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Brüche, Gerüche, Widersprüche - Neun Gedichtzyklen aus den Jahren 2013-2017: Gezeiten (2015-2017) Du bist mein Feiertag (2013-2014) Choreografien aus Lavendel (2015-2016) Cuba à trois (2016) Hebräische Symphonie (2016) Fliederdionysien (2016-2017) Leerstellen (2015-2017) Nordstrand (2017) Frakturen (2017)
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Seitenzahl: 86
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Prolog
Gezeiten
Du bist mein Feiertag
Choreografien aus Lavendel
Cuba à trois
Hebräische Symphonie
Fliederdionysien
Leerstellen
Nordstrand
Frakturen
Epilog
Register
Zur Autorin
(2016)
Mein schwarzes Kleid
Hab ich seit zehn Jahren
Nicht mehr ausgezogen;
Ausgeflogen war ich
Aus der Kindheit.
Und nun hat es abgefärbt
Und fragt mich, warum
Ich kaum noch Farben sehe.
Elegant bin ich
Nicht geworden.
Die Maschen in den Strümpfen
Bezeugen es.
Und die kaputten Schuhe…
Und die Taschen,
Die ich schleppe. Schwer
Sind sie inzwischen.
Ich frage mich, ob sie
Jemand tragen kann.
(2015–2017)
(2017)
Ich setz die Maske auf, setz mich auf einen Schmetterling,
Pflück Rosen, nehm auch Sonnenblumen mit.
Mal Worte und schreib Farben und dann sing
Ich, woran ich starb, woran ich litt.
Mein schwarzes Kleid ist Lüge und doch wahr;
Die Trauer tief, aber mein Lächeln voller Kraft,
Denn ich verlor die Angst und ich gebar
Die Lust am Leben in meiner Leidenschaft.
Der Tanz auf dem Vulkan ist morgenrot
Und purpur wird auch bald Lavendel,
Ich höre nicht aufs Tanzverbot.
Meine Sehnsucht hängt fest am Pendel.
Ich nahm die schwindende Zeit
Und verschwendete sie ohne Bitterkeit.
(2017)
Du weißt nicht mehr, im November,
Wie bunt der Ostergarten blüht,
Wie glücklich dich die ersten Sonnenstrahlen
Machten, als in dir noch alles gefroren war;
Wie zart Gemüter schmelzen können.
Du weißt nicht mehr, im Dezember,
Wie süß die Erdbeeren schmeckten
Und wie klebrig sie sich mit der
Waldbodenerde an deinen Fingern
Vereinten; alle Sorgen verneinten.
Du weißt nicht mehr, im Januar,
Wie wohlig warm Sommerregen tanzt;
Wie er vom Asphalt emporsteigt
Und den Druck aus der Luft einfach wegzaubert.
Du weißt nicht mehr, im Februar,
Wie es sich anfühlt, wenn Melonensaft
Auf deinem nackten Körper perlt
Und sich ein Rinnsal bildet durch den Duft
Von Seewasser und Sonnenmilch.
Du weißt nicht mehr, im März,
Wie müde du nach hitzigen Tagen
Ins Bett fällst und dich Ängste jagen,
Dass dieses heiße Leben
Schon bald wieder vorbeigeht.
Du weißt nicht mehr, im April,
Wie reifes Obst dich ganz betrunken macht,
Wie traurig diese letzte Sonne lacht,
Wie Wein und Ernte dich vergessen lassen:
Die nächsten Monate wirst du hassen.
Du weißt nicht mehr, im Mai,
Wie Grün sein Grün verliert,
Wie es sich anfühlt durch nasses Laub zu laufen,
Wie der Regenschirm im Sturme
Gänzlich rebelliert.
Du weißt nicht mehr, im Juni,
Wie grau und ohne Licht
Der immer kürzere Tag
Dein Gemüt zerbricht und wie die
Feuchte Kälte durch alle Sachen kriecht.
Du weißt nicht mehr, im Juli,
Wie zwischen Orangen und Zimt
Ein Räucherstäbchen glimmt und
Wie viel Einsamkeit
Du brauchst in Dunkelheit.
Du weißt nicht mehr, im August,
Wie sich Sehnsucht in dir ausbreitet;
Wie deine Hoffnung leidet und wie es
Sich anfühlt, wenn du frierst und
Nur noch vegetierst.
Du weißt nicht mehr, im September,
Wie lang ein Winter dauert,
Der jetzt schon gierig lauert und
Wie trostlos Schneemänner grinsen,
Während in dir alles vereist.
Du weißt nicht mehr im Oktober
Wie schön das damals war: der erste
Märzenbecher, ein Krokus vielleicht gar.
Ach, wie schnell ist doch vergessen:
Ein ganzes gefühltes Jahr.
