Forever Today - Tania Kindersley - E-Book

Forever Today E-Book

Tania Kindersley

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Beschreibung

Eine Geschichte, so schillernd wie ein Abendessen mit Oscar Wilde … Wenn das ganze Leben eine wilde Party zu sein scheint – bis eines Tages die Musik leiser und leiser wird … Als sie sich zum ersten Mal begegnen, ist Ash eine graue Maus und Virge ein Paradiesvogel. Trotzdem werden die beiden beste Freundinnen: An Virges Seite erlebt Ash während ihres Studiums in Oxford eine unbeschwerte und berauschende Zeit voller Partys, verbotener Flirts und glamouröser Urlaube. Doch was passiert, wenn das wahre Leben sie einholt? Je älter die beiden werden, umso mehr beginnt Ash zu ahnen, dass in Wahrheit sie die Stärkere der beiden Freundinnen ist – aber ist sie auch stark genug, um Virge vor sich selbst zu retten?  »Dieser Roman hat eine geradezu hypnotische Wirkung: Er ist so traurig, dass er wirklich zu Herzen geht, und steckt voller Weisheit.« Bestseller-Autorin Elizabeth Buchan in »The Times« Eine ebenso tragischer wie wunderschöner Roman für für alle Fans von Taylor Jenkins Reed und Emily Henry. »›Forever Today‹ gehört zu den Büchern, die man einerseits gar nicht mehr aus der Hand legen will, weil man unbedingt wissen möchte, wie es weitergeht, sich andererseits aber auch wünscht, dass es niemals endet.«  LeserIn 

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Seitenzahl: 384

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Über dieses Buch:

Wenn das ganze Leben eine wilde Party zu sein scheint – bis eines Tages die Musik leiser und leiser wird … Als sie sich zum ersten Mal begegnen, ist Ash eine graue Maus und Virge ein Paradiesvogel. Trotzdem werden die beiden beste Freundinnen: An Virges Seite erlebt Ash während ihres Studiums in Oxford eine unbeschwerte und berauschende Zeit voller Partys, verbotener Flirts und glamouröser Urlaube. Doch was passiert, wenn das wahre Leben sie einholt? Je älter die beiden werden, umso mehr beginnt Ash zu ahnen, dass in Wahrheit sie die Stärkere der beiden Freundinnen ist – aber ist sie auch stark genug, um Virge vor sich selbst zu retten?

»Dieser Roman hat eine geradezu hypnotische Wirkung: Er ist so traurig, dass er wirklich zu Herzen geht, und steckt voller Weisheit – er ist einfach sehr gut.« Bestseller-Autorin Elizabeth Buchan in »The Times«

Über die Autorin:

Tania Kindersley, Jahrgang 1967, studierte in Oxford Geschichte und lebte lange Zeit in London, bis sie sich aus der hektischen Metropole zurückzog und ihr Glück in Schottland fand. Sie hat zahlreiche Romane und Sachbücher veröffentlicht und arbeitet heute unter anderem als Schreibcoach.

Mehr Informationen über Tania Kindersley finden Sie auf ihrer Website: taniakindersley.com

Bei dotbooks veröffentlichte Tania Kindersley ihre Romane »Und morgen geht das Leben weiter«, »Als das Glück uns trotzdem fand«, »Ein Rezept zum Glücklichsein«, »Zwei Schwestern von allerbestem Ruf«, »Eine englische Sommerliebe«, »Ein Kuss in aller Unschuld«, »Forever Today« und »Our Last Summer«.

***

eBook-Neuausgabe Juni 2022, November 2024

Die englische Originalausgabe erschien erstmals 1997 unter dem Originaltitel »Don’t ask me why« bei Hodder & Stoughton, London.

Die deutsche Erstausgabe erschien erstmals 2000 unter dem Titel »Auf immer, nicht ewig« bei Drömer, München.

Copyright © der englischen Originalausgabe 1997 by Tania Kindersley

Copyright © der deutschen Erstausgabe 2000 Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München

Copyright © der Neuausgabe 2022, 2024 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung eines Motives von © Adobe Stock

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ts)

ISBN 978-3-98952-634-1

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Tania Kindersley

Forever Today

Roman

Aus dem Englischen von Angelika Naujokat

dotbooks.

In Liebe Dave gewidmet.

Kapitel 1

Ich war gerade achtzehn geworden, als ich Virge begegnete. Wenn wir uns später daran erinnerten, mochten wir das gar nicht glauben. Es schien uns immer so, als hätten wir uns von Geburt an gekannt, wären in dieselbe Grundschule gegangen, hätten zur selben Zeit unsere Vorderzähne verloren und zur selben Zeit erfahren, dass es gar keinen Weihnachtsmann gibt.

Es war der Sommer des Jahres 1985 – nicht gerade die großartigste Zeit meines Lebens. Es gab einen Jungen, meine erste große Liebe, wenn man so will; zumindest war er der Erste, mit dem ich geschlafen habe. Ich war nicht stolz auf meine Jungfräulichkeit und erleichtert, sie loszuwerden, aber ich hatte nicht damit gerechnet, dass er sie einfach nehmen und sich dann davonmachen würde.

Er blieb gerade lang genug, um sicher zu gehen, dass ich den Dreh auch raushatte, und dann rannte er, so schnell ihn seine kleinen Rattenfüße trugen, auf und davon. Meine Mutter begriff es nicht, aber sie verstand ja nie etwas. Sie erklärte mir, ich solle nicht den lieben langen Tag Trübsal blasen wie ein typischer, pampiger Teenager. Ich sei zu jung, um zu wissen, was Liebe ist, behauptete sie. Und ich solle keine Bergkette aus einem Maulwurfhügel machen. Aber was wusste sie schon? Als sie jung war, waren Teenager noch gar nicht erfunden.

Am sechsten Freitag, nachdem er mich verlassen hatte, kam Mum in mein Zimmer, warf mir ein Kleid aufs Bett und befahl, dass ich ausgehen sollte. Ich erwiderte, sie solle mich in Ruhe lassen. Aber sie hatte bereits drei Gin und eine Hand voll von dem Zeug intus, das in jener Woche gerade an der Reihe war. Am Ende gab ich nach. Ich zog das Kleid an. Wenigstens war es kurz und schwarz. Es gab nicht viel, was für meine Mutter gesprochen hätte, aber wenigstens hat sie nie versucht, mich in wässrig blauen Seidentaft zu stecken.

Ich bürstete mir mein platinblondes, raspelkurzes Haar, legte etwas Lippenstift in tiefstem Purpur auf – näher traute ich mich nie an einen Punk –, schlüpfte in meine purpurroten Stöckelschuhe, warf ihr einen mißmutigen Blick zu und sagte: »Und jetzt?«

Sie hatte mir sogar ein Taxi gerufen, das vor der Tür wartete. Dad war geschäftlich unterwegs – das glaubte schon lange niemand mehr – und ich vermutete, dass sie Besuch erwartete und mich loswerden wollte. Angeblich war es an der Zeit für mich, mal wieder unter Menschen zu kommen. Es gebe da eine Party, sie hätte alles arrangiert. Und dann verfrachtete sie mich ins Taxi und winkte mir nach.

