Fragmente - Eric Pade - E-Book

Fragmente E-Book

Eric Pade

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Beschreibung

In 24 Tagesaufzeichnungen wird erzählt, wie ein junger Mann an eine Pilotschule gelangt, an der er Zieh-Sohn, Schüler und Angestellter von deren Schulleiterin wird und sich auf eine Beziehung mit einer Schülerin einlässt. Diese Schülerin erkrankt psychiatrisch schwer und verschwindet von der Bildfläche. Über ihren Verbleib wird der Erzähler konsequent im Dunkeln gehalten. Auf der Suche nach ihr versucht er, an seiner Schule wieder Fuß zu fassen, was ihm durch die Schulleiterin, die ihm auch die Informationen über seine Freundin konsequent vorenthält, erschwert wird. Er gerät dabei in einen Sumpf aus Verleumdungen, Verstrickungen und Machtspielchen, der ihn zu verschlingen droht. Der Konflikt mit der sich als mütterlich gebenden Schulleiterin steht dabei im Vordergrund. Diese wandelt sich von der Mutterfigur zur Tyrannin der es nur vorgeblich um die „Ablösung“ der Sohnfigur geht, in Wirklichkeit aber um dessen vollständige Unterdrückung und Vernichtung. Es wird die Frage nach der Sinnhaftigkeit des Geschehens aufgeworfen, wie auch, die nach deren Wirklichkeit, weil es gar nicht glaubhaft erscheinen mag, was als so extrem monströs erlebt wird. Im Verlauf der Aufzeichnungen tritt die Zerrüttung des Verfassers immer deutlicher zutage. Er versucht, diese abzuwenden und herauszubekommen, was mit seiner Freundin passiert. Unterdessen entwickeln sich die Dinge konsequent zum Schlimmeren weiter und die Perspektive verzerrt sich unter dem Leidensdruck einer durchgehenden Gängelung und Herabsetzung.

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Seitenzahl: 197

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Cover erstellt von Philip Jürgensen. Nach einer Vorlage von ilco, der hierzu großzügig die Rechte an seinem Werk eingeräumt hat. Vielen Dank hierfür!

Mein besonderer Dank gilt Matthias Wühle und Jochen Krautwald, deren kritische Begleitung mir oft weitergeholfen hat.

Ein großes Danke geht auch an Philip Jürgensen, der das wunderbare Cover gestaltet hat.

Danken möchte ich auch insbesondere Heino Bosselmann und Anne Retter, deren Korrekturen viele wertvolle Anstöße geliefert haben.

Ein großes Dankeschön geht auch an all die anderen Helfer, die im Entstehungsprozess eine wichtige Rolle gespielt haben, hierbei insbesondere an Oliver Prochaska, Scarlett Fink und Matthias Dübner.

Ihr wart alle ganz großartig. Ohne Euch wäre das Buch heute nicht das, was es ist.

Alle dargestellten Figuren sind Phantasiefiguren.

Übereinstimmungen mit realen Personen, ob lebend oder tot, sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Dasselbe gilt für die geschilderten Ereignisse. Obwohl sie so oder so ähnlich an einem mir unbekannten Ort sicherlich stattgefunden haben könnten.

Man fällt nicht über seine Fehler. Man fällt immer über seine Feinde, die diese Fehler ausnutzen.

Kurt Tucholsky

Inhaltsverzeichnis

Tag 1

Tag 2

Tag 3

Tag 4

Tag 5

Tag 6

Tag 7

Tag 8

Tag 9

Tag 10

Tag 11

Tag 12

Tag 13

Tag 14

Tag 15

Tag 16

Tag 17

Tag 18

Tag 19

Tag 20

Tag 21

Tag 22

Tag 23

Tag 24

Lieber Leser,

ich halte es für nötig, ein paar Vorbemerkungen zu machen, damit Sie sich an diesen Aufzeichnungen nicht verbrennen werden. Es sind die Aufzeichnungen eines Irren, nichts Geringeres. Also rate ich zur Vorsicht bei der Lektüre.

