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Die Frage, wen ich überhaupt erreichen will, kann ich glatt beantworten: erstmal mich selbst. Wenn ich z.B. an die Freizeitaktion "Nostalgie-Ausflug" denke und erinnere, wie ich Freund:innen in den Ort, in die Straße und an das Haus, in dem ich meine ersten Kindertage verbracht habe, führte und feststellte, dass bei denen nicht die geringste Rührung zu spüren war, schon gar keine, die auch nur annähernd der eigenen entsprach, so entspricht vielleicht auch das Aufschreiben von autobiografisch angehauchten Aufsätzen nicht der eigenen Vorstellung von Fremdrührung. Aktive Absichten und passive Absichten geben sich, auch zur eigenen Überraschung, öfter mal das Wort.
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Seitenzahl: 219
Veröffentlichungsjahr: 2024
Leo Hamacher
Fragwürdige Momente
Mehr oder weniger
beunruhigende Beobachtungen zwischen Tag und Traum
Oder:
Von einem, der auszog, das Bücherschreiben zu erlernen
Texte: © Copyright by Leo Hamacher
Umschlagsgestaltung: © by Leo Hamacher Verlag:
Leo Hamacher
Uerdinger Str. 204
47799 Krefeld
2024 © Leo Hamacher - Krefeld
1. Auflage (hihihi!)
Bisherige Veröffentlichungen (nicht: Verkäufe):
„Der kleine Zeh“ 2008
„Sechs Ämter“ 2022
In welcher „Sprache“ sollen diese Texte entstehen? Eigentlich wollte ich ja im „Neusprech“ schreiben, dann lieber in „Modern Talking“ mit ganz vielen Anglizismen, dann wollte ein inneres Stimmlein das gute alte Schulaufsatz-Deutsch vorschlagen. Wer dieses Buch in die Hand nehmen wollte, sollte sich nicht wundern, dass gleich zu Beginn alles darauf hindeutet, dass nicht auf moderne Ausdrucksweise, auf keine „spannenden Narrative“ Rücksicht genommen wurde, keine, oder nur sehr wenige, Anglizismen verwendet wurden, trotz „Bashing-Gefahr“.
Die Frage, wen ich überhaupt erreichen will, kann ich glatt beantworten: erstmal mich selbst. Wenn ich z.B. an die Freizeitaktion „Nostalgie-Ausflug“ denke und erinnere, wie ich Freund:innen in den Ort, in die Straße und an das Haus, in dem ich meine ersten Kindertage verbracht habe, führte und feststellte, dass bei denen nicht die geringste Rührung zu spüren war, schon gar keine, die auch nur annähernd der eigenen entsprach, so entspricht vielleicht auch das Aufschreiben von autobiografisch angehauchten Aufsätzen nicht der eigenen Vorstellung von Fremdrührung. Aktive Absichten und passive Absichten geben sich, auch zur eigenen Überraschung, öfter mal das Wort.
Vielleicht eignet sich dieses Buch, wenn es denn einmal geschrieben sein sollte, dazu, bei manchen Leuten das selbstgesteckte 5-Minuten-am-Tag-Lesesoll zu erreichen, …
Es müssen ja nicht immer die täglichen Schrecknisbenachrichtigungen der Multimedien sein.
So, das sollte jetzt reichen für ein vielleicht ein wenig voreiliges Vorwort. Vielleicht tausche ich auch irgendwann das Vorwort gegen ein Nachwort aus.
Cover
Titelblatt
Urheberrechte
Sein Lisbethchen
Frau Scheurenberg und die Blutergüsse
Onkel Hermanns Reaktion
Im Fahrstuhl
Das Wartezimmer
Nachtrag zum „Wartezimmer“
Auch nur ein Rollator?
