Forever in Love - Das Beste bist du - Cora Carmack - E-Book

Forever in Love - Das Beste bist du E-Book

Cora Carmack

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Beschreibung

COLLEGE, FOOTBALL UND DIE LIEBE! Endlich frei! Dallas Cole kann es kaum erwarten, ihr Studium zu beginnen, fernab von ihrem strengen Vater. Doch gerade hat das Semester angefangen, verkündet dieser ihr, dass er einen anderen Job hat - ausgerechnet an ihrem neuen College, wo er das Football-Team trainieren soll. Dallas ist fassungslos! Ihr einziger Lichtblick ist Carson McClain, dessen attraktives Lächeln sie hoffen lässt, dass es das Schicksal vielleicht ausnahmsweise einmal gut mit ihr meint. Aber Carson ist im Football-Team des Colleges. Und die wichtigste Regel im Football lautet: Fang niemals etwas mit der Tochter deines Trainers an ...

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Seitenzahl: 386

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Inhalt

Titel

Zu diesem Buch

Widmung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Epilog

Danksagung

Mehr zum Buch

Die Autorin

Cora Carmack bei LYX

Impressum

CORA CARMACK

FOREVER IN LOVE

Das Beste bist du

Roman

Ins Deutsche übertragen von

Nele Junghanns

Zu diesem Buch

Dallas Cole hasst Football! Dabei müsste ihr die Leidenschaft für den Sport eigentlich in die Wiege gelegt worden sein: Ihr Vater ist einer der erfolgreichsten Football-Trainer des Landes und hat bereits mehrere Highschool-Teams an die Tabellenspitze geführt. Doch Disziplin und Ehrgeiz fordert er nicht nur auf dem Spielfeld, und Dallas kann es kaum erwarten, ihr Studium an der Rusk University zu beginnen, um – fernab von seinen strengen Regeln und zu hohen Erwartungen – endlich ihr eigenes Leben zu führen. Aber gerade hat das Semester ange-fangen, da nimmt ihr Vater einen anderen Job an – ausgerechnet an ihrem neuen College! Dallas kann ihr Pech kaum fassen. Als sie allerdings eines Abends auf einer Party Carson McClain begegnet, wagt sie zu hoffen, dass es das Schicksal vielleicht doch einmal gut mit ihr meint. Mit einem einzigen Lächeln lässt Carson ihr Herz so schnell schlagen wie niemals zuvor. Doch was Dallas nicht weiß: Carson ist im Football-Team des Colleges. Eine erfolgreiche Saison als Spieler ist seine einzige Chance, um sein Stipendium zu behalten. Und die wichtigste Regel im Football lautet: Fang niemals etwas mit der Tochter deines Trainers an …

Für meinen Dad.

Danke, dass du meine endlosen Fragen und Ideen ertragen hast. Ohne dich hätte ich dieses Buch nicht schreiben können. Außerdem wäre ich ohne dich nicht da, wo ich heute bin. Meine endlose Sturheit, mein unbezähmbares Konkurrenzdenken und ein unerschütterliches Herz – all das habe ich von dir geerbt. Wie Dallas und ihr Dad, hatten auch wir unsere Auseinandersetzungen, aber ich habe nie an der Heftigkeit gezweifelt, mit der du mich geliebt, beschützt und verteidigt hast. Es gibt keine Worte, die beschreiben könnten, wie froh ich bin, deine Tochter zu sein. (Ich bin zwar immer noch ein kleinbisschen sauer wegen damals, als du mich im Unterricht hast Liegestütze machen lassen, aber ich schätze, das ist wohl ein Zeichen dafür, dass ich eben auch deinen schwarzen Humor geerbt habe.)

Und jetzt, wo du die Widmung gelesen hast, solltest du dieses Buch an Mom weitergeben und dir von ihr sagen lassen, welche Seiten du gefahrlos lesen kannst.

Kapitel 1

Dallas

Zwei Sachen gehen den Leuten in Texas über alles – Football und Klatsch. Und beides hat schon immer über mein Leben bestimmt.

»Das ist eine beknackte Idee, Stella.«

Stella richtet ihr Oberteil. Und mit richten meine ich, dass sie es runterzieht, bis das bisschen Dekolleté zum Vorschein kommt, das sie vorzuweisen hat (was ungefähr doppelt so viel ist wie bei mir).

»Wir sind jetzt auf dem College«, sagt sie. »Beknackte Ideen sind das Ziel.«

»Deins vielleicht. Von dir arbeitet ja auch kein Elternteil an der Uni. Wenn er davon erfährt …«

Es ist Freitagabend – unser erster auf dem Campus, und sie bleibt direkt vor dem Fußweg zu einem Verbindungshaus stehen, aus dem das gedämpfte Dröhnen von Musik dringt. Stella, die mehr als einen Kopf kleiner ist als ich, greift nach mir und zwingt mich, sie anzusehen. »Okay, Schwester. Um das gleich mal im Keim zu ersticken: Niemand erzählt irgendwem irgendwas. Hier auf dem Campus gibt es um die zehntausend Leute. Endlich bist du, meine Liebe, ein kleiner Fisch im Scheißozean. Mach dich locker und genieß es. Wir sind nicht mehr auf der Highschool.«

Sollte es wirklich so einfach sein?

Sich locker zu machen ist Stella noch nie schwergefallen. Ihre Mutter ist eine noch größere Partylöwin als sie. Die klatscht sie wahrscheinlich ab, wenn wir erwischt werden. Bei mir … na ja. Ich habe ein bisschen Schiss, wenn ich daran denke, wie mein Dad reagieren würde. Das bisschen Freiheit, das ich habe, wäre schneller dahin als in meinem Studentenwohnheim das heiße Wasser an Tagen, in denen ein T vorkommt.

Einen herrlichen Monat lang hatte ich mich Visionen und Fantasien hingegeben, wie es auf dem College sein würde. Rusk war weit davon entfernt, meine erste Wahl zu sein, aber es war immerhin etwas. Endlich konnte ich meine eigenen Entscheidungen treffen und brauchte mir keine Gedanken zu machen, dass sie noch vor der Mittagspause das Büro des Trainers erreichten. Ich hatte auf den Highschool-Abschluss hingefiebert, als hätte ich ein Messer im Bauch stecken, das ich erst herausziehen könnte, wenn Mai war. Dann wurde meinem Dad die offene Stelle hier an der Rusk angeboten, und das Gefühl, um dieses Messer herum nach Luft zu schnappen, hält bis heute an.

Wir sind zwar nicht mehr auf der Highschool, aber es ist dasselbe verdammte Elend mit einem anderen Namen.

Es sei denn, ich ändere etwas daran.