Es sind die Aufzeichnungen eines jungen Mannes, der sich nichts Bescheideneres vorgenommen hatte, als seinem eigenem Stern zu folgen. Eine gefährliche Unternehmung, wenn man mehr verlangt als es gut für einen ist! Wenn man sich nicht damit abfinden kann, wenn einem die eigenen Ziele gestohlen werden und das zum vermeintlich eigenem Besten wäre.

Wie ungeheuerlich und schmerzhaft mir dieser Kampf doch erschien, werden diese Notizen Ihnen nun zeigen. Mit rascher Hand habe ich sie angefertigt, damit derjenige, der sich auf diesen Weg verleiten lässt, sich der Gefährlichkeit dieses Unterfangens bewusst wird. Nicht, damit er davon Abstand nehme!

Sondern damit er es besser vorbereitet antreten kann, als ich es konnte.

Es ist dies auch die Geschichte einer Verwandlung, die unter einem großen, geradezu unerträglichen Leidensdruck zustande kam, zustande kommen musste. Denn es muss Ihnen klar sein, dass keiner aus solchen Verstrickungen als derjenige hinausgehen wird, als der er hineinging. Sie wachsen einem nicht nur zu, sondern in einen hinein.

Begeben wir uns also in das Dickicht, das eine Existenz zu verschlingen droht: Noch denkt der naive Junge, dass sich kraft der Vernunft etwas erreichen lässt. Also wendet er seine Kräfte auf, um den Dingen die günstige Wendung zu geben. So rennt er gegen seinen Käfig an und verzweifelt an diesem, anstatt sich umzudrehen und zu gehen, wie es notwendig gewesen wäre.

Nun versucht er beharrlich, ein Licht in der Dunkelheit anzuzünden, während sich der Schatten über ihn ausbreitet. Man möchte ihm zurufen: Du kannst die anderen nicht erreichen! Sie haben die Macht und dein Schicksal längst beschlossen! Flieh!

Aber der Sturkopf ist noch nicht bereit, sich damit abzufinden. Er wird das nicht hören oder nicht hinnehmen. Also muss er nun selbst aus diesem Labyrinth herausfinden oder sich darin verlieren und untergehen!

Von diesem Prozess handeln diese Aufzeichnungen.

Der Verfasser

Tag 1

Von allen Verhältnissen, in denen ein Mensch stehen kann, ist das sexuelle das herausragende. Selbst der gewöhnliche Pöbel weiß um die Wahrheit dieses Satzes. Sogar unsere Religion in ihrer Doppelmoral weiß davon. Umso irritierender erscheint das Keuschheitsgebot des Priesters, geradezu widersinnig. Gleichzeitig, was zu seiner eigenen Lebensweise im Widerspruch zu stehen scheint, wird allgemein von Trägern dieses Amtes die Ehe zwischen Mann und Frau mitsamt ihrer Kinder als Fundament unserer Gesellschaft weitestgehend nicht nur akzeptiert, sondern darüber hinaus propagiert. Dazu passt nun eine bemerkenswerte Gesellschaft, welcher als Grundstruktur eine Einheit zu Grunde liegt, deren verbindendes Element konstitutiv in der Befriedigung der sog. „niederen“ Bedürfnisse besteht. Es findet sich in dieser Unstimmigkeit bereits der Riss, der durch die gesamte Kultur geht, vorgezeichnet.

Einerseits kreiert das Bedürfnis des Mannes, mit einer Frau zu verkehren, ebenso die Gesellschaft wie das Bedürfnis der Frau nach sexueller Entfaltung. Also logischerweise nur aufgrund der Befriedigung dieser Bedürfnisse zu dem Zweck, Kinder zu zeugen, gibt es überhaupt eine Gesellschaft. Andererseits wiederum scheint gesellschaftlich wenig so distanzierungswürdig und ungeheuerlich zu sein wie gerade diese Art der Beziehung. So spürt ein und derselbe Mensch einerseits das leibliche Verlangen, andererseits eine kulturelle Projektion der gesellschaftlichen Muster und Verurteilungen - vor allem jedoch die Verurteilungen, da es in unserer Gesellschaft absolut üblich ist, deren Grundlage als durch und durch niedrig und verheimlichungswürdig zu charakterisieren.

