Four nights together - London Hearts 4 - Valentina Fast - E-Book

Four nights together - London Hearts 4 E-Book

Valentina Fast

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Beschreibung

Gemma hat es satt: Keine Dates mehr. Und vor allem keine Enttäuschungen mehr. Deshalb konzentriert sie sich nun voll und ganz auf die Zeit mit ihren Freundinnen am Willow Square. Als sich jedoch fiese Gerüchte über ihr Liebesleben ausbreiten, die Gemma zum Gespött der Uni machen, schreitet ihr Nachbar Henry ein und hilft ihr aus der Patsche. Ausgerechnet Henry, der ständig feiern geht und Gemma regelmäßig zur Weißglut bringt, behauptet plötzlich, ihr Freund zu sein. Was als kleine Notlüge startet, entwickelt sich allerdings zunehmend zu einem ungeplanten Desaster. Denn Henry verlangt für seine Hilfe eine Gegenleistung: Gemma soll ein Wochenende lang auf einer Familienfeier seine Freundin spielen. Doch je länger die beiden Zeit miteinander verbringen, desto mehr verschwimmen die Grenzen zwischen Spiel und Wahrheit ... Band 4 der London Hearts-Reihe: ein unvergesslicher Sommer trifft auf Fake-Dating-Romance & Only One Bed

Dieses Buch gibt es in zwei Versionen: mit und ohne Farbschnitt. Sobald die Farbschnitt-Ausgabe ausverkauft ist, liefern wir die Ausgabe ohne Farbschnitt aus.

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Seitenzahl: 449

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhalt

Cover

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Über dieses Buch

Titel

Leser:innenhinweis

Widmung

Gemmas Playlist

GEMMA

HENRY

GEMMA

HENRY

GEMMA

HENRY

GEMMA

HENRY

GEMMA

GEMMA

HENRY

GEMMA

HENRY

GEMMA

GEMMA

HENRY

HENRY

GEMMA

HENRY

GEMMA

HENRY

GEMMA

HENRY

GEMMA

HENRY

GEMMA

HENRY

GEMMA

HENRY

GEMMA

HENRY

GEMMA

Danksagung

Triggerwarnung

Über Valentina Fast / Lorena Schäfer

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Impressum

Cover

Inhaltsverzeichnis

Titelseite

Inhaltsbeginn

Impressum

Über dieses Buch

Gemma hat es satt: Keine Dates mehr. Und vor allem keine Enttäuschungen mehr. Deshalb konzentriert sie sich nun voll und ganz auf die Zeit mit ihren Freundinnen am Willow Square. Als sich jedoch fiese Gerüchte über ihr Liebesleben ausbreiten, die Gemma zum Gespött der Uni machen, schreitet ihr Nachbar Henry ein und hilft ihr aus der Patsche. Ausgerechnet Henry, der ständig feiern geht und Gemma regelmäßig zur Weißglut bringt, behauptet plötzlich, ihr Freund zu sein. Was als kleine Notlüge startet, entwickelt sich allerdings zunehmend zu einem ungeplanten Desaster. Denn Henry verlangt für seine Hilfe eine Gegenleistung: Gemma soll ein Wochenende lang auf einer Familienfeier seine Freundin spielen. Doch je länger die beiden Zeit miteinander verbringen, desto mehr verschwimmen die Grenzen zwischen Spiel und Wahrheit ... Band 4 der London Hearts-Reihe: ein unvergesslicher Sommer trifft auf Fake-Dating-Romance & Only One Bed.

Liebe Leser:innen,

dieses Buch enthält potenziell triggernde Inhalte. Dazu findet ihr hier genauere Angaben.ACHTUNG: Sie enthalten Spoiler für das gesamte Buch.Wir wünschen uns für euch alle das bestmögliche ‍Lese‍erlebnis.

Euer Team vom ONE-Verlag

Für Anna, unser erstes Fangirl.

Danke, dass du unsere Geschichten in die Welt trägst.

Gemmas Playlist

Selena Gomez – It Ain’t Me

Kygo, Donna Summer – Hot Stuff

Syzz – Gimme Gimme Gimme

Queen – Don’t Stop Me Now

GRATIFY, Keanu Silva, Norman Alexander – Bar Song (Tipsy Techno)

Benson Boone – Beautiful Things

Glass Animals – Heat Waves

Selena Gomez – The Heart Wants What It Wants

Selena Gomez – Love You Like a Love Song

Justin Bieber – Ghost

One Direction – If I Could Fly

Lana Del Rey – Summertime Sadness

Gracie Adams – Feels Like

Charli xcx feat Lorde – Girl, so confusing

dee holt – Nobody Like You

GEMMA  

Wer hat den Kerlen eigentlich eingeredet, dass es romantisch ist, wenn sie das erste Nein einer Frau nicht als Antwort gelten lassen? Sicher dieselben Leute, die behauptet haben, dass der Junge, der einen mit einer Schippe im Sandkasten verhaut, dies nur tut, weil er einen besonders gernhat.

Bullshit.

Deshalb hebe ich auch skeptisch meine Augenbrauen und sehe Sam Kinnaird stumm an, während er mir gegenüber mit seinen viel zu langen Wimpern klimpert und mich dabei eindringlich mustert. Als könne sein hübsches Gesicht mich davon ablenken, dass er Teil des Rugbyteams ist und somit definitiv niemand, mit dem ich meine Freizeit verbringen will.

»Das wird lustig«, verspricht er und schiebt seine volle Unterlippe vor.

Ich schnaube und konzentriere mich auf mein Essen vor mir, während ich innerlich juble, weil ich den letzten Thunfischwrap ergattern konnte. Das absolut beste Gericht, das es in unserer Cafeteria gibt. Zudem habe ich einen der wenigen freien Tische im Rickett Quadrangle bekommen, das von allen nur The Quad genannt wird. Durch das Glasdach strahlt die warme Mittagssonne in den Innenhof des Hendon Campus, dem größten Campus der Middlesex University. Steinfassaden mit weißen Fensterrahmen starren auf uns nieder, und die Luft ist erfüllt von dem Geruch nach Sommer und Stimmengewirr.

Es wäre der perfekte Augenblick, um in Ruhe meinen Wrap zu essen, bevor ich zum nächsten Kurs muss.

Doch offenbar ist mir heute keine Ruhe vergönnt, und das nervt mich. »Wie gesagt, ich kann nicht.«

Sams Augenbrauen ziehen sich beinahe flehend zusammen. »Du hast doch selbst zugegeben, dass du einen Beautyabend einlegen willst. Kannst du dir deine Nägel nicht auch am Wochenende lackieren?«

»Nicht, dass es dich irgendwas angeht, wie ich meine Freizeit verbringe. Aber ich habe diesen Wellnessabend schon ewig geplant, und ich werde meinen Freundinnen sicher nicht absagen, nur weil du dir überlegt hast, mit mir auf eine Party gehen zu wollen.«

Er seufzt leise und nickt pseudoverstehend. »Und ich will auch gar nicht, dass du deinen Freundinnen meinetwegen absagst. Aber überleg es dir doch einfach. Vielleicht denkst du ja an mich, sobald du fertig bist. Schreib mir dann einfach. Meine Nummer hast du ja.«

»Das wird nicht passieren«, erwidere ich mit einem Lächeln, auch wenn ich ihn eigentlich sehr viel härter abblitzen lassen will. Aber ich komme einfach nicht gegen meine anerzogene Nettigkeit an.

Sam greift sich theatralisch an die Brust und stößt einen Laut aus, als hätte ich ihn zutiefst getroffen. »Das ist hart. Dabei ist doch allgemein bekannt, dass du für jeden Spaß zu haben bist.«

Schlagartig verfliegt diese leichte Belustigung, die gerade in mir aufsteigen wollte, und ein dumpfes Gefühl macht sich in meiner Magengegend breit. Ich lehne mich auf meinem Platz zurück und mustere ihn kühl. »Wie meinst du das?«

Er zuckt mit den Schultern, beugt sich lässig vor und stemmt seine Ellenbogen platzeinnehmend auf den Tisch, während er mich wissend anlächelt. »Jeder weiß, dass du gerne datest, nur eben keine Sportler. Total mies, ausgerechnet die guten Jungs außen vor zu lassen.«

Warum klingt das so ekelhaft schmierig, wenn er das sagt? So billig? Als wäre es etwas Schlechtes, wenn man ausgeht und neue Leute kennenlernt. Als hätte meine aktive Suche nach dem Richtigen mich verbraucht und mir einen Makel beschert.

