Fontane wandert wieder - Andreas Koehler - E-Book

Fontane wandert wieder E-Book

Andreas Koehler

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Beschreibung

Was passiert, wenn Theodor Fontane heute durch Brandenburg wandert? Er trifft nicht auf Schlösser, sondern auf Plattenbauten. Nicht auf märkische Seenidylle, sondern auf Spuren des Klimawandels, auf Geflüchtete, Gründer und gebrochene Geschichten. Doch bleibt er sich treu: genau beobachtend, ironisch, feinfühlig. "Fontane wandert wieder" ist kein klassischer Reisebericht, sondern ein literarisches Experiment. Der große märkische Chronist streift durch Berlin und Brandenburg im 21. Jahrhundert - und begegnet einer Gegenwart voller Brüche, Widersprüche und unerwarteter Parallelen zur Vergangenheit. Eine ungewöhnliche Zeitreise für alle, die Brandenburg mit neuen Augen sehen wollen: literarisch, nachdenklich, mit leisem Humor - und dem Blick für das, was bleibt.

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Seitenzahl: 266

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Für all jene, die mir auf meinen Wanderungen begegneten, die Orte, die Menschen, die Geschichten. Denn sie haben Fontanes Schritte begleitet, und so auch meine.

Vor allem aber für Karin, die nicht nur jede Wanderung mitmachen musste, sondern geduldig ertragen hat, jede neue Seite vorgelesen zu bekommen.

Und für Apollo, dessen neugierige Nase mich gelehrt hat, die Welt genauer zu betrachten.

Inhaltsverzeichnis

EIN WORT VORWEG

Abschied

Der erste Schritt

RUPPINER SEE

Neuruppin

Fehrbellin

Linum

Wustrau

Altfriesack

Gnewikow

Wuthenow

RUPPINER LAND

Bombodrom

Rheinsberg

Tucholsky

Schloss

Stechlin

Ein anderer Weg

Ravensbrück

SCHORFHEIDE

Unterwegs

Joachimsthal

Grimmnitzsee

Werbellinsee

Hubertusstock

Wolf

Wandlung

Solar Explorer

Wildpark

Regen

Luftfahrt

Goldenes M

Eberswalde

MÄRKISCHE SCHWEIZ

Herbst

Schweigen

Pflaster

Brecht

Schafe

ODERLAND

Neuhardenberg

Vor dem Sturm

Höhen

Langzeit

Offenheit

Markt

Ruine

Wunde

Oderblick

Horizont

FRANKFURT

Viadrina

Zwischenton

Grenzstadt

Kleist

Route

Stadtbild

SCHLAUBETAL

Müllrose

Schlaube

Widersprüche

EISENHÜTTENSTADT

Utopie

Konstrukt

Lunik

EFFI

Kathedrale

Knattern

BERLIN I

Kein Deal

Ankunft

Galerie

Neuland

Bethanien

Kontraste

Debatte

Reichstag

Mahnmal

BERLIN II

Grenze

Zwiesprache

Wege und Wendungen

Entführt

Treiben

Echos

Rückkehr

EPILOG

EIN WORT VORWEG

Ob man heute noch reisen sollte, so fragst du, reisen in der Mark? Die Antwort darauf ist nicht einfach. Und doch würde es mir nicht anstehen, sie zu umgehen oder gar ein „Nein“ zu sagen. Also denn: „Ja“. Aber ein „Ja“ unter Vorbedingungen.

Schon damals, als ich diese Landschaft zum ersten Mal durchstreifte, schien sie mir keine von jener Art, die sich dem flüchtigen Blick öffnet. Nein, die Mark verlangte – wie ich es einst formulierte – Liebe zu Land und Leuten, mindestens aber keine Voreingenommenheit. Wer durch märkischen Sand wandert, darf nicht nach üppigem Grün verlangen, sondern muss den stillen Glanz im Kargen suchen. Ich habe geglaubt, sie gut zu kennen, diese Mark, als ich ihr einst meine Bücher widmete. Doch heute, viele Jahre später, weiß ich: Die Mark ist nicht vergangen, sie hat sich nur neu gekleidet. Die Sommer scheinen länger, die Winter milder, und an den Ufern der Seen, wo einst das Eis knisternd brach, dehnen sich nun Schilfgürtel aus, als hätten sie mehr Raum zu atmen.

Erstens braucht es Geduld. Die Mark ist nicht laut, nicht schrill. Ihre Geschichten entfalten sich nicht auf den ersten Blick, sondern offenbaren sich dem, der verweilt und genau hinsieht. Die Spuren der Geschichte sind da, aber oft unscheinbar – ein alter Torbogen in Neuruppin, das leise Wispern der Pappeln in Linum, ein verfallenes Gutshaus in Wustrau, das sich der Zeit entzieht, ohne sie zu verleugnen. In Frankfurt glitzern Plattenbauten in der Sonne, ein Nachhall vergangener Tage, die sich in Wäscheleinen und Blumen auf den Fensterbänken spiegeln. Doch auch die Natur spricht anders, nicht mehr in Jahreszeiten, sondern in Wetterlaunen – als sei selbst der märkische Himmel rastloser geworden.

