Forrester träumt - Andrea Fondermann - E-Book

Forrester träumt E-Book

Andrea Fondermann

0,0

Beschreibung

Jeremias Forrester, ein 63 Jahre alter Richter aus Boston, beginnt eines Tages auf beunruhigende Weise zu träumen. In seinen Nächten erlebt er eine ferne Vergangenheit und eine irritierende Perspektive auf eine mittelalterliche, flämische Stadt. Eine Entschlüsselung seiner Träume zeigt, dass der holländische Maler Hieronymus Bosch (1450 - 1516) seine Nächte beherrscht. Jeremias Forrester begibt sich auf Anraten seines Arztes nach Hertogenbosch in den Niederlanden, um sich seinen Träumen zu stellen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 300

Veröffentlichungsjahr: 2017

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Jeremias Forrester, ein 63 Jahre alter Richter aus Boston, beginnt eines Tages auf beunruhigende Weise zu träumen. In seinen Nächten erlebt er eine ferne Vergangenheit und eine irritierende Perspektive auf eine mittelalterliche, flämische Stadt. Er findet sich im Körper eines Kindes, erlebt dessen Wahrnehmungen und Gedanken. Zudem schreiten Forresters Träume chronologisch fort, sein Traum-Ich wächst und entwickelt sich.

Ein Zufall hilft ihm, diese Träume zu entschlüsseln. Der holländische Maler Hieronymus Bosch (1450-1516) ist es offensichtlich, der seine Nächte beherrscht. Forrester erhält von einem Psychiater, den er in seiner Verzweiflung aufsucht, den Auftrag, sich als Therapie seinen Träumen zu stellen, diese in einem Buch aufzuschreiben und den Ort seiner Visionen zu erkunden.

Also fliegt Jeremias Forrester nach Europa, nach Hertogenbosch in den Niederlanden…

Inhaltsverzeichnis

Jeremias

Hieronymus

Jeremias

Hieronymus

Jeremias

Hieronymus

Jeremias

Hieronymus

Jeremias

Hieronymus

Jeremias

Hieronymus

Jeremias

Hieronymus

Jeremias

Hieronymus

Jeremias

Hieronymus

Jeremias

Nachwort

Jeremias

Während die Maschine den Weg zum Rollfeld nahm, begannen ihre Motoren mit einem Sausen, das die Vorbereitung zum Abheben schon in sich trug. Jeremias schloss nervös die Augen und atmete tief durch. Das Geräusch wurde lauter. Es hatte eine Unerbittlichkeit in sich, die hörbar war. Das metallische Röhren einer Urgewalt. Er fröstelte. Das riesige Flugzeug verharrte kurz, der Ton steigerte sich, gleichzeitig rüttelte die Maschine sanft und tankte Kraft wie ein Tier, das sich duckt, um loszuspringen. Jeremias öffnete die Augen, um noch einen Blick auf den Terminal von Boston zu werfen, dort stand Kate. Sicher weinte sie wieder. Sicher hatte sie wieder diesen Ausdruck im Gesicht, der ihn so hilflos machte. Sie war für ihn schon lange nicht mehr sichtbar. Das Dröhnen der Maschinen wurde zu einem schrillen Kreischen, als das Flugzeug Anlauf nahm. Die Kraft presste ihn in seinem Sitz zurück. Jetzt sprang das Flugzeug, es ging steil nach oben. Sie waren in der Luft. Vielleicht hätte er doch in seiner Heimat bleiben sollen. War nicht alles ein Fehler? Jetzt war es zu spät, um Entscheidungen rückgängig zu machen. Gequält wandte er den Blick von seinen im Schoß verknoteten Händen. Wieder hatte er viel zu viel Kraft in dieser Bewegung, er erinnerte sich an Dr. Millar und entspannte die Hände, die Arme, die Schultern.

Die Stewardess beugte sich lächelnd über ihn und bot Getränke an. Ihr Gesicht kam Jeremias wie eine Maske vor, sie lächelte. Jetzt, als die Maschine in der Luft war, nahm er seine Umgebung deutlicher wahr. Das Kabinendach wölbte sich über ihm in einem angenehmen grünlichen Dämmer. Die Geräusche der Motoren klangen jetzt ganz anders, sanfter, schnurrend. Die Menschen um ihn herum schienen in keiner Weise beunruhigt. Eine weißhaarige Dame jenseits des Ganges las in aller Ruhe die Zeitung, sie hatte das schon vor dem Abflug getan. Die Stewardess ging weiterhin lächelnd durch die Reihen und verteilte Getränke, der Wagen, den sie schob, klirrte leise und verheißungsvoll. Jetzt tat es Jeremias leid, dass er nichts genommen hatte. Er entspannte sich und warf sogar den ersten Blick aus dem Fenster, das schräg vor ihm lag, die Perspektive der Götter. Die Sonne schien dort oben. Ihre Strahlen erreichten die Oberfläche der Wolkenberge, die schneeweiß strahlten. In einem Moment vergaß Jeremias seine Ängste. Er war schon oft geflogen, aber immer wieder staunte er über diese Möglichkeit. Dieses Licht, diese Wolken. Endlos erstreckten sich diese Phantomberge, das Flugzeug glitt hinein, versank in einem trüben Dunst und Nebel, um an einer anderen Stelle wieder herauszutreten in die strahlende Helle.

Die Wolken sahen schneeig und fest aus, obwohl sie natürlich durchlässig waren, Wasserdampf eben. Er dachte unwillkürlich an die vielen Deckenfresken, die solche Wolken mit Engeln und Heiligen besetzt hatten, mit Blumenkränzen und der Erscheinung Gottes. Immer hatten diese Figuren mitleidig auf die Erde hinuntergeblickt, hatten lockend gewunken oder stolz die Symbole ihrer längst vergangenen Marterungen gezeigt. Er hatte Wolken auf Bildern immer geliebt. Jetzt befand er sich mitten zwischen ihnen. Unerwartete Leichtigkeit erfüllte sein Herz. Aufseufzend hob er seine Hand, um die Stewardess um ein Glas Whisky zu bitten.