Nicht, dass ich noch im Spiel wäre. Ich bin ausgestiegen, als sich herausgestellt hat, dass ich zu gutgläubig für die Liebe bin. Denn das hat mir mein letzter Versuch sehr deutlich vor Augen geführt.

Deshalb konzentriere ich mich nur noch auf mich, mein Studium, meine Freunde und all die Dinge, die mir wirklich guttun. Das bewahrt mich wenigstens vor einem gebrochenen Herzen.

»Die guten Jungs?« Mir entfährt ein abfälliges Schnauben, und ich fokussiere mich absichtlich auf seinen zweiten Teil. Als wäre es nicht allgemein bekannt, dass Sportler, aber vor allem unser Rugbyteam, zu den größten Herzensbrechern gehören. Sie sehen sich selbst als die Götter des Campus und reden sich ein, dass die Mädels allein bei ihrem Anblick reihenweise in Ohnmacht fallen.

Tja. Sorry, aber der Realitätscheck sieht anders aus. Solche Typen sind nur für schnelle Nummern gut.

Doch das muss ich ihm nicht auf die Nase binden, vor allem, weil ich dieses Gespräch endlich beenden will. Denn wenn Sam eins ist, dann begriffsstutzig und hartnäckig.

»Richtig.« Er wirft sich in die Brust. »Glaub mir, du verpasst was, wenn du dich nur auf die langweiligen Jungs konzentrierst.«

Er lässt es klingen, als habe ich mich immer nur mit Langweilern abgegeben. Dabei hat er absolut keine Ahnung.

Ich hatte Regeln. Gute Regeln. Regeln, die ein liebesuchendes Mädchen davor bewahren sollten, nicht auf jedes Lächeln reinzufallen und die Katastrophen zwischen den richtig guten Kerlen auszusortieren.

Leider hat mir das am Ende nichts genützt.

Ich dränge jeden Gedanken an diesen Schmerz zurück und tue das, was jede Frau schon mal in ihrem Leben getan hat, nur um nicht noch einmal belästigt zu werden: Ich lüge. »Okay. Ich überlege es mir. Schick mir einfach die Adresse.«

Sam grinst siegessicher und zwinkert mir verschwörerisch zu, während er den Stuhl mit einem lauten Quietschen zurückschiebt und aufsteht. »Lass mich bloß nicht hängen. Ich werde den ganzen Abend nach dir Ausschau halten.«

Ich bin mir ziemlich sicher, dass er das nicht tun wird, und winke ihm. »Bis dann.«

Er tut so, als würde er sich verneigen und sprintet dann zu dem langen Tisch, an dem einige seiner Teammitglieder sitzen. Sie nehmen ihn in ihre Runde auf wie einen verlorenen Sohn, lachen, grölen und boxen sich gegenseitig. Wie Höhlenmenschen.

Ich rolle mit den Augen und beiße endlich in meinen Wrap. Köstlich!

*

Kurze Zeit später eile ich durch die Flure der Middlesex University und erreiche meinen Kurs »Commercial Interiors Design« von Prof. Dr. Donovan, kurz bevor ebendiese die Tür hinter sich zufallen lassen will.

»Guten Tag.« Ich schenke der Gastdozentin ein strahlendes Lächeln, doch sie schaut nur unbeeindruckt zurück.

Schnell schleiche ich durch den vollen Kursraum zu meinem Stammplatz in der zweiten Reihe. Dabei grüße ich leise ein paar meiner Kommilitonen, stocke jedoch, als ich jemanden auf dem Platz neben meinem entdecke, der dort normalerweise nicht sitzt.

Mary-Sue, eine blonde Studentin, die nach Weihnachten aufgrund eines langfristig erkrankten Dozenten in diesen Kurs wechseln musste.

Normalerweise sitzt sie weiter hinten bei ihren Freundinnen, und wir haben so gut wie nichts miteinander zu tun. Aus gutem Grund. Kurz sehe ich mich um und entdecke meinen eigentlichen Sitznachbarn in der vorletzten Reihe, wo er mit seiner neuesten Freundin flirtet. Er zwinkert mir mit einem breiten Grinsen zu und reckt seinen Daumen in die Höhe. Offenbar hat unser Gespräch darüber, wie er seinen Crush endlich ansprechen könnte, was gebracht. Er strahlt von einem Ohr zum anderen.

Ich recke ebenfalls den Daumen nach oben, und ein Räuspern ertönt von vorne. »Miss Warrington?«

»Sorry!«, rufe ich und setze mich schnell auf meinen üblichen Platz, während im Kurs leises Gekicher ertönt.

Direkt neben Mary-Sue, die ich das erste Mal in der Wohnung meines nervigen Nachbarn kennengelernt habe. Und kurz darauf erschrocken feststellen musste, dass wir denselben Studiengang an derselben Uni belegt haben.

»Hi«, flüstert sie mir zu und lehnt sich dabei leicht in meine Richtung, ohne den Blick von Prof. Dr. Donovan zu nehmen, die uns gerade den Rücken zugedreht hat. »Vielleicht brauche ich heute deine Hilfe. Ich musste vorhin meine Kontaktlinsen rausnehmen und habe meine Notfallbrille Zuhause liegen gelassen.«

Das erklärt, wieso sie hier vorne sitzt. »Kein Problem«, flüstere ich zurück und entspanne mich ein wenig. Wie lächerlich, dass ich mir solche Gedanken um sie mache.

Prof. Dr. Donovan dreht sich um und fixiert mich. »Miss Warrington. Können Sie mir sagen, was die gestalterischen Ziele bei der Planung von Eingangsbereichen in Geschäftsräumen sind?«

Ich war so in Gedanken vertieft, dass ich gar nicht zugehört habe. Kurz starre ich sie einen Moment lang total überrumpelt an.

Dann lächle ich und lehne mich auf meinem Platz zurück. »Ein Ziel ist sicherlich Funktionalität. Atmosphäre spielt eine Rolle und ...« Ich ziehe das Wort in die Länge und krame in meinem Gedächtnis nach den passenden Antworten.

»Orientierung und Identität.«

Prof. Dr. Donovan nickt langsam und wendet sich von mir ab. »Richtig. Der Eingangsbereich muss sofort klarmachen, wo man sich befindet und wofür das Unternehmen steht. Beginnen wir mit der Orientierung. Wer kann mir sagen, wie wir diese erzeugen?«

Mehrere Hände gehen in die Luft, und ich atme erleichtert auf, als einer meiner Kommilitonen drangenommen wird und ich erst mal aus dem Schneider bin. Meine Professorin ist nicht grundsätzlich gemein, aber echt streng. Sie fordert immer hundert Prozent von uns und ist eine der Besten, wenn es darum geht, Lerninhalte zu vermitteln. Und es hätte mich absolut schlecht dastehen lassen, wenn ich diese Grundlagenfrage nicht hätte beantworten können.

»Ich habe vorhin von der Empore aus gesehen, dass du mit Sam gesprochen hast. Und du sahst aus, als hättest du ihm am liebsten dein Mittagessen an den Kopf geworfen. Was wollte er von dir?« Mary-Sue spricht leise, versucht aber nicht einmal ihre Neugier zu verbergen, während sie ihren Kopf einzieht, als unsere Professorin sich in ihre Richtung dreht, um den nächsten Studierenden dranzunehmen. 

Ich warte, bis sie sich wieder wegdreht, um die Antwort an die Tafel zu schreiben. »Ach, er hat irgendwas von einer Party gefaselt, aber ich habe weder Zeit noch Lust. Außerdem soll er bloß nicht denken, er hätte irgendeine Chance bei mir.«

Mary-Sue lacht leise und presst ganz schnell die Lippen aufeinander, bevor sie noch erwischt wird. »Stimmt. Henry hat mir von deiner Abneigung gegenüber Sportlern erzählt. Ich sag’s dir, die haben es einfach drauf. Außerdem weißt du bei ihnen immer, woran du bist.«

»Das musst du doch sagen. Du bist immerhin schon seit Ewigkeiten mit einem zusammen. Wäre ja sonst peinlich, wenn du dir jetzt plötzlich eingestehen müsstest, dass er schlecht im Bett und ein Mistkerl ist.«

»Oh, Mark ist fantastisch und der beste Freund, den man haben kann.« Ihr Schwärmen kommt aus tiefstem Herzen. Das hört man sofort in ihrer Stimme. Auch die wenigen Male, die ich sie bisher am Willow Square gesehen habe, war sie meistens mit Mark zusammen. Und hätte man mich gefragt, wäre ich niemals auf die Idee gekommen, dass sie schon seit Jahren ein Paar sind, so frischverliebt wie sie immer wirken.

