Royal 1: Ein Leben aus Glas - Valentina Fast - E-Book + Hörbuch

Royal 1: Ein Leben aus Glas Hörbuch

Valentina Fast

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Beschreibung

»Royal hat bei mir alle Knöpfe gedrückt.« »Dieser Band hat mir Gänsehaut pur beschert.« »Dieser Roman verspricht alles.« (Leserstimmen auf Amazon) Viterra, das Königreich unter einer Glaskuppel, ist der einzige Ort auf Erden, an dem die Menschen die atomare Katastrophe überlebt haben. Um die Bevölkerung bei Laune zu halten, findet dort alle zwei Jahrzehnte die große Fernsehshow zur Königinnenwahl statt. Aber diesmal ist alles anders. Diesmal will der Prinz ein Mädchen finden, das ihn um seiner selbst liebt. Vor den Augen des gesamten Königreichs soll die siebzehnjährige Tatyana zusammen mit den schönsten Mädchen des Landes um die Gunst vier junger Männer buhlen, von denen keiner weiß, wer der echte Prinz ist. Sie würde alles darum geben, nicht teilnehmen zu müssen. Aber auch sie kann sich dem Glanz eines Königslebens nur schwer entziehen … //Textauszug: »Möchtest du eine Prinzessin sein? Mit all dem Geld, dem Schmuck und dem Ruhm?« Den letzten Satz betonte er nicht ohne Grund ganz besonders, doch er klang ernst dabei – und sah noch schöner aus als je zuvor. »Hm«, machte ich erst nur. Das war an sich keine schwierige Frage, sondern vielmehr eine, die ich allzu leicht beantworten konnte. Doch wenn ich das täte, würden sie mich wieder nach Hause schicken. Und damit hätte ich meinen Teil der Abmachung nicht eingehalten. Außerdem würde meine Tante mich umbringen. Kein schöner Gedanke. »Zuerst möchte ich dich etwas fragen«, versuchte ich ihn abzulenken. Er hob überrascht seine Augenbrauen, willigte dann aber ein. »Gut, warum nicht.« »Willst du denn ein Prinz sein?«// //Alle Bände der königlichen Bestseller-Reihe: -- Royal 1: Ein Leben aus Glas -- Royal 2: Ein Königreich aus Seide -- Royal 3: Ein Schloss aus Alabaster -- Royal 4: Eine Krone aus Stahl -- Royal 5: Eine Hochzeit aus Brokat -- Royal 6: Eine Liebe aus Samt -- Royal: Alle sechs Bände in einer E-Box -- Royal: Ein Königreich aus Glas (Band 1 & 2 in einem Taschenbuch) -- Royal: Eine Krone aus Alabaster (Band 3 & 4 in einem Taschenbuch) -- Royal: Princess. Der Tag der Entscheidung (Royal-Spin-off)// Die Royal-Reihe ist abgeschlossen.

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Zeit:5 Std. 44 min

Sprecher:Yara Blümel

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Im.press Ein Imprint der CARLSEN Verlag GmbH © der Originalausgabe by CARLSEN Verlag GmbH, Hamburg 2015 Text © Valentina Fast, 2015 Lektorat: Konstanze Bergner Coverbild: shutterstock.com/ © Eduard Derule / © Artem Kovalenco / © Ileysen / © Leigh Prather / © Claire McAdams / © mythja Covergestaltung: formlabor Gestaltung E-Book-Template: Gunta Lauck Schrift: Alegreya, gestaltet von Juan Pablo del Peral Satz und E-Book-Umsetzung: readbox publishing, Dortmund ISBN 978-3-646-60160-2www.carlsen.de

PROLOG

Das hier ist meine Geschichte. Eine Geschichte von Angst und Zweifel, von irren Wendungen und unliebsamen Überraschungen, von Verrat und bitterer Enttäuschung. Kurzum: Eine Geschichte der größten Lügen, die meine kleine Welt so erbarmungslos zum Einsturz bringen konnten.

Doch ich fange wahrscheinlich besser ganz von vorne an: Bei der einzigen »Wahrheit«, die ich einst zu kennen glaubte. Jene »Wahrheit«, die meine Tante nicht müde wurde zu erzählen und auf der unser gesamtes Dasein fußte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich die Welt verändert. Angst herrschte überall. Angst vor Hunger, Elend und Unterdrückung. Doch alles wurde überlagert von der unbändigen Furcht vor einem Dritten Weltkrieg, einem Krieg, der das klägliche bisschen Menschheit hinwegfegen würde wie ein tosender Orkan. Die atomare Bedrohung war fast greifbar. Jeder sehnte sich nach einem Ausweg, nach einer sicheren Zuflucht.

Da hatte der bekannte und angesehene Wissenschaftler Dr. Sergejwitsch Koslow eine folgenschwere Idee: Er wollte ein Reich erschaffen, in dem die Menschen friedvoll und harmonisch zusammenleben konnten. Ein Land, das – anstatt die Erde und ihre Güter weiter auszubeuten – nur mit erneuerbaren Energien betrieben werden konnte. Die Idee reifte und entwickelte sich über mehrere Jahre, bis Koslow sie schließlich mit Hilfe seiner einflussreichen Geschäftsfreunde Arvid Eddison und Nicolas Dupont in die Tat umsetzte. Natürlich sollte die breite Öffentlichkeit so wenig wie möglich von dem waghalsigen Projekt erfahren, auch um keine unnötige – und womöglich hinderliche – Hysterie zu schüren. Zum Kreis des Vertrauens gehörten daher vor allem mächtige, aber geheime Organisationen, die sich als überaus wertvolle Strippenzieher im Hintergrund erwiesen. Sie steuerten mehrere Milliarden zum Gelingen des Vorhabens bei.