Der Alkohol hatte ihn müde gemacht und einschlafen lassen. Als Jeremias erwachte, war es vor dem Fenster schon dunkel. Er war von einem unangenehmen Gefühl wach geworden, hatte sich aber nur im Schlaf in eine unbequeme Stellung gebracht. Vorsichtig massierte er seine schmerzenden Beine. Die Träume waren für dieses Mal ausgeblieben. Gott sei Dank. Seufzend lehnte er sich vor, um aus dem winzigen Fenster blicken zu können. Er sah nur Dunkelheit. Dann blickte ihn aus der Scheibe sein Spiegelbild an, ein Mann, dem man seine 63 Jahre wohl ansah, ein hageres Gesicht mit einer Flut von wirren weißen Haaren, buschig und störrisch. Er beugte sich nach vorn. Seine Augen waren in der Spiegelung der Scheibe nicht zu erkennen, die Augenbrauen stachen beinahe furchterregend aus dem Bild, seine lange, schlanke Nase führte zu tiefen Furchen um einen resignierten Mund. Er wandte sich ab. Immer wieder hatte man ihm gesagt, dass dieses Gesicht sehr holländisch sei. Diese Feststellung hatte ihm früher immer geschmeichelt, obwohl es in seiner Familie keinen Vorläufer gab. Eine solche Physis war auf keinem Photo zu sehen, er kannte keinen aus seiner Familie, der solche Haare hatte, eine solche Nase. Nur seine Augen, blassblau verwaschen, die hatte er bei seinem Großvater mütterlicherseits selbst gesehen. Auf den üblichen Photos, auf denen sich die Sippe versammelte, wirkte er immer wie ein Fremder, ein Außenstehender. Als junger Richter war er stolz auf sein Aussehen gewesen. Zwischen den anderen Menschen war er immer eine auffallende Erscheinung, groß, hager, ungebeugt. Er lächelte unwillkürlich und griff nach der Tasche, die neben ihm stand. Natürlich war sie noch da. In den letzten Jahren war er über sein Aussehen nicht mehr so glücklich gewesen. Es hatte ihn eher beunruhigt.

Die Stewardess hatte mit dem Servieren des Abendbrots begonnen. Die Passagiere klappten ihre Tischchen herunter, um das Tablett darauf zu stellen. Jeremias war erneut froh, dass der Platz neben ihm frei war. Er konnte sein kostbares Handgepäck bei sich behalten, es in Griffweite aufbewahren, das tröstete ihn. Hier saß er nun, in diesem Flugzeug von Boston nach Schiphol, dem Flughafen von Amsterdam. Nur Kate, seine Frau, wusste davon. Jetzt waren knapp vier Stunden vergangen seit ihrem Abschied, und schon verblassten ihr Bild und das seiner Freunde. Alle glaubten, dass er eine normale Auszeit nähme, eine Erkundungstour in die Vergangenheit seiner Familie, ganz allein. Niemand machte ihm daraus einen Vorwurf, er war deutlich beeinträchtigt gewesen in der letzten Zeit. Während das Flugzeug Jeremias über die schwarzen, kalten Wasser des Atlantiks trug, saß er ernst und erwartungsvoll auf seinem Sessel und lauschte den Geräuschen, die ihn umgaben. Er würde diese Reise zu Ende bringen. Er würde die Lage bewältigen. Jeremias entfernte die Plastikhüllen von seinem Imbiss und bemühte sich darum, alles ordentlich zu verstauen. Er kaute bedächtig und langsam, sein Blick blieb gesenkt.

Vor zwei Jahren hatte die Krankheit, diese Störung, angefangen. Er hatte einen ersten Traum gehabt, der ihm eigenartig vorkam. Es war dieser Traum aus der Sicht eines Kindes. Beim Erwachen hatte er länger als sonst gebraucht, um aus der Welt des Traumes zurückzufinden. Er konnte sich noch genau erinnern, wie er mit offenen Augen in seinem Bett gelegen hatte, unfähig, ein Glied zu rühren, die Wucht der Empfindungen noch ganz in sich. Auch während der nächsten Tage war dieses Gefühl nicht vollständig gewichen. Er hatte sich wiederholt erinnert. Dann folgte eine traumlose Phase mit schwarzen Nächten, bis der nächste Traum kam. Als er erkannt hatte, dass er sich in einer Chronologie befand, war er zutiefst erschrocken. Er hatte alles wiedererkannt, seine Hände, seinen kindlichen Körper und die anderen Menschen. Von diesem zweiten Traum an war er in seiner Arbeit abgelenkt. Er hatte Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren. Der zweite Traum hatte eindeutig Elemente des ersten fortgeführt, die Personen, die Örtlichkeiten, die Lebensumstände. Er war beunruhigt. Kate, der er es erzählte, reagierte abwesend, nahm ihn nicht ganz ernst. Als einige Tage später der dritte Traum kam, ging Jeremias zu einem bekannten Psychiater. Dr. Millar hörte sich alles in Ruhe an. Dann hatte eine Behandlung begonnen. Der Arzt hatte ihm empfohlen, alle Träume ganz genau aufzuschreiben, als sei es eine Erzählung. Jeremias war darüber nicht glücklich, denn wenn er alles aufschrieb, bekamen diese Visionen einen neuen Grad von Wirklichkeit. Auch dass er mit Füller schreiben musste in ein Buch, das behagte ihm nicht. Er hätte lieben den Computer benutzt. Er tat aber, was der Arzt verlangte, denn inzwischen waren die Nächte zu einer echten Belastung geworden. Er wollte geheilt werden. Zu Beginn hatte er zögerlich und eher widerwillig protokolliert, was ihm nachts zugestoßen war. Mit der Zeit entwickelten die Vorgänge einen immer stärkeren Sog. Er schlug das Buch auf und schrieb ohne viel nachzudenken, wie um sich von einer Last zu befreien. Insofern waren die Aufzeichnungen schon eine Hilfe, da hatte sein Arzt Recht.