Wir fuhren die Park Lane entlang zu einem dieser Hotels, die wie große, alte Ozeanriesen darauf zu warten scheinen, dass irgendeine Grande Dame daherkommt und eine Flasche Champagner an ihrem Rumpf zerbricht. An der Tür wartete ein Junge – solch ein Typ, den Mütter gern als geeignet bezeichnen. Ein einziger Blick auf seinen militärisch strengen Haarschnitt und seine gesunde, von frischer Luft gerötete Haut genügte, um zu wissen, dass er immer das Richtige tat. Er war nicht der Typ, der ein Mädchen schwängert, den Wagen seines Vaters schrottreif fährt oder wegen Drogenbesitzes festgenommen wird. Er hatte etwas Unsicheres und Gesundes an sich und sah aus, als ob er häufig badete.

Er errötete, als er mich erblickte, räusperte sich, blinzelte, stopfte seine Hände in die Taschen, zog sie wieder hervor und blickte sich um, als warte er auf jemanden, der ihn retten würde.

Für einen Moment bedauerte ich ihn mehr als mich selbst. Gebrochene Herzen heilen irgendwann wieder, aber er würde sein Leben lang so sein.

»Bist du Hugo?«, fragte ich.

Er atmete tief aus, schüttelte meine Hand und nickte eifrig. Auf und ab, auf und ab ging sein Kopf.

»Hugo«, sagte er. »Hugo.«

Er deutete auf sein Revers, lächelte mich eifrig an und gab einen Laut von sich, der wie eine Kreuzung zwischen Lachen und Husten klang.

»Ich bin der mit der rosa Nelke im Knopfloch.« Er lachte noch lauter, aber man merkte schnell, dass er nicht mit dem Herzen dabei war.

»Siehst du?«, sagte er. »Eine rosa Nelke.«

»Ich bin Ash.«

Hugo blickte mich verständnislos an.

»Ash?«

»Eine Abkürzung für Ashley.«

Eine Pause entstand. Wir blieben noch für einen Augenblick in dem hell erleuchteten Foyer stehen und überlegten, wer von uns beiden sich wohl unbehaglicher fühlte.

»Komm schon, Hugo«, forderte ich ihn schließlich auf und ergriff seinen Arm. »Das Ganze ist einfach zu peinlich. Tut mir wirklich Leid. Meine Mutter. Ich hatte in dieser Sache nichts zu sagen.«

Ein schwaches Lächeln schlich sich auf seine Lippen.

»Verstehe«, sagte er.

»Wir müssen ja nicht lange bleiben«, beruhigte ich ihn.

Es war eine dieser Partys, die gegeben werden, um irgendetwas zu retten: den Regenwald, den Pottwal oder etwas anderes. Als wir den Eingang zum Ballsaal erreichten, wusste ich sofort, dass das alles ein schrecklicher Fehler war. Der Lärm warf mich beinahe um. Wie eine Welle schwappte er über mich hinweg, ein gewaltiges, vielstimmiges, gellendes Getöse: der Klang des englischen Landadels in seinem Element.

Die Tische waren für das Abendessen gedeckt: schweres Tafelsilber, Kristallgläser und Leinenservietten, die man zu seltsamen Fächern gefaltet hatte, und dazwischen unglaublich geschmacklose Blumengestecke in sieben verschiedenen Orangetönen. An unserem Tisch saßen bereits sechs Leute und warteten darauf, dass es nun richtig losgehen würde. Die Mädchen hatten fette, rosafarbene Gesichter und aus ihren engen, rosafarbenen Kleidern quollen fleischige, rosafarbene Schultern hervor. Die Haut der Jungs glänzte rot und sie hatten sich die Haare mit Öl zurückgekämmt. Zwei von ihnen trugen – wahrscheinlich versuchten sie, ihre Individualität zu beweisen – auffallende Westen unter ihren Smokings: Eine war wie das Fell eines Leoparden getupft und die andere strahlte in einem grellen Orangeton.

Sie blickten auf, als wir an den Tisch herantraten, lächelten Hugo an, den sie offenbar kannten und ließen gleichgültig ihre Blicke über mich hinweggleiten.

»Ash«, sagte Hugo höflich. »Das sind Camilla, Lucy und Laura und Tarquin, Johnny und Harry. Und das hier ist Ash.«

Sechs ausdruckslose Gesichter nickten mir zu. Ich ließ mich auf einen Stuhl fallen und verspürte das Verlangen, etwas zu sagen, um ihre Aufmerksamkeit zu wecken: einige nette, eröffnende Worte über sexuelle Abartigkeiten oder harte Drogen oder satanische Rituale. Ich kam mir kindisch und dumm vor. Am liebsten hätte ich mit dem Fuß aufgestampft und gefragt, ob sie es jemals mit einer Ziege getrieben hätten.

Einer dieser seltsamen, alten Toastmaster in einem roten Gehrock und Kniehosen erklomm das Podium und kläffte irgendetwas von Lords, Ladys und Gentlemen ins Mikrofon.

»Abendessen«, sagte Hugo nickend.

»Abendessen«, echote ich.

Es gab schlechten Champagner und süßlichen Rotwein und Hühnchen in heller Soße und dazu spielte eine miese Band, die alte Beatles-Songs verhunzte.

Alle anderen schienen sich wunderbar zu amüsieren und versuchten laut schreiend, eine Unterhaltung in Gang zu halten.

»Geht ihr auch zum Oban-Ball?«

»Kommt ihr am Fünften mit auf die Jagd?«

»Seid ihr auf der Party der Barkers gewesen? Millie haben sie in den See geworfen und Harry hat auf Henriettas Mops gekotzt.«

Als wir uns halb durch den ersten Gang gegessen hatten, begann ein Junge mit gelangweiltem, überheblichem Gesichtsausdruck und einer blauen paillettenbesetzten Fliege, mit Brötchen um sich zu werfen. »Oh, der gute alte Johnny«, riefen Harry und Tarquin und grölten vor Lachen. »Auf Johnny ist Verlass.«

Das Mädchen, das neben Johnny saß und das fetteste und rosafarbenste von allen war, wäre vor Lachen beinahe vom Stuhl gefallen.

»Wisst ihr was?«, begann es und stotterte vor Übermut.

»Er hat diese Fliege in Croydon gekauft.«

»Nein«, entfuhr es den anderen Mädchen wie aus einem Mund. »Nein, nein, nein, hör bloß auf.«

»Doch, hat er«, erwiderte das fette, rosa Schweinchen und schien überaus zufrieden mit sich zu sein.

»Nein!«, riefen die anderen Mädchen keuchend, zogen die Augenbrauen in die Höhe und unterstrichen gestenreich ihre Verwunderung. Ich konnte nicht sagen, ob sie über die Hässlichkeit der Fliege schockiert waren oder über die Tatsache, dass jemand, den sie kannten, tatsächlich in Croydon gewesen war.

»Du willst uns doch nur aufziehen«, sagte Tarquin.

»Ist nicht dein Ernst«, vermutete Harry.

Johnny grinste, griff über den Tisch hinweg, nahm, ohne zu fragen, ein Brötchen von meinem Teller und warf es durch den Raum.

