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Zwischen dem 17. Jahrhundert und der Gegenwart brechen junge Männer auf Spurensuche nach Lateinamerika auf. Deren Schicksale sind vielfach miteinander verbunden, wie Puppen eines Matroschka-Sets. 1640-48: Der junge Wissenschaftler Georg Markgraf, der das Deutschland des dreißigjährigen Krieges hinter sich gelassen hat, verfolgt in Brasilien die Wiedererschaffung des Paradieses in der Neuen Welt. 1938-1973: Alfred Blau flüchtet vor den Nationalsozialisten aus Wien nach Mexiko und baut, inspiriert vom Nachlass des Georg Markgraf, ein neues Leben auf. 2002/2003: Der Student Sebastian Mold, mit einem Forschungsauftrag zur deutschsprachigen Emigration in Mexiko, wird Opfer des Mythos der Federkrone des Moctezuma.
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Seitenzahl: 265
Veröffentlichungsjahr: 2015
www.tredition.de
Leo Stein
Fortüne
Roman
www.tredition.de
© 2015 Leo Stein
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback
978-3-7323-1512-3
Hardcover
978-3-7323-1513-0
e-Book
978-3-7323-1514-7
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Erster Teil
Leben im Paradies
1
Wir wogten inmitten der tanzenden Menge und brüllten nach Wasser. Die Bewohner der Hochhäuser auf den Balkonen über uns schütteten das erfrischende Nass aus vollen Kübeln auf uns herab.
Ich war einundzwanzig Jahre alt und befand mich in der Hafenstadt Recife an der tropischen Busenspitze Brasiliens, 8.000 Kilometer von meiner Heimatstadt entfernt. Weitab vom Elternhaus, jenseits von Ursprung und Vernunft, abseits der plagenden Gedanken über Gott und einen gerechten Frieden im Nahen Osten, ohne Interesse an den Olympischen Spielen in Sarajewo dieses Februars 1984, fühlte ich mich selbstbestimmt und frei.
Teil einer nicht zu überblickenden Menschenmenge des Umzugs namens „Galo da Madrugada“, tanzten wir bereits seit acht Uhr morgens an diesem ersten Tag des Karnevals in sengender Hitze. Wir zogen an den Anlegestegen am Fluss vorüber, an den Häusern vorbei, überquerten Brücken und hüpften entlang der von Palmen und verrosteten Wagen gesäumten Straßen. Selma, die ich an einer Busstation bei ihrer Rückfahrt zum Elternhaus kennengelernt hatte, und die Brüder Tino und Naldo, die ein magisches Haus oben in Olinda bewohnten, hatten mich aufgenommen, als wäre ich schon immer hier zu Hause gewesen. Wir hielten uns an Händen und Schultern. Am Straßenrand bewegten sich die Mädchen mit ihren kurzen Röckchen und bunten Sonnenschirmen unbeschwert im Frevo-Rhythmus.
Vermutlich sind wir damals am Platz der Republik vorbeigekommen. Bei meinem ersten Besuch in der südamerikanischen Küstenstadt, im Zentrum des ausufernden Volksfestes, hatte ich noch keine Ahnung vom Palast der zwei Türme, der knapp 350 Jahre zuvor hier gestanden hatte. Das weiße Regierungsgebäude auf dem breit angelegten Platz beachtete ich während des gigantischen Festes nicht. Von dessen architektonischen Vorläufern hatte ich keine Vorstellung. Ich hätte als Student der Geschichtswissenschaften und der Philosophie Überlegungen über die historischen Bauten anstellen können. Ich kümmerte mich jedoch nicht darum, sondern lebte in den Tag hinein, von Sonne und Musik verführt, genoss das endlose, über den Horizont meiner körperlichen und geistigen Kräfte reichende Tanzfest. Fern von historischem Verständnis, wissenschaftlichem Einblick oder mystischer Spekulation unterließ ich es, die Gebäude genauer zu betrachten und an der Oberfläche zu kratzen, um die verborgenen Dimensionen der Dinge sehen zu können.
Wie Baumwurzeln besitzen auch manche Gebäude einen lebenden, wenn auch dem menschlichen Auge auf den ersten Blick verborgenen Untergrund. Hier leben auch die Lokalgeister, genii loci, wie Reptilien, die sich an immer denselben Steinen in der Sonne wärmen. Um diese zu erkennen, ist eine Mischung aus konzentriertem und verschwommenem Blick nötig, wie bei jenen drei-dimensionalen Bildern, die dem Betrachter nur sichtbar werden, wenn er nicht auf, sondern hinter ihre Oberfläche blickt. Ein solcher Geist lebt auch an jenem Platz, an dem das öffentliche Amt im Zentrum von Recife lag und liegt.
Von dem Prunkpalast der zwei Türme des 17. Jahrhunderts erfuhr ich nicht durch eigene Anschauung, sondern zwei Jahrzehnte später aus einer historischen Studie des verehrten Professors Sergio Viera de Mello, den ich leider nicht mehr persönlich kennen lernte. Die Anhänge seines Werkes verweisen auf einige historische Schätze, unter anderem auf das Protokoll über das Treffen, bei dem der Bau des Palastes beschlossen wurde. Unter der Verzeichnisnummer H-NE-II-3-VIII-127 wird trocken vermerkt, dass unter dem Vorsitz Seiner Exzellenz des Grafen Johann Mauritz von Nassau-Siegen und unter Teilnahme des Finanzsekretärs der Kolonie Pieter van Dom, des Wissenschaftsberaters Willem Piso und dessen Mitarbeiter Georg Markgraf beschlossen wurde, innert sechs Monaten den Neubau eines Verwaltungsgebäudes in Angriff zu nehmen. Es sollte nicht am vorgelagerten Riff der Kolonie, sondern am Festland errichtet werden.
