Fortunas Plan - Marie-Luise Schmidt - E-Book

Fortunas Plan E-Book

Marie-Luise Schmidt

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Beschreibung

Emma Green wohnt in Manhattan, ist alleinerziehende Mutter und ein glückliches Singlegirl. Neben ihrem Beruf als Autorin, ist Kaffee ihre absolute Leidenschaft. Sie steht auf eigenen Beinen, hat aufgrund ihrer schwierigen Vergangenheit fundierte Gründe, sich nicht Hals über Kopf in eine Beziehung zu stürzen und genießt ihr Singledasein in vollen Zügen: Bis sie ganz unverhofft auf die Liebe ihres Lebens trifft. Ihr Glück ist nicht von langer Dauer, denn die Schatten der Vergangenheit holen sie erneut ein und stürzen ihr Leben ins Chaos. Ob am Ende alles gut ausgeht?

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Seitenzahl: 568

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Für meinen Sohn F – du bist noch so klein und erhellst mein Leben, seitdem ich dich als winziges Staubkorn auf einem Monitor sah! Außerdem meiner besten Freundin J – du bist meine Seelenschwester! Danke, dass es dich gibt! Und zu guter Letzt: Allen Frauen, von der besten Freundin bis zur Mama.

Emma

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Epilog

Ihr wollt mehr erfahren? Dann folgt mir einfach auf Instagram unter: emma greens world

Prolog

»Können wir bitte aufhören immer und immer wieder über denselben Mist zu reden? Wir drehen uns im Kreis, merkst du das nicht? Ich kann das nicht mehr, Trevor. Es reicht mir! Jeden verfluchten Tag die gleiche Phrasendrescherei. Ich kann deine Vorwürfe schon mitsprechen, so oft habe ich sie gehört. Das ist anstrengend und monoton, hast du nichts Neues auf Lager?« Mittlerweile war ich es wirklich leid, jeden Tag dieselbe Platte spielen zu hören. Woche um Woche, tagein tagaus hatten mein Langzeitfreund Trevor und ich Streit – und das seit Monaten! Schon eine einfache Frage oder noch so winzige Bemerkung reichte aus und er ging an die Decke. Es war furchtbar anstrengend geworden unter einem Dach zu leben. Deshalb hatte ich vor einer ganzen Weile beschlossen, mich in mich selbst zurückzuziehen, wenn Trevor in die Offensive ging und sich sowie sein emotionsloses Verhalten Gift und Galle spuckend verteidigte – und damit jede Möglichkeit unterband, dass ich überhaupt etwas zu der verfahrenen Gesamtsituation sagen konnte. Die Krux an den endlosen Streitgesprächen bestand darin, dass es sich hauptsächlich um Banalitäten handelte, die durch Trevors Abwehrmechanismen hochgespielt wurden: Denn auf der einen Seite war ich, die den Dingen auf den Grund gehen und wissen wollte, wo genau ihn der Schuh drückte und auf der anderen Seite war Trevor, der sich verschloss und partout nicht über Probleme reden wollte – was entweder dazu führte, dass ich während Gesprächsversuchen auf heftige Gegenwehr stieß oder mit Stille bestraft wurde. Und weil wir uns an diesem Morgen in genau der Situation wiederfanden, zog ich es vor, das Feld zu räumen und sagte »Hör zu Trevor, ich gehe jetzt mit Max in den Central Park, bevor wir uns zum tausendsten Mal vor dem Kind anschreien. Ich versuche den Kopf frei zu kriegen und das solltest du auch tun. Bis später.« Mit diesen Worten ließ ich die Tür hinter mir ins Schloss fallen. Frische Luft war nach solchen Auseinandersetzungen genau das was mein Verstand dringend brauchte, um wieder klar denken zu können. Es war zur Routine für mich geworden mit Max in den Central Park zu flüchten, nachdem sein Vater und ich uns wieder ordentlich in den Haaren hatten. Denn verbale Kämpfe waren seit einigen Monaten die einzige Kommunikationsform zwischen uns. Oft fing der Ärger völlig unvermittelt am Frühstückstisch an und wurde blitzartig unterbrochen, weil Trevor sich ins Büro aufmachte. Die Fortsetzung des Laientheaters begann, sobald er seine Füße über die Schwelle der Wohnungstür gesetzt hatte. Seit mehreren Wochen waren solche Szenarien an der Tagesordnung. Trevor wurde es nicht müde zu betonen, wie anstrengend und nervenaufreibend sein Job als Architekt doch war und musste mir jedes Mal unter die Nase reiben, ich könne das nicht verstehen. Schließlich sei ich mit Max zuhause und hätte es viel leichter als er. Wenn ich dann erwiderte, dass auch das nicht immer ein Zuckerschlecken war, brachte ihn das erst recht in Fahrt. Es war, als wollte er mir unbedingt klar machen, er hätte ein schrecklich schweres Kreuz zu tragen, seitdem Max auf der Welt war. Ständig ergab ein Wort das andere und das war das wirklich Anstrengende daran. Ich fühlte mich emotional ausgelaugt. Das tägliche Theater raubte mir den letzten Nerv! Max war unser Sohn und der Grund, der mich davon abhielt, das Kapitel Trevor und Emma endgültig zu schließen. Obwohl das nur allzu verständlich gewesen wäre, weil wir uns andauernd zofften. Mittlerweile glaube ich, uns beiden war von Anfang an bewusst, dass die Beziehung auf mehr oder weniger wackeligen Beinen stand. Nur gab es keiner zu. Vor zehn Jahren lernten wir uns im Kingsley´s, einer Bar in Midtown Manhattan, kennen und wurden gute Freunde, die locker was am Laufen hatten. Weder Trevor noch ich wollten uns damals fest binden. Weil wir aber auch außerhalb des Schlafzimmers viel Spaß zusammen hatten, trafen wir die Entscheidung, eine offene Beziehung zu führen, die über kurz oder lang doch etwas Festes geworden war, was über einen langen Zeitraum ganz gut lief. Aber um die Wahrheit zu sagen: Unsere Wege hätten sich längst getrennt, wäre ich vor fast vier Jahren nicht schwanger geworden. Ein Kind hatten wir zwar nicht geplant, entschieden uns jedoch dafür und wollten es noch mal aufrichtig miteinander versuchen: Alles auf Anfang. Dass es letztendlich so furchtbar schieflaufen würde, hätte ich nicht gedacht.