Zweitens bedarf es einer gewissen Neugier. Denn wer nur von einem Ort zum nächsten eilt, wird vieles übersehen, was sich im Verborgenen hält. Es sind die kleinen Dinge, die zählen: der alte Mann im Café, der von der Freien Heide erzählt, die junge Ukrainerin im Zug, deren Augen sehnsüchtig gen Osten blicken, oder das murmelnde Wasser am Gnewikower Ufer, das Geschichten flüstert, die ich einst zu Papier brachte. Wer jedoch nur auf der Suche nach dem schönsten Motiv für das eigene Gerät ist, der wird die Mark nur flüchtig begreifen, wie ein Bild, das man in der Hast aufnimmt und gleich wieder vergisst. Das wahre Gesicht der Mark zeigt sich nicht in Filtern und Perspektiven – es braucht Zeit, um es zu sehen, und Muße, um es zu verstehen.

Drittens darf dem Wanderer der Glaube an das Verbindende nicht fehlen. Die Mark Brandenburg mag sich gewandelt haben, doch ihr Geist lebt fort. Man spürt ihn auf den Brücken über die Oder, in den Alleen, die sich noch immer hartnäckig durch das Land ziehen, und in den Dörfern, die den Wandel der Zeit mit stoischer Ruhe ertragen. Grenzen sind gefallen, aber nicht alle in den Köpfen – das leise Raunen der Geschichte hallt nach, wenn man auf der Oderbrücke steht und den Wind aus Polen spürt. In Küstrin, dort wo der Rheinländer und der Pole sich die Hand geben, und in den Mauern von Eisenhüttenstadt, wo der sozialistische Gedanke in Beton gegossen wurde.

Viertens schließlich ist ein feiner Sinn für das Unscheinbare vonnöten. Es sind oft die kleinen Szenen abseits der großen Straßen, die das Wesen der Mark einfangen: der Reiher, der stumm auf den morschen Pfeilern der alten Schleuse steht, der Wind, der durch die Heidelandschaft der Freien Heide zieht, oder die Kinder von Golzow, deren Gesichter in mir Erinnerungen weckten an eine Vergangenheit, die nicht vergehen will.

Fünftens – und das ist das Wichtigste – braucht es die Bereitschaft, sich selbst zurückzunehmen. Die Mark erzählt ihre Geschichten nicht, sie flüstert sie. Man muss lauschen, sich Zeit nehmen, stehen bleiben, wenn der Wind das Gras bewegt oder der Nebel über dem Rhinluch aufsteigt. Wer zu laut fragt, der wird keine Antwort bekommen. So wie in Ravensbrück, wo das Schweigen schwerer wog als jedes Wort.

Wer mit dieser Ausrüstung die Mark durchstreift, wird mehr finden als nur Landschaften. Er wird Geschichten finden, wo er sie nicht vermutet hätte, und Erinnerungen wecken, die längst verschollen schienen. Er wird erkennen, dass Geschichte nicht vergangen ist, sondern weiterlebt – in den Gesichtern der Menschen, in den alten Mauern und in den leisen Stimmen derer, die sich erinnern.

Und so möge der Wanderer sich wieder aufmachen. Denn die Mark erzählt noch immer ihre Geschichte. Man muss nur bereit sein, zuzuhören.

Abschied

Die Jahre, sie kamen und gingen – und auch ich ging. Berlin, 20. September 1898. Mein letzter Atemzug, in der Stille eines Spätsommermorgens. Ich hatte geschrieben, beobachtet, gewandert. Was blieb, war Nachhall – und die Hoffnung, dass man sich meiner nicht allzu verwässert erinnern würde.

Die letzten Jahre meines Lebens waren still. Keine großen Szenen, kein dramatisches Ende. Ein langsames, gelassenes Hinausgleiten – wie ein Kahn, der sich vom Ufer löst. Es war ein gutes Leben. Eines mit Rückschlägen, mit Krankheit, mit Zweifeln – auch mit manchem Ärger im Verlag. Aber auch mit Kindern, mit Liebe, mit Spreewasser an den Schuhen und märkischem Wind im Haar.

Emilie – meine Frau, der stille Mittelpunkt. Unser Leben war kein Roman, aber es hatte Tiefe. Es waren nicht die großen Gesten, die uns verbanden, sondern das stille Verstehen. Ein Blick, ein Lächeln, ein stiller Abend. Sie ging durch die Räume unseres Berliner Heims, ordnend und behutsam, wie sie es immer getan hatte. Diese beständige Gegenwart machte unser Zuhause aus, nicht die Wände, sondern das gemeinsame Leben, das sie mit so ruhiger Hand lenkte.

Ich erinnere mich an einen dieser stillen Augenblicke: Es war nach der Veröffentlichung des Stechlin. Erschöpft saß ich in meinem Arbeitszimmer, von einer leisen Zufriedenheit erfüllt. Emilie trat hinzu, legte nur ihre Hand auf meine Schulter – keine Worte, nur diese zarte Geste, die mehr sagte, als Worte je gekonnt hätten. In diesem Augenblick verflogen alle Spannungen. Es war, als hätte sie verstanden, ohne dass ich etwas sagen musste.