(2016)
für Sven
Du hast Tomatensuppe gekocht,
Aus echten Tomaten.
Und wir waren skeptisch,
Haben dir dann aber vertraut.
Vertraut haben wir dir immer,
Auch wenn uns manches
Manchmal nicht einleuchtete.
Und wir waren Kinder,
Für die du unkaputtbar warst:
Ein starker Rücken
Der alles irgendwie abschirmte,
Was uns hätte wehtun können.
Und dann plötzlich
Hast du keine Tomatensuppe mehr gekocht.
Und die Welt
Hat Risse bekommen.
Weil ein starker, wichtiger Teil
Einfach herausbrach –
Wie eine tragende Säule
Aus der Akropolis.
Wir mussten erwachsen werden.
Viel zu schnell.
Aber wir sind stark
Und halten gemeinsam
Die Lücke zusammen,
Die keiner schließen kann.
This is not the time to wonder…
Manchmal ist das sehr schwer.
Aber wir wissen:
Durch die Lücke scheint
Dein weises Lächeln.
Und du schaust uns dabei zu,
Mit viel Vertrauen,
Wie wir unsere Wege weitergehen.
Nie bist du ganz weg,
Und du passt auf uns auf.
Weil wir eben doch noch
Irgendwie Kinder sind.
In deinen wachen Augen.
Nothing else matters.
(2016)
Die alte Eisentür stand offen,
Als wir um den alten Speicher schlichen
In kalter Neujahrssonne.
Die alte Eisentür stand offen.
Und so stapften wir hinein
In dieses Stück Vergangenheit.
Verschimmeltes Papier
Zeigt alte Rechnungen,
Bei denen keiner weiß,
Ob sie beglichen sind.
Die alte Eisentür stand offen.
Und schlug hinter uns zu,
Als wir den Himmel wieder sahen.
Nach Krach kommt still.
Neben Dunkel tauchen
Helle Reflexionen auf
Und blenden mein nüchternes Herz.
Die alte Eisentür bleibt offen.
In meiner Nase klebt
Getreidestaub.
Den ich einfach hinausniese.
Und mich um alte Rechnungen
Heute nicht mehr kümmere.
(2015)
für Lasse
Ich denke oft an deinen Schmerz,
Von dem ich nichts weiß.
Und verurteile blind
Deine Mittel,
Ihn zu betäuben.
Ich habe dir Vorwürfe gemacht:
Für dein Schweigen
Für dein Verdrängen
Und dafür, dass du mir
Nicht mehr vertrautest.
Dabei hattest du allen Grund:
Zu schweigen,
Weil ich dich verurteilt hätte.
Zu verdrängen,
Weil du überleben wolltest.
Mir nicht zu vertrauen,
Weil ich dich betrogen hatte.
Und jetzt weiß ich noch weniger
Über deinen Schmerz
Und nichts mehr über dich.
Weil ich schweige
Und verdränge
Und uns beiden
Nicht mehr vertraue.
(2015)
für Lasse
Ich habe dich geliebt:
So lange und so heftig,
Und war bereit, viele Schlachten
Gegen mich selbst zu führen.
Du hast mich geliebt:
Anfangs zart, später verzweifelt,
Und bis dahin hast du
So viele Wunden hinterlassen.
Wir haben uns geliebt:
Doch auf dem Weg
Sind wir tausendmal zerbrochen
Und haben uns dann wieder
Irgendwie zusammengekehrt.
Als die anderen das Gefühl hatten:
Die beiden lieben sich sehr,
Platzten meine Wunden auf
Und hinterließen langsam Narben.
Vergeblich habe ich
Nach Leidenschaft gesucht
In unserem verbrüderten Nest,
Unserem bürgerlichen Alltag.
Dann bin ich einfach
Weggelaufen.
Und du hast mich geliebt,
Und nicht gewusst,
Warum ich flüchte.
Ich habe dich geliebt,
Doch ich war nicht fähig,
Dieses Leben
Schon gelebt zu haben.
Ich musste anderswo
Andere anders lieben
Und tausendmal zerbrechen.
Um zu spüren,
Wie man lieben kann,
Ohne gegen sich selbst zu kämpfen.
(2017)
für Lasse
Einst:
Hielt ich deine Hände, die
Wir uns niemals
Gaben und nun fallen
All die Jahre weiter von uns
Ab.
Doch:
Bleiben sie erhalten, die vielen
Schönen Stunden, wir haben uns
Neu erfunden. Auf ungleichen
Wegen.
Was:
Weilt, ist nun
Die Liebe, die wir mit
Freundschaft pflegen und all
Die süße Freude. Für des andern
Glück.