Seitdem Max bei uns war, hatte sich einiges geändert. Die ersten vier Monate mit Baby lebten wir im buchstäblichen Chaos. Gemeinsame Stunden waren zur Seltenheit geworden und schneller als einer von uns hätte »Alltag« sagen können, stellte er sich ein. Jeden Tag schien die Zeit förmlich zu rennen. Kaum waren wir aufgestanden und hatten die morgendliche Routine hinter uns gebracht, da wurde es wieder Abend. Ich hatte mein Zeitgefühl verloren und manchmal hätte ich ohne einen Blick auf den Kalender nicht sagen können, welcher Wochentag gerade war. Tage, an denen ich nicht wusste wo mir der Kopf stand, waren die schlimmsten und natürlich hatte das auch Auswirkungen auf unser Beziehungsleben. Gedanken an Zweisamkeit wurden häufig von Sorgen, die ich mir um Max machte, überschattet. Gleichwohl spürte ich, dass Trevor sich zunehmend distanzierte. Wir redeten nur noch selten miteinander. Er sah mich kaum noch an und war um keine Ausrede verlegen, warum er keine Zeit mit mir verbringen konnte. So hatte ich mir ein Leben mit Max und ihm nicht vorgestellt: Wie jede Frau, die zum ersten Mal schwanger war, hatte ich mir in den Monaten vor der Geburt Gedanken darum gemacht, wie unser Familienleben zu dritt aussehen würde. In meiner Vorstellung lief alles glatt, es würde keine Probleme geben, weder in Bezug auf das Baby noch in meiner Doppelbesetzung als Mutter und Partnerin. Negativen Gedanken räumte ich schlichtweg keinen Platz ein. Da ich als freiberufliche Autorin arbeite, würde ich mich problemlos für eine Weile zurückziehen können, um mich um unser Baby zu kümmern, während Trevor weiterhin als Architekt tätig wäre. Es muss die altbekannte rosarote Brille im Spiel gewesen sein, zusätzlich durchtränkt von Schwangerschaftshormonen, durch die ich unser zukünftiges Leben sah, das ganz und gar nichts mit der Realität zu tun hatte. Denn, wer hätte das gedacht, es kam völlig anders als erwartet: Nach Max' Geburt waren wir länger im Krankenhaus als erhofft. Für eine Woche war mein Sohn an Geräte angeschlossen, die seine Vitalfunktionen überprüften und das Krankenzimmer sofort mit einem lästigen Piepen erfüllten, sobald auch nur die kleinste Abweichung der Werte vorlag. Das jagte mir jedes verdammte Mal eine Heidenangst ein. Max war mein erstes Kind und die Zeit nach der Geburt mit ihm im Krankenhaus statt zuhause verbringen zu müssen, hatte mich enorm verunsichert. Daraus ergab sich so manches Problem, wie sich kurz nach der Entlassung zeigte. Die ersten Wochen daheim war ich niedergeschlagen. Mit dem Stillen wollte es einfach nicht klappen, Max schlief deswegen schlecht und zu allem Übel fiel es mir besonders schwer, den Spagat zwischen Muttersein und Partnerin hinzubekommen. In mir entstand die Angst, den Männern in meinem Leben nicht gerecht werden zu können – dem einen als Mutter, dem anderen als Frau. Gedanklich fuhr ich Karussell. Es war eine schreckliche Zeit, in der ich mich unglaublich hilflos und alleingelassen fühlte. Von Trevor hatte ich in der Hinsicht keine Hilfe zu erwarten. Er war selbst völlig überfordert und konnte nicht verstehen, warum es mir so schlecht ging. Kurzum: Ich war ein hormonelles Wrack. Jo, meine älteste und beste Freundin aus Kindertagen und Patentante unseres Sohnes, war die Einzige, mit der ich über meine Probleme sprechen konnte. Sie selbst hatte zwar noch keine Kinder, kannte die Höhen und Tiefen der Mutterschaft allerdings nur zu gut von ihrer Schwester. Bis ich mich in meiner neuen Rolle als Mutter wohl- und vor allem selbstsicher fühlte, dauerte es eine Weile. Aber mit jedem Tag, der verging, verflüchtigten sich meine Ängste und die Anspannung fiel nicht nur von mir, sondern auch von Trevor ab. Das war ein befreiendes Gefühl und ich empfand es als riesen Bonus, ihn weniger gestresst zu sehen. Nach acht Monaten Vaterschaft schien es, als hätte er sich endlich an seine neue Rolle gewöhnt. Denn er traute sich mit Baby nun endlich mehr zu und hatte Freude daran, Zeit mit seinem Sohn zu verbringen. Während dieser Mußestunden von Vater und Sohn, fing ich langsam wieder an meinem Beruf als Autorin nachzugehen und begann an meinem neuen Roman zu schreiben. In beruflicher Hinsicht lief es blendend, aber zwischen Trevor und mir blieb die Stimmung eisig. Mir war schon in der Schwangerschaft bewusst, dass es mit Baby nicht einfacher zwischen uns werden würde. Allerdings hatte ich gehofft, er und ich würden dadurch vielleicht doch mehr zusammenwachsen. Rückblickend ein äußerst naiver Gedanke. Denn das, was uns einmal verbunden hatte, war einem seidenen Faden gleich geworden und der Riss zwischen uns deutlich größer, als ich dachte.

Ich ahnte das der buchstäbliche Anfang vom Ende gekommen war, als Trevor eines Tages aus dem Büro nach Hause kam, mich keines Blickes würdigte und sich außer einem müden »Hallo« nichts abringen konnte. Diese Art von Begrüßung wurde nämlich zum Dauerzustand. Er ließ mich ganz offensichtlich links liegen, was mich letztlich dazu brachte, meine Bemühungen um ihn im Sand verlaufen zu lassen und mich um Max und meinen Job zu kümmern. Inzwischen hatten wir halbtags eine Nanny eingestellt, die Max betreute während ich mich auf meine Arbeit fokussierte. Tia war eine siebenundfünfzigjährige italienische Frohnatur, deren dunkelbraunes Haar von ein paar grauen Strähnen durchzogen wurde, das sie stets zu einem Dutt gebunden trug. Ihre Augen strahlten viel Wärme aus und waren von derart dunklem Braun, dass sie manchmal fast schwarz wirkten und wenn sie lächelte, kam man nicht umhin, es ihr gleichzutun. Ihr Lachen war einfach ansteckend. Ich hatte sie bei meinen unzähligen Spaziergängen im Central Park mit Max kennengelernt und sehr schnell ins Herz geschlossen. Sie war wie die Mutter, die ich nie hatte. Während unserer vielen Gespräche erfuhr ich, dass sie einmal als Kindermädchen arbeitete. Wir suchten seit einer Ewigkeit eine gute Nanny und Tia schien mir genau die Richtige dafür zu sein. Bald darauf fragte ich sie, ob sie sich vorstellen könnte, sich um Max zu kümmern, während ich in meinem Arbeitszimmer saß und meine Geschichten schrieb. Sie mochte den Gedanken und willigte ohne Umschweife ein. Max hatte von Anfang an Zutrauen zu Tia und war gut bei ihr aufgehoben, sodass ich kein schlechtes Gewissen und den Kopf frei hatte, um zu schreiben. Um ehrlich zu sein, war ich in diesen Stunden mit meinen Gedanken nicht immer bei der Arbeit. Hin und wieder nahm ich mir die Zeit, um über Dinge nachzudenken, für die ich sonst keine ruhige Minute hatte. Ziemlich schnell wurde mir dadurch bewusst, wie sehr mich der Alltagstrott in der Partnerschaft mit Trevor nervte. Der ganze Beziehungskram zählte allmählich zu den Dingen, die ich nicht mehr ertrug. Obwohl ich noch Gefühle für ihn hatte wurde mir klar, sie würden für einen Neustart nicht ausreichen. Das hatten wir ja bereits versucht, nachdem klar war, dass wir Eltern werden würden. Ich spürte, dass ich innerlich den Schlussstrich längst gezogen hatte, wusste nur nicht, wie ich die Trennung bewältigen sollte. Die Frage, die sich mir ein ums andere Mal stellte war, wie wir als Eltern für Max da sein konnten, wenn wir erst getrennt wären. Ich konnte mir kaum vorstellen, wie das funktionieren sollte. Trevor war sehr eingebunden in seinen Beruf als New Yorker Architekt und obwohl ich mir meine Arbeitszeit frei einteilen konnte, hätte ich ebenso wie er die Unterstützung einer Nanny gebraucht. Aber das Letzte, was ich wollte, war, dass Max zwischen Tia – die für mich ziemlich schnell zur Familie gehörte und eine Vertraute wurde – und einem fremden Kindermädchen hin und her geschoben wurde, während seine Eltern ihren Berufen nachgingen – weil Häuser sich weder von selbst bauten, noch Bücher sich wie von Geisterhand schrieben. Außerdem hatte ich die Erinnerung an die Trennung meiner Eltern noch lebhaft vor Augen, die für meinen Bruder Lenny und mich in einer kurzweiligen, dafür aber umso intensiveren Katastrophe mündete.