Ein leichtes Ziehen setzt in meiner Brust ein, während ich mich gleichzeitig für sie freue. Das tue ich für sie und all meine Freundinnen, die in glücklichen Beziehungen stecken. Sie haben das gefunden, wonach ich so lange gesucht habe.

Ich hingegen wollte so unbedingt mein Herz an jemanden verschenken, dass ich bereitwillig alle Red Flags ignoriert habe. Und das ist auch genau der Grund, warum ich nicht länger auf Dates gehe, obwohl es quasi zu meiner Persönlichkeit gehört, nach der Liebe zu suchen. Und ganz naiv daran zu glauben, dass man sie findet, wenn man nur hartnäckig genug danach sucht.

Tja.

Manchmal muss man wohl auf die Nase fallen, um die Wahrheit endlich zu akzeptieren.

Man kann die Liebe nicht erzwingen.

Aber man kann sich von ihr fernhalten.

»Also falls du Langeweile hast, ich bin heute Abend auch auf der Party. Dann können wir zusammen einen draufmachen.«

Bevor ich ihr widersprechen kann, erteilt uns Prof. Dr. Donovan eine Arbeitsaufgabe, und es wird so still im Raum, dass keine weitere Unterhaltung mehr möglich ist. Nach dem Kurs muss Mary-Sue direkt los, und wir verabschieden uns knapp, bevor sie zur Tube eilt und ich zu meinem Fahrrad gehe, das draußen auf mich wartet.

Die Sonne brennt auf mich und mein dunkles Oberteil nieder, als ich über die bekannten Straßen von Hendon fahre. Die Luft riecht nach heißem Asphalt, und irgendwo in der Ferne bellt ein Hund.

Ich trete in die Pedale, einen trägen Song von Lana Del Rey im Ohr. Kleine Läden mit bunten Schildern ziehen an mir vorbei, Autos in der Rushhour, ratternde Busse und andere Fahrradfahrende. Ich bin im Westen von London aufgewachsen und zur Schule gegangen, dort, wo es sich anfühlt, als würde man in einem ruhigen Vorort leben und wo man noch auf der Straße spielen kann. Als ich das erste Mal mit meinem hübschen weißen Damenrad von der WG aus zum Campus gefahren bin, wäre ich hingegen beinahe überfahren worden. Es war, als würde ich in eine völlig neue Welt eintauchen. Laut, schrill, gefährlich und aufregend.

Glücklicherweise reicht meine Eitelkeit nicht aus, um mich gegen einen Helm zu sträuben. Und wenn er so hübsch pink ist wie meiner, kann man ihn sogar als modisches Accessoire anerkennen.

Mittlerweile sind mir die Wege vertraut. Entlang der Watford Wy hin zu den ruhiger werdenden Straßen in Richtung Hampstead. Die Juniluft flirrt vor Hitze, und ich atme erleichtert auf, als ich in den Schatten der begrünten Alleen eintauche. Mit Efeu bewachsene Mauern ziehen an mir vorbei, alte viktorianische Häuser mit riesigen Fenstern und eine ganze Horde von Frauen, die Kinderwagen vor sich herschieben, wie ein Rudel, das sich bereit macht, um in den Kampf des Mittagsschlafes einzutauchen.

Ich lache leise, als eines der Kinder so laut pupst, dass ein leises Raunen durch ihre Reihen geht, und biege schließlich in den Willow Square ein, an dem ich zusammen mit meinen Freundinnen Pippa, Neve und Quinn in einem der alten Mew-Häuser lebe.

Kopfsteinpflaster löst den Asphalt ab, und ein Rattern durchfährt mein altes Fahrrad.

Dann ertönt plötzlich ein Geräusch. Ein leises Knacken, gefolgt von einem unsauberen Ruckeln.

Ich bremse instinktiv, trete sachter in die Pedale. Doch nichts passiert. Als ich nach unten schaue, entdecke ich auch sofort, warum. Die Kette ist herausgesprungen, hängt nun schlaff hinab und baumelt unnütz hin und her.

»Na wunderbar«, murmle ich und springe ab, dankbar, dass ich nicht mehr so schnell unterwegs war.

Einen Augenblick lang starre ich die Kette an und überlege, wie ich sie reparieren kann. Die Sonne strahlt erbarmungslos auf mich herunter. Der Himmel ist blau und Vögel zwitschern. Es riecht nach Sonnenschein, nach Mittagessen, nach Blumen. Schnell wird mir klar, dass ich gar keine Ahnung habe und es null Sinn ergibt, dieses Fahrrad anzustarren, als würde mir jeden Moment ein rettender Gedanke kommen.

Ich will schon mein Handy ziehen, als in meiner Nähe eine Tür ins Schloss fällt. Die tiefhängenden Äste der Trauerweide, die sich sanft im sommerlichen Wind hin- und herwiegen, verdecken die Sicht auf die Fassade beinahe.

Ich gehe geradewegs auf das Haus Nummer neunzehn zu, dessen Fassade über und über mit Blauregen bedeckt ist, der momentan in voller Blüte steht. Es ist ein wunderschöner Anblick. Die fliederfarbenen Blumen hängen in Trauben hinab und verströmen in der ganzen Straße ihren süßen Duft. Das Summen der Bienen wird lauter, je näher ich dem Haus komme.

Und da entdecke ich auch schon denjenigen, der für das Türenschließen verantwortlich ist. Theo.

Pippas Zwillingsbruder und Neves Freund. Der Kerl, der die Bad-Boy-Vibes in unsere Wohnung gebracht hat, als er für ein paar Wochen bei uns eingezogen ist und inzwischen nur ein Haus weiter bei Henry lebt.

Er fährt sich durch sein dunkles Haar und lächelt mich fröhlich an. »Hi, Gemma.«

»Theo, dich schickt der Himmel!«, rufe ich ihm entgegen und deute mit einer Hand zurück auf mein Fahrrad, während ich es mit der anderen Hand weiterschiebe. »Es muss ein Zeichen vom Himmel sein, dass mein Fahrrad ausgerechnet zwei Sekunden vor unserer Begegnung kaputtgegangen ist. Kannst du es für mich reparieren und mir einen klitzekleinen Freundschaftsrabatt gewähren?«

Theo wirft mir einen wissenden Blick zu, bevor er mit der Zunge schnalzt und mir entgegenkommt. »Für dich, Gemma, mache ich es sogar umsonst.«

»Hey, ich finde dieses Geflirte nicht okay, schließlich hab ich sie zuerst gesehen«, ertönt es von der Seite, und ich zucke heftig zusammen. Denn mir ist die offen stehende Tür zum Nebenhaus nicht aufgefallen. Auch nicht, dass dort ausgerechnet Henry steht.

Henry, der der nervigste Nachbar aller Zeiten ist.

Seine schwarzbraunen kurzen Haare sitzen wie immer perfekt, und mit seinen hellen Chinos und seinem enganliegenden Shirt strahlt er Reichtum, Lässigkeit und Charme aus. Er ist ziemlich attraktiv, und das weiß er auch. Er ist ein Aufreißer, wie er im Buche steht.

Und ich kann ihn kein bisschen leiden. Schon seit unserem ersten Aufeinandertreffen bei meinem Einzug, als er die Zufahrt mit einem LKW versperrt hat, sodass wir den Großteil meiner Kisten quer über den Willow Square schleppen mussten. Nur damit ich kurz darauf erfahren musste, dass er eine Lieferung für eine Party bekommen hat, die natürlich noch in meiner ersten Nacht in der neuen WG stieg.

Horror.

Das war das erste Mal, dass ich gegen die Wand schlug und wutentbrannt zu ihm rüberlief. Nicht, dass ihn das irgendwie beeindruckt hätte.

»Träum weiter«, sage ich also an Henry gewandt, bevor ich mich erneut Theo zuwende. »Ich danke dir auf jeden Fall sehr. Soll ich es zum Pedal Shed bringen?«

»Nein, ich muss eh noch einmal kurz hin«, erwidert er und greift nach dem Lenker, um das Fahrrad neben den Eingang zu schieben und abzustellen. »Reicht dir morgen Nachmittag?«

»Oh, keine Eile. Falls du es nicht früher schaffst, kann ich Montag auch den Bus nehmen.«

»Oder ich nehme dich mit«, bietet Henry an und lehnt sich nun mit verschränkten Armen gegen den Türrahmen, was seinen Bizeps hervorstechen lässt. Das macht er doch absichtlich, raunt eine kleine gehässige Stimme in meinem Kopf, die insgeheim total auf trainierte Oberarme steht.