Das gab ihnen den Rest. Sie wälzten sich vor Lachen förmlich auf dem Boden. Es dauerte einige Minuten, ehe sie wieder reden konnten.

Hugo erzählte mir, dass er in der Armee sei. Ich erwiderte, dass ich darauf nie gekommen wäre. Er sah mich eine Weile lang fragend an. Dann schien es ihm endlich zu dämmern, denn er begann zu lachen. Ich bereute meine spitze Bemerkung. Schließlich war es ja nicht seine Schuld.

»Tut mir Leid«, sagte ich.

Er verzog sein Gesicht zu einer Grimasse und zog seine Augenbrauen entschuldigend in die Höhe. Das verleitete mich zu der Vermutung, dass er vielleicht doch irgendwo ganz menschlich war.

»Ist mein Vater schuld, weißt du.« Er zuckte mit den Schultern und rutschte auf seinem Stuhl herum. »Er ist der Ansicht, die Armee würde einen Mann aus mir machen.«

»Und? Tut sie das?«

»Bin mir nicht sicher.« Hugo runzelte die Stirn, kratzte sich am Ohr und dachte nach. »Irgendwas muss ich ja tun. Ich bin kein besonders heller Kopf, ehrlich gesagt. Zu dämlich für die Uni.«

Da vergab ich ihm alles. Ich amüsierte mich überhaupt nicht, war von Leuten umgeben, die man allesamt besser in die Wüste geschickt hätte, aber er war offensichtlich nichts weiter als ein anständiger Kerl, der sich redlich Mühe gab.

»Du solltest dich nicht selbst so herabsetzen. Es gibt verschiedene Arten von Intelligenz.« Das glaubte ich nicht wirklich – zumindest damals noch nicht –, aber ich wollte ihn ein bisschen aufmuntern.

Er warf mir einen dankbaren Blick zu und ich kam mir wie das größte Miststück im Universum vor.

»Also, eigentlich«, begann er plötzlich in einem vertraulichen Tonfall, »würde ich ja am liebsten Pferde züchten.«

»Ach, wirklich?« Ich hatte keinen Schimmer von Pferden – wenn man davon absah, dass mein Vater regelmäßig Geld beim Wetten auf sie verlor.

»Pferde!« Hugos rundes Gesicht begann zu leuchten, wirkte beinahe lebhaft. »Meine große Liebe. Das sind ganz wunderbare Kreaturen.« Doch schon fiel sein Gesicht wieder in sich zusammen. »Dad will nichts davon hören«, setzte er traurig hinzu. »Er sagt, das sei Schwachsinn.«

»Na ja«, erwiderte ich. »Man weiß ja nie.«

Hugos Gesicht hellte sich ein wenig auf und er nickte noch heftiger als zuvor mit dem Kopf. Auf und ab. Auf und ab.

»Genau! Man weiß ja nie.«

Nach dem Essen machte sich allgemeine Unruhe breit. Leute begannen von einem Tisch zum anderen zu wandern, zogen sich in Ecken zurück und blickten sich nach Sofas um, auf denen sie herumknutschen konnten. Die fetten Mädchen an meinem Tisch griffen nach ihren Handtaschen und marschierten schnatternd in Richtung Toilette.

»Das dauert jetzt eine halbe Stunde«, verkündete Johnny, der aufgehört hatte, mit Dingen um sich zu werfen und nun eine große, fette Monte-Christo-Zigarre rauchte. »Der Himmel weiß, was sie da drin treiben.«

Die Band begann »Tie a Yellow Ribbon Round the Old Oak Tree« zu spielen. Offenbar kannte sie ihr Publikum. Sobald die erste Strophe begann, stürmten alle auf die Tanzfläche und begannen wild durcheinander zu hampeln.

»Du amüsierst dich nicht besonders, nicht wahr?« erkundigte sich Hugo, der mich beobachtete. »Das tut mir Leid.«

»Ist ja nicht deine Schuld. Das hier ist bloß nicht mein Ding. Aber es hat nichts mit dir zu tun, das kannst du mir glauben.«

»Verstehe. Du bist wohl eine von diesen ... diesen Bohemiens?« Er lächelte verstohlen, als habe er gerade etwas Verbotenes gesagt. »So beatnik-mäßig.«

»Mäßig«, erwiderte ich lachend.

»Die Haare machen’s«, setzte er hinzu. »Meine Mutter hat mir erzählt, dass du ein Stipendium bekommen hast. Dazu hab ich nicht das Format.«

»Hugo«, sagte ich ernsthaft. »Du bist ein sehr netter Kerl und ich hoffe aufrichtig, dass du eines Tages eine sehr reiche Frau heiraten wirst, die dir viele Pferde kauft. Und dann kannst du deinem alten Herrn sagen, er soll sich die Armee sonst wo hinstecken und dich in aller Ruhe daran machen, den Gewinner des Grand National zu züchten.«

Er war zuerst verblüfft, doch dann begann sich ein Lächeln auf seinem Gesicht auszubreiten und ein schwaches, rebellisches Feuer schimmerte in seinen Augen.

»Das könnte mir gefallen.«

Später schleppte eine stämmige Blonde Hugo auf die Tanzfläche. Tarquin und Harry erzählten dem Tisch von sechzig Vögeln, die sie in der letzten Woche erlegt hatten. Die Mädchen, die auf der Toilette dicke Schichten rosafarbenen Lippenstift aufgetragen hatten, hingen an ihren Lippen. Ohne Hugos Schutz fühlte ich mich noch unwohler als zuvor. Ich versuchte, eine gleichgültige Miene aufzusetzen, rauchte eine Zigarette, gähnte ein wenig und blickte auf meine Armbanduhr.

Es war erst zehn. Wenn ich vor zwölf zu Hause auftauchte, würde meine Mutter sicherlich Theater machen. Was sollte ich nur in den nächsten zwei Stunden anfangen? Ich war mir nicht sicher, ob ich so lange mit Hugo über Pferde reden könnte, und außerdem wollte ich ihn nicht davon abhalten, seinen Spaß zu haben. Das hier waren schließlich seine Leute und er hatte ein Recht darauf, den Abend zu genießen.

Ich überließ Dead Eye Dick und seine Freunde ihren Jagdgeschichten und spazierte davon, um zu sehen, ob sich noch etwa anderes als dieser scheußliche Rotwein auftreiben ließ. Trunkenheit war jetzt die letzte Rettung. Ich hatte ein seltsames, beklemmendes Gefühl im Bauch, als ob ich außen vor bliebe und dem Treiben der anderen zusehen müsste. Ich verstand es einfach nicht. Es war ja nicht so, als ob ich drinnen sein wollte – nicht in diesem Haufen. Wie seltsam, dass, gleichgültig, wie sehr man Leute auch verachten mag, sie doch die Macht haben, einem ein Gefühl der Unzulänglichkeit zu vermitteln. Ich hatte plötzlich das unbezähmbare Verlangen, einfach weiter geradeaus, zur Tür hinaus auf die Straße zu laufen, aber ich wusste nicht, wohin ich hätte gehen können.