In den ersten Wochen, wenn Jeremias sich ins Bett legte, fürchtete er sich vor den Träumen. Nicht, weil er so schreckliche Dinge im Traum erlebte, sondern weil er das Gefühl hatte, dass die Traumwirklichkeit langsam, aber sicher die Realität angriff. Zunächst nagte sie nur an den Rändern der Wirklichkeit, dann ertappte er sich dabei, wie er mittags in der Kantine des Gerichtes saß, aus dem Fenster blickte, und wie sich vor seine Augen ein Bild aus seinen Träumen schob.

In seinen Träumen war er zuerst ein kleines Kind, später ein Heranwachsender in den Niederlanden. Es war wahrscheinlich die Zeit um 1500. Die Stadt, die er immer wieder sah, war rein mittelalterlich, aus einem Film entsprungen, dunkel, eng, mit der Baustelle einer riesigen Kathedrale in der Mitte. Die Stadt hieß Hertogenbosch, die Kathedrale, die gebaut wurde, hieß Sint Jan. Er konnte in seinen Träumen reden, handeln, fühlen, ja sogar riechen. Er sprach eine andere Sprache, Niederländisch. Er konnte sich während seiner Träume an die anderen Träume vollkommen erinnern. Er empfand Gefühle mit großer Intensität. Dr. Millar hatte ihm klargemacht, dass er den Ursprung würde herausfinden müssen für diesen Eskapismus. Es war eine Art von Flucht, das sah Jeremias auch. Sein Alltagsleben erschien ihm mehr und mehr stumpf und öde. Er begann die Träume nicht mit Panik, sondern mit zunehmender Erwartung herbeizuwünschen. Sie kamen unregelmäßig, sie waren länger oder kürzer.

Jeremias hatte bei einem seiner ungezielten Spaziergänge in der Mall, ihrem riesigen Einkaufszentrum, ein Buch gefunden, das ihn sofort angezogen hatte. Es war von Marijnissen, einem niederländischen Kunsthistoriker, ein Buch über den Maler Hieronymus Bosch. Die Bilder hatten ihn fasziniert und er hatte das schwere und teure Buch auf der Stelle gekauft und nach Hause getragen wie eine Beute. Manche dieser Abbildungen vermittelten Jeremias ein eigenartiges Deja-vu-Gefühl, er hatte sie noch nie gesehen, dennoch erschienen sie ihm vertraut. Als er den Textteil las, hatte er erkannt, warum ihn dieses Buch so anzog. Dieser Hieronymus Bosch war es, der sich in seine Träume gedrängt hatte. Bosch hatte von 1450 bis 1516 in der Stadt Hertogenbosch gelebt, in Brabant. Daten über ihn waren nur äußerst spärlich bekannt. Man wusste kaum etwas von ihm. Aber als Jeremias die vereinzelten Quellen las, da passten sie zu seinen Träumen. Er hatte sich dann mit Bosch so intensiv beschäftigt, wie es seine Arbeit zuließ. Er hatte in Buchhandlungen und Bibliotheken gesucht und war auf eine unübersehbare Menge von Material gestoßen, sehr unterschiedlichem Material. Es tat ihm nicht gut, zu viel zu lesen, es machte ihn unglücklich. Wenn er ein weiteres Detail fand, das er bereits im Traum gesehen hatte, dann klopfte sein Herz wie wild und der Schweiß brach ihm aus. Wenn er seinen Träumen widersprechende oder abenteuerliche Aussagen las, sträubte sich etwas in ihm. Er fühlte sich zunehmend besetzt von dem Gedanken, dass sein eigentliches Leben in Hertogenbosch war und nicht in Boston. Er wartete auf den Schlaf, auf die Träume. Sie waren ihm wichtiger geworden als die Wirklichkeit. Gleichzeitig konnte er das aber niemandem anvertrauen. Es schien absurd. All dem musste er ein Ende machen. Er wollte sich seiner Wirklichkeit zurückgeben. Das Vertrauen in die Rationalität, das immer einer seiner Vorzüge gewesen war, gewann die Oberhand in ihm. Er nahm seinen Zeigefinger, beugte sich vor und strich sanft über das dunkle Fensterglas. Dann näherte er sein Gesicht dem Fenster, bis er seine Augen sehen konnte. Er blickte lange in die eigenen Augen.

Das Abendessen war abgeräumt. Kissen waren verteilt worden, ringsum leuchteten die Bildschirme mit dem üblichen Tom-Hanks-Film. Jeremias wollte die Sache seiner Heilung gründlich angehen. Er nahm aus seinem Handgepäck das Buch mit seinen Aufzeichnungen heraus. Es war in braunes Leder gebunden und immer, bevor er es aufschlug, musste er einmal mit der Hand darüber fahren, die Oberfläche fühlen, den Buchrücken, wie um sich zu vergewissern, dass es dieses Buch wirklich gab. Es enthielt die Protokolle der Träume, von Anfang an. Sorgfältig hatte Jeremias sie aufgeschrieben. „Das ist die Konfrontationstherapie“, hatte Dr. Millar gesagt und freundlich gelächelt. Jeremias würde mit dieser Konfrontationstherapie konsequent fortfahren. In einer Nussschale über den Wassern schwebend, ganz in Gottes Hand, würde er beim Anfang beginnen.