Mehr ist einem persönlichen Brief von Mauritz an seinen Onkel in Holland, datiert mit Februar 1640, zu entnehmen: „Wir haben Plan und Bau eines neuen Hauptgebäudes der kolonialen Konzession beschlossen. Nach den militärischen Erfolgen des Vormonats will ich einen Palast bauen, der als Symbol der Freiheit der Niederlande, der Hoffnung und des unbeschränkten Reichtums der neuen Welt gelten kann, als Leuchtturm unserer Auftraggeber, der Westindischen Handelskompanie. Das Leben hier ist einfach und angenehm. Ich kann meine Vorstellungen umsetzen, ohne mich mit langatmigen Begründungen herumzuschlagen.“
Professor Viera verweist aber auf einen noch lebhafteren und einmaligen Bericht: Die Memoiren des Georg Markgraf rund um das Jahr 1640, in denen das grandiose Bauvorhaben und die damit verbundene Begeisterung, die Vorstellungskraft und der Zukunftsglaube plastisch beschrieben werden. Das Tagebuch ist voller Einblicke in eines der faszinierendsten Kapitel der Entdeckungsgeschichte.
2
Nach dem Beschluss zur Errichtung des neuen Palastes, während sich alle vernünftigen Männer der Siedlung am Riff ihrem verdienten Nachmittagsschlaf widmeten oder im Halbdunkeln dösten, bedachte er das neue Projekt. Plötzlich durchfuhr ihn die Idee leuchtend und heiß wie ein Blitz: Hier, am Ende der Welt, an diesem von Gott gesegneten Ort, bestand die einmalige Gelegenheit, nicht nur einen administrativen Palast, sondern einen Leuchtturm des Wissens zu errichten, nach dem Vorbild der Foren von Platon, Aristoteles und Epikur, eine altgriechische philosophische Schule neu zu schaffen! Eine Idee, wie auf dem Reißbrett gezeichnet und auf einem Tablett präsentiert. Warum sollte solch ein Vorhaben nicht in Brasilien gelingen, schrieb Georg Markgraf nieder.
An diesem gesegneten Ort, überlegte und träumte der junge Wissenschaftler, könnte er mit seinen Freunden auf einem von Blumen gesäumten Pfad auf und ab wandeln und über alte und neue Erkenntnisse debattieren, ohne die geringste Sorge über die Tagesgeschäfte der Welt.
Fragen über das Wesen der Welt waren seine Leidenschaft: Gibt es Unendlichkeit oder ist sie uns nur eine abstrakte Hilfsvorstellung? Entdeckt der Mensch die Welt oder erfindet er sie erst durch seine Betrachtung? Besteht eine unsichtbare Verbindung aller Naturelemente und aller Lebewesen untereinander oder existieren sie getrennt und im Wettbewerb miteinander? Sind Alchimisten auf der heißen Spur einer tieferen Wahrheit oder nutzen sie nur pathetische Krücken der Unzulänglichkeit des menschlichen Geistes? Was ist ethisches Handeln? Vielleicht könnten in der neuen Mauritzstadt sogar Antworten gefunden werden, überlegte er, während er sich auf der Ruhestätte wälzte.
Georg sprach noch am selben Abend bei seinem Mentor und Chef Willem Piso vor. Er tat dies mit aller Überzeugungskraft, die er aufbringen konnte, um ihn von der Idee zu begeistern:
„Wir können hier Geschichte machen! Selbst unsere großen Vorbilder wären stolz zu wissen, dass ihre Ideen nach hundert Generationen, nach Jahrhunderten der Zerstörungen, nach allen Völkerwanderungen und nach allen Raubzügen durch Mensch und Zeit weiterleben.“
Willem schüttelte zweifelnd den Kopf: „Das ist kein schlechter Gedanke, mein Freund“ und ergänzte pragmatisch und mit einem Schuss Überheblichkeit, „aber viel dringender ist es, den Bauplan des Palastes und die genaue Struktur des Gartens festzulegen.“
„Schön und gut! Das Konkrete zuerst. Aber dafür müssen wir auch unser Ziel genau kennen. Wozu soll dieses Gebäude letztlich dienen?“, fragte Georg ihn provokant.
„Wie Du weißt“, erwiderte Willem, „soll es als Residenz Seiner Exzellenz und als Repräsentationsgebäude fungieren. Mauritz hat es klar zum Ausdruck gebracht: Ein Symbol und Zeichen des Erfolges der Westindischen Handelskompanie in der Welt.“
„Das ist doch allzu gering ambitioniert“, schoss Georg zurück und musste dabei das Wort „lächerlich“ unterdrücken. „Wir haben hier die Chance, ein Wissenszentrum auf der geistigen Höhe des Lyzeums und Gymnasiums der Alten Griechen zu errichten.“
„Und ich darf Dich daran erinnern, mein Lieber, dass wir mit den Portugiesen und Spaniern im Krieg stehen und diese nur auf eine Gelegenheit warten, uns wieder zu vertreiben. Die Iberer sind keine Kuscheltiere, sondern Raubkatzen. Und denke daran: Die Kompanie erwartet pünktliche Zuckerlieferungen.“ Er hob den Finger. „Das sind unser Arbeitgeber! Waffenerfolge und Zuckertransporte, also konkrete Ergebnisse werden erwartet, nicht Gerede! Philosophie genießt meiner Erfahrung nach in Amsterdam geringere Priorität“, schloss Piso nicht ohne Zynismus.
