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Es hätte die Geschichte einer Generation werden können, einer Freundschaft und der großen Liebe. Und vielleicht ist sie das auch. Doch seltsame Ereignisse, die im Jahr 1977 beginnen, verändern die Welt fundamental.
50 Jahre später wird sie nicht mehr wiederzuerkennen sein.
Martin Schanz würde ein normales Leben führen, wie so viele andere, wenn da nicht die grünen Lichter wären und seine Halluzinationen. Und die Albträume seiner Freunde.
Auch wenn die Welt es anfangs nicht bemerkt, es geht etwas vor sich, langsam und unfassbar. Es verändert alles, selbst die Grundlage des Lebens und seine Bestimmung. Und Martins anfängliches Ringen um sein kleines privates Glück wird zu einem Kampf gegen den größten vorstellbaren Feind.
Was würdest Du tun, wenn die Welt, die Du kennst, verschwindet – mit allen, die Du liebst?
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Seitenzahl: 644
Veröffentlichungsjahr: 2025
periplaneta
Für Anja, Lennart, Sarah und Maya
Sicherheitshinweise: Lesen kann triggern, also an Dinge erinnern, die man vergessen hat und vielleicht gar nicht wissen will. Lesen bildet. Es kann die Sicht auf die Welt verändern, den Horizont erweitern und Dummheit, Einfalt und Leichtgläubigkeit stark beeinträchtigen.
Weitere Hinweise zur GPSR und zum EU-Lieferkettengesetz finden Sie unter: periplaneta.com/gpsr-eu-lieferkettengesetz/
THORSTEN KOSS: „Fragmente eines Kokons“ 1. Auflage, April 2025, Periplaneta Berlin, Edition Periplaneta
© 2025 Periplaneta – Verlag und MedienInh. Marion Alexa Müller, Bornholmer Str. 81a, 10439 Berlin periplaneta.com – [email protected]
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, Übersetzung, Vortrag und Übertragung, Vertonung, Verfilmung, Vervielfältigung, Digitalisierung, kommerzielle Verwertung des Inhaltes, gleich welcher Art, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.
Die Handlung und alle handelnden Personen sind erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit realen Personen oder Ereignissen wäre rein zufällig.
Lektorat: Thomas Manegold Satz & Layout: Thomas Manegold
Cover made with Adobe Firefly (AI)
Zusätzliche s/w-Zeichnungen: Anja Koss
Autorenfoto: Gerhard Reinelt
Buch ISBN: 978-3-95996-294-0
eBook ISBN: 978-3-95996-295-7
1. Mai 1977 – 1. Mai 2027
periplaneta
… sitze ich da mit ihr und sie hat das gleiche einfältige, blöde Grinsen, das sie alle haben, bevor sie gehen. Ihre Augen starren geradeaus und sehen doch nichts.
Es ist Sommer und die matten Farben der Bäume und Sträucher am Parkplatz zeigen sein nahendes Ende an. Aber diese Pflanzen, sie stehen da in voller, prächtiger Blüte, so wie man sie jetzt überall sieht: langer, kräftiger Stiel in tiefem Grün, durchzogen mit roten Streifen. Die kelchförmigen Blüten in sanftem Rosa, in der Mitte der dicke Knoten. Wir sind am Fuchsberg nahe der A7, weiter sind wir nicht gekommen.
Das letzte Mal, als wir hier waren, in der anderen Welt, haben wir hier Rast gemacht. Ich glaube, es war auch Spätsommer und vor uns lagen das Leben und unser erster gemeinsamer Urlaub. Als ich sie damals von der Seite ansah, wollte ich stehenbleiben vor Glück, den Moment einfrieren. Aus dem Auto erklang eine alte Schnulze von Bay City Rollers. „Don’t let the Music die“ tränkte alles in eine melancholische Zufriedenheit.
Heute sitzt sie da, steif, die Hände fallen an den Seiten herab und mir scheint, als wäre die Zeit tatsächlich stehengeblieben. Es ist nichts zu hören, kein Rauschen von der Autobahn, keine Vögel, keine Grillen – nur der penetrant süßliche Duft, vermischt mit etwas, das an Heuernte erinnert.
Noch hat sie die tiefen Lachfältchen um die Augen. Ihre widerspenstige rechte Strähne fällt ihr ins Gesicht, was ihr immer etwas Schelmisches verlieh. Die braunen Haare durchzogen von feinen, grauen Linien. Ihr Zopf fällt zwischen die Schulterblätter, die sich durch das enge hellblaue T-Shirt abzeichnen. Trotz der 35 Grad ist da kein Schweiß auf ihrer Stirn.
Es waren die Grübchen, die mich damals, als wir uns das erste Mal sahen, überwältigt hatten. Und die leicht ironische, distanzierte Sicht auf die Welt. Mit dieser Souveränität ging sie auch alles an.
Heute sind die Grübchen verzerrt durch dieses falsche, aufgesetzte Lächeln. Doch ich kann nicht anders, ich sehe sie an und hoffe, sie zu erkennen. Und manchmal erscheint mir, dass ihre Grimasse sie nur verbirgt. Vielleicht bilde ich es mir ein, dass da ein leichtes Zucken in den Mundwinkeln ist, als würde die Welt nur einen Scherz machen. Vielleicht ist sie wirklich noch da, überdeckt zwar, aber immer noch sie, irgendwo.
Aufrecht sitzt sie da, wie in einer Yogastellung. ,Perfekte Pose für die Apotheker-Zeitung‘, denke ich. Ihrer Figur hatten die zwei Geburten nichts ausgemacht, auch wenn es immer harte Arbeit war, wie sie zu betonen wusste. Alt werden war was für Feiglinge.
Damals im Stroboskoplicht der Disco im Eispalast, selbstvergessen nur um sich kreisend, einsvierundsiebzig konzentrierte, tanzende Energie – das war sie.
Heute halte ich ihre schlaffe Hand.
Ich warte.
O die roten Abendstunden!
Flimmernd schwankt am offenen Fenster
Weinlaub wirr ins Blau gewunden,
Drinnen nisten Angstgespenster.
Der Gewitterabend – Georg Trakl
Die Ereignisse begannen für mich 1977. Bei Sophia war es 1980, auch wenn sie schneller Fortschritte machte, bei Stefan sogar erst 2021. Die alte Frau, von der Sophia erzählt hatte, erlebte es das erste Mal schon 1960. Und der, der allem den Namen gab, wer weiß das schon. Aber Sophia, mein Gott Sophia. Ich will sie sehen, wie sie war. Nicht diese letzte Vision. Nicht das.
Es war Frühling, ich 17 Jahre alt und in einer Clique mit Bernd, Karsten und Uwe. Wir waren alle gleich alt, dazu Mädels, meist ein bis zwei Jahre jünger. Mögliche Beziehungen schwebten in der Luft, wie ein Hauch von Blütenstaub. Mal hier, mal dort. Doch nicht so schwer, so eindeutig wie Pflanzen, die irgendwann daraus entstehen sollten. Es war ohne Verpflichtung, mehr ein vages Versprechen.
Es gab die Fahrradausflüge, Picknick in verschiedenen Gärten und der Held war immer der Gitarrenspieler. Ich spielte keine Gitarre. Aber Karsten. Damals erzählte mir Bernd zum ersten Mal von einem Turm, nichts Weltbewegendes, ein kurzer Albtraum.
Und wir sangen inbrünstig „House of the rising Sun“, „The Dock of the Bay“ und „Bridge over troubled Water“. Jedes Mal, in jedem Garten. Und Andrea lehnte sich an mich. Sie saß da in ihrer Jeans, an der Taille eng, unten mit Schlag, das karierte Hemd über dem Bauch zusammengebunden. 16 Jahre jung. Blütenstaub.
Manchmal dachte ich an das andere Mädchen in der Schule, kein Blütenstaub, ein Schmetterling. In der Oberstufe gab es keine Klassenverbände mehr und natürlich hatten die interessanten Mädels immer andere Kurse als wir. So sah ich sie immer nur, wenn die Tür nach 45 Minuten aufging und alle die Klassenzimmer wechselten.
Aber nachmittags zuhause, im Partykeller bei „When I kissed the Teacher“ von ABBA spürte ich das Flattern. Es war diese Stelle, wenn die Tonlage von Agnetha nach oben ging, die einem ein Stich ins Herz versetzte, vor allem wenn man unglücklich verliebt war. Bestimmt war die Rille auf der Platte vor dieser Stelle etwas tiefer, so oft hatte ich die Nadel da immer wieder aufgesetzt. Ich schloss die Augen und stellte mir immer wieder vor, wie sie mich ansprach. Dann war die Stelle zu Ende und ich musste den Tonabnehmer wieder neu positionieren. Träume konnten so kurz sein.
So war 1977, der Druck durch Klausuren oder Abi-Vorbereitung noch weit weg. In den Freistunden waren wir bei Tchibo oder im Schwan, einem der Schülertreffs mit Kaffee und Raucherecke. Und ich immer wieder mit Bernd in unserem Spielsalon. Wir spielten Pool, ich gewann meistens. Oder Karambolage, er gewann immer. Und häufig war es auch ein Flipper. Die 1-DM-Münze war unser liebstes Geldstück.
Der Moment zählte und die Zukunft war weit weg. Und doch begann die Welt, so wie sie heute ist, für mich in jenem Jahr.