Hieronymus

Ich sitze im Hinterhof eines Hauses, das an einen Fluss grenzt. Ich bin ein kleines Kind, das bewegungslos kauert. Eine Stimme ruft mich aus dem Haus, sie nennt mich Joen und befiehlt mir zu kommen. Ich will das aber nicht. Plötzlich bricht die Sonne durch die Wolken und lässt die Tropfen auf den Blättern einer Akelei schimmern, die Mutter letztes Jahr aus dem Wald mitgebracht hat. Diese Regentropfen sehen aus wie Edelsteine auf dem Mantel des Marienbildes, wie kleine Kuppeln, die etwas Schönes verbergen. Meine Finger graben nervös in der Erde, als es plötzlich leise schwirrt. Ich hebe die Augen und ein Rotkehlchen sitzt auf Armeslänge vor mir. Es hat schwarze Knopfaugen, mit denen es mich misstrauisch ansieht, sein Flaum sträubt sich im Wind, ich sehe die winzigen Federchen. Ich lächle glücklich. Dieses Rotkehlchen bringt Glück. Es wird stärker sein als das Zeichen gestern Abend. Ich weiß, dass ich gestern mit Tientje, unserer Magd, eine Rohrdommel gehört habe, laut und deutlich. Das bedeutet, dass einer im Haus sterben muss. Ich greife vorsichtig in die Taschen meines Kittels, um das Brot vom Morgen herauszuholen. Ich bewege vorsichtig die rechte Hand. Der Vogel bleibt, er hüpft zur Seite, legt den Kopf schräg und sieht mich an. Ich lege den Kopf auch schräg. Da höre ich hinter mir Schritte. Das Rotkehlchen fliegt mit einem Hüpfer auf und ist verschwunden. Hinter mir steht Goossens, mein älterer Bruder, und fasst mich grob am Arm, zieht mich auf die Beine.

„Wir wollen gehen, alle warten auf dich!“

Ich stolpere hinter ihm her in das niedrige, dunkle Haus. Mein Vater, die Onkel und Kathrin, meine Schwester, warten dort auf mich. Ich flüchte mich zu ihr. Tientje ist nicht da, um mich zu trösten. Sie ist oben bei Mutter.

Wir gehen durch die Gassen der Stadt. Es ist kalt und der Atem steht als weiße Wolke vor unseren Mündern. Kathrins fester Griff hilft mir, nicht auszurutschen. Nach einiger Zeit werden die Gassen breiter, es ist einfacher hindurchzukommen und ich sehe eine Kirche im Bau, eine Kathedrale, umringt von Handwerkern. Es beginnt zu regnen, die Tropfen werden schwerer und durchnässen mein Haar, meinen Umhang. Ich blicke angestrengt auf meine Füße, die durch Schlamm patschen, und schiele vorsichtig aus den Augenwinkeln zu Goossens hinauf. Alle, auch der Vater und die Onkel, machen ein ernstes Gesicht. Sie wollen eine Fürbitte halten beim Gnadenbild in der Kathedrale. Die Heilige Maria soll unserer kranken Mutter helfen. Für jemanden, der dauernd Wunder vollbrachte, würde das ganz einfach sein. Das hatte Tientje gesagt. Ich spüre Verzweiflung in mir aufsteigen wie ein schweres Gewicht. Ich kneife die Augen zusammen, um die Tränen zurückzuhalten, und sehe es wieder, das bleiche Gesicht, die eingefallenen Wangen, den dicken Bauch unter der Decke, die verklebten Haare. Sie ist krank, sie braucht Hilfe. Tientje, die die Mutter bewacht, wedelt mit den Händen und scheucht uns fort, mich und Kathrin. Das Gnadenbild würde helfen. Tientje hatte mir schöne Geschichten erzählt. Am liebsten höre ich die Geschichte von dem ertrunkenen Kind, das die Madonna wieder lebendig gemacht hat, weil seine Mutter so sehr geweint und gebetet hat. Ein Kind, das schon ertrunken war, das steif und kalt am Ufer liegt. Es fröstelt mich. Ich ahne, dass es an mir und an meiner Fürbitte liegen wird. Alle anderen würden sicher ganz richtig beten, jetzt kommt es gleich auf mich an. Ich will nicht mehr an die Rohrdommel denken, nur noch an das Rotkehlchen, an seine schwarzen Augen, die so tief sind. Mutter wird gesund werden. Ich runzele die Stirn.

Als wir durch die Kirchentür treten, wird es noch kälter. Ich fasse Kathrins Hand fester und sie drückt meine beruhigend. In der Seitenkapelle, wo das Wunderbild steht, ist es still. Jetzt gleich muss ich es schaffen. Ich balle meine Faust. Flackernde Wachslichter erhellen den dämmerigen Raum. Die Madonna lächelt so sanft, so freundlich wie immer. Sie blickt mich direkt an, ich spüre es. Vater tritt aus der Holzbank vor und nimmt sechs Kerzen aus dem Kasten, für jeden eine eigene. Onkel Hubrecht und Thomas, Goossens, Kathrin und ich, Hieronymus, alle entzünden sie feierlich ihre Kerze. Kathrin führt mir die Hand, weil ich zögere. Sie wirft mir einen prüfenden Blick zu. Ich schließe meine Augen ganz fest. „Heilige Jungfrau Maria, bitte mache meine Mutter wieder gesund.“ In der Stille senkt sich das Gewicht wieder auf mein Herz, bis ich kaum mehr Luft holen kann. Die Jungfrau würde meine Bitte nicht annehmen, sie sieht doch, dass ich kein guter Junge bin. Während die Edelsteine auf dem dunkelroten Mantel der Maria funkeln, drängt sich erneut die Erinnerung in mein Bewusstsein. Ich sehe wieder, wie ich mit den anderen Jungen die Steine geworfen habe, wie die junge Katze gefaucht hat. Ich sehe noch ihre spitzen, weißen Zähne in dem aufgerissenen Maul. Ich konnte nicht aufhören, das Geschrei der anderen, die Anfeuerungsrufe. Nachher war mir übel, aber es war zu spät. Die Katze lag blutend und leblos im Schmutz. Jemand wie ich sollte keine Bitte aussprechen.