So konnte im Jahr 1960 mit dem Bau der »Neuen Welt« begonnen werden. Ein Gebiet, so groß wie Österreich, wurde inmitten der Einöde Russlands abgesperrt. Dutzende von Ingenieuren, Architekten und Wissenschaftlern sowie Hunderte von Arbeitern machten sich mit Feuereifer an die Errichtung einer riesigen, gläsernen Kuppel.Ihr Bau sowie die schrittweise Entstehung aller Städte und Dörfer unter dem gläsernen Schutz dauerte jedoch insgesamt zwanzig Jahre. Zweifellos eine Geduldsprobe, aber eine, die sich lohnte – zumindest für eine kleine Minderheit: Denn all jene, die beim Bau geholfen hatten, durften dort mit ihren Familien leben, zudem Tausende von Sponsoren. Zu diesem glücklichen Teil der Menschheit gehörten auch meine Vorfahren.

Nach einer Reihe politischer Ränkespiele wurde schließlich im Jahr 1990 durchgesetzt, dass das Land in Form einer Monarchie regiert und »Viterra« getauft werden sollte. Dr. Iwan Sergejwitsch Koslow erhielt die Krone, seine Freunde Arvid Eddison und Nicolas Dupont standen ihm als Berater zur Seite.

Nur wenige Jahrzehnte später brach der Dritte Weltkrieg aus. Dabei wurde die gesamte Erde atomaren Strahlungen ausgesetzt, die sämtliches Leben innerhalb von nur wenigen Wochen zerstörten. Die schlimmsten Befürchtungen hatten sich also schlussendlich bewahrheitet: Alle waren tot, alle, außer den Menschen von Viterra.

Ungeachtet– womöglich auch wegen – dieser schrecklichen Geschehnisse, stand Viterra für Freiheit und Sicherheit. Es war der perfekte Lebensraum. Es gab keine Kriminalität und jeder Bürger unseres Königreichs konnte in Frieden leben.

Viterra war perfekt.

Zumindest hatte ich das immer geglaubt …

1. KAPITEL

DIE FAMILIE IST DER TEIL DES LEBENS, DEN WIR UNS NICHT AUSSUCHEN KÖNNEN

»Tanya?«, schrillte eine Stimme quer durch das kleine Haus.

Schwungvoll ließ ich den Schwamm zurück in den Eimer voller Waschwasser platschen und sprang hastig auf.

»Ja, ich komme schon!«

Ausgelassen hüpfte ich über die noch nassen Stellen am Boden und wischte mir dabei schnell die Hände an meiner Leinenhose trocken. Im Hausflur entdeckte ich meine große Schwester, die bereits ihre Arme weit ausgebreitet hatte und mir liebevoll entgegensah. Als sie mich umschlang, durchströmte Freude meinen ganzen Körper.

»Ach, Schwesterchen. Ich habe dich so sehr vermisst!« Theatralisch begann sie mich in ihren Armen hin und her zu wiegen.

»Sei doch nicht albern, Katja. Ich war doch erst vor drei Tagen bei dir. Und du hättest mich jederzeit anrufen können.«

Aber sie drückte mich nur noch fester an sich. »Drei Tage sind eine lange Zeit. Ich möchte doch immer wissen, wie es dir geht. Außerdem weißt du genau, dass ich es nicht mag, zu telefonieren. Das ist so unpersönlich.« Während sie das sagte, schob sie mich von sich und betrachtete mich eingehend.

»Wie siehst du aus, Liebes? Was machst du gerade?« Traurig zupfte sie an meiner von dunklen Flecken übersäten Leinenhose und meinem grauen Shirt.

Beschämt senkte ich den Blick. »Den Boden schrubben«, murmelte ich leise.

Meine Schwester atmete tief ein, so wie sie es immer tat, wenn ihr etwas missfiel. Dann zog sie zärtlich meine langen blonden Haare aus dem Nacken und begutachtete stirnrunzelnd die unzähligen Knoten darin. »Lässt Tante Danielle dich schon wieder putzen? Das kann doch nicht …«, begann sie aufgebracht, doch ich hob beschwichtigend meine Hand.

»Katja, lass es gut sein, bitte! Du weißt es doch selbst am besten«, flehte ich. »Irgendwann kann ich von hier fort. Irgendwann …«, ich schluckte hart, bevor ich weitersprach, »irgendwann, wenn ich einen Mann finde.«

Jedes Mal ließ diese Vorstellung Übelkeit in mir aufsteigen. Ich sah mich nicht in einer Ehe, fühlte mich noch nicht dazu bereit, einen Mann in mein jetziges Leben zu lassen. Ich war eben nicht so wie die anderen jungen Damen, deren einziges Ziel es war, möglichst vorteilhaft zu heiraten.

Katja schüttelte den Kopf und ging an mir vorbei in die Küche, wo noch der Putzeimer stand, der Boden jedoch inzwischen schon trocken war. Sie ließ sich auf einen Stuhl sinken und seufzte so schwer, als hätte sie bis gerade eben selbst den Boden geputzt.

»Ja, Tante Danielle und ihre Regel, erst ausziehen zu dürfen, wenn man einen Mann findet, der einen heiraten möchte. Das ist wirklich lächerlich!« Sie bedeutete mir, auf einem Stuhl ihr gegenüber Platz zu nehmen.

»Ich bin noch nicht fertig«, entgegnete ich zerknirscht und massierte meine schmerzenden Fingerknochen.

