielen Jahren filterloser Zigaretten.

Er nahm die Hand ihrer Mutter und zog sie hinter sich her durch die Küche. Benommen, jedoch mit einem stupiden Grinsen stolperte sie ihm nach, ohne darauf zu achten, dass sie barfuß war.

Erst als er die Hintertür öffnete, begriff Jolene. »Nein!«, schrie sie, sprang auf und rannte den beiden nach.

Die Februarnacht war kalt und dunkel. Regen trommelte aufs Dach und strömte in kleinen Bächen über den Rand der Dachtraufe. Der geleaste Langholztransporter ihres Vaters – das Einzige, wofür er sich wirklich interessierte – thronte wie ein riesiges schwarzes Insekt in der Auffahrt. Jolenes Mutter rannte hinaus auf die Holzterrasse, stolperte über die Kettensäge, richtete sich wieder auf.

An der geöffneten Beifahrertür blieb sie stehen und sah noch einmal zurück zu Jolene. Der Regen hatte ihre nassen Haare an ihre eingefallenen Wangen gedrückt, die Mascara war verlaufen. Sie hob eine blasse, zitternde Hand und winkte.

»Steh nicht so lange im Regen rum, Karen«, brüllte ihr Vater, und ihre Mutter gehorchte sofort. Innerhalb einer Sekunde schlossen sich krachend beide Türen, der Laster setzte ein Stück zurück, bog auf die Straße ein und fuhr davon.

Und Jolene war wieder allein.

Vier Monate, dachte sie. Nur noch vier Monate, dann würde sie den Highschool-Abschluss machen und konnte endlich weg von zu Hause.

Zu Hause. Was immer das bedeutete.

Aber was würde sie dann tun? Wohin würde sie gehen? Fürs College war nicht genug Geld da, und wenn Jolene jobbte und etwas von ihrem Verdienst zurücklegte, fanden ihre Eltern das Geld regelmäßig und »liehen« es sich für ihre eigenen Zwecke – allerdings ohne es je zurückzugeben. Jetzt hätte sie nicht einmal mehr genug für die erste Monatsmiete gehabt.

Sie wusste nicht, wie lange sie dort stand und gedankenverloren zusah, wie der Regen die Auffahrt in eine Schlammlandschaft verwandelte; sie wusste später nur noch, dass sie irgendwann diesen seltsamen, schauerlichen Farbblitz in der nächtlichen Dunkelheit aufleuchten sah.

Rot. Die Farbe von Blut, von Feuer und Verlust.

Als der Polizeiwagen auf den Hof einbog, wunderte sie sich nicht. Aber es überraschte sie, wie es sich anfühlte zu erfahren, dass ihre Eltern tot waren.

Und es überraschte sie, wie sehr sie weinte.

Kapitel 1

April 2005

An ihrem einundvierzigsten Geburtstag war Jolene Zarkades wie an jedem anderen Tag schon vor der Morgendämmerung wach. Vorsichtig, um ihren schlafenden Mann nicht zu wecken, kletterte sie aus dem Bett, schlüpfte in ihre Laufklamotten, band die langen, blonden Haaren zu einem Pferdeschwanz und verließ das Haus.

Es war ein herrlich sonniger Frühlingstag. Die Pflaumenbäume an der Straße standen in voller Blüte, kleine rosa Blätter schwebten über die leuchtend grüne Wiese, gegenüber schimmerte strahlend blau der Puget Sound. Majestätisch reckten sich die Olympic Mountains mit ihren schneebedeckten Gipfeln zum Himmel empor.

Perfekte Sichtverhältnisse.

Auf der Strandstraße joggte sie dreieinhalb Meilen, drehte dann um und lief zurück nach Hause, wo sie atemlos ankam, die Veranda mit den bunt zusammengewürfelten Holz- und Rattanmöbeln überquerte und das Haus betrat. Verlockender Kaffeeduft mischte sich mit einem Hauch Holzrauch.

Noch bevor sie sich Kaffee einschenkte, schaltete sie den Fernseher an, wie immer auf CNN, und wartete ungeduldig auf Nachrichten über den Krieg im Irak.

Zum Glück hatte es heute Morgen keine schweren Kämpfe gegeben, keine Soldaten – oder Freunde – waren in der Nacht getötet worden.

»Gott sei Dank«, sagte sie leise, nahm ihren Kaffee und ging die Treppe hinauf, vorbei an den Zimmern ihrer Töchter und zum Elternschlafzimmer. Es war noch früh. Vielleicht würde sie Michael mit einem ausgedehnten, trägen Kuss wecken. Mit einer Einladung.

Wie lange war es eigentlich schon her, dass sie Sex am Morgen gehabt hatten? Dass sie überhaupt Sex gehabt hatten? Jolene konnte sich nicht erinnern, doch ihr Geburtstag erschien ihr als der perfekte Tag, um das zu ändern. Sie öffnete die Tür. »Michael?«

Das große Doppelbett war leer. Ungemacht. Michaels schwarzes T-Shirt, in dem er immer schlief, lag zusammengeknüllt auf dem Boden. Sie hob es auf und faltete es ordentlich zusammen. »Michael?«, wiederholte sie und öffnete die Badezimmertür. Dampf quoll ihr entgegen und verschleierte die Sicht.

Das Bad war komplett in Weiß gehalten – Fliesen, Toilette, Schränke. Die Duschtür stand offen, die weiß geflieste Kabine war leer. Quer über der Wanne lag ein Handtuch zum Trocknen. Feuchtigkeit perlte vom Spiegel über dem Waschbecken.

Bestimmt war Michael schon unten, wahrscheinlich in seinem Büro. Womöglich plante er eine kleine Geburtstagsüberraschung. So etwas hatte er immer gern gemacht …

Sie duschte rasch, bürstete ihre langen Haare, drehte sie noch feucht zu einem Knoten im Nacken und starrte in den Spiegel. Ihr Gesicht war – wie eigentlich alles an ihr – klar und kantig: hohe Wangenknochen, dichte braune Brauen, die ihre weit auseinander stehenden grünen Augen und ihren etwas zu groß geratenen Mund betonten. Die meisten Frauen in ihrem Alter trugen Make-up und färbten sich die Haare, aber für so etwas hatte Jolene keine Zeit. Außerdem hatte sie nichts gegen ihre aschblonden Haare einzuwenden, die jedes Jahr ein, zwei Stufen dunkler wurden, und auch nichts gegen die Lachfältchen, die sich in ihren Augenwinkeln zu bilden begannen.

Sie schlüpfte in ihren Fliegeroverall und machte sich auf den Weg zu den Zimmern der Mädchen, aber auch die waren leer.

Die beiden waren bereits in der Küche. Ihre zwölfjährige Tochter Betsy half gerade ihrer vierjährigen Schwester Lulu, sich an den Tisch zu setzen. Jolene küsste Lulu auf die runde rosa Wange.

»Happy Birthday, Mom«, riefen die Mädchen im Chor.

Wieder einmal spürte Jolene, wie heiß und innig sie ihre Kinder und das Leben mit ihnen liebte, wusste sie doch, dass solche Augenblicke etwas ganz Besonderes waren. Wie konnte es anders sein, nach der Kindheit, die sie selbst gehabt hatte? Lächelnd und strahlend vor Glück wandte sie sich ihren Töchtern zu. »Danke, Mädels. Heute ist ein wunderschöner Tag, um einundvierzig zu werden.«

»Das ist aber alt«, sagte Lulu. »Bist du wirklich schon so alt?«

Lachend öffnete Jolene den Kühlschrank. »Wo ist denn euer Dad?«

»Der ist schon weg«, antwortete Betsy.

Jolene wandte sich um. »Im Ernst?«

»Ja, im Ernst«, bestätigte Betsy und musterte ihre Mutter aufmerksam.

Jolene zwang sich zu lächeln. »Wahrscheinlich hat er irgendeine Überraschung für mich geplant, wenn er von der Arbeit kommt. Also, ich schlage vor, nach der Schule machen wir eine Party. Nur wir drei. Mit Kuchen. Was sagt ihr dazu?«

»Ja, mit Kuchen!«, rief Lulu und klatschte in ihre feisten kleinen Hände.