Auch meine Kinder trugen sich durch die Jahre meiner Erinnerung:

George, mein Erstgeborener, der vor mir aus dem Leben schied, blieb mir fremd und doch verbunden. Sein Weg war ein anderer, aber er trug etwas von mir in sich, still und eigensinnig. Theo, das kluge Kind, dem ich nicht immer gerecht wurde, entfernte sich mit jedem Jahr, entschlossen, unbeirrbar. Und doch verband uns ein unausgesprochenes Band, eine stumme Achtung.

Martha, unsere Mete, war mir am nächsten. Ihre stille Melancholie spiegelte meine eigene. In unseren Gesprächen fanden sich zwei Seelen, die denselben Klang hörten.

Und Friedel, unser Jüngster, blieb mir ein Rätsel. Er zog sich zurück, ging eigene Wege. Zwischen uns blieb nur das Wissen: Liebe muss manchmal loslassen, ohne Gewissheit auf Wiederkehr.

Theo, Mete und Friedel waren längst erwachsen, als mein Leben zur Neige ging. Ich sah sie ihre eigenen Wege gehen. Nicht immer in meinem Sinne, aber in dem ihren. Am Ende blieb mir die Einsicht: Sie zu lieben heißt nicht, sie zu lenken, sondern sie zu verstehen. Mit all ihren Ecken und Kanten, ihren Hoffnungen und ihren Brüchen.

Mein Werk? Ich weiß nicht. Ich war kein Goethe, kein Schiller. Aber ich habe erzählt, was ich sah. Ohne zu drängen. Ohne Pathos. Ich habe geschaut. Und geschrieben. Das Leben, wie es ist, nicht wie es sein sollte.

Am Ende war da nur noch mein Schreibtisch, der Tee, der Blick aus dem Fenster. Und das Gefühl: Es ist genug. Ich war zur Ruhe gekommen. Nicht unglücklich – aber müde. Ich starb leise. Kein letztes Wort für die Ewigkeit. Kein dramatisches Finale. Ich war einfach fort.

Beigesetzt wurde ich auf dem Friedhof II der Französischen Gemeinde in Berlin. Der Ort – damals still und fast unscheinbar – lag später, Jahrzehnte später, mitten im Todesstreifen. Zwischen Beton, zwischen Wachtürmen und Niemandsland. Mein Grab, so sagt man, war fast vergessen. Verloren zwischen den Grenzen. Doch es blieb. Wie so manches andere auch.

Dann, im Sommer 1907: das Denkmal. Ich, aus Bronze gegossen, sitzend in Neuruppin, der Stadt meiner Kindheit, als sei ich nie gegangen. Ein Geschenk der Nachwelt, errichtet mit bürgerlichem Ernst, feierlich enthüllt. Ich danke, verharre – und beginne zu lauschen.

Denn wer sitzt, hört viel.

Der erste Schritt

Ich saß. Jahrelang. Jahrzehntelang. Auf einem Stuhl aus Bronze, in einer Pose, die wohl als nachdenklich galt. Die Hand am Notizbuch, der Blick ins Unbestimmte. In Wahrheit war er nach innen gerichtet – dorthin, wo Erinnerung, Beobachtung und Empfinden ineinander übergehen.

Ich saß dort, als das Kaiserreich fiel. Ich saß, als die neue Republik heraufdämmerte. Ich saß, als das Land sich verlor – im Schwarz, im Rot, im Braun. Ich saß, als die Bomben fielen, als Trümmerfrauen Steine stapelten. Ich saß, als Mauern gebaut wurden, die keine waren – und doch alles trennten.

Ich hörte vieles. Reden. Rufe. Glocken. Panzerketten. Das leise Weinen jener, die sich fragten, wohin mit ihren Toten. Und später das Gelächter der Kinder, das Summen der Fahrräder, das Klingeln der Eisverkäufer. Die Welt veränderte sich und ich blieb – wortlos, mit offenen Augen.

Lange hatte ich gedacht: Das ist mein Schicksal. Ich bin das Denkmal. Der Bronze-Mann. Der Beobachter ohne Stimme. Ich hatte mich damit abgefunden, wie man sich mit einem alten Mantel abfindet, der zwar kratzt, aber wärmt.

Doch dann kam jener Morgen.

Ein Herbstmorgen, wie aus einem meiner Bücher: feiner Nebel über dem See, das Laub an den Zweigen schon matt getönt, das Vogelgezwitscher leiser geworden, als lauschten auch sie dem langsamen Abschied des Jahres.

Etwas rührte sich in mir. Es war kein Gedanke, keine Stimme, keine Eingebung von außen. Es war schlicht: der Wunsch zu gehen.

Nicht zu fliehen. Nicht zu revoltieren. Nur zu gehen. Zu sehen. Noch einmal den märkischen Sand unter den Schuhen zu spüren. Noch einmal Fragen zu stellen – nicht als Mahner, sondern als Wanderer unter anderen.

Und da geschah es. Kein Blitz. Kein Wunder. Nur ein leichtes Knirschen im Metall – wie bei einem alten Uhrwerk, das nach langer Zeit wieder in Gang kommt. Ich bewegte den rechten Fuß. Dann den linken.

Ich stand auf.