Georg wollte seinen Kampf weiterführen. Er beugte den Kopf leicht zur Seite, wie ein Boxer den Schlag von unten führend: „Was wäre mit greifbaren Ergebnissen in der Alchimie?“, fragte er, diese besondere Leidenschaft Willems kennend. Nach einer kurzen Pause, antwortete dieser auch träumerisch lächelnd. „Ja, …. so ein Labor im Keller der neuen Burg wäre wohl eine interessante Sache.“
So endete das erste Gespräch, zwar für Georg Markgraf nicht zufriedenstellend, jedoch mit einer versöhnlichen Note.
Graf Mauritz von Nassau machte Druck und verlangte die Ausarbeitung erster Pläne innerhalb von wenigen Tagen. Von der Begeisterung der Beteiligten getragen, welche die Lethargie in diesem schwülen Klima mit Leichtigkeit überwand, entstand bereits kurz darauf ein Projekt, das es in ganz Amerika so noch nie gegeben hatte. Auf diesem Fleck Erde – am achten Breitengrad Süd und 34. Längengrad West – planten die Mitarbeiter des Grafen im neuen Viertel namens Mauritzstadt, an der sumpfigen und unbebauten Landspitze zwischen dem Capibaribe, dem Strom der Wasserschweine, und dem Afogados, dem Fluss der Ertrunkenen, einen Palast der Zukunft.
Das Projekt hatte schon von der Architektur her grandiose Züge: Eine großräumige, zweistöckige Burg, zu deren Pforte breite Stiegen führen. Im Inneren ein großzügiger Empfangsraum mit Platz für eine Tafel, links und rechts möblierte Räume für Sitzungen und Verwaltungsaufgaben, im Obergeschoss die privaten Gemächer des Grafen sowie eine Bibliothek und ein Spielzimmer. Die Juwelen des Herrenhauses sollten seine Flanken sein: Zwei viereckige Türme, je fünf imposante Etagen hoch, auf mittlerer Höhe durch einen geschlossenen Brückengang verbunden, mit einer Richtung Meer gewandten Aussichtsnische. Eine der höchsten von menschlicher Hand geschaffene Konstruktion sollte es werden. Jedem der beiden Türme war eine eigene Funktion zugedacht: Ein Leuchtturm, um die Freunde zu leiten und ein Wachtturm, um die Feinde auf Distanz zu halten. Im Untergeschoss schließlich: Die Küche und das Lager. Die beiden für die visuelle Dokumentation zuständigen Maler der Mission, Frans Post und Albert Eckhout, erhielten den Auftrag, für den Ehrensaal und die umliegenden Räume im Erdgeschoß ihre brasilianischen Landschaftsund Porträtmalereien zur Verfügung zu stellen.
Georg blickte neugierig in die Runde als die erste Skizze des neuen Gebäudes auf dem Tisch lag. „Meiner Meinung nach sollte ein Raum für Landkarten vorgesehen werden. Wir sind schließlich im Krieg mit den Iberern“. Als Kartograph der Expedition stand ihm eine solche Bemerkung zu, ja wurde geradezu erwartet. Keinem blieb verborgen, dass Georg weniger an eine militärisch nutzbare Übersicht über die Zuverlässigkeit der Verkehrswege, die Lokalisation der Zuckerrohrplantagen und potentieller portugiesischer Waffenplätze dachte, sondern an eine Kartierung der Sterne der südliche Halbkugel und eine ethnographische Karte mit Hinweisen zu Tieren und Pflanzen. Der Vorschlag wurde provisorisch angenommen.
Willem Piso setzte seine ernsteste Miene auf: „Es macht Sinn, die zahlreichen gefundenen lokalen Materialien auf ihre Feuerfestigkeit und Nutzbarkeit zu prüfen. Dafür brauchen wir einen eigens ausgestatteten Raum.“ Die Idee des angesehenen Arztes wurde selbstverständlich aufgegriffen und ein entsprechender Platz samt Feuerstelle im Keller vorgesehen.
Georg hob die Hand und setzte nun an, seine Königsidee darzustellen. An dieser Stelle räusperte sich Piet van Dom, der die Diskussion bislang schweigsam verfolgt hatte. Der hagere, schmalbrüstige Mann undefinierbaren Alters, er mochte dreißig sein oder fünfzig, hatte hellgraue Augen, vor allem aber außergewöhnlich kantige Glieder, die sogar durch die weit getragenen Kleider hindurch spitze Knie und Ellbogen vermuten ließen. Er sah aus wie ein Dornenstrauch, fand Georg. Als offizielle Funktion gab er Finanzreferent an, wobei die tatsächliche Rechnungsführung der Kolonie einem unscheinbaren Mitarbeiter oblag. Es wurde, auch wegen der Rücksicht und Höflichkeit, mit denen Gouverneur Nassau den Mann behandelte, allgemein vermutet, dass Piet einen direkten und persönlichen Draht zur Führung der Handelskompanie, die in den Berichten als die „XIX“ bezeichnet wurden, pflegte. Das war auch tatsächlich der Fall, wie sich im Laufe der Zeit herausstellte: Van Dom berichtete unmittelbar und vertraulich an den berüchtigten Sicherheitsausschuss der XIX in Amsterdam.