Ich schaue verstohlen in die Gesichter der anderen. Sie sehen versteinert aus. Tientje hat ihr Äußerstes versucht, verbrannte Kräuter und murmelte dazu. Sie wollte aber nicht, dass ich es wusste oder erzählte. Sie hat hastig den Rauch zur Seite gepustet und mir das Versprechen abgenommen, nichts davon zu verraten. Ich wollte doch nur nachsehen, wer in der Küche war. Ob die Maria das auch sah? Ob sie damit wohl einverstanden ist? Ich zupfe nervös an meinem Umhang. Vielleicht hätte ich mich doch krank stellen sollen.

Endlich erhebt sich Vater und geht zum Ausgang vor. Als wir vor der Uhr ankommen, einem mächtigen Kasten, der im dunklen Kirchengewölbe aufragt, bleibt er stehen. Auch ich muss stehen bleiben. Der Kirchendiener kommt, es ist kurz vor dem Stundenschlag. Er nickt Vater zu und öffnet die Flügel der Uhr. Die vier Engel mit den Leidenswerkzeugen Christi erscheinen. Der Stundenschlag ertönt und die Pforten des Uhrwerks öffnen sich. Ich kann diesem Schauspiel nicht entkommen. Das Glockenspiel beginnt seine Melodie. Von der rechten Seite aus fahren die drei Weisen aus dem Morgenland aus der klappernden Tür auf ihren Schienen heraus, die Gaben in den hölzernen Händen. Vor der Gottesmutter drehen sie sich ruckartig zu ihr um, um ihr und dem Kind auf ihrem Schoß zu huldigen. Ich weiß noch, wie im letzten Jahr der schwarze König in unserem Haus war. Onkel Jan hat mir die Figur gezeigt. Sie ist ausgebaut und von Jan neu bemalt worden. Die Heiligen drei Könige beten das Kind an, das so klein aussieht. Auf der linken Seite verschwinden sie wieder in der sich öffnenden Tür. Jetzt heben die zwei Posaunenengel - einer hakt immer ein bisschen - ihre Trompeten an den Mund und blasen. Ich will die Augen schließen, um nicht mehr sehen zu müssen. Es gelingt mir wieder nicht.

Die Anbetung verschwindet im Uhrwerk und der Tag des Jüngsten Gerichtes ist gekommen. Ich schaudere. Die Toten stehen aus ihren Gräbern auf. Sie sehen schrecklich aus. Auf geheimnisvolle Weise erkennen die Engel, ob jemand gut oder schlecht gewesen ist, sie teilen die Auferstandenen unter Geklapper und Geratter des Uhrwerks. Die Engel führen nur zwei Auferstandene in den Himmel. Was ist mit den zwölf anderen? Sind sie wirklich so schlecht gewesen? Gottvater sitzt über der Szene und betrachtet alles so gleichgültig, so kalt. Da passiert es, die Hölle tut sich auf und die Verlorenen werden von schrecklichen Teufeln kopfüber hinabgezerrt. Ich schluchze auf und Kathrin drückt mitleidig meine Hand. Ratternd schiebt sich die Hölle wieder in das Uhrwerk, wo sie immer ist, wo sie bleibt. Wir schauen stumm auf die Uhr, die jetzt wieder nur das Kalendarium zeigt. Der Kirchendiener kommt und schließt sorgfältig die Türen. Die vier Engel mit den Leidenswerkzeugen Christi verschwinden an der Innenseite, bis man nur noch die Figuren auf der äußeren Leinwand sieht. Die Jungfrau mit dem Kind und der Heilige Johannes mit dem Giftbecher in der Hand lächeln böse. Sie stehen vor der Hölle.

Ich sitze auf der Bank beim Feuer und sehe Tientje zu, die zusammen mit zwei Mädchen aus der Nachbarschaft das Totenmahl bereitet. Es hilft mir zu sehen, wie sie geschäftig zwischen Feuerstelle und Tisch hin und her läuft, während meine Füße baumeln. Ich will jetzt nicht mit meinen Geschwistern zusammen sein, auch nicht mit Kathrin. Ich will nicht an meine tote Mutter denken, die nebenan aufgebahrt liegt. Mutter hat ihr bestes Kleid an. Tante Lisbeth hat Blumen gebracht und sie damit geschmückt. Eigentlich hätten die Blumen sie kitzeln müssen, aber sie rührt sich nicht. Sie sieht aus wie die Engel aus Wachs in der Weihnachtskrippe. Alle haben ihr ein Abschiedsgeschenk in den Ärmel geschoben. Ich habe ein Rotkehlchen gemalt. Tante Lisbeth hat einen Holzschnitt mit einem schönen Engel auf ihre Brust gelegt. Dabei hat sie geweint. Ich weiß nicht, ob diese Bilder Mutter wirklich helfen, wenn sie aus ihrem Grab aufsteht, weil die Engel ihre Posaunen blasen. Das Kind aus ihrem Bauch liegt oben, bei der Amme. Ich höre es schreien, immer wenn die Küchentür aufgeht und einen Schwall von warmer, verbrauchter Luft einlässt. Viele Leute sind da. Keiner scheint zu wissen, dass es meine Schuld ist, keiner hat mich böse angeschaut. Die Nachbarinnen sehen aus wie ein Schwarm riesiger Krähen in ihren weiten schwarzen Umhängen, die sich bauschen, wenn sie durch die Küche laufen. Es wird gleich zwölf vom Kirchturm schlagen. Dann wird Mutter abgeholt. Ich werde auf keinen Fall weinen, ich weiß genau, was passieren wird, Kathrin hat mit alles erzählt. Sie werden Mutter in ihrer hölzernen Kiste mit einem Deckel zudecken. Dann werden sie eine feine Decke darüber breiten, die die Männer mitgebracht haben, und sie aus dem Haus tragen. Alle werden hinterhergehen. Auf dem Weg werden wir an jeder Kreuzung halten und ein Vaterunser sprechen. Am Grab wird der Pastor eine Ansprache halten. Dann wird auf einer Trommel geschlagen, die mit schwarzem Stoff umwickelt ist. Dann werden sie die Kiste mit Mutter darin an Seilen herablassen. Und dann werden sie Mutter eingraben in der nassen, schweren Erde. Alle werden um das Grab herumgehen und sie dann allein lassen, auf dem Friedhof, ganz allein.