Natürlich hätte Jolene sich über Michaels Vergesslichkeit ärgern können, aber wozu? Sie wusste doch, dass Glücklichsein eine Entscheidung war. Wenn sie sich entschied, nicht über das nachzudenken, was sie störte, dann verschwand es einfach. Außerdem gehörte Michaels Engagement für seine Arbeit zu den Dingen, die sie am meisten an ihm bewunderte.

»Mommy, Mommy, spiel mit mir Backe, backe Kuchen!«, rief Lulu und hopste auf ihrem Stuhl herum.

Jolene sah auf ihre Jüngste hinunter. »Hier ist anscheinend jemand ganz wild auf Kuchen.«

Sofort hob Lulu die Hand. »Ich! Ich bin das!«

Jolene setzte sich neben sie, streckte ihr die Hände entgegen, und sofort klatschte ihre Tochter mit den ihren darauf. »Backe, backe Kuchen, der Bäcker hat …« Jolene hielt inne und sah zu, wie Lulus Gesicht erwartungsvoll zu leuchten begann.

»… gerufen!«, ergänzte Lulu.

»Back mir ’nen Kuchen, so schnell, wie’s nur geht, sonst kommt er für meine Lulu zu spät.« Noch einmal klatschten sie zusammen in die Hände, dann stand Jolene auf, um Frühstück zu machen. »Zieh dich an, Betsy. In einer halben Stunde fahren wir los.«

Pünktlich zur abgemachten Zeit scheuchte Jolene die Mädchen ins Auto, fuhr Lulu zum Kindergarten, verabschiedete sich mit einem dicken Kuss von ihr und fuhr dann den grünen Hügel zur Middle School hinauf. Dort ordnete sie sich in die Bring- und Abholspur, wurde langsamer und hielt schließlich an.

»Steig bitte nicht mit mir aus«, ordnete Betsy mit scharfer Stimme vom Rücksitz an. »Du trägst deine Uniform.«

»Offensichtlich machst du nicht mal an meinem Geburtstag eine Ausnahme.« Jolene musterte ihre Tochter im Rückspiegel. In den letzten Monaten hatte sich ihre fröhliche, burschikose Tochter in eine vorpubertäre Göre verwandelt, für die alles potenziell peinlich war – vor allem ihre Mom, die nicht so ganz dem Klischee einer Mom entsprach. »Mittwoch ist aber Career Day«, gab sie zu bedenken.

Betsy stöhnte. »Musst du denn unbedingt dabei sein?«

»Deine Lehrerin hat mich eingeladen. Ich verspreche auch, dass ich weder sabbere noch spucke.«

»Das ist so was von überhaupt nicht lustig. Niemand hat eine Mutter, die beim Militär ist. Du wirst doch wenigstens nicht deine Fliegeruniform anziehen, oder?«

»Das ist nun mal mein Beruf, Betsy. Ich glaube, du würdest …«

»Ach, egal.« Betsy griff nach ihrem schweren Rucksack – offenbar war es nicht der angesagte, denn gestern hatte sie einen neuen verlangt –, kletterte aus dem Auto und flitzte zu den Mädchen, die unter dem Fahnenmast standen. Die beiden – Zoe und Sierra – waren für Betsy derzeit das Maß aller Dinge, und sie versuchte um jeden Preis, sich ihnen anzupassen. Doch eine Mutter, die für die National Guard der Army Helikopter flog, war offenbar extrem peinlich.

Doch als Betsy sich ihren Freundinnen näherte, ignorierten diese sie demonstrativ, drehten ihr einmütig den Rücken zu wie ein Fischschwarm, der sich geschlossen von einer Gefahrenquelle abwendete.

Jolene packte das Steuer fester und fluchte leise.

Einen Moment lang stand Betsy da wie ein begossener Pudel. Doch dann wich sie zurück, als hätte sie nie vorgehabt, sich ihren ehemals besten Freundinnen anzuschließen, und betrat allein das Schulgebäude.

Jolene sah ihr nach, bis jemand sie anhupte. Der Schmerz ihrer Tochter ging ihr durch und durch. Wenn sie etwas sehr gut kannte, dann war es Zurückweisung. Hatte sie nicht eine gefühlte Ewigkeit darauf gewartet, dass ihre Eltern sie endlich lieben würden? Sie musste ihrer Tochter beibringen, stark zu sein, sich stets für das Glück zu entscheiden. Wenn man es nicht zuließ, konnte man auch nicht verletzt werden, eine gute Offensive war schon immer die beste Verteidigung.

Auf Nebenstraßen fuhr sie zurück zur Liberty Bay, bog in die Zufahrt direkt neben ihrer eigenen ein, die zu einem kleinen, weißen Fertighaus neben einer Autowerkstatt führte, blieb dort stehen und hupte ein paarmal.

Fast sofort kam ihre beste Freundin Tami Flynn aus dem Haus, bereits in Fliegeruniform, die langen schwarzen Haare zu einem strengen Dutt aufgesteckt. Die beiden Frauen waren gleich alt, aber Jolene hätte Stein und Bein geschworen, dass auf Tamis Gesicht nicht das kleinste Fältchen zu finden war. Was, so behauptete zumindest Tami, einzig und allein ihrer indigenen Abstammung zu verdanken war.

Tami war die Schwester, die Jolene sich immer gewünscht hatte. Die beiden hatten sich als Teenager kennengelernt – zwei achtzehnjährige Mädchen, die zur Army wollten, weil sie nicht wussten, was sie sonst mit ihrem Leben anfangen sollten. Beide hatten sich in der Highschool für das Ausbildungsprogramm zur Helikopterpilotin qualifiziert.

Die Leidenschaft fürs Fliegen brachte sie zusammen, und da auch ihre Lebenseinstellung sehr ähnlich war, entstand eine Freundschaft, die so stark war, dass sie bisher nie ins Wanken geraten war. Zehn Jahre lang waren sie zusammen in der Army gewesen, und als Heirat und Mutterschaft den aktiven Dienst schwierig machten, wechselten sie beide zur National Guard. Vier Jahre nachdem Jolene und Michael in das Haus an der Liberty Bay gezogen waren, kauften Tami und ihr Mann Carl das Nachbargrundstück.

Tami und Jolene wurden zur gleichen Zeit schwanger, erlebten die magischen neun Monate gemeinsam und fanden beieinander in ängstlichen Augenblicken liebevolle Unterstützung. Da ihre Ehemänner sehr unterschiedlich waren, gab es zwar keine gemeinsamen Familienreisen, aber das störte Jolene nicht. Am wichtigsten war, dass sie und Tami füreinander da waren. Und das waren sie.

Wörtlich übersetzt hieß im Pilotenslang I’ve got your six, dass ein Helikopter in Sechs-Uhr-Position direkt hinter einem anderen flog. Aber im übertragenen Sinn bedeutete es: Ich bin für dich da, ich gebe dir Rückendeckung, ich passe auf dich auf. Genau das hatte Jolene in der Army gefunden, in der National Guard und in Tami. Rückendeckung.

Die Guard hatte ihnen ermöglicht, zwei Welten miteinander zu verbinden: Sie waren Vollzeitmütter, blieben dem Militär treu und flogen Helikopter. Mindestens zwei Vormittage pro Woche und auch an den sogenannten Drill-Wochenenden flogen sie gemeinsam. Sie hatten den besten Teilzeitjob der Welt.

Tami setzte sich auf den Beifahrersitz und schloss die Tür hinter sich. »Alles Gute zum Geburtstag, Fly Girl!«

»Danke.« Jolene grinste. »Mein Tag, meine Musik.« Sie drehte den CD-Player auf, und »Purple Rain« von Prince dröhnte aus den Lautsprechern.

Den ganzen Weg nach Tacoma plauderten sie über Gott und die Welt. Wenn sie gerade nicht redeten, sangen sie Songs aus ihrer Jugend – Prince, Madonna, Michael Jackson. So passierten sie Camp Murray, den Sitz der Army and Air National Guard von Washington State, und fuhren weiter zu Fort Lewis, wo die Flugzeuge der Guard untergebracht waren.

Im Umkleideraum holte Jolene die schwere Pilotentasche mit der Notfallausrüstung aus dem Schließfach, schlang sie sich über die Schulter und folgte Tami zur Anmeldung, trug ihre zusätzliche Trainingszeit ein und meldete sich an, um bezahlt zu werden. Dann stülpte sie sich den Helm über den Kopf und machte sich auf den Weg hinaus aufs Rollfeld.