Ich war gerade sechzehn, Lenny vierzehn Jahre alt, als unsere Eltern uns erklärten, dass sie sich trennen würden. Weder mein Bruder noch ich wollten bei unserer Mutter Pam bleiben. Sie war keine Bilderbuchmami, stellte sich und ihre Bedürfnisse an erste Stelle und alles, was ihr nicht selbst zugutekam, war zweitrangig – leider auch ihre Kinder. Heute, als Erwachsene, weiß ich, dass sie eine narzisstische Persönlichkeitsstörung hat, die sie vor sich selbst verleugnet, da sie unter anderem die Schuld für Misslungenes nicht bei sich, sondern stets im Außen sucht. Nie würde sie zugeben, dass auch sie mal im Unrecht wäre. Unser Vater Eli war das genaue Gegenteil. Trotz seines arbeitsintensiven Berufes als Anwalt für Bankenrecht mit eigener Kanzlei, nahm er sich selbst nach anstrengenden Tagen Zeit für seine Kinder. Diese Stunden waren rar gesät und Dad hatte Freude daran sie mit uns zu verbringen, das spürten wir. Unserer Mutter hingegen waren wir oft ein Dorn im Auge, hinderten wir sie doch an allem, was sie wegen uns nicht hatte tun können – worauf sie uns des Öfteren hinzuweisen wusste. Es war die pure Ironie, dass es ihr dennoch etwas ausmachte, als wir nach der Trennung bei unserem Vater bleiben wollten. Wer Pam kannte, ahnte schon, dass sie das nicht ohne weiteres akzeptieren würde. Mit Vorliebe drückte sie ihren Willen durch, wenn nötig auch mit gezinkten Karten. Weshalb sie kurzerhand das Gerücht in die Welt setzte, Eli sei ein prügelnder Familienvater, der sich obendrein an seinen eigenen Kindern vergehen würde. Weder das eine noch das andere war zutreffend. Mein Vater war zwar knallhart in seinem Beruf, sonst aber von der Sorte, die nicht mal einer Fliege was zuleide taten. Ich kann mich nicht mal daran erinnern, dass er eine Spinne erschlagen hätte. Er brachte sie stets behutsam unter einer Glaskuppel ins Freie, was einiges über das Gemüt meines Vaters aussagt. Nachdem Pam jedoch den Stein erst ins Rollen gebracht hatte, folgten unzählige Besuche des Jugendamtes, bei denen wieder und wieder unangenehme Fragen gestellt wurden. Es war die Hölle! Weder Lenny noch ich wussten, warum wir dermaßen absurde Verhöre über uns ergehen lassen mussten. Jeder Besuch der Sozialarbeiter war eine Qual und Eli verzweifelte zunehmend unter der Situation. Kurz bevor wir aus seiner Obhut genommen werden sollten, brachte die Wahrheit endlich Licht ins Dunkel. Eine Bekannte von Pam, die zufällig mitbekommen hatte was sie plante, hatte Eli von ihrem schmutzigen Plan, ihm mithilfe dieses Gerüchts die Kinder wegzunehmen und seinen Ruf zu ruinieren, erzählt. Obwohl Eli aus den Jahren mit Pam wusste, dass diese gerne ihren Dickkopf durchsetzte, hätte er es nie für möglich gehalten, dass sie zu solchen Mitteln greifen würde. Von dieser Nachricht gleichermaßen schockiert und gekränkt bat er Pams Bekannte darum, dies unverzüglich dem Jugendamt zu melden, damit der Albtraum endlich ein Ende habe. Pam konnte leider nie zur Rechenschaft gezogen werden. Als sie Wind davon bekam, dass Eli von ihrer Lüge wusste, verschwand sie ganz plötzlich von der Bildfläche. Dass mein Vater und sie nie geheiratet hatten, machte es ihr umso leichter einfach abzuhauen und unterzutauchen. Damit war die Sache für uns aber noch lange nicht vorbei, denn Eli war ein angesehener Anwalt in Manhattan und allein deshalb ging die Geschichte wochenlang durch die Presse. Es war schwer, seinen guten Ruf wiederherzustellen, aber dank guter Freunde und nicht wenigen großzügigen Spendengalas für wohltätige Zwecke, verzogen sich die dunklen Wolken allmählich und es kehrte Ruhe bei uns ein. Siebzehn Jahre ist das jetzt her und manchmal frage ich mich noch heute, was Pam dazu getrieben hatte, ein derart dreckiges Gerücht in die Welt zu setzen, für Kinder, die sie vermutlich sowieso nie wollte. Keiner von uns hat sie je wiedergesehen. Klar, Trevor und ich waren nicht meine Eltern und allein deshalb würde sich die Geschichte nicht wiederholen. Dennoch hatte diese Sache mich nachhaltig traumatisiert – ganz zu schweigen von Lenny, der bis heute arge Vertrauensprobleme hat. Wenn also eine Trennung sein musste, war ich bestrebt um eine, die in geregelten Bahnen verlief und vor allem das Wohl des Kindes im Blick hatte. Aber das war längst nicht alles, was mir zu schaffen machte. In dieser schwierigen Phase mit Trevor verspürte ich auf einmal Sehnsüchte, von denen ich keine Ahnung hatte, dass sie tief in mir schlummerten. Immerhin war ich nicht nur eine liebende Mutter, sondern auch eine Frau die Bedürfnisse hatte. Mal abgesehen von den vielen Dingen die ich noch unternehmen wollte – wie ferne Länder zu bereisen, eine weitere Sprache zu lernen oder endlich mal diesen Kletterkurs zu machen, um meiner Höhenangst ein Schnippchen zu schlagen – fehlte mir schlicht und ergreifend der Sex. Trevor hatte bei mir an Attraktivität verloren, seitdem er sich mir gegenüber äußerst unterkühlt gab –was seit mehreren Monaten der Fall war. Es gab Momente, in denen ich mich fragte, ob er es heimlich mit seiner Sekretärin trieb, weil er hin und wieder spät von der Arbeit heimkehrte.

Dieser Gedanke tauchte eines Abends erneut auf, als ich Max gerade ins Bett gebracht hatte und mich einer meiner Romanfiguren widmen wollte. Trevor war wieder mal spät aus dem Büro nach Hause gekommen, um mir zwischen Tür und Angel mitzuteilen, er hätte sich spontan mit Freunden im Kingsley´s verabredet. Jedenfalls wollte er mir das weismachen. Ich wusste, wäre es so gewesen, hätte er sich – wie üblich für solche Abende – in eine Jeans und irgendein Shirt geworfen, bevor er losging. Was solche Dinge betraf, war er ein absolutes Gewohnheitstier. Diesmal jedoch zog er ein Hemd an und legte Parfum auf – obendrein rasierte er sich die Bartstoppeln, denen er wegen eines Männerabends noch nie zu Leibe gerückt war. Das war neu und machte mich misstrauisch. Deshalb sagte ich in etwas sarkastischem Unterton »Ziemlich feiner Zwirn für die angeblich so spontane Männerrunde, Mister Bond«, was ich mit einem feixenden Lächeln und hochgezogenen Augenbarauen mimisch unterstrich. Zusätzlich schob ich die Frage hinterher, für welchen seiner Freunde er sich denn so herausputze. Seinem überaus stinkigen Blick nach zu urteilen, war ich wohl zu sarkastisch gewesen. Ein Charakterzug an mir, den er seit unserer ersten Begegnung abgrundtief hasste. Mit einem miesepetrigen Gesichtsausdruck und ohne etwas darauf zu erwidern, verließ er die Wohnung. Verdutzt blieb ich im Flur zurück. Zugegeben, Sarkasmus hatte er schon immer schwer vertragen, aber er hatte ihn noch nie aus der Wohnung vertrieben. Mit dieser Reaktion hatte ich nicht gerechnet und um ehrlich zu sein, machte sie mich stutzig. Warum tat er das? War er heute einfach nur dünnhäutig oder traf er sich wirklich nicht mit Freunden, sondern mit seiner Miss Moneypenny? Leider hatte ich keine Zeit, mich weiter damit zu befassen. Die Tür war laut ins Schloss gefallen, als Trevor die Wohnung verlassen hatte und das rief Max auf den Plan. Ich beschloss den Gedanken ruhen zu lassen. Denn egal wie sehr ich auch über sein seltsames Verhalten nachdachte – zum jetzigen Zeitpunkt konnte ich an der Situation ohnehin nichts ändern. Während Trevor also weiß der Kuckuck was tat, verbrachte ich die Nacht damit Max zu beruhigen. Irgendwann gegen vier Uhr morgens gelang mir das schon Unmöglich geglaubte und er schlief endlich ein. Ich legte ihn in sein Bettchen und verließ das Zimmer auf Zehenspitzen. Leise wie ein Indianer schlich ich mich herunter ins Wohnzimmer auf die Couch, lehnte mich mit geschlossenen Augen zurück und ließ den gestrigen Tag noch einmal vor meinem inneren Auge ablaufen. Ich dachte über Trevors Reaktion nach. Normal war sie nicht, vor allem nicht für ihn. Bei blöden Kommentaren meinerseits redete er sich entweder um Kopf und Kragen oder gab was Dummes zurück, was mir persönlich besser gefiel. Dass er wortlos die Wohnung verließ, passte nicht zu dem Mann, den ich glaubte zu kennen. Es war mir ein Rätsel. Ich spürte ein unangenehmes Gefühl in mir aufsteigen und statt es wie üblich zu verdrängen, ging ich ihm diesmal nach. Ich überlegte: Seit ungefähr vier Monaten verhielt er sich seltsam, kam hin und wieder spät nach Hause, schob die Arbeit vor, hatte keine Lust etwas zu unternehmen oder gar mit mir intim zu werden und war darüber hinaus grundsätzlich mies gelaunt. Oft hatte ich darüber nachgedacht, konnte meine Gedanken aber nicht weiter verfolgen, da es um mich herum genug gab, um das ich mich zu kümmern hatte. Aber jetzt, wo ich hier allein saß und grübelte bis mir der Schädel qualmte, überkam mich eine plötzliche Gewissheit, dass es eine andere Frau geben musste. Und das vielleicht schon länger, als mir lieb war. Es mochte vielleicht nicht die Sekretärin sein, aber irgendjemand rief seine launische Art hervor. Meine Stirn in Falten gelegt, saß ich da und knobelte vor mich hin. Und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Wie konnte ich nur so blind sein? Mal abgesehen davon, dass er seit ein paar Monaten ein merkwürdiges Verhalten an den Tag legte, traf er sich während dieser Zeit sehr häufig mit Amanda, der besten Freundin seiner Schwester Nelly. Diese ging für ein paar Jahre ins Ausland nach Frankreich und weil beide eine Abschiedsparty für sie planten, gab es aus meiner Sicht keinen Grund in diese Richtung Verdacht zu schöpfen. Immerhin würde seine kleine Schwester und ihre beste Freundin für eine Weile nicht in Manhattan sondern in Paris leben, und da sollte eine Party von langer Hand geplant und gut durchdacht werden, oder? In meinen Augen rechtfertigte das ihre, zugegebenermaßen häufigen, Treffen. Jetzt würde ich meinen Allerwertesten darauf verwetten, dass Amanda des Rätsels Lösung war. Diese Entdeckung ließ mich kerzengerade auf der Couch sitzen. An Schlaf war nicht mehr zu denken, was äußerst ungelegen kam, denn die Party für Nelly sollte schon heute steigen. Ich würde um die Augen aussehen wie ein Waschbär und mich obendrein äußerst unsicher fühlen, weil ich nicht wusste, woran ich war. Das gefiel mir überhaupt nicht.