Der Dornenstrauch meinte knapp: „Ich denke, nun haben wir die Grenzen dessen erreicht, was finanzierbar ist. Ich schlage vor, dass wir uns nun primär auf die sicherheitstechnischen Schutzanlagen konzentrieren.“ Und an die beiden Offiziere gewandt: „Wie viele Kanonen brauchen wir? Wo sollen sie aufgestellt werden?“
Georg war pikiert. Er wollte sich die Gelegenheit nicht nehmen lassen, seine Argumente vorzubringen. Zur Überraschung der Anwesenden und zum Entsetzen seiner Freunde widersprach er Piet vor der gesamten Runde. „Unsere Mission hat das Ziel, auch die wissenschaftlichen Aspekte unserer Präsenz in Brasilien hervorzuheben. Wenn wir rund um das Hauptgebäude einen möglichst üppigen Park errichten, wird dies genau dieser Absicht entsprechen und die Glorie unserer Kolonie befördern…“ Piet van Dom war solchen Widerstand nicht gewohnt und wischte das Argument mit einer Handbewegung vom Tisch. „Wir haben keine Zeit für Firlefanz. Nur die spanischen Katholiken schmücken ihre Kirchen mit Gold. Das wollen wir nicht nachahmen.“ Die Worte klangen beinahe wie eine Drohung.
Damit schien dieses Thema abgeschlossen. Die militärischen Berater einigten sich noch auf einen Kanonenwall, einen Schutzgraben und den Ausbau eines Forts in unmittelbarer Nachbarschaft des Palastes.
Willem stellte Georg noch am selben Abend zur Rede: „Bist Du von allen guten Geistern verlassen? Wir brauchen das Wohlwollen von Piet. Ihn zum Feind zu haben ist nicht nur zwecklos, sondern gefährlich. Er ist hart zu sich selbst und ist es auch zu Anderen. Man sagt, er sei verhärmt seit sein Vater im Blumenhandel bankrott gegangen ist.“
„Wir wollen nicht übertreiben, ich war gar nicht unhöflich!“, antwortete Georg. „Außerdem habe ich in der Sache Recht. Gehen wir doch zum Grafen und holen uns die Erlaubnis, einen konkreten Plan für einen Garten auszuarbeiten, wie es ihn in der Neuen Welt nicht gibt. Du wirst sehen: Die Idee wird ihm zusagen.“
Willem stimmte widerwillig zu. Aber bereits nach wenigen Tage hatten sie zur ihrer Freude die Erlaubnis erhalten, konkrete Vorschläge zu unterbreiten. Bei dieser Gelegenheit kündigte Graf Mauritz an, das neue Herrenhaus sollte Vrijburg, Freiburg, heißen.
Georg war zur folgenden Unterredung vorbereitet gekommen und hatte einen weiteren Vorschlag eingeworfen. Laut seinen Berechnungen sollte am 13. November, also in wenigen Monaten, eine Sonnenfinsternis stattfinden. „Es handelt sich um ein einmaliges Naturschauspiel und wird in Brasilien unseren Leitstern zur Gänze verdecken. Wir erhalten die Möglichkeit – die einmalige Möglichkeit in unserer Generation! – dieses Ereignis auf der südlichen Halbkugel zu dokumentieren.“ „Gouverneur“, schloss er seine kleine Rede feierlich, „wenn ich einen der beiden geplanten Türme für astronomische Beobachtungen nützen könnte, und sei es nur an diesem einen Tag, wird dies für alle Zeiten in die Geschichtsbücher eingehen.“ Der Einsatz des jungen Mannes fügte sich in die Aufbruchsstimmung des Moments. Der Garten wurde bewilligt.
Er konnte einen jungen Mitarbeiter zum Gärtner ausbilden und erklärte diesem seine Idealvorstellung: „Unser Ziel ist ein botanischer und zoologischer Garten, der die gesamte Fauna und Flora des neu entdeckten Erdteils beherbergen soll.“ Der Gehilfe nickte und sah ihn erwartungsvoll an: Würde er genauere Instruktionen erhalten?
Der Sektor der Botanik würde, schwärmte Georg, durch einen umfangreichen und bunten Obstgarten geprägt, vielfältiger werden als es in Europa je möglich wäre: Prall gefüllt mit Fruchtbäumen, Sträuchern und Heilpflanzen. Vorgesehen waren etwa Zuckerrohr, Caju-Nüsse und Wasserlilien. Diese zu sammeln sollte kein größeres Problem bereiten. Mehr Kopfzerbrechen machte ihm die Gestaltung der Gehege. Zwar einigte man sich rasch darauf, einen Kleintierstall mit Hasen, Hühnern und Brieftauben sowie einen Teich mit Nutzfischen zu gestalten. Auch größere Tiere wie Bugios-Affen, Saguin-Äffchen und Ameisenbären zu finden und lebend nach Mauritzstadt zu bringen, sollte möglich sein, da es von ihnen in der Umgebung nur so wimmelte. Aber wie sollten sie bei den Vögeln vorgehen? Dafür müsste mit unsicherem Erfolg eine Prämie ausgesetzt und ein hoher Käfig errichtet werden.