Ihre Crew war bereits da und machte den Black Hawk startbereit. Unter dem strahlend blauen Himmel ähnelte der Hubschrauber tatsächlich einem riesigen Raubvogel. Jolene nickte dem Teamchef zu, checkte ihren Helikopter vor dem Start kurz durch, setzte die Crew ins Bild, stieg dann auf der linken Seite ins Cockpit und nahm ihren Platz ein. Tami kletterte auf den rechten Sitz und setzte ebenfalls den Helm auf.

»Checke Schalter und Sicherungsautomatik«, sagte Jolene und warf den Motor an. Dröhnend erwachten die Maschinen zum Leben, langsam setzten sich die riesigen Rotorblätter in Bewegung und drehten sich mit schrillem Geheul schneller und schneller.

»Operation Guard, Raptor acht-neun meldet sich ab«, rief Jolene in ihr Mikrophon und änderte die Frequenz. »Tower, Raptor acht-neun, bereit zum Abflug.«

Dann widmete sie sich ganz dem feinen Balanceakt eines Helikopterstarts, bediente mit geübten Hand- und Fußbewegungen die Steuerung, bis die Maschine abhob und sie langsam in die Unendlichkeit des blauen, wolkenlosen Himmels aufstiegen. Die blühenden Bäume unter ihnen verwandelten sich in eine spektakuläre Farbpalette, und eine Woge reinen Adrenalins durchflutete Jolene. Gott, wie sehr sie es liebte, hier oben zu sein!

»Ich hab gehört, heute ist Ihr Geburtstag, Chief«, sagte der Teamchef durch die Sprechanlage.

»Verdammt richtig«, antwortete Tami grinsend. »Warum sollte sie denn sonst hier am Steuer sitzen?«

Jolene sah ihre beste Freundin lächelnd an. Sie brauchte dieses Glücksgefühl hier oben so sehr, brauchte es wie die Luft zum Atmen. Älter zu werden, Falten zu bekommen, langsamer zu werden – das alles war ihr gleichgültig. »Einundvierzig. Ich kann mir keine bessere Art zu feiern vorstellen als das hier.«

* * *

Die kleine Stadt Poulsbo, Washington, schmiegte sich ans Ufer der Liberty Bay. Die ersten Siedler hatten sich für diesen Landstrich entschieden, weil er sie mit seinem kühlen, klaren Wasser, den hoch aufragenden Bergen und den üppigen grünen Hängen an ihre nordländische Heimat erinnerte. Als sie dann Jahre später begannen, ihre Läden in der Front Street zu bauen, gestalteten sie auch diese mit skandinavischen Akzenten. Überall sah man Dachverkleidungen mit den typischen Durchbrucharbeiten, es gab reichlich Schnörkelverzierungen.

Der Familienlegende der Familie Zarkades zufolge hatte das Flair des Städtchens sofort den Gefallen von Michaels Mutter gefunden, und sie schwor, als sie zum ersten Mal die Front Street entlanggegangen sei, habe sie sofort gewusst, dass sie hier leben wollte. Dutzende origineller Geschäfte – zu denen inzwischen auch der Laden seiner Mutter gehörte – verkauften wunderschöne, handgemachte Kleinigkeiten an die Touristen.

Von Downtown Seattle waren es zehn Meilen Luftlinie hierher, doch diese wenigen Meilen waren eine Zumutung. In den letzten Jahren nahm Michael den skandinavischen Charme des Ortes nicht mehr wirklich wahr und ärgerte sich stattdessen nur noch über die lange, kurvenreiche Straße von seinem Haus bis zur Fährstation auf Bainbridge Island und den darauf unweigerlich stockenden Berufsverkehr.

Es gab zwei Routen von Poulsbo nach Seattle – über Land oder übers Wasser. Mit dem Auto war man zwei Stunden unterwegs, mit der Fähre dauerte es von Bainbridge Island zum Anleger in Seattle nur fünfunddreißig Minuten.

Das Problem mit der Fähre war allerdings die Wartezeit – bis man das Auto auf die Fähre fahren konnte, musste man sich schon sehr früh in die Schlange einreihen. Im Sommer fuhr Michael deshalb oft mit dem Fahrrad zur Arbeit, aber an Regentagen wie heute – von denen es hier im Nordwesten viele gab – nahm er lieber den Wagen. Der Winter war ungewöhnlich lang gewesen, der Frühling sehr feucht. So saß Michael einen grauen Tag um den anderen in seinem Lexus auf dem Parkplatz und sah zu, wie das Tageslicht sich zögernd über dem welligen Wasser des Puget Sound ausbreitete, er fuhr schließlich an Bord, parkte den Wagen im Bauch der Fähre und ging nach oben.

Heute saß Michael auf der Backbordseite des Schiffs an einem kleinen Resopaltisch, auf dem er seine Arbeit ausgebreitet hatte, die Aussage seines Klienten Woerner. An den Rändern der Akte klebten wie gelbe Klaviertasten unzählige Post-it-Zettel, und alle markierten fragwürdige Behauptungen.

Lügen. Michael seufzte beim Gedanken, den Schaden irgendwie beheben zu müssen. Der helle Schein seines Idealismus war von den Jahren, in denen er schuldige Klienten verteidigt hatte, stumpf geworden.

Früher hätte er darüber mit seinem Vater gesprochen, der alles in Perspektive gesetzt und Michael daran erinnert hätte, dass ihr Job etwas bewirken konnte.

Wir sind die letzte Bastion, Michael, das weißt du doch – wir verteidigen die Freiheit. Lass nicht zu, dass die bösen Jungs dich mürbe machen. Wir beschützen die Unschuldigen, indem wir den Schuldigen helfen. So funktioniert das.

Ich könnte aber mal ein paar mehr Unschuldige brauchen, Dad.

Das tun wir doch alle, oder nicht? Wir warten darauf … auf diesen Fall, diesen einen Fall, der wirklich zählt. Wir wissen besser als die meisten, wie es sich anfühlt, ein Leben zu retten. Etwas zu bewirken. Genau das tun wir, Michael. Verlier nicht den Glauben daran.

Jetzt blickte er zu dem leeren Platz ihm gegenüber.

Seit inzwischen elf Monaten fuhr er morgens allein zur Arbeit. Am einen Tag hatte sein Vater noch neben ihm gesessen, rüstig und gesund, hatte über seinen geliebten Beruf gesprochen, und dann war er plötzlich krank gewesen. Sterbenskrank.

Fast zwanzig Jahre lang waren Michael und sein Vater Partner gewesen und hatten Hand in Hand gearbeitet. Sein Tod hatte Michael völlig aus der Bahn geworfen. Er trauerte um die Zeit, die sie verloren hatten, aber vor allem fühlte er sich auf eine Weise allein, die ihm neu war. Der Verlust hatte ihn dazu gebracht, sein eigenes Leben unter die Lupe zu nehmen, und was er da sah, gefiel ihm nicht.

Bis zum Tod seines Vaters hatte Michael sich immer für glücklich gehalten, aber jetzt war damit Schluss.

Er wollte mit jemandem über all das sprechen, er wollte seinen Kummer mit jemandem teilen. Aber mit wem? Mit seiner Frau konnte er nicht darüber reden. Nicht mit Jolene, die fest daran glaubte, dass man sich einfach dafür entscheiden konnte, glücklich zu sein – man musste nur die Mundwinkel nach oben ziehen. Sie wurde schnell ungeduldig mit Menschen, die diese Entscheidung nicht trafen, was sicher ihrer chaotischen, unschönen Kindheit geschuldet war, aber in letzter Zeit gingen ihm diese ganzen »Alles-wird-gut«-Plattitüden furchtbar auf die Nerven. Da Jolene ihre Eltern verloren hatte, glaubte sie, dass sie etwas von Trauer verstand, dabei hatte sie keine Ahnung, wie es sich anfühlte zu ertrinken. Wie auch? Von ihr perlte ja alles ab.

Michael klopfte mit seinem Stift auf den Tisch und blickte aus dem Fenster. Heute war die Bucht stahlgrau, trostlos, mysteriös. Scheinbar leblos segelte eine Möwe an ihm vorüber, getragen von einem unsichtbaren Luftstrom.