Es war der 1. Mai und das Wochenende vor einer Klassenfahrt nach Prag. Wir hatten eine Übernachtung auf dem Campingplatz am Liliensee geplant. Tagsüber war es schon sommerlich warm und die ganze Clique war dabei. Uwes Eltern hatten ein Wohnmobil am See und mit drei weiteren Zelten hatten alle acht ein Dach über dem Kopf. Um 17 Uhr saßen wir zusammen am Wasser und aßen den Kartoffelsalat und die Frikadellen, die von unseren Müttern vorbereitet worden waren. Selber Grillen kam für uns nicht in Frage.
Rund um die Zelte stand das Gras hüfthoch. Es gab keinen Sandstrand, man ging über Schlick und Steine in den See. Die Grillen waren überlaut. Wir planschten herum und Paarungen fanden sich. Karsten und Heike waren gesetzt, fast eine echte Beziehung. Aber Andrea und ich auch irgendwie. Wir knutschten im Wasser in der Abendsonne. Ihre langen braunen Haare lagen eng am Hals an, ihre Brustwarzen zeichneten sich durch den knappen, roten Bikini deutlich ab. Wir drückten uns aneinander und wollten nicht mehr loslassen. Fummeln ohne Sex, Küssen ohne Verpflichtung und Gefühle ohne Ende. Es war schön.
Sie stieg aus dem Wasser, ich brauchte noch ein bisschen. Nachdem ich mich beruhigt hatte, ging auch ich vorsichtig über die Steine tastend zurück.
Bernd bereitete für uns alle einen Lumumba zu, Schokolade mit Rum. Aus dem Kassettenrekorder erklang „Oxygen“ von Jean-Michel Jarre und vermischte sich mit dem Grillenzirpen zu einem psychedelischen Trip.
Die Sterne funkelten wie Diamanten und gegen Mitternacht kamen die Sternschnuppen. Mittlerweile hatten Frösche die Grillen abgelöst, ihren Chor begonnen. Wir verfolgten die leuchtenden Bahnen am Himmel und hatten nicht genug Wünsche.
Karsten sagte etwas, dass ich nie mehr vergessen habe: „So könnte der letzte Tag auf Erden sein.“
Andrea murmelte zwischen dem Luftholen: „So könnte er immer weitergehen.“
Nur ein Gaslicht auf dem kleinen Beistelltisch, Decken auf der Wiese, Freunde, die darauf lagen, ein Himmel, der funkelte und sogar das Band der Milchstraße erkennen ließ. Ein Mond wie ausgestanzt, ab und zu ein leuchtender Streifen, der den Himmel durchzog und dazu gedämpfte Musik, mittlerweile irgendwas von The Alan Parsons Project. Etwas ging zu Ende und etwas fing neu an – für uns alle.
Nachdem Karsten und Heike sich in ein Zelt zurückgezogen hatten, stellte Bernd die unvermeidliche Frage: „Wie ist es wohl da draußen?“
Und ich sprang wie immer sofort darauf an: „Kalt und tödlich.“ Das war der Zyniker in mir, denn eigentlich waren Bernd und ich wahre Meister im Romantisieren fremder Welten. Wir waren mit der Mondlandung von 1969 großgeworden und wurden von den Eltern für die ersten Schritte auf dem Mond geweckt – angekündigt von Günter Siefarth mit den Worten: „Wir sehen jetzt Bilder.“ Die Zukunft stand buchstäblich in den Sternen. Wir waren damals Messdiener in der gleichen Pfarrei. Vor jeder Abendmesse am Samstag lief „Raumschiff Enterprise“. Bernds Eltern hatten einen Farbfernseher. So war ich vor der Messe immer bei ihm und konnte diese unglaublich bunten Bilder von fremden Planeten bewundern.
Bernd war mein engster Freund und sah ein bisschen aus wie ein Itaka, so nannten wir Italiener damals. Pechschwarze Haare und auch insgesamt ein dunkler Typ, dazu, nun ja vollschlank traf es wohl am besten.
Am Liliensee entspann sich wieder unsere übliche Diskussion über die unendlichen Weiten.
„Glaubst du, dass da was ist – für uns ist dies doch alles nicht gemacht?“, fragte er. Ich verwies auf die lange Reise der Voyager – gerade gestartet mit Grußbotschaften an Bord. Andrea lag eng an mich gedrückt, ihre Hand auf meinem Bauch, ihre linke Brust an meiner Schulter.
„Hm, was?“, ihre Augen waren zu. Immerhin eine Reaktion, Jutta und Sabine meldeten sich gar nicht.
Uwe, unser rotschopfiger Poet, haute aus dem Stegreif eines seiner berüchtigten ad hoc Gedichte raus – später würde man das Poetry Slam nennen:
„Der Weltenraum,
unbegreifbarer als ein Baum.
Der Sterne blauer Dunst,
ich hab erfahren der Götter Gunst.
Denn wenn der Sonne goldner Apfel steht,
und der Sonnenwinde weht,
schau ich aus dem Weltenschiff hinaus.“
… ab hier wanderten die Sterne Jutta und Sabine rasch unter ihr Himmelszelt. Er sah ihnen hinterher und fuhr doch fort:
„Die Stille und die Einsamkeit,
und keine Stimme weit und breit.
Ja auch kein Wall,
in diesem unbegreifbaren All,
das mich stoppen könnt.
Und ich gönnt
jedem dieses Reich.“
Natürlich hatte er Deutsch-Leistungskurs und sollte später auch Germanistik studieren. Soweit ich weiß, kam er bei einem renommierten Verlag in Hamburg unter.
Meine Gedanken kreisten jedoch um die Hand von Andrea. Sie schien ein bisschen nach unten gerutscht zu sein. Ich spürte sie, warm und zärtlich, ein Fixstern, alles drehte sich um sie. Das Zentrum meines nicht mehr ganz so kleinen Universums.
Bernd sagte: „Wenn dies alles aus dem Nichts entstanden ist, wenn es unzählige Welten gibt, vielleicht mit Leben, was bedeutet das für uns?“
„Wir sind nichts Besonderes, nur eine Laune der Natur. Ein kurzer Moment in der Geschichte der Erde“, antwortete ich.
„Aber wir denken, wir fühlen und können in Gedanken weiterreisen …“
„Wie Götter …“, hier wurde ich unterbrochen und spürte die warmen Lippen und die Zunge von Andrea. Ihre Hand strich über meinen Bauch. Nach viel zu kurzen Sekunden drückte sie sich ab, löste ihren Mund von meinem und verschwand mit den Worten: „Nacht, mein kleiner Gott.“
„Denkt an die Klassenfahrt morgen!“ Uwe grinste und verabschiedete sich ebenfalls in die Nacht.
So waren Bernd und ich, wie immer die Letzten. Er war ohne Freundin und würde es auch bleiben.
„Hast Du die Bilder der Viking-Mission gesehen, Bilder wie auf der Erde im Death Valley? Ob wir es noch erleben werden?“
„Was?“
„Eine Landung auf einem anderen Planeten, mit Menschen meine ich.“
„Im Moment eher nicht, sie haben gerade andere Prioritäten.“ Manchmal kam uns das Klein-Klein auf der Erde doch ziemlich, nun ja, klein vor.
„Weißt du, ich denke immer noch an sie.“ Er wechselte abrupt das Thema, kam zu dem, was ihn wirklich bewegte, sein eigenes Universum.
„Bernd“, sagte ich, „das ist nun fast zwei Jahre her, du hast keinen Kontakt mehr, weißt nicht, wo sie wohnt, was sie macht, und es waren nur drei Wochen. Schau dich doch mal um. Alles ist möglich, alle sind möglich, du musst dich nur trauen.“ Das war zwar leichter gesagt als getan, schließlich traute ich mich auch oft nicht, aber es schien mir irgendwie die richtige Antwort zu sein.
„Wenn du sie nur gesehen hättest, wenn du sie nur erlebt hättest. Sie war alles, was man sich erträumt.“
Ich hatte sie gesehen, ich kannte sie wie meine Westentasche, schließlich hatte er sie unzählige Male beschrieben und mir Bilder gezeigt. Sie waren fantastisch, aus Illustrierten ausgeschnitten, da er keine Fotos – damals – gemacht hatte. Was irgendwie eine Ironie des Schicksals war, denn schließlich hatte er unsere gemeinsamen Cliquen-Jahre auf unzähligen Dias verewigt und auf ebenso vielen Abenden präsentiert. Von ihr hatte er nichts. Aber sie soll fast wie seine abgehefteten Bilder von Caroline von Monaco von 1974 ausgesehen haben.
„Ich hätte mich auch in sie verliebt“, sagte ich, „aber irgendwann beginnt ein neues Leben. Du weißt schon, dass Sabine auf dich steht? Sie sieht gut aus.“
Das tat sie wirklich, sehr schlank, fast knabenhaft, mit einem schönen Hals und ovalen Gesichtszügen, eingerahmt von langen, rotbraunen Korkenzieherlocken, dazu ein paar keck hervorstechende Sommersprossen. Dunkelbraune Augen und die feingliedrigsten Finger, die ich je gesehen habe.
„Sie hat Grips und spielt Klarinette – du weißt, was das bedeutet?“
Bernd musste lachen. „Und du und Andrea?“, spielte er den Ball gekonnt zurück.