Am intensivsten debattierten Georg und seine Freunde, ob für Menschen gefährliche Fauna auch vorgesehen werden sollte. Vollständig wäre solch ein Garten nur mit allen bekannten Arten des neuen Kontinents, also auch mit giftigen Schlangen und Spinnen, bissigen Alligatoren und nagenden Piranhas. Dies vertraten die beiden Deutschen der Gesellschaft, Georg und Franz. Willem widersprach: Es sei gänzlich unrealistisch, die Bevölkerung für den Grafen einzunehmen, wenn dieser sich mit Feinden der Menschen umgibt, ganz abgesehen vom Risiko, selbst gebissen oder verspeist zu werden. Außerdem fragte Willem die beiden jungen Herren listig, ob sie ernsthaft in Erwägung zögen in ihre Liste ausnahmslos alle Tiere des Kontinents aufzunehmen, auch alle Fliegenarten und Blutsauger? Eine Lücke würde immer bleiben, meinte er.
Eine kleine, überraschende Randnotiz ist erhalten: Eckhart stellte die Frage, wie die eleganteste und wichtigste Eigenschaft der Tierwelt – die Bewegung in Freiheit – in einem Zoo überhaupt dargestellt werden könnte. Eine inhaltliche Diskussion über diesen Widerspruch ist nicht vermerkt.
Insgesamt war von einem abenteuerlichen und ambitionierten Vorhaben die Rede. Als der Graf sein endgültiges Plazet für das Vorhaben gab, waren bei allen bald Aufregung, Erwartung und Neugier zu spüren. Nur eine Person teilte diese Aufbruchsstimmung nicht und zeigte seine Stacheln: Der Dornenbusch.
Georg zweifelte indes. Würde er seine von der Antike inspirierte Stätte der philosophischen Wandlungen durchsetzen können? Anstelle seiner griechischen Säulenhalle hatte er noch Grandioseres konzipiert. Rund um den Palast würde ein Palmenhain ausufernden Ausmaßes gepflanzt werden, ein Rechteck von sechzig mal vierzig Palmen. Gibt es Besseres als in Palmenschatten zu lustwandeln?
Für das gemeine Volk lag die Besonderheit des Projektes jedoch nicht in seiner Funktion und seinen ätherischen Zielen, sondern in der Existenz der zwei Türme: Denn alle Kirchen der neuen Welt zeigten traditionell nur mit einem Finger gen Himmel.
3
Georg kritzelte auf ein Blatt: „Vier Jahre sind seit meiner Ankunft vergangen. Vier Jahre unter der Ägide des Traumes und der Vorstellung, eine neue Welt zu erschaffen. Vier intensive Jahre, die ich nicht missen will. Aber in letzter Konsequenz war es eine unbefriedigende Zeit. Wie wohltuend sich heute der Schatten anfühlt“.
Bei offenen Läden saß er an seinem wuchtigen Schreibtisch. Ein Winkel seines Fensters bot ihm einen Ausblick auf das offene Meer. Doch sein Blick blieb nach innen gerichtet. Seine Sinne und Gedanken fokussierten auf die wohlbekannte und zugleich fremde junge Frau, die hinter ihm auf dem Bett lag. Er blickte auf ihr rundes Gesicht, ihre sich regelmäßig hebenden Brüste, die einen ruhigen Atem verrieten. Die unglaublichen Ereignisse der letzten Jahre waren nur nach und nach in sein Bewusstsein eingesickert. Er sah auf seine feuchte Feder und seine beinahe unleserlichen Sätze vor sich.
Dann blätterte er auf seine eigenen vor Monaten und Jahren niedergeschriebenen Notizen zurück: „Montag, der 1. März im Jahre des Herrn 1638 ist der Tag an dem ich gestorben bin. Nicht physisch, denn ich sehe, rieche und höre weiterhin. Ich vernehme Deine Musik, spüre Deine Haut, schmecke die rötlichen Früchte Deines Gartens. Dennoch war dieser sonnige und kalte Frühlingsmorgen, an dem ich in Amsterdam in See gestochen bin, wie die Stunde meines Todes. Oder sollte ich sagen: Meiner Geburt? Das Schiff hieß ‚Fortüne‘ und verkörperte für mich die Sehnsucht, den Horizont, den Wind aus Südwest. Als die Taue losgemacht wurden und die Fleute vom Pier Richtung Nordost-Brasiliens driftete, fühlte ich den Aufbruch in die neue Welt in jeder Faser meines Körpers. Meine Hand umklammerte die Reling. Mein Blick richtete sich auf den Horizont, die Wellen als Träger der Hoffnung. Der Wind blies, scharf wie Senf, und hinter mir ließ ich die erbarmungslose Erbärmlichkeit der deutschen Lande“.
Er schrieb weiter: „Ein schöner Tag zum sterben, dachte ich damals im Hochgefühl, wie so viele, denen durch das pochende Herz die Lunge zerbirst“.