Der oder die einzelne weiß im Zustand der sexuellen Erregtheit auch immer zugleich, dass dieser quasi der antibürgerliche Zustand schlechthin ist. Ein Zustand, in dem man besser keine Verträge abschließt und in dem man nicht Herr seiner Selbst ist. Also gerade der Zustand, in dem ein Impuls in uns unser rationales Kalkül verdrängt und uns angreifbar und verwundbar werden lässt.

Dadurch ergibt sich nun die Möglichkeit zur Degradierung. Diese setzt natürlich eine Graduierung der Gesellschaft voraus, welche auf der Verfügbarkeit von Geld beruht. So erscheint es nur logisch, dass da, wo eine solche Herabsetzung möglich wird, eine Norm gebildet werden kann, sich sexuell nur innerhalb des Standes zu betätigen, welchem man selbst angehört. So blickt man bei der Selbsterniedrigung vom reinen Geist zum reinen Tier wenigstens ein Tier seines Standes an, so dass keinem der Beteiligten von außen eine Herabsetzung zugefügt werden kann.

Denn wo eine solche möglich wird, wird sich stets einer einfinden, welcher sich dieser Möglichkeit bedient, um daraus Kapital zu schlagen. Man stelle sich vor, dass sich eine junge, attraktive Karrierefrau aus gutem Hause in ihrer Freizeit von einem alten, fetten und durch und durch versoffenen Trucker besteigen ließe, dabei hin und wieder mit dessen Arbeitskollegen fremdgehend, oder beides zugleich. Dieses Bild erscheint uns unmittelbar grotesk und unglaubwürdig. Das ist es auch. Es ist, was wichtiger ist, dabei kaum denkbar, dass das Bekanntwerden dieses Verhältnisses für die junge Dame keine Probleme auf der Arbeit nach sich ziehen würde.

Es würde also, wie gesagt, grotesk erscheinen, wenn dieses Verhältnis bestünde. Es würde auf die allerheftigste Ablehnung stoßen. Es würde einen Skandal ersten Ranges erzeugen mit dem Ziel, dieses widernatürliche Verhältnis durch gesellschaftlichen Druck zu beenden. Ein sogenannter gesellschaftlicher Skandal wäre das, dass die natürliche Ordnung, die ja in Wirklichkeit eine ganz und gar künstliche ist, auf eine so infame Weise verletzt wird. Da darüber hinaus in dieser unserer tatsächlich künstlichen Ordnung das Verhältnis zu dem eigentlich Natürlichen ganz und gar verloren gegangen ist, so haben wir folgerichtig zugleich ein ganz und gar krankes Verhältnis zu dem eigentlichen Natürlichen.

Alle menschlichen Verhältnisse sind ja längst nur noch die künstlichen, die gefälschten. Unser Selbstverhältnis ist ein zerstörtes, da es sich nur noch am Konsum irgendwelcher Waren entfaltet. Wir sind erst bei uns, wenn wir uns irgendetwas in den Mund stopfen. Auf diese unaufhörliche Stopferei legen wir unser ganzes Leben an und erklären diese zum ultimativen Zweck unseres Handelns.

Das eigentliche, echte Natürliche in uns können wir jedoch nur verstecken. Es hat an sich auch keinen Wert mehr, da es in der Regel ein verkrüppeltes ist, das nur noch die gesellschaftliche Standeswirklichkeit widerspiegelt. Wir halten uns selbst für natürlich, wo wir nur noch künstlich sind. Genauso halten wir die gesellschaftliche Wirklichkeit für die natürliche, wo sie doch die künstliche ist. So wie wir permanent in dem Irrtum leben, in einer durch und durch natürlichen Welt zu leben, wo doch schon so gut wie alles nur noch künstlich ist. Wir können uns zwar permanent einreden, der sein zu wollen, der wir sein müssen. Vielleicht gelingt es uns sogar, diesen Verlust unseres Selbst nicht mehr andauernd spüren zu müssen.