Aber sich elend zu fühlen ist einfacher, also schüttele ich Stellas Griff ab. »Es muss nur einer was zu irgendwem sagen, der es einem anderem erzählt, der es in der Kirche oder beim Training oder sonst wo erwähnt, und ich bin tot. Im Sinne von ›Spieß mich auf eine Gabel und tunk mich in heiße Lava.‹«

»Gott, dass du immer alles so überdramatisieren musst. Irgendwann musst du mal aufhören, dir wegen deinem Dad ins Hemd zu machen. Sonst gehst du irgendwann vom College ab als Jungfrau mit einem halben Dutzend Katzen und seinem beschissenen Wunschabschluss, der dir am Arsch vorbeigeht, und die einzigen Freunde, die du noch hast, sind Professoren und akademische Zeitschriften.«

Ich zucke zusammen, weil sie mit fast allem recht hat. Sie wäre stinksauer, wenn sie wüsste, dass ich keine Jungfrau mehr bin und es ihr nicht erzählt habe. Ich wollte es immer, aber ich bin nicht besonders stolz auf diese Erinnerung, und je länger ich es hinausgezögert hatte, desto leichter wurde es, so zu tun, als wäre es keine große Sache. Ich weigere mich, eine große Sache daraus zu machen. Stattdessen verdrehe ich die Augen und sage: »Danke für das Vertrauensvotum.«

»Hey, ich bin hier nur die Stimme der Vernunft.«

»Wohl eher der kleine Teufel auf meiner Schulter.«

»Die Rolle spiele ich gern.« Stella kichert und stupst mir ihren Ellbogen in die Seite, als hätte sie gerade den besten Witz aller Zeiten gerissen. Unfreiwillig muss ich lächeln.

Ich starre am Phi-Beta-Kappa-Haus empor. Sämtliche Verbindungshäuser auf dem Campus sind alte Villen im Kolonialstil, von Efeu überwuchert und mit strahlend weißen Säulen. Sie machen echt was her … wahrscheinlich hofft man, dadurch den völligen Sittenverfall zu vertuschen, der darin herrscht.

Gott, ich habe gerade das Wort Sittenverfall gedacht. Stella hat recht. Ich werde als lahme Katzendame enden, wahrscheinlich Leute von meiner Veranda aus ankeifen und wie eine Irre mit meinem Stock herumfuchteln.

Es ist einfach unfair.

Das College sollte eine Zeit zum Ausbrechen sein, eine Zeit des Neuanfangs. Man könnte vielleicht auf die Idee kommen, es wäre ein Vorteil, die Tochter des Trainers zu sein. Ich weiß mehr über Football als die Hälfte der Jungs an unserer Schule – ein Wissen, das es einem eigentlich erleichtern müsste, ein Date an Land zu ziehen.

Wenn nicht alle aus Angst vor meinem Vater erstarren würden.

Oder noch schlimmer … ihm hinterherschmachten, als wäre er in Nutella getunkter Speck, eingewickelt in noch mehr Speck. Wahrscheinlich könnte ich auf dieser Party aufkreuzen, nur in BH und Slip (mit etwas von besagtem Nutella beschmiert), und immer noch würde irgendein Schwachkopf angezockelt kommen, ohne es zu registrieren, und mich über meinen Dad ausfragen … wie seine Pläne für die Saison sind oder wie viele Highschool State Trophies wir zu Hause rumstehen haben.

Stella schnippt mir mit ihren schlanken Fingern vor dem Gesicht herum.

»Erde an Dallas. Bist du jetzt etwa vor Angst versteinert?«

Ich verdrehe die Augen, eine Angewohnheit von mir, insbesondere bei Stella. »Ich habe keine Angst. Ich bin nur … nicht optimistisch.«

»Ach komm … wahrscheinlich hast du ein Brainstorming gemacht, auf wie viele Arten du heute Abend die Spaßbremse spielen könntest.«

Neckend stupse ich sie an. »Eigentlich habe ich gerade darüber nachgedacht, mich mit Nutella zu beschmieren.«

»Ja, so was will ich hören! Zehn Kreativitätspunkte.«

»Ja, ja. Lass es uns einfach hinter uns bringen.«

Stella hüpft vor mir her, und ich muss mich im Geist ermahnen, nicht zu schlurfen. Ich hab das Mädchen echt gern, und sie ist meine weltbeste Freundin, aber ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, wieso. Sie ist kontaktfreudig, ich dagegen ziehe (oft) die Gesellschaft von Büchern der von Menschen vor. Oder von Filmen. Eigentlich ziehe ich alles den Menschen vor. Ich bin schnell verunsichert, noch schneller irritiert, und sie stürmt durch die Vordertür dieses Verbindungshauses, als wären wir Seniorstudenten und nicht etwa blutige Studienanfänger.

Und die vielleicht größte Kluft …

Stella liebt Football.

Und damit meine ich: völlig fanatischer Groupie. Sie geht zu Spielen und sieht sie sich im Fernsehen an, liest die Blogs und folgt einer Milliarde Spielern auf Twitter. Ich bin überzeugt, wenn sie nicht ein Winzling von knapp über eins fünfzig wäre, würde sie selbst da draußen auf dem Feld stehen. Ja, vielleicht macht sie das eines Tages. Man sollte sie nicht unterschätzen.

Ich gehe auch zu Spielen und sehe sie mir im Fernsehen an. Ich kenne die Namen der Spieler und kann die verschiedenen Spielzüge und Positionen runterrattern und alles, was du sonst noch wissen willst.

Aber nicht weil ich Football liebe. Sondern weil ich damit lebe, und das jeden Tag meines Lebens, seit ich denken kann. In jeder neuen Stadt, jeder neuen Schule mit neuen Freunden war Football das Einzige, was sich nie geändert hat. Und wenn du so viel Zeit mit etwas verbracht hast, liebst du es entweder, oder du hasst es.

Rate mal, in welche Kategorie ich falle.

Ich trete nach Stella ins Haus, und das manische Grinsen, das sie mir über die Schulter zuwirft, sagt mir, dass sie gerade ihren ganz persönlichen Himmel betreten hat. Etwa ein Dutzend Leute in der Nähe des Eingangs sehen hoch, und ihre Blicke schweifen über uns. Die versteinerte Position meiner Schultern entspannt sich nur minimal.

Von der Küche her schwillt Gebrüll an, ich sehe hoch und erblicke zwei Menschenreihen, von denen eine die andere mit Pistolen bedroht. Na ja, mit Wasserpistolen. Aber dem aufbrandenden Jubel nach zu urteilen, als die eine Seite zu schießen beginnt und dabei auf die offenen Münder ihrer Partner zielt, vermute ich mal, dass sie statt Wasser Bier versprühen.

»Das müssen wir unbedingt machen!«, schreit Stella über die wummernde Musik hinweg.

Notiz an mich: Immer schön von den Bierpistolen fernhalten.

Bei meinem Glück würde ich wahrscheinlich ins Auge geschossen bekommen.

Ein Typ mit Tutu und einer dunkelroten Perücke rennt an uns vorbei und brüllt aus vollem Hals irgendwas Unverständliches. Stella grinst mich an, und ihre Augen schnellen zu meinen roten Haaren. »Ich habe deinen lange vermissten Zwilling gefunden. Tutu und so.«

»Was für ein Zufall! Ich habe deinen Zwilling auch gefunden.« Ich deute mit den Augen auf zwei Mädchen, die eine dritte Freundin zwischen sich zur Tür tragen. »Saufnase und so.«

»Das nimmst du zurück! Ich bin keine Saufnase.«

»Und ich bin kein riesiger Kerl, vermutlich mit Haarausfall und einer Identitätskrise.«

Sie wirft theatralisch die Hände in die Luft. »Du hast recht. ’tschuldigung.« Einsatz für ihr boshaftes Grinsen. »Der hatte viel größere Titten.«

Ich versetze ihr einen unsanften Rippenstoß, aber wir lachen beide. Und es fühlt sich so leicht an wie die Partys, auf die wir in der Highschool gegangen sind, und sogar noch leichter, weil Stella recht hatte. Niemand schert sich hier um mich.