Unterführungen
Nachtaktivitäten
Das Krankenhaus
Das Amtsgericht
Blockschokolade
Nur ein Versuchsentwurf
Riechen und gerochen werden
Zweck heiligt Mittel (oder umgekehrt)
Leo und Beo gehen ins Naturschwimmbad
Horchen hilft
Das Vorstellungssyndrom
Ich wäre so gerne gelassener
Deutsches Liedgut
Gleiche Geräusche
In der Chlorwasserhalle
Das Ganze noch mal ganz von vorn
Hallo KI, bitte um Vorschläge für neuen Aufsatz! Neuer Aufsatz
Neunzehnhundertneunundsechzig
Varianten des Verdrängens
Jetzt aber mal zu etwas Völlig anderem
Auf den Geschmack gekommen?
Rhetorik ist das falsche Wort
Deutsche Bahn Kurzstreckeneindruck
Notizenverwertung
Hätten Sie `s gewusst
Mal nicht von mir geträumt
Weisung, Einweisung
Das verzögerte Siegel
Kunst ohne Rahmenbedingungen
Der pfeifende Philosoph
Die Mutter des Chorknaben
Lachhaft
Dumm gelaufen oder…
Die Sonderform
Der landfeine Einfall
Endlich!
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Titelblatt
Urheberrechte
Sein Lisbethchen
Endlich!
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Sein Lisbethchen
Unpassendes Einleitungswort:
Der moderne Mensch braucht keine Fingernägel mehr, weil es heute Schraubenzieher gibt.
Inzwischen waren schon dreißig Jahre vergangen, seit ich mich von dieser Arbeitsstelle und den dazugehörigen Kollegen getrennt habe. Meine Ausflüge mit dem Fahrrad in der Region führten mich gewissermaßen zwangsläufig immer mal wieder in die Nähe der Behausungen der Exkollegen. Ich kannte also diese Wege und deren Verlauf ganz gut und fuhr mit einer Mischung aus Vorfreude und etwas zu optimistischer Erwartung dem jeweiligen Zwischenziel entgegen. So ging es diesmal mal wieder durch den Ort, in dem ich beschäftigt gewesen war und in dem einer der Exkollegen zusammen mit seiner Frau in einem winzigen alten Häuschen sein Dasein fristete. Vom Fahrradweg führte eine etwa fünf Meter breite, sanft abfallende Böschung zum kleinen Zaun, der das Anwesen dieses Paares umgab. Hinter dem Zaun war ein kleiner Garten, den die braven Leute nach alter Tradition mit diversen Salat- und Gemüsesorten bepflanzt haben. Hinter den Beeten gab es einen etwa zehn Quadratmeter großen Minihinterhof mit einem Tischchen und einer Bank, auf der ich den inzwischen Rentner gewordenen Kollegen einmal sitzen sah. Wahrscheinlich hat ihn sein Lisbethchen, wie er seine Frau anderen gegenüber immer nannte, nach draußen geschickt, damit er, bedingt durch deftigste Hausmannskost entstandene Blähungen, nicht die kleine Küche zerfurzte. So sah ich ihn also da sitzen. Diese zwei Sekunden, die ich zur Verfügung hatte, (ich wäre niemals auf die Idee gekommen, anzuhalten, abzusteigen und mich bemerkbar zu machen. Warum auch immer. Immerhin waren wir viele Jahre Kollegen und trinkfreudige Kumpane) reichten aus, um zu bemerken, dass Heinrich, irgendwie erschöpft melancholisch, zünftigen Zeiten hinterhertrauerte. Hatten wir doch damals, sogar während der Arbeitszeit, das eine oder andere Mal zu viert dem schwanken Biere mehr als kräftig zugesprochen. Stur und stark wie ein Hubwagen war er damals gewesen und immer wieder hat mich beeindruckt, dass er das konsequente Ansprechen und Antworten in urigster rheinischer Mundart wirklich jedem gegenüber pflegte.
Literaturkritiker könnten jetzt scharfzüngig schelten, dass es unsinnig sei, einen Hubwagen als stur zu bezeichnen, noch dazu eine Person und das besagte Gerät auf dieselbe Stufe zu stellen. Mit dem Fachwortschatz des Analytikers menschlicher Wesensart ließe sich sicher korrekter beschreiben, wie es um unseren Heinrich stand. Das landläufig als „bildlich gesprochene“ Wort hat aber auch seinen ganz besonderen Reiz, und bietet halt schon mal schön schräge Vergleiche an.