Vielleicht wachen wir sogar eines glücklichen Tages auf und haben tatsächlich vergessen, wer wir eigentlich sind. Aber normalerweise drängt unser Inneres immerzu nach Außen, weil es sich dagegen wehrt, ein Leben lang in einer solchen Menschenmarionette eingesperrt zu sein.

Dann merken wir plötzlich, dass wir unser Leben ja gar nicht so führen wollen, wie wir es aber von außen her müssen, wie man es von uns erwartet. Dass wir keine von diesen lächerlichen, deutschen Aufziehpuppen sein wollen, die uns immerfort umgeben, und die ihr Leben genauso leben, wie man das eben so tut.

Unseren Töchtern bringen wir bei, ihre Sexualität als etwas anzusehen, mit dem der eigene gesellschaftliche Stand mindestens gehalten, bestenfalls aber erhöht werden soll, was ohne Weiteres als missbräuchlich zu bezeichnen ist. Unseren Söhnen prügeln wir ein, dass ihre Sexualität sich darin auszudrücken habe, jede Frau als potentielles Paarungsgerät zu verstehen, das man mithilfe der ein oder anderen Technik zum Geschlechtsverkehr zu überzeugen habe. Eben ungefähr so wie man einen Kaugummiautomaten bei Bedarf zum Herausgeben eines Kaugummis veranlasst. Aber nicht nur im Großen, auch im Kleinen haben sich feste Spielregeln etabliert, die unsere Gesellschaft in ein gruseliges Schauspiel verwandeln, in dem jeder seiner Rolle gemäß die ihm zugedachten Sätze spricht, Gedanken denkt und Handlungen ausführt.

Wir sind wie Roboter, unser Ideal die vollendete Funktionalität, aber wir merken das oft nicht einmal mehr, dass wir dadurch das Was, den speziell menschlichen Sinn der Handlung, ersetzen, letztlich ausrotten werden. Somit führen wir ein perverses Leben zum Tode, gefangen in Routinen. Wenn wir uns nicht an die Regeln halten, und das heißt: Wenn wir nicht genau die eine genormte Handlung vollführen, haben wir sogar berechtigte Angst, dafür verhaftet zu werden. Oder unseren Versicherungsschutz zu verlieren. So kommen wir auch auf keine dummen Ideen.

Unseren Söhnen bringen wir bei, dass sie ihr ganzes Leben darauf auszulegen haben, ein tüchtiger Familienvater, ein richtiger Deutscher zu werden, es als Ideal aufzufassen, vierzig Jahre lang arbeiten zu gehen, um sich seine Frau wie einen Papagei halten zu können. Unser Ideal das des hart arbeitenden, für die Gemeinschaft aufopferungsvoll tätigen „Individuums“, das durch seine Kaufkraft in die Lage versetzt wird, für sich und andere zu sorgen. Also Dinge zu besorgen. Einkaufen gehen. Inbegriff des Lebens.

Die Verfügungsgewalt über Dinge als das alles Entscheidende, unser spirituelles Existenzziel. Besitz und Seligkeit als Einigkeit in Ewigkeit. Unser ganzes Menschenbild als ein dahingehend pervertiertes: Wer viel „leistet“, also: wer viel Geld hat, der gilt bei uns insgesamt mehr. Ist schon rein rechtlich ein besserer Mensch. Moralisch sowieso. Die Gleichheit der Menschen als Lüge entlarvt. Unser ganzes Menschenideal ist ein entkerntes, leeres, dummes und am Ende morbides. Immerhin veranlasst es Tag ein, Tag aus Millionen von Menschen dazu, sich für ihr täglich Brot und die Profitgier einiger weniger wegzuwerfen.

Dieses Idealbild stellt einen Menschen vor, der sich vollständig in Aussehen, Konsum und Symbol verliert, der seine Existenz darin auflöst, der sein ganzes Dasein daraufhin auslegt, schöne Dinge zu kaufen und zu besitzen. Zwar hat ein solcher Mensch keine eigentliche Existenz mehr – schaut er in sich ist da nichts außer einer Langeweile, die nur durch eine neue „Errungenschaft“ aufgefüllt werden kann - aber irgendetwas fühlt er noch. An diesem Brennen müssen wir ihn packen, auslutschen, kartonieren. In Dosen abfüllen für morgen und später. Danach wird er sich strecken und all die schönen Dinge produzieren, die uns unser ansonsten leeres Dasein verschönern.