Ja, das war die Frage aller Fragen. Sie war toll, ein absolut herzensguter Mensch, immer für andere da. Sabine nicht ganz unähnlich, aber mit einer, erst recht für ihre 16 Jahre, absolut fraulichen Figur – Rundungen, wo Rundungen sein sollten. Und sie erregte mich total. Aber der Unterleib spielte nicht immer mit dem Kopf zusammen. Ich war mir sicher, dass sie für viele Jungs damals ein fleischgewordener Pin-Up-Traum war. Und ich war auch stolz, mich mit ihr zu zeigen. Aber es war eben Begierde und Besitzerstolz und nicht die große Liebe.
„Sie ist …“, versuchte ich mich herauszuwinden, als plötzlich der Himmel in dunkelgrünen Flammen stand. Alles gloste grün. Ich kniff die Augen zusammen. Sah trotzdem das Flackern, der Himmel brannte.
„Wow“, war das Einzige, was ich zeitgleich mit Bernd rausbrachte. Ich hatte eine Gänsehaut. Für die wenigen Sekunden der Erscheinung war die gesamte Umgebung plastisch hervorgehoben. Der See reflektierte das grüne Licht, zauberte Schatten über die Landschaft. Die Pflanzen und der Wohnwagen waren überdeutlich festgehalten wie auf einem grünstichigen Polaroid und Bernd sah aus wie ein Marsianer.
Plötzlich wieder Dunkelheit. Nachdem die Augen sich angepasst hatten, sah man den See wieder im Mondlicht silbern schimmern, die Laterne warf einen Lichtkreis um den Wohnwagen. Die Zelte und das Schilf lagen gräulich in der Ferne.
Nach einem kurzen Atemzug der Stille erwachte auch die Natur wieder zum Leben und erfüllte die Luft mit ihren Geräuschen. Grillen, Frösche, Vögel – alles auf einmal, als schien die Welt froh, noch einmal davongekommen zu sein.
„Was war das denn?“
„Ich weiß es nicht.“ Mehr brachte ich nicht hervor. Für eine Sternschnuppe jedenfalls war es definitiv zu gewaltig.
„Vielleicht ein Meteorit“, meinte Bernd. Plötzlich waren Frauen kein Thema mehr. Er ergänzte: „Aber eigentlich flog da nichts. Alles, der verdammte Himmel glühte grün.“
„Also was“, fragte ich, „sie?“
Nach dem ersten Schrecken konnte Bernd wieder schmunzeln: „Na ja, wie eine Untertasse sah es wirklich nicht aus. Aber ich habe sowas noch nie gesehen.“
Ich natürlich auch nicht, aber in den Jahren, die noch kommen sollten, würde dieses Phänomen alltäglich werden und viel gewaltiger, als wir es uns damals vorstellen konnten.
„Hast du gemerkt, wie still plötzlich alles war und dann die Tierwelt sich wieder rührte?“
„Ja, richtig unheimlich war das“, antwortete Bernd. „Die glauben uns das nie.“
„Nein, die werden sagen, schon wieder ihr Weltraumspinner“, vermutete ich und wollte schon vorschlagen, lieber nichts zu erzählen, als plötzlich ein Zelt geöffnet wurde und Karsten herausgekrabbelt kam.
„Habt ihr das gesehen, alles leuchtete grün“, murmelte er schlaftrunken. „Was war das?“
Wir sagten nichts.
„Na ja, vielleicht habe ich auch geträumt, für einen kurzen Moment dachte ich, unser Zelt steht in Flammen“, und fragte, „wie spät ist es eigentlich?“
Wir sahen auf die Uhr, es war kurz nach zwei. „Morgen beziehungsweise heute geht es um 12 Uhr los, seht zu, dass ihr noch eine Prise Schlaf bekommt.“ Sprach`s und verschwand wieder im Zelt.
Bernd und ich sahen uns an, grinsten.
„Bernd, ich denke, er hat recht – vielleicht sollten wir uns jetzt noch eine Büchse Schlaf gönnen und morgen nüchtern nochmal über alles reden. Die Busfahrt ist lang.“
„Okay. Vielleicht steht ja auch was in der Zeitung.“
„Gute Nacht und lösch das Licht“, verabschiedete ich mich und kroch in das Zelt zu Andrea. Es war immer noch warm und sie lag auf dem Schlafsack, nur leicht bekleidet mit einem Unterhemd und einem knappen Slip. Ich legte mich zu ihr und drückte mich leicht an sie.
Der Aufbruch am nächsten Morgen ging relativ schnell vonstatten. Schließlich mussten wir noch nach Hause, packen und zur Schule, zumindest Karsten, Uwe, Bernd und ich. Die Mädchen waren nicht in unserer Jahrgangsstufe.
Und für mich war Prag insofern eine Verheißung, da sie dabei war.
Zu Hause schnell umgezogen, der Koffer war natürlich von Mutter vorbereitet, genauso wie die Stullen, Taschengeld vom Vater bekommen, Fragen nach dem gestrigen Abend wurden mit einem „Gut“ abgewimmelt. Reisepass, Geld und ein Roman – diesmal „Der Wüstenplanet“ von Frank Herbert – kamen ins Handgepäck.
„Tschüss“ von mir, „Pass auf dich auf“ von Mutter und ein leicht sorgenvoller Blick. „Klar“, meine Replik und ab in den Ford Taunus vom Vater.
Vor dem Gymnasium standen schon Karsten und Uwe. Sie wirkten frischer, als ich mich fühlte. Bernd kam auch gerade und sah wirklich beschissen aus.
„Was ist denn los?“, fragte Uwe.
„Ich muss in den Bus und schlafen. Am besten nach hinten und für mich drei Plätze. Ich habe die Nacht“, er zögerte kurz, „schlecht geschlafen“, schmiss seinen Koffer in den Bus und ging rein.
„Habe ich gestern noch was verpasst?“ Uwe schaute mich an.
„Vielleicht haben wir zu viel getrunken.“ Mehr sagte ich nicht und schaute nochmal über den Schulhof. Sie stand mit ihrer Freundin und einigen Jungs aus ihrem Leistungskurs zusammen, war also nicht krank, hatte nicht abgesagt und kam mit. Eine enge, blaue Cordhose betonte ihren süßen Hintern, die langen rotblonden Haare fielen über die Jeansjacke. Ich fühlte mich besser.
An die Busfahrt kann ich mich nicht mehr erinnern, nur dass Bernd irgendwann nicht mehr auf den Rücksitzen, sondern im Gang schlief. Mitten in der Nacht kamen wir an. Die Hotelzimmer waren schnell verteilt, jeweils Doppelbetten, Bernd und ich zusammen in einem Zimmer. Keine Kraft mehr für das Auspacken, fiel ich ins Bett.
Ich hörte ein Stöhnen. Für einen Moment wusste ich nicht, wo ich war. Lag tief eingesunken auf einer alten Matratze. Wieder ein Stöhnen. Wachte auf. Tastete, suchte einen Lichtschalter. Fühlte eine alte Laterne. Meine Finger wanderten den Stiel nach oben, fanden einen Knopf, drückten ihn. Ein gelbliches Licht flackerte erst und leuchtete dann. Ich richtete mich auf, blickte zur Seite und sah Bernd. Sein Gesicht war angstverzerrt. Auf seiner Stirn sah ich Schweißtropfen. Sein Mund war leicht geöffnet und er atmete schwer. Manchmal grunzte er, manchmal klang es mehr wie ein Heulen. Ich wollte ihn wecken, doch als meine Hand an seiner Schulter lag, zuckte ich zurück. Plötzlich hatte ich Angst. Legte mich wieder hin und schlief wieder ein. Die Lampe blieb an.
Am nächsten Morgen, nach dem Frühstück im Hotel, tauschten wir schwarz unser Geld und fühlten uns wie Könige. Bei den Preisen konnte man gut leben – mal so richtig die Sau rauslassen und das taten wir. Ich vermied Bernds Blick.
Unsere erste offizielle Besichtigungstour ging vom Wenzelsplatz auf die Karlsbrücke über die Moldau Richtung Hradschin. Wir wollten zwar Spaß haben, aber wir waren keine Kulturbanausen. An Smetanas „Moldau“ liebte ich, wie sie den Verlauf des Stromes musikalisch nachbildete. Die ganze Stadt strömte so etwas Mittelalterliches, Magisches aus mit ihren dunklen Gassen, dem Judenfriedhof und natürlich der Synagoge, wo der Legende nach der Golem durch Rabbi Löw zum Leben erweckt wurde.
Und manchmal erhaschte ich einen Blick von ihr.
Am ersten Abend fuhren Karsten, Uwe, Bernd und ich mit einem Taxi zu einem der Toprestaurants in der Stadt, Geheimtipp vom Taxifahrer, so wie in jeder Stadt auf der ganzen Welt. Außer uns gab es noch acht Gäste und zwanzig livrierte Bedienstete. Sie trugen weiße, schlecht sitzende Sakkos und um den Hals schwarze Fliegen. Wir hatten ein Vier-Gänge-Menü.
Bernd sah furchtbar aus.
„Was ist los?“, fragte Karsten, während das Dunkelbier und die Vorspeise serviert wurden.
„Ich weiß nicht“, antwortete Bernd. „Ich schlafe nicht gut.“ Was ich bestätigen konnte. „Ich weiß nicht, ob ich träume, aber nachts höre ich tausend Stimmen in der Dunkelheit, gefühlt wie in einem unendlichen Raum. Gewisper, Wesen überall und nirgends. Nicht zu sehen, sie raunen und klagen – ganz furchtbar.“
„Aber es ist doch nur ein Traum?“
„Ja, vielleicht. Ich weiß nicht. Ich glaube zu schlafen, aber morgens fühle ich mich, als wäre ich die ganze Nacht wach geblieben“, meinte Bernd und zum ersten Mal spürte ich, dass da etwas gewaltig schief lief. Ich dachte an sein angstverzerrtes Gesicht.