Dass Heinrich seinem (anwesenden!) Lisbethchen auch schon mal „eine langen“ würde, erklärte er mal in sonorem Bierbass. Lisbethchen blickte ihren Heinz dabei selig-unterwürfig an. Sie war stolz und glücklich, noch einen richtigen Mann abgekriegt zu haben.
Noch auf derselben Radtour beschloss ich die Vergangenheitskorrektur, dass es keine rationalen Gründe gebe, diesen Zeiten, zumindest die, die wir gemeinsam verbracht haben, nachzutrauern. Doch das nur nebenbei.
Es kam ein anderer Tag, der Fahrradausflug sollte mich wieder zu dem Häuschen mit der Sitzbank führen. Doch diesmal sah ich nicht wie erwartet, den alten Heinrich dort sitzen und sein Mittagsmahl verarbeiten. Die Bank war leer, statt dessen stand, etwa drei Meter weiter rechts, an einem kleinen Fensterchen, die Gardine war zurückgezogen, wie ein Gespenst in Menschengestalt (oder umgekehrt?) das kleine Lisbethchen. Diesmal reichten die zwei Sekunden gleich für zwei, schon ein wenig erschreckende, Wahrnehmungen: die leere Sitzbank und der kurze, direkte, Auge in Auge, Blickkontakt mit Lisbethchen, den ich mir vielleicht aber auch nur eingebildet habe.
Frau Scheurenberg und die Blutergüsse
Unpassendes Einleitungswort:
Die Zimmerdecke, die Bettdecke und der Topfdeckel decken den Grundbedarf an Decken.
Frau Scheurenberg wohnte, oder besser: regierte im Parterre des Dreifamilienhauses in dem ich mit den Eltern und zwei älteren Geschwistern wohnte. Der Bürgersteig, der Hausflur und der größteTeil des Gartens gehörten ihr. Das hatte sie wohl irgendwann mal, unabhängig von irgendwelchen Vermietervorgaben beschlossen. Egal wie vorsichtig, ängstlich, unauffällig ich von der Haustür durch den Flur zur Treppe, die in den ersten Stock führte, schlich, Frau Scheurenberg bemerkte mich, um mit lauter Krähenstimme auf mich einzumotzen. So gut wie nie hatte sie einen konkreten Grund dafür, irgendetwas zu bemängeln, schon gar nicht auf diese drachenhafte Weise. Beim Bäcker um die Ecke gab es im Sommer Hörnchen-Eis, Vanille und Schokolade, zu kaufen. Zehn Pfennig die Kugel. Ich hatte zwanzig Pfennige zur Verfügung und kaufte mir also so ein solides Vanille-Schoko-Hörnchen und tippelte damit heimwärts. Es war so heiß wie in einem Wildwestfilm an diesem Tag und als ich mit meinem Hörnchen den Hausflur betrat, tropfte Eis auf den alten Kachelboden. Unversehens wie eine Märchenhexe stand Frau Scheurenberg vor mir und brüllte mit Ungeheuerstimme, was denn das da auf dem frischgeputzten Boden für eine Sauerei sei. Vielleicht durch den Schock, den die urplötzliche Scheurenbergsche Erscheinung bei mir ausgelöst hat, das gleichzeitige hasserfüllte Brüllen, oder einfach weil das Maß im kleinen Kinderkopf voll war, nahm ich einen großen Mund voll Eis, ließ es ganz kurz schmecken und spuckte es dann der Scheurenhexe vor die Füße. Bestimmt zwei oder drei Sekunden dauerte das fassungslose Erstarren, dann stapfte, stolperte sie mit ausgebreiteten Armen und gespreizten Klauen auf mich zu. Mein erschreckter Aufschrei wurde zum glockenhellen Kinderlachen, so wie man es vom Kasperltheater kennt, wenn der