Als Trevor im Morgengrauen nach Hause kam, saß ich inzwischen in der Küche und goss mir die fünfte Tasse Kaffee ein – ich liebe dieses Zeug abgöttisch und wäre eine Heirat zwischen dem braunen Gold und Menschen möglich…ich wüsste nicht, ob ich Nein sagen könnte. Trevor war verdächtig gut gelaunt und summte vor sich hin. Meine Intuition hatte mich also nicht im Stich gelassen. Er wusste nämlich nichts von seiner Angewohnheit vor sich hin zu trällern, nachdem er es einer Frau besorgt hatte. Er tat das völlig unbewusst. Mir hingegen war das in unserer langjährigen Beziehung sehr wohl aufgefallen, weshalb ich die Situation sofort durchschaute. Das Einzige, was ich noch nicht mit Sicherheit wusste, war, ob es seine Sekretärin war, die ihm diese Töne entlockte, oder Amanda. Anstatt meinem inneren Impuls zu folgen ihm eine Szene zu machen, schwieg ich und wartete ab bis er anfing zu reden. Er stammelte nur irgendwas von wegen duschen gehen und kurz hinlegen, bevor wir am Nachmittag zu Nellys Feier fahren würden, die bei seinen Eltern stattfinden sollte. Es sei unbeabsichtigt ganz schön spät geworden. Das war alles. Es wunderte ihn nicht einmal, dass ich bereits wach war. Besser gesagt immer noch. Er verlor auch kein Wort mehr über sein abruptes Verlassen der Wohnung gestern Abend. Ich ließ sein Geplapper unkommentiert. Mit welcher Unverfrorenheit er mir mitten ins Gesicht log, war filmreif. Mit der Wahrheit hatte er es ja noch nie so genau genommen. So langsam fragte ich mich, wie ich es überhaupt so lange mit ihm aushalten konnte. Und je länger ich darüber nachdachte, desto wütender wurde ich. Aber nicht auf ihn, sondern auf mich. Jetzt hätte ich ihm doch gerne eine Szene gemacht, einfach nur um meinen Frust loszuwerden. Eine innere Stimme sagte mir jedoch, es sei besser, mit der Konfrontation noch zu warten. Ihm haltlose Vermutungen an den Kopf zu werfen würde gar nichts bringen. Außer, dass es zum tausendsten Mal Streit gegeben hätte. Aus diesem Grund beruhigte ich mich wieder, sprang selbst unter die Dusche und begann für Max Frühstück zu machen. Mittlerweile war es zehn Uhr morgens und den dringend benötigten Schlaf schenkte ich mir für den Tag. Während ich mich für die Party zurechtmachte, gab ich mir die größte Mühe meine nächtlich erworbenen Augenringe so gut wie möglich mit Concealer abzudecken. Außerdem zog ich mein schönstes Cocktailkleid an, in der Hoffnung, es würde von meinem verschlafenen Gesicht ablenken. Unterdessen wandelte Trevor noch immer im Traumland. Er kam erst in die Gänge, als am späten Nachmittag mein Vater Eli bei uns eintraf. Er passte auf Max auf, während wir uns auf den Weg zu Bens und Shirleys Townhouse machten.