Er erinnerte sich in besonderem Maße an zwei Begebenheiten seiner Reise. Beeindruckt war er von den nach immer gleichen Mustern und Ritualen verlaufenden Gesängen der Matrosen gewesen, die ihn in seiner Kabine einlullten. Zuerst begann der Vorsänger – unter den wachsamen Blicken des Ersten Offiziers – die tristen Bedingungen an Bord derb zu geißeln, dann antworteten darauf die Matrosen im Chor mit ihren Sehnsüchten und Wünschen: „An Bord ist alles ein großer Mist!“, sang der Maat etwa. „Wir triumphieren immer mit unserer List!“ antwortete die Mannschaft. Oder: „Das Essen ist der größte Graus!“ – „Meine Mutter bereitet den besten Schmaus!“, „Auf den Wind ist leider kein Verlass!“ – „Mit meiner Liebe habe ich den schönsten Spaß!“ So ging es Tag für Tag.
Nicht vergessen konnte er auch die raue Seemannseinweihung als sie den Äquator überquerten. Ihm war Rum eingeflößt worden, er blieb bemüht, eine gute Miene aufzusetzen, und dann wurde er über Bord und kopfüber in die Gischt gehalten. Man hatte ihm zwar versprochen, er würde heil wieder aus den Fluten kommen, aber die Erstickungsangst und die Atemnot drückten ihm noch heute die Tränen aus den Augen. Vor allem wurden seine Arme durch die Muscheln der Bordwand aufgerissen und brauchten viele Tage, um wieder zu heilen.
Lange betrachtete er seine Gefährtin Tapiti Tamé in ihrem Schlaf, ihre geschlossenen Augen, ihr leicht geöffneter Mund mit den blinkenden Schneidezähnen.
Er begann weiter zu schreiben, als ob er ihr seine Geschichte erzählen würde: „Es sind nur wenige Jahre vergangen, seit ich auf unserem neuen Kontinent bin, aber diese haben mich von Grund auf verändert. Ich denke zurück an das Kind, das Georg hieß und an einem 16. September vor mehr als dreißig Jahren auf die Welt kam. Meine Geburtsstadt heißt Liebstadt. Über der Siedlung thront Schloss Kuckuckstein. Es ist heute ein verlassenes Dorf, in dem nichts die Aufmerksamkeit eines Besuchers fesseln würde. Steht Kuckuckstein überhaupt noch nach all den schrecklichen Jahren? Ich entsinne mich, dass der Vater, ein Lehrer und Organist, das blau getünchte Haus der Familie auf eine tönerne Vase gemalt und auf die Kommode im Gästeraum gestellt hatte. Die Vase erscheint nun wie ein Vorzeichen: Sie zeigt ein festes Gebäude auf zerbrechlichem Grund, das Heim einer einigen Familie in einer unruhigen Zeit. Die Eltern waren stolz, freie und gute Bürger im reichen Kurfürstentum Sachsen zu sein. Es war eine Zeit des Wohlstands. Am kleinen Hafen zogen zahlreiche Schiffe mit ihren gestapelten Waren vorbei: Wein, Leinen und Silber gingen nach Süden. Dafür kamen begehrte Gewürze, Wolle und Gold – wie Du: würzig, weich und mit goldfarbener Haut. An sonntäglichen Nachmittagen spazierte Vater gerne mit uns über die lange und bedeckte Holzbrücke mit dem Wachtturm zum ehemaligen Sitz des Bischofs. Ja, auch dort war die Kurie verjagt worden und musste zum Wohl der Stadt reichlich Beute hinterlassen. All das hat sich so gründlich verändert wie Dein Land. Die Schatten der Gewalt sind auch über uns gekommen.
Du hast mich nach den Sternen gefragt! Du weißt, dass es sich um mein Lieblingsthema handelt. Als ich geboren wurde, ging die Konstellation Kassiopeia über dem Horizont auf. Das große M, das sie formt, scheint mir jedoch nicht ein Zeichen für Maria Magdalena, wie uns gesagt wurde, sondern vielmehr ein Bild für Mord und Malefizienz zu sein, ein Sternenbild, das Gewalt ankündigt. Einmal träumte ich von einem fernen Planeten, auf dem der Granit in Strömen fließt. So stelle ich mir die Trabanten der Kassiopeia vor.
Als Halbwüchsiger fühlte ich mich sicher und stark. Im Laufe der letzten Jahre bin ich verletzlicher geworden. Eine Schwäche habe ich jedoch hinter mir gelassen: Selbstmitleid. Weshalb sollte ich den früheren Georg bemitleiden, weil ein blutrot verwaschener Himmel über dem Land aufging und die helle Sonne überdeckte? Bauern haben eine Generation lang nicht Weinstöcke in die Erde gestoßen, sondern Menschen gepfählt. Pflugscharen wurden gegen Schwerter, Rebmesser gegen Spieße getauscht. Aber ist das ein Grund, gerade mich und mein Geschlecht zu beweinen? Weil auch ich, Flüchtling unter tausenden Entwurzelten, um eine bessere Zukunft betteln musste? Weshalb sollen wir den jungen Georg bemitleiden, ihn der reisen konnte, während seine Freunde ihren Heimen entrissen wurden? Er, der bei Nacht bei Kerzenlicht lesen konnte, während die Städte Deutschlands loderten. Während die Armeen der halben Welt durch die Lande zogen, wanderte er von Universität zu Universität und studierte: Chemie in Basel, Medizin in Leyden, Botanik in Rostock.