»Big D! Hab schon gehört, dass du auf dem Campus bist. Überrascht mich aber, dich hier zu sehen.«

Und zu früh gefreut.

Es gibt nur eine Sache auf der Welt, die ich noch mehr hasse als Football, und die kommt gerade die Treppe runter auf mich zu.

Ich blicke mich nach rechts und links um, als würde ich ein Schlachtfeld abchecken statt einer Party: Verbindungstransparente, herumfliegende rote Plastikbecher und ein Jungmitglied, das einen Müllsack hinter sich herzerrt, der die widerspenstige Jungfer spielt. Ein Teil von mir würde gern damit weitermachen und so tun, als hätte ich ihn nicht gehört.

Aber ich kann nicht. Wenn ich ihn ignoriere, verrät ihm das nur, dass ich noch an ihm zu knabbern habe.

Ich blicke ihm entgegen, als er die letzte Treppenstufe hinter sich lässt, die Arme vor der breiten Brust verschränkt und mich angrinst. Levi. Mein Ex.

Er lehnt sich mit der Hüfte an das Geländer der prachtvollen Treppe, und ich erspähe nicht ein, sondern zwei Mädchen, die auf halber Höhe der Treppe sitzen und sich offenkundig ärgern, seine Aufmerksamkeit verloren zu haben.

Hinter mir höre ich jemanden »Fertig. Zielen. Feuer!« rufen und weiß, dass die Bierpistolen wieder loslegen.

»Alkohol und falsche Entscheidungen, Levi? Ich kann nicht sagen, dass ich überrascht bin, dich da mittendrin vorzufinden.«

Er stößt sich vom Geländer ab und kommt schwankend ein paar Schritte auf mich zu. Seine dunklen Haare und Augen sind so eindrucksvoll wie eh und je. Ich war so in ihn verknallt, gleich in meinem ersten Jahr an der Highschool: Ich habe meinen Collegeblock mit unseren Namen vollgekritzelt, von der unüberdachten Tribüne aus bei seinen Spielen zugeschaut und beim Junior Prom an seinem Ellbogen gestrahlt wie ein Honigkuchenpferd.

Wenn ich jetzt an das alles denke, wird mir einfach nur schlecht. Aber, wie Stella immer sagt, hinterher ist man immer eine großkotzige Klugscheißerin.

»Du bist hier, um falsche Entscheidungen zu treffen?« Er kommt näher, und seine Stimme wird leiser. Intimer. »Du weißt ja, ich kann dir dabei helfen.«

Levi Abrams war der Grund für so viele falsche Entscheidungen, dass sie für ein ganzes Leben reichen würden.

Stella mischt sich ein, und ihre Stimme klingt kälter, als ich sie je gehört habe. »Ich glaube, lieber schmirgelt sie sich selbst die Haut mit Sandpapier ab.«

Ich nicke und setze das falscheste Lächeln auf, das ich im Arsenal habe. »Und bade anschließend in Zitronensaft.«

Levi lächelt zurück, und ich bin mir ziemlich sicher, dass das Arschloch das hier genießt.

Er ist kräftiger als bei unserer letzten Begegnung. Aufgepumpt. Das ist wohl der Unterschied zwischen Highschool- und College-Football. Aber es sind nicht nur die Muskeln … er streckt eine Hand aus, als wollte er mein Haar berühren, und als ich zurückweiche, wirken sogar seine Hände größer, als ich sie in Erinnerung habe. Die Hand eines Mannes, nicht die des Jungen, den ich mal kannte. Oder vielleicht ist sein aufgeblasenes Ego so groß geworden, dass es auf andere Teile seines Körpers übergesprungen ist. Auch eine Möglichkeit.

Ich wusste, dass Levi hier ist, als ich mich für die Rusk University entschieden habe – was kein Kunststück ist, immerhin ist er der Starting-Quarterback. Aber ich hätte nicht gedacht, dass ich ihn je zu Gesicht bekommen muss. Da mein Dad mir nicht erlaubt, Texas zu verlassen, und man Tanz hier nur an einer Handvoll Universitäten als richtiges Hauptfach studieren kann, war Rusk die beste Alternative der Schulen, für die ich mich bewerben durfte.

Levi lässt seine Hand sinken und dreht sich zum Gehen um, aber dann bleibt er noch mal stehen und gibt über die Schulter zurück: »Komm, jetzt tu nicht so, als würdest du mich so hassen. Ich bin hier. Du bist hier. Wir könnten noch mal von vorn anfangen, D.«

Warum kapiert niemand, dass es unmöglich ist, von vorn anzufangen, wenn sich eigentlich nichts geändert hat? Gott, ich weiß das besser als jeder andere, denn egal, wie viele neue Jobs als Trainer Dad angenommen hat, endete es an jeder Schule gleich. Levi ist immer noch ein Depp, der nur an sich denkt. Dad verhält sich mir gegenüber immer noch, als wäre ich ein Mitglied seiner Mannschaft. Und ich …

Ich sitze immer noch fest. Im Schatten meines Vaters. In Texas. Auf dieser lahmen Staatsschule mit einem Witz von einem Tanzprogramm.

Und jetzt sitze ich auf meiner ersten Verbindungsparty mit dem Ex fest, der mir das Herz gebrochen hat.

Juhu, College.

Sobald Levi außer Sichtweite ist, stürze ich auf die Tür zu. Stella wirft mir einen Arm um die Taille und versucht, mich aufzuhalten, aber sie ist einen Fuß kleiner als ich, und ihre Vorstellung von Training sind Next-Top-Model-Marathons. Sie klammert sich an mich, ihre Füße schliddern und rutschen über den Boden, während ich sie vorwärtsziehe, als würde sie kaum was wiegen.

Mit letzter Verzweiflung kreischt sie: »Genehmigungsstempel!«

Ich zögere, werde langsamer, gebe meinen Fluchtversuch aber nicht auf.

»Ich sagte, Ge-neh-mi-gungs-stem-pel. Schlampe.«

Ich seufze. Mist.

Wir haben diese Regel, die uns geholfen hat, trotz unserer völlig entgegengesetzten Persönlichkeiten Freundinnen zu bleiben. Es ist ein System des Gebens und Nehmens, in dem ich ihre durchgedrehte Seite zügele und sie mich zwingt, ein bisschen am Leben teilzunehmen.

Als Stella besoffen bei der Zulassungsprüfung für die Uni auftauchte, bekam sie den Dallas-Cole-sei-kein-Idiot-Missbilligungsstempel. Es war meine nörgelfreie Art, ihr zu sagen, dass sie zu weit gegangen war. Und obwohl man an jenem Samstag nicht mehr viel ändern konnte, hat sich Stella noch mal für die Prüfung angemeldet, und beim nächsten Mal war sie nüchtern und ernsthaft und erzielte ein akzeptables Ergebnis.

Im Gegenzug gibt es den Stella-Santos-steh-es-durch-du-Zicke-Genehmigungsstempel. Dieser Stempel hat mich in mehr Schwierigkeiten gebracht, als ich auflisten möchte, einschließlich Stellas brillanter Idee, ein Haus mit Klopapier einzuwickeln und Maxi-Binden auf die verglaste Haustür zu kleben. Was sie nicht mit eingeplant hatte, war, dass besagtes Haus einem Polizisten gehörte, der nicht besonders scharf darauf war, als Werbefläche für Tampax herzuhalten.