»Du siehst aber verschlafen aus, Liebes«, sagte er zu mir als wir uns begrüßten. »Hab dich auch lieb, Dad« war das Einzige, was ich ihm entgegnen konnte, weil das Taxi, das zu Trevors Eltern fuhr, bereits auf uns wartete. Ich gab Max noch einen Kuss auf die Stirn und verabschiedete mich von Eli, bevor Trevor und ich losgingen. Nach der gestrigen Nacht und dem heutigen Morgen, war ich alles andere als in Feierlaune. Aber weil Nelly über die Jahre für mich wie eine kleine Schwester geworden war, wollte ich ihr mit meiner Stimmung den Tag nicht vermiesen. Immerhin ging es auf der Party um sie und nicht um die verkorkste Beziehung zwischen ihrem herumhurenden Bruder und mir. Ihr zuliebe machte ich gute Miene zum bösen Spiel. Ihre beste Freundin Amanda, die ich noch nie besonders mochte, war bereits vor Ort als wir ankamen. Sie war zum Erbrechen hochnäsig, sehr hübsch und sich ihrer Schönheit durchaus bewusst – aber das war es nicht, was mich störte, sondern ihre Arroganz, mit der sie sie zur Schau trug. Jedes Mal, wenn ich sie sah, gab sie die gleiche ekelhafte Vorstellung. Sie schaffte es wirklich immer wieder, sich in den Mittelpunkt des Geschehens zu rücken. Ich hatte keinen blassen Schimmer, warum sie das tat, aber es war als bräuchte sie die Aufmerksamkeit anderer wie die Luft zum Atmen. An diesem Abend wurde ihre übliche Vorstellung ergänzt durch ein nicht abbrechen wollendes Herumgetanze um Trevor. Mich starrte sie währenddessen unentwegt an, was provokativ wirkte und sie aussehen ließ wie ein Hund, der sein Revier markieren wollte. Das ging mir ziemlich auf die Nerven. Obwohl ich genau sah und mitbekam in welche Richtung sich die Sache mit den beiden entwickelte, war ich wirklich noch so naiv zu glauben, Trevor würde die Hände von Nellys bester Freundin lassen. Vor ein paar Jahren, als er Anfang zwanzig war, kam so was ähnliches nämlich schon einmal vor und endete in einem Drama, weshalb er sogar für ein paar Monate das Land verließ und in Europa lebte. Überflüssig zu erwähnen, dass die Freundschaft zwischen Nelly und Trevors damaliger Liebhaberin in die Binsen gegangen war. Seine Schwester hatte das mal beiläufig erwähnt, war aber schnell wieder davon abgekommen. Auf meine Frage, was genau vorgefallen war, war sie nicht näher eingegangen. Ich gab mich damit zufrieden, schließlich waren das Dinge, die sich vor meiner Zeit mit ihrem Bruder zugetragen hatten. Warum war mir das vor ein paar Monaten nicht in den Sinn gekommen, als ich bemerkte, dass er immer launischer wurde? Während ich also versuchte, Amanda zu ignorieren, war mein Verstand gerade dabei, die Puzzleteile zu einem großen Ganzen zusammenzufügen. Sie auszublenden war kein leichtes Unterfangen, war es doch mehr als offensichtlich, dass zwischen ihr und Trevor etwas lief. Da ich vorläufig hier festsaß blieb mir nichts anderes übrig, als meiner Strategie des gepflegten Ignorierens zu folgen. Glücklicherweise waren inzwischen mehr Gäste eingetroffen, sodass ich mehr oder weniger abgelenkt war. Ich unterhielt mich mit Bekannten und versuchte Amanda so gut es ging aus dem Weg zu gehen. Das lief so lange gut, bis alle Gäste an einer riesigen Tafel zusammensaßen, um gemeinsam zu Abend zu essen. Hier konnte ich dem Lustspiel zwischen Romeo und seiner Julia hautnah beiwohnen. Ich wusste nicht, wie ich mit der Situation umgehen sollte und alles hatte plötzlich einen bitteren Beigeschmack. Es war schon peinlich genug, das mit ansehen zu müssen. Schlimmer war nur noch das Wissen darum, dass jeder der Anwesenden ihr Verhalten mitbekam. Was einige in bemitleidenden Blicken, die mir zugeworfen wurden, zum Ausdruck brachten. Ich fühlte mich bloßgestellt. Was mir darüber hinaus zusetzte war, dass er mich gegen eine Jüngere eintauschte. Es war ein Schlag ins Gesicht. Immerhin war ich keine runzlige Neunzigjährige, sondern eine attraktive einunddreißigjährige Frau. Da war mein Ego leicht angekratzt. Ich riss mich zusammen, wollte mir nichts anmerken lassen und bemühte mich ernstlich darum, dass mir der Kragen nicht platzte. Als das Verhalten der beiden begann, mir so richtig auf den Zeiger zu gehen, geschah etwas, was mir das Blut in den Adern zu Eis erstarren ließ. Ich war gerade auf dem Weg ins Badezimmer am Ende des Flures, als ich sah, wie die Turteltauben kopfüber dort hineinstolperten und sich umsahen, ob niemand mitbekam, was sie taten. Genau in diesem Augenblick sah Trevor mein Gesicht. Mich traf es wie ein Blitz, als ich begriff, was da vor sich ging. Fassungslos stand ich im Flur und die Worte sprudelten nur so aus mir heraus. »Was bildet ihr euch eigentlich ein, so eine beschissene Vorstellung zu geben? Ausgerechnet während der Abschiedsparty deiner Schwester, ehrlich? Was ist bloß los mit dir, Trevor? Gut das dein Sohn zuhause bei seinem Großvater ist und nicht mitbekommt, dass du dich aufführst wie ein Arsch!« Daraufhin sah Trevor mich an, als würde es gewittern, denn solche Worte war er von mir nicht gewohnt. Amanda blickte drein wie ein scheues Reh im Scheinwerferlicht. Erschrocken und sprachlos starrten sie mir entgegen und wurden rot. Ich sah Amanda an und sagte »Weißt du was? Du kannst ihn haben. Meinen Segen habt ihr. Und das hätte ich dir« jetzt sah ich Trevor, dem miesen Betrüger, direkt in die Augen, »schon lange sagen sollen, du Heuchler. Ich habe die Schnauze voll von dir und deinen Lügen! Wenn du nach Hause kommst sieh zu, dass du deine Sachen packst und aus meinem Leben verschwindest. Du bist das Letzte!« Er wollte gerade zum Reden ansetzen, aber ich ließ beiden nicht die geringste Chance auch nur ein Wort zu sagen. Was hätten sie auch sagen können, was das ganze besser machte? Ich spürte wie mein Puls raste und war wohl lauter geworden als ich dachte. Alle Aufmerksamkeit war nun auf uns gerichtet und was ich Nelly zuliebe gerne vermieden hätte, war eingetroffen. Unangenehmer hätte die Situation nicht sein können. Nachdem ich mich wieder halbwegs im Griff hatte, machte ich mich mit den Worten »Und nun entschuldigt mich« aus dem Staub. Das Letzte, was ich von der Gesellschaft sah, waren verdutzte Gesichter, Nelly, die noch immer auf dem Schlauch zu stehen schien, und Shirley, die, sich an ihrem Champagnerglas festhaltend, mit versteinerter Miene und stocksteif im Wohnzimmer stand. Mit stolzen Schritten marschierte ich an ihr vorbei und sagte »Das Verhalten deines Sohnes schlägt dem Fass den Boden aus, meine Liebe!« Ich verließ das Townhouse und rief mir ein Taxi. Als es mich zuhause absetzte, war ich voller Tatendrang und begann, mit einer Mordswut im Bauch, sämtliche Klamotten von Trevor aus den Schränken zu holen und auf einen Haufen in die Mitte des Wohnzimmers zu schmeißen. Sein Verhalten entfesselte Emotionen in mir, über die ich selbst ein wenig erschrak. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass es mich doch verletzen würde. Ich denke es war der Betrug, der mich so darauf reagieren ließ. In meinem blinden Eifer hatte ich völlig vergessen, dass mein Vater bei uns war. Als ich kurz innehielt sah ich, wie Eli mich mit weit aufgerissenen Augen anstarrte. Schulterzuckend führte ich mein Werk unbeirrt fort. Mein Vater wusste, es war in solchen Momenten besser, mich erst mal machen zu lassen, weshalb er auch nicht weiter nachfragte. Als ich fertig war, atmete ich tief durch. Dann wandte ich mich endlich Eli zu und gab ihm ein Zeichen, mir auf die Balkonterrasse zu folgen. Dort kramte ich die Zigaretten aus meinem Versteck, zündete mir eine an und begann meinem Vater zu erzählen, was es mit meinem eigenartigen Verhalten auf sich hatte. Ich hoffte, meine Wut würde sich ein wenig legen, wenn ich erst einmal alles ausgesprochen hatte. Aber ich war noch immer total aufgewühlt. Mein Vater war zwar schockiert von der Geschichte, allerdings nicht besonders überrascht, denn er hatte Trevor seit ihrer ersten Begegnung für keinen überaus aufrichtigen Menschen gehalten. Rückblickend hätte ich auf ihn hören sollen, immerhin hat er als Anwalt mit langjähriger Berufserfahrung schon so einige Charaktere kennengelernt – gute, schlechte und alles dazwischen. Dad versuchte mich zu beruhigen und fragte, was ich nun tun wollte. »Pff, ihn heute noch rausschmeißen!« kam es wie aus der Pistole geschossen. Das war auch der Grund aus dem ich Eli fragte, ob er sich morgen die Zeit nehmen würde, mit mir die restlichen Sachen von Trevor zusammenzupacken, um sie zu seinen Eltern bringen zu lassen. Dabei war es mir völlig einerlei, ob es Ben und Shirley in den Kram passte, wenn plötzlich der gesamte Hausrat ihres Sohnes bei ihnen einträfe. Ich wollte ihn so schnell wie möglich aus meinem Umfeld haben. Ein Freund von mir, der ein Transportunternehmen führte, war mir noch einen Gefallen schuldig und würde sicher einen Mitarbeiter finden, der dies auf die Schnelle übernehmen würde. Noch während ich mit Eli sprach, schickte ich ihm eine Nachricht mit meiner Bitte. Außerdem fragte ich meinen Dad, ob er die Türschlösser wechseln könne. Ich wollte nicht, dass der miese Betrüger auch nur noch einen Fuß in die Wohnung setzten konnte. »Ich mache das gern für dich, Emma. Aber bist du dir sicher, dass du alles gleich so radikal ändern willst? Ich denke da vor allem an euren Sohn.« Was Max betraf hatte Dad schon recht, dennoch verblüffte mich seine Frage. Er kannte mich gut genug um zu wissen, dass es nun mal Dinge gab, bei denen ich nicht lange fackelte, sondern einfach handelte. Betrug und an der Nase herumgeführt zu werden zählten dazu. Außerdem hatte Dad Trevor noch nie wirklich gern. Das war es auch, was ich ihm zur Antwort gab. »Ja, da hast du recht. Ich fand schon immer, dass Trevor ein schmieriger Typ ist. Okay, dann nehmen wir das gleich morgen in Angriff. Was machst du mit Max? Du willst ja sicher nicht, dass er hier ist, wenn wir die Sachen seines Vaters zusammenräumen, oder?« Ich überlegte kurz: Tia war gerade im Urlaub und besuchte ihre Schwester. Sie kam also nicht infrage. »Ich werde später Jo anrufen und fragen, ob sie Zeit hat. Lenny hat morgen einen wichtigen Geschäftstermin mit Kiran wegen des Hotels, das sie planen. Jemand anderem möchte ich Max in der Situation nicht anvertrauen. Ich kläre das und schreibe dir heute noch eine Nachricht, wann wir uns morgen hier treffen. Ist das okay für dich?« »Na klar, dann bis morgen Liebes« sagte Eli. »Danke Daddy, bis morgen.« Ich umarmte meinen Vater und wir verabschiedeten uns für den Abend. Max lag bereits im Bett und schlummerte nichts ahnend vor sich hin. Ich blieb noch eine Weile auf der Balkonterrasse meiner wunderschönen Eigentumswohnung direkt am Central Park sitzen, die sich schon in der dritten Generation im Besitz meiner Familie befand, schaute in den Himmel und versuchte, mich abzulenken. Als es mir zu kalt wurde beschloss ich, mich in mein Arbeitszimmer zu verkriechen und an meinem Roman weiterzuschreiben. Es gab keine bessere Ablenkung für mich als in die Welt meiner Geschichten abzutauchen. Vor allem wenn mir der Tag zugesetzt hatte. Ich bewegte mich dann in anderen Sphären und konnte die Sorgen des Alltags für kurze Zeit vergessen.