Damals vor vielen Jahren, als Jolene ihn überredet hatte, in das Haus am Liberty Bay zu ziehen, hätte er nicht klein beigeben sollen. Er hatte argumentiert, dass er nicht so weit entfernt von der City wohnen wollte und auch nicht zu nah bei seinen Eltern, aber am Ende hatte er sich doch erweichen lassen, hatte sich von ihrem Gebettel und dem handfesten Argument, dass sie seine Mutter bestimmt zum Babysitten brauchen würden, überzeugen lassen. Doch wenn er nicht nachgegeben hätte, wenn er die Auseinandersetzung über den Wohnort nicht verloren hätte, würde er jetzt nicht Tag für Tag auf der Fähre sitzen und den Mann vermissen, mit dem er sich hier immer getroffen hatte …

Als das Schiff langsamer wurde, stand Michael auf, sammelte seine Papiere ein und steckte die Akte mit der Zeugenaussage, ohne einen einzigen Blick darauf geworfen zu haben, zurück in seine schwarze Ledermappe. Er ordnete sich in die Menge der Aussteigenden ein, ging die Treppe hinunter zum Parkdeck und fuhr wenige Minuten später von der Fähre herunter. Kurz darauf hielt er am Smith Tower, dem lange Zeit höchsten Gebäude westlich von New York, jetzt nur noch eine alternde Randerscheinung in einer aufstrebenden Großstadt.

Bei »Zarkades, Antham und Zarkades« im neunten Stock war alles alt – Fußböden und Fenster reparaturbedürftig, viel zu viele Farbschichten auf den Wänden –, aber wie das Gebäude selbst besaß die Kanzlei eine ganz besondere Geschichte und Schönheit. Die große Fensterwand bot einen grandiosen Ausblick über die Elliott Bay und die riesigen orangefarbenen Kräne, mit denen Container auf die dort ankernden Tanker geladen wurden. In einigen der größten und wichtigsten Strafprozesse der letzten zwanzig Jahre hatte Michaels Vater die Verteidigung geführt, und bei den Zusammenkünften der Anwaltskammer sprach man noch immer fast ehrfürchtig von Theo Zarkades und seiner Fähigkeit, eine Geschworenenjury zu überzeugen.

»Hey, Michael«, sagte die Rezeptionistin lächelnd.

Michael winkte ihr freundlich zu und ging weiter, vorbei an ernsten Fachangestellten, müden Sekretärinnen und ehrgeizigen jungen Anwälten. Alle begrüßten ihn mit einem Lächeln, das er in gleicher Weise erwiderte. Vor dem Eckbüro – früher das Büro seines Vaters, jetzt das seine – blieb er stehen, um mit seiner Sekretärin zu sprechen. »Guten Morgen, Ann.«

»Guten Morgen, Michael. Bill Antham wollte Sie sehen.«

»Okay. Sagen Sie ihm, dass ich jetzt da bin.«

»Hätten Sie gern einen Kaffee?«

»Ja, bitte.«

Er betrat sein Büro, das geräumigste der Firma. Auch hier hatte man durch das große Fenster einen Blick über die Elliott Bay, aber das war auch eindeutig das Beste an dem ansonsten ganz gewöhnlichen Büro – Bücherregale mit juristischer Fachliteratur, ein jahrzehntealter, zerkratzter Holzboden, zwei Polstersessel, ein schwarzes Veloursledersofa. Neben dem Computer stand ein Familienfoto, das einzige persönliche Detail im ganzen Raum.

Michael warf seine Aktenmappe auf den Schreibtisch, ging zum Fenster und starrte eine Weile hinaus über die Stadt, die sein Vater geliebt hatte. Im Fensterglas sah er sein eigenes Spiegelbild, irgendwie gespenstisch – schwarze Locken, markantes, eckiges Kinn, dunkle Augen. Das Abbild seines Vaters in jüngeren Jahren. Aber hatte sein Vater sich jemals so müde und ausgelaugt gefühlt?

Es klopfte, die Tür ging auf. Herein kam Bill Antham, der einzige Partner der Firma, einst bester Freund seines Vaters. In den Monaten nach Theos Tod war auch Bill gealtert. Vielleicht ging es ihnen allen so.

»Hey, Michael«, sagte er und humpelte näher, jeder Schritt eine Erinnerung daran, dass er das Rentenalter schon eine ganze Weile überschritten hatte. Im letzten Jahr hatte er zwei neue Kniegelenke bekommen.

»Setz dich doch, Bill«, sagte Michael und deutete auf den Sessel, der dem Schreibtisch am nächsten stand.

»Danke.« Bill nahm Platz. »Ich muss dich um einen Gefallen bitten.«

Michael setzte sich wieder an seinen Schreibtisch. »Was kann ich für dich tun?«

»Ich war gestern im Gericht, und Richter Runyon hat mir eine Pflichtverteidigung aufgedrückt …«

Seufzend nahm Michael hinter dem Schreibtisch Platz. Für Strafverteidiger war es durchaus üblich, vom Gericht Fälle zugewiesen zu bekommen – das uralte Lied von Wenn Sie sich keinen Anwalt leisten können –, und oft halsten die Richter einen solchen Fall dann einfach dem Anwalt auf, der zufällig gerade anwesend war. »Was für ein Fall ist es denn?«

»Ein Mann hat seine Frau getötet. Mutmaßlich. Er hat sich in seinem Haus verbarrikadiert und sie in den Kopf geschossen. Ein SWAT-Team hat ihn rausgeholt, ehe er auch noch sich selbst umbringen konnte. Ein Teil der Aktion wurde im Fernsehen übertragen.«

Ein Schuldiger, der im Fernsehen gezeigt worden war. Perfekt. »Und du möchtest, dass ich den Fall für dich übernehme.«

»Ich würde dich nicht darum bitten … aber Nancy und ich fahren in zwei Wochen nach Mexiko.«

»Natürlich mache ich es«, sagte Michael. »Kein Problem.«

Bills Blick wanderte im Raum umher. »Ich habe immer noch das Gefühl, dass ich ihn hier sehe«, sagte er leise.

»Geht mir auch so«, bestätigte Michael.

Einen Moment sahen sie sich an und dachten an den Mann, der für ihr Leben so wichtig gewesen war. Dann stand Bill auf, bedankte sich noch einmal und ging davon.

Als er weg war, stürzte Michael sich in die Arbeit, ließ sich von ihr verschlingen und vergrub sich stundenlang in Zeugenaussagen und Polizeiberichten und Mandaten. Er hatte schon immer eine starke Arbeitsmoral und ein noch stärkeres Pflichtgefühl gehabt. Wenn die Trauer ihn zu überfluten drohte, war die Arbeit sein Rettungsring.

Um drei Uhr nachmittags meldete Ann sich über die Sprechanlage bei ihm. »Michael? Jolene ist auf Leitung eins.«

»Danke, Ann.«

»Sie haben doch sicher daran gedacht, dass heute ihr Geburtstag ist, oder?«

Ach du Scheiße.

Er schob seinen Stuhl zurück und nahm den Telefonhörer ab. »Hallo, Jo. Happy Birthday.«

»Danke.«

Sie schimpfte nicht, obwohl ihr sicher klar war, dass er sie vergessen hatte. Jolene hatte ihre Gefühle so strikt unter Kontrolle, wie Michael es noch bei keinem anderen Menschen erlebt hatte. Sie wurde niemals wütend – das ließ sie einfach nicht zu. Manchmal fragte Michael sich, ob ein richtiger Streit vielleicht gut für ihre Ehe wäre, aber zum Zanken gehörten nun mal zwei. »Ich mach es wieder gut. Wie wäre es heute Abend mit einem Dinner in dem Restaurant am Yachthafen? Dem neuen?«

Ehe Jolene Widerstand leisten konnte (was sie immer tat, wenn ein Vorschlag nicht von ihr kam), fügte er hinzu: »Betsy ist wirklich alt genug, um zwei Stunden auf Lulu aufzupassen. Und wir sind bloß gut einen Kilometer vom Haus entfernt.«

Diese Diskussion führten sie schon fast ein Jahr. Michael war der Ansicht, dass eine Zwölfjährige durchaus zum Babysitten in der Lage war, aber Jolene war anderer Meinung, und wie bei allem in ihrem Leben zählte einzig und allein ihr Votum. Michael hatte sich daran gewöhnt … und die Nase voll davon.