„Vielleicht solltest du dir mal ordentlich einen hinter die Binde kippen, dann wird alles gut“, war die Anregung von Uwe.
Zum Hauptgang hatten wir unser nächstes Halbliter-Bier in dem großen Saal mit mindestens hundert Plätzen, von denen mittlerweile doch 20 besetzt waren. Als Absacker gab es irgendeinen süßen, gelben Likör. Am Ende zahlte jeder umgerechnet 11 DM, aber wir mussten bestimmt eine halbe Stunde auf ein Taxi warten.
Die Nacht schlief Bernd ruhig, oder ich war zu beduselt, um etwas wahrzunehmen. Auf jeden Fall sah er am nächsten Morgen besser aus und er fühlte sich auch so, zumindest nach den zwei Aspirin. Die brauchte ich auch.
Das Frühstück fand in einem großen Saal statt und hatte etwas von einer Jugendherberge. Brot und eine Aufschnitt-Platte mit vier Sorten Wurst, dazu Kannen mit Kaffee, Sorte Plörre, Wasser mit einem Hauch von Muckefuck. Danach hatten wir die nächste geleitete Tour. Wir besuchten unter anderem das Kafka-Haus, das eher wie eine Puppenstube aussah und nicht wie eine Realität in Prag. Ab Nachmittag war frei. Ich kaufte mir – natürlich – Krimsekt, und ganz ehrlich, bis auf eine Flasche fürs Zähneputzen und eine als Badewasserzutat, habe ich die anderen artgemäß verbraucht. Und die letzte sollte natürlich das obligatorische Mitbringsel für die Eltern sein.
Abends wollten wir uns bei Karsten und Uwe auf dem Zimmer treffen. Bernd hatte keine Lust und wollte mal ausschlafen. Ich ging alleine rüber, klopfte, die Tür wurde von Uwe geöffnet. Ich blieb wie versteinert stehen.
Ich wusste zwar, dass Karsten einen losen Kontakt mit der Freundin von ihr hatte, aber da saßen sie beide, auf dem Boden. Er spielte auf seiner Gitarre „Seasons in the Sun“. Ein romantischer Song vom Tod.
Sie hieß Ingrid und ihre Freundin Barbara. Sie trug diesmal eine enge, dunkle Bluejeans und hatte ein helles Hemd in der Hose stecken, die rot schimmernden Haare zu einem neckischen Zopf gebunden. Unter ihrem Pony blitzten mich ihre Augen an und sie sagte: „Guten Abend, Martin.“ Barbara lehnte leicht an Karstens Schulter und schaute mich etwas ironisch an.
Ich fühlte mich unsicher und fragte etwas hilflos: „Na, wie geht’s euch?“ Danach glühte ich wie eine Gaslaterne – nur nicht so gelb. Man hätte das Licht löschen und trotzdem noch etwas erkennen können.
Uwe sammelte von jedem zwei DM ein und ging zum Portier, um eine Kiste Original Pilsener zu organisieren. Während wir warteten und Krimsekt tranken – es gab ja sonst nichts – haute Karsten den Gassenhauer aller Gitarrenhits raus: „Country Roads“ von John Denver.
Danach schaltete Karsten den Kassettenrecorder an. Barbara blickte zu Karsten und fragte: „Du bist doch nicht in Physik wie Martin, welche Leistungskurse hast du?“ Harmloses Geplänkel, fast angestrengt.
„Ich habe Geschichte und Deutsch“, antwortete Karsten.
„Das sind ja echte Granaten“, ergänzte Ingrid.
Ich fühlte mich gleich besser.
Für einen Moment sah ich Andrea im roten Bikini und dachte: ,Wir sind nur Freunde.‘ Sie verschwand.
Aus der Box ertönte „Tubular Bells“ von Mike Oldfield. Wir kannten alle das Klavier-Intro und unsere Gespräche kreisten um den dazugehörigen Film. „Der Exorzist“ war zwei Jahre zuvor in aller Munde gewesen und im Religionsunterricht wurden wir darauf hingewiesen, dass es Blasphemie wäre, ihn sich anzuschauen. Wir waren trotzdem im Kino gewesen, die Alterskontrolle war nur eine zusätzliche Mutprobe.
Gott sei Dank wurde „Tubular Bells“ durch leichtere Kost abgelöst und wir durch Uwe, der mit einer Bierkiste hereinkam, unterbrochen.
„Was reizt dich an Physik?“, fragte Ingrid mich plötzlich unvermittelt.
„Es ist irgendwie die Summe von allem“, antwortete Uwe, aber er war ja gar nicht gefragt worden. Blöderweise war seine Antwort besser als alles, was mir einfiel.
„Mich interessiert eigentlich, was wir nicht lernen, das, was danach kommt. Astrophysik zum Beispiel“, sagte ich stattdessen und hoffte das Beste.
„So einer bist du also“, meinte Barbara spöttisch und machte mich wieder klein. „Und wie ist es mit Herr Bergen und Geschichte?“ Sie blickte Karsten ganz anders an als mich. Ich glaube, mich mochte sie nicht.
„Nun ja. Was spannend an ihm ist, er macht klar, dass wir nicht abseits der Geschichte stehen, sondern mittendrin. Unser kalter Krieg wird mal Lernstoff des neuen Jahrtausends und wir sind dann die Historie.“
„Und deine verbrannten Knochen Anschauungsmaterial der nächsten Nachkriegsgeneration“, ätzte Barbara. Vielleicht war sie einfach so.
Mittlerweile hatte Uwe das Deckenlicht im Hotelzimmer gelöscht, nur die kleine Lampe auf dem Nachttisch war noch an. Vom Balkon strömte ein heller Lichtschein an den dicken Vorhängen vorbei. Gelbe Gaslaternen tauchten die bunt gemusterte Tapete im Wohnraum, die dicken, dunklen Teppiche und die beiden Betten in ein orangefarbenes Licht. Im Hintergrund lief gerade das Album „Wish you were here“ von Pink Floyd und passte perfekt.
„Wisst ihr“, meinte Uwe, „seit diesem Monat fliegt eine Sonde mit Songs von den Beatles durch das Weltall und mit „Yellow Submarine“ kann man da auch nichts falschmachen. Wenn sie nun 40 Jahre fliegt und funktioniert, wird sie 21 Milliarden Kilometer entfernt sein und unser Sonnensystem verlassen haben. Ist das nun Geschichte, Musik oder Physik?“
,So ein Blödmann‘, dachte ich damals. Er war immer schlauer als wir und hatte immer die besseren Sprüche.
„Ich finde Prag unglaublich. So alt, alles erhalten und überall die kleinen Gassen. Ich meine, habt ihr euch mal die Stadt angesehen?“, fragte Ingrid.
„Na klar“, antwortete Uwe, „schließlich latschen wir seit ein paar Tagen hier herum.“
,Diesmal‘, dachte ich, ,war das nicht die beste Antwort.‘ „Ich finde, sie können froh sein, dass hier nicht alles platt gemacht und wieder neu mit Plattenbauten aufgebaut wurde wie in Ostberlin.“ Ich war stolz auf die tolle Formulierung und für eine Sekunde waren Ingrid und ich auf einer Wellenlänge.
„Ich fand die Synagoge, wo der Golem erschaffen wurde, am spannendsten“, ergänzte Karsten, „seit Troja wissen wir ja, dass jede Legende einen wahren Kern hat.“
„Und da wir noch keinen Vollmond haben, heule ich auch nicht und habe auch noch keine Haare auf der Brust. Aber wartet mal ab“, antwortete Uwe.
„Vielleicht bist du aber auch noch nicht so weit, mit den Haaren, meine ich“, grinste Barbara. Da konnte er nur verlegen schmunzeln und ich heimlich lachen.
Es war kindisches Geplänkel, aber so waren wir damals, an der Grenze zu etwas Größerem, aber immer noch nicht erwachsen.
„Obwohl noch nicht Vollmond ist, habe ich schlecht geschlafen und merkwürdiges Zeug geträumt – von einem belebten, riesigen Raum, einem tiefen Schacht, aber alles dunkel, voller Gemurmel“, flüsterte plötzlich Ingrid.
Ich sah Karsten an und so, wie er zurückschaute, hatte er die Parallele zu Bernds Traum auch bemerkt. Wie es ihr denn damit ginge, habe ich dann gefragt und nur einen scheuen, etwas merkwürdigen Blick zurückbekommen. Damals war es wichtig, aber man vergisst ja so schnell. Ich überlegte noch, wie ich Ingrids Äußerung in den Kontext der letzten Tage einsortieren sollte. Schließlich war das alles ein bisschen viel. Nicht nur grüne Meteoriten am Himmel und unheimliche Räume nachts, sondern vor allem eine Traumfrau im Hotelzimmer. Doch dann legte sich Karsten einfach auf das Doppelbett und Uwe strich die Segel, schließlich ist von fünfen immer einer zu viel. Er verließ das Zimmer.