In Rostock erfuhr ich von einem durchziehenden Soldaten von der neuen Expedition der Holländisch West-Indischen Handelskompanie WIC nach Brasilien. Der Milizionär meinte grinsend, ich könne Ruhm erlangen, reich werden… Ich habe mich noch am selben Tag auf den Weg gemacht. Aber ein Kommilitone, mit seinen von einem Angriff verstümmelten Beinen, musste bleiben. Mein Onkel hat mir in einem seiner seltenen Briefe später vorgeworfen, ich hätte mein Land in der schlimmsten Zeit verlassen. Meine Aufgabe wäre gewesen, die Kranken Meißens zu heilen. Ich hätte meinen wissenschaftlichen Eifer Sachsen widmen sollen und nicht, wie er es ausdrückte, den Flachlandcalvinisten.
Diese Vergangenheit habe ich wie einen Rucksack mit mir herumgeschleppt. Ich schwärmte von den glänzenden Siegen der Niederländer gegen die Besatzungstruppen Philips II., Freiheit gegen Unterdrückung, Protestanten gegen Papisten, die Welt gegen Habsburg. Du wirst fragen, warum ich angeheuert habe? Warum überhaupt so viele enthusiastische Freiwillige quer über die Welt und allen Gefahren trotzend über den Ozean gekommen sind? Der Gründe sind viele: Manche verließen ihr Zuhause, manche weil sie etwas auf dem Kerbholz hatten, manche weil sie vom Verdienst angelockt wurden. Für mich aber war es vor allem die Verfolgung der Idee einer hellen Zukunft, abseits des Wahns, der hinter mir blieb. Vernunft gegen Fanatismus, Zukunft gegen Vergangenheit, Freundschaft gegen Hass. Ich wollte aus dem Chaos der deutschen Lande fliehen und mich dem Studium und der Wissenschaft widmen…“
Er sah Tapiti Tamé das erste Mal bei einem der wackeligen Gästehäuser am Riff. In der Nacht hatte es geregnet und über dem Boden stand ein Finger breit Wasser. Im Hof bemühte sich eine Eingeborene, frisch gewaschene Laken an der Sonne auszubreiten. Er hatte gerade ein Frühstück zu sich genommen – Brot, Maracujasaft und etwas Ziegenkäse – und war auf eine Terrasse getreten. Die Indianerin sah auf, hielt zu seiner Überraschung seinem Blick stand und fragte ohne die Miene zu verziehen, ob ihn der Anblick der Überschwemmung an Amsterdam erinnere? Er hatte überrascht gelächelt, denn nicht das stehende Wasser war ihm aufgefallen, sondern ihre langen glatten Haare. Auch war er beeindruckt, dass sie seine Sprache konnte, wenn auch nur bruchstückhaft.
Das Wesentliche spielt sich im Kopf des Betrachters ab, wo sich Realität und Vorurteile ihr Stelldichein geben und vermengen. Das war ihm Jahre nach ihrer Begegnung, nachdem seine Fantasien sich als solche entpuppt hatten, bewusster denn je. Als er sie eines Tages in der Nähe des Fischmarktes sah und sie unvermutet verschwand, vermutete er bei ihr magische Fähigkeiten, die sie unsichtbar machten. Später, als das Trübsal, das ihn bereits Wochen nach seiner Ankunft plagte, durch ihr Erscheinen wie weggeblasen schien, rechnete er ihr die Fähigkeit zu, aus eigenem Helligkeit und Licht schaffen zu können.
Vor allem aber erinnerte er sich an eine tragische Episode am Hafen. Ein allseits als vergrämt und bösartig verrufener Lotse aus Gent hatte wie wild geschrien und um sich geschlagen, als sei er der Herrscher des Stegs. Dabei hatte der Grobian auch die zufällig anwesende Tapiti am Oberarm gefasst und mit der Faust ins Gesicht getroffen. Nur wenige Augenblicke später griff sich der Lotse an die Brust und sank plötzlich tot in den Schlamm. Georg klärte den herbeieilenden Ordner, der schon auf die geschundene Eingeborene losging, über ihre Unschuld auf. Insgeheim vermutete er aber eine tödliche Zauberkraft der jungen Indio-Frau.
Tapiti Tamé stammte vom Stamm der Caetés ab, den hartnäckigsten Feinden der Portugiesen in der neuen Welt, aus der Umgebung der ehemaligen Hauptstadt Olinda. Die Caetés waren das ideal anmutende, ursprüngliche Volk – nackt und in enger Verbindung mit der Natur, seinen Alliierten treu ergeben, seinen Partnern freundlich gesinnt, von den Feinden gefürchtet. Leider hatten sie einen gewichtigen Makel – sie waren auch Menschenfresser.
Georg erzählte seinen Freunden von einem Albtraum: Tapiti ging, ganz nackt, nur mit Sandalen und einer flachen Kopfbedeckung bekleidet, durch eine lose bewachsene bläuliche Landschaft, der Himmel über ihr mit Wolken behangen. Sie war für Willem Pflanzen pflücken gegangen. Ihre langen Haare waren fast europäisch mittelbraun und gewellt. Ihre Brüste frei, ihre Scham wegen der herunterfallenden Pflanze kaum sichtbar. Alles an ihr schien blühend, in perfekter Friedfertigkeit. Erst auf den zweiten Blick sah er, was sie tatsächlich in ihren Armen trug: Eine abgetrennte Hand samt Unterarm. Und aus dem über ihren Kopf gestülpten Hut, den die Indio-Frauen als Tragtasche verwendeten, ragte ein fein säuberlich präparierter Fuß mit Unterschenkel. Neben ihr lief ein schnüffelnder Hund einher. Im Traum blickte Tapiti ihn an, zart unschuldig, wie eine Renaissance-Madonna, als täte es ihr leid, ihm seine Glieder abgeschnitten zu haben. Als er auf seine fehlende Hand blicken wollte, war er schweißgebadet aufgewacht.