»Ich weiß doch, wie viel Arbeit du mit dem Woerner-Fall hast«, erwiderte Jolene jetzt. »Wie wäre es, wenn ich den Mädchen schon früh Abendessen mache, dann könnten sie oben einen Film schauen, und ich koche uns etwas Schönes? Oder ich könnte auch etwas vom Bistro mitbringen, die Sachen finden wir doch beide immer so lecker.«

»Bist du sicher?«

»Wichtig ist doch, dass wir zusammen sind«, sagte sie locker.

»Okay«, stimmte Michael zu. »Um acht bin ich zu Hause.«

Noch ehe er aufgelegt hatte, dachte er schon an etwas anderes.

Kapitel 2

An diesem Abend wählte Jolene ihre Kleidung sehr sorgfältig aus. Sie und Michael hatten seit langer Zeit nicht mehr allein zusammen gegessen, und sie wünschte sich einen perfekten Abend. Romantisch sollte er werden. Nachdem sie den Mädchen Abendessen gemacht hatte, nahm sie ein Duftschaumbad, rasierte sich, rieb sich mit einer Zitruslotion ein und schlüpfte dann in eine bequeme Jeans und einen schwarzen Pulli mit U-Boot-Ausschnitt.

Unten fand sie Betsy am Wohnzimmertisch bei den Hausaufgaben, während Lulu, in ihre geliebte Schmusedecke gehüllt, auf dem Sofa saß und sich Arielle, die kleine Meerjungfrau anschaute. Auf dem Esszimmertisch befanden sich noch die Überreste ihrer improvisierten Geburtstagsfeier – der Kuchen mit den Kerzenlöchern, das rosa Tagebuch, das Betsy ihr geschenkt hatte, die glitzernde Haarspange von Lulu und jede Menge zerknittertes Papier und gebrauchtes Geschenkband.

»Sie ist nicht die Bestimmerin«, beklagte Lulu sich bei Jolene, kaum dass sie ins Zimmer getreten war.

»Sag ihr, sie soll still sein, Mom, ich versuche, Hausaufgaben zu machen«, erwiderte Betsy. »Und sie grölt bei jedem Lied viel zu laut mit.«

Da ging es los – die Kinderstimmen versuchten, sich gegenseitig zu übertönen, und wurden dabei immer lauter.

»Sie ist nicht die Bestimmerin«, wiederholte Lulu mit noch größerer Überzeugung. »Sag es ihr, Mom.«

Worauf Betsy die Augen verdrehte, ohne ein Wort das Zimmer verließ und geräuschvoll die Treppe hinauftrampelte.

Eine Welle der Erschöpfung überrollte Jolene. Sie hatte ja keine Ahnung gehabt, wie ermüdend die Erziehung einer vorpubertären Tochter sein konnte. Wenn sie selbst in dem Alter versucht hätte, auch nur einmal so die Augen zu verdrehen, hätte ihr Vater sie mit einer Ohrfeige quer durchs Zimmer befördert.

Lulu sprang auf, lief zu ihrer Spielzeugkiste in der Ecke des Raums und kramte darin herum. Als sie den Haarreif mit den Katzenohren fand, der letztes Jahr zu ihrem Halloween-Kostüm gehört hatte, streifte sie ihn über und drehte sich zu ihrer Mutter um.

Jolene konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Da stand ihre vierjährige Tochter vor ihr, auf dem Kopf graue, schon etwas ramponierte Katzenohren, das Gesicht rot vor Aufregung, die Hände fest in die Hüften gestemmt. Die spitzen kleinen Dreiecke auf ihrem Kopf ließen sie noch kleiner und zarter erscheinen als sonst. Aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen dachte Lulu, sie sei unsichtbar, wenn sie die Katzenöhrchen trug. Sie miaute leise.

Stirnrunzelnd blickte Jolene sich um. »O nein … was ist mit meiner Lucy Lou geschehen? Wo ist sie denn bloß geblieben?« Mit dramatischen Gesten begann sie, das Zimmer abzusuchen, schaute hinter den Fernseher, unter den Sessel, hinter die Tür.

»Hier bin ich, Mommy!«, rief Lulu, schwenkte die Arme und kicherte.

»Oh, tatsächlich«, antwortete Jolene mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung. »Ich hab mir schon solche Sorgen gemacht.« Dann nahm sie Lulu auf den Arm und trug sie nach oben ins Badezimmer. Dort brauchte Lulu eine Ewigkeit, um sich die Zähne zu putzen und den Schlafanzug anzuziehen, aber Jolene wartete geduldig, denn sie wusste, dass ihre Jüngste einen starken Drang zur Unabhängigkeit besaß. Als Lulu endlich fertig war, legte Jolene sich zu ihr ins Bett, zog sie an sich und nahm Wo die wilden Kerle wohnen vom Regal und begann vorzulesen. Bis zum Ende war Lulu schon beinahe eingeschlafen.

Jolene küsste sie auf die Wange. »Gute Nacht, mein Kätzchen.«

»Gute Nacht, Mommy«, murmelte Lulu verschlafen.

Jetzt ging Jolene den Korridor hinunter zu Betsys Zimmer, klopfte, wartete kurz und ging hinein.

Betsy saß aufrecht im Bett, auf dem Schoß das Sozialkundebuch. Ihre glänzenden, weizenblonden Haare fielen ihr in Ringellocken über die nackten, dünnen Arme. Eines Tages würde Betsy ihre Porzellanhaut, die blonden Haare und braunen Augen bestimmt zu schätzen wissen, aber jetzt noch nicht, da glatte Haare in Mode waren und Pickel ihren Teint verunstalteten.

Jolene ging zu ihrer Tochter und setzte sich zu ihr auf die Bettkante. »Du könntest ein bisschen netter zu deiner Schwester sein.«

»Sie ist nervig.«

»Du manchmal auch.« Jolene sah, wie Betsys Augen groß wurden, und sie lächelte sanft. »Sind wir doch alle. So ist das nun mal mit der Familie. Und nebenbei bemerkt weiß ich ja, worum es wirklich geht.«

»Echt?«

»Ich habe gesehen, wie Sierra und Zoe dich heute Morgen behandelt haben.«

»Immer musst du mir nachspionieren«, sagte Betsy vorwurfsvoll, aber ihre Stimme brach.

»Ich hab dir nachgeschaut, als du zur Tür gegangen bist. Das kann man wohl kaum als Spionieren bezeichnen. Ihr drei wart letztes Jahr beste Freundinnen. Was ist passiert?«

»Gar nichts«, antwortete sie störrisch und presste die Lippen aufeinander, als wolle sie ihre Zahnklammer verstecken.

»Ich kann dir helfen, weißt du. Ich war auch mal zwölf.«

Betsy warf ihr den Spinnst du jetzt endgültig?-Blick zu, der sich im letzten Jahr eingebürgert hatte. »Das bezweifle ich.«

»Vielleicht solltest du dich nach der Schule mal mit Seth treffen. Denk doch mal daran, wie viel Spaß ihr früher zusammen hattet.«

»Seth ist komisch. Das finden alle.«

»Elizabeth Andrea, jetzt benimm dich mal nicht wie eine fiese Göre. Seth Flynn ist nicht komisch. Er ist der Sohn meiner besten Freundin. Wenn er lange Haare hat und … ein bisschen still ist – na und? Er ist dein Freund. Das solltest du nicht vergessen. Vielleicht brauchst du ihn eines Tages.«

»Ach, ist ja auch egal.«

Jolene seufzte. Das kannte sie alles. Ganz gleich, was sie jetzt noch fragte, sie würde aus Betsy nichts mehr herausbekommen. Ist ja auch egal bedeutete so viel wie Ende des Gesprächs.

»Okay.« Sie beugte sich vor und küsste Betsy auf die Stirn. »Ich hab dich lieb. Bis zum Mond und wieder zurück.«

Das war der Wahlspruch ihrer Familie, die Liebe zueinander komprimiert zu einem kurzen Satz. Sag es auch, Betsy, bitte.

Jolene wartete einen Moment länger, als sie beabsichtigt hatte, und ärgerte sich prompt über sich selbst, weil sie sich wider besseres Wissen Hoffnungen machte. Wieder einmal. Als Mutter einer Zwölfjährigen hatte man einiges zu verkraften. »Okay«, sagte sie schließlich und stand auf.