Da lachte Katja laut auf. »Das merkt die doch niemals. Wann hast du es das letzte Mal gemacht? Vorgestern?«

Ich nickte. »So in etwa.«

»Na also. Komm, wir räumen die Sachen schnell weg und unterhalten uns dann ein bisschen.«

Ich grinste meine Schwester schief an. »Bleib sitzen. Ich mach das schnell.«

Ein dankbares Lächeln stahl sich auf meine Lippen, als ich den Eimer anhob und hinausbrachte. Im Garten schüttete ich das Putzwasser über den Rasen und ließ den Eimer samt Schwamm in der Sonne zum Trocknen stehen.

Als ich zurück in die Küche kam, stand Katja bereits am Herd und kochte Wasser auf. Ich beobachtete fasziniert, wie sie jeweils ein Sieb voll duftender Kräuter in unsere bauchigen Teetassen hängte und das heiße Wasser darüberschüttete. Ein süßer Geruch erfüllte sofort die kleine Küche. Nach einem Weilchen nahm sie die Siebe aus den Tassen und warf die Kräuter in den Mülleimer. Man merkte, dass sie hier lange Zeit gelebt hatte. Jeder Handgriff wirkte sicher und zielstrebig.

Als sie beide Tassen auf den Tisch stellte, lächelte sie mich mitfühlend an. »Du lässt dir zu viel von ihr vorschreiben. Mir gefällt nicht, wie hart du arbeitest. Und du bist so dünn geworden.« Besorgt stellte sie sich hinter mich und begann meinen Nacken zu massieren.

»Ich komme einfach nicht gegen sie an. Sie schafft es immer wieder, mir ein so schlechtes Gewissen zu machen, dass ich nicht nein sagen kann«, antwortete ich stöhnend, als sie fester zudrückte.

»Ich wünschte, sie würde dich endlich zu mir lassen.«

Bei dieser schönen, jedoch unerreichbar scheinenden Vorstellung seufzte ich leise. »Da wird sie niemals zustimmen. Schließlich wäre es unschicklich, ohne ihre Erlaubnis auszuziehen, könnte es doch meinen guten Ruf ruinieren.« Ich rollte entnervt mit den Augen. »Wahrscheinlich hat sie Angst, dass ich sonst niemals heiraten würde. Dabei ist es doch absurd, sich so früh schon festzulegen. Nur weil man ab dem sechzehnten Lebensjahr heiraten darf, bedeutet das noch lange nicht, dass man es auch muss.«

»Tzz!«, ätzte meine große Schwester. »Das ist doch alles nur ein Vorwand, um dich weiter als ihre persönliche Putzfrau halten zu können. Ich weiß noch ganz genau, wie es bei mir damals war. Sie hat das Gleiche mit mir gemacht. Sobald du ausgezogen bist, wirst du schon erkennen, wie wenig normal dein Leben hier ist.« Ihre Berührung wurde fester. »Aber irgendwie werden wir sie schon noch umstimmen. Vertrau mir!«

Ich atmete tief ein und unterdrückte ein schmerzvolles Geräusch, damit sie nicht aufhörte, so sehr genoss ich die Massage.

»Diese Frau ist die Scheinheiligkeit in Person und hat es nicht verdient, dass du weiter für sie schuftest.«

»Dann such mir einen Mann«, lachte ich – doch bereute es sofort.

Katja ließ ihre Hände abrupt von meinen Schultern gleiten, zog sich einen Stuhl heran und setzte sich neben mich. Dann begann sie an ihrem Tee zu nippen und sah mich dabei so eindringlich an, dass es mir unangenehm wurde.

Ich richtete meine Augen stur auf die Tischplatte und tat so, als könnte ich ihren Blick nicht deuten, während ich einen Schluck von meinem Tee trank.

»Tanya …«, begann sie langsam.

»Nein, Katja, der Cousin von Markus ist fürchterlich!«, stieß ich hervor und drehte mich von ihr weg, damit sie mich mit ihren nunmehr flehenden Augen nicht manipulieren konnte.

»Aber er ist sehr nett. Du solltest ihm wirklich eine Chance geben.«

Energisch schüttelte ich den Kopf. »Du meinst, noch eine Chance? Jetzt mal ehrlich: Du musstest selbst lachen, als er gesagt hat, dass meine Augen ein bisschen so aussehen wie Sumpfgras. Der ist doch nicht normal!«, warf ich ein, worauf sie losprustete.

»Er war einfach nur nervös und wollte dir ein Kompliment machen – was wohl ein wenig schiefgegangen ist«, tat sie es grinsend ab.

Ich lachte gekünstelt auf. »Ach ja? Und als ich ihn vor einigen Wochen auf dem Markt getroffen habe und er mir während unserer Unterhaltung ungeniert in den Ausschnitt geglotzt hat? War er da auch nur nervös oder einfach ein Idiot?«

»Aber …«, versuchte sie nun kichernd, doch ich unterbrach sie erneut.

»Kein Aber! Ich bin doch nicht blöd und heirate den Erstbesten, der mir über den Weg läuft. Da sitze ich lieber für den Rest meines Lebens hier fest.« Um meine Antwort zu unterstreichen, sah ich sie betont böse an, worauf sie vollends zu lachen begann.

»Schon gut. Er ist vielleicht nicht der Richtige.«

Ihr Lachen verstummte, als wir ein lautes Poltern im Flur hörten. Kurz darauf wurde die Haustür fest zugeschlagen.

»Tanya!«, schrie Tante Danielle und stürzte auch schon heftig atmend in die Küche.

»Oh, meine liebe Katerina. Schön, dich wiederzusehen! Geht es Markus gut?«, keuchte sie und setzte sich zu uns an den Tisch, während sie nach Luft schnappte und die Hand auf ihren üppigen Busen drückte.