Ein älterer Herr, der gerade die Straße überquerte, blieb abrupt stehen und starrte mich an. Seine Einkaufstasche schwang leicht gegen sein Bein. Ich nickte ihm höflich zu – ein Reflex aus alten Tagen – und ging. Einfach so.

Niemand rief „Halt!“. Kein Posaunenton aus dem Rathaus. Nur das Rascheln des Windes durch das Schilf. Die Möwe über dem Ruppiner See. Das vertraute Geräusch meiner Schritte auf Pflasterstein.

Ich lief durch Neuruppin ohne Ziel. Nur mit einem Wunsch: zu gehen, solange mich die Füße trugen. Nicht wie einst mit Reiseschreibzeug und Pelzkragen, sondern leichter. Mit dem Gepäck des Erlebten, mit Erinnerungen im Mantel. Ich wollte sehen, wie es meinem Land geht. Meinen Leuten. Meinen Wörtern.

Und so wandere ich nun – nicht als Gespenst, nicht als Schatten – sondern als Wanderer unter vielen. Auf märkischem Sand, durch Städte und Dörfer, durch Geschichte und Gegenwart. Und erzähle, was ich sehe.

Dies ist mein zweites Leben. Vielleicht mein wichtigstes.

RUPPINER SEE

Neuruppin

Ich verließ den Fontaneplatz, auf dem ich so lange gesessen hatte, ohne mich umzublicken. Nicht aus Stolz, eher aus einer leisen Furcht, etwas verloren zu haben, das man ohnehin nicht festhalten kann. Neuruppin lag vor mir, altvertraut und fremd zugleich – wie ein Satz, den man einst selbst geschrieben hat, und der nun aus fremden Mündern weiterlebt.

Die Stadt hatte sich verändert. Nicht radikal, nicht überstürzt – aber doch spürbar. Die alten Fassaden standen noch, viele von ihnen neu gestrichen, mit Fenstern, die das Licht nicht mehr brechen, sondern spiegeln. Die Linden an der Allee hatten sich kaum verändert. Nur ihr Rascheln klang nun anders – oder war es mein Ohr, das anders hörte?

Ich ging durch Straßen, die sich wie Erinnerungen anfühlten. Da ein Café, wo früher ein Kolonialwarenladen stand. Dort ein Parkplatz, wo einst Kinder ihre Schulranzen schwangen. Und immer wieder diese leisen Verschiebungen: ein anderes Material, ein neuer Geruch, ein anderer Rhythmus, ein Klang, der fehlt. Es war, als hätte jemand das alte Bild nachgezeichnet – mit ruhiger Hand, aber einer anderen Farbpalette.

Ich bog in eine stille Seitenstraße ein. Dort stand es noch immer – das Haus, in dem ich geboren wurde. Es wirkte fast schüchtern zwischen den anderen Gebäuden, als fürchte es, zu stören. Ich blieb stehen. Das Tor war neu, der Putz heller als früher, doch das Dach, die Fensterläden, die Proportionen – sie waren vertraut. Keine Rührung, kein großer Augenblick, eher eine stille Dankbarkeit. Dafür, dass es geblieben war.

Und dann war da die Erinnerung an meinen Vater. Ich hörte wieder sein Klopfen an meiner Tür, ungeduldig, energisch, wenn ich mich in Gedanken verlor. Ein Apotheker mit Leidenschaft und Zorn, mit einem Herzen, das größer war, als er selbst es wusste. Er war mir Vorbild und Bürde zugleich. Von ihm hatte ich den Drang zur Genauigkeit, aber auch die Rastlosigkeit geerbt. Manches in mir war ihm näher, als mir lieb war.

Vor der Klosterkirche hielt ich inne. Ich kannte sie seit meiner Kindheit, dieser kühle Raum voller Geschichte, voller Schweigen. Nun stand dort ein Schild: Gedenkstätte. Worte, die versuchen, dem Unaussprechlichen einen Ort zu geben. Ich trat nicht ein – ich wusste, was mich erwartete. Manches muss man aus der Ferne betrachten, um nicht zu viel zu zerstören.

Am See war mehr Betrieb als früher. Fahrräder, Jogger, flüchtige Gespräche. Zwei junge Männer diskutierten. Der eine wollte nach Berlin, der andere hierbleiben. Ihre Stimmen trugen weit über das Wasser, und ich hörte in ihnen denselben Zwiespalt, den ich einst in mir getragen hatte: Aufbruch oder Bleiben, Ferne oder Heimat. Keine Frage, die sich je endgültig beantworten lässt.

Ein alter Mann saß auf einer Bank, ein Buch auf dem Schoß – „Effi Briest“. Ich fragte ihn leise, ob er Fontane möge. Er lächelte nur. In diesem Lächeln lag mehr Antwort, als Worte je hätten sagen können. Das war es wohl, was blieb: nicht der Ruhm, nicht die Denkmäler, sondern ein stilles Einverständnis zwischen Leser und Wort.

Ich betrat das Museum, das meinen Namen trägt. Es war still dort, fast zu still. Mein Gesicht auf Plakaten, meine Bücher hinter Glas. Erinnerungen an ein Leben, das sich nun in Vitrinen entfaltet. Und doch: kein Schmerz, kein Stolz. Eher eine leise Verwunderung darüber, dass die Vergangenheit so geduldig aufbewahrt werden kann.