»Nein. Danke«, bringe ich so höflich wie möglich raus. Denn auch wenn Henry für alles steht, wovon ich mich fernhalte, ist er dennoch einer von Pippas engsten Freunden. Zudem ist Theo sein Mitbewohner und im Grunde ein guter Kerl. Und könnte ein guter Kerl mit einem totalen Arsch zusammenleben? Ich schätze nicht. Also reiße ich mich die meiste Zeit zusammen.

Theo lacht leise und beobachtet uns schmunzelnd, bevor er sich wieder der Türklingel zuwendet. Er öffnet den Plastikdeckel mit einem Schraubenzieher und klebt seinen Nachnamen neben den von Henry.

»Also wird es richtig offiziell?«

Theo atmet tief durch und nickt bedeutungsvoll. »Ist ein großer Schritt für mich.« Lässig zwinkert er Henry zu. »Hätte nie gedacht, dass ich mal mit einem Kerl Nägel mit Köpfen machen würde, aber das Leben führt einen hin, wohin es will.«

Ich lache laut auf und ziehe meinen Schlüssel aus der Tasche. »So ist es wohl. Danke noch mal. Wir sehen uns.«

»Bis dann.«

»Bye, Gemma«, fügt Henry noch hinzu, der wohl mit aller Macht verhindern will, dass ich seine Anwesenheit vergesse.

Ich verschwinde in den angenehm kühlen Flur und schließe die Tür hinter mir. Da die Schuhe der anderen im Schrank fehlen, scheinen sie wohl noch unterwegs zu sein. Ich erinnere mich vage, dass Quinn heute Morgen beim Waffelnmachen erwähnt hat, etwas länger in der Berufsschule zu sein.

In der Küche entdecke ich Neves Pinsel neben der Spüle und daneben eine rasche Notiz und eine Uhrzeit für heute Nachmittag im Kenwood House. Dann scheint sie wohl dort zu sein.

Und Pippa?

Sind wir nicht später alle für den Filmabend verabredet?

Irritiert runzle ich die Stirn und verfluche mein Handy, weil mein Akku seit heute Mittag leer ist. Natürlich. Ich sollte endlich lernen, es über Nacht aufzuladen, oder mir wenigstens eine Powerbank zulegen.

Egal. Sicher kommen die anderen bald. Es ist ja noch früh, und solange kann ich mich um die Unordnung in meinem Zimmer kümmern. Noch auf dem Weg nach oben ziehe ich mein Tablet aus meiner Unitasche und starte mein aktuelles Hörbuch, indem ein heißblütiger Wikinger gerade seine vor ihm geflohene Braut entführt hat. Dann trete ich in das Zimmer, das ich seit inzwischen anderthalb Jahren bewohne.

Als Erstes springt mir die pink-rot gestreifte Wand ins Auge, doch heute überstrahlt mein ungemachtes Bett den Anblick. Ein ganzer Haufen Kleider türmt sich auf der halbherzig zurückgeschlagenen Decke, weil ich in der Früh kein einziges sauberes weißes Shirt gefunden habe, zu dem ich meine pinken Shorts kombinieren wollte.

Das Parkett fühlt sich unter meinen nackten Füßen kühl und glatt an, und ich trete auf den runden Rattanteppich vor meinem Bett, während ich mir das erste Kleidungsstück schnappe und es mit einem Seufzen zusammenfalte.

Die rot-pinke Wand ist beinahe provokant, so sehr rückt sie in den Vordergrund. Und ich bereue es keine Sekunde, sie so gestrichen zu haben. Denn dieser Raum, mit dieser so auffälligen Wand, und der ansonsten schlichten Einrichtung, die durch gezielte Details aufgelockert wird, der steht für mich.

Für die Person, die ich immer sein wollte und die ich mir in der Vergangenheit verboten habe. Als ich in diese WG zog, wollte ich einen Neuanfang. Während meiner Schulzeit musste ich nicht nur mit falschen Freundinnen kämpfen, sondern auch mit Lehrkräften, die mich wegen inakzeptabler Kleidung nach Hause schickten – was totaler Unsinn war. Doch offenbar ist ein XL-Shirt, das sich um eine große Brust spannt, unanständiger als ein S-Shirt, unter dem sich ein Körper befindet, der in der Gesellschaft als normal angesehen wird.

Doch die Mädels hier haben mir gezeigt, was Freundschaft wirklich bedeutet. Ich habe gelernt, dass nie ich das Problem war. Denn hier habe ich nie etwas anderes als Support und Loyalität erfahren. Ich hatte noch nie das Gefühl, mich vor ihnen verstellen zu müssen.

»Seine schwieligen Finger fahren über ihre nackte Haut«, raunt die sinnliche Stimme der Hörbuchsprecherin in mein Ohr, und ich lache laut auf.

Ich öffne meinen Schrank, der sich neben der Tür befindet, und verstaue nach und nach die frisch zusammengefalteten Kleidungsstücke. Danach sortiere ich die Fachbücher, Skizzenblöcke und all das andere Zeug auf meinem Schreibtisch, bis ich sicher bin, dass meine ordnungsfanatische Mitbewohnerin Pippa stolz auf mich wäre.

Ich schiebe gerade meinen Schreibtischstuhl ran, als mein Blick auf die kleine pinke Retrouhr fällt. Beinahe acht Uhr. Wann ist es so spät geworden? Die Mädels müssten längst zuhause sein.

Ich greife nach den Büchern auf meiner Schreibtischkante, die ich schon viel zu lange hier liegen gelassen habe, und stoße versehentlich eins davon um. Es poltert auf den Boden und klappt auf. Heraus fällt ein Polaroidfoto. Von Alfie und mir.

Meine Nasenflügel blähen sich, als ich es anstarre. An dem Tag waren wir in einer Eisdiele und grinsen beide mit unseren Waffeln in der Hand in die Kamera.

Damals war ich dabei, mich Hals über Kopf in ihn zu verlieben.

Wollte es zumindest, bis ich feststellen musste, dass ich die andere Frau bin.

Eine Affäre, die man hinter langen Abenden im Büro und einem angeblichen Buchclub versteckt.

Etwas, das mir leider erst bewusst wurde, nachdem ich mit ihm geschlafen habe.

Dabei lief es so perfekt.

Wir haben uns online kennengelernt, und zunächst wollte ich ihm wegen seines Namens keine Chance geben. Ich meine, Alfie? Komm schon.

Doch natürlich habe ich mir einen Ruck gegeben. Er sah gut aus und konnte schließlich nichts dafür, dass seine Eltern ihn so genannt haben.

Wir haben über einen Monat lang geschrieben. Jeden Tag. Er war so lustig, gebildet und hartnäckig. Ich habe jede Sekunde genossen. Er gab mir das Gefühl, etwas Besonderes zu sein.

Dann sind wir essen gegangen. In einem kleinen Restaurant am Stadtrand. Ein Geheimtipp. Dabei wollte er vermutlich nur sichergehen, dass uns niemand sieht.

Als Nächstes waren wir im Kino, was mein ultimativer Test ist. Denn wer fummelt, ist raus.

Aber Alfie hat nicht gefummelt. Er hat mir den Arm um die Schultern gelegt und sich leise mit mir unterhalten. Als wäre er meinetwegen da und nicht, um die Dunkelheit des Kinos auszunutzen.

An dem Abend haben wir uns das erste Mal geküsst.

Ich hatte Herzklopfen in seiner Nähe, war aufgeregt und auf dem besten Wege, ihm komplett zu vertrauen.

Alfie lud mich zu den besten Dates ein, hatte immer tolle Ideen und hat mir nie das Gefühl gegeben, an zweiter Stelle zu stehen.

Ich habe seinen Ehrgeiz bewundert, mit dem er sich in der Kanzlei seines Vaters hocharbeiten wollte. Ich hatte sogar Mitleid, weil er immer so lange dort feststeckte.

Wie dumm von mir.

Denn nachdem wir miteinander schliefen und er kurz sein Handy unbeobachtet ließ, bekam er eine Nachricht. Von einer Frau, die, dem Ton nach, seine Freundin war. Seine feste Freundin.

Und als ich ihn darauf ansprach, knallte er mir an den Kopf, dass wir nie darüber gesprochen hätten, exklusiv zu sein.

Die Demütigung spüre ich heute noch. Und den Schmerz, so verletzt zu werden, auch.

Plötzlich wummert es durch die Wand, und ich zucke vor Schreck zusammen.

Es ist mir unbegreiflich, dass keine meiner Mitbewohnerinnen diesen durchdringenden Bass jemals nicht mitbekommen konnte.