Jetzt:
Wenn du deine Frau küsst und dein
Baby dich berührt, dann sei dir immer
Sicher, dass auch mich das lächeln
Macht.
Denn:
Energie geht nicht verloren, sie
Wird nur umgewandelt. Liebe
Auch.
(2017)
Gegriffen,
Immer wieder,
Nach oben,
Ohne zu sehen,
Wonach.
Manchmal eine
Helfende Hand,
Um weiter aufzusteigen,
Manchmal ein
Tritt von oben,
Auf Kopf und Herz.
Inzwischen so weit,
Dass ich sehe, was
Da ist.
Müde jetzt,
Weil ich glaube, dass ich
Da nicht hin möchte.
Denn spätestens dort,
Wo der Strick endet,
Legt er sich
Um meinen Hals.
(2017)
Aus dem Staub, den sie hinterließen, beim
Abreißen der alten Fabrikhallen,
Wachsen jetzt Krater und Kräne.
Sie spielen Phönix und die Asche ist
Geschichte, keine Gedichte von Ruinen mehr.
Kein Zentimeter länger leer.
Intelligentes Bauen verbindet Menschen,
Sagen sie und zerren die Bindung der
Zeit auseinander.
Der Sturm wirft den Bauzaun
Manchmal um, die
Pläne bleiben stehen.
Gentrifidingsbums und ich gehen
Die Zschochi entlang.
(2017)
Sieh ihn dir genau an,
Den nackten Mann im Türrahmen:
Wie wunderschön sein Lächeln,
Wie rosig seine Haut,
Die du die ganze Nacht berührt,
Die Lippen so vertraut,
Die tiefen Augen, die dich
Hierher brachten, dich baten – noch zu übernachten...
Sieh ihn dir genau an,
Verweile im Flur, ganz kurz nur,
Atme: Ein letztes mal seine Liebe,
Tief. Seinen Kuss
Nochmals schmecken: Saug
Ihn in dich mit Genuss, so sehr, weil es kommen
Muss, der Gedanke, dass
Der Traum bereits endet, bevor
Du aufwachst...
Dreh dich nochmals um,
Bevor du gehst, und wenn du
Zögernd vor ihm stehst:
Dein Zwinkern fotografiert
Dieses Bild, wild noch sein
Haar, sein Blick gefriert…
Dann verschwinde...
Und begrab so schnell du kannst
Deine Hoffnungen, zerstör die Utopie...
Aber niemals vergiss den Moment
Und seine Schönheit.
Als der nackte Mann im Türrahmen stand und dich
Für immer verabschiedete….
(2017)
augen zusammengekniffen, zwischen ohren
die pianos aufgesaugt und ein bild gemacht.
klick klick klick.
anvisiert, den moment asphaltiert,
in stein gemeißelt – konzentration gegeißelt.
klick klick klick.
die weiße jugendstilvilla
und die schönheit des rosa grauen himmels,
gebrochen von maigrün.
klick klick klick.
der abend endet
noch lange nicht,
hinter uns mein gestern. und das portraitlächeln.
klick klick klick
ich fotografiere. mit meinen gedanken,
präge mir alles ein. auf
gedächtniszelluloid.
klick klick
abgespeichert und mit assoziationen
gehashtakt, impressionen in
erinnerung versteckt.
klick klick
den augenblick mit anderen
geteilt, physisch, noch am titel
gefeilt und am filter aus gefühlen.
klick
zeit ist photoshop, morgen der modus,
der das bild verfärbt und step by step bleicht.
in zehn jahren dann: das bild gefunden
an heut gedacht. und zart gelacht.
(2016)
für R.
Du hast gesagt,
Ich habe dich verzaubert,
Als wir am Strand
Unsere Füße in den nassen Sand bohrten.
Du hast gesagt,
Es war ein Glück mich zu treffen,
Als wir auf deinem Dach die Sterne zählten.
Du hast gesagt,
Du liebst meinen Körperduft neben dir,
Als wir des Nachts
Schon fast eingeschlafen waren.
Doch du hast auch gesagt,
Dass wir keine Zukunft haben.
Als ich dir ins Ohr flüsterte,
Dass ich dich liebe.
Und dann hast du gesagt,
Dass du mich vermisst,
Als wir viele Kilometer voneinander getrennt
Wieder unsere Stimmen hörten.
Was du gesagt hast,
Ist lange her.
Und es tut nicht mehr weh.
Ich sage dir heute,
Dass ich dich lieb behalte.
Auch noch morgen.
Ohne Zauber, ohne Tränen.
Nur mit einem warmen Lächeln.
(2015)
für Chrissi
Jahr für Jahr
Überwintern die Zwiebeln der Frühblüher.
Denn sie speichern
All ihre Erinnerungen.