Ein Federhalter lag dort, wie der, den ich einst benutzte. Daneben ein Zitat von mir, in sauberer Schrift. Ich konnte mich kaum erinnern, es geschrieben zu haben – und doch klang es wie ich. Seltsam, sich selbst so wiederzubegegnen. Nicht als Mensch, sondern als Satz.

Ich verließ das Museum, ging weiter Richtung Ruppiner See. Zwei Schwäne glitten über das Wasser, so ruhig, als hätten sie die Zeit begriffen. Ich dachte an Emilie. An ihre Geduld, an ihr leises „Theo“, das mehr Halt bedeutete als alle Verse. Ich hätte es ihr öfter sagen sollen: dass sie das Gleichgewicht in meinem unsteten Leben war.

Ein kleines Mädchen sah mich an und fragte: „Wer war das?“ Die Mutter antwortete: „Ein Dichter.“ Mehr nicht. Mehr braucht es auch nicht.

Ich wanderte weiter, die Straßen entlang, durch die vertrauten Gassen. Schließlich trat ich auf den Kirchplatz hinter St. Marien. Dort stand er, der große Karl Friedrich Schinkel – aufrecht, unbewegt, wie immer. Und doch, als ich näherkam, meinte ich einen Anflug von Leben in seinem steinernen Gesicht zu erkennen.

„Schinkel,“ sagte ich leise. „Was hast du gesehen, all die Jahre?“

Zu meiner Überraschung antwortete er. Nicht laut, nicht theatralisch – eher wie jemand, der lange geschwiegen hat und nun vorsichtig Worte findet. „Mehr, als mir lieb ist. Deine Welt, Fontane, ist längst vergangen. Die meine auch. Und doch stehen wir beide noch hier. Ist das ein Trost?“

„Ich weiß es nicht. Ich frage mich oft, ob das, was bleibt, wirklich das Wesentliche ist.“

Er lächelte schwach. „Die Städte wurden verwundet, immer wieder. Sie haben sich neue Haut über die alten Narben gezogen. Ich erkenne manches wieder – aber oft nur am Grundriss.“

„Und die Architektur?“ fragte ich. „Wie schaust du auf das, was heute gebaut wird?“

„Mit gemischtem Herzen,“ sagte er. „Klarheit, Zweckmäßigkeit – das verstand ich. Aber oft fehlt mir heute das Maß. Nicht die Größe, sondern das Menschliche.“

Ich nickte. „Sie bauen für die Masse und vergessen den Einzelnen.“

„Ja. Und doch: Auch in der neuen Welt liegt Schönheit. Man muss nur anders hinschauen.“

Wir schwiegen einen Moment. Die Stadt um uns war leise, als hörte sie zu.

„Und die Menschen?“ fragte ich. „Haben sie das Staunen verlernt?“

„Nein,“ sagte Schinkel. „Aber sie eilen. Es ist schwer, zu staunen, wenn man sich selbst dauernd überholt.“

Ich verbeugte mich leicht. „Danke, alter Freund.“

„Wandere weiter, Fontane,“ sagte er. „Manches sieht man nur im Gehen.“

Ich ging weiter, hinaus aus der Stadt, durch ein Viertel, das sich unmerklich verändert hatte. Mein Weg führte mich am alten Anstaltsfriedhof vorbei – einem stillen, beinahe vergessenen Ort. Die kleinen, schlichten Steine ragten kaum über das Gras hinaus. Viele trugen keine Namen. Nur Zahlen. Hier ruhen Menschen, die einst an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden, deren Leben als unwert galt.

Ich hielt inne. Der Ort sprach nicht laut, aber eindringlich. Die Geschichte, die sich hier eingeschrieben hatte, war eine, die sich nicht erzählen ließ, ohne zu verstummen. Ich erinnerte mich, wie ich einst mit leichtem Schritt durch die märkischen Landschaften wanderte, neugierig, offen, bereit zu beschreiben. Heute stand ich da – mit gesenktem Blick – und wusste: Es gibt Dinge, über die kein Satz hinwegkommt.

Dann setzte ich meinen Weg fort, vorbei an Plattenbauten, die wie Nachsätze einer anderen Zeit wirkten. Funktional, grau, ohne Anmaßung. Und doch spürte ich, dass sie nicht für das Auge gebaut waren, sondern für das Überleben. Schinkel hätte das verstanden – und widersprochen.

Am Aldi blieb ich kurz stehen. Nicht aus Spott, sondern aus Neugier. Ich trat ein. Alles war hell, sortiert, übersichtlich. Und doch fehlte etwas. Vielleicht das Persönliche – oder das Unerwartete. Oder auch nur der Geruch von echter Seife.

Ich ging weiter, den See entlang, ohne ihn wirklich zu erreichen. Zäune, Gebüsch, Grundstücke. Die Landschaft war geblieben, aber sie hatte sich zurückgezogen. Früher war der See für alle da. Jetzt war er still, verborgen – wie eine Erinnerung, die nicht mehr geteilt werden will.

An einer Weggabelung zögerte ich. Wustrau oder Fehrbellin? Ich wählte den Pfad nach Fehrbellin. Nicht aus Gründen, sondern aus Neigung. Ich wollte nicht ankommen. Ich wollte gehen. Und mit jedem Schritt spürte ich, dass ich wieder der war, der ich immer gewesen bin: ein Wanderer zwischen Wörtern und Wegen.