Bei den Stempeln gibt es nur eine einzige Regel. Man muss zuhören.

Ich wirbele herum, und um ein Haar wird Stella von meinem Ellbogen zu Boden gerissen.

»Na gut. Ich bleibe. Aber vergiss nicht, dass diese Stempel in beide Richtungen funktionieren, Schwester.«

Sie kommt näher, damit sie leise reden kann, und streicht sich ihr kurzes dunkles Haar aus den Augen. »Hör zu, es tut mir leid. Ich hätte nicht gedacht, dass die Arschgeige hier sein würde. Ich hab gehört, dass Sportler normalerweise nicht zu Verbindungskram kommen, also dachte ich, wir wären hier sicher. Aber das Haus hier ist riesig.« Wie um ihr Argument zu veranschaulichen, kommt ein Schwall Leute aus einer Tür in der Nähe, die vermutlich in einen Keller führt. »Nichts spricht dagegen, dass du hierbleibst und Spaß hast.«

Wir haben unterschiedliche Vorstellungen von Nichts. Mein Gehirn hat schon mindestens siebzehn Gründe zu gehen festgestellt.

Irgendein Vollpfosten mit einer falsch rum aufgesetzten Baseballmütze torkelt auf einen Abfallkübel vor der Küche zu, und ein ekelerregender Schwall kommt aus seinem Mund.

Das macht dann achtzehn Gründe.

»Na schön. Ich werde es offiziell durchstehen.« Und versuchen, die Zurschaustellung von Magen-Pyrotechnik von Falschrummütze nicht nachzuahmen. »Also, was ist los?«

»Ich will, dass du dich amüsierst. Versuch nicht auszusehen, als würdest du innerlich sterben.«

Ich versuche mich an einem Lächeln.

»Etwas weniger Freddy Krueger, etwas mehr ein Mensch mit einer Seele.«

Ich zeige ihr mehr Zähne, eher drohend als fröhlich, aber eigentlich necke ich sie nur.

Ich will mich ja amüsieren. Ich will so sehr, dass es auf dem College anders ist, dass ich die Verzweiflung auf meiner Zunge schmecken kann.

Stella will den Mund aufmachen, aber ich komme ihr zuvor. »Was trinken?« Vielleicht hilft mir das, lockerer zu werden.

»Du lernst schnell, Grashüpfer.«

Auf Zehenspitzen schafft sie es, mir einen Arm um die Schultern zu legen. Sie blickt sich um und seufzt glücklich, ein Seufzer, der sagt, das ist Leben, und ich frage mich, was sie sieht, was ich nicht sehe. »Unsere erste College-Party. Nichts gegen den Bauern-Ringelpiez an der Highschool, oder?«

Ich war kein besonders großer Fan von den Partys, zu denen sie mich früher raus auf die Beane Ranch oder in die leer stehende, zum Partyraum umfunktionierte Kirche an der Oakcliff Road geschleppt hat. Aber ich kann nicht ganz erkennen, was hieran besser sein soll.

Endlich fällt mir ein Pro ein. »Keine Mücken. Das ist ein Pluspunkt.« Mehr fallen mir nicht ein.

Sie lenkt mich auf die Gruppe von Typen zu, die bei den Bierfässern in der Küche herumhängen, und sagt: »Ich sehe in unserer Zukunft mehrere Pluspunkte.«

Solange diese Pluspunkte nicht in Verbindung mit einem HIV-Test stehen … kann ich damit umgehen.

Kapitel 2

Dallas

Ein neues Lied fängt an, das im Radio rauf und runter gespielt wird, und die Tänzer, die sich im Wohnzimmer drängen, brechen in Jubel aus. Auch Stella. Und als wir auf den Bogengang zugehen, der in die Küche führt, streckt sie eine Hand aus und schmettert den Text. Ich stoße an ihre Hüfte und mache den Mund auf, um mitzusingen, aber kein Laut kommt raus.

Die eingängige Melodie erstirbt in meinem Hals, als mein Blick dem des umwerfendsten Typen begegnet, den ich je gesehen habe. Er sitzt auf der Kücheninsel, und selbst im Sitzen kann ich erkennen, dass er groß ist. Er hat dunkelblondes Haar, so kunstvoll verwuschelt, dass er aussieht, als wäre er geradewegs den Seiten einer Zeitschrift entsprungen. Dazu noch der starke Kiefer und Augen, die mehr lächeln als seine Lippen, und egal, wie sehr ich versuche, wegzusehen, mein Blick wandert immer wieder zu ihm zurück.

Und ich werde von ihm eingefangen. Nicht nur einmal.

Sondern viermal! Ich hätte meine Lektion nach dem ersten, vielleicht zweiten Mal lernen sollen, aber jetzt habe ich mich offiziell auf unheimliches Terrain gewagt.

Man braucht schon Talent, um jemanden schamlos anzuglotzen, und ich glotze schamlos hoch drei. Ich reiße meine Augen wieder von ihm los, eine Milliarde Jahre zu spät, um meine Würde zu bewahren.

Allerdings sitzt er direkt neben dem Bierfass, also muss ich ein paar Sekunden später wieder in seine Richtung blicken, es sei denn, ich will »burschenschaftliches Auf-die-Schnauze-Fallen« auf die Liste meiner besonderen Fähigkeiten setzen.

Dieses Mal stimmen seine Lippen in das Lächeln seiner Augen mit ein, und mein Herz legt an Tempo zu.

Er muss die ganze Zeit zu mir hingesehen haben, um meinen Blick abzufangen. Dann macht es ihm vielleicht gar nichts aus, dass ich ihn anstarre.

Und vielleicht hatte Stella mit diesem Stempel ausnahmsweise mal recht.

Während sie sich einen Becher füllt, versuche ich, gelassen zu wirken. Ich weiß nie so genau, wo ich meine Arme lassen oder wie weit ich meine Hüfte neigen soll. Die Tänzerin in mir fühlt sich erst wohl, wenn meine Haltung perfekt ist, aber das lässt mich hervorstechen wie ein Schiffsmast in einem Meer latschiger College-Kids.

Meine Hände sind schlaff wie tote Fische. Das Gefühl habe ich zumindest, als ich versuche, sie so zu halten, dass ich nicht wie eine Geisteskranke aussehe. Ich hab es immer noch nicht raus, als ein roter Becher in mein Sichtfeld schwebt.

Ich folge einem muskulösen Arm hinauf bis zu jenem Paar lächelnder Augen.

»Hübsche Mädchen sollten nicht anstehen müssen.«

Ich beäuge den halb vollen Becher, dann bringe ich ein lässiges Schulterzucken zustande.

»Danke. Ich kann warten.«

Stellas Stempel sagt nichts davon, dass ich etwas so Dämliches tun soll wie ein Getränk von einem Fremden annehmen, egal, wie gut er aussieht.

Stella geht zur Seite, aber nicht, ohne mir vorher mit ihren perfekt geformten Augenbrauen zuzuwackeln. Der glotzwürdige Typ rutscht von der Kücheninsel, als ich an den Zapfhahn trete.

