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Die Erde, lange nach den Einschlägen von vier Asteroiden. Die Nordhalbkugel ist bewohnt, der Süden ist verwüstet. Deutschland hat eine totalitäre Weltregierung, die GlobKom, installiert, die die Bevölkerung mittels rigoroser Gesetze als sogenannte Regos, die Registrierten und in Gestalten, die Gs, klassifiziert. Sie hat auch die Waffenpflicht für Regos als eine Art Brauchtum etabliert. Zur Gestalt wird, wer gegen grundlegende Gesetze verstößt und darf sofort niedergestreckt werden. Franz Lundshamer, ein U, ein Unternehmer, entwickelt zusammen mit Holmar Weghan einen Werkstoff, Framar, der seine Konsistenz gesteuert verändern kann und eine bahnbrechende Erfindung darstellt. Der entscheidende Bestandteil des Framars ist das Element Kolondrit, das mit den Asteroiden auf den Planeten gekommen ist und auch eine weitere Erfindung ermöglicht hat, das KolVers, ein Energiespeicher fast unbegrenzter Kapazität. Ein großer Waffenkonzern hat vor, die Rechte beider Erfindungen den beiden Unternehmern abzupressen, doch es kommt ganz anders.
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Seitenzahl: 383
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Franz Lundshamer prüfte zum zweiten Mal seine Waffe und ließ sie wieder in die Brusttasche gleiten. Unzufrieden trat er zum Fenster und sah durch die Pan-Glasscheiben hinunter auf die Allee der Zufahrt. Draußen ließ der Regen alles ineinanderfließen. Die verschwimmenden Schatten der riesigen Bäume im Park waren in ständiger Bewegung und der rotgraue Himmel drohte herunter zu stürzen. Er versuchte sich zu beruhigen und er hasste das zutiefst. Er war gefangen in einem Korsett aus Fragen, die er selbst nicht beantworten und die ihm auch niemand anders beantworten konnte. Die durch den Regen ins Groteske