»Danke, uns geht es gut. Dir hoffentlich auch. Wo ist Onkel Victor?«, fragte Katja mit gespieltem Lächeln.

Unsere Tante presste ihre Lippen zusammen. »Er ist noch im Laden. Arbeiten.«

»Schön«, entgegnete Katja einsilbig und schnalzte unzufrieden mit ihrer Zunge. Ich wusste genau, was sie in diesem Moment dachte: Obwohl es meiner Tante und unserem Onkel wahrlich nicht an Geld fehlte, hatte Onkel Victor schon immer zu viel gearbeitet und Tante Danielle schon immer zu viel von dem ansehnlichen Vermögen ausgegeben.

»Tatyana?« Tante Danielle blickte mich zum ersten Mal richtig an, seitdem sie angekommen war.

Sofort begann ich nervös auf meiner Unterlippe zu kauen. »Ja?«

»Du hast den Boden wirklich sehr schön sauber gemacht. Vielleicht solltest du dich jetzt ein wenig frisch machen, während ich das Abendessen zubereite. Heute ist ein ganz besonderer Tag.« Für ihre Verhältnisse erstaunlich gut gelaunt stemmte sie sich hoch.

Katja und ich sahen uns stirnrunzelnd an. Dann zuckte ich mit den Schultern und erhob mich zögerlich.

»Ich helfe dir!« Katja sprang auf und bevor unsere Tante etwas dagegen einwenden konnte, zog sie mich schon hinter sich her.

Schweigend erklommen wir die Treppe in den ersten Stock und bogen in das Badezimmer ein. Meine Schwester dirigierte mich sogleich hin zur Badewanne und drehte das Wasser auf. Unter »frisch machen« verstand ich zwar grundsätzlich etwas anderes, doch ich ließ es gern geschehen.

Voller Vorfreude setzte ich mich an den Rand der Wanne und begann mich langsam zu entkleiden. Währenddessen kramte Katja wie selbstverständlich in einem der raumhohen Schränke und förderte schließlich einen fliederfarbenen Flakon zu Tage – einer von Tante Danielles unzähligen Badezusätzen. Hoffentlich würde das später keinen Ärger geben! Ich wischte den unschönen Gedanken schnell beiseite und beobachtete stattdessen, wie sich das duftende Öl mit dem Wasser verband und alsbald einen riesigen Schaumberg bildete.

Als die Wanne halb voll war, stieg ich schnell hinein und versank wohlig seufzend im leise knisternden Schaum.

Die angenehme Wärme ließ meine Haut kribbeln, ich schloss für einen Moment die Augen, genoss das einvernehmliche Schweigen. Da spürte ich, wie Katja meine Haare zu waschen begann. Genau wie früher, dachte ich in einem Anflug von Wehmut.

»Das war seltsam vorhin«, ergriff ich schließlich das Wort. »Was meinst du, warum sie so nett war?«

»Hm … ich weiß es nicht. Aber es kann eigentlich nichts Gutes bedeuten«, antwortete meine Schwester nachdenklich. Sorgenfalten zerfurchten ihre Stirn und ließen sie beinahe alt aussehen. Dabei war sie gerade einmal 25 Jahre alt. Acht Jahre älter als ich.

»Meinst du? Vielleicht hatte sie auch einfach nur einen besonders guten Tag«, entgegnete ich hoffnungsvoll.

Katja lachte abschätzig. »Die hatte doch noch nie einen besonders guten Tag. Geschweige denn überhaupt mal einen guten Tag.«

Darauf wusste ich nichts mehr zu entgegnen und wir gaben uns wieder eine Weile dem Schweigen hin. Irgendwann spülte Katja meine Haare aus und hielt mir ein Handtuch entgegen. Ich stieg aus der Wanne und trocknete mich ab.

»Na ja, dann müssen wir uns wohl oder übel überraschen lassen«, versuchte ich das Thema noch einmal betont gleichmütig aufzugreifen und setzte mich vor den Spiegel. Wie in meinen Kindertagen begann Katja meine Haare trocken zu rubbeln und dann zu flechten.

»Ich wette mit dir, dass ihre gute Laune einen unangenehmen Grund hat«, überlegte sie an mein Spiegelbild gerichtet, woraufhin ich nur nachdenklich meine Unterlippe vorschob. Heute hatte ich einfach keine Lust auf Diskussionen. Natürlich verstand ich ihre Haltung, gerade, da ich wusste, dass sie es früher noch schwerer gehabt hatte als ich jetzt. Damals war Tante Danielle sogar noch strenger gewesen. Deshalb hasste sie es auch, dass ich noch immer hier wohnte, obwohl sie mich schon längst hätte zu sich nehmen können. Jedoch wollte ich keinen Unfrieden stiften – auch, da ich den Standpunkt meiner Tante kannte und nichts dagegen auszurichten vermochte.

Zusammen liefen wir in mein Zimmer, das direkt gegenüber dem Badezimmer lag. Während ich meine Sachen schnell in den Wäschekorb warf, holte Katja mir frische Kleidung aus dem Schrank. Unterwäsche und ein hellgelbes Kleid mit langen Ärmeln. Es war so ähnlich wie ihres geschnitten, das jedoch in einem kräftigen Orange leuchtete und perfekt zu ihren dunkelbraunen, kurzen Haaren passte. Äußerlich waren wir vollkommen unterschiedlich, weshalb ich mich manchmal darüber wunderte, dass wir uns ansonsten so ähnlich schienen.