»Du traust mir nicht?«, fragt er.

Dieses Mal ertappe ich ihn dabei, wie er auf meine Beine starrt, und mir wird klar, wie unbedeckt sie von dem skandalös kurzen Rock sind, den Stella für mich ausgesucht hat.

»Ich kenndich doch gar nicht«, entgegne ich, versuche wenigstens ein bisschen streng zu klingen und versage kläglich.

Er lächelt unverfroren und schaut noch mal auf meine Beine. Ich habe diesem blöden Rock nur zugestimmt, weil er Taschen hat, und einem Rock mit Taschen kann ich einfach nicht widerstehen.

Jetzt wünschte ich, ich hätte mir etwas mehr Mühe gegeben.

»Dann lern mich kennen«, antwortet er.

Gott, gibt es irgendwo Kontaktspray fürs Flirten zu kaufen? Ich bin nämlich eingerostet. Nicht genügend Übung dank vier Jahren Highschool mit einem überdominanten Vater als Football-Coach. Andererseits ist dieser Typ beängstigend süß, also würde er mich nervös machen, egal, wie viel Übung ich hätte.

Ich strecke ihm die Hand hin und sage: »Ich bin Dallas.«

Er betrachtet meine dargebotene Hand, und ich weiß, dass das ein Fehler war. Lachend nimmt er sie und beugt sich mit einer prinzenhaften Verneigung darüber, um sie zu küssen, und ich kann nicht sagen, ob er sich über mich lustig macht oder nicht.

»Dallas und Silas«, murmelt er, seine Lippen immer noch so dicht über meiner Hand, dass ich spüre, wie sein Atem über meine Haut streift. »Wenn das nicht wie Schicksal klingt.«

In meinem ganzen Leben hat niemand so dreist mit mir geflirtet, und es bringt mich völlig durcheinander.

»Schön, dich kennenzulernen, Silas.«

Ich denke darüber nach, dass es unmöglich wird, für uns einen Paar-Spitznamen zu finden, falls wir zusammenkommen, weil aus jeder Kombination einer unserer Namen herauskommt, als er lacht.

Er rückt näher an mich heran, und instinktiv weiche ich einen winzigen Schritt zurück.

»So wirst du mich nie kennenlernen. Komm mit.«

Er legt mir einen Arm über die Schulter, zieht mich dichter an seine Seite und macht sich daran, mich aus der Küche zu führen.

»Warte. Meine Freundin.«

»Der geht es gut.«

Um sie mache ich mir auch keine Sorgen.

»Er hat recht!«, ruft Stella hinter mir her. »Mir geht es gut«, verkündet sie einer Gruppe von drei Typen, die sie bereits um den Finger gewickelt hat.

Gütiger Himmel, es ist, als hätte sie ihren natürlichen Lebensraum gefunden. Ich beneide sie um ihr Selbstvertrauen.

Ich beneide Stella um vieles.

Er zieht mich zum Wohnzimmer, und ich verfalle automatisch in den Rhythmus der Musik. Aber als ich den Raum sehe, gerammelt voll mit sich windenden Körpern und dekoriert mit wandernden Händen, werde ich panisch. Nicht dass ich nicht in der Lage wäre, so zu tanzen. Meine Vorlieben gehen zwar mehr in Richtung Ballett, Lyrical und Jazzdance, aber ich habe auch ein paar Jahre Hip-Hop belegt.

Es sind nicht die Bewegungen, die mich einschüchtern. Mein Hüftschwung kann es mit den Besten von denen aufnehmen. Es ist die Intimität, mit der ich nicht klarkomme. Wenn dein Körper so dicht an einem anderen ist, gibt es keine Geheimnisse mehr. Mann, es hat fast ein Jahr gedauert, bis ich mich wohlfühlen konnte, wenn ich mich auf die Art an Levi gepresst habe.

Und was hat mir all die Vorsicht gebracht?

Sosehr mich auch aufregt, wie mein Vater mein Liebesleben beeinträchtigt, ein ganz kleiner Teil von mir ist froh, ihn als Ausrede zu haben, niemanden zu nah an mich heranzulassen. Als Ausrede, nicht wieder verletzt zu werden.

»Klo«, platze ich hervor und kralle mich an eine weitere Ausrede. »Ich, äh, muss mal zur Toilette.« Ich dachte, »Toilette« klingt vielleicht weniger peinlich.

Ein Irrtum auf ganzer Linie.

Er wirft mir wieder diesen Blick zu, als würde ich mich wie die Oma verhalten, von der ich offensichtlich meine Persönlichkeit gestohlen habe.

Ich huste und füge noch mal »Klo« hinzu, als würde das irgendwie die Luft von all dem Übel reinigen, aber, tja … sie ist hoffnungslos verseucht. Er hebt eine Augenbraue, und ich warte darauf, dass er mir eine Abfuhr erteilt, denn ich bin eindeutig die uncoolste Person in diesem Haus – den Schwachkopf, der im Foyer unter dem Tisch schläft und am Daumen nuckelt, mitgerechnet.

Aber meine Verschrobenheit scheint ihn nicht zu stören. Ein Wunder.

»Klar, ich glaube, oben gibt es eins. Vielleicht finden wir da auch eine ruhige Ecke, wo wir reden können.«

Ach du je. Ein beängstigendes Wunder.

Mit seinem Finger zeichnet er kleine Kreise auf meine Schulter, und ich konzentriere mich darauf, all die irrationalen Vorwände zu verdrängen, unter denen ich gern wegrennen würde.

Nekrotisierende Fasziitis vorzuschieben, um einer privaten Unterhaltung zu entkommen, ist möglicherweise etwas übertrieben. Aber Malaria könnte funktionieren.

Während wir gemeinsam die Treppe emporklettern, klettert mein Herz meinen Hals empor, bis es am hinteren Teil meiner Zunge hämmert. Die beiden Mädchen, die vorhin wie die Kletten an Levi gehangen haben, sitzen immer noch auf den Stufen. Als sie uns kommen sehen, richten sie sich etwas mehr auf. Die eine lockert ihr Haar auf, ihr Blick schießt wie ein Pfeil zwischen Silas und mich, und mit einem Anflug von Verwirrung verzieht sie ihren Hochglanzmund.

Als wir näher kommen, steht sie auf, so zierlich, dass sie wie zwölf aussehen würde, wäre da nicht ihr riesiger Vorbau, der sie eigentlich völlig aus dem Gleichgewicht bringen müsste.

»Hi Silas«, haucht sie.

Er nickt nur zurück, aber er lächelt dabei, und selbst dieses bisschen Aufmerksamkeit nimmt sie voller Dankbarkeit entgegen.

Lieber Gott, bitte sag, dass ich nicht so erbärmlich aussehe. Denn ich will nicht das Mädchen sein, das um Almosen bettelt, egal, wie umwerfend der Kerl ist.

Oben ist es überraschend menschenleer. Zumindest wirkt es so. Der lange Flur mit geschlossenen Türen verbirgt womöglich eine Menge, an dem ich nicht teilhaben möchte. Unbehagen macht sich in mir breit, und ich bin dankbar, als er vor einer geschlossenen Tür stehen bleibt, von der ich hoffe (bitte, bitte), dass sie zum Klo führt.