Es gibt schon längst kein „Draußen“ mehr. Wir sind alle darin gefangen, ob wir wollen oder nicht. Der „Ausbruch“ als Floskel - ein echter Dialog ist gar nicht mehr denkbar. Die Tageszeitungen machen es uns vor, wie man leere Meinungen immer wieder gegeneinanderhaut, ohne je substantiell zu argumentieren. Die Ohnmacht der öffentlichen Meinung fängt mit ihrer Desubstanziierung an und endet in der Beliebigkeit, die jede Veränderung durch Belächelung und Herabwürdigung blockiert.

Wir schaffen den neuen Menschen, der nur noch eine konsumierende Schauspielermarionette ist, eine deprimierende Jammergestalt, die ihr Leben nach Stechuhr zu Ende stirbt und dabei ihresgleichen immerzu reproduziert, nichts weiter.

Unsere ganzen Verhältnisse sind ja bloß noch ekelerregende geworden. Schaut man sich unsere Produktivität an, stellt man leicht fest, dass die Leute sogar selbst an diese ihnen vorgesetzten Ziele, kurz beschrieben: an das Immermehr als Ideal glauben.

Was wiederum hieße: An die Demokratie glauben. Also daran, dass wir in einer leben, was ja ein Hohn ist und nichts weiter. Tatsächlich leben wir unter der gnadenlosen Herrschaft der Maschine, die alle Menschen in sich hereinzwängt, ihnen das Überlebensnotwendige zuteilt, ihre Freiheit nimmt und ihnen Rechte auf Papiere schreibt, die sie am Ende nicht durchsetzen können, und ihnen ansonsten hauptsächlich den Saft rauspresst. Ein Haufen Rechte, die man im Zweifel nicht durchsetzen kann, beruhigt unser Gewissen, solange wir nicht betroffen sind. Der Glaube an den deutschen Rechtsstaat ist der Irrglaube, nichts sonst.

Die Mehrheit, die das ja klar sehen kann und zum Schweigen verdammt ist, lehnt ja die Verhältnisse im Land ab und ersehnt sich Veränderungen, die sie nie erreichen wird. Jeder einzelne Bürger würde diese unsere ablehnen, wenn nicht bereits eine breite Masse zu jener Art von Mastmensch geworden wäre, die sie immer sein wollte. Dass die Leute ihren Stopffetischismus inzwischen für das höchste Ziel ihrer perversen Existenzen halten, für dessen Befriedigung sie so ziemlich alles hinzunehmen bereit sind. Dass sie für diese permanente Steigerung ihrer Erregungszustände alles opfern und am Ende sogar glauben: Mein persönliches Glück, am Ende des Regenbogens, ist ein Porsche. Jawohl, ein Porsche.

Inbegriff des Glücks. Die goldenen Tore zur permanenten Verfügbarkeit von allem, zum ewigen Verbrauch, weit aufstoßen können …

Der andere Mensch, insbesondere der Sexualpartner, wurde ebenfalls Verbrauchsgut. Ein käufliches Ding mit zwei Beinen, manchmal auch einem oder keinem oder dreien. Je nach Geschmack, die Fleischbeschauung findet regelmäßig statt. Willkommen im Schlaraffenland. Der Geist von Angebot und Nachfrage schwebt über unserem Wasser. Bald auch wörtlich. Leistung, Gegenleistung, Konsumption, Preis, generelles Misstrauen.

Also auch überhaupt kein Wunder, dass sich zur Beschreibung unserer Beziehungen technische Ausdrücke eingebürgert haben. Wir haben auch nur noch solche Beziehungen. Nicht einmal mehr heimlich nur noch zu dem Zweck, irgendeinen Vorteil zu erringen. Auch Reproduktion ist nur noch ein technischer Vorgang, um sich seines Standes zu vergewissern, diesen zu erhalten, nichts weiter. Es geht auch hier nur ums Haben und Benutzen. Dann stellt auch Liebe nichts weiter vor als ein Verhältnis, für das man einiges in Kauf nimmt, um seine sexuelle Befriedigung zu erhalten. Links die Waage neigt sich schon, wird der Abend sich rechnen?