Krokodilsschreck von der lustigen Kasperpritsche gelöst wird. Ich fand sogar noch die Zeit, ein paar weitere Tropfen Eis auf den Boden zu spucken, Frau Scheurenberg explodierte fast und wäre es wohl auch, wenn sie nicht der Länge nach, klein und stämmig, mit lautem Klatschen und leisem Ächzen auf den Kachelboden geknallt wäre. Ich nutzte die Gelegenheit, um an dem wutdampfenden Haufen Gehässigkeit vorbei zur Treppe und rauf zur Mutter zu wieseln. Etwa eine Stunden später brüllte die Scheurenberg den Namen meiner Mutter durchs Haus, drohte mit dem „Schiedsmann“ und forderte meine Mutter auf, runterzukommen und sich das Unglück anzusehen. Den mißratenen kleinen Teufel möge sie gleich mitbringen. Wir taten tatsächlich wie gebrüllt und bekamen dann etwas zu sehen, mit dem die zuständigen Abteilungen des Großhirns überfordert waren: Frau Scheurenberg hatte den Glockenrock bis zur Unterhose hochgezogen, sich in gebückter Haltung zur Seite gedreht und zeigte uns ihren Oberschenkel, kompakt wie eine kleine Säule und übersät mit roten, grünen, braunen, blauen Blutergüssen. Man wollte sich abwenden, die Empfindungen mit diesem Anblick verschonen, man wollte aber sofort nochmal schauen, denn sowas Widerwärtiges bekam man schließlich nicht alle Tage zu sehen. Das habe sie sich bei dem Sturz zugezogen, den sie diesem Rotzbengel, da hinter dir, zu verdanken habe. Sie verlangte von meiner Mutter, daß ich dafür mit einer „ordentlichen“ Tracht Prügel bestraft werden möge. Meine Mutter versprach, sich der Sache anzunehmen. Wir gingen dann hinaus auf die Straße, es war immer noch sonnig und warm. Wir steuerten die Bäckerei an und meine Mutter kaufte mir, zur Belohnung, wie sie sanft schmunzelnd erklärte, ein neues Eishörnchen, das sogar eine Kugel mehr enthielt, als das, das zumindest indirekt und wenigstens vorübergehend die Scheurenberg zu Fall gebracht hat. Damit hatten wir dann auch noch sehr schön der alten Schuld und Sühne-Tradition im kindlichen Alltag ein süßes Schnippchen geschlagen.
Onkel Hermanns Reaktion
Unpassendes Einleitungswort:
Das Kraut verhält sich zum Unkraut wie der Singvogel zum Fragezeichen.
Im Dorf, damals, war es üblich, dass Kinder, zumindest bis zu einem inoffiziell vorgegebenen Alter, erwachsene Nachbarn als Onkel oder Tante und Vornamen ansprachen. Nach diesem Alter, etwa mit acht oder neun Jahren, musste oder sollte man dann zum Herrn oder Frau und Nachnamen wechseln. Wir, Karl-Heinz und ich, waren noch im ersten Alter, etwa vier oder fünf, lungerten auf der Straße herum und hatten es plötzlich auf Onkel Hermann, den Eigentümer der Schreinerei schräg gegenüber abgesehen. Vorab erklärt: Karl-Heinz war das Kind von nebenan und auch vier Jahre alt. Er war wohl irgendwie und unbeabsichtigt in eine Art Vorform der antiautoritären Erziehung hineingeraten und hatte einen herrlich schlechten Einfluss auf mich, der bedingt durch die väterlichebedingungslose Schwerautorität die völlige Unterwerfung allen Erwachsenen gegenüber hinnahm. Karl-Heinz zeigte mir nun, dass es auch anders, vor allem sehr viel lustiger zugehen konnte.