Wut schießt durch meine Adern, und ich stoße einen Fluch aus. »Das kann doch nicht wahr sein!« Ich stampfe aus meinem Zimmer, das schlagartig nicht mehr meine Ruhezone ist, sondern der Kollateralschaden des nervigsten Nachbarn aller Zeiten. Henry Lexington.

Dessen Wohnzimmerwand direkt an meine Schlafzimmerwand grenzt und der unglücklicherweise regelmäßig Partys veranstaltet. Vermutlich, um so seinen nächsten One-Night-Stand auszuwählen.

Pippa hat unser Datingleben mal miteinander verglichen und ist zu dem Schluss gekommen, dass wir ähnlich viele Dates haben.

Etwas, das ich entschlossen zurückgewiesen habe. Denn zwischen dem Suchen der großen Liebe und seinem nächsten One-Night-Stand ist meiner Meinung nach ein himmelschreiender Unterschied.

Henry will lediglich Spaß haben.

Ich will mein Herz verschenken. Wollte. Doch jetzt bin ich eine andere Gemma, und daran ist allein Alfie schuld.

Die Wut auf ihn stachelt jene wegen des Lärms zusätzlich an, auch wenn das eine absolut nichts mit dem anderen zu tun hat. Ich schnappe mir aus dem Badezimmerschrank den Wischmopp, schleppe ihn in mein Zimmer und donnere mit dem Griff gegen die Wand.

Drei Mal.

Im nächsten Moment erwidert jemand das Klopfen, und der Bass wird ein wenig leiser.

Grimmig starre ich meine wunderschöne gestreifte Wand an.

Ist es denn zu viel verlangt, einfach mal meine Ruhe haben zu wollen?

HENRY  

»Happy Birthday, lieber Henry, Happy Birthday to you!« Schiefer Gesang erfüllt meine Wohnung, in der sich meine Freunde eng aneinanderdrängen. Sechzig Quadratmeter sind eindeutig nicht genügend Platz für eine Rugbymannschaft, alte und neue Freunde und all die Bekannten, die sich hier zusammengefunden haben.

Mein Kumpel Ben lässt seine Augenbrauen wackeln, während er den Tortenständer direkt vor mein Gesicht hält. »Wünsch dir was.«

Neben ihm nickt mein Mitbewohner Theo verheißungsvoll. »Aber sag es nicht laut, sonst geht es nicht in Erfüllung.«

Ich lache und puste die Kerzen aus, die sich auf der Erdbeertorte aneinanderreihen. Ich bin immer wieder überrascht, dass ich diese zwei Typen erst seit wenigen Monaten kenne und sie doch innerhalb so kurzer Zeit zu meinen besten Freunden geworden sind.

Als alle jubeln, deute ich eine kleine Verbeugung an. »Vielen Dank, Leute. Ich freue mich, dass meine Lieblingsmenschen heute mit mir feiern. Ohne euch wäre mein Leben nur halb so schön.« Ein langgezogenes »Aww« folgt, und ich hebe meine Bierflasche an. »Auf uns!«

Meine Freunde gröhlen, und Pippa nimmt Ben den Tortenständer ab. »Wer Torte will, holt sie sich in der Küche ab!« Damit verschwindet sie im Küchenbereich und wird unter Begeisterungsstürmen verschluckt. Die Musik wird wieder aufgedreht, und eine kleine Tanzfläche bildet sich, während die meisten Anwesenden sich damit begnügen, für die anschließende Party vorzutrinken.

Denn glücklicherweise ist heute nicht nur mein Geburtstag, sondern auch die Eröffnung des Clubs eines Freundes. Ich habe ihm versprochen, mit einer Horde von reichen und beliebten Leuten aufzutauchen, und dafür bekommen wir mehrere VIP-Bereiche nur für uns.

Ben stellt sich neben mich an die Wand, den Blick auf den überfüllten Wohnbereich gerichtet, der vor Leben nur so vibriert. »Wie kann man nur so viele Leute kennen?« Er ist ein guter Kerl, der hart arbeitet und den besten Kaffee der Stadt macht. Zumindest ist es das, was er am liebsten hört, wenn ich ihn bei seinem Nebenjob im Little Garden besuche.

»Ich mag es eben, Freundschaften zu schließen«, erwidere ich grinsend und nehme einen Schluck von meinem Bier.

»Also sind wir nichts Besonderes?«, fragt Theo gespielt entsetzt und greift sich an die Brust.

»Definitiv nicht«, ziehe ich die beiden auf, bevor ich Ben den Finger auf die Brust drücke. »Du bist mir doch wie ein getretener Welpe mit deinem Herzschmerz in die Arme gelaufen, und ich habe dich quasi adoptiert. Und du ...«, ich deute auf Theo, »... bist mir wie ein weiterer Streuner zugelaufen und wohnst jetzt sogar hier. Eigentlich solltet ihr mich Dad nennen.«

»Sicher, Daddy«, erwidert Ben mit dem vermutlich genervtesten Tonfall, zu dem er fähig ist, und verzieht keine Miene. »Dafür verlange ich aber eine Taschengelderhöhung.«

»Und ich verlange ein neues iPad«, stößt Theo gespielt bockig aus.

Ich hebe einen Finger. »Nicht so frech. Solange ihr unter meinem Dach wohnt ...«

»Das ist emotionale Erpressung!«, unterbricht Ben mich und schnalzt trocken mit der Zunge. »Machen wir jetzt einen auf Boomer, oder was?«

»Generationen-Bashing? Und das von einem Rotzlöffel, der zum Eierkochen das Internet befragen muss?«

Wir starren uns gegenseitig an und prusten dann gleichzeitig los.

Im selben Moment ertönt ein Klopfen von der Wand hinter uns. Ein Geräusch, das ich nur zu gut kenne.

Ein aufgeregtes Kribbeln breitet sich augenblicklich auf meinem gesamten Körper aus, weil ich sofort weiß, wer dafür verantwortlich ist.

Sie ist es.

Ich verschlucke mich beinahe und kaschiere es mit einem Hüsteln, bevor ich auf das Klopfen antworte und mein Handy aus der Tasche ziehe, um die Musik leiser zu drehen, die über meine Boxen die ganze Wohnung erfüllt.

Ben sieht sich verwirrt um. Er hat das Klopfen offenbar auch gehört. »Was ist das?«

»Sicher nur irgendwelche Ratten in den Wänden«, wimmle ich ihn ab und ziehe ihn in Richtung Küche. »Komm, schnappen wir uns ein Stück, bevor ich nichts mehr von meiner eigenen Geburtstagstorte abbekomme. Und ihr habt die wirklich selbst gebacken? Dafür sieht sie ziemlich gut aus.«

»Meine Mum hat geholfen«, gibt Ben grinsend zu.

»Aww, ein Familientreffen, und ich war nicht eingeladen«, schmolle ich gespielt und lache, als er mit den Augen rollt. Ich kenne seine Mutter nur flüchtig, aber jetzt gerade steigt sie auf der Leiter der beliebtesten Eltern ein paar Sprossen höher. Es ist nicht selbstverständlich, dass man für Fremde einen Kuchen backt. Pippa ist nämlich eine absolute Niete in der Küche, und Ben hat laut eigener Aussage noch nie einen Kuchen selbst gebacken. Also musste die arme Frau ihn bestimmt komplett selbst backen.

Pippa steht in einem kurzen schwarzen Jumpsuit hinter der Theke und verteilt auf weißen Papptellern winzige Stücke der Torte. So bekommt jeder Anwesende vielleicht ein paar Bissen, aber das wird ihnen reichen. Keiner von meinen Freunden erwartet Kuchen, ein Buffet oder gutes Essen.

Meine Partys sind für Spaß, Snacks und Alkohol bekannt. Ich liebe es zu feiern, genauso wie die meisten meiner Freunde. Was auch der Grund für das Klopfen an meiner Wand ist.

Denn sie hasst meine Partys.

Gemma.

Es ist ein Fluch und Segen zugleich.

Allein bei dem Gedanken daran, wie genervt sie mich vorhin angesehen hat, muss ich ein Grinsen unterdrücken.

Als Pippa mich entdeckt, schiebt sie mir einen Teller mit einem größeren Stück Torte entgegen.

»Und was ist mit mir?«, empört sich Ben und umrundet die Theke, um seine Arme von hinten um Pippa zu schlingen.