Der verbreitete Liebesbegriff nicht nur pathetisch, sondern auch widerwärtig. Samt seiner ganzen Aufopferungsmoral und der stumpfsinnigen Idealisierung hoher Gefühle. Eine Chiffre für die Art von Gefühl, die von Zeit zu Zeit irgendwo unter dem Bauchnabel entbrennt. Das ist die ganze bürgerliche Theorie der Liebe: Eine juckende Vagina oder ein stehender Penis, der aufs Gehirn drückt. Dabei aus Versehen hohe Gefühle induziert.

Diese ganze widerliche Idee ist von der Idealisierung des Brunftverhaltens wilder Elche nur dadurch zu unterscheiden, dass sie sich eine deutsche Form gibt.

Daher wird der Begriff der Liebe ja auch schon immer so verstanden, dass ein sexueller Drang sich aufmacht, sich auf einem Markt feilzubieten.

Da unsere ganzen menschlichen Beziehungen nunmehr noch perverse und groteske sind, ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass insbesondere die herausragenden Beziehungen nur noch perverse und groteske sind. In einer herausragenden Weise ekelhaft sozusagen. Technische Vorgänge, die es zu beherrschen gilt. So wie man einkaufen geht, so erwirbt man gleichfalls Vaginaltrakt und Gebärmutter einer schönen Tochter. So wie man frisst, fickt man auch. Alles dasselbe. An dieser Einsicht führt ja kein Weg vorbei. Das ist sozusagen das „Normale“, alles andere das „Abnormale“. Denken wir, weil wir das „Abnormale“ von vornherein abqualifizieren. Immer.

Irgendetwas daran muss falsch sein.

Zur Erhaltung unserer perversen Reproduktionsmaschinerie muss sichergestellt werden, dass alle dabei mitspielen. Ganz früh schon müssen wir unseren Kindern beibringen, „was sich gehört“ und was nicht. Wie man sich aufzuführen hat, wenn die hohen Gefühle kommen. Ja, damals hatte ich sie auch, die Schmetterlinge im Bauch, seufzt der Großvater. Ein Rad das sich dreht, eine Generation wird durch den Ofen gejagt.

Dabei ist das, was sich gehört, also das Gewöhnliche, ja das Schreckliche. Das Widerwärtige. Aber es funktioniert. Damit muss es auch gut sein.

Grässlich, wie wir unsere Töchter verheizen. Ihnen beibringen, sich auf diesen ekelerregenden Kuhhandel einzulassen. Der Vorteil ist bei uns, uns soll es Recht sein. Wir verkaufen ihre Reproduktions- fähigkeit auf eine ganz billige und infame Weise. Aber auch unsere Söhne bringen wir ja um. Indem wir sie in die Maschine einspannen. Weil sie ansonsten eben keinen solchen Handel betreiben können. Die Maschine läuft und läuft. Menschenblut schmiert sie. Wozu sie denn läuft, weiß am Ende keiner mehr. Um zu laufen wird die Antwort sein.

Für alles andere gibt es Affären. Der Motor muss geschmiert werden, also leisten wir uns eine Affäre. Wir schrecken nicht davor zurück, uns selbst derartig zu verdinglichen. Ganz frech stellen wir uns zwischen eine Kiste Nägel und eine Palette Eier, um eine im Grunde ganz und gar von Standesdenken besetzte Ehe oder Beziehung oder Affäre zu führen. Affäre fünf neunundneunzig!

Einmal müssen wir uns reproduzieren. Das ist ein technische Vorgang. Ein andermal von unserer Niedrigkeit heilen – technischer Vorgang. Außereheliches Verhältnis haben oder ins Bordell gehen. Beides ist möglich. Solange man eine Kreditkarte hat. Ansonsten ist man eben Dreck, ein Verlierer.