»Warum ist Dad eigentlich noch nicht zu Hause? Du hast doch Geburtstag.«

»Er müsste jeden Moment hier sein. Du weißt ja, wie viel er zurzeit zu tun hat.«

»Kommt er zum Gutenachtsagen noch hoch zu mir?«

»Na klar.«

Betsy nickte und wandte sich wieder ihrem Buch zu. Als Jolene schon an der Tür war, sagte sie: »Happy Birthday, Mom.«

Jolene lächelte. »Danke, Betsy. Auch für das schöne Tagebuch, das du mir geschenkt hast. Es ist einfach perfekt.«

Worauf Betsy tatsächlich lächelte.

Jolene ging nach unten in die Küche und räumte das letzte Geschirr ab. Das Abendessen – eine herzhafte, in Rotwein, Knoblauch und Thymian geschmorte Rinder-Querrippe – blubberte leise auf dem Herd und verbreitete seinen Duft im ganzen Haus. Die Mädchen mochten es nicht besonders gern, aber es war Michaels Lieblingsessen.

Sie schlang sich eine Decke um die Schultern, schenkte sich ein Glas Mineralwasser ein und ging nach draußen. Auf der Veranda setzte sie sich auf einen der abgenutzten Rattansessel, legte die nackten Füße auf das alte Tischchen und starrte hinaus in die vertraute Umgebung.

Ihr Zuhause.

Alles hatte angefangen, als sie Michael kennenlernte.

Sie konnte sich noch ganz deutlich daran erinnern.

Nach dem Tod ihrer Eltern hatte sie ein paar Tage darauf gewartet, dass jemand ihr helfen würde. Polizei, Psychologen, Lehrer. Sehr lange hatte es nicht gedauert, bis sie begriff, dass sie genau wie zu Lebzeiten ihrer Eltern auch jetzt, da sie tot waren, allein zurechtkommen musste. An einem verschneiten Mittwochmorgen erwachte sie früh, ignorierte die Kälte, die durch die dünnen Wände in ihr Zimmer drang, und zog ihre besten Sachen an – einen karierten Wollrock, einen Shetlandpullover, Kniestrümpfe und Slipper. Dazu ein breites blaues Haarband, das ihr die Haare aus dem Gesicht hielt.

Sie steckte das letzte Geld ein, das sie beim Babysitten verdient hatte, und machte sich auf den Weg nach Downtown Seattle. In der Rechtsberatungsstelle war sie Michael zum ersten Mal begegnet.

Dunkelhaarig, gut aussehend, so hatte er ihr mit seinem Lächeln buchstäblich den Atem geraubt. Sie folgte ihm in ein schäbiges kleines Büro und erklärte ihm ihr Problem.

»Ich bin siebzehn, in zwei Monaten werde ich achtzehn. Meine Eltern sind vor ein paar Tagen gestorben. Verkehrsunfall. Eine Sozialarbeiterin ist vorbeigekommen und hat gesagt, ich muss in einer Pflegefamilie wohnen, bis ich achtzehn bin. Aber ich brauche niemanden, schon gar keine Pseudofamilie. Bis Juni kann ich in meinem Haus wohnen, dann fordert die Bank es zurück, aber bis dahin bin ich fertig mit der Highschool, und ich kann … irgendetwas arbeiten. Können Sie bitte dafür sorgen, dass ich nicht in eine Pflegefamilie muss?«

Michael hatte sie aufmerksam und mit zusammengekniffenen Augen gemustert. »Aber dann wären Sie ganz allein.«

»Ich bin sowieso allein. Das ist eine Tatsache, keine Möglichkeit.«

Als er endlich sagte: »Gut, ich werde Ihnen helfen, Jolene«, hätte sie weinen können.

Innerhalb der nächsten Stunde erzählte sie ihm eine leicht geschönte Version ihrer Lebensgeschichte. Er erklärte ihr etwas vom Anwaltsgeheimnis, und dass sie ihm alles sagen könne, aber sie wusste es besser. Schon vor langer Zeit hatte sie gelernt, die Wahrheit für sich zu behalten, denn sobald die Leute herausfanden, dass sie mit alkoholkranken Eltern aufgewachsen war, verspürten sie unweigerlich Mitleid mit ihr, und das hasste sie. Sie hasste es, bemitleidet zu werden.

Als sie fertig waren und den Papierkram erledigt hatten, sagte Michael: »Kommen Sie in ein paar Jahren wieder, Jolene. Dann lade ich Sie zum Essen ein.«

Es dauerte sechs Jahre, bis sie den Weg zurück zu ihm fand. Inzwischen war sie Pilotin in der Army, und er arbeitete als Partner in der Anwaltsfirma seines Vaters. Sie hatten so gut wie keine Gemeinsamkeiten. Aber bei jenem ersten Treffen hatte sie etwas in ihm wahrgenommen, einen Idealismus, der sie zutiefst berührte, und ein Moralempfinden, das ihrem eigenen glich. Genau wie sie arbeitete auch Michael hart und besaß ein ausgeprägtes Pflichtbewusstsein. Wie versprochen hatte er sie zum Abendessen ausgeführt … und so hatte es angefangen.

Die Erinnerung brachte Jolene zum Lächeln.

In der Ferne erschienen Lichter am Ufer, goldene Punkte, Häuser in der Dunkelheit. Dünne Wolken zogen über den Mond hinweg; als sie wieder weg waren, schien er heller. Inzwischen war es Nacht geworden, es war ganz dunkel. Jolene blickte auf die Uhr. Halb neun.

Sie spürte einen Stich der Enttäuschung, schob ihn aber schnell beiseite. Bestimmt war etwas Wichtiges dazwischengekommen. So war das Leben eben manchmal. Es kam selten vor, dass alles perfekt lief. Irgendwann würde er schon kommen.

Aber …

In letzter Zeit hatte sie den Eindruck gehabt, dass ihre Differenzen ausgeprägter waren als das, was sie verband. Schon immer hatte Michael ihr Engagement für das Militär gehasst. Den aktiven Dienst hatte sie um seinetwillen verlassen und war in die National Guard gewechselt, aber das reichte Michael nicht. Von ihren Flügen, ihren Drill-Wochenenden oder auch von ihren Freunden aus dem Militär wollte er nichts wissen. Er war schon immer Militärgegner gewesen, und der Beginn des Kriegs im Irak hatte seine Meinung nur bestärkt und noch kritischer gemacht. Ihr einst freundschaftliches Schweigen hatte eine unbehagliche Note bekommen. Oft fühlte Jolene sich sehr einsam, weil sie mit Michael nicht über die Dinge reden konnte, die ihr wichtig waren. Für gewöhnlich schob sie solche Wahrheiten schnell wieder beiseite, aber an diesem Abend war es, als säßen sie plötzlich allesamt auf dem leeren Sessel neben ihr.

Schließlich stand sie auf und ging wieder ins Haus.

Zwanzig Uhr fünfzig.

Sie nahm den schweren gelben Deckel vom Bratentopf und starrte hinein. Von der Soße war schon viel zu viel eingekocht, an den Rändern färbte sie sich bereits schwarz. Als hinter ihr das Telefon klingelte, stürzte sie hektisch zum Apparat. »Hallo?«

»Hey, Jo. Tut mir leid, ich hab mich verspätet.«

»Verspätet warst du schon vor einer Stunde, Michael. Was ist denn passiert?«

»Sorry. Was soll ich sagen? Ich war so in die Arbeit vertieft, dass ich die Zeit vergessen habe.«

»Du hast unsere Verabredung vergessen«, sagte sie, und es wäre ihr lieber gewesen, es hätte nicht so wehgetan.

»Ich mach es wieder gut.«

Wie denn?, lag ihr auf der Zunge, aber was würde das bringen? Es würde doch alles nur noch schlimmer machen, und er wollte sie ja nicht verletzen. »Okay.«

»Ich versuche, ganz schnell zu kommen, aber …«

Jolene war froh, dass sie sich nur am Telefon unterhielten, so brauchte sie wenigstens nicht zu lächeln. Ihr ging durch den Kopf, dass er sich in letzter Zeit nicht wirklich bemüht hatte, dass ihm seine Familie – und seine Frau – anscheinend nicht mehr wichtig waren. Und dabei liebte sie ihn immer noch genauso sehr wie damals, als er sie zum ersten Mal geküsst hatte. Vor vielen Jahren.