Diese schnalzt mit der Zunge und unterdrückt ein Grinsen, während sie seine Hände wegschiebt. »Unverschämt, mich mitten in der Arbeit betatschen zu wollen.« Damit drückt sie ihm das Messer und einen Tortenheber in die Hand. »Dafür darfst du weitermachen.«

Ben flucht, ergibt sich aber sofort seinem Schicksal und widmet sich seiner zugewiesenen Aufgabe. Theo feixt und stellt sich als Nächstes in die Reihe der Wartenden.

Pippa hat kein bisschen Mitleid mit ihrem Freund und klopft ihm zusätzlich aufmunternd auf die Schulter. Dann kommt sie zu mir und drückt mir eine Gabel in die Hand. »Guten Appetit.«

Manche würden Pippa für lieblos halten, doch das ist sie nicht. Sie ist geradlinig, direkt und immer ehrlich. Sie hält nicht viel von Herzlichkeiten in der Öffentlichkeit, was auch der Grund ist, dass ich die Male, an denen ich die beiden küssend gesehen habe, an einer Hand abzählen kann.

Und doch sehe ich an ihrem ständig zu Ben wandernden Blick, wie vernarrt sie in ihn ist.

Ich freue mich für die beiden. Sehr. Pippa und ich kennen uns schon seit Jahren von Veranstaltungen, die wir gemeinsam mit unseren Familien besucht haben, und wurden enge Freunde, als sie nach nebenan zog.

Ich schlinge meinen Arm um Pippas Schultern. »Hör auf, mit meinem Bestie zu flirten. Ich brauche euch heute als meine Winggang, okay?«

»Bitte nicht. Du solltest doch mittlerweile alleine dazu fähig sein, dir eine Frau aufzureißen«, stößt sie aus und hebt tadelnd eine Augenbraue. »Außerdem war eure Show letztes Mal superpeinlich.«

Ich kichere. »Warum denn?«

»Weil am Ende die ganze Bar dachte, wir würden eine Partnerin für ein Quartett suchen. Ich wurde selbst auf dem Klo noch angebaggert.« Pippa verschränkt trotzig die Arme vor der Brust. »Und du weißt, wie sehr ich es hasse, wenn mich jemand auf dem Klo anspricht. Zum Glück war Theo nicht da, sonst wäre es noch peinlicher gewesen.«

Ein lautes Lachen bricht aus mir heraus, und ich lasse sie los. »Das tut mir echt leid. Aber dafür hatte ich eine fantastische Nacht.«

»Du bist alleine nach Hause gegangen.«

»Das stimmt nicht. Wir haben den ganzen Abend zu dritt Karten gespielt, erinnerst du dich?«

»Das war wirklich schön«, gibt sie zu und deutet auf den Kuchen. »Iss und sag mir, dass sie fantastisch schmeckt.«

Ich salutiere vor ihr. »Ma´am, ja, Ma´am.« Dann stopfe ich mir das halbe Stück Torte in den Mund und stoße ein übertriebenes Stöhnen aus. »Fanfaftifff!«

Pippa unterdrückt ein Grinsen und schüttelt den Kopf. Sie sieht aus, als wanke sie zwischen einer Standpauke und einem Lachanfall. Doch das Klingeln an der Haustür kommt ihr zuvor.

Ich entschuldige mich mit einem Zwinkern, bevor ich den Rest der Torte hinunterschlinge, den Teller abstelle und in den Flur eile.

Hier ist es deutlich leerer, weil die meisten meiner Gäste sich im Wohnbereich aufhalten.

Ich öffne die Tür und erstarre. Denn vor mir steht niemand Geringeres als sie.

Mein Herzschlag verdoppelt sich. Mein Mund wird trocken. Meine Knie werden weich.

Wie immer, wenn ihr Anblick mich so ganz unvorbereitet trifft.

Ihr rotblondes Haar ist zu einem Dutt hochgedreht, und sie trägt ein enges Shirt und Shorts, die jede einzelne ihrer perfekten Kurven betonen.

Ihre blauen Augen funkeln mich streitlustig an, und einfach alles an ihr ist so verdammt hinreißend.

Ganz automatisch legt sich ein Grinsen auf meine Lippen, und ich lehne mich an den Rahmen der Wohnungstür. »Gemma. Was kann ich für dich tun?«

Ihre Oberlippe kräuselt sich angewidert bei meinem flirtenden Tonfall. Ein Gesichtsausdruck, bei dem ich fast sicher bin, dass sie ihn ausschließlich für mich reserviert hat.

Ich habe null Ahnung, was ich ihr getan habe, aber sie kann mich kein bisschen leiden. Trotzdem hält es mich nicht davon ab, nachts von ihr zu träumen.

»Oh bitte, hör auf mit dem Unsinn«, erwidert sie genervt. »Kannst du mir nicht mal ein Wochenende Frieden und Ruhe gönnen? Dreh die Musik gefälligst leiser, sonst setze ich Pippa auf dich an.«

»Sie ist kein Terrier.«

»Aber sie weiß, wie laut dein Krach in meinem Zimmer ankommt.«

»Sie ist hier. Du kannst sie gerne direkt fragen.« Ich öffne die Tür ein wenig weiter und mache eine einladende Geste. »Es wäre mir eine Freude, heute mit dir zu feiern.«

»Das wird nicht passieren. Niemals«, fügt sie hinzu und stößt das kleine Messer ihrer Zurückweisung noch ein wenig tiefer in meine Brust. Der Schmerz ist jedoch nur flüchtig. Weil ich längst weiß, dass Gemma mich niemals als jemand anderen als ihren nervigen Nachbarn sehen wird. Egal wie nett ich zu ihr bin oder wie viel Mühe ich mir gebe, damit sie mir auch nur eine Chance gibt, mich näher kennenzulernen – sie blockt mich kategorisch ab.

Also habe ich mich damit abgefunden, dass ich diese absolut atemberaubende Frau für den Rest meines Lebens nur aus der Ferne anhimmeln werde.

Es ist beinahe armselig, wie lange ich schon einen Crush auf sie habe. Aber das Herz will nun mal, was das Herz will.

»Jammerschade.« Ich zucke mit den Schultern und schiebe die Tür wieder ein wenig zu, erzeuge damit eine winzig kleine Blase, in der es für einen Moment nur uns beide gibt. Sie und mich. Zwischen Flur und Wohnung. So nah und doch so fern. »Falls du es dir anders überlegst ...«

»Das wird nicht passieren. Mach einfach die Musik leiser.« Sie wartet nicht einmal eine Antwort ab, sondern wendet sich ruckartig von mir ab und läuft die Treppe runter.

Mir entfährt ein leises Seufzen, und ich kann nicht anders, als ihr hinterherzusehen, bis sie durch die Haustür tritt, die sich am Fuße der Treppe befindet.

Ein leises Lachen ertönt hinter mir. Ben. »Wie lange soll das noch so gehen?«

Ich schweige. Denn dummerweise hat nicht nur er mir bei unserer ersten Begegnung sein Herz ausgeschüttet. Damals dachte ich noch, ich würde seine traurige Gestalt nie wiedersehen und er wäre nur irgendein Fremder auf dieser Hausparty, bei der ich die Hälfte der Leute noch nie zuvor gesehen habe. Es war Silvester, kurz nach Mitternacht, und er tauchte gerade auf, als ich mit mir rang, Gemma ein frohes neues Jahr zu wünschen.

Ben gestand mir, dass er Liebesprobleme hatte, und ich zog nach.

Tja. Es stellte sich heraus, dass Pippa sein Problem war. Und offensichtlich wurde es beseitigt, sodass wir uns daraufhin häufiger über den Weg liefen.

Jetzt sind wir Freunde, und er und Theo sind die Einzigen, die von diesen diffusen Gefühlen für Gemma wissen.