Er schenkt mir eine weitere scherzhafte Verneigung und sagt: »Ganz dein, meine Hübsche.«

Ich kann gar nicht schnell genug entkommen. Und vielleicht (okay, definitiv) ist es übertrieben, aber ich schließe die Tür ab, sobald sie zu ist.

Reiß dich zusammen, Dallas.

Ich bin beschissen darin, neue Leute kennenzulernen. Ich habe zwar dank Dads Neigung, alle paar Jahre unsere Zelte abzubrechen und umzuziehen, jede Menge Übung darin, aber einfacher ist es dadurch nie geworden.

Alles in allem habe ich halt von Tuten und Blasen keine Ahnung, wenn es darum geht, ein normales menschliches Wesen zu sein.

Aber ich fange jetzt damit an, verdammt noch mal.

(Notiz an mich: Niemals das Wort Blasen vor Silas benutzen … egal, in welchem Zusammenhang. Es kann nichts Gutes dabei rauskommen.)

Egal, was ich dafür tun muss, ich werde nicht zulassen, dass mein Dad mein Leben auch hier einschränkt.

Ich sehe nicht in den Spiegel, während ich um Fassung ringe. Ich weiß genau, wenn ich das mache, rege ich mich über meine Haare auf – wie sich das dunkle Rot mit meinen zweifellos tiefrosa Wangen beißt. Ich kann den leichten Schweißfilm auf meiner Stirn spüren, also ist mein Pony vermutlich auch eine verklebte fettige Katastrophe.

Nee. Besser den Spiegel komplett meiden. Silas schien sich nicht an dem zu stören, was er gesehen hat, also sollte ich das auch nicht. Stattdessen nehme ich mir ein paar Sekunden Zeit, um mich einfach nur an die Tür zu lehnen und durchzuatmen.

Nebenprodukt, wenn man einen Coach als Vater hat: eine natürliche Begabung für mentale Anfeuerungsreden.

Aber jetzt … bin ich mir nicht sicher, welche Rede angebracht ist. Die vertraute »Sei vorsichtig und auf der Hut«-Routine? Oder ein Stichwort von Stella aufnehmen und mich mit einer »Genieß dein Leben«-Ansprache aufbauen, um den Arsch hochzukriegen? Am Ende entscheide ich mich für einen sicheren Mittelweg. Ich lasse auf mich zukommen, was mit Silas passiert, aber ich bleibe nicht mit ihm hier oben, und ich verlasse auch nicht mit ihm die Party.

So. Klingt vernünftig.

Spaß. Ich kann welchen gebrauchen. Und zwar schnell.

Nach dieser Entscheidung öffne ich leise die Tür, ein Lächeln auf den Lippen, in der Erwartung, Silas dort anzutreffen, der auf mich wartet, aber er ist nirgendwo zu sehen.

Als ich zurück zur Treppe gehe, sehe ich ihn, die Hände auf das Geländer gestützt und im Gespräch mit jemandem, der ein paar Stufen weiter unten steht.

»Komm schon. Einen kleinen Tipp«, drängelt Silas.

Die Stimme, die antwortet, kommt mir bekannt vor, und mir wird augenblicklich schlecht.

»Junge, es hat Jahre gedauert, bis ich sie ins Bett gekriegt hab.«

Levi. Verflixter Levi.

»Ich gebe dir bestimmt keinen Tipp, wie du sie rumkriegst. Und auf gar keinen Fall schaffst du es in einer Nacht. Die ist ein Eisschrank, Mann.«

Ich fröstele. Als wäre ich wirklich mit einer Eisschicht überzogen.

Silas kichert, bevor er entgegnet: »Oh, ihr Kleingläubigen!«

»Oh, ihr Hoffnungslosen!«

»Na ja«, sagt Silas. »Wenn du als Highschool-Landei mit null Spielpraxis bei ihr einen Touchdown gelandet hast, kann sie kein so harter Gegner sein.«

Sie reden über mich, als wäre ich ein Spiel, das sie meistern, oder eine Mannschaft, die sie schlagen müssen. Wahrscheinlich bedeute ich ihnen weniger als ihre Helme und Schutzpolster. Und ja, jetzt habe ich keinen Zweifel mehr, dass Silas im Football-Team ist. Levi würde sich sonst nicht mit ihm abgeben.

Mein Herz hämmert bis in meine Ohren, und in meinem Mund sammelt sich Wasser, was normalerweise bedeutet, dass ich mich gleich übergeben muss. Ich schreie nicht, obwohl das eine Wohltat wäre. Ich nehme auch nicht die Vase von dem Flurtischchen, um zu testen, wie sich meine Angry-Birds-Fertigkeiten in Zielübungen des echten Lebens umsetzen lassen.

Stattdessen gehe ich leise durch den ganzen Flur zurück und fliehe in ein leeres Schlafzimmer. Ich sause an ein paar Einzelbetten vorbei auf die Glastür am Ende des Raums zu, die auf einen Balkon führt.

Ich trete hinaus in die überraschend kühle Abendluft, schließe die Tür hinter mir und pumpe meine Lunge mit der erfrischenden Luft voll.

Dann schreie ich.

Nicht auf die kreischige, ohrenbetäubende Art. Eher tief und kehlig. Wie ein Schlachtruf.

Ich halte mich am Balkongeländer fest und richte mich gerade auf, wie ich es tun würde, wenn ich in meinem Tanzstudio an der Stange stehen würde, und lasse alles heraus.

Und schon fühle ich mich besser.

Ein paar Sekunden kostbarer Stille vergehen, lediglich erfüllt vom Nachhall meines Schreis. Dann ruft eine Stimme unter mir: »Ich lehne mich jetzt mal weit aus dem Fenster und tippe darauf, dass du dich entschieden hast, der Verbindung nicht beizutreten.«

Unten im Garten, angestrahlt von den außen am Haus angebrachten Flutlichtern, steht noch ein umwerfender Typ mit dunklen abgetragenen Jeans, abgewetzten Stiefeln und einem Grinsen, das zwischen ärgerlich und hinreißend schwankt. Er hat dunkles Haar, einen erfreulich ungepflegten Touch ums Kinn, und mein Nervenzusammenbruch scheint ihn köstlich zu amüsieren.

Und alles, was ich denken kann, ist: Lieber Gott, nicht noch so einer.

Kapitel 3

Carson

Ihr Schrei spricht mir aus der Seele. Ich war allein hier draußen und habe hin- und herüberlegt, ob ich mich zum Bleiben oder zum Gehen überreden soll. Und da kommt dieses hinreißende Mädchen mit ihrem Löwengebrüll.

Sie lehnt sich über das Geländer, und ihre Augen suchen, bis sie mich im Garten findet, ausgestreckt am Fuß einer der dicken Eichen. Unter ihrem Blick setze ich mich etwas gerader auf.

Ihre blasse Haut schimmert im Mondlicht weiß wie Sahne, und dunkelrotes Haar umrahmt ein herzförmiges Gesicht mit vollen Schmolllippen. Sie sieht mich mit zusammengekniffenen Augen an, oder vielleicht schielt sie auch nur. Nachdem sie mich ein paar Sekunden gemustert hat, sagt sie ziemlich unenthusiastisch: »Tut mir leid.«

»Muss es nicht. Das war das Beste, was ich den ganzen Abend gesehen habe.«

»Dann hattest du wohl keinen sehr aufregenden Abend.«

Nein, wirklich nicht. Ich hatte mich an ein paar andere Teamkameraden gehängt, weil ich dachte, ich müsste mich bemühen, sie außerhalb des Spielfelds kennenzulernen. Und ich habe sie kennengelernt und schon die Schnauze voll von ihnen. Ich wusste, dass ich es nicht leicht haben würde, wenn ich mich auf eigene Faust für die Aufnahme ins Team bewerbe – so ist das nun mal. Die Leute waren ganz nett, aber keiner von denen hat mich ernst genommen.