Onkel Hermann stand im Eingangstor seiner Schreinerei und wartete wohl auf irgendwas oder irgendwen. Darauf, dass ihm ein kleiner Knirps plötzlich Vögelchen zeigte, lange Nase machte und schrille Spottlaute von sich gab, hatte er sicher nicht gewartet. Ich sah und hörte Karl-Heinzens hochverwegene Unverschämtheiten, war hellauf begeistert und mischte unüberlegt unverzüglich mit. Onkel Hermann, der ein bisschen wie ein Indianer aussah und auch diesen grimmig-stolzen Indianerblick hatte, sah zu uns hin und schüttelte ganz leicht den Kopf. Jetzt, wo wir beide diese Faxen machten, steigerten wir uns regelrecht in eine kleine Exstase hinein, zeigten zusätzlich zu Vögelchen und lange Nase noch Eselsohren und gackerten und glucksten wie betrunkene Legehennen. Onkel Hermann verschwand hinter seinem Eingangstor, doch wir machten weiter, steigerten uns noch mehr und kamen dabei dem Tor der Schreinerei bedrohlich näher. Plötzlich huschte Onkel Hermann blitzschnell aus dem Tor raus auf uns zu. Karl-Heinz schrie laut auf vor Vergnügen und rannte aber schon irgendwie geistesgegenwärtig weg. Ich schrie auch auf, blieb aber wie angewurzelt stehen, Onkel Hermann packte mich, hob mich hoch und schüttelte mich und setzte mich wieder ab und verschwand. Es brauchte ein Ventil, durch das der Schock, der mich fast zum Bersten brachte, entweichen konnte. Mutter Natur hat sich in diesem ganz speziellen Fall dafür entschieden, meine Blase als Ventil zu nutzen. Kaum dass ich aus Onkel Hermanns Klauen kam und wieder festen Boden unter den Füßen fühlte, bemerkte ich, dass ich mir voll in die damals nicht unübliche Knabenstrumpfhose gepinkelt habe. Onkel Hermann war weg, Karl-Heinz war komischerweise verschwunden und nun stand ich da mit nassen Beinen und meine erste Sorge war nicht etwa das bekannte, fast mückenstichartige Jucken, das beim Trocknen von Urin auf Haut entsteht, sondern die Vorstellung von zu erwartender Bestrafung zu Hause, nach der leidigen Schuld und Sühne-Tradition der Sechziger-Jahre-Kinderpädagogik. Deshalb habe ich mich dann für das einsame Stündchen auf der inzwischen wieder ruhigen kinder- und onkelspuklosen Straße entschieden und es fast schon genossen, dass mit zunehmendem Trocknen der Strumpfhose das Jucken nachließ. Um Onkel Hermann habe ich bis zum Erreichen des Herr und Nachname-Alters wenn möglich einen kleinen Bogen gemacht.
Im Fahrstuhl
Unpassendes Einleitungswort:
Zweimal pro Woche zum Broterwerb zu schreiten kann, muss aber nicht, als verkrustete Tradition gescholten werden.
Die beiden Freunde Leo und Detlef, stets geneigt, sehr unübliche Komik zu kreieren, die, wenn überhaupt, nur für eine ausgewählte und vorbereitete, gerne auch auf der gleichen Wellenlänge tickende Klientel geeignet ist, fuhren mit dem Fahrstuhl des Hauses, in das Leo neulich mit seiner Lebensabschnittsgefährtin eingezogen ist. Ganz unbekümmert und ohne mal kurz drüber nachgedacht zu haben, war ihnen nach kurzem Blickkontakt, der bestätigte, dass es mal wieder an der Zeit sei, etwas akustisch ausgefallenes zum Besten zu geben. Und dafür sollte, Betonung noch mal auf unüberlegt, der schalldichte Raum der Fahrstuhlkabine optimal geeignet sein. Natürlich ist ein Fahrstuhl, die Kabine, der Schacht, überhaupt nicht schalldicht. Eher ist das Gegenteil wahrscheinlich. Durch den Schacht dringen die in der Kabine produzierten Geräusche ungehindert vom Erdgeschoss bis zur Zwölften und zurück. Womöglich wirken die Drahtseile sogar noch irgendwie zusätzlich leitend Physik5Smiley.