Er hatte seinem Freund, dem Maler Albert Eckhout, von seiner ersten sexuellen Begegnung mit Tapiti erzählt: Als er sie im intensiven Vormittagslicht küsste, breiteten sich ihre Brustspitzen vor seinen Augen wie eine Blume in der Morgensonne aus, seine Berührung wirkte augenblicklich auf ihre warme und feuchte Scham. Ihre Augen drehten ins Weiße. Gleichzeitig blieb sie jedoch stumm und ihr Gesichtsausdruck starr. Es war ihm unmöglich, ihre Gedanken oder Gefühle zu erraten. Ihr weicher Körper bot seinem geschundenen und harten Thorax heilende Linderung.
Alberts schöpferische Kraft war entzündet, da dieser nicht gezögert hatte, diese in Zeichnungen auf Papier zu bringen und ihm dann verstohlen zu zeigen.
Wenige Schauspiele sind so faszinierend, wie ein tosender Wasserfall, der in natürlicher Dramatik in einen See stürzt. Nicht nur das Zerschellen und Verschwinden des fallenden Stromes ist atemberaubend, sondern auch das Wasser darunter, aufgewühlt und in seiner Kraft verdoppelt. So verhält es sich auch, wenn Anspruch auf Wirklichkeit trifft. Eine solche Begegnung der Idee mit den realen Bedingungen des Lebens ist manchmal dramatisch, für den Einzelnen meist schmerzhaft, aber immer bemerkenswert. Es bleibt schwer zu entscheiden, ob die ernüchternde Zerrüttung der Ideale oder die zukunftsgewandte Veränderung der Realität schwerer wiegen. Nicht anders verhielt es sich mit Georgs Projekt des philosophischen Gartens.
An einem frühen Abend im Februar 1641 spazierte Georg durch die Allee mit ihren noch jungen Palmen, fast dunkel war der Himmel bereits, das sanfte Grün der Bäume schimmerte noch, die Blätter wedelten leicht in der Brise. Am Rande des Gartens waren einige gepflanzte Gewürze zu sehen, vereinzelt lagen unter den älteren Bäumen Mangos im Gras. Es mag sein, dass für einen unbedarften und frisch angereisten Beobachter zwischen den Plantagen der Siedler und dem Vorplatz der Frijburg nur wenig Unterschied auszumachen war. Aber Markgraf, in dieser Frage befangen, sah die kleinen Pflanzen wie eigene Kinder an und strotzte vor Glück. Bald würden ihn alle Tiere und Pflanzen der neuen Welt umgeben, die Blätter der hohen Bäume ihn vor der prallen Sonne schützen, die Musen Brasilias ihm Inspiration zuflüstern. Er sah sie bildlich vor sich, schön wie ein Gedicht:
Die bunte Vielfalt der Welt,
Rot die Papayas und Maracujas,
Orange die Pitangas, Baumkirschen und Tamarinden, die Orangen und Granatäpfel,
Gelb die Bananen, Cajás, Mangas und Limonen,
Blau die Umbu-Pflaumen,
Bräunlich die Jenipapos, Melonen und Breiäpfel.
Er liebte sie wie den Regenbogen.
Vor seinem geistigen Auge sah er die Tiere der brasilianischen Wildnis, die Papageien und Araras, die Pfaue und Langhals-Störche, die Antas-Wildschnüffler und Jabuti-Schildtiere. Mit der Zeit würden sie sich alle in seinem Garten einfinden. Und über allem thront der Meister und Gott. Oder waren es gar die weiblichen Göttinnen Liebe und Vernunft, deren hilfloses und ausgeliefertes Werkzeug er zu sein schien?
Oft verbrachten Georg und die beiden befreundeten Künstler die Abende gemeinsam am Hafen, wo sie das geschäftige Treiben bei einem Bier betrachteten.
Gleich hinter den Spelunken befand sich die Judengasse, in der eine beträchtliche Zahl an bärtigen Männern ihren Tätigkeiten nachging. Immer wieder kam es vor, dass der eine oder andere Hebräer mit ihnen ins Gespräch kam. Sie waren unweigerlich gut gebildet und konnten den drei Kumpanen immer wieder Ratschläge in ihren eigenen Fachbereichen geben. Sie waren auch die Einzigen, die belastbare Informationen über die Wege in das Innenland hatten, ein Gebiet das sonst nur von schweigsamen militärischen Aufklärern besucht wurde. Am liebsten sprachen die drei Freunde aus Deutschland mit einem jungen Rabbiner namens Joshua. Dieser hatte auch die Sprache der Caetés und der Tupi-Nikim gelernt und so machten sie sich regelmäßig den Spaß, sich darin bruchstückhaft zu unterhalten. Das „Ich“ klang fast so wie das Ich in deutschen Landen, und so riefen sie sich oft zu: „Ixe“ finde das Wetter gut. Oder wenn sie Verzweiflung mimten und einen indianischen Gott als Zeuge anrufen wollten: „Tupá … schau herab“ riefen sie und lachten. Nach dem ersten Schluck Bier prosteten sie sich gegenseitig immer zu: „Katu“ – wie gut!
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