Nachdem ich mein Kleid übergezogen hatte, betrachtete ich mich im Spiegel. Meine Wangen waren eingefallen und unansehnlich schmal. Meine honigblonden Haare ließen meine Haut noch blasser wirken. Aber meine blauen Augen und meine Nase mochte ich.

Ich versuchte zu lächeln, doch es sah falsch aus. Falsch und müde – und irgendwie traurig.

Bevor meine Schwester, die gerade gedankenverloren aus dem Fenster sah, meine eigene Musterung verfolgen konnte, drehte ich mich vom Spiegel weg und räusperte mich.

»Wir sollten runtergehen, bevor Tantchens Laune wieder sinkt«, sagte ich tief einatmend. Daraufhin nickte Katja.

Ich wollte nach meinen Lieblingsstiefeln greifen, doch meine Schwester unterband dies mit einem einzigen Schnalzen ihrer Zunge. »Das kann nicht dein Ernst sein!«

»Was denn?« Ich schaute flehend zu ihr hoch. »Bitte lass mir doch die eine Freude, wenn ich schon in diesem gelben Kleid herumlaufen muss.«

Ich wusste, sie wäre eingeknickt, wenn ich mehr gebettelt hätte. Doch ich verpasste meinen Einsatz. Schon drehte sich Katja von mir weg und holte andere Schuhe heraus. »Du kannst nicht immer diese derben Stiefel anziehen. So etwas tragen nur Männer.«

Ich zog eine kleine Schnute, schlüpfte dann aber in die etwas schickeren Schuhe, die sie mir vor die Füße gelegt hatte. »Das würde doch sowieso niemand sehen«, grummelte ich noch ein bisschen und folgte ihr die Treppe hinunter.

Als wir in die Küche kamen, wehte mir der Geruch von gebackenem Hähnchen und Kartoffeln entgegen. Und nicht nur das.

»Wen sehe ich denn da? Meine zwei Lieblingsnichten. Und noch dazu so schön angezogen«, schwärmte unser Onkel Victor und stand von dem Stuhl am Esstisch auf.

»Du weißt schon, dass wir deine einzigen Nichten sind? Aber ich habe dich auch vermisst, mein Lieblingsonkel.« Katja lachte und umarmte ihn zur Begrüßung.

Onkel Victors Haare waren genauso hellblond wie die von Tante Danielle, so dass sie fast weiß aussahen. Seine rundliche Figur stammte von dem guten Essen, das sowohl ihm wie auch unserer Tante auf den Hüften lag. Sein Wesen jedoch war ganz und gar einnehmend und ich liebte ihn mehr, als ich es jemals hätte ausdrücken können.

Schon als Kinder hatten Katja und ich uns oft gefragt, wie Tante Danielle ihn für sich gewonnen hatte. Sie waren doch so grundverschieden. Eine Nachbarin erzählte uns damals, dass unsere Mutter, Onkel Victors Schwester, genauso eine gute Seele gewesen war wie er. Bevor sie und unser Vater krank wurden und starben.

Wir setzten uns an den Tisch, während Tante Danielle das Essen hinstellte. Das war sehr seltsam, weil sie das sonst immer mich machen ließ.

Katja hatte Recht: Das hier alles war überhaupt nicht gut!

Doch wir sagten nichts, sondern beobachteten sie weiter mit hochgezogenen Augenbrauen. Als sie dann auch noch anfing, fröhlich vor sich hin zu summen, fielen uns die Kinnladen hinunter. Sie tat so, als würde sie unsere Entgeisterung nicht bemerken, und befüllte unsere Teller.

Da räusperte sich Katja leise. »Also, Tante Danielle, was ist denn der Anlass für deine Freude?«

Jetzt erst sah sie uns alle direkt an, dabei funkelten ihre braunen Augen verwegen. Ein außerordentlich gruseliger Anblick!

»Esst doch bitte zuerst, bevor es kalt wird«, forderte sie uns geflissentlich auf und begann ihr Fleisch zu zerkleinern.

Onkel Victor ließ sich das nicht zweimal sagen. Katja und ich zögerten noch, doch nach einem weiteren auffordernden Blick von Tante Danielle nahmen wir uns auch etwas.

Eines musste man ihr lassen: Kochen konnte sie – wenn sie es denn mal tat. Doch mein Magen war wie zugeschnürt. Während ich mir das Essen also hineinzwang, betrachtete mich Katja eingehend. Nur schwer widerstand ich dem Drang, ihr meine Zunge rauszustrecken. Die Geheimnistuerei unserer Tante nervte sie, so viel stand fest. Womöglich hoffte sie, mich auf ihre Seite ziehen zu können. Aber heute lag mir nichts ferner als ein lautstarker Streit. Denn ich wusste ganz genau, wie das hier sonst enden würde. Sobald unsere Tante das Gefühl bekam, nicht mehr der Mittelpunkt des Interesses und unserer Loyalität zu sein, würde sie völlig ausflippen. Also starrte ich lieber wieder auf meinen Teller.

In dem Moment legte Tante Danielle endlich ihr Besteck zur Seite und forderte so unsere Aufmerksamkeit. »Also gut. Ich kann euch die Neugierde an der Nasenspitze ansehen.« Dann wandte sie sich direkt an mich. »Tatyana, du bist nun alt genug, um einen Mann zu heiraten. Natürlich nicht einfach irgendwen«, bekräftigte sie und atmete tief ein. Zu lange.

Es entstand eine angespannte Pause, in der wir sie erschrocken anstarrten, während sie einen Schluck Wasser trank und in Seelenruhe das Glas wieder auf dem Tisch abstellte.

»Du heiratest den Prinzen!«, rief sie freudig aus.

Da blickten wir sie alle irritiert an.