Ähnlich wie bei Onkel Hermann (Onkel Hermanns Reaktion Seite 5) die beiden 5jährigen, klangen nun die beiden 65jährigen und hätte man sie sehen können, dann wären deren Bewegungen, mal abgesehen von einer altersbedingten Staksigkeit, denen der Kleinen als nicht unähnlich einzuordnen gewesen. Was auch noch, rückwirkend, interessant sein könnte: wenn der Fahrstuhl von unten nach oben startet, hält er nur auf der zuerst gedrückten Etage. Drückt man, wie im Falle unserer beiden 5+60jährigen auf der 7. Etage das Erdgeschoss, hält der Kasten überall dort, wo jemand den Anforderknopf gedrückt hat. Also in der 6., 5., 4., 3., 2., 1. Die Zusteiger aus der 6. wissen natürlich sofort und eindeutig Bescheid, wer die Verursacher der schrägen Geräusche waren. Ab der 6. sind alle Zusteigenden zu gleichem Anteil verdächtig. Das dürfte aber für die beiden (ich weigere mich, das Wort „Spaßvögel“ zu verwenden) nicht sehr tröstlich gewesen sein, denn die Bewohner dieses Hauses wohnen teilweise schon seit dreißig Jahren dort, kennen alles und jeden und somit funktioniert der sogenannte Flurfunk hier besonders gut und schnell. Es war also zu erwarten, dass es sich längst herumgesprochen haben dürfte, „daß in der 7. ausgesprochen schräge Vögel eingezogen sind“.
Abschließend muss jetzt aber gesagt werden, dass es auf dieser einen frühen Fahrt zu gar keiner Mitfahrerbegegnung gekommen war. Die beiden haben es sich in einer ernsten Minute im Fahrstuhl, in der ihnen klar geworden ist, dass der Kasten alles andere als schallisoliert ist, nur mal vorgestellt, wie es wohl wäre, als kreischende Kasper unfreiwillig in die Hausordnung einzugehen und bei jeder Begegnung mit wem auch immer ein spöttisch-verächtliches Schmunzeln im Gesicht der Nachbarn bemerken zu müssen.
Das Wartezimmer
Unpassendes Einleitungswort:
Lichtjahre sind keine Herrenjahre.
Würde man sich an den Häusern orientieren, in denen Arztpraxen untergebracht sind, wären wahrscheinlich die Wartezimmer der Ärzte, die in kleineren, schmaleren Stadthäusern praktizieren, leer. Beim Spaziergang durch die Straßen der „besseren Viertel“ bemerke ich große Gründerzeitvillen mit hohen Decken hinter schaufenstergroßen Rundbogenfenstern. Wenn dann noch ein Schild am Eingang zu sehen ist, auf dem ein Arzt, natürlich ist auch eine Ärztin möglich, seine Dienste anbietet, denke ich gleich unaufgefordert, dass das Warten im Wartezimmer dieser Praxis sicher sehr viel angenehmer sein dürfte, als in einem der im Laufe des Lebens kennengelernten kleinen Zimmerchen diverser Mediziner. Als Kind kam einem die bange Stunde vor der Untersuchung wie eine endlose Ewigkeit vor. Als Erwachsener weiß man, dass nach zwei Stunden das vertretbare Limit erreicht ist. Ich bin sogar schon mal nach einer Stunde einfach abgehauen und habe die Untersuchung/Behandlung auf den Tag X verschoben.
Jetzt sitze ich mal wieder in so einem eher bescheidenen Warteraum. Es gibt keinen Kasten zum Nümmerchen-ziehen, man muss also selber Obacht geben, wann wer, wann man dran ist. Jeder belauert also jeden und jeder glaubt, das besonders unauffällig zu tun. Hier in diesem Raum sind wohl heute überwiegend, oder eher ausschließlich, Kassenpatienten. Auf dem Schild draußen vor dem Eingang steht, wie auf vielen anderen Arztpraxisschildern auch, unter anderem „Privat und Kasse“. Daher passiert es manchmal, dass sich, warum auch immer, ein Privatpatient in eine Kassenpraxis verläuft. Und dann, Reihenfolge egal, auch gleich zum Doktor durchgewunken wird. Was so ein Privatpatient denn haben könnte, beziehungsweise umgekehrt: was dem wohl fehlen könnte, will sogleich die Oberstübchenabteilung für Vorurteile wissen. Erste Vorschläge: Ein aus dem Skiurlaub mitgebrachtes Wehwehchen, die Andeutung eines Magengeschwürs, verursacht von der noch immer vorschriftsorientierten Arbeitsweise der Urlaubsvertretung des Steuerberaters, oder einfach eine Auswirkung chronischen, übersättigten Müßiggangs? Man weiß es nicht. Man will es eigentlich auch gar nicht wissen.