Barbara lag plötzlich neben Karsten, musterte Ingrid und mich, „na, kommt ihr zwei vielleicht auch mal zu uns.“
Ingrid fasste meine Hand. Ich erschrak ein bisschen. Dann zog sie mich auf die freie Seite. So lagen wir alle für Sekunden auf dem Bett und jeder schien auf etwas zu warten. Auch ich war starr vor Unsicherheit. Eine falsche Bewegung, und ich war erledigt. Man hatte nur einen Schuss und eigentlich war alles perfekt arrangiert – wie ein Elfer oder eine Billard-Kugel vor dem Loch. Ich konnte die Hand ausstrecken, mich umdrehen und rüberbeugen oder was Kluges sagen. Die Zeit zeigte ihre gnadenlose Relativität und zog sich in die Länge. „Mr. Blue Sky“ von ELO schepperte aus dem Kassettenrekorder.
Es war vorbei!
Denn plötzlich stülpte sich der Käfig über mich und trennte mich von der Welt. Oft habe ich über diesen Moment nachgedacht und wie das Leben verlaufen wäre, wenn es nicht gerade da passiert wäre. Aber es würde für Ingrid und mich keine Situation mehr geben, aus der mehr entstehen könnte.
Es war vorbei!
Von einer auf die andere Sekunde hatte ich das Gefühl, nicht mehr ganz da zu sein. Klar, ich wusste, ich lag auf dem Bett, ich war in Prag, aber gleichzeitig war ich wie in einem gläsernen Käfig – getrennt von der wirklichen Welt. Ich sah die Menschen, hörte ihre Gespräche, doch verstand sie nur akustisch. Irgendwie gingen mir die Zwischentöne verloren, und ich wusste nicht mehr, wie eine angemessene Reaktion aussah.
Karsten sagte zu Barbara: „Bist du noch mit Wolfgang zusammen?“ Ich verstand es nicht, klar war sie mit Wolfgang zusammen, wieso dann diese Frage? Barbara antwortete etwas wie, dass sie es nicht wüsste, und das verstand ich überhaupt nicht – entweder oder.
Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass kleinste Details überdeutlich hervortraten – die kleinen Schweißperlen auf Ingrids Stirn, Barbaras sonst mir nie aufgefallener, kaum sichtbarer Flaum über dem Mund – und ich wusste, was Karsten Barbara antworten würde: ,Dann müsste man das ja mal klären.‘ Amputation der Sinne und Ersatz durch neue. Aber damals war nur Unsicherheit, Unverständnis und die Hoffnung, dass niemand etwas bemerken würde. Ich musste versuchen, mich so normal wie möglich zu verhalten. Ich musste eine Rolle spielen, ohne den Text zu wissen.
Also was hatte Ingrid gerade gesagt, so etwas wie: „Und du, wartet jemand auf dich?“ Wie war das gemeint? Bernd schlief und die Eltern zuhause wussten, dass ich auf Klassenfahrt war, also konnten sie auch nicht warten. Aber mir dämmerte, dass hier etwas anderes gemeint war, im übertragenen Sinn, so etwas wie ein Partner. Die richtige Antwort schien also zu sein, dass da niemand ist.
Was war nur mit mir los. Nichts stimmte mehr, alles verschob sich. Ich wollte mir auf den Schädel schlagen, um wieder in die Spur zu kommen.
Ich schaute mich um. Ein altes Hotelzimmer, ockerfarbene Tagesdecke und der braune Teppichläufer. An der Decke eine Lampe, deren gebogenen Arme den Himmel umarmen wollten. Ihre Kerzenbirnen unterstrichen die altertümliche Erscheinung. An der Wand über dem Bett ein Gemälde der Karlsbrücke, in dunklem Gewitterlicht gehalten und umkränzt durch einen dicken goldenen Rahmen. Die Nachttischleuchte flackerte leicht und verlieh dem Bild fast etwas Magisches, als würde das Gewitter leben.
Hatte nicht Karsten vorhin Gitarre gespielt? Wieso sah ich keine Gitarre, sie musste doch irgendwo im Zimmer sein? Ich war völlig verzweifelt. Die Logik verlangte, dass ich eine Gitarre sah. Ich sah sie nicht, fand sie nicht. Es war in etwa so, als wenn man einen Kreis auf ein Stück Papier zeichnen und dann darauf schauen würde und der Kreis war nicht mehr da. Ich dachte, ich werde verrückt. Aber eigentlich war es ja eher so, man zeichnete einen Kreis auf einen Block und blätterte um und wunderte sich dann, dass der Kreis nicht mehr da war. Aber wenn die Situationen auseinandergehackt wurden, dann war die Gitarre verschwunden. In Wirklichkeit lag sie nur unter dem Bett.
Ich war verrückt. Ich musste raus. Ich wäre nie in der Lage gewesen, etwas voranzubringen, was schon im normalen Zustand einen Balanceakt darstellte. Also verzichtete ich auf den Akt und ging, ohne ein Wort zu sagen, aus dem Zimmer.
Am nächsten Morgen wachte ich auf und spürte sofort, dass sich nichts verändert hatte. Ich war immer noch gefangen, schlurfte zum Frühstück, der Käfig mit mir. Bernd sagte, dass es ihm nicht gut ginge. Ich dachte, er hat ja keine Ahnung. Und tatsächlich, im Frühstückssaal lief nichts zusammen. Wieso war der Aufschnitt nur mit drei Wurstsorten – ich habe die Tabletts durchsucht, aber es waren tatsächlich nur drei – sonst waren es doch immer vier. Also schaute ich nochmal unter alle Scheiben – es blieben drei.
„DREI!“, schrie es in mir. Es waren doch immer vier. Ich suchte verzweifelt – es waren drei unterschiedliche Sorten. Wo sonst immer vier waren.
Da konnte etwas nicht stimmen – die Realität verschob sich. Aber da sich niemand aufzuregen schien, versuchte ich, gelassen zu bleiben. Wo war die verdammte vierte Sorte? Ich schaute zu Bernd, aber der war anscheinend noch weiter weg als ich. Er saß mit glasigen Augen vor seinem Frühstück und murmelte immer wieder: „Wir müssen höher, höher – das Summen ist nur unten in der Dunkelheit.“
Ich versuchte, jeden Blickkontakt mit Ingrid zu vermeiden, da ich nicht wusste, wie es in dem Zimmer weitergegangen war und wie sehr ich der Blödmann war. Als ich mir noch einen Kaffee holen wollte, musste ich zwangsläufig an ihrem Tisch vorbei. Ich schaute aus den Augenwinkeln zu ihr hin. Sie sah nicht auf, schaute auf ihr Tablett, sah bleich aus. Barbara neben ihr guckte jedoch hoch und verzog ihre Mundwinkel.
Ich ging mit dem Kaffee zurück zu Bernd, immerhin war der Ausschank da, wo ich es gewohnt war. Aber wo war Karsten?
Bernd schaute auf und sagte: „Na wie war es gestern? Schönen Abschluss gehabt?“ Ich versuchte Abschluss zu interpretieren und dachte, er meinte so etwas wie den Abend, und konnte dann mit einem „War eigentlich ganz nett“ antworten. (Bitte lass es vorbeigehen!) Sicherheitshalber schaute ich noch mal nach der Aufschnitt Platte – es waren immer noch drei Sorten.
Danach gingen Bernd und ich auf unser Zimmer, um die Koffer zu packen. Kein großes Ding, selbst in unserem Zustand – einer müde, der andere verrückt.
Wir standen pünktlich mit den Koffern am Bus. Es regnete in Strömen. Eine Traube von ungefähr 30 Schülern versuchte, gleichzeitig Koffer loszuwerden und in den Bus zu kommen.
Ich fragte Uwe, wo Karsten sei. „Wer?“, antwortete er.
Ich dachte, mich trifft der Schlag: „Karsten, du weißt schon, er kam doch mit.“
„Martin, welcher Karsten?“, sagte Uwe und schaute etwas genervt. Ich drehte mich verzweifelt nach Bernd um. Mir wurde schwindelig und schwarz vor Augen, kurz spürte ich etwas wie einen kleinen Schlag gegen den Kopf.
Dann sah ich Karsten, wie er mit dem Koffer und seiner verpackten Gitarre ankam. „Na, du Nachzügler“, maulte Uwe, dem mittlerweile die roten Haare klatschnass am Kopf klebten. Wir stiegen in den Bus. Ich war verrückt, definitiv.
Die Rückfahrt war im Großen und Ganzen ereignislos und damit geradezu angenehm für mich. Wir saßen wieder in der letzten Reihe. Ich las im „Wüstenplanet“ und fühlte mich besser, passte jedoch auf, dass ich keine Seite überblätterte – Gott sei Dank waren sie nummeriert. Ich überprüfte es mehrmals. Und Bücher können sich nicht verändern. Versteht man etwas nicht, blättert man zurück und beginnt von neuem. Ein Buch ist statisch und gleichzeitig. Man kann in die Zukunft springen und zurück. Der Mord, die lange Aufklärung und die Überführung des Täters, ein Wimpernschlag voneinander entfernt, das Ergebnis vor der Ermittlung – alles ist möglich.
„Warum bist du so plötzlich abgehauen?“, überraschte mich Karsten dann plötzlich mit einer Frage aus dem weniger kalkulierbaren Leben.
„Ich fühlte mich nicht gut“, antwortete ich, „es ging alles so schnell.“ Es schien zu passen.