Ich glaube nicht, dass Mutter in ihrem Grab beschützt ist. Vielleicht werden die Tiere, die tagsüber an der Außenwand der Kathedrale sitzen, hinuntersteigen, auf dem Erdhügel sitzen und dort scharren? Vielleicht hätte ich ihr doch heimlich einen scharfen Stein in den Ärmel stecken sollen?

Es läutet, die Gildenbrüder sind da.

Wir gehen zum Markt, Tientje, Kathrin und ich. Unter der alten Brücke über der Dieze gurgelt das Wasser. Ich gehe nicht gerne mit, Tientje hat mich gezwungen. Es ist trocken und nicht zu kalt. Mein Atem macht weiße Wolken in der Luft. Ich reiße mich von Tientjes Hand los und dränge mich durch die Menge zwischen den Ständen. Es riecht. Zuerst gehen wir zum Fisch. Die Marktfrau ist ihre Freundin. Immer hat sie mir erzählt, dass wir einmal den Zauberfisch bekommen werden, der Edelsteine im Bauch hat und sprechen kann. Man muss ihn nur erkennen können. Nur deshalb bin ich hier. Diesen Fisch gibt es.

Das Wasser tropft aus den Körben. Ich starre die aufgestapelten Fischleiber an, die Schuppen glänzen wie Metall, sie wechseln die Farbe, wenn die Marktfrau nach ihnen greift. Fischblut rinnt in eine Lache vor dem Tisch. Manche Fische haben große Wunden. Ich stelle mich ganz dicht vor sie hin und schaue. Ich sehe Heringe, Weißfische, Dorsche und Kabeljau. Da liegt ein Rochen, der sich noch bewegt. Rochen sind Geschöpfe des Teufels, sagt Tientje immer. Ich starre den Fisch an, starre in die Augen, die trübe blicken. Hat er nicht irgendwo Stacheln, Hörner? Wird der Teufel seinen Fisch nicht kennzeichnen? Im Meer gibt es riesige Rochen, die unter Wasser ihre Flügel schlagen und sich so fortbewegen. Fliegen im Wasser! Würde der Rochen nicht auch in der Luft fliegen können wie ein Vogel? Vorsichtig lege ich meine Hand auf die feuchte, schuppige Haut, nur die Fingerspitzen.

„Welcher Fisch könnte denn der verzauberte Fisch sein, Joen?“, fragt mich Tientje. Ich überlege. In dem Stapel Weißfische vor mir gibt es eine Bewegung. Ein Fisch schnappt mit dem Maul, lässt es klaffen. Das Auge, das in meine Richtung zeigt, blinkt. Ich drehe den Kopf, um den Todeskampf des Fisches nicht sehen zu müssen, kneife die Augen zu. Heute werde ich den Wunderfisch wieder nicht herausfinden. Die Fische sehen so verzweifelt aus, ihre Bäuche glänzen in der Sonne. Kathrin soll aussuchen. Tientje blickt mich an und lächelt. Sie streicht mir über den Kopf.

Wir gehen an den Metzgerständen vorbei. Die aufgehängten Fleischstücke schimmern rotsamten. Ein Schafskopf schaut mich an. Der Haken, an dem er aufgehängt ist, durchbohrt den durchtrennten Hals, Fellfetzen und Sehnen schaukeln im Wind. Ich schaue weg. Angestrengt blicke ich auf die Rücken von Kathrin und Tientje, die sich vor mir durch den Gang drängen. Als wir anhalten, seufze ich erleichtert. Hier bin ich in Sicherheit, der Gemüsestand hat nichts Totes. Die aufgestapelten Kohlköpfe und Karotten sind wie Berge. Ich muss einfach meine Augen ganz nahe davor halten, sehe die Rippen der Blätter, ihren Schwung, die Tiefe dieser Kohlkopflandschaft, aus der ein schwarzer Käfer zielstrebig auf mich zukommt. Vor Schreck trete ich einen Schritt zurück. Muster bilden sich vor meinen Augen, drängen mich, machen schwindelig. Resigniert schließe ich die Augen.

Ich sitze beim Feuer in unserer kleinen Küche und sehe Tientje und Martha dabei zu, wie sie das Abendessen in dem großen Kessel über dem Feuer zubereiten. Solange die Männer aus der Werkstatt nicht zum Essen kommen, solange habe ich Tientje für mich. Der Regen klatscht gegen das Haus, es zieht und ist kalt. Ich bin gern mit Tientje in der warmen Küche, Martha, unser neues Mädchen, stört nicht.