Ich stoße mich vom Türrahmen ab und schließe die Tür. »Gönn einem Mann doch seine Träume.«

»Das ist echt traurig. Geradezu erbärmlich.« Als ich ihn warnend ansehe, lacht er nur. »Was denn? Du siehst sie an, als wäre sie der Mond und die Sterne, und sie reagiert auf dich, als hättest du die Beulenpest. Wie wäre es, wenn ihr einfach mal reden würdet?«

Allein die Vorstellung bringt mich zum Lachen. Als hätte es in den letzten Jahren nicht unzählige Gelegenheiten gegeben, in denen wir uns besser hätten kennenlernen können. Und in jeder Einzelnen hat Gemma deutlich gemacht, dass sie absolut kein Interesse an meiner Anwesenheit hat. »Sie ist nicht an mir interessiert. Kein bisschen. Vermutlich bin ich einfach nicht ihr Typ.«

»Soweit ich mitbekommen habe, hat Gemma gar keinen Typ.« Ben schüttelt den Kopf und runzelt die Stirn, als ihm etwas einzufallen scheint. »Vermutlich ist es gerade sowieso ungünstig.«

Er weiß was. Über Gemma. Und ich will es ignorieren. Will ich wirklich. Aber wenn es um sie geht, kann ich einfach nicht anders. Ich inhaliere jedes noch so kleine Detail. »Warum?«

Er zögert, dann tritt er näher an mich heran, um nicht zu laut zu sprechen. »Sie wurde vor ein paar Wochen so richtig mies verarscht.«

Ich versteife mich, und meine Instinkte raten mir, dass ich um meines Seelenheils willen nicht nachhaken sollte. Aber wenn ich einmal einen von diesen verdammten Krümeln aufgehoben habe, will mein Magen mehr. »Was? Wann? Ich dachte, sie hätte momentan jemanden.« Allein die Worte auszusprechen, fühlt sich an, als würde ich Säure pur trinken.

Als ich Gemma vor ein paar Wochen traf und aus Spaß um ein Date bat, sagte sie mir, dass sie ihren Freund auf mich ansetzen würde, wenn ich die dummen Sprüche nicht lasse.

Ich fühlte mich so vor den Kopf gestoßen, dass ich kein Wort herausbrachte.

Nicht einmal mit Theo oder Ben konnte ich darüber sprechen.

Denn es ist eine Sache, zu wissen, dass sie auf der Suche nach der großen Liebe ist. Eine andere ist es, ertragen zu müssen, dass sie sie vielleicht gefunden hat. In einem anderen Mann.

Tja. Erbärmlich. Ist mir bewusst.

»Hatte sie«, antwortet Ben mit einem Schulterzucken und schiebt seine Hände in die Taschen seiner Shorts. »Doch offenbar war das nicht so exklusiv, wie sie dachte. Seitdem datet sie niemanden mehr.«

»Niemanden?«

Ben grinst und zwinkert mir zu. »Höre ich da etwa Hoffnung in deiner Stimme?«

Nein. Absolut nicht. Das wäre sowas von falsch. Und dennoch kann ich nichts gegen das plötzliche Pochen in meiner Brust tun. »Du bist ein Arsch.«

»Komme ich mit klar. Also, willst du mehr wissen oder mich weiter beleidigen, um dich nicht der Wahrheit stellen zu müssen?«

Wieso muss dieser Mistkerl eigentlich immer den Nagel auf den Kopf treffen? »Ich will mehr wissen«, murre ich gegen den Flaschenhals meines Bieres und trinke einen Schluck. Doch das hilft kein bisschen gegen dieses nagende Gefühl, dass ich ein erbärmlicher Stalker bin.

Ja, ich habe einen Crush auf sie.

Ja, ich liebe es, sie auf die Palme zu bringen.

Ja, ich habe absolut keine Hoffnung darauf, dass aus uns jemals mehr werden wird als Nachbarn.

Dafür kann sie mich zu wenig leiden. Bei manchen Menschen ist das vermutlich so. Man sieht sie und mag sie nicht.

Trotzdem ist es nicht unbedingt schlau von mir, mich mit Details ihres Liebeslebens zu quälen. Ist ja nicht so, als würde ich wie ein Mönch leben. Zumindest bis vor kurzem. Bis ich hörte, dass sie einen Freund hat und ich mich ewig mit diesem Wissen gequält habe. Seitdem ... seitdem läuft es irgendwie nicht mehr bei mir.

Denn egal wie klug, lustig oder schön eine Frau ist – keine von ihnen nehme ich mit nach Hause. Weil ich früher oder später immer daran denken muss, dass Gemma vielleicht genau im selben Moment direkt nebenan mit dem Typen zusammen ist, der es im Gegensatz zu mir wert ist, sie zu daten.

»Habe ich mir gedacht.« Selbstgefällig verzieht Ben den Mund.

»Spuck es einfach aus«, knurre ich leise.

Er lacht schadenfroh. »Sie hat sich von allen Dating-Apps abgemeldet und ihren Beziehungsstatus in den sozialen Medien auf nicht interessiert geändert.«

Plötzlich weiß ich nicht mehr, wohin mit mir, bin rastlos und aufgewühlt. Weil dieses Wissen mit einem Mal alles ändert, obwohl doch alles gleich bleibt.

Das ist der Fluch meines Lebens. Mit Gemma fühlt sich immer alles anders an, und doch verändert sich nichts.

Ich muss sie endlich aus dem Kopf bekommen. Sonst werde ich noch wahnsinnig. Deshalb räuspere ich mich und erhebe meine Stimme. »Alles klar Leute, wer noch auf die Toilette muss, sollte das besser jetzt erledigen, denn das Geburtskind will endlich feiern gehen!«

Grölendes Lachen folgt, und ich verdränge Gemma aus meinen Gedanken. Vielleicht nehme ich ja heute Nacht jemanden mit nach Hause. Und sei es, um diese fürchterliche Versessenheit auf sie loszuwerden.

Nun, da ich weiß, dass sie wieder Single ist.

GEMMA  

Ruhelos schmeiße ich das Tablet aufs Bett und schwinge in meinem Hängesessel hin und her. Statt dem ersehnten Mädelsabend sitze ich ganz alleine in der Wohnung und kann nicht fassen, dass ich meinen Terminkalender nicht richtig gelesen habe.

Mein Handy vibriert, und ich entsperre es, nur um festzustellen, dass Sam mir eine Nachricht geschickt hat. Eine erneute Einladung zu dieser Party, die ich angeblich nicht verpassen darf. Zusammen mit einem Foto von sich in einer Menge Tanzender.

Ich will das Bild schon wegklicken, da fällt mir ein dunkler Haarschopf ins Auge.

Ist das etwa Pippa? Und sind neben ihr Neve, Theo und Ben?

Ich schnappe nach Luft. Sie haben gar nicht erwähnt, dass sie auf einer Party sind!

Aber hat Henry vorhin nicht behauptet, sie wäre bei ihm? Ob er gelogen hat? Nein. Womöglich war sie dort und ist dann weitergezogen.

Sofort öffne ich meine Terminapp, doch obwohl Pippas Kalender für mich freigegeben ist, kann ich nicht auf den heutigen Tag zugreifen.

Mist.

Ich beiße mir auf die Unterlippe und zögere. Sie haben mich nicht eingeladen, mit ihnen feiern zu gehen. Vielleicht ist das so ein Pärchen-Ding, und sie wollten mich nicht vor den Kopf stoßen. Das wäre allerdings total untypisch für sie.

Aber ich kann doch unmöglich hier rumsitzen und das Wochenende mit Trübsal blasen einläuten.

Vor nicht allzu langer Zeit habe ich es geliebt, auch mal alleine auf dem Sofa zu chillen und einen Film anzusehen.

Doch mittlerweile hasse ich es. Weil es in jedem noch so splattermäßigen Actionfilm eine Lovestory gibt.

Und die kann ich aktuell nicht ertragen.

Was, wenn ich doch auf der Party auftauche?

Obwohl Sam da ist, sollte die Anwesenheit meiner Freunde ausreichen, um seine erträglicher zu machen.

Das ist das Schöne an meinen Freundinnen und ihren Partnern. Jeder von ihnen würde mich selbst bei einer Date-Night mit offenen Armen willkommen heißen und mir niemals das Gefühl geben, das fünfte Rad am Wagen zu sein.

Deshalb werfe ich all mein Zögern über Bord und gebe mir einen Ruck. Scheiß drauf. Ich gehe heute Abend feiern.

Besser als mir den Krach von nebenan anzuhören, auch wenn es seit einer Stunde verdächtig ruhig geworden ist. Vielleicht hat meine kleine Standpauke zur Abwechslung ja wirklich was gebracht.

*

Es ist noch immer lauwarm draußen, als ich einige Zeit später in einem hübschen Partykleid und meinem besten Make-up aus dem Uber steige und auf den Nachtclub zugehe, dessen Adresse ich von Sam habe.

Ich laufe an der Schlange vorbei und höre das Tuscheln, spüre die Blicke, die mich längst nicht mehr verunsichern. Sam hat mir geschrieben, dass ich auf irgendeiner Liste stehe – und er hat nicht gelogen.

Denn der Türsteher wirft nur einen Blick auf meinen Ausweis, bevor er mir den Weg freimacht und mich eintreten lässt.

Der Nachtclub ist nur schwach beleuchtet und erfüllt von zuckenden Lichtern. Der wummernde Bass eines Technosongs fährt durch mich hindurch und lässt selbst den Boden vibrieren.