»Jetzt tut nicht so, als hättet ihr es noch nicht gehört.« Sie schüttelte ihren Kopf und begann aufgeregt zu kichern.

Ich erzitterte. Jetzt wurde sie endgültig verrückt. Eindeutig!

Katja räusperte sich vielsagend. »Ist das etwa dein Ernst?!« Doch nicht nur sie war verwirrt. Auch mein Onkel und ich bekamen den Mund nicht mehr zu.

»Na schön. Ich spanne euch nicht länger auf die Folter.« Sie sog tief Luft ein und machte erneut eine theatralische Pause. »Ich war heute auf dem Markt und da sind plötzlich königliche Berater aufgetaucht und haben gedruckte Bekanntmachungen verteilt. Da musste ich natürlich sofort hin.«

»Aha«, unterbrach Katja sie und zog ihre Augenbrauen hoch.

»Ja, ganz genau. Und ratet mal, wer eine Frau sucht?«, fragte sie und klatschte laut lachend in ihre Hände.

Mein Mund stand immer noch offen und in meinen Ohren rauschte es. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie mein Onkel vorsichtig zu mir herüberschielte.

Schlagartig kam ich wieder zu mir. »Das kann nicht dein Ernst sein! Denkst du wirklich, dass dieser Prinz, den übrigens niemand kennt, ausgerechnet mich heiraten will? Das ist doch jetzt ein Scherz! Onkel Victor, sag bitte, dass Tante Danielle mich nur auf den Arm nehmen will«, bettelte ich mit zitternder Stimme und schaute zwischen allen hin und her.

»Tatyana …«, begann meine Tante, doch ich hob aufgebracht meine Hände.

»Nein! Was auch immer ihr für einen Unsinn mit mir vorhabt, ich mache da nicht mit!« Entschieden sprang ich von meinem Stuhl auf.

»Jetzt hör mir doch erst mal zu. Das ist unsere Chance. Du musst da nur herumlaufen und dich ihnen zeigen. Sie werden entzückt von dir sein«, erklärte meine Tante daraufhin energischer.

»Was habt ihr bitte vor?!« Verwirrt starrte ich nun meinen Onkel an.

»Wir? Ich habe damit nichts zu tun. Haltet mich da bitte raus. Ich komme gerade erst von der Arbeit«, warf dieser ein und nahm sich Nachschlag, wobei er jedoch seinen Kopf tiefer einzog, als ich es jemals für möglich gehalten hätte.

Enttäuschung machte sich in mir breit, weil er mir nicht zu Hilfe kam.

»Aber es ist doch nichts Schlimmes. Du machst da einfach mit und wirst Prinzessin. Und irgendwann Königin. Das wäre doch ganz fabelhaft. Jedes Mädchen wäre dann gern an deiner Stelle, das kannst du mir glauben.« Gekonnt ignorierte Tante Danielle mich und meine Einwände und lächelte noch immer, wobei einer ihrer Mundwinkel verdächtig zu zucken begann.

»Na klar, das ist sicher alles ein Kinderspiel!« Ich schnaubte entgeistert. »Hörst du überhaupt, was du da sagst? Prinz und Prinzessin … Dass ich nicht lache! Wie soll das bitte funktionieren?«, entgegnete ich gereizt, während ich begann, meine Finger hektisch zu kneten.

Tante Danielle verdrehte übertrieben die Augen. »Indem du da einfach mitmachst und herausfindest, welcher von den vier jungen Männern der Prinz ist«, erklärte sie in betonter Ruhe, die mich jedoch nicht trügen konnte.

Ich sog scharf die Luft ein und plusterte meine Wangen auf. »Es wird ja immer besser! Ich muss das also auch noch herausfinden? Was ist denn das für ein Blödsinn?«

Mühsam kramte ich in meinen Erinnerungen, doch ich konnte mich nicht entsinnen, jemals etwas von einer Auswahl gehört zu haben, bei der solch ein Hokuspokus veranstaltet wurde. Natürlich wusste ich, dass der Thronfolger – kurz nachdem er das Licht der Welt erblickt hatte – von der Öffentlichkeit abgeschottet wurde, bis er ins heiratsfähige Alter kam. So sollte er ohne den ganzen Trubel um seine Person aufwachsen können. Die letzte Auswahl fand jedoch noch vor meiner Geburt statt, weshalb ich mich nie sonderlich dafür interessiert hatte. Und niemals wäre ich auf die Idee gekommen, dass man mich dorthin schicken könnte.

Tante Danielle durchbrach meine Gedanken und winkte unbeeindruckt mit ihrer Hand ab. »Mach dir doch nicht so viele unnötige Gedanken. Es hat irgendetwas mit Liebe oder so zu tun. Nicht so wichtig. Hauptsache, du findest den Richtigen.«

»Liebe oder so? War doch klar, dass dich das nicht interessiert. Du willst doch nur, dass ich da mitmache, damit du vor deinen Freundinnen angeben kannst. Falls ich da überhaupt eine Chance hätte, weiterzukommen.«

»Natürlich hast du die. Das Ganze ist phänomenal, einfach einmalig! Jede junge Dame will schließlich Prinzessin werden!«

Ich schnaubte. »Ich nicht!«

Die Augen meiner Tante weiteten sich erschrocken. »Das meinst du nicht so! Warum, glaubst du, habe ich dich in den letzten Jahren so hart unterrichtet? Denkst du etwa, ich hätte das alles aus Spaß gemacht?«

»Ich bin davon ausgegangen, dass du mir eine gute Ausbildung ermöglichen wolltest. Aber anscheinend ging es dir nur darum, ein Püppchen aus mir zu machen«, erwiderte ich mit vor Entrüstung zitternder Stimme.