Eben nur ein Walk-on.

Die meisten sehen uns bloß als Spieler an, die im Training für die echten Sportler den Gegner spielen, ohne echte Chance, ernsthaft selbst Spielzeit zu bekommen. Bei manchen ist die Akzeptanz etwas größer.

Aber sich einzufügen ist es nicht wert, auch nur eine Stunde mit diesen Arschlöchern zu verbringen. Noch sind sie nicht mal betrunken, also kann ich mir ausmalen, wie viel schlimmer es noch wird.

Ich schüttele den Frust ab und sage zu dem Mädchen: »Wenigstens bessert es sich jetzt.«

Sie versteift sich und schüttelt ihr Haar wie eine Mähne. Die Lichter bringen das tiefe Rot zum Leuchten und werfen in der Bewegung Glanzpunkte darauf.

»Weißt du«, sagt sie, »es ist gerade nicht der richtige Zeitpunkt, um mit mir zu flirten.«

Eigentlich sollte ich mich über ihren barschen Ton ärgern, aber stattdessen muss ich lächeln.

»Wer sagt denn, dass ich geflirtet habe?«

Sie grinst höhnisch, und ihre Finger krallen sich noch fester um das Balkongeländer.

»Hast du.«

Ich grinse, weil … ja, habe ich. Sie tut auch nicht kokett, als sie es sagt, sondern ist ganz nüchtern. Das finde ich faszinierend.

»Ist ja nicht so, dass ich unter dem Balkon gestanden und Romeo und Julia rezitiert hab.« Nicht dass ich das könnte. Ich hab es nie zu Ende gelesen, als wir es auf der Highschool in Englisch hatten, und die Filmversion mit Pistolen und Gangs, in der ich es mir angesehen habe, hat mir in der Prüfung ein dickes, fettes F beschert. Sie gibt einen Laut von sich, und ich kann nicht sagen, ob sie mich wieder verhöhnt oder lacht.

»Romeo war ein Vollpfosten.«

»Ach ja?« Ich dachte, Mädchen leben für diesen Mist.

Sie verschränkt die Arme vor der Brust und schnaubt verächtlich. »Er ist bis über beide Ohren unglücklich in Rosaline verliebt, und dann, innerhalb von einer Nacht, ändert er plötzlich seine Meinung und beschließt, dass er jetzt in Julia verliebt ist. Hätte er sein weinerliches Vollpfosten-Ego einfach einem anderen Mädchen aufgezwängt, wäre Julia nicht gestorben.«

»Also, ich kann dir versprechen, dass ich dir nicht aus heiterem Himmel meine Liebe erklären werde. Zufrieden?«

Sie zuckt mit den Achseln, und ich gehe davon aus, dass das die einzige Antwort ist, die ich bekommen werde.

»Und? War es ein Romeo, der dich zu dem Schrei eben inspiriert hat?«

»Nö. Nur ein ganz gewöhnliches Arschloch.«

Über das letzte Wort stolpert sie, ihre Wangen nehmen einen hübschen rosa Farbton an, und ich habe das Gefühl, dass ihre schonungslose Ehrlichkeit normalerweise keine Schimpfwörter beinhaltet.

»Na komm, scheiß auf den Typen.« Mein Verdacht bestätigt sich, als sich ihre Röte noch vertieft und sie ihre volle Unterlippe zwischen die Zähne zieht. Ich versuche, dieses schüchterne Puzzleteil an das dreiste Mädchen anzufügen, das mich, ohne mit der Wimper zu zucken, wegen meines Flirtens ermahnt hat.

»Ähm … ja«, antwortet sie zögerlich.

Im Geist mache ich mir eine Notiz, so viel wie möglich zu fluchen, um diese niedliche Röte in ihrem Gesicht zu erhalten. »Lass dir von diesem Wichser nicht den Abend verderben.«

Vielleicht sollte ich lernen, meinen eigenen Rat zu befolgen. Schließlich bin ich derjenige, der sich im Garten einer Verbindungsbude versteckt.

»Die werden mir meinen Abend nicht verderben.«

Die? Es gibt also mehr als einen? Verflucht.

Ich will sie gerade nach ihrem Namen fragen, da ruft im Haus jemand: »Dallas?«, woraufhin ihr Kopf herumfährt.

»Ist er das?«, frage ich.

Sie verdreht die Augen und nickt.

»Na dann, Dallas. So wie ich es sehe, hast du zwei Möglichkeiten. Du kannst dich umdrehen und noch so einen Schrei in seine Richtung loslassen, was durchaus unterhaltsam wäre, oder …«

Ich verstumme und ringe mit mir, ob ich meine bisher wenig erfolgreichen Flirtversuche bei diesem Mädchen fortsetzen soll.

»Oder was?«

»Oder den Wichser vergessen und mit mir abhängen. Ich werde mir größte Mühe geben, kein Arschloch zu sein.« Sie zögert, und ich füge hinzu: »Auch kein Romeo. Oder Vollpfosten. Oder wovon du auch immer die Nase voll hast.«

Es gibt noch eine dritte Möglichkeit, die ich nicht erwähne, so verlockend sie auch ist. Sie könnte mich dem Wichser vorstellen und ich ihn meiner Faust, um etwas Frust abzubauen. Aber dann könnte ich Ärger mit dem Coach kriegen, also so wirkungsvoll es auch wäre, es steht nicht zur Debatte.

Ich bin voll und ganz darauf vorbereitet, dass sie Nein sagt und mich mit den anderen Typen, die sie heute genervt haben, über einen Kamm schert. Aber stattdessen betrachtet sie mich. Ihre Lippen verziehen sich, irgendwo zwischen gespitzt und schmollend.

»Ich schlafe nicht mit dir«, sagt sie.

Überrascht lache ich auf und spüre, wie der letzte Frust des Abends verebbt. Sie sagt genau, was sie denkt, und das gefällt mir. Es erschreckt mich, wie sehr ich weiterbohren will, bis ich ihr jeden Gedanken aus der Nase gezogen habe, der ihr durch den Kopf geht.

»Immer diese Unterstellungen«, sage ich.

»Als hättest du nicht daran gedacht.«

So weit hatte ich tatsächlich noch nicht gedacht, aber jetzt denke ich darüber nach, wie viel besser es wäre, auf die Art meinen Frust abzuarbeiten, als sich zu prügeln. Ich wette, diese Röte ist auf ihren Brüsten ebenso hübsch wie auf ihren Wangen. Von hier unten ist es schwierig zu sagen, aber sie ist groß, vielleicht nur wenig kleiner als ich, und ihre Beine sind endlos. Ich stelle mir vor, wie sie sich komplett um meine Hüften schlingen.