Der Geruch von Parfüm und Schweiß liegt in der Luft. Es ist heiß, aber nicht stickig.

Und es ist voll, denn der Club ist sehr viel kleiner, als es von außen den Anschein macht.

Es gibt nur eine Tanzfläche, die an eine lange Bar anschließt. Darüber verteilt sich der VIP-Bereich über mehrere Balkone. Mein Blick wandert zur Mitte des Raumes, wo sich leicht bekleidete Tanzende auf erhöhten Podesten an Stangen rekeln.

Ich zwänge mich durch die Menge und halte nach meinen Freunden Ausschau, als sich mir plötzlich eine Gestalt in den Weg stellt.

Sam. »Ich wusste, du würdest kommen.«

Augenrollend sehe ich an ihm vorbei. »Ich bin nicht deinetwegen hier.«

Er grinst, als würde er mir kein Wort glauben. »Sicher doch. Komm, lass mich dir einen Drink spendieren.«

»Nein. Danke.« Sicher nicht. Kerle wie er glauben, dass ein spendierter Drink eine Eintrittskarte für schlechtes Benehmen sei. Als würde er sich damit die Erlaubnis erkaufen, mir zu nahe zu kommen.

»Wieso nicht? Du liebst es doch genauso sehr wie ich, Spaß zu haben. Ein Drink wird dich schon nicht umbringen.«

Ich schnaube und hebe eine Augenbraue. »Es gibt genug Zeitungsartikel, die dir das Gegenteil bestätigen.«

Verwirrt lächelt er. »Hä?«

»Egal. Sag mal, hast du zufällig Pippa gesehen?«

»Ja, sie schwirrt irgendwo hier herum. Die ganze Gang ist da. Cool hier, oder? Wenn du nett zu mir bist, nehme ich dich mit hoch in den VIP-Bereich, den Henry uns klargemacht hat.« Er macht eine Handbewegung in die entsprechende Richtung, ohne jedoch seinen Blick von mir abzuwenden, der schon etwas glasig wirkt, obwohl es noch gar nicht so spät ist.

Doch das ist es nicht, was mich schockiert. »Henry?« Was hat er denn hier zu suchen? Ist er nicht auf der Party in seiner eigenen Wohnung?

»Ja, unser kleiner Goldjunge hat einfach die besten Kontakte. Hiergegen stinkt mein letzter Geburtstag ziemlich ab. Aber kann ja nicht jeder so eine steinreiche Familie haben.«

»Ihr feiert Henrys Geburtstag?« Oh nein. Jetzt wird mir klar, warum meine Freunde hier sind. Weil sie seinen Geburtstag feiern. Shit. Ich muss hier weg.

Sam interpretiert meinen schockierten Gesichtsausdruck wohl falsch. »Sorry, ich hoffe, ich treffe keinen wunden Punkt, weil du keine Einladung bekommen hast.« Er will seinen Arm um mich legen, und sein alkoholgeschwängerter Atem trifft mich mitten ins Gesicht. »Keine Sorge. Ich sag einfach, dass du meine Plus-eins bist.«

Ich schiebe ihn angeekelt von mir. »Keine Sorge, mir geht´s gut. Ich haue doch wieder ab.«

»Nein, bleib doch noch ein bisschen.« Er will nach mir greifen, doch ich weiche ihm aus.

»Wozu denn?«

Er sagt etwas. Doch ich höre Sams Antwort gar nicht mehr. Denn in diesem Moment entdecke ich jemanden in der Menge, bei dessen Anblick mir beinahe das Herz stehenbleibt.

Ein Mann, nur wenig älter als ich. Blond. Mit hohen Wangenknochen, gerader Nase und einem ernsten Gesichtsausdruck.

Alfie.

Und direkt neben ihm steht eine hübsche Blondine, mit langen, wunderschönen Haaren, riesigen Augen und dunkelroten Lippen. Eine echte Schönheit, und ihr kurzes, enganliegendes Kleid offenbart ihren trainierten Körper. Doch das ist nicht, was mich wie angewurzelt stehen lässt. Denn das dort ist nicht die Frau, die ihm damals schrieb. Nicht die Frau, für die ich die Andere war.

Meine Kehle fühlt sich plötzlich so eng an, dass ich kaum schlucken kann.

Plötzlich prasselt alles auf mich ein. Die Wut. Der Schmerz. Die Demütigung.

Ekel und Scham ringen mit mir.

Und natürlich entdeckt Alfie mich genau in diesem Moment. Seine Augen weiten sich vor Überraschung und Entsetzen.

Bevor ich reagieren kann, dirigiert er sie durch die Menge. Weg von mir. Weg von der Wahrheit.

So ein verdammter Mistkerl.

Eine Berührung holt mich ins Hier und Jetzt zurück. Ein Arm auf meiner Schulter. Ein Gesicht, das sich direkt vor mich schiebt.

Ich zucke zurück. »Hey, was soll das?«

Sam stolpert zurück und schüttet dabei seinen halben Drink über mich.

Fassungslos starre ich ihn an. »Hast du gerade etwa versucht, mich zu küssen?«

Mein Herz klopft wie wild. Meine Stimme zittert. Mein Körper bebt. Ist das sein verdammter Ernst? Nur weil ich ihm nicht zugehört oder reagiert habe, bedeutet das noch lange nicht, dass ich mich von ihm küssen lassen will.

Unsicherheit huscht über sein Gesicht. Seine Augen zucken umher, und Wut glimmt in ihnen auf, bevor er sich vor mir aufbaut.

»Ernsthaft? Du hast mich doch angemacht. Ist das für dich ein Spiel? Hast du so auch all die anderen Typen verarscht, mit denen du rumgemacht hast?« Er spricht so laut, dass sich die Leute um uns herum neugierig umdrehen. Angestachelt von den Blicken, verzieht er den Mund zu einem höhnischen Lächeln. »Die Gerüchte sind also wahr. Solange die Typen nach deiner Pfeife tanzen, nutzt du sie aus, und dann lässt du sie einfach fallen.«

Mein Mund klappt vor Entsetzen auf. Was erzählt er denn da für einen Unsinn? »Ich habe niemals irgendwen ausgenutzt.«

»Sicher.« Er spuckt das Wort aus, als hätte ich ihn persönlich beleidigt. »Dann stimmt es also nicht, dass du dir mindestens einmal die Woche einen neuen Typen suchst, der dich zum Essen ausführt?« Sein Blick wandert abfällig über meinen Körper. »Scheinst ja wohl ganz schön hungrig gewesen zu sein.«

Ich erstarre. Seine Worte schneiden sich wie ein Messer direkt in mein Fleisch. Worte, die meinen Körper beurteilen, so wie es schon so viele vor ihm getan haben.

Weil ich Rundungen habe und nicht der Norm entspreche. Eine Angriffsfläche, die ich nur mühsam abbauen konnte.

Doch nun trifft er direkt hinein.

Ich liebe meinen Körper. Ich liebe mich.

Doch der Hohn in seinen Worten katapultiert mich direkt zurück in meine Teeniezeit. Als meine Mitschüler meinten, mich zum Abnehmen motivieren zu müssen. Als ich angeblich nett gemeinten Kommentaren nichts entgegenzusetzen hatte. Als mir wildfremde Leute auf der Straße sagten, was jemand wie ich tragen darf und was nicht.

Ich fühle mich auf einmal ganz klein und bin unfähig, etwas zu erwidern.

Und ich hasse mich dafür.

Weil ich eigentlich so viel stärker bin als das.

»War ja klar, dass du nichts zu deiner Verteidigung zu sagen hast«, faselt Sam weiter.

Geh doch einfach weg, ertönt eine Stimme in meinem Kopf, und ich weiß nicht, ob sie mich oder ihn meint.

Ich sollte verschwinden. Doch meine Beine sind auf einmal schwer wie Blei und bewegen sich keinen Millimeter von der Stelle. Selbst über die laute Musik hinweg nehme ich das Getuschel wahr und spüre all die neugierigen Blicke auf mir.

»Such dir ein anderes Opfer. Ich falle definitiv nicht auf dich herein.«

Mein Gesicht glüht vor Scham, und in meinen Augen sammeln sich Tränen.

In diesem Moment teilt sich die Menge, und Pippa taucht auf.

Sie entdeckt mich sofort und eilt auf mich zu. Ihre Wangen sind gerötet, und ihre Augen leuchten. Sie fällt mir um den Hals. »Gemma, was machst du denn hier?«

Ich schlinge meine Arme um sie und erwidere ihre Umarmung.