„Weißt du, das kam nicht gut. Ich glaube, dass wir einen schönen Abend hätten haben können und Ingrid wollte vielleicht sogar mehr. Aber deine Flucht war Scheiße. Du gingst und am Ende hat sogar Barbara gesagt, sie muss jetzt schlafen. Wie konntest du nur so blöd sein.“
„Karsten, mir ging es nicht gut, und mir geht es nicht gut. Ist das okay für dich?“
„Nein, wenn du zu viel getrunken hast an dem Abend, blöd. Wenn du zu müde warst, blöd. Wenn du keinen Bock hattest, vor allem blöd zu mir.“ Natürlich hatte er recht, aber er fühlte ja auch nicht wie ich.
„Karsten, ich lag auf dem Bett mit jemanden, den ich sehr mag“, mehr wollte nicht raus, „und ging dann einfach weg, was meinst du, wie ich mich fühle. Ich wollte das nicht, ich musste.“ Ich war stolz auf mich. Alles schien richtig formuliert zu sein.
„Du musstest?“ Jetzt wurde Karsten wirklich sauer, das spürte sogar ich mit meiner reduzierten Wahrnehmung. „Was musstest du? Ein Treuegelübde einhalten, sauberbleiben, oder einfach Schiss haben. Glaubst du, mir wäre Barbara gleichgültig?“, zischte er leise.
Mir schwindelte. Jetzt ging bei mir wieder alles durcheinander, schließlich war er ja mit Heike zusammen. Uwe saß neben mir und verteidigte mich: „Karsten, du kannst doch noch alles versuchen bei Barbara. Martin hat doch die Ich-bin-peinlich-Karte.“
Nun ja, hatte ich gedacht, er verteidigte mich? Langsam wurde Karsten ruhiger und schaute zu Bernd. „Ich habe nichts gesagt“, murmelte der. Ruhe.
Endlich wieder Buch, kalkulierbar und einfach da. Nach drei Stunden Fahrt und Lesen schlief ich ein. Vor mir sah ich eine helle, sonnige Landschaft. Ich stand auf einem Hügel und schaute auf ein Feld voller Pflanzen mit kelchförmigen Blüten. Ich schaute hoch, die Sonne war grün, der Himmel war grün, alles ruhig. Die Pflanzen wiegten sich sanft ohne Wind. Manchmal schienen sie zu leuchten, ein leichtes, mintfarbenes Fluoreszieren, wie die Ziffernblätter unserer Uhren im Dunkeln. Und über allem lag so ein leichtes Rauschen, wie aus einer Meeresmuschel.
Plötzlich ein Ruckeln und ein Stoß, wir waren da. Der Hieb kam von Uwe. Der Bus fuhr gerade auf den Schulhof. Es war mittlerweile dunkel und der Vollmond spiegelte sich in den Pfützen.
Auch der nächste Tag begann schlecht. Ich wachte zwar im eigenen Bett auf, doch ich wusste sofort, dass sich nichts verändert hatte und ich weiter im Glashaus saß. Trotzdem war ich gewillt, den Alltag irgendwie zu bewältigen. An jenem Samstag vielleicht kein Problem, aber morgen hatte ich meine letzten zwei Fahrstunden vor der Prüfung.
In der Küche stellte Mutter die unvermeidliche Frage: „Wie war‘s?“
„Gut“, murmelte ich.
Mutter blieb unerbittlich: „Was denn so?“
Ich antwortete: „Die Stadt“, und biss ins Marmeladenbrot.
Nach dem Frühstück wurde ich redseliger: „Ach ja, ich habe da noch was für euch“, und holte eine Schneekugel mit der Karlsbrücke und einen Bierdeckel aus Zinn und Porzellan mit einem Bild der Karlsbrücke aus meinem Zimmer. Der Krimsekt war irgendwie nicht mehr da.
Mit einem „Ich mach mich mal fertig, ich muss los“ verschwand ich im Bad und klatschte die Haare, speziell die Schläfen und Wellen mit etwas Wasser an – alles musste glatt sein. Nichts, was mich überforderte, eingespielte Routine über Jahre.
Ich kam aus dem Bad, Mutter versuchte den Aufbruch zu verzögern: „Wo musst du denn so schnell hin? Du bist doch gerade erst angekommen.“
„Ich muss in die Stadt.“ Diese Formulierung machte uns zu Erwachsenen. Es klang wie: ,Ich habe etwas Wichtiges zu erledigen, ich habe einen Job, eine Aufgabe, etwas wartete auf mich.‘ Ich musste in die Stadt – dieses aufregende Etwas, dieses Mysterium, egal ob 40.000 Einwohner oder 400.000 – die Stadt!
Auf mich warteten meine Freunde am Schwan und unsere Mädchen. Andrea kam auf mich zu und da konnte ich nichts falsch machen, denn sie entschied und sie machte – eine Hand in meinem Nacken, die andere an meiner linken Brust, ihre Lippen an meinen, ihre Zunge an meiner. Nach endlosen Sekunden vor der alten speckigen Holztür schaute ich zu Karsten. Er stand mit Heike unter dem aus der Wand ragenden, gusseisernen, schwarzen Schwan-Symbol. Alles schien, wie es sein sollte.
Bernd kam an. „Hallo“, sagte er zu uns und schaute dann doch etwas intensiver zu Sabine, die gerade mit Uwe plauderte. Es war warm und draußen schöner als in der verrauchten, heruntergeranzten Kneipe. So holte ich mit Andrea die erste Kaffeerunde für die Truppe.
Alles war irgendwie vertraut, trotzdem gab es vor Prag und nach Prag. Dazwischen lagen Welten. Aber der Kaffee schmeckte wieder und Uwe erzählte über unsere Abenteuer in Prag. Manches ließ er aus, manches kannte noch nicht mal ich, aber egal, wir waren wieder zuhause.
Und diskutierten über den Ostblock, die ČSSR und unseren Direktor. Der hatte die letzte Ausgabe der Schülerzeitung verboten, weil auf dem Titelbild Franz Josef Strauß neben Pinochet abgebildet worden war.
Aus dem Schwan hörte man „Yes Sir, I can Boogie“ von Baccara. Das konnte nur ein Scherz sein, schließlich kannten wir den Musikgeschmack von Helmut, dem die Kneipe gehörte.
„Wollen wir noch in den Park?“, fragte Andrea, „das Wetter ist super und heute Abend bin ich mit meinen Eltern bei Oma.“
„Unbedingt“, antwortete Karsten und sah Heike an. Also gingen wir durch die kleinen, engen Gassen, an den Fachwerkhäusern vorbei, über die alte Brücke am Wehr in den Park.
Direkt am Weiher befand sich ein kleines Grasstück unter der tief hängenden Weide zwischen dem Weg und einem Bach. Hier waren wir im Sommer oft. Das Gras war immer sehr kurz und bildete eine perfekte Liegefläche, vor uns das Geplätscher des Baches, hinter uns der Teich. Durch die Äste fielen die Strahlen der Frühlingssonne – brachen sich golden in den Zweigen. Sie bewegten sich leicht im Wind und zauberten Lichtreflexe auf das Wasser. Wir setzten uns in das Gras. Ich wollte Ruhe und Kalkulierbarkeit, lehnte mich an den Baumstamm. Bisher hatte ich nicht viel gesagt – sicherheitshalber – so merkten die anderen nichts von meinem Zustand. Und der Stamm hielt mich.
Ich dachte, wenn das so bleibt, wenn du die Gespräche nicht mehr verstehst, wenn du nicht teilnimmst und dich alles Überraschende, jede Kleinigkeit aus der Bahn wirft, wenn du irgendwie isoliert bist – dann schaffst du es nicht mehr lange. Meine Gedanken drehten sich im Kreis. Was stimmte nicht? Hatte mir jemand etwas in ein Getränk getan? Eine Droge – bestimmt eine Droge!
„Du bist so still, was ist los?“, fragte Andrea, „jemanden kennengelernt, hübsch?“ Sie lächelte.
„Ich bin noch etwas müde von der Tour“, antwortete ich vorsichtig.
Sabine schaute zu Bernd und fragte ihn, wie es ihm gefallen hatte. Ich sah ihn an und wusste, dass er keine gute Antwort geben würde. Meine letzte Chance mit Ingrid war abgelaufen und nun würde Bernd seine mit Sabine vermasseln.
„Es war seltsam, es war schön. Nachts war es furchtbar. Ich muss erstmal mit mir alleine klarkommen, nicht mit Mädels.“
Sabine zuckte zurück. Ich verstand nicht, warum er das sagte, er wirkte nicht glücklich dabei. Uwe legte einen Arm um Sabine, Bernd sah an beiden vorbei zu mir und lächelte etwas gequält. Und Sabine schaute zu Bernd, der es nicht zu registrieren schien. Plötzlich wusste ich, dass sie ihn liebte.
„Hat jemand etwas zu rauchen mit?“, fragte Karsten. Uwe hatte. Nicht nur Tabak und Blättchen, sondern auch den braunen Block.
,Bekämpfe das Problem mit der Ursache‘, dachte ich mir, obwohl wir weder in Prag noch am Liliensee gekifft hatten. Auf jeden Fall drehte Uwe eine perfekte Tüte und reichte sie herum. Wie immer verzichteten Bernd, Andrea und Sabine auf die Demonstration der Relativität der Zeit. Und ich hoffte, dass sich nach einem kräftigen Zug alles wieder einrenken würde. Mitnichten. Es lief nur langsamer ab.