In der hinteren Ecke des Saals gab es eine Bar. Als ich dort ankam, traf ich auf ein groß gewachsenes Mädchen, das noch viel deplatzierter wirkte als ich und dem Barkeeper gerade eine Strafpredigt hielt.

Ich starrte die junge Frau an. Mein Interesse war geweckt. Sie war über einen Meter achtzig groß, hatte pinkfarbenes Haar und trug einen Rock, der so kurz war, dass man ihn kaum als solchen bezeichnen konnte.

»Was soll das heißen?«, fragte sie. »Sie müssen doch irgendwo Brandy haben. Irgendetwas über zwei Prozent.«

Der Barkeeper erwiderte gereizt: »Wie ich Ihnen schon sagte: Wir haben nur Rotwein oder Weißwein.«

Er war ein kleiner Mann und ich hatte den Eindruck, dass er auf Zehenspitzen stand.

»Oh, verdammt!«

»Tut mir Leid«, erwiderte der Barkeeper und es war offensichtlich, dass es ihm ganz und gar nicht Leid tat.

»Nur Wein«, sagte er, warf ihr den überheblichsten Blick zu, den man einem Menschen, der zehn Zentimeter größer ist als man selbst, überhaupt zuwerfen konnte und marschierte davon.

»Scheiße«, kommentierte die Frau.

»Brandy wäre wirklich nicht schlecht«, bemerkte ich beiläufig.

Sie drehte sich um und blickte mich an.

»Was soll das denn alles hier?« fragte sie.

»Keine Ahnung. Ich bin nicht freiwillig hier.«

Eine Pause entstand. Sie starrte mich immer noch an.

»Hast du ein bisschen Geld dabei?« erkundigte sie sich.

»Ungefähr dreißig Pfund.«

»Willst du weg von hier?«

Ich erwiderte ihren Blick. »Mehr als alles andere auf der Welt.«

Sie legte den Kopf in den Nacken und lachte. Es war ein kräftiges Lachen, das direkt aus dem Bauch heraus kam.

»Ich kenne da einen Laden«, sagte sie. »Lass uns losziehen.«

Ich machte mich auf die Suche nach Hugo, um mich zu verabschieden. Er war mit einem kleinen, runden Mädchen auf der Tanzfläche und machte Verrenkungen zu einer schauderhaften Version von Peggy Sue. Ich tippte ihm auf die Schulter. Er erstarrte und warf mir einen fragenden Blick zu. Das Mädchen sah mich so missbilligend an, als könne es nicht begreifen, wie Hugo jemanden wie mich auch nur kennen konnte.

Ich legte meinen Mund an Hugos Ohr und sprach laut, damit er mich über die Musik hinweg hören konnte.

»Ich gehe. Macht es dir etwas aus?«

»Nein, ganz und gar nicht«, entgegnete er freundlich.

»Kann ich dir nicht verübeln.«

Ich küsste ihn auf die Wange. Seine Tanzpartnerin machte den Eindruck, als würde sie jeden Moment Feuer spucken.

»Wiedersehen.«

Als ich mich zum Gehen wandte, salutierte er zum Abschied und wünschte mir viel Spaß.

Kapitel 2

Das große Mädchen wartete rauchend an der Tür.

»Lass uns hier verschwinden, bevor mich dieser fürchterliche Kerl sieht, mit dem ich hier verabredet war. Mein Name ist Virge.« Wir liefen die Treppe hinunter und durch das Foyer und gelangten durch die Schwingtüren in die Freiheit. »Ich erspare dir die Erklärung dafür, warum ich mich auf so was hier eingelassen habe.«

»Mein Name ist Ash. Und ich erspare dir die Erklärung für die Abkürzung.«

Draußen traf uns die warme Sommerluft.

»Ja, ja, ja!«, rief Virge und blickte in die Nacht hinaus, als gehöre sie ihr. »Taxi«, fügte sie, an den Portier gewandt, hinzu.

Wir fuhren durch die gespenstisch stillen Straßen von Mayfair. Die Fensterläden der Häuser waren geschlossen und alles ruhig und dunkel.

»Rauchen nicht gestattet«, las Virge laut von dem Schild ab, das auf die gläserne Trennscheibe zwischen Vorder- und Rücksitzen des Taxis geklebt war. »Nichts ist gestattet. Vor allem nicht, zu einem so dämlichen Wohltätigkeitsball zu gehen.«

»Wohin fahren wir?«

»Nach Soho. Da kenne ich einen Laden. Wird dir gefallen.«

»Aha. Soho.«

Ich hatte mein ganzes Leben in London verbracht, aber in Soho war ich noch nie gewesen. Ich hatte eine seltsame Angst davor. Es war ein Ort für Leute, die älter waren, Künstler, wild und klüger, als gut für sie war. Hugo hatte sich geirrt. Ich war keine Bohemien. Ich hatte manchmal Sehnsucht danach, ihr aber noch nie nachgegeben.

»Wofür steht Ash denn nun?«

»Für Ashley.«

Mein Dad war als junger Mann ein ziemlicher Büchernarr. Er hat mich nach Lady Brett Ashley aus Fiesta genannt. Sie war eine der coolsten Heldinnen der Literatur des Zwanzigsten Jahrhunderts, aber mit einem solchen Namen geschlagen zu sein, ist die Hölle.

»O je«, sagte Virge und schüttelte mit dem Kopf. »Eltern sollten doch wirklich verboten werden, was?«

»Ja. Das sollten sie.«

Wir überquerten den weiten Bogen, den die Regent Street beschreibt und fuhren in die kleineren Nebenstraßen, bogen rechts ab und dann links und noch einmal rechts und waren plötzlich im Herzen von Soho, umgeben von Lichtern und Lärm und verstopften Straßen, Männern auf Motorrädern und Menschen, Menschen, Menschen, die aus Bars und Cafés strömten, umgeben von Sex-Shops und Minicar-Schuppen und Spielsalons. Es war wie Karneval, großartig und farbenprächtig. So hatte ich es mir immer ausgemalt, aber noch nie mit eigenen Augen gesehen.

»Lassen Sie uns hier raus«, forderte Virge den Fahrer auf.

Ich bezahlte das Taxi und folgte Virge ein kleines Stück die Straße hinauf. Ein großer, kräftiger Mann trat uns in den Weg. Er hatte eine gebrochene Nase, eine tiefe Stirn und einen spitz zulaufenden Haaransatz und ich spürte, wie die Angst in meinen Nacken kroch. Doch zu meiner grenzenlosen Überraschung marschierte Virge geradewegs auf ihn zu, breitete die Arme aus, umarmte ihn, setzte ihm einen Kuss auf die eingedrückte Nase und strubbelte ihm durchs Haar.

»Da ist sie ja«, sagte er. »Da ist sie ja.«

»Don, mein Bester«, entgegnete Virge. »Das hier ist meine Freundin Ash.«

Don blickte zu mir herüber, lächelte noch breiter als zuvor und schüttelte meine Hand.

»Komm nur«, forderte Virge mich auf. »Es wird dir gefallen.«

Don führte uns eine schmale, feuchte Gasse entlang zu einer versteckt liegenden Tür und klopfte dreimal. Die Tür öffnete sich und schon waren wir drin. Ich hatte plötzlich das Gefühl, vom Orchestergraben in die Leinwand gestiegen und mitten in einem Film gelandet zu sein.