Ich räuspere mich, bevor meine Gedanken mit mir durchgehen. »Daran zu denken und es zu erwarten sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Das eine macht mich zu einem Arschloch, das andere nur zum Idioten.«

Aber so verlockend es auch ist, ich habe keine Zeit für die Art Gedanken. Auf der Westfield mit Mädchen rumzumachen war eine Sache. Es hat mich nicht annähernd so viel Anstrengung gekostet, mir meinen Platz in der Mannschaft zu sichern oder gute Noten zu bekommen, aber hier bin ich auf einem ganz anderen Spielfeld. Buchstäblich.

»Dallas!« Der Typ ruft wieder, und ein paar Zimmer weiter geht das Licht an. Ein schriller Schrei ertönt, bevor das Licht wieder ausgeht und eine Tür zuschlägt. Da wurde eindeutig jemand bei etwas gestört.

Dallas verzieht vor Lachen das Gesicht, aber kein Geräusch kommt heraus.

Als es in einem anderen Zimmer auf dem Flur hell wird, ist sie schnell wieder ernüchtert.

»Warum solltest du mit mir abhängen wollen? Wahrscheinlich schreie ich den Rest des Abends herum.«

So ehrlich. Und hinreißend. Eine seltene Kombination. Ich muss mich wieder daran erinnern, dass ich keine Zeit habe, diese besondere Rarität wertzuschätzen.

»Was soll ich sagen? Ich habe eine Schwäche für Frauen, die schreien.«

Ihre Gesichtsröte hatte sich gerade beruhigt, aber jetzt explodiert sie wieder auf ihren Wangen, und ich lache, ehe ich es zurückhalten kann.

»War nur Spaß, kleine Löwin. Ich habe nicht vor, mit dir zu schlafen. Ich finde deine Ehrlichkeit einfach nur erfrischend. Das macht dich zu einer besseren Gesellschaft als jede andere Person, die mir heute Abend über den Weg gelaufen ist.«

Sie beobachtet, wie ein weiteres Licht angeht, nur zwei Zimmer weiter, und hebt das Kinn. Sie scheint eine Entscheidung zu treffen. Dann stützt sie die Hände auf das Geländer, hievt sich hoch und wirft eins ihrer langen Beine über den Rand.

»Heilige Scheiße!« Ich springe auf die Füße und sprinte zu der Stelle unter ihr. Als ich dort angekommen bin, hat sie schon beide Beine drüber und schiebt die Zehen vorsichtig außen am Geländer hinab.

»Dallas, sei vorsichtig.«

Jetzt, da ihre Beine nicht mehr vom Balkon verdeckt werden, sehen sie noch länger aus, und ihre blasse Haut leuchtet fast im Mondlicht.

»Wehe, du siehst mir unter den Rock«, sagt sie.

»Tu ich nicht!«

Mehr.

Sie dreht den Kopf, ihr Blick begegnet meinem, und ich bin hin und weg. Selbst im Dunkeln hebt sich das helle Grün ihrer Augen wie Smaragde von ihrer Porzellanhaut ab. Mit einem schiefen Grinsen stelle ich fest, dass ihre Unterwäsche dieselbe Farbe hat.

»Macht mich das zu einem Feigling?«, fragt sie und wirft einen Blick in die Richtung, aus der die suchende Stimme kommt.

»Im Moment hängst du an einem Balkon. Feigling war nicht das Wort, an das ich gerade gedacht habe.«

Sie grinst, in den Augen ein lebhaftes Aufglimmen, und ehe ich zurücklächeln kann, lässt sie los und stürzt auf den Boden zu.

»Ach du Scheiße!«

Ich werfe die Arme in die Luft und reiße gleichzeitig den Kopf zur Seite, damit ich nicht wieder beschuldigt werden kann, ihr unter den Rock zu sehen. Ihr Knie trifft meine Schulter, und als ich versuche, sie aufzufangen, bekomme ich stattdessen nur ihren Rock zu fassen und kippe dann irgendwie mit ihr in meinen Armen nach hinten um. Mein Allerwertester kommt zuerst auf, dann knallt sie mit dem Scheitel gegen mein Kinn, eine Sekunde bevor ihr Gewicht auf meinen Mittelteil prallt.

»Fuck«, stöhne ich im selben Moment, in dem sie verkündet: »Du Idiot.«

Mit einer Hand hält sie sich den Kopf, und mit der anderen stemmt sie sich so weit hoch, dass sie mich ansehen kann, den Ellenbogen fest unter die Gelenkpfanne meiner Schulter gepresst.

»Ich hätte das auch allein geschafft. Es war ein Stockwerk.«

Meine Rippen scheinen kurz davor, nachzugeben, und während ihr Gewicht noch auf mir lastet, erzwinge ich einen zittrigen Atemzug.

»Da war ich mir nicht so sicher. Du hättest dir einen Knöchel brechen können oder so.« Sie verändert ihre Position, und ich stöhne auf. »Stattdessen hab ich mir den Arsch gebrochen.«

Wieder lacht sie, dasselbe lautlose Lachen wie eben auf dem Balkon, und ich entdecke ein einsames Grübchen auf ihrer rechten Wange. Sie lässt ihren Kopf los, um weiter nach oben zu kommen, und ehe sie von mir runterklettern kann, strecke ich die Hand aus und berühre sie an der Stirn. Sie hält still, und diese großen grünen Augen spähen auf mich hinunter. Ich streiche ihr mit den Fingern über die Haut, fahre durch ihren Pony, der ihr in die Stirn hängt.

»Alles klar? Du bist ziemlich heftig gegen mein Kinn geknallt.«

Als Antwort hebt sie bloß die Hand und streicht auf dieselbe Weise mein Kinn entlang. In der nächtlichen Stille kann ich hören, wie die kurzen Stoppeln an meinem Kinn an ihrer Haut reiben. Sie erzittert.

Ihre Augen sind geöffnet, und ich schwöre, ich kann jeden Gedanken darin sehen. Sie fährt mit ihrem Finger über meinen Kiefer, erst in die eine Richtung und dann wieder zurück, und ich kann erkennen, dass sie versucht, sich zu entscheiden, ob ihr der Bartwuchs gefällt. Dann fällt ihr Blick auf meine Lippen, nur kurz. Sie sieht schnell weg und wieder hin, als wüsste sie, dass sie das nicht sollte und es ihr dann wieder ganz egal ist.

Und trotz all der Versprechen, die ich ihr (und mir) gegeben habe, denke ich darüber nach, sie zu küssen. Ich denke darüber nach und balle hinter ihrem Rücken die Fäuste, um den Gedanken nicht nachzugeben. Ihre Zunge schnellt hervor, um ihre Lippen zu befeuchten, und sie glänzen verlockend. Ich atme schwer und hoffe, sie schreibt es der Tatsache zu, dass sie mir die Luft rausgepresst hat, und nicht dem wahren Täter, dem wiederkehrenden geistigen Bild ihrer um meine Taille geschlungenen Beine.

»Dallas?« Die Stimme kommt aus dem Zimmer direkt über uns, und wir hören schwere Schritte auf die Balkontür zustampfen.

Ich greife nach ihren Hüften, um sie von mir runterzubugsieren, und berühre nackte Haut. Wir merken beide gleichzeitig, dass ich ihren Rock, als ich bei ihrem Sturz danach gegriffen habe, bis zu ihrer Taille hochgeschoben habe und ihre untere Hälfte auf mir mehr oder weniger nackt ist.