Fehrbellin

Ich kam am späten Vormittag nach Fehrbellin. Die Stadt lag still in der Sonne, wie ein Buch, das niemand mehr aufschlägt, dessen Seiten sich aber beim leisesten Windhauch regen. Ein paar zerzauste Wolken hingen am Himmel wie Gedanken, die sich nicht vertreiben lassen. Ich trat durch die Gassen wie durch einen leeren Festsaal – etwas blieb von dem, was einmal gesprochen wurde, doch keiner griff es auf.

Fehrbellin. Wer diesen Namen hört, denkt an den Großen Kurfürsten, an das Jahr 1675, an jenes erste preußische Aufrichten im Wind der Geschichte. Ich hatte darüber geschrieben. Damals mit Inbrunst. Heute aber wirkte alles wie mit feinem märkischem Sand bedeckt. Sanft, aber entschieden.

Ich setzte mich auf eine Bank vor der Kirche. Die Mauer war warm, der Putz leicht bröckelig. Vor mir erhob sich das ehrwürdige Bauwerk – Backstein, klare Gliederung, zurückhaltende gotische Formen. Der Turm, selbstbewusst in seiner Höhe, wurde einst von Friedrich August Stüler entworfen, dem Schüler Schinkels. Er hatte der Kirche nicht nur Gestalt gegeben, sondern eine Handschrift hinterlassen: nüchtern, fest, und doch mit einem Sinn für die leise Erhabenheit, die zur Mark gehört.

Drinnen war es kühl. Ein altes Ehepaar ging langsam durch das Kirchenschiff, stützte sich gegenseitig, als hätten sie den Großen Kurfürsten persönlich gekannt. Ihre Schritte hallten leise wider, begleitet vom sanften Klicken eines Gehstockes. Sie blieben kurz vor einem der Gedenksteine stehen, flüsterten miteinander, dann schwiegen sie – ein Schweigen, das mehr Ehrfurcht trug als viele Worte. Ich trat näher. Ein Gedenkstein, ein paar Namen, ein stilisiertes Schwert. Ich betrachtete die Inschrift und fragte mich, was diese Worte heute noch bedeuteten – in einer Welt, die längst andere Kriege kennt.

Ich verließ die Kirche und wanderte durch die Straßen, kam vorbei am Gebäude der alten Post, heute ein Wohnhaus. Still steht es da, mit seinem gelblichen Putz, den hohen Fenstern und dem leicht geschwungenen Dach – als harre es eines Zeichens aus längst vergangener Zeit. Einst war die alte Post das Tor zur weiten Welt. Hier kamen die Briefe aus Berlin an, die Kutschen aus Potsdam, hier versammelten sich Menschen, um Nachricht zu erhalten oder auf Reisen zu gehen. Ich erinnerte mich an einen Herbstmorgen, neblig und feucht, an eine Kutschfahrt von Neuruppin nach Fehrbellin. Der Postillon, ein Mann mit ernster Miene, die Mütze tief ins Gesicht gezogen. Die Pferde dampften, die Gespräche waren lebendig, das Tempo geduldig. Ich saß auf der Rückbank, hörte den Geschichten eines jungen Kaufmanns zu, dem Lachen einer älteren Dame – und dem leisen Schlagen meines eigenen Herzens, das sich auf alles freute, was noch kommen mochte.

Heute steht die Tür still, kein Horn verkündet mehr die Ankunft. Die Fensterläden sind geschlossen. Doch das Haus bewahrt seine Erinnerung. Es trägt sie wie ein alter Mantel, der nie ganz aus der Mode kommt. Und während ich vorbeiging, spürte ich: Auch wenn es jetzt anders genutzt wird – es war einmal ein Ort voller Bedeutung. Was bleibt, ist nicht die Funktion, sondern die Stimmung. Nicht die Post, sondern das Ankommen.

Weiter ging ich. Der Bahnhof, einst die Station der Pauline – jener zierlichen Kleinbahn, die in gemächlichem Tempo durch die Mark tuckerte –, ist heute ein Gasthof. Er hatte seine ursprüngliche Funktion verloren, aber nicht seine Ausstrahlung. Die Schienen waren noch da, unter Glas bewahrt wie Fossilien der Bewegung. Die Fassade wirkte gepflegt, ohne ihre Vergangenheit zu verleugnen. Holz, roter Backstein, das vergilbte Schild über der Tür.

Drinnen roch es nach Kaffee und altem Mobiliar. In der Schalterhalle standen noch die alten Holzbänke, poliert von Generationen wartender Fahrgäste. Kein Lautsprecher, kein Zuganzeiger – nur das gemurmelte Gespräch zweier Gäste, das Klirren von Geschirr und der Blick durch eine große Fensterfront hinaus auf die Felder.

Ich setzte mich kurz, ließ den Blick schweifen. Es war ein Ort geworden, an dem man nicht mehr aufbrach, sondern ankam. Oder blieb.