Am Eingang saß ein Kassierer in einer Kabine, aber Don winkte zu ihm hinüber und erklärte, es sei Virge, die müsse nicht zahlen. Virge küsste ihn erneut und erklärte, er sei ein ganz Netter, der netteste Mann, den sie kenne, und wir stiegen einige holprige, schmale Stufen in einen düsteren Keller mit niedrigen Decken hinunter. Es roch nach Zigaretten und Parfüm und dem Wein vom Vorabend. Überall waren Leute und alle blickten auf und schienen irgendwie erleichtert – es mag seltsam klingen, aber anders vermag ich es nicht zu beschreiben –, ganz so, als ob nun, da Virge da war, alles gut werden würde. Ich fragte mich, wer sie wohl sein mochte. Ich war ängstlich und aufgeregt zugleich und es kam mir so vor, als würden all die Dinge, von denen ich geträumt hatte, doch noch wahr werden. Später, als ich Virge besser kannte, erfuhr ich, dass dies eine ihrer Eigenarten war: Sie vermittelte einem das Gefühl, dass einfach alles möglich war. Aber in jenem Augenblick war alles noch neu und fremd und rätselhaft für mich und ich verstand nicht, was vor sich ging.

Ich folgte Virge in den Raum und blickte mich um, nahm alles in mich auf. Es gab drei Tische und eine Bar und eine kitschige Einrichtung: Kerzen in Chianti-Flaschen und Plastikpflanzen. Schottenkaros beherrschten das Bild. Sie fanden sich im Teppich, den Tischtüchern und auf dem Büffet wieder. Ich fand es hübsch.

Eine kleine Menschenmenge sammelte sich um Virge und alle begannen auf einmal, auf sie einzureden. Ich betrachtete die Leute neugierig. Sie waren ungefähr im gleichen Alter wie die Gäste auf der Party, die wir verlassen hatten, doch sie schienen aus einer anderen Welt zu kommen. Es gab keine rosafarbenen Taftuniformen. Stattdessen trugen sie ziemlich ausgefallene Sachen: Ein Mädchen hatte ein hauchdünnes, geblümtes Kleid aus den Fünfzigern an, ein anderes war ganz in Schwarzweiß gekleidet wie ein Pierrot und wieder ein anderes trug ein Kleid aus gelber Shantungseide. Einer der Jungs war in einem Teddy-Outfit erschienen, zwei andere im Edel-Schlabberlook, ein weiterer hatte ein Sid-Vicious-T-Shirt an und dazu knallrote, spitze Schuhe und einer war von Kopf bis Fuß in grünen Samt gekleidet.

Wir nahmen an einem der Tische Platz und ein Kellner brachte uns Bierflaschen, aber keine Gläser.

»Das ist Honey«, erklärte Virge.

»Hoppla, unser Party-Girl«, erwiderte Honey. »Wie unerträglich war es denn? Und wie hast du es geschafft, so früh wegzukommen?«

»Ich hatte Unterstützung.« Virge deutete auf mich. Ich fühlte mich stolz und gleichzeitig ein wenig unehrlich, denn eigentlich war sie es ja gewesen, die mich gerettet hatte und nicht umgekehrt, aber ich ließ es trotzdem durchgehen. Ich erlaubte mir einen kurzen Augenblick im Scheinwerferlicht.

»Das hier sind Min und Lula, Bluey, Dean, Stretch und Jez und Ange und Little Pete«, sagte Virge und deutete auf die fremden Gesichter am Tisch. »Das da ist Jack the Hat, der sich für einen Gangster hält, und Mean Gene, der glaubt, beinhart zu sein, und Backstage Dolly, die gern einmal vorn auf der Bühne mitmischen würde, wenn sie die Chance bekäme.«

»Hallo. Wie läuft’s denn so, ich bin Ash.«

»Fragt sie bloß nicht, wofür die Abkürzung steht«, sagte Virge lachend und der ganze Tisch stimmte ein, als verstünden alle den Witz. Und ich blickte in ihre klugen, markanten Gesichter und fragte mich, wie man wohl Leute wie diese kennen lernte. Wie war Virge nur auf sie gestoßen? Woher kannte sie Leute mit solch exotischen Namen, solch extravaganter Kleidung und solch gewandtem Gebaren? Danach hatte ich mich mein ganzes Leben lang gesehnt.

Sie saß da, ganz zwanglos, im Zentrum des Geschehens und während ich sie beobachtete, erinnerte ich mich an einen Film, den ich einmal gesehen hatte, ein Film über einen dieser Goldjungs an einem kalifornischen College. Dem fiele immer alles in den Schoß, hatte es da geheißen. Ich verstand nicht ganz, was daran falsch sein sollte. Je einfacher eine Sache war, desto besser – das dachte ich damals, als ich noch kleiner war. Für mich war nie etwas leicht. Mir fiel nie etwas in den Schoß. Ich war daran gewöhnt, um alles zu kämpfen. Es kam mir so vor, als würden auch Virge die Dinge in den Schoß fallen. Und ich beneidete sie darum – aber ich nahm es ihr nicht übel. Wenn ich sie so beobachtete, wie sie hoch aufgeschossen dastand mit ihrer seltsamen Frisur und ihren winzigen Klamotten, begriff ich, dass sie es verdient hatte, und ich wollte in ihrer Nähe sein, dieser Leichtigkeit nahe sein, als ob auf diese Weise etwas davon auf mich abfärben würde.

Nach Mitternacht wurde die Musik lauter und einige Paare begannen zu tanzen. Es gab keinen Tanzboden, sie nutzten den Platz zwischen zwei Tischen, und es schien niemandem etwas auszumachen. Es wurde alter Calypso gespielt und alle bewegten sich mit fließenden Bewegungen, als hätten sie schon immer gewusst, wie man zu dieser Musik tanzte.

Virge tanzte mit dem Jungen in dem grünen Samtanzug. Ich redete eine Weile mit Jack the Hat über Metaphysik, obwohl ich eigentlich gar nichts darüber wusste. Ich hatte nie Donne oder Marvell gelesen und ich war, was Philosophie im Allgemeinen betraf, nicht gerade auf dem Laufenden, aber diese Leute hatten etwas an sich, eine Fähigkeit, die ich später in gewisser Weise als den Kern von Virge erkannte: Sie gaben einem das Gefühl, mehr zu wissen, als man in Wahrheit wusste. Ich stellte erstaunt fest, dass ich mit Sachverstand über die Sexualität Byrons und über die Natur des Genies sprach und dann darüber spekulierte, ob Marilyn Monroe wirklich von der CIA ermordet worden war.

Später kam Virge dazu, setzte sich neben mich und erklärte mir, dass sie die perfekten Eltern habe.