Zurück in mein Wartezimmer. Ein Raum mit vier wohl gleichlangen Wänden. Links von meinem Platz befindet sich die Eingangstür, zu der immer alle Köpfe fast gleichzeitig schwenken, sobald sich auch nur die Türklinke bewegt. Man muss den Neuzugang schließlich sofort in die nun erweiterte Reihenfolge einordnen. Gegenüber von mir ist die Tür zum Behandlungsraum des Arztes. Früher nannte man diesen Raum mal „das Sprechzimmer“. Wohl wegen der draußen auf dem Schild angezeigten Sprechstunden?
Ich bin jetzt etwa seit fünf Minuten im Raum und gebe mir gerade den guten Rat, mich nicht auf Uhr und Zeit zu konzentrieren, nicht auf das jederzeit mögliche und am Ende dann wieder doch nicht stattgefunden habende Vormogeln zu lauern und nicht in einer der auf einem Tischchen liegenden Illustrierten zu blättern. Vielmehr, so mein Rat an mich selbst, sollte ich mich mit den anderen Eingeschlossenen beschäftigen. Nachdem ich den Vorschlag für gut befunden habe fange ich auch gleich an. Und zwar, System muss sein, im Uhrzeigersinn von der Wand gegenüber ausgehend.
Bevor ich jedoch mit den Leuten loslege, möchte ich noch ein paar Details der Räumlichkeit beschreiben. Es gibt Warteräume, die regelrecht überfüttert sind mit Bildern an den Wänden. Ich habe sogar welche besucht, in denen man die Kunst des Doktors und/oder seiner Ehefrau bestaunen durfte/musste. In meinem jetzigen Wartezimmer hängt nur ein einziges Bild an der Wand gegenüber vom Eingang. Wohl ein gerahmter Kunstdruck? Auf etwa 60 mal 50 Zentimetern sieht man einen aus unzähligen hellen Tupfern bestehenden Park in dem ein paar Leute, ein paar Kinder und sogar ein Hund sich offensichtlich im Sonnenschein sehr wohl fühlen. Wurde dieses Motiv als Entschädigung für die stickige Tristesse des Zimmers ausgewählt? Allen Ernstes jetzt erst wird mir durch das Wort „stickig“ bewusst, dass der Raum überhaupt kein Fenster hat! Statt dessen gibt es oben links in der Ecke der gegenüberliegenden Wand ein kleines Rechteck, bestehend aus 10 Lüftungsschlitzen. Ob wohl hinter diesen Schlitzen ein Schacht ist, der ins Freie zur frischen Luft führt? Oder ob die verbrauchte Luft im Zimmer leichter, flüchtiger ist als Frischluft und deshalb ein zwangsläufiger permanenter Austausch durch die schmalen Schlitze erfolgt? Das wäre schon schön, wenn man es genauer wüsste.
Da sitzt bei 1 Uhr ein junger Mann, hager, hochaufgeschossen, mit schmalen hängenden Schultern. Früher wußten die Älteren, dass so einer „zu schnell gewachsen ist“. Dieser Eile ist es wohl auch anzuhängen, dass das linke Bein des Jungen permanent zuckt, wie wenn es darum ginge, einem schnellen Rhythmus zu folgen. Die Hände sind anderweitig mit einem Smartphone beschäftigt, von dem der Kopf, die Augen völlig eingenommen sind. Unter der Nase blonder Flaum, der noch Lichtjahre von einem Schnurrbart entfernt ist. Neben der Nase ein Pickel von geradezu faszinierender Reife. Was hat den Knaben wohl hierhin geführt. Das Zitterbein, der Pickel oder gar die klägliche Untauglichkeit des Flaumschnäuzers?