„Und du weißt wirklich, dass es die Wilde Jagd gibt?“, frage ich sie.

„Aber ja, ich kenne einen, der hat sie getroffen, es war Jahresende damals.“ Versonnen rührt sie in dem Kessel über dem Feuer.

„Manchmal, wenn es draußen stürmisch ist und der Wind heult, dann hört man sie doch richtig, das Wiehern der Pferde, das Bellen der Hunde und die Peitschenhiebe!“ Sie dreht sich um und sieht mir ins Gesicht. Einmal mehr erinnert sie mich an die Hexen, die in den Musterblättern meines Vaters vorkommen.

„Und Hulda ist bei ihnen, eine schreckliche Frau, die über den Himmel dahin jagt.“ Ihre Hände vollführen eine flatternde Bewegung in der Luft.

„Sie reitet auf einem riesigen schwarzen Pferd mit goldenem Zaumzeug, ihre langen Haare sind pechschwarz und flattern im Sturm. Der wilde Jäger, Herlequinus, ist bei ihr mit seinem riesigen Stock. Hinter den Beiden geht ein Trupp, der donnernd die Luft stampft.“ Ihre Füße tappen schwer auf den Boden.

„Auf ihren Schultern tragen sie winzige Höllentiere mit sich, glänzende Augen haben die und menschliche Gesichter. Es reiten auch böse Frauen mit, auf deren Sätteln sind lange Nägel, die werden für die Sünde der Unkeuschheit bestraft!“

Anklagend sieht Tientje zu Martha hin.

„Dahinter läuft alles mögliche Volk, Tote und Lebende, Mönche und Äbte, Könige und Herzöge. Große Höllenhunde führen sie bei sich, die springen und tanzen um sie herum und dabei bellen sie mächtig laut.“

Eine Gänsehaut überläuft mich.

„Hulda braucht nur jemanden auf der Erde anzusehen und husch...“, ihr Mund verzieht sich, „schon hat sie ihre Hunde auf ihn gehetzt! Du darfst nie fluchen oder etwas Gotteslästerliches denken, wenn sie da oben am Himmel ist, das kann sie riechen, durch all die Wolken hindurch!“

Es schaudert mich wieder. Martha wirft Tientje einen strafenden Blick zu.

„Du sollst Hieronymus keine Angst machen. Sein Vater hat das ausdrücklich verboten.“

„Aber es ist doch wahr, jeder, der Ohren hat zu hören, kann die Wilde Jagd leicht erkennen“, erwidert Tientje. „Ihr junges Volk glaubt doch fast nichts mehr. Aber das werdet ihr noch bereuen!“

Ich weiß, dass Tientje einen Pferdeschädel über dem Fenster ihrer Kammer aufgehängt hat, zum Schutz gegen Unheil. Ob das hilft?

Gedankenverloren fahre ich mit dem Finger an meinem Holzlöffel entlang. Diesen Löffel, der aussieht wie ein kleiner Mönch, den hat mir meine Mutter geschenkt. Winzig klein ist dieser Mönch, lang und schmal, mit weit aufgerissenem Mund. Er gähnt. Manchmal habe ich das Gefühl, dass der Mönch sich nur hölzern stellt, es aber nicht wirklich ist. In Wirklichkeit ist das kein Löffel aus Holz. Ich wundere mich, dass er immer an der Stelle liegen bleibt, an der man ihn hingelegt hat.

Martha bringt ihr freundliches Gesicht mit den roten Backen ganz nah vor meines.

„Glaube mir, es gibt keine Wilde Jagd. Du musst dich nicht fürchten!“, sagt sie.

Tientje schnaubt empört.

„Ich mag Tientjes Geschichten aber“, erwidere ich trotzig. „Ich habe keine Angst. Es ist doch gut, wenn sie da am Himmel sind.“

Martha blickt mir tief in die Augen und fasst mich unter das Kinn.

„Wie du willst, Hieronymus.“

„Tientje ist mit einer Glückshaube geboren, deshalb weiß sie so viel“, rufe ich ihr nach, als sie aus der Küche geht.

Warum macht denn Martha meine Tientje schlecht? Soll sie denn ihre schönen Geschichten nicht mehr erzählen? Kathrin hört das auch gerne, das weiß ich. Wenn ich neben ihr im Bett liege, es draußen dunkel ist, dann erzählt sie mir auch Geschichten. Am liebsten höre ich die von dem glühenden Mann. Ich sehe vor mir, wie sich ein großer Feuerklumpen bewegt, wie er rollt und schlingert. Der Mann, der brennt, ist verdammt. Er muss etwas Schreckliches getan haben. Solange er auf dem Kirchhof ist, solange ist er schwarz und unsichtbar. Wenn er entkommen will, dann brennt er. Er wird eben bestraft.

Laut scheppernd stellt Martha die Schüssel auf den Tisch. Im Vorbeigehen drückt mich Tientje an ihre warme Schürze. Ich lächele sie an.

Tientje backt Waffeln. Das Waffeleisen dampft und zischt, wenn sie mit einem großen Löffel den Teig hineingießt. Es riecht wunderbar. Dabei summt sie vor sich hin und ist offenbar guter Laune. Ich denke an meine Mutter in ihrem nassen Grab, so alleine da draußen. Es ist so kalt. Der Schnee liegt eine Handbreit hoch. Sie muss frieren in der schwarzen Erde. Ich darf aber nichts von meinem Kummer sagen. Kathrin und ich, wir weinen abends zusammen in unserem Bett. Sonst kann ich mit keinem darüber reden. Tientje schaut mich dann immer so eigenartig an und gibt mir etwas zu essen oder zu trinken. Ich lächele in ihre Richtung.