Als der Mistkerl wenige Stunden später zurück in die Wohnung kam, fand er seine Sachen im Wohnzimmer auf einem Haufen liegend und glotze dumm aus der Wäsche. Ich saß im Schneidersitz daneben, hatte ein Glas Gin in der Hand und prostete ihm mit den Worten »Auf deinen Auszug, mein Liebling« zu. Da war er wieder, mein guter alter Freund der Sarkasmus, den Trevor bis aufs Blut nicht ausstehen konnte. Mein Kommentar verblüffte ihn offenbar, denn daraufhin starrte er nur noch dümmer drein. »Pass bloß auf das dein Gesicht nicht so bleibt« sagte ich zu ihm. »Deine Geliebte muss dich doch wiedererkennen, wenn du nachher vor ihrer Tür stehst.« Mit leerem Blick starrte ich ihn an. Außer Enttäuschung und Zorn fühlte ich ihm gegenüber nichts mehr. Und dann sagte er mit gequälter Miene »Warum machst du das, Emma?« Ausgerechnet das waren seine ersten Worte. »Ist die Frage ernst gemeint? Weil du dich ganz offensichtlich schon vor Monaten dazu entschieden hast, diese Beziehung zu beenden. Denkst du ich habe nicht mitbekommen, wie kalt du mir gegenüber geworden bist? Aber statt einen Schlussstrich zu ziehen bist du lieber heimlich vögeln gegangen, stimmt´s? Nach deiner heutigen Vorstellung nehme ich dir die Entscheidung mit dem größten Vergnügen ab und beende diese Farce ein für alle mal. Es ist vorbei! Ich bin es leid, wie ein Stück Dreck von dir behandelt zu werden, Trevor! Ohne Rücksicht auf Verluste machst du wonach auch immer dir der Sinn steht. Das war schon immer so. Es ist erbärmlich und du bist es auch. Ein erbärmlicher und egoistischer Scheißkerl!« Darauf folgte Stille. Das überraschte mich nicht. Traf etwas tatsächlich zu, zog er es vor sich in Schweigen zu hüllen. Ich war diejenige, die selbiges durchbrach, als ich ihm direkt in die Augen blickte und sagte »Und jetzt tu mir den Gefallen und sei einmal ehrlich zu mir. Wie lange betrügst du mich schon mit Amanda?« Er starrte zurück und schwieg noch immer. Ich konnte es nicht fassen. War das wirklich sein Ernst? Nicht einmal jetzt, wo alles ans Tageslicht gekommen war, konnte er es zugeben. Innerlich platzte mir der Kragen. Ich fühlte eine brennende Woge des Zorns in mir aufsteigen. Mit Tränen der Wut in den Augen, meine Hände zu Fäusten geballt, sagte ich »Du hast genau dreißig Minuten Zeit um deinen Krempel zusammenzupacken und von hier zu verschwinden. Ich kann es nicht fassen, dass du so ein rückgratloser Mensch bist und nicht mal jetzt aufrichtig sein kannst. So wenig hast du für mich übrig. Du solltest dich schämen. Und jetzt pack deine Sachen und geh mir aus den Augen, bevor ich mich vergesse.« »Was ist mit unserem Sohn?« »Wie bitte?« Ich dachte ich hätte mich verhört. »Mit unserem Sohn.« »Bist du auf dem Weg hierher auf den Kopf gefallen? Darüber werde ich jetzt ganz sicher nicht mit dir sprechen, dazu bin ich viel zu wütend auf dich und darüber, was du getan hast. Wir besprechen das, wenn ich wieder einen kühlen Kopf habe. Und jetzt verschwinde aus meinem Gesichtsfeld.« Ich sprach mit so viel Nachdruck in der Stimme, dass er offenbar verstand, wie ernst es mir war. Wortlos, aber mit einem fiesen und überlegenen Grinsen im Gesicht begann er, seine Sachen zu packen und verschwand. Als Trevor aus der Tür ging war die Anspannung in jeder Faser meines Körpers spürbar. Ich brauchte jemanden, mit dem ich über alles reden konnte. Ich wollte Jo ohnehin anrufen und nun schien mir der passende Augenblick dafür gekommen zu sein. Kurz darauf machte ich meinem Ärger am Telefon Luft und erzählte ihr darüber hinaus, was ich mit meinem Vater vorhatte. Daran schloss ich die Frage an, ob es für sie in Ordnung sei, währenddessen auf Max aufzupassen, da Tia gerade Urlaub machte. Für Jo war es Ehrensache, einen Tag mit ihrem Patenkind zu verbringen. In letzter Zeit war das viel zu selten vorgekommen, weil sie viel unterwegs gewesen war. Sie arbeitete als Journalistin und hatte stets einen vollen Terminkalender. Jo wollte sich für den morgigen Tag kurzfristig frei nehmen und da sie gut mit Aaron, ihrem Chef, konnte, sollte das kein Problem sein, da war sie sicher. Ich war sehr dankbar für ihre Unterstützung. Sie wusste, dass ich schon länger mit Trevor und mir als Paar haderte, des Kindes wegen aber nicht die Flinte ins Korn werfen wollte. Jetzt, da die Beziehung endgültig vorbei war, brauchte ich Zeit, um mir zu überlegen, wie es weitergehen sollte. Schneller als gedacht war ich nun in die unangenehme Situation gekommen, meinem dreijährigen Sohn erklären zu müssen, warum sein Vater und ich nicht mehr zusammenleben würden. Das hielt mich die ganze Nacht wach.