»Das darfst du mir aber nicht übel nehmen. Ich wette, du hasst deine.«

»Und ob.«

»Siehst du? Siehst du?« Sie war ganz aufgeregt. »Ich wette, deine Mutter nimmt Tabletten, hat Liebhaber und wer weiß was noch.«

»Stimmt.«

»Hasst du sie? Tust du das?«

»Ja. Ich habe mir schon Sorgen gemacht, dass ich nicht normal bin, weil ich sie so hasse.«

»Tu das nicht. Ich bin diejenige, die nicht normal ist. Ich liebe meine Eltern. Das tue ich wirklich. Sie sind einfach perfekt, meine Mum und mein Dad. Aber damit stehe ich allein da.«

Ich lächelte sie an. Plötzlich kam ich mir wie eine Hundertjährige vor, die von Weisheit durchdrungen war.

»Manchmal«, sagte ich, »ist es härter, verstanden zu werden.«

Sie erstarrte und begann dann zu lachen, ehe sie mich forschend ansah, als wolle sie meine Gedanken lesen. Sie zog an ihrer Zigarette und lachte wieder.

»Du bist in Ordnung. Und du bist nicht auf den Mund gefallen.«

»Manchmal schon, aber meistens nicht.«

Virge hob ihr Glas.

»Auf meistens«, sagte sie.

Leute kamen und gingen, wie sie wollten. Das fand ich sehr cool. Es gab keine Öffnungszeiten und keine Regeln, die zu beachten waren. Die Luft war voller Rauch und Lachen, voller Beleidigungen und Witze.

Ich blickte auf meine Uhr und stellte erschrocken fest, dass es beinahe zwei war. Mum – scheinheilig, wie sie nun einmal war – bekam immer Panik, wenn ich bis zwei nicht zurück war. Ich überlegte, ob ich ein Taxi rufen oder besser den Nachtbus vom Trafalgar Square nehmen sollte. Trafalgar Square kam mir plötzlich schrecklich weit weg vor.

»Ash, das hier ist Gus, den musst du unbedingt kennen lernen.« Virge sagte das so nachdrücklich, als sei das Zusammentreffen mit Gus das Wichtigste überhaupt für mich, eine Art dringende Notwendigkeit, und ich kam zu dem Schluss, dass eine halbe Stunde nichts schaden könnte. Vielleicht würde ich noch jemanden treffen, der ein Auto hatte und zufällig in meine Richtung fuhr.

Gus stand vor Virge und blickte abwartend auf sie hinunter. Er schien zu wissen, dass er zu warten hatte. Er war groß, hatte lange, schlaksige Gliedmaßen und machte den Eindruck, als sei er in Wahrheit der geheimnisvolle Herrscher eines fernen Landes, dem sein Gefolge verloren gegangen war.

»Gus mag Matrosen«, verkündete Virge. »Das stimmt doch, nicht wahr, mein Schatz?«

Ich hatte noch nie gehört, dass jemand das Wort »Schatz« benutzte. Als Virge es aussprach, klang es irgendwie richtig und überhaupt nicht affektiert.

Gus schüttelte den Kopf und setzte sich neben mich.

»Achte einfach nicht auf sie«, riet er mir, als sei er mein lange verloren geglaubter bester Freund. »Es ist nur so, dass ich, was meine Sexualität betrifft, noch etwas unentschlossen bin. Virge glaubt immer noch, dass jemand, der vom anderen Ufer ist, auf Matrosen stehen müsse.«

Virge lachte, beugte sich vor, zog an seinem Ohr und küsste ihn auf den Mund.

»Ich bin bloß eifersüchtig. Ich will ihn ganz für mich allein. Dabei bin ich mir gar nicht so sicher, ob mir so ein gerütteltes Maß an Labilität gefällt.«

Ich musste mich zusammenreißen. Ich wollte nicht in stummer Überraschung mit weit offenem Mund dasitzen. Ich wusste natürlich über Männer Bescheid, die es mit Männern trieben – ich hatte Oscar Wilde und Noel Coward gelesen –, aber ich hatte keine Ahnung von Männern, die beides mochten oder nicht im Stande waren, sich zu entscheiden. Plötzlich wurde mir klar, wie jung ich noch war. Ich sah mich eigentlich gern als Frau, die wusste, wie es in der Welt zuging, aber unter diesen Leuten fühlte ich mich, als hätte ich gerade erst die Milchzähne verloren.

»Gus, das ist Ash«, stellte mich Virge vor. »Sag hallo.«

Wir schüttelten einander zur Begrüßung die Hände.

»Es ist mir ein Vergnügen«, sagte Gus, und es klang, als meinte er es ernst. Er blickte mich ohne jegliche Verlegenheit forschend an.

»Seltsam«, sagte er.

»Was ist?« fragte ich.

»Beinahe symmetrische Züge«, erwiderte er.

»O nein, nicht doch«, sagte Virge lachend. »Gleich wird er dir erklären, dass die Fähigkeit, einen perfekten Kreis zeichnen zu können, auf die Genialität eines Menschen schließen lässt.«

»Aber sieh doch selbst. Es ist so. Vielleicht nicht ganz, aber beinahe.«

Ich hatte keine Ahnung, wovon er redete. Vor kurzem hatte ich mir in der Hoffnung, interessanter auszusehen, die Haare gefärbt. Ich hatte blaue Augen, die manchmal grau und dann wieder beinahe grün schimmerten, je nachdem, in welcher Stimmung ich gerade war und wie das Licht einfiel. Meine Lippen waren nicht voll genug, um sie als üppig zu bezeichnen, wie ich es mir wünschte, und in meinem breiten Gesicht fielen nicht die Wangenknochen, dafür aber viele Sommersprossen auf. Ich hätte so gern jemandem ähnlich gesehen: Rita Hayworth oder Siouxie von den Banshees, Jean Seber oder Audrey Hepburn. Dabei war ich weniger auf Schönheit aus als vielmehr auf Charakter. Ich wünschte mir, daß die Leute sagten: Oh, du siehst aus wie ... Aber das taten sie nie.

»Ist das gut oder schlecht?« erkundigte ich mich bei Gus, weil ich das Gefühl hatte, er könne mir vielleicht weiterhelfen.

»Gut. Für einen Maler.«

»Gus ist Maler«, fügte Virge erklärend hinzu. »Das behauptet er zumindest.«

»Oh«, sagte ich, warf wieder einen verstohlenen Blick auf meine Armbanduhr und fragte mich, ob Gus möglicherweise ein Auto hatte oder in der Nähe von Maida Vale wohnte und ob ich den Mut aufbringen würde, ihn zu fragen. Ich wollte die Party nicht kaputtmachen und hatte auch keine Lust zu verschwinden, wo er doch gerade erst gekommen war. Im Übrigen war es ohnehin zu spät und vielleicht war es auch langsam an der Zeit, rebellisch zu werden. Warum sollte ich mir über so langweilige Dinge wie mein Zuhause und meine Mutter Gedanken machen? Hier gab es Musik, hier wurde getanzt, man konnte sich amüsieren, die Kellner hießen Honey, die Mädchen hatten pinkfarbene Haare und die Männer trugen flaschengrüne Samtanzüge.

Kapitel 3

Nach dieser Nacht verlor ich Virge aus den Augen. Wir waren noch lange in dieser düsteren Bar geblieben und hatten uns wie alte Bekannte unterhalten. Und so war es mir unpassend und taktlos erschienen, mich nach so gewöhnlichen Dingen wie Namen und Adressen und Telefonnummern zu erkundigen, als ich ging.