Sabine verabschiedete sich. Ich weiß noch, dass ich dachte: ,Bernd du Trottel, geh auch!‘, was er kurze Zeit später auch tat – allerdings in die andere Richtung. Er wohnte in der Innenstadt und musste nicht zur Bushaltestelle. Aber natürlich hätte er gekonnt, wenn er gewollt hätte oder vielleicht nicht in seinem eigenen Verlies eingesperrt gewesen wäre.
Damit war mal wieder der Poet zu viel, aber er hatte das Kraut. Ich hatte zwar nicht das Gefühl, dass sich mein Zustand großartig veränderte, aber ich war deutlich entspannter und grinste sogar ab und zu – wenn auch nicht immer an den richtigen Stellen. Karsten erzählte gerade, wie er die Nacht am Liliensee erlebt hatte – zwar nicht viel gesehen, prägte aber den Begriff, der für mich damit verbunden bleiben sollte. Er nannte es Grüne Nacht. Er hatte geschlafen, als er plötzlich ein Raunen wahrnahm. Dadurch wurde er wach, konnte aber auch nicht sagen, was er denn wirklich gehört oder geträumt hatte. Aber das ganze Zelt leuchtete grün, flackerte und strahlte geradezu. Grüne Nacht gefiel mir.
„Ich habe nichts gesehen oder gehört, nur das Schnarchen eines versoffenen Grummelkopfes.“ Manchmal konnte Andrea sehr direkt sein – und dann unvermittelt: „Aber mein Traum war scheiße, ziemlich unheimlich. Ein ins Unendliche gehender Turm mit kleinen Zellen, in jeder ein Mensch, Millionen, Räume von außen offen – ein Rauschen. So ein Quatsch! Aber ich erinnere mich noch daran, sonst vergesse ich immer alle Träume.“
Ich dachte an Ingrid, den Abend, den Moment auf dem Bett, die einmalige Chance, diese Berührung ihres Körpers, dann mein Versagen – aber vor allem dachte ich an ihre kurze Schilderung eines Traumes, der mir so bekannt vorkam.
… sah ich Bernd in einer Zelle, Andrea nebenan, ein kleiner Raum aus Lehm. Sabine schlief in einem Bollerwagen, den Uwe über eine Brücke zog. Der Fluss war so breit, dass man kein Ufer sah, kein Ende in Sicht, die Brücke verschwand in der Ferne im Nebel. Uwe zog und zog. Karsten schaute mich an. Ich saß in einem kleinen Zimmer und er sah durch das Fenster in den Raum. Große Augen, ich drinnen, er draußen. „The incredible shrinking Man“ war nichts dagegen. Die Augen groß wie das Fenster, ich musste lachen. Alles stand still. Ich öffnete die Tür, ging nach draußen, er war drinnen. Ich schaute auf den Raum, in den Raum. Er hockte ganz klein in einer Puppenstube.
,Mein Gott‘, dachte ich, plötzlich wieder im Park, ,es war doch nur Gras!‘
Ich schaute zu den anderen, aber da schien alles wie immer. Ich sah die Weidenzweige über mir, das Licht mittlerweile schon leicht orange. Es zauberte Strahlen im Dunst hervor. Ich sah Karsten, wie er an der Tüte zog und sie an Heike weiterreichte. Ich sah Uwe, wie er im Gras saß und grinste. Ich spürte Andreas Hand auf meinem Oberschenkel, ihren Kopf an meiner Schulter. Ich war wieder da.
Ich war wirklich wieder da! Von einer Sekunde zur anderen zog irgendjemand die Decke von meinem Kopf, den Glaskäfig weg. Alles Gedämpfte verschwunden. Oh, es war wie ein Sonnenaufgang! Gott sei Dank, der Mist war vorbei! Ich wollte schreien vor Glück, behielt es dann doch für mich. Es war wieder alles so, wie es sein sollte.
Ich lehnte mich zurück, fühlte den Baum hinter mir, Andrea neben mir, ich drehte mich zu ihr hin, sah ihre braunen Augen, spürte ihre Hand und mir waren alle Gefühle egal, mir war Ingrid egal, mir waren Träume egal. Hier war die Wirklichkeit zurück, und zwar mit geballter Macht. Ich küsste sie.
Dann löste sie sich von mir: „Muss jetzt los, Familie“, und ging einfach.
Wir Zurückgebliebenen saßen noch ein bisschen in der Nachmittagssonne, obwohl es jetzt schnell kühler wurde. Ich atmete tief ein und ließ die Tüte an mir vorübergehen. Die klare Luft, das Licht, die Blätter in kräftigem Grün und ich ganz bei mir. Vor mir plätscherte der Bach und schickte Reflexionen der Abendsonne über den Baum. Es tat fast weh.
Uwe schien auch bei sich zu sein. Selbst Heike und Karsten beschäftigten sich mehr mit sich selbst.
Mittlerweile war der Himmel dunkelblau, nur ein paar Wolken schimmerten violett und langsam fing ich doch an zu frieren.
„Ich denke, ich mach mich auch vom Acker – heute Abend einen Ruhigen. Nach der Klassenfahrt haben wir uns das verdient“, entschuldigte ich mich und ließ die drei zurück.
Im Fernsehen sahen meine Eltern gerade „Am laufenden Band“ mit Rudi Carrell. Ich setzte mich dazu. ,Das Fragezeichen, wie konnte man das Fragezeichen vergessen?‘, dachte ich noch. Aber morgen früh waren noch zwei Stunden Fahrschule und ich hatte Prag in den Knochen, also ging ich noch vor meinen Eltern ins Bett.
Die Fahrstunden verliefen perfekt und die Führerscheinprüfung die Woche darauf war der große Moment, der er sein sollte. Der Lappen mit Klasse 1 und 3 endlich mein! (Nun ja, offiziell natürlich erst mit 18.) In der Schule waren zufällige Begegnungen mit Ingrid oder Barbara etwas gezwungen. Ich verspürte immer noch einen Stich, aber ich war ja nicht schlimmer dran als vorher. Und ich musste unbedingt mit Bernd sprechen. Wir verabredeten uns für Donnerstagnachmittag.
Für mich war das praktisch, ich konnte direkt nach der letzten Stunde, es war Erdkunde, zu ihm. Mit dem Mokick gerade mal 5 Minuten durch die Altstadt. Er wohnte im dritten Stock zusammen mit seiner Mutter, der Vater war vor zehn Jahren gestorben, die Wohnung überschaubar, sein Zimmer klein. So gingen wir in die Stadt zu Helmut und setzten uns im Schwan an einen Tisch. Er gratulierte mir zum Schein. Er hatte gerade erst mit der Fahrschule angefangen, war fast ein halbes Jahr jünger als ich. Nachdem wir beide unser Alt Schuss hatten, dachte ich, wäre der richtige Moment da.
„Bernd“, sagte ich etwas bedeutungsschwanger.
„Wir müssen reden“, sagte er.
Ich sah ihn an und lächelte. Es war wieder dieses fast Gleichzeitige, was mir klarmachte, warum er mein Freund war. Manchmal reichte ein Blick. Es war wie Telepathie, zwei Menschen, ein Gedanke. Er war einfach ein Seelenverwandter. Und wo Schweigen peinlich sein konnte, war es bei uns immer nur Gemeinsamkeit.
Ich fing mit dem leichteren Thema an. „Warum hast du Sabine so abblitzen lassen im Park?“, fragte ich.
„Ich habe doch gar nichts gemacht. In der Situation hatte ich das Gefühl, erstmal mit mir klarkommen zu müssen.“
„Ja, aber sie hat es auf sich bezogen. Im Grunde war es wie eine Beleidigung.“
„Ach hör auf“, sagte Bernd, „hier geht es nicht um mich oder sie, ich wollte sie nur raushalten aus allem. Etwas ist passiert.“
„Genau.“
„Dann fang mal an“, forderte er mich auf. Ich wusste, dass er das Gleiche dachte wie ich.
„Wie sind deine Träume und Nächte so im Moment?“, fragte ich.
„Es geht“, antwortete er, „manchmal gar nichts, manchmal ist alles voll mit Räumen, Menschen und Raunen. Kleine Zellen in Türmen, die sich dem Himmel entgegenstrecken.“
„Weißt du, was komisch ist? Andrea hat auch von Türmen mit Menschen geträumt. Ingrid erzählte was von einem Raum voller Geraune, dann deine dunklen Räume mit Millionen von Wesen und alle fanden die Träume merkwürdig. Zudem sind sie sich doch sehr ähnlich. Was denkst du?“
„Nun, ich hatte noch nie so seltsame Träume und bis vor ein paar Wochen ging es mir auch ziemlich gut. Ich habe immer gut geschlafen und Sabine nie beleidigt, was meinst du?“
„Seit wann hast du es?“, fragte ich und wusste, er würde darauf kommen.
„Klar, ich verstehe, aber glaubst du es wirklich?“
„Und ich muss dir noch etwas anderes erzählen. Aber bitte, das muss unter uns bleiben.“
Bernd nickte.
„Ich habe nicht schlecht geträumt, aber etwas ist passiert. Für vier Tage dachte ich, ich werde verrückt. Ich war nicht mehr wirklich da. Um mich herum eine Art Kokon … Weißt du, ich wäre fast verrückt geworden, weil ich Karstens Gitarre nicht gesehen habe oder nur drei Sorten Wurst im Angebot waren. In Prag.“
„Das ist verrückt“, antwortete er.