Es war noch früh am Morgen, als ich Max am folgenden Tag zu Jo brachte. Meinem Vater hatte ich gestern noch eine Nachricht geschrieben, dass wir uns gegen elf Uhr bei mir treffen würden. Auf dem Weg von Jo zurück in meine Wohnung wollte ich mir eine Strategie ausdenken, wie ich Max den Schlamassel am besten erklären konnte. Wir wohnten nicht weit voneinander entfernt, sodass der fünf- undzwanzigminütige Spaziergang es mir erlaubte, darüber nachzudenken. Vielleicht hatte Dad auch eine gute Idee parat. Er war der erste, dem ich nach der verpatzten Party begegnete, sodass ich nicht in die unangenehme Lage versetzt wurde erneut berichten zu müssen, was gestern Abend vorgefallen war. Gott sei Dank zählte er nicht zu den Menschen, die blöde Fragen stellten. Was wohl dem Umstand geschuldet war, dass Eli Trevor noch nie besonders mochte und ihn lediglich akzeptierte, weil er der Vater seines Enkels war. Demnach wäre Dad wohl der Letzte gewesen, der gegen eine Trennung reden würde. Noch total vertieft in meine Gedanken, hätte ich meinen Vater beinahe umgerannt, der bereits auf mich wartete, als ich vor meinem Block eintraf. Ich lebe in Lenox Hill nahe des Central Park in einer Wohnung, die sich über zwei Stockwerke erstreckt. Ich hatte sie gemeinsam mit Trevor bezogen, nachdem meine Grandma Zlatà verstorben war. Dort gab es eine Eingangs- und eine Fluchttür, die Eli sich vornehmen sollte, nachdem wir Trevors Sachen aus der Wohnung verbannt hatten. Nach einer kurzen Begrüßung fuhren wir in den fünfzehnten Stock und machten uns unverzüglich ans Werk. Nach ungefähr drei Stunden harter Arbeit luden wir die letzte Kiste mit der Aufschrift Trevor in den Transporter, den ein guter Freund von mir auf die Schnelle für mich bereitgestellt hatte. Bevor der Fahrer sich auf- und davonmachte, gab ich ihm noch die Anschrift von Trevors Eltern. Ich hatte Shirley während des Zusammenpackens der Habseligkeiten ihres Sohnes eine Nachricht geschrieben, in der ich sie darüber informierte, dass im Laufe des Tages dessen Sachen bei ihr eintreffen würden. Darauf reagierte sie knapp, indem sie mir eine Nachricht mit »Ist gut« sendete. Dass diese Angelegenheit so reibungslos ablief, wunderte mich nicht. Denn obwohl ich es wagte ihren geliebten Sohn aus unserer gemeinsamen Wohnstätte zu schmeißen, wusste Shirley, es würde keinen Sinn ergeben mit mir darüber auch nur ansatzweise zu diskutieren. Es würde nirgendwo hinführen. Trevor hatte sich wie ein Arsch benommen und das war eben die Konsequenz. Da das nun geschafft war, stand nur noch das Wechseln der Schlösser auf der To-Do-Liste. Es war schneller erledigt als ich dachte. Im Handumdrehen war Eli damit fertig und ich verwundert über die wenige Zeit, die das in Anspruch nahm. Nachdem Dad sich versichert hatte, dass alles so funktionierte wie es sollte, tranken wir noch einen Kaffee und redeten über dies und das, bevor er sich kurz nach drei Uhr auf den Heimweg machte. Als die Tür hinter Eli ins Schloss fiel, war ich das erste Mal allein in der Wohnung – ohne Max und ohne Trevor. Ein bisschen eigenartig war es schon und während ich den Geschirrspüler belud, die Wäsche sortierte und das Kinderzimmer aufräumte, dachte ich über Letzteren nach. Ich wusste er konnte der liebste Mensch auf Erden, aber genauso jähzornig und gefährlich sein. Vor allem, wenn man ihn persönlich angriff. Das machte ihn unberechenbar und ich wollte zumindest die Gewissheit haben, dass Max und ich in der Wohnung in Sicherheit waren, falls er auf dumme Gedanken kam. In der Vergangenheit war es ein paar Mal vorgekommen, dass er mir während hitziger Diskussionen eine verpasst hatte. Bis heute weiß niemand davon, denn es war mir äußert unangenehm. Er war mir aber im Hinterstübchen geblieben und allein das reichte aus, ihn aus der Wohnung ausgesperrt wissen zu wollen. Wie unberechenbar Trevor tatsächlich sein konnte, sollte ich noch zu spüren bekommen. Ich hatte noch ein bisschen Zeit, bevor ich Max von Jo abholen wollte und hing meinen Gedanken nach. Mich durchströmte eine plötzliche Zufriedenheit, denn ich war mir sicher diese Krise würde auch etwas Gutes mit sich bringen. Von dieser Erkenntnis erfüllt atmete ich tief durch und trank noch eine Tasse Kaffee. Anschließend schnappte ich mir die neuen Schlüssel, verließ die Wohnung und freute mich darauf, Max und Jo zu sehen. Im Fahrstuhl fiel mir auf, dass ich meine Handtasche vergessen hatte und ging nochmal zurück. Vielleicht wäre alles anders gekommen, hätte ich sie gleich mitgenommen. Denn gerade als ich aus dem Aufzug treten wollte, traf ich auf Trevor. Er fackelte nicht lange, holte aus und verpasste mir einen heftigen Schlag ins Gesicht. Vor lauter Überraschung, erstarrte ich zu Eis. Er schlug noch einmal zu und ich fiel auf den mit Teppich bezogenen Boden des Fahrstuhls. Die Türen schlossen sich und Trevor drückte den Knopf, der jeden weiteren Menschen daran hinderte das Gefährt zu betreten. Als nächstes spürte ich Tritte in den Bauch und gegen den Brustkorb, der Schmerz war unbeschreiblich. Und als hätte das nicht schon gereicht legte er mich auf den Rücken, setzte sich auf mich und schlug mit so viel Kraft wie er aufbringen konnte auf mich ein. Als er fertig war, nahm er mein blutverschmiertes Gesicht in seine Hände und sagte mit hasserfüllter Stimme »Hat ja lange gedauert bis Daddy sich vom Acker gemacht hat und du aus dem Loch gekrochen bist. Aber das Warten hat sich gelohnt, du Miststück. Jetzt reden wir über unseren Sohn! Eins sag ich dir, du wirst mir den Umgang mit meinem Kind nicht verbieten, du miese Schlampe. Sieh das hier als Vorwarnung. Wenn du es auch nur versuchst komme ich wieder und beende die Sache. Du kannst mich vielleicht aus der Wohnung schmeißen, aber ganz sicher nicht aus Max' Leben, hast du kapiert?« Dann bespuckte er mich und drückte erneut auf die Knopfleiste des Fahrstuhls. Mit einem leisen Läuten öffneten sich dessen Türen und Trevor verschwand. Ich muss kurz ohnmächtig gewesen sein, denn das Nächste an das ich mich erinnern konnte, war das Klingeln meines Telefons. Mit zittriger Hand nahm ich es aus der Tasche, die neben mir lag, und hob ab. Ich hatte Schwierigkeiten zu sprechen, mein Kiefer schmerzte. Mit krächzender Stimme sagte ich »Ja?« Jo war am anderen Ende. An meiner gebrochenen Stimme hörte sie, dass etwas ganz und gar nicht stimmte. Sie fragte »Liebes, ist alles okay? Bist du in Ordnung?« Da brach ich zusammen. Die ersten Minuten des Gespräches heulte ich, erst dann konnte ich ihr mit Mühe schildern, was passiert war. Sie reagierte blitzschnell, sagte mir ich solle versuchen mich in die Wohnung zu begeben und auf sie warten. Sie würde Max bei Eli vorbeibringen, damit ihm der Anblick erspart bliebe und sich auf den Weg zu mir machen. Ein leises »Okay« war alles was ich hervorbrachte. Max sollte mich unter keinen Umständen so zugerichtet sehen. Ich legte auf und versuchte aufzustehen, doch alles tat so schrecklich weh. Das Einzige, was ich zustande brachte war, mit letzter Kraft den Knopf zu drücken der die Türen des Fahrstuhls öffnete. Ich kroch heraus, rollte mich zur Seite und zog die Beine eng an meinen Körper. Ich fühlte mich elend und heulte wie ein kleines Mädchen. Die Tränen liefen mir in Strömen aus den Augen, ich konnte einfach nicht aufhören. Ich fragte mich, wie Trevor mir das nur antun konnte. Ich hasste ihn dafür und noch mehr hasste ich die Angst, die ich nun fühlte. Noch völlig benebelt bemerkte ich gar nicht, dass Jo endlich bei mir war. Sie hockte sich neben mich, nahm mich in den Arm und rief einen Krankenwagen. Bis der an Ort und Stelle war, sagten wir beide kein Wort. Ich war viel zu geschockt um zu reden und ich glaube das wusste sie. Im Krankenhaus zeigte sich das ganze Ausmaß von Trevors Wut. Ich hatte zwei gebrochene Rippen, mehrere Prellungen im Gesicht und mein Körper war übersät von unzähligen blauen Flecken. Als die Polizei eintraf, erzählte ich was passiert war und zeigte Trevor unverzüglich an. Ich wollte kein Opfer sein, das sich versteckte und an seiner Angst zugrunde ging. Er sollte für das, was er getan hatte zur Rechenschaft gezogen werden. Sein Kind würde er nie wieder zu Gesicht bekommen, dafür hatte er selbst gesorgt. Nachdem sämtliche Untersuchungen abgeschlossen und die Gespräche mit den Polizeibeamten beendet waren, interessierte mich nur noch wann ich endlich nach Hause konnte. Der Arzt sagte mir, ich solle eine Nacht zur Beobachtung bleiben. Nur für den Fall, dass auch keine Gehirnerschütterung vorläge. Max zuliebe hörte ich auf dessen Rat. Außerdem war er bei seinem Großvater gut aufgehoben. Ich rief Eli an, schilderte ihm die Lage, in der ich mich befand und bat ihn, Max zu sagen, dass ich einen kleinen Unfall gehabt hätte, der aber nicht weiter schlimm gewesen sei. Ich sähe ein weinig mitgenommen aus, aber es ginge mir schon wieder besser, morgen könne er mich sehen. Aus Elis Antwort waren Besorgnis und Wut zu hören, aber wir waren uns einig, dass alles besser war, als Max die Wahrheit zu sagen. Das hätte er nicht verstanden. Und es sollte ihn auf mein Äußeres vorbereiten, damit der Schreck nicht zu groß war, wenn er mich wieder zu Gesicht bekam. Ich legte auf und blickte durch die Scheibe des Krankenzimmers zu Jo, die sich gerade noch mit dem Arzt unterhielt, der mich untersucht hatte. Trotz allem was sich heute ereignet hatte, war ich dankbar: Für Jo, die während der gesamten Prozedur nicht von meiner Seite wich, für meinen Vater, der sich so liebevoll um seinen Enkel kümmerte und dafür, noch am Leben zu sein. Auch wenn alles noch frisch war und es lange dauern sollte, bis die seelischen Wunden verblassten, gab ich mir selbst das Versprechen, als starke Frau aus dieser Misere hervorzugehen. Rückblickend hatte die Beziehung mit Trevor mich mehr mitgenommen, als ich dachte und zum krönenden Abschluss hatte er sein wahres Gesicht gezeigt. Wie sich wenig später herausstellte war das nämlich nicht das erste Mal, dass er eine Frau so zugerichtet hatte. Das war die Geschichte aus seiner Vergangenheit, die Nelly nicht näher erläutern wollte. Ihr Bruder erhielt vorläufig ein Kontaktverbot zu unserem Sohn und mir und das letzte, was mir über ihn zu Ohren kam, war, dass er den Bundesstaat New York verlassen habe. Viel mehr konnte ich wohl auch nicht erwarten, denn Ben und Shirley hatten für diese Art von Angelegenheiten sehr gute Anwälte parat. Die würden ihren Sohn auch aus der größten Scheiße ziehen, wenn es darauf ankäme. Ich gab mich damit zufrieden und beruhigte mich mit dem Gedanken, ihn auf einem anderen Fleckchen Erde zu hoffen. Um wieder klar sehen zu können, begab ich mich noch während der Heilungsphase in Therapie. Es hatte ein Jahr gedauert alles zu verarbeiten. Aber das war okay, denn danach ging es mir besser und ich konnte angstfrei mein Leben genießen und für Max da sein. Im Nachhinein stellte ich fest, dass letztendlich ich Trevor verlassen hatte. Hätte ich an jenem Tag nicht die Entscheidung getroffen seine Sachen zu packen und ihn vor die Tür zu setzen, hätte er mich vielleicht doch wieder um den Finger gewickelt. Nach dem was ich durchgemacht hatte, wollte ich keinen Mann mehr an meiner Seite. Die Beziehung mit Trevor hatte tiefe Spuren hinterlassen und die Befürchtung, erneut auf einen Blender hereinzufallen, war groß. Anderthalb Jahre sind seitdem vergangen, Max ist inzwischen fünf geworden. Ich bin eine zufriedene Singlemom – bis ich ganz unverhofft auf dich treffe.