Unser Verhältnis zu den anderen ist also kein rationales, wie wir immer glauben. Sondern ein schwer gestörtes. Nicht das gesunde. Sondern das kranke. Nicht das natürliche. Sondern das künstliche. Wir lieben ökonomisch. Wir lieben sexuell. Aber wir lieben nicht persönlich. Was umsonst ist, ist von Anfang an wertlos. Dumm, wer anderes denkt. Die andere Person ist entweder die standesgemäße oder die attraktive. Jedoch nicht die liebenswürdige oder uns nahestehende. Im Zweifel immerhin die preiswerte oder dienstbare.

Unser Technisierungswahn ist ein grenzenloser. Wir sehen die Welt, aber wir sehen sie nicht. Stattdessen überall Technik. Überall Objekte, die es zu beherrschen gilt. Wir lieben nicht das andere Wesen, sondern seine Funktion. Also was es für uns leisten kann und wie viel wir dafür bieten müssen. Damit jedoch lieben wir nur uns selbst. Die wenigsten Beziehungen sind die natürlichen, aber die allermeisten die nur noch künstlichen, in die die Menschen sich wechselseitig einsperren. Wir leben in einer Welt voller depressiver und hässlicher Gesichter.

Wir sind von lauter Leuten mit falschen und damit auch hässlichen Gesichtern umgeben. Von Schauspielern ihres ganzen Lebens. Es ist ja auch alles falsch an ihnen. Ihre Lebensweise ist eine falsche und verlogene. Ihre Beziehungen sind die künstlichen, also ebenfalls falsch und verlogen. Ihr Leben ein technischer Vorgang. Bis zum Ermüdungsbruch. Sie haben sich irgendwann entschlossen, „erwachsen“ zu werden. Was in diesem Fall heißt: Sich dem Druck von Außen zu beugen und eine standesgemäße Beziehung einzugehen. Um sich finanziell abzusichern, um sozusagen eine solides Existenz zu begründen, haben sie sich geopfert, selbst umgebracht. In Sicherheit gebracht.

Aus Angst. Aus keinem anderen Grund. Bricht hin und wieder sozusagen die Krankheit aus, dann versteht man schon, sich abzuhelfen. Wir kennen auch dafür die Techniken. Das Leben in ständiger Furcht davor, aus der Rolle zu stürzen. Bodenlos. Vor der Entfaltung der Persönlichkeit so viel Angst, dass diese Persönlichkeit nur als das Böse an sich in Frage kommt. Wir gegen uns: Der deutsche Heroismus.

Schließlich glauben wir wirklich, dass wir zutiefst böse sind. Rechtfertigen unsere Selbstauslöschung damit. Dieser kranke Zustand der Selbstdemütigung wird als der gesunde angesehen. Naturgemäß damit der gesunde als der kranke. Schließlich sogar als der böse.

Der gesunde Zustand ist darüber vollkommen vor die Hunde gegangen.

Man kann so einem Menschen das vermutlich nicht einmal richtig erklären. So stumpfsinnig sind die allermeisten mittlerweile. Immer nur mit dem Hammer an den Kopf schlagen. Vielleicht hilft ja das.

Tag 2

Es war ein sonniger Spätsommertag. Ich ging die zentral gelegene Ladengalerie hinab und erfreute mich meines tragbaren CD-Players. Diesen hatte ich mir gekauft, von Geld, welches ich mir selbst verdient hatte. Ich hatte noch nie Geld verdient, umso kribbelnder das Gefühl, das Teil nun zu besitzen. Es war etwas Besonderes. Wie ich so die Gasse entlangschlenderte dachte ich nach und kam zu dem Schluss, dass alles in bester Ordnung war. Eine – zugegebenermaßen kleine – Wohnung, unter deren Tür der Wind durchpfiff, aber hey, es war meine erste eigene Wohnung. Studium und Arbeit waren vorhanden. Ein Stipendium ebenfalls. Finanziell sah es gut aus. Perspektive? Na klar, Studieren würde sicherlich mehr Spaß machen als die Schule abzusitzen.