„Heute ist Dreikönigstag“, sagt sie munter, während sie die nächste Waffel auf den duftenden Berg der fertigen legt.

„Ich habe es schon gehört, wie sie durch die Straßen ziehen. Bestimmt kommen sie bald auch zu uns!“

Es erfüllt mich Freude auf die Dreikönigssänger. Weihnachten war so still, keiner hat richtig gefeiert. Aber heute, da würde das anders sein. Mein großer Bruder Goossens ist schon den ganzen Tag verschwunden, er zieht bestimmt mit seinen Freunden durch die Straßen. Mein Vater hat es eigentlich verboten, aber Goossens hat nicht gehorcht. Ich habe gehört, wie mein Vater mit Tientje geschimpft hat, weil sie ihn einfach gehen ließ. Tientje hat sich laut verteidigt, Vater hat nichts mehr gesagt und sich umgedreht.

„Früher“, sagt Tientje, „durften wir alle zum Dreikönigssingen gehen. Mein Freund Hendrick spielte immer den König. Er hatte eine besonders schöne Pappkrone auf dem Kopf. Seine Mutter hatte ihm die gemacht. Jacob mit dem schiefen Gesicht war der zweite, er hatte durch den alten Hut seines Vaters einen Löffel gesteckt. Unser Nachbarsjunge, Cornelis, trug den Stern und die Sammelbüchse.“

Sie blickt verträumt in die Flammen des Feuers.

„Die anderen Jungen und Mädchen aus Vught durften auch immer mitlaufen. Einmal hat Hendrick mir drei Waffeln geschenkt!“

Befriedigt nickt sie mir zu.

„Wir haben aber auch wunderschön gesungen: `Gebt mir einen Pfannkuchen aus der Pfann, ho Mann ho, der Fastenabend der kommt an, so wie mein Herr also!`“

Sie singt laut in die dunkle Küche hinein.

„In einem Jahr hatten wir sogar einen Stern, der beleuchtet war. Alle Leute haben etwas gegeben oder fast alle. Bei uns auf dem Land, da hat man den Kindern das Mitgehen nicht verboten, wir haben nichts Schlimmes gemacht.“

„Aber Tientje“, ich blicke auf meine Hände, „das war in Vught, auf dem Land. Und es war früher, Tientje. Weißt du noch, wie letztes Jahr diese Kinder an unsere Tür kamen und Mutter und dich erschreckt haben?“

Ich erinnere mich an die wilden Augen dieser Kinder. Sie haben nicht um etwas gebeten, sondern sie haben gefordert und waren nicht einverstanden mit dem, was die Mutter ihnen gegeben hat. Es war laut geworden in der Küche und man hatte Vater und Onkel aus der Werkstatt holen müssen, um sie zu vertreiben.

Alle sind um den Küchentisch versammelt. Mein Vater Antonius hat den besten Platz, den am Feuer. Onkel Goossen sitzt neben ihm, die Gesellen, Martha mit dem kleinen Jan, Kathrin und Goossens, der trotzig schweigt, wir alle freuen uns auf das Festtagsessen, das Tientje gekocht hat. Heute gibt es drei fette Hühner und Waffeln mit Sirup. Tientje eilt zwischen Feuer und Tisch hin und her, ihre Wangen glühen. Onkel Goossen schiebt zufrieden seinen Teller zur Tischmitte und sagt: „Gut gekocht, Tientje! Trink etwas mit uns zum Lobe unseres Herrn!“

In diesem Moment klopft es an die Tür, Tientje springt freudig auf und öffnet die Tür. Drei Gestalten drängen sich verlegen blinzelnd in der Ecke des Zimmers. Ich schaue sie misstrauisch an. Der eine von ihnen, der die Königskrone trägt, sieht wild aus. Sein Mantel ist ganz löcherig. Der zweite trägt Bratrost und Löffel zum Krach-Machen. Hinter den beiden steht ein Mann mit einem seltsamen Hut, auf dem eine Mondsichel befestigt ist. Darauf sitzt eine echte, ausgestopfte Eule. Ich starre auf die Eule und rücke unwillkürlich näher an meine Schwester. Sollten das wirklich die drei Könige aus dem Morgenland sein? Sie beginnen zu singen, ziemlich schrill. Bratrost und Rommelpott klirren, ich bekomme eine Gänsehaut. Ich kenne das Lied nicht, aber es handelt von den drei Magi, die auf seltsamen Tieren mit Höckern gekommen sind wie auf weichen Sesseln. Die drei verstummen, das Lied ist zu Ende. Johlend spenden zuerst die Gesellen Beifall, dann die anderen am Tisch. Tientje strahlt und bietet den dreien Waffeln und einen Becher mit Wein an. Der Eulenmann blinzelt Tientje zu. Kann es denn sein, dass sie diesen gefährlich aussehenden Menschen kennt? Die drei bedanken sich höflich und verlassen die Küche, begleitet von einem Schwall kalter Luft. Vater blickt streng vor sich hin.

„Komm schon, Tientje, wir sind fertig“. Kathrin und ich warten darauf, dass wir endlich gehen können. Es ist kalt draußen für einen Fastenabend. Tientje legt ihr Tuch um und fasst mich an die Hand.

„Jetzt gehen wir“, sagt sie zu uns.

„Haltet euch immer an mich. Nicht, dass ihr mir verlorengeht, das würde mir gerade noch fehlen.“

Wir treten auf die Straße, die bei der einbrechenden Dunkelheit feucht glänzt. Der Matsch der Straße schmatzt leise um unsere Füße. Erwartungsvoll blicke ich zu Tientje hoch. Letztes Jahr bin ich an Mutters Hand gegangen. Ob sie wohl in ihrem Grab den Lärm hört? Bestimmt.