Er braucht Zeit, dachte sie. Nächste Woche wird es bestimmt besser. Oder nächsten Monat. Er trauerte immer noch um seinen Vater. Dafür musste sie Verständnis zeigen.

»Happy Birthday«, sagte er.

»Danke.« Damit legte sie auf und setzte sich an den Küchentisch. In dem dunklen Raum mit ihren Familienfotos, Souvenirs und den alten Möbeln, die sie irgendwo gefunden und selbst aufgearbeitet hatte, fühlte Jolene sich auf einmal furchtbar allein. Hübsch zurechtgemacht saß sie hier in der Dunkelheit. Einsam und allein.

Es klopfte an die Tür. Noch bevor Jolene aufgestanden war, öffnete sich schon die Gartentür, und Tami kam herein, in der Hand eine Sektflasche. »Du bist ja allein«, stellte sie leise fest.

»Die Arbeit hat ihn aufgehalten«, antwortete Jolene.

»Das habe ich befürchtet.« Tami sah sie traurig an, und Jolene hasste das Gefühl, das in ihr aufkam. Doch dann lächelte Tami. »Tja, aber es ist nicht gut, ohne Gesellschaft einundvierzig zu werden«, sagte sie und schloss die Tür mit einem geschickten Fußtritt. »Außerdem bin ich scharf darauf zu sehen, ob du vor meinen Augen runzlig wirst wie Gary Oldman in Dracula.«

»Ich habe nicht vor, ausgerechnet heute zu verschrumpeln.«

»Man weiß nie.«

»Sekt?«, sagte Jolene und zog eine Augenbraue hoch.

»Der ist für mich. Ich hatte keine alkoholkranken Eltern. Du kannst wie immer dein Mineralwasser trinken.«

Spielend öffnete Tami die Sektflasche und füllte eins der Gläser, die Jolene aus dem Schrank geholt hatte. Dann ging sie ins Wohnzimmer, ließ sich aufs Sofa fallen und hob ihr Glas. »Auf dich, meine rapide alternde beste Freundin.«

Jolene folgte Tami. »Du bist nur ein paar Monate jünger als ich.«

»Wir Natives altern aber nicht. Das ist eine wissenschaftlich bewiesene Tatsache. Schau dir doch meine Mom an. Sie muss immer noch ihren Ausweis vorzeigen, um zu beweisen, dass sie volljährig ist.«

Jolene setzte sich auf einen der Polstersessel und zog die nackten Füße unter sich.

Die beiden Frauen sahen einander an. Beide erinnerten sich an ähnliche Abende, an Essenseinladungen und andere Events, die Michael verpasst hatte, weil er zu beschäftigt gewesen war. Jolene erzählte anderen Leuten – vor allem Tami – sehr gern, wie stolz sie auf ihren brillanten, erfolgreichen Mann war, und das entsprach durchaus der Wahrheit. Aber in letzter Zeit machte er einen unglücklichen Eindruck. Der Tod seines Vaters hatte ihn zutiefst erschüttert. Jolene wusste, dass er litt, aber nicht, wie sie ihm helfen konnte.

»Es verletzt dich doch bestimmt, dass er noch nicht zurück ist«, sagte Tami.

»Ja, es tut weh«, bestätigte Jolene leise.

»Du solltest mit ihm sprechen und ihm sagen, wie du dich fühlst«, sagte Tami.

»Und was würde das ändern? Er würde nur noch niedergeschlagener werden. So was kommt vor, Tami. Du kennst doch Michaels Arbeitsmoral, das ist eine der Eigenschaften, die ich an ihm liebe. Er drückt sich nie vor einer Verpflichtung.«

»Außer, es geht um die Familie«, sagte Tami leise.

»Er hat zurzeit echt viel zu tun. Seit dem Tod seines Vaters …«

»Ich weiß«, sagte Tami, »und ihr zwei redet auch darüber nicht. Genau genommen redet ihr überhaupt nicht richtig miteinander.«

»Doch, wir reden schon.«

Tami warf ihr einen prüfenden Blick zu. »In jeder Ehe gibt es harte Zeiten, und manchmal muss man sich aufraffen und für seine Liebe kämpfen. Das ist die einzige Chance, dass es wieder besser werden kann.«

Jolene musste an ihre Eltern denken, daran, wie ihre Mutter um die Liebe ihres Mannes gekämpft hatte … erfolglos. »Weißt du, Tami, mit unserer Ehe ist alles okay. Wir lieben uns. Können wir jetzt bitte über was anderes reden?«

Tami hob ihr halb volles Glas. »Auf dich. Dafür, dass du steinalt bist, siehst du wirklich großartig aus.«

»Ich sehe großartig aus, Punkt.«

Tami lachte und begann, eine lustige Familiengeschichte zu erzählen.

Wie im Flug verging die Zeit, und plötzlich war es zwanzig vor elf. Tami stellte ihr leeres Glas auf den Tisch. »Ich muss nach Hause, ich habe Carl versprochen, zu Letterman wieder da zu sein.«

Auch Jolene stand auf. »Danke, dass du gekommen bist, Tam. Genau das habe ich heute Abend gebraucht.«

Tami umarmte sie fest, und sie gingen eng umschlungen zur Gartentür.

Jolene sah ihrer Freundin nach, wie sie die Auffahrt zum Nachbargrundstück überquerte. Dann schloss sie die Tür.

Doch in der Stille war sie allein mit ihren Gedanken, und das war ihr ganz und gar nicht angenehm.

* * *

Es war Mitternacht, als Michael endlich in die Garage fuhr und neben Jolenes SUV parkte. Auf dem Beifahrersitz neben ihm lagen ein Dutzend in Cellophan verpackte rosa Rosen. Er war schon auf der Fähre gewesen, als ihm einfiel, dass Jolene lieber rote Rosen mochte. Natürlich. Zart und mädchenhaft war nicht ihr Ding, war es noch nie gewesen. Nicht einmal an jenem ersten, traurigen Tag, als sie in sein Leben trat.

Damals war sie siebzehn gewesen, ein Mädchen in billigen Secondhandklamotten, mit langen, zerzausten blonden Haaren, die schönen grünen Augen noch geschwollen vom Weinen. Dennoch war sie aufrecht, ihre schäbige Vinylhandtasche fest umklammert, ins Büro der Rechtsberatungsstelle marschiert. Michael hatte dort noch als Praktikant gearbeitet und gerade erst mit dem Jurastudium angefangen.

Jolene war ihm unfassbar mutig erschienen – ein junges Mädchen, das selbst in einer solchen Situation jede Hilfe ablehnte. Schon damals hatte er sich ein bisschen in Jolene verliebt, jedenfalls genug, dass er sich traute, ihr vorzuschlagen, wenn sie ein bisschen älter war, wiederzukommen und ihn zu besuchen. Von Anfang an hatte ihr Mut ihn beeindruckt, die Courage, die sie mit der gleichen Selbstverständlichkeit trug wie ihren billigen Acrylpullover.

Sechs Jahre später war sie dann tatsächlich wieder in sein Leben getreten, inzwischen eine Hubschrauberpilotin der Army. Ausgerechnet. Er war noch jung genug gewesen, um an die Liebe auf den ersten Blick zu glauben, aber auch alt genug, um zu wissen, dass so etwas nicht jeden Tag passierte. Also hatte er sich eingeredet, es spiele keine Rolle, dass es zwischen ihnen eigentlich keine Gemeinsamkeiten gab. Aber er hatte sich von ihr so rückhaltlos geliebt, fast vergöttert gefühlt, dass es ihm buchstäblich den Atem verschlug. Und der Sex war großartig – wie bei allem anderen war Jo auch dabei hundertprozentig präsent.

Jetzt nahm Michael nachdenklich die Rosen und die kleine Tiffany-Schachtel vom Beifahrersitz – würde ihn das teure Geschenk rehabilitieren? Jolene würde sehen, dass er sogar so rechtzeitig an ihren Geburtstag gedacht hatte, um etwas eingravieren zu lassen. Aber würde das genügen? Er hatte ihr Geburtstagsessen verpasst – vergessen.