Ich wünschte mir mehr als alles andere auf der Welt, ihre beste Freundin zu werden. Wie wundervoll würde es sein, mit siebzig nach Jahren voll ungebrochener Intimität die vielen Erinnerungen zu teilen und auf die gute alte Zeit zurückzublicken.

Aber sie hatte nichts gesagt und ich auch nicht und schließlich war ich doch nach Hause gegangen. Ich war mit dem schrecklichen Gefühl des Verlustes und der verpassten Chance in die Nacht hinaus gelaufen. Dann tröstete ich mich damit, dass wir uns zwangsläufig wieder sehen würden, aber ich wusste auch, dass dies in einer Stadt von zehn Millionen Menschen nicht notgedrungen so sein musste.

Ich hatte noch nie eine richtige Freundin gehabt. Es gab Leute, die ich von der Schule her kannte, aber die Beziehungen hatten etwas Vorübergehendes, waren nicht mehr als ein Kompromiss, etwas, das für den Augenblick reichte, aber nichts von Dauer war. Manchmal kam mir auch der Gedanke, dass ich einfach nicht im Stande war, echte Freundschaften zu schließen oder zumindest nicht wusste, wie man sie am Leben erhielt. Daher sehnte ich mich sehr nach Virge, aber ich sah sie nicht wieder, und das machte mich traurig.

Im September ging ich nach Oxford. Ich kaufte Bücher und Mappen und Ordner und liniertes Papier, Kugelschreiber und einen Füllhalter und Löschpapier und einen kleinen Plattenspieler. Ich träumte von Zuleika Dobson und Wiedersehen mit Brideshead. Meine Gedanken beschäftigten sich mit Auden und Isherwood, Shelley und Byron und mit all den Spionen und Revoluzzern. Als ich das Gebäude mit den verträumten Spitztürmen betrat, war ich davon überzeugt, dass ich mich von Dichtern und Dramatikern und von Leuten umgeben wieder finden würde, deren Ziel es war, die Welt zu verändern.

Ich wurde nicht enttäuscht. Oxford nahm mir den Atem, als ich das erste Mal über den Oriel Square fuhr. Dort erhob sich das alte, aus hellem Gestein gemauerte Oriel College, ich sah die schwarzen Pflastersteine des Platzes, den hohen Eingangsbogen des Christ Church College, den Pförtner mit der Melone. Ich hatte das Gefühl, dass mir hier nichts Böses widerfahren könnte, dass die Atombombe nicht fallen würde, dass, auch wenn die westliche Zivilisation um uns herum zerfiele, dieser kleine Winkel unberührt bliebe.

Das lag an den Menschen. Sie sahen gar nicht aus wie Anarchisten oder Akademiker oder Genies. Sie trugen Jeans und Pullover und ganz gewöhnliche Anoraks. Niemand sprach in jambischen Versen. Und alle nahmen nur beiläufig Notiz von ihrer Umgebung, ohne in Ehrfurcht zu erstarren. Für sie war es ein Ort, an dem sie ihre Examina erwarben, um dann mit ihren Urkunden hinaus in die Welt zu gehen.

Die Pförtner machten ihre Sache besser. Zumindest sahen sie in ihren schicken, glänzenden, schlecht sitzenden Anzügen so aus. Sie konsultierten Listen, nannten mich Miss und machten den Eindruck, als würden sie schamlos ausgenutzt. Mein Zimmer – es war klein und mit Holzpaneelen versehen – lag im Erdgeschoss von Peckwater Quadrangle, das alle vertraulich Peck nannten. Wenn ich mich weit aus dem Fenster lehnte und den Hals reckte, konnte ich die weiten Bögen der Bibliotheksfenster sehen.

Ich schleppte meine Kisten hinein und begann auszupacken. Ich hatte einige Dinge meiner Mutter mitgehen lassen: einen alten Webteppich, zwei schwere, versilberte Kerzenleuchter und eine gewölbte Lupe, einen so genannten Butler-Spiegel. Sie hatte ein vergoldetes Gestell und mein Spiegelbild darin war ganz verzerrt. Ich hatte alte, in Leder gebundene Bücher mitgebracht und einige schlechte Bilder in guten Rahmen. Ich verbrachte einige Stunden damit, das Zimmer einzurichten. Dann war es mein Zimmer. Ich blickte mich um und fragte mich, was wohl als Nächstes geschehen würde.

Plötzlich überkam mich ein Gefühl der Leere. Ich ging mit unsicheren Schritten in dem kleinen Raum umher. Draußen liefen Leute in kleinen Gruppen herum, lachten, unterhielten sich und riefen einander etwas zu. Ich ließ mich auf meinen Schreibtischstuhl fallen und begann, die Zettel durchzublättern, die ich in meinem Fach gefunden hatte. Die Gesellschaft Christi lud mich für halb fünf zu einem Willkommens-Tee ein. Ich schüttelte mürrisch den Kopf. Mit denen wollte ich nichts zu tun haben. Ich hoffte doch darauf, dass mein Leben nun endlich beginnen würde.

Ich war gerade dabei, mich so richtig verlassen zu fühlen, als Virge an mein Fenster klopfte. Einerseits war ich völlig verblüfft, andererseits aber schien es mir völlig normal, sie hier zu sehen. Ich öffnete das große Schiebefenster und sie kletterte mit Gus im Schlepptau herein.

»Gus ist sauer,« sagte sie. »Er ist nämlich in Meadows untergebracht.«

»Woher wusstest du, dass ich hier bin?«, fragte ich. Es hätte mich ganz und gar nicht überrascht, wenn sie mir von hellseherischen Fähigkeiten erzählt hätte und dass eine geheimnisvolle Kraft sie zu mir geführt hatte.

»Von Jack the Hat. Du hast ihm doch erzählt, dass du nach Oxford gehen würdest, schon vergessen?« erwiderte sie. »Ich habe die Pförtner gefragt. Die wussten Bescheid. O ja, sagten sie, die mit den komischen Haaren. Du hast einen ziemlichen Eindruck im Pförtnerhaus hinterlassen.«

»Sieh an, sieh an. Wer hätte das gedacht?«

Virge blickte sich um und ging zum Sofa hinüber, über das ich eine abgenutzte Bettdecke mit einem William-Morris-Druck gebreitet hatte. Sie nahm darauf Platz und machte es sich gemütlich, als hätte sie schon immer dort gesessen. Gus lächelte mich an und schritt an der Wand entlang, um die Bilder zu betrachten.

»Hallo, Gus«, sagte ich.

»Ich bin ganz in der Nähe«, erklärte Virge. »Direkt um die Ecke in Canterbury.«

Gus verzog das Gesicht. »Einige Leute haben immer Glück«, brummte er.

»Du kannst mich ja besuchen kommen, mein Schatz«, sagte sie. »Schleich dich durch die Gänge und lass dich in der zivilisierten Welt willkommen heißen.«

»Sebastian Flyte hat in Meadows gewohnt«, sagte ich.