Jemand sprach mich an, ein Mann mit zwei Koffern: „Sind Sie auch angekommen?“ – „Es scheint so“, sagte ich. Wir standen einen Moment nebeneinander, Reisende im Wartesaal der Geschichte. „Manchmal“, sagte er, „ist das Verweilen wohl das eigentliche Ziel.“ Ich nickte. Manchmal genügt ein Bahnhof, um das Weite zu begreifen.

Im Kurfürstenpark war es still. Die Bronzestatue von Friedrich Wilhelm stand da, umgeben von Licht und Laub. Stolz, entschlossen, doch nicht überheblich. Ich betrachtete das Gesicht – nicht das eines bloßen Feldherrn, sondern das eines Mannes, der wusste, dass Macht allein nicht genügt. Er war es, der Brandenburg-Preußen in eine neue Ordnung führte, aus einem zersplitterten Territorium ein ernstzunehmendes Gebilde formte, das bald in Europa mitsprechen sollte. Der Sieg bei Fehrbellin war sein Moment – doch sein wahrer Verdienst war es, die Grundlagen für jenes Preußen zu legen, das später einmal Geschichte schreiben würde. Nicht mit Pomp, sondern mit Prinzipien. Nicht mit Überschwang, sondern mit kluger Diplomatie und nüchterner Entschlossenheit. Ich dachte: Es braucht mehr als Kanonen, um Geschichte zu schreiben. Es braucht Augenmaß.

Ich erinnerte mich an das Jahr 1871, an den Tag der Reichsgründung in Versailles, an die Artikel, die ich schrieb, mit zögernder Begeisterung. Ich hatte mit Worten gefeiert, was man damals zu feiern meinte – den Sieg, den Ruhm, das neue Reich. Doch schon damals beschlich mich ein Zweifel: dass Ruhm eine Währung ist, die schnell verdirbt. Wie frisches Obst im Winter – schön anzusehen, aber nicht zum Behalten gemacht.

Ein Junge fuhr mit dem Fahrrad vorbei, sein T-Shirt trug die Aufschrift: „No glory – only story.“ Ich musste lächeln. Die Geschichte blieb. Nicht der Ruhm.

Ich verließ den Park und machte mich auf den Weg zur Siegessäule von Hakenberg. Der Pfad führte hinaus aus der Stadt, vorbei an Feldern und lichten Baumgruppen. Der Wind strich sanft durch das hohe Gras, und über mir zog ein Bussard seine Kreise. Es war diese weite, offene Stille, die ich an der Mark Brandenburg immer geschätzt hatte – keine dramatische Erhabenheit, sondern eine Landschaft, die sich nur dem erschließt, der sie im Gehen begreift.

Allmählich stieg der Weg an. Die Siegessäule thront auf dem Kurfürstenhügel – einst die Stellung der brandenburgischen Artillerie, heute ein Aussichtspunkt, der weiter reicht als jede Kanonenkugel. Schon von weitem war der schlanke, 36 Meter hohe Turm zu sehen, gekrönt von Victoria, der Göttin des Sieges. Ihr vergoldeter Glanz blitzte in der Sonne, als wolle sie die Geschichte selbst an den Himmel heften.

Ich umrundete das Denkmal, ließ die Reliefs und Inschriften auf mich wirken. Im Sockel befand sich eine Büste des Kurfürsten – dieselbe Entschlossenheit im Blick, die ich schon im Park gespürt hatte. Ich legte die Hand auf den kühlen Stein. Kein Pathos. Nur eine stille Präsenz.

Dann stieg ich die 114 Stufen hinauf zur Plattform. Die Wendeltreppe war schmal, der Aufstieg forderte Atem und Geduld – als müsste man sich den Ausblick erst verdienen. Oben angekommen, trat ich hinaus in das Licht.

Vor mir breitete sich die Mark aus – Felder, Wälder, Gehöfte. Die Landstraßen zogen sich wie Bleistiftlinien durch die Landschaft. Ich konnte den Verlauf der alten Schlacht erahnen, dort unten, wo heute kein Kanonendonner mehr zu hören ist, sondern das gleichmäßige Tuckern eines Traktors. Und, fast am Horizont, das gedämpfte Rauschen der Autobahn – ein stetiger Strom aus Bewegung, Zeit und Zielstrebigkeit, der das Gemälde der Landschaft wie ein leiser Riss durchzieht.

Ich nahm einen letzten Blick über die Landschaft, diese stille, atmende Mark, und wusste: Ich war wieder dort angekommen, wo meine Worte ihren Ursprung hatten. Nicht im Lärm. Sondern in der Stille.

Langsam stieg ich Stufen der Siegessäule wieder hinab, Schritt für Schritt, begleitet vom Nachhall der eigenen Gedanken. Unten angekommen, folgte ich dem Kurfürstenpfad – ein halbstündiger Rundweg, angelegt für die, die lieber verweilen als eilen. Tafeln säumten den Weg, erklärten Flora, Fauna, Geschichte. Ich blieb oft stehen, las hier ein paar Zeilen, dort ein Zitat. Der Weg war leicht begehbar, fast sanft. Auch für Kinder, auch für Alte. Eine Erinnerung daran, dass Geschichte kein Besitz der Gelehrten ist, sondern ein gemeinsames Gedächtnis.