So war ich also frohen Mutes und fragte mich, was mir eigentlich fehlte. Ich dachte: Mensch, mal mit einem Mädel ausgehen, das wäre sicherlich nicht verkehrt. Ich zog mein Handy und fragte mich, mit wem ich mich denn gerne einmal verabreden würde. Ich wählte erfolglos ein, zwei Nummern. Dann blieb ich bei ihrem Namen hängen. Ich erinnerte mich, dass ich in dieses eine Mädchen auf eine unerklärliche Weise einmal verschossen gewesen war. Wieso hatte ich nicht gleich daran gedacht, sie anzurufen?

Natürlich. Vor einem halben Jahr hatten wir uns zuletzt gesehen. Damals waren wir, soweit die Umstände es erlaubt hatten, gute Freunde gewesen. Verliebtheit freilich war immer irgendwie da. Die anderen wussten es, dachte ich. Aber sie waren demgegenüber eigentlich nicht grundsätzlich negativ eingestellt. Ganz im Gegenteil. So war gerade die Alte stetig damit beschäftigt, uns bei allen möglichen Gelegenheiten zusammenzubringen. Regelmäßig, wenn es bei ihr etwas gab, wurde gerade ich dorthin beordert. Also andauernd.

Ich dachte nach. Sollte ich oder sollte ich nicht? Wie es meine Art war, sagte ich zu mir, dass ein einfacher Anruf nun wirklich nichts bedeute und wählte durch. Das Gespräch verlief sehr erfreulich. Wir hatten uns kurzfristig verabredet.

Tag 3

Wir sind in der Wohnung ihrer Mutter. Ich sitze im Wohnzimmer. Vor mir liegt ein Zeichenblock. Eigentlich zeichne ich nicht, dieses Mal jedoch zeichne ich. Eigentlich kann ich auch nicht zeichnen, aber es beruhigt meine Nerven und das brauche ich gerade. Üblicherweise mache ich nur Skizzen, aber das würde unzureichend darstellen, worüber ich nachdenke. Eine einfache geometrische Struktur, weil es das einzige reale Objekt ist, das, wenn ich es zeichne, nicht sofort grässlich aussieht: ein Tisch. Auf Kinderblock mit Bleistift. Zuerst zeichne ich sanft die Konturen vor.

Eigentlich würde das genügen. Dann fülle ich die Figur mit geschwungenen Bewegungen aus. Die Kanten lasse ich verwischen. Später füllen dünne Linien das Bild aus.

So wie mit diesem Bild, denke ich, dachte ich damals, dass es sich mit den Relationen in der Welt insgesamt verhält. Klar, ein Tisch ist ein Tisch ist ein Tisch. Was sonst? Aber was motiviert uns, diese ungeheure Komplexität und Einzigartigkeit eines Tisches auf den Begriff „Tisch“ zusammenzustauchen?

Die Welt besteht ja nun einmal aus Dingen. Bei genauerer Betrachtung ist die Hervorhebung des Sachcharakters eines Bildes, eines Ausschnittes der Welt, eine ziemlich willkürliche Angelegenheit. Was ich zeichnete, war ein Tisch. Für die anderen muss beides, die Tischskizze sowie das Zeichnen, absonderlich und schräg gewirkt haben. In diesem Moment war mir das aber nicht wichtig, es war nicht erheblich.

Unbelebte Dinge geben uns oft einen Wink, wenn wir die Dynamik lebendiger Dinge verstehen wollen.

Halten wir unsere Verstehensmuster eng, wenn wir den Raum des Möglichen, den Raum der Beziehungen, zu klein halten, so liegen wir möglicherweise richtig. Aber wir haben uns darüber nicht ausreichend versichert. Messen wir aber den Raum zu weit aus, so können wir uns darin verlieren und werden handlungsunfähig. Ich maß also diesen Raum aus, indem ich diesen Tisch zeichnete.

Indem ich ihn reduzierte auf einen leeren Raum, worin ein Tisch stand, den ich betrachtete. Dennoch erschien mir das, was ich sah, zu verwegen und unbegreiflich, als dass der Begriff des Tisches dem hätte gerecht werden können.

Tag 4