Eins

Das erste Mal sehe ich dich auf einer der berühmten Mottopartys meines besten Freundes Kiran. Ich kenne ihn schon mein ganzes Leben, seine Eltern kamen aus Indien in die USA und sind angesehene Persönlichkeiten in ihren jeweiligen Berufen: Seine Mutter, Ajala Kapoor, ist eine renommierte Sexualtherapeutin und sein Vater, Jaspal Kapoor, ein angesehener Professor für Englische Literatur und Kunstgeschichte. Derzeit leben die beiden in Miami und kommen einmal im Jahr zu Besuch nach Manhattan. Kiran stand Lenny und mir während der Trennung unserer Eltern bei, verteidigte uns vor den Hänseleien gemeinsamer Mitschüler und hat bis heute stets ein offenes Ohr für die Sorgen und Ängste, die mich ab und an plagen. Während ich vor anderthalb Jahren das Krankenbett hüten musste, weil Trevor mich krankenhausreif geprügelt hatte, waren er und Lenny gerade in Mexiko um herauszufinden, von welcher der unzähligen Kaffeeplantagen, die es dort gab, sie die Bohnen für ihr Hotel beziehen wollten, das zu diesem Zeitpunkt gerade in den Hamptons gebaut wurde. Als die Nachricht von Jo über meinen Aufenthaltsort sie erreichte, brachen sie ihre Zelte ab und nahmen den nächstbesten Flug zurück nach Manhattan. Ich war überrascht, als beide plötzlich vor meiner Tür standen, mit Blaubeermuffins und Blumen bewaffnet, um Max und mich zu besuchen. Ich freute mich sehr, meinen Bruder und Kiran zu sehen. Gleichzeitig erstaunte mich deren abruptes Abbrechen ihrer Mexiko-Reise, da ich wusste, wie wichtig diese Angelegenheit beiden war. Als ich Kiran und Lenny darauf ansprach, sagten die zwei wie aus einem Munde, es sei ihnen viel wichtiger gewesen wieder nach Hause zu kommen und mir nach dieser fürchterlichen Zeit beizustehen, als sich darum zu kümmern. Deshalb hatten sie sich entschlossen, alles um ein paar Wochen zu verschieben. Auch wenn ich es gar nicht mochte, dass andere sich wegen mir Umstände machten, war ich zu diesem Zeitpunkt dankbar für jede Unterstützung. Und mir ging das Herz beim Anblick des kleinen geschnürten Päckchens auf, das sie neben Blumen und Muffins außerdem mitgebracht hatten. Es waren drei sich im Röstungsgrad unterscheidende Sorten Kaffeebohnen von einer der Plantagen, die sie in Mexiko besucht hatten. An der Verpackung hing ein handgeschriebener Brief auf dem stand:

»Für unsere Kaffeekönigin, liebste Schwester und beste Freundin ein kleines Mitbringsel aus dem wunderschönen Mexiko.

Bitte hilf uns dabei, die richtige Wahl zu treffen. Wir mögen Kaffee sehr, aber du LIEBST Kaffee und weißt eine gute Tasse des braunen Goldes sehr zu schätzen. Wenn du diese Bohnen für gut befindest sind sie es definitiv wert, auf unserer Karte zu landen. Wir lieben dich und sind immer für dich da.

Lenny und Kiran«

Nachdem ich die Zeilen gelesen hatte, trieb es mir Tränen in die Augen und ich umarmte beide ganz fest. Für Max hatten sie Maracas mitgebracht, Rumbarasseln, mit denen er sogleich ordentlich Krach machte, indem er wild mit ihnen in der Luft herumfuchtelte. Das ist einer der vielen Nachmittage, die mir immer in Erinnerung bleiben werden und mir das Herz wärmen, wenn ich daran zurückdenke. Seit fünf Jahren sind Lenny und Kiran ein Paar. Das Kiran homosexuell war, wusste ich schon sehr lange, stand ich ihm doch bei, als er sich vor Jahren endlich seinen Eltern offenbarte. Damals hatte er ziemlich die Hosen voll, weil er dachte, sie würden ihn verurteilen, enterben und verleugnen, dass es ihn gab. Dabei waren sie keine besonders strengen Menschen. Ich glaube, Kiran hatte einfach Lampenfieber und Angst davor seine Sexualität offen auszuleben. Er wollte nicht auf Ablehnung stoßen, da ihm an der Unterstützung seiner Eltern sehr gelegen war. Als er endlich mit der Sprache herausrückte, fiel ihm ein Stein vom Herzen und er stellte mit Erleichterung fest, dass sowohl seine Mutter als auch sein Vater es viel lockerer aufnahmen, als er gedacht hatte. Lenny hatte sich mit seinem Comingout mehr Zeit gelassen und sich mir erst spät anvertraut. Nicht weil es ihm unangenehm gewesen wäre oder er Zweifel gehabt hätte. Lenny war einfach jemand der lange brauchte und viel über Dinge grübelte, bevor er sich jemandem öffnete. Vieles machte er zunächst lieber mit sich selbst aus und das mochte ich schon immer an meinem kleinen Bruder. Er war selbstsicher und brauchte die Bestätigung anderer Leute nicht, um sich in seiner Haut wohlzufühlen. Zwischen ihm und Kiran hatte es in einer Silvesternacht gefunkt, während der beide sich zufällig auf einer Neujahrsparty in einer Sky Bar über den Weg gelaufen waren. Damals hatte Lenny noch als erfolgreicher Broker an der Wall Street gearbeitet und Kiran war ein sehr beliebter und häufig ausgebuchter Veranstalter für Luxuspartys gewesen. Seitdem gehen sie durch dick und dünn und ergänzen sich privat wie beruflich gegenseitig. Mottopartys zu schmeißen war seit jeher einer von Kirans Träumen und obwohl einige davon bei Lenny das eine oder andere Trauma ausgelöst haben dürften, lässt er seiner besseren Hälfte den Spaß. Wobei sein Motto das ewig gleiche bleibt: Keine Verkleidung für Lenny! Kiran akzeptiert das, was ihn aber nicht davon abhält, sich einmal im Monat den Spaß zu gönnen. Wer jetzt denkt »Einmal im Monat! Gehen ihm denn nie die Ideen aus?« dem sei versichert, dass es Kiran noch nie an einem guten Einfall fehlte. Ich glaube, eher fiele in der Hölle Schnee, als das er mal eine Party absagt, weil es ihm an Einfallsreichtum mangelte. Auch wenn es oft schwierig war ein passendes Outfit zu finden, mochte ich diese Zusammenkünfte sehr, da ich selbst gerne mal in andere Rollen schlüpfte – was ja irgendwie auch Teil meines Berufes ist. Genau das ist auch der Grund, aus dem ich nun wieder einmal vollkommen planlos in meinem Ankleidezimmer stehe und mich frage, was zur Hölle ich anziehen soll. Denn diesmal lautet das Motto Welcome to the Eighties. Auf der Suche nach einem geeigneten Outfit in den Untiefen meiner textilen Schatzkammer, stoße ich auf eine weiße Bluse und eine knielange Jeans. Dank meinem Fünfjährigen, der mich tatkräftig bei meiner Forschungsreise unterstützt, indem er so tut als sei er ein Schuhverkäufer, finden wie durch Zauberhand ein paar weiße Turnschuhe ihren Weg zu mir. »Hier Mommy, die ziehst du an wenn du zu Onkel Lenny und Kiran gehst, ja?« Ich würde also als Baby aus dem Film Dirty Dancing auf die Party gehen – gar nicht so übel. »Oh, danke mein Schatz. Die sind perfekt!« lächle ich ihn an und zwinkere ihm zu. Aber Max ist noch nicht fertig und fährt fort »Und Grandpa soll die hier tragen, wenn er heute Abend mit mir Piraten spielt, okay?«, während er mit großen Kinderaugen ganz stolz auf ein Paar schwarze Piratenstiefel von Chanel schaut. Unweigerlich fange ich zu Lachen an, drücke ihn fest an mich und sage »Nun ja, ich denke die stehen Dad nicht besonders gut und es könnte ziemlich knifflig für ihn werden, seine großen Füße in die Stiefel zu bugsieren. Aber frag ihn doch, ob er nicht diesen schönen Hut aufsetzen möchte, wenn ihr die sieben Meere durchkreuzt.« Ich strecke meinen Arm aus, greife in das Fach über meinem Kopf und hole die größte Hutschachtel herunter. Darin befindet sich ein Piratenhut, den