Bei 2 Uhr eine Mutter mit einem 4jährigen Kind. Eigentlich immer schon der Albtraum jedes stressgeplagten ungesunden Wartezimmerhockers. Mein guter Rat an mich lässt mich die beiden mit anderen Antennen bemerken. Die kleine Holzkiste mit den häßlichen Hartplastikspielzeugen, deren Farben von eimerweise Kinderspeichel ausgebleicht sind, wird von dem Kind nur noch mit nachlassendem Interesse frequentiert. Jetzt möchte es lieber auf Mutters Schoß hocken und bemuttert werden. Das Kind ist sogar schon in der Lage zu fragen, wie lange es denn noch dauert und wann es denn endlich wieder nach Hause geht. Die Antwort der Mutter tröstet einerseits, dass es sicher nicht mehr lange dauern könne, verweist andererseits aber (ist da etwa ein verkappter Vorwurf an die Runde der anderen gerichtet?) darauf, das man ja nicht wissen könne, wie lange der Onkel Doktor den anderen Leuten helfen müsse. Das Kind greinelt in wechselnder Lautstärke vor sich hin, will wieder zum Holzkasten, will wieder auf Mutters Schoß, will wieder zum Holzkasten.
Bei 3 Uhr sitzt eine, wie man so schön sagt: ältere Dame. Streng zurückgekämmtes und wohl zu einem Knoten gebundenes (kann ich gar nicht sehen) Grauhaar. In den feingliedrigen Händen hält sie eine der Illustrierten, deren Nutzung ich eben noch für mich entschieden abgelehnt habe. Wäre die Frau nicht ständig abgelenkt durch eine Art Reiz-Synchronisierung mit dem Kind nebenan, könnte sie sich sicher mehr auf ihr Käseblatt konzentrieren. So aber muss sie jedesmal wenn das Kind Laut gibt mit blitzenden Schlitzaugen nach rechts blicken, die beiden Nervfalten über der Nasenwurzel zusammenziehen, die Lippen zu einem Rund formen, flankiert von messerscharfen Seitenfalten und mindestens zehn Worte der Empörung runterschlucken. Dabei entgehen ihr diverse aktuelle (!) Nachrichten aus den Königs- und Adelshäusern der Nation, ja, der ganzen Welt. Hier fängt meine Aufmerksamkeit für die 3-Uhr-Person an. Ist es nicht irgendwo paradox, von Aktualität im Zusammenhang mit Königs- und Prinzessinnenkram zu sprechen. Müsste man nicht bei Aktualität ein paar hundert Jahre zurückblicken und gespannt z.B. auf den Kurier des Zaren warten, der die Rolle mit den Neuigkeiten auf dampfendem Pferderücken verwahrt durch die Lande trägt? Da ich auf derartige Fragen keine Antworten von mir erwarte, begnüge ich mich abschließend mit einem Kalauer, dem „Prinz Eisenherzinfarkt“. So ist zumindest ein Bezug zum aktuellen Umfeld hergestellt.
Die Stühle bei 4 Uhr und 5 Uhr sind leer. Doch wenn ich sie mir etwas genauer ansehe, bemerke ich, dass auf beiden noch aktives Leben liegt, sitzt, kreiselt, schwebt. Die molekulare Kommunikation der Patientenhintern mit dem Kunstleder des Stuhlbezuges ist eindeutig noch in vollem Gang! Milliardenfache Annäherung, Ablehnung, Begrüßung, Bedrohung, Besänftigung, Flucht, Angriff undundund. Die Luft unmittelbar über dem Bezug scheint zu flirren, unsichtbare Dampfwolken steigen auf. Wie die wohl riechen? Ähnlich wie bei Teekompositionen so eine Art Mischungsgeruch? Kunstleder, Hosenstoff, Hinternhaut, eine Andeutung von Blähung. Dazu ein paar Partikel unbekannter aber nicht unkritischer Herkunft? Wäre sicher interessant.
Nummer 6 sitzt direkt neben mir. Eine optische Erfassung ist mir deshalb kaum möglich. Der Augenwinkel lässt bestenfalls die Bestimmung des Geschlechtes zu. Die Bestätigung durch das Ohr ist bereits erfolgt: es handelt sich um einen Mann, wahrscheinlich mittleren Alters. Es folgen noch diverse weitere akustische Bestätigungen, denn der Mann wartet