Da schwenkte die Stimmung meiner Tante endgültig um. »Wie kannst du nur so herzlos sein?«

»Oh nein, jetzt geht das schon wieder los …«, murmelte Katja halblaut und begann ihren Nasenrücken zu massieren.

»Ich habe meine besten Jahre nur für dich und deine Schwester geopfert. Ich habe euch großgezogen. Wir haben euch ein Dach über euren Köpfen garantiert. Und was machst du?« Hyperventilierend begann Tante Danielle nach Luft zu schnappen, wobei ihre Brüste so aussahen, als würden sie jeden Moment aus ihrem Ausschnitt springen wollen.

»Jetzt hör bitte auf, so zu übertreiben. Das alles ist ein riesengroßer Blödsinn! Ich mache da nicht mit. Ich bin doch kein Spielzeug!«, sagte ich vermeintlich bestimmend, verkrampfte jedoch vor lauter Panik meine Finger ineinander.

»Aber Tatyana, hör mir doch erst einmal richtig zu. Du kannst mir das nicht antun, verstehst du! Wir könnten berühmt werden«, flehte meine Tante mich nun an, wobei sie sich hastig Luft zufächelte.

Nun mischte sich endlich auch mein Onkel ein – aber nicht so, wie ich es mir vielleicht gewünscht hätte. »Ach, Tanya, mein Kind. Bitte sei nachsichtig, du siehst doch, dass deine Tante sich aufregt.« Onkel Victor stand auf, um zu seiner Frau zu eilen, die sich bereits halb ohnmächtig ihre Hand auf die Stirn legte. Der Stachel der Enttäuschung wurde größer und größer.

Ich biss die Zähne zusammen und lächelte wütend. »Danke, aber nein danke. Gute Nacht!« Damit sprang ich vom Stuhl auf und rannte hinaus. Ich wusste selbst, dass meine Tante mir diesen Gefühlsausbruch ewig vorhalten würde. Aber die Vorstellung, einen wildfremden Menschen heiraten zu müssen, nur weil er ein Prinz war, ließ meinen Magen zu einem schmerzhaften Klumpen werden. Allein der Gedanke schien mir überaus abwegig. Ich und ein Prinz?! Wie verrückt klang das denn? Doch auch, wenn man dies einmal außer Acht ließ: Welche Opfer musste ich hierfür bringen? Welchen Preis zahlen? Meine Freiheit und meine Pläne konnte ich damit vergessen. Außerdem – und das schien mir fast das Wichtigste zu sein – sollte ich den Mann lieben, den ich einmal heiraten würde. Und zum Affen machen wollte ich mich schon gar nicht, damit mich ein Wildfremder beachten würde.

Hastig rannte ich die Treppe hoch in mein Zimmer und riss die Knöpfe meines Kleides auf. Mit einem Mal hatte ich das Gefühl zu ersticken. Tief atmete ich durch und versuchte mich wieder zu beruhigen.

Nein, auf gar keinen Fall würde ich da mitmachen! Zwar hatte ich kein Problem damit, vor großen Menschenmengen zu stehen, doch die Vorstellung, mich auf diese Weise zu präsentieren und bei einem Fremden einschmeicheln zu müssen, war mir zuwider. Außerdem hatte ich doch gar keinen Grund, zwanghaft teilzunehmen, schließlich war ich noch jung. Irgendwann würde ich schon einen Mann kennenlernen, der mich um meiner selbst willen lieben könnte, da war ich mir sicher. Einen ganz normalen Mann, der ganz normale Vorstellungen vom Leben hatte. So wie ich. Und wenn nicht, dann würde mich meine Tante so oder so eines Tages rausschmeißen, wenn ich ihr zu alt und »unrentabel« wurde.

Entnervt schmiss ich mich aufs Bett und zog das Foto meiner Eltern unter dem Kopfkissen hervor. Das Bild war bereits an den Ecken zerknittert und an den Stellen, wo ich es immer faltete, eingerissen. Doch ich konnte die Gesichter noch immer gut erkennen. Meine Mutter zierten lange blonde Haare und das schönste Lächeln, das ich jemals gesehen hatte. Ihre Augen leuchteten braun und ihre Lippen waren voll und wunderschön geschwungen. Meine Schwester Katja war heute genauso schön, wie sie es damals gewesen war. Unser Vater hingegen hatte dunkelbraune, beinahe schwarze Haare und ein eckiges Gesicht. Mir wurde oft gesagt, dass ich seine Wangenknochen und seine Kieferform geerbt hatte. Und obwohl man so etwas als Mädchen vielleicht nicht gerne hörte, war das für mich das schönste aller Komplimente. Auch funkelten unsere Augen fast genau gleich. Strahlend und dunkelblau wie Saphire, sagte mein Onkel ab und zu, wenn wir ausnahmsweise einmal Zeit für ein richtiges Gespräch fanden. Doch das war in letzter Zeit eher eine Seltenheit. Ich wurde älter und musste mehr im Haushalt mithelfen. Zudem hatte ich jeden Vormittag Unterricht bei meiner Tante – anstatt zur Schule zu gehen, wie ganz normale junge Damen in meinem Alter.

Manchmal hasste ich es, wie sie mich behandelte. Natürlich wusste ich selbst, dass sie nie Kinder gewollt hatte. Doch schließlich konnten Katja und ich nichts dafür, dass unsere Eltern starben und sie unsere einzigen Verwandten gewesen waren. Unser Onkel liebte uns zwar von ganzem Herzen, doch für unsere Tante waren wir, so schien es mir oft, nur eine Last.