Allein der Gedanke an die Szene, die ihm bevorstand, raubte ihm den Rest seiner Energie. Er würde seinen ganzen Charme ausspielen, um ihr ein Lächeln zu entlocken, er würde sie um Verzeihung bitten, und sie würde sofort einlenken und die ganze Geschichte mit der ihr eigenen Grazie und Leichtigkeit herunterspielen. Trotzdem würde er die Traurigkeit in ihren grünen Augen sehen, in ihrem Lächeln, das sich nicht richtig auf ihrem Gesicht ausbreitete, und er würde wissen, dass er sie wieder einmal enttäuscht hatte. Ihm fiel die Rolle des Bösewichts zu, daran bestand kein Zweifel, und das würde sie ihm unendliche Male mit kleinen Andeutungen unter die Nase reiben, bis er sie kaum noch anschauen konnte, sich im Bett von ihr wegdrehte, an die Wand starrte und sich ein anderes Leben ausmalte.

Er stieg aus und ging ins Haus. In der dunklen Küche fand er eine Vase für die Rosen und trug sie die Treppe hinauf.

In ihrem gemeinsamen Schlafzimmer brannte nur noch die kleine Zierlampe auf dem Schreibtisch am Fenster. Er stellte die Blumen auf die antike Kommode, ging ins Bad und machte sich bettfertig. Im Bett zog er die Daunendecke zur Brust hoch und starrte dann stumm in die Dunkelheit.

Früher hatte es ihn beruhigt, dem Atem seiner Frau zu lauschen, aber jetzt hinderte ihn jedes Geräusch von ihr am Einschlafen.

Er schloss die Augen und hoffte das Beste, aber er wusste schon, bevor er es versuchte, dass es Stunden dauern würde, bis er einschlafen würde, und auch dann nur rastlos, geplagt von Träumen von einem ungelebten Leben, einem Weg, den er nicht gegangen war.

Als er ein paar Stunden später wieder aufwachte, fühlte er sich, als hätte er überhaupt nicht geschlafen. Fahles Licht drang herein und ließ die salbeigrünen Wände so grau aussehen wie Treibholz. Die dunklen Holzböden verschluckten jedes Sonnenlicht, das durchs Fenster fiel.

Michael stützte sich auf die Ellbogen, fühlte, wie die Decke von seinem Brustkorb rutschte, und sah, dass Jolene wach neben ihm lag, die blonden Haare zerzaust, das blasse Gesicht ihm zugewandt.

Sofort erkannte er den Schmerz in ihren Augen.

»Es tut mir wirklich leid, Jo.« Er beugte sich zu ihr, küsste sie kurz und zog sich gleich wieder zurück. »Ich werde es wiedergutmachen.«

»Ich weiß. Es ist ja auch bloß ein Geburtstag. Wahrscheinlich hab ich das einfach zu hoch gehängt.«

Michael stand auf, holte die Tiffany-Schatulle von der Kommode und brachte sie zu ihr.

In diesem Moment fiel ihm ein, dass Jolene sich zum Geburtstag etwas von ihm gewünscht hatte, etwas Besonderes. Kein richtiges Geschenk, das war nicht ihre Art. Sie wünschte sich … was war es bloß gewesen? Michael konnte sich partout nicht mehr daran erinnern, aber er bemerkte das kurze Stirnrunzeln, als sie das Kästchen entgegennahm. Doch im Handumdrehen lächelte sie wieder.

»Tiffany, wow.« Sie setzte sich auf, stopfte sich die Kissen in den Rücken und öffnete die Schatulle. Darin lag auf einem weißen Lederpolster eine Armbanduhr aus Gold und Platin. Auf dem Zifferblatt glitzerte anstelle der Zwölf ein einzelner Diamant.

»Die ist ja wunderschön«. Sie drehte die Uhr um und las die Gravur auf der Rückseite: Für Jolene – herzliche Glückwünsche zum 41sten. »Einundvierzig«, sagte sie. »Wie die Zeit vergeht. Demnächst geht Betsy auf die Highschool.«

Michael wünschte, sie hätte diese Bemerkung nicht gemacht. Das Vergehen der Zeit war nicht sein Lieblingsthema, sondern vielmehr Teil seines Problems. Er war fünfundvierzig – im mittleren Alter, ganz gleich, nach welchem Maßstab. Bald war er fünfzig, und damit war jede Chance auf eine echte Veränderung verspielt. Und er hatte noch immer keine Ahnung, in welche Richtung er sich eigentlich verändern wollte. Er wusste nur, dass sein momentanes Leben ihn nicht mehr erfüllte.

Er setzte sich neben Jolene, sah sie an und spürte plötzlich, wie sehr er sie brauchte. Er wollte sich ihr gegenüber wieder so fühlen wie früher. »Wie bist du damit zurechtgekommen … mit dem Tod deiner Eltern? Ich meine, du musstest doch dein Leben von jetzt auf gleich komplett ändern.«

Er sah sie zusammenzucken, und sie wandte sich ein bisschen von ihm ab. Die Frage schien ein Schlag zu sein, der von ihrer Schulter abprallte, aber wehtat. Doch als sie ihn wieder ansah, lächelte sie. »Was dich nicht umbringt, macht dich stärker. Vermutlich habe ich mich mal wieder dafür entschieden, glücklich zu sein.«

Michael seufzte. Immer diese Binsenweisheiten. Plötzlich war er wieder sehr müde. »Ich mache Frühstück, bringe es dir ans Bett, und wenn du fertig bist, können wir vielleicht alle zusammen eine kleine Radtour planen.«

Sie stellte die Schmuckschatulle auf den Nachttisch, ohne die Uhr herauszunehmen. »Heute Abend findet meine Geburtstagsparty statt, im Haus von Captain Lomand. Du hast gesagt, du kommst vielleicht mit.«

Das war ihr Wunsch gewesen! Kein Wunder, dass er es vergessen hatte. »Ich habe mit diesen Leuten keinerlei Gemeinsamkeiten, das weißt du doch.« Er stand auf, ging zur Kommode hinüber und öffnete die oberste Schublade.

»Aber ich bin eine von diesen Leuten«, erwiderte sie, und schon waren sie bei ihrem wohlvertrauten, schwierigen Gesprächsthema. »Das ist eine Party extra für mich, du könntest doch ausnahmsweise mitkommen, nur dieses eine Mal.«

Er wandte sich ihr zu. »Wie wäre es, wenn wir morgen Abend zusammen essen? Wir alle vier. Bei dem Italiener, den du so magst.«

Jolene seufzte, und Michael wusste, dass sie überlegte, dieser uralten Diskussion ein weiteres Argument hinzuzufügen. Sie wollte, dass er Teil ihres Militärlebens wurde – das hatte sie schon immer gewollt, aber er brachte es nicht über sich, er konnte die rigide Welt des »einer für alle und alle für einen« nicht ausstehen.

»Okay«, sagte sie schließlich. »Danke für die Uhr. Sie ist sehr schön.«

»Gern geschehen.«

Sie starrten einander an. Das Schweigen ballte sich in der Luft, wurde bitter und schwer. Irgendwann mussten diese Dinge, die sie beide zurückhielten, ausgesprochen werden, das wusste Michael. Worte und Gefühle hatten sich viel zu lange aufgestaut. Doch wenn er ihnen jetzt freien Lauf ließ, gab es kein Zurück mehr.

Später am Nachmittag spazierte Tami in Jolenes Küche, in der Hand eine mit Folie bedeckte Auflaufform. »Na?« fragte sie und schloss mit einem Fußtritt die Tür hinter sich.

Jolene warf einen Blick ins Wohnzimmer, um sich zu vergewissern, dass die Kinder nicht in der Nähe waren.

»Es tut ihm echt leid«, antwortete sie auf Tamis unausgesprochene Frage. »Er hat mir Rosen und eine wunderschöne Uhr mitgebracht.«

»Dabei ist er doch derjenige, der eine Uhr braucht«, meinte Tami trocken und zuckte, als Jolene sie tadelnd ansah, mit den Achseln. »Ich meine ja nur.«

»Okay«, gab Jolene versöhnlich zurück. »Und ich hab ihn gefragt, ob er mit zur Party kommt, aber er will nicht.«

»Das tut mir leid«, sagte Tami.