»Erinnert ihr euch an die Szene auf der Party, in der Anthony Blanche Das wüste Land durch ein Megaphon rezitiert und die Ruderer auf ihrem Rückweg vom Fluss so überrascht sind?«

»All diese fleischigen Jungs«, sagte Virge sehnsüchtig.

»Das ist aus einem Buch, mein Herz«, teilte sie Gus mit.

»Gus liest nur die Kunstkritiken von Ruskin«, fügte sie an mich gewandt hinzu. »Es hat gar keinen Sinn, ihn mit literarischen Anspielungen zu konfrontieren.«

Sie lächelte mich an und zündete sich eine Zigarette an. Sie trug einen langen, scharlachroten Mantel, der ihr bis zu den Knöcheln reichte, und ihr Haar hatte immer noch denselben Pinkton wie auf der Party. Ich fand, dass sie toll aussah. Meinetwegen hätten die beiden für immer in meinem Zimmer sitzen bleiben können.

»Diese Bilder sind schrecklich«, erklärte Gus freundlich.

»Ich weiß«, erwiderte ich. »Aber die Rahmen sind schön.«

»Du solltest einige von Gus’ Werken aufhängen«, sagte Virge.

»Ich habe aber kein Geld«, entgegnete ich.

»Er nimmt auch einen Schuldschein. Erst durch Entbehrungen werden wir doch so richtig gut, nicht wahr?«

Später gingen wir dann zu Virge. Sie erwartete Besuch.

»Ich glaube, mein Bruder wird mal vorbeischauen«, sagte sie.

Ihr Zimmer war zweimal so groß wie meins und lag im ersten Stock. Es passte zu Virge, dass sie schon im ersten Jahr ein Zimmer bekam, um das sich normalerweise Leute stritten, die im dritten Jahr hier studierten. Ich glaubte zuerst, dass sie an der richtigen Stelle das Richtige gesagt hatte, aber später fand ich heraus, dass es ein Durcheinander im Büro des Aufsichtsbeamten gegeben und sie zufällig das Zimmer bekommen hatte. Jedenfalls war es ein hübscher Raum, der gut zu ihr passte, sehr großzügig und mit seltsamen Dingen vollgestopft.

»Meine Eltern haben einen Dachboden«, erklärte sie.

Es gab eine Büste von Voltaire und zwei steinerne Urnen, aus denen Geranien wuchsen. Der Boden war mit einem portugiesischen Gobelin bedeckt und sie besaß gute Möbelstücke: zwei Stühle, die nach Chippendale aussahen, und einen Spieltisch aus dem achtzehnten Jahrhundert. Zwei Wände waren mit Bücherregalen bedeckt und an einer dritten hing eine Vielzahl von Drucken, die Bauwerke zeigten. Das überraschte mich.

»Ich würde gern Architektin werden«, erklärte Virge, als sie meinen Blick sah. »Aber man muss sich zwei Jahre mit Rohren und Leitungen abgeben, ehe es überhaupt richtig losgeht, und ich glaube nicht, dass meine Nerven das aushalten würden.«

»Tee?« erkundigte sich Gus.

»Wenn du ihn machst«, erwiderte Virge. Sie hatte sogar richtiges Porzellan – Tassen und Unterteller und eine Teekanne. »Lasst uns kultivierten Luxus genießen!«, war einer ihrer Wahlsprüche. »Was bleibt uns denn sonst noch?«

»Dagegen bin ich allergisch«, erwiderte ich.

Virge zog beeindruckt die Augenbrauen in die Höhe.

»Gegen Tee? Nun stell sich das mal einer vor!«

»Ich mag lieber Kaffee.«

»Hast du gehört, Gus? Kaffee!«

Also tranken wir stattdessen Kaffee und Virge bat nie wieder um Tee.

Ihr Bruder kam doch nicht vorbei, dafür aber jede Menge anderer Leute. Es war niemand darunter, den ich in diesem Club in Soho gesehen hatte, aber alle schienen irgendwie mit den Leuten dort zu tun zu haben.

»Lula hat uns gesagt, dass wir dich hier finden würden.«

»Wir haben uns noch nicht kennen gelernt, aber Bluey hatte uns eine Nachricht geschickt.«

Sie waren ganz und gar nicht wie die Studenten, die ich auf meinem Weg hierher gesehen hatte. Sie gaben mir den Glauben an die Menschheit zurück. Sie spielten ihre Rolle, wie Virge und ich es taten. So, als wollten sie sagen, wir haben auch keine Ahnung, was wir mit dieser Welt anfangen sollen, aber wir veranstalten einfach mal ein großes Theater und sehen, was wir daraus machen können. Jungs wie Mädchen hatten lange Haare, ihre Klamotten waren exzentrisch und sie benutzten Worte wie epizönisch und Beauté und Schatz.

An jenem ersten Abend war das Zimmer so voll, dass ich nicht im Stande war, mir alle Gesichter zu merken. Ich lehnte mich einfach zurück und genoss die Vorstellung. Das ist Oxford, dachte ich. Das ist es. Ich bin wirklich hier. Sieh dir nur all diese gescheiten jungen Menschen an.

Sie waren tatsächlich gescheit und Virge war die Gescheiteste von allen. Als die Sonne langsam unterging, öffnete sie mehrere Weinflaschen, und wir saßen da und rauchten und tranken und redeten. Virge legte Offenbach auf. Zumindest sagte irgendjemand, dass es Offenbach sei. Ich hatte nicht viel Ahnung von klassischer Musik. Mozart sagte mir etwas, aber auch von ihm kannte ich nur eine einzige Symphonie, und die kannte jeder.

Ich hatte mich auf die Fensterbank gesetzt, um in den kleinen Hof hinuntersehen zu können. Ich war zufrieden damit, einfach nur so dazusitzen und den Gesprächen zu lauschen, während das Tageslicht schwand und die Dämmerung einsetzte.

Gus kam herüber und setzte sich neben mich. Für eine Weile sagte keiner von uns ein Wort.

»Bist du immer noch unentschlossen?«, fragte ich schließlich.

Er schien genau zu wissen, wovon ich redete, und er gab mir das Gefühl, dass er es als beleidigend empfinden würde, wenn ich die Dinge offen aussprach.

»Ja«, erwiderte er.

»Woher weißt du das? Woher weißt du, dass du unentschlossen bist?«

Ich war neugierig. Ich hatte noch nie in dieser Weise über Mädchen nachgedacht.

»Weil ich beides will. Das war schon immer so. Ich wollte immer alles.«

»Und Virge?«

»Die auch.« Er blickte mich für einen Moment forschend an, ganz so, als wolle er überprüfen, ob meine Züge immer noch so symmetrisch waren, wie er sie in Erinnerung hatte. »Nicht in sexueller Hinsicht«, fuhr er fort. »Aber was alles andere angeht.«

»Ich weiß gar nicht, was ich vom Leben will. Mir ist nie der Gedanke gekommen, dass ich die freie Wahl habe.«

»Du musst dir hohe Ziele setzen. Man kann nämlich nie alles haben, aber wenn du versuchst, an die Spitze zu kommen, schaffst du es vielleicht bis zur Mitte. Aber wenn du die Mitte anpeilst, landest du vielleicht auf dem Boden, und das wäre fürchterlich.«