Stöhnend drehte ich mich auf den Rücken, zog meine Beine an und fuhr liebevoll mit den Fingern über das Bild. Es war so alt, dass mich manchmal die begründete Angst packte, die ausgeblichenen Farben könnten irgendwann ganz verschwinden. Daher ging ich auch besonders sorgsam mit dem Foto um. Schließlich war es das einzige, was ich noch von meinen Eltern hatte, das Einzige, was ich überhaupt hatte.

Kurz nach meiner Geburt waren sie krank geworden. Eigentlich nur eine Grippe, doch diese hatte meine Mutter so sehr geschwächt, dass sie daran gestorben war. Es ging alles so schnell, dass ich schon im Alter von zwei Wochen zu einer Halbwaisen wurde. Kurz darauf war mein Vater ebenfalls von uns gegangen: Herzinfarkt auf Grund seines geschwächten Zustandes. Doch meine Schwester und ich waren uns im Nachhinein sicher, dass sein Herz gebrochen war und er sich nach dem Tod unserer Mutter einfach aufgegeben hatte – trotz zweier hilfsbedürftiger Töchter.

Ich atmete tief durch. Meine Eltern hätten sicher niemals von mir verlangt, an solch einem Wettbewerb teilzunehmen. Katja hatte sie mir immer als fürsorglich und liebevoll beschrieben. Solche Menschen würden über so eine unsägliche Veranstaltung ebenso den Kopf schütteln wie ich. Warum nur stand mir mein Onkel nicht zur Seite?

Von unten hörte ich die Stimmen meiner Familie. Sie waren laut genug, um meine Tante überspitzt weinen zu hören. Ich kannte ihre künstlichen Gefühlsausbrüche zur Genüge. Allerdings schluchzte sie heute so herzzerreißend, dass ich beinahe glaubte, ihr würde das Ganze wirklich nahegehen.

Doch so war es schon immer gewesen: Wir waren die undankbaren Kinder und sie war die aufopferungsvolle Tante. Trotz allem liebte ich sie. Irgendwie.

Mir entwich ein tiefer Seufzer, als ich erneut ihr lautes Schluchzen vernahm. Gleichzeitig meldete sich mein schlechtes Gewissen. Wie immer in solchen Momenten. Natürlich regte sie das auf. Alles, was nicht nach ihrem Willen verlief, ließ sie zu einer Furie werden. Trotzdem durfte ich dieses Mal nicht nachgeben. Schon aus Prinzip nicht. Sie ging in diesem Punkt einfach zu weit. Schließlich war ich keine Puppe, mit der man machen konnte, was man wollte.

Andererseits musste ich mir eingestehen, dass ich sehr wohl recht gut »funktionierte«. Denn obwohl ich am liebsten noch liegengeblieben wäre, stand ich auf und knöpfte mein Kleid ordentlich zu. Dann lief ich vorsichtig zur Tür, öffnete sie einen Spaltbreit und horchte auf die Geräusche von unten. Meine Tante weinte noch immer laut und theatralisch, während Katja auf sie einredete und Geschirr klappern ließ.

Ich zögerte kurz, atmete noch einmal tief durch und schloss für einen Moment meine Augen. Wenn ich ein halbwegs ruhiges Leben führen wollte, dann musste ich jetzt hinuntergehen und für meine Freiheit eintreten. Oder zumindest versuchen, Onkel Victor auf meine Seite zu ziehen. Also öffnete ich entschlossen meine Augen, schlüpfte aus den Schuhen, die Katja mir vorhin gegeben hatte, und zog zur seelischen Unterstützung meine schwarzen Stiefel an. Dann wendete ich mich zur Treppe.

Meine Tante hatte aufgehört zu weinen. Katja redete immer noch, doch jetzt so leise, dass ich sie nicht mehr verstehen konnte.

Dieses leise Murmeln machte mir mehr Angst als jeder Krach. Ich musste mich regelrecht zwingen, nach unten zu gehen.

Als ich die letzte Treppenstufe erreichte, konnte ich meine Schwester wieder hören: »In Ordnung. Ich rede mit ihr, aber dafür nehme ich sie mit zu Markus und mir. Morgen Abend bringe ich sie euch wieder zurück.«

Ich erstarrte. Was wollte Katja mit mir bereden? Sie würde niemals zulassen, dass ich gegen meinen Willen bei dem Wettbewerb mitmachen musste. Oder etwa doch?

»Worüber willst du mit mir reden?«, fragte ich vorsichtig, als ich durch die Küchentür trat.

Alle fuhren erschrocken zusammen und drehten sich zu mir um. War es wirklich der Schock in ihren Augen? Oder Scham?

Katja reagierte als Erste. »Du kommst heute mit zu uns. Dort erkläre ich dir alles.« Während sie das sagte, begannen ihre haselnussbraunen Augen zu leuchten. Sie sah so glücklich aus in diesem Moment, dass ich nur zustimmend nickte. Sogar meine Tante und mein Onkel schienen begeistert zu sein von der Idee. Dabei war es sonst unendlich schwer, einmal einen Tag bei Katja und Markus herauszuschlagen.

Bevor sie ihre Meinung wieder ändern konnten, ging ich schnell zurück in mein Zimmer, um einige Sachen zu packen. Alle Kleider, die ich für heute und morgen brauchte, stopfte ich hastig in eine alte Leinentasche. Das Bild meiner Eltern jedoch holte ich vorsichtig unter dem Kopfkissen hervor und legte es sorgfältig zwischen zwei Wäschestapel. Dann sah ich mich noch einmal im Spiegel an.

Ein Prinz und ich? Lächerlich!

Abrupt drehte ich mich weg und lief hinunter.