Am Ende des Rundgangs kehrte ich ein ins „Waldhaus am Denkmal“. Ein schlichtes Gasthaus, mit Tischen aus Holz, karierten Decken, einem leisen Klappern aus der Küche. Ich bestellte einen Kaffee und setzte mich ans Fenster. Von hier sah ich noch einmal auf das Feld, auf den Hügel mit der Säule, auf den Weg, den ich gekommen war.

Es war friedlich. Wo einst Kanonen standen, flatterten nun Schmetterlinge. Wo Befehlston herrschte, klirrte Besteck. Ich hörte das Gespräch zweier Wanderer, sah ein Kind mit einem Apfelsaftglas. Niemand sprach vom Großen Kurfürsten. Niemand musste es.

Vielleicht ist genau das der wahre Sieg, dachte ich: Dass die Menschen hier sitzen können, ohne an Krieg zu denken. Dass der Ort nicht mehr aufschreckt, sondern zur Ruhe bringt. Dass das Denkmal nicht mehr befeuert – sondern bewahrt.

Linum

Herbst war’s, als ich die Hakenberger Säule hinter mir ließ. Der Weg nach Linum war nur ein Umweg gewesen – ein stiller Abzweig von der großen Landstraße, die mich Richtung Neuruppin zurückführen sollte. Aber als ich das erste Rufen der Kraniche hörte, war mir, als riefen sie mich. Und ich folgte.

Der Blick schweifte über die weiten, stillen Felder des Rhinluchs – jenes weite, sumpfige Tiefland, das sich vom Havelland bis an die Ufer der Dosse zieht. Ich kannte es gut, nannte es einst das Wustrauer Luch. Viel hatte sich hier nicht verändert. Der Pfad, schmal und mit feuchtem Gras überwachsen, führte mich hinab in diese Landschaft, die von der Zeit kaum berührt schien. Ein milder Nebel lag über den Feldern, und die Farben – braun, ocker, grün – verschmolzen zu einer stillen Melodie des Vergehens. Der Wind war kühl und klar. Er trug die letzten Blätter von den Pappeln und das Trompeten der Kraniche mit sich.

Sie kamen von allen Seiten. Erst als ferne Schatten am Himmel, dann mit kräftigem Flügelschlag, der die Luft zerschnitt wie ein Gedanke, der sich nicht abweisen lässt. Hunderte, Tausende. Manche standen auf den Wiesen, andere zogen in perfekter Ordnung durch die Lüfte. Ich blieb stehen. Wie könnte man da weitergehen? Das Schauspiel zwang einen zur Ruhe.

In meiner Zeit hätte man notiert: Der Herbst sei nun ernstlich eingekehrt. Heute jedoch schien es mir, als sei die Welt still geworden, nur um diesem einen Moment Bedeutung zu geben. Der Vogelzug, einst beiläufige Notiz im Kalender der Naturbeobachtungen, war hier zu einem Ereignis geworden. Einfache Schilder wiesen den Weg zur „Storchenschmiede“, zur Vogelbeobachtung, zum Naturpark. In meiner Zeit hätte es so etwas nicht gegeben. Damals war der Vogelzug ein beiläufiges Naturphänomen, das allenfalls Erwähnung fand, wenn der Herbst sich endgültig festsetzte. Heute war daraus eine kleine Wissenschaft geworden – mit Infotafeln, Plattformen, Besuchergruppen, Ferngläsern, Thermoskannen. Der Mensch hatte sich eine Infrastruktur gebaut, um das Staunen besser organisieren zu können. Ich las sie, ohne zu folgen. Ich wollte nicht sehen, ich wollte spüren.

Linum empfing mich mit Wind. Ein Ort aus roten Ziegeln, mit Teich, Kirche, Bänken und einer Weite, die nicht von Menschen gemacht war. Ich setzte mich ans Wasser, der Wind rauschte in den Bäumen wie das Meer. Und während die Kraniche über mir zogen, dachte ich an Emilie.

Sie war im Februar gestorben. 1902. Vier Jahre nach mir. Über vier Jahrzehnte waren wir verheiratet gewesen. Wir hatten gestritten, gelacht, geschwiegen, gehalten. Ich war oft unterwegs gewesen – beruflich, gedanklich, manchmal auch innerlich. Sie war geblieben. Still, geduldig, unbeirrbar. Sie hatte gesagt: „Wenn du zuerst gehst, dann träum von mir. Und wenn ich zuerst gehe, dann warte nicht zu lang.“

Jetzt, hier in Linum, zwischen aufbrechenden Kranichen, erinnerte ich mich an diesen Satz. Ich wusste nicht, ob ich sie je wiedergesehen hatte. Aber ich hörte ihre Stimme im Wind.

Ich schlug den Weg hinaus zu den Wiesen ein. Die Kraniche standen verstreut, wie graue Punkte auf einem gelebten Aquarell. Einige hoben sich in die Luft, andere verharrten – wachsam, gesammelt. Ich blickte ihnen lange nach. Dann nahm ich mein Notizbuch hervor und schrieb:

„Der Herbst kennt keine Eile. Und doch geht alles schneller, als man denkt.“

Ob ich den Satz je brauchen würde, wusste ich nicht. Aber er war da. Wie die Vögel. Wie Emilie.