„Siehst du, genau. Ich kann es nicht erklären, aber um mich herum fand alles außerhalb von meinem Leben statt, wie ein Film. Ich war Beobachter, nicht Teilnehmer oder – ach ich weiß auch nicht ...“ Etwas hilflos brach ich ab. Nach nur ein paar Tagen kam es mir nur noch wie ein Traum vor.
„Seit der grünen Nacht ist manches merkwürdig“, versuchte ich es auf den Punkt zu bringen. Bernd sah mich an und ich war froh, dass wir hier gemeinsam saßen.
Ich habe oft Romane gelesen oder Filme gesehen, in denen unheimliche Dinge passierten. Was mich immer gestört hatte, war, wie schnell Unerklärliches akzeptiert wurde. Tatsächlich würde man doch vermutlich eher denken, man sei verrückt, als Geister oder UFOs als real zu akzeptieren. Vor allem, wenn man alleine war. Damals war Bernd meine geistige Rettung. Und es hat mich zeitlebens verfolgt, dass ich es nicht für ihn sein konnte.
„Was fangen wir jetzt damit an? Soll ich mich umhören, wer noch komische Träume hat. Oder isoliert durch die Gegend läuft? Und dann? Das klingt wie ein kitschiger Terra-Astra-Roman“, sagte Bernd.
„Tja, zumindest würde es beruhigen, wenn noch andere unsere Probleme hätten“, schloss ich das Thema ab.
Wir fühlten uns gut und gingen flippern.
Es war Dezember und ich hatte das Auto von Vater. Natürlich wurde eine Tour daraus. Bernd, Uwe und ich wollten in die Nachbarstadt. Dort gab es eine Eisbahn und einige Bekannte von Uwe liefen auch da rum, im Kreis. Ich fuhr meine Jungs dorthin, mit einem Auto, mit einem Führerschein. Die Kindheit war vorbei. Aus dem Radio erklang „Belfast“ von Boney M. Ich suchte einen anderen Sender, „Knowing me, knowing you“ von ABBA, ich ließ ihn. So glitten wir dahin.
Wir gingen ins Stadion, bekamen Schlittschuhe gegen Gebühr, die Eisfläche war groß und aus den Boxen erklang „Belfast“ – Mist. Unsicher drehte ich meine erste Runde, immerhin stehend – Bernd lag schon. Mein letztes Mal war schon ein bisschen her, aber langsam kam ich rein. Die zweite Runde ging schon mit Drehung und kurzem Rückwärtslaufen, die dritte für meine Verhältnisse fast perfekt. Ich war trotzdem nass. Uwe begrüßte eine Gruppe von Leuten, die wir nicht kannten, und da sah ich sie zum ersten Mal.
Lange Beine in engen Bluejeans – noch länger durch die Schlittschuhe, dicke schwarze Strümpfe über der Hose bis zu den Knien und ein langer, brauner Zopf, der über die kurze, grüne Jacke fiel. Sie lief perfekt. Das dachte sich auch die Technik des Stadions und so wurde das Licht gedimmt und plötzlich war ein Strahler auf sie gerichtet. Es lief „Porque Te Vas“, die Eisfläche war voll, aber viele sahen nur sie. Ich glaube, sie nahm das gar nicht wahr, sie verschmolz einfach nur mit dem Licht und der Musik und lief ... Pirouette, Sprung, sie wirbelte. Wir drehten unsere Runden, aber da war nur sie. Ich sah ihr Gesicht an mir vorbeihuschen, sie hatte Grübchen um die Mundwinkel und graue Augen. Und schon wieder weg. Der Scheinwerfer wanderte mittlerweile weiter, erfasste einen anderen Star. Aber meine Blicke suchten sie in der Dämmerung, bis sie plötzlich wieder an mir vorbeiglitt.
,Eis kann ja richtig heimtückisch sein‘, dachte ich und schlitterte weiter.
Da, sie kam wieder ... vorbei. Auf der Eisfläche waren bestimmt hundert Personen und alles drehte sich um mich. Es war wie ein Karussell. Überall bunte Lichter, die über das Eis und die Menschen tanzten. Die Musik wurde lauter. Mir wurde etwas schwindelig. Ich versuchte, aus der Mitte zu kommen, aus dem Auge des Hurrikans, wieder Tritt zu fassen mit dem Strom.
An mir flossen die Menschen vorbei, kaum noch Platz vernünftig zu fahren – von hinten ein Stoß, ich stolperte.
,Nur nicht fallen‘, dachte ich einen Moment voller Panik, ,du kommst hier nicht wieder hoch.‘ Ich fiel hin.
Sah nur Beine und hörte das Kratzen unzähliger Kufen. Ein grüner Lichtstrahl zog über den Boden. Vor mir plötzlich ein kurzes Eisgestöber, eine glänzende Kufe, die bremste, weißer Schuh, schwarzer Strumpf, Jeans. Eine Hand, die mich hochzog, eine Stimme, die sagte: „Pass nächstes Mal besser auf“, und weg war sie.
,Ich bin aber auch ein Held‘, dachte ich bei mir und beschloss, Schlittschuh zu fahren, schließlich waren wir deswegen hier. Nach ein paar Runden leistete ich Bernd Gesellschaft, der etwas außer Puste an der Bande hing.
„Hier ist ja was los“, begrüßte er mich.
„Hast du die Tänzerin in der grünen Jacke gesehen, mit dem langen Zopf – irre!“, antwortete ich.
„Meinst du die, die da gerade auf uns zukommt?“ Er dämpfte seine Stimme, ich drehte mich um und erstarrte beinahe zur Salzsäule. Sie stand direkt vor uns.
„Na, ich hoffe, du hast dir nichts getan, es sah gefährlich aus. Vor allem in der Mitte wird es eng und die Kufen sind auch nicht ohne“, sagte sie. Ich sah ihre Grübchen um den lächelnden Mund, die grauen Augen und schmolz dahin. Eine Strähne lugte unter einer Wollmütze hervor. Ich sah zu Bernd – er sah mich nicht.
Damit war klar, ich musste aktiv werden. Mutiger, als ich mich fühlte, warf ich mich in das Gespräch. „Danke, dass du mich gerettet hast. Es wäre eng geworden, dort im Auge des Orkans. Du läufst aber auch fantastisch.“
„Hast du mich beobachtet?“
„Äh, nun ja, bist ein paar Mal an mir vorbeigefahren“, murmelte ich etwas weniger mutig. Durch die Kälte hatte ich sowieso schon rote Backen.
„Ihr seid mit Uwe hier, oder?“ Das baute mich auf, denn nun ich konnte sagen: „Ich habe uns hierhergefahren, wir kommen aus der Nachbarstadt.“
„Du hast ein Auto?“ Damals durchaus eine übliche Frage, die ich leider verneinen musste, aber Führerschein war nach dem Joker Auto die höchste Karte.
„Ich kenne Uwe nur durch einen gemeinsamen Bekannten. Aber vielleicht sehen wir uns ja nochmal.“ Sie verschwand in der flackernden, sich drehenden Menge. Ich sah zu Bernd.
„Puh, das war ja mal ein Hammer. Wer war das denn?“
„Ach du Scheiße, wir haben uns ja gar nicht vorgestellt“, fiel es mir siedend heiß ein, „kein Name und keine Telefonnummer. Vielleicht weiß ja Uwe mehr, hoffentlich.“
Er wusste, dass sie Esther hieß, aber ihren Nachnamen oder ihre Telefonnummer kannte er auch nicht.
„When I kissed the Teacher“ wurde nicht mehr aufgelegt. Und der Winter ging vorbei. Keine besonderen Vorkommnisse, könnte man sagen. Kein Käfig und nur übliche Träume. Bernd sprach von seinen nicht, also ging ich davon aus, dass auch da alles wieder gut war.
So plätscherten die Wochen dahin. Ich stresste des Öfteren Uwe wegen Esther, dass er mal seine Kumpels fragen möge. Ich glaube, er ahnte etwas, tat aber nichts. In der Tageszeitung stand, dass über Brasilien und Argentinien grüne Sternschnuppen gesichtet wurden. Irgendwann Mitte Januar eröffnete uns Uwe im Schwan, dass er eine Karnevalsparty plane. Er wohnte in einem Dorf mit einem richtigen Umzug, so um die 30 Trecker mit Wagen waren angekündigt und anschließend sollte eine Party bei ihm auf dem Dachboden stattfinden. Ich kannte den Raum, er hatte etwas von einem Scheunenboden, überall Balken, aber definitiv gemütlich und einigermaßen isoliert. Wenn man ihn etwas herrichtete und neben Getränken auch Wärme herbeizauberte, könnte das was werden. Vor allem würde es die dröge Winterszeit beenden. Und es sollte groß werden. So um die 40 Leute hatte er eingeladen. Da er kurz vor Weihnachten Geburtstag gehabt hatte, war es auch seine nachträgliche Feier.
Uwe nahm mich beiseite: „Sie wird auch kommen, Freunde bringen sie mit.“ Er schaute mich an und dann zum Tisch. Ich kapierte sofort – Andrea.
„Mist“, war mein erster Gedanke, „Klasse“, mein zweiter und im Bauch seufzte es ganz leise und zart.
Ich ging zurück zum Tisch, warf Andrea einen Blick zu und war mit den Gedanken woanders. Vor allem wurde mir mit einem Mal klar, dass es völlig egal war, ob man einen Vertrag unterschrieben hatte mit den Worten „Wir sind zusammen“ oder sich nur unausgesprochen so verhielt. Und ich wusste, die Party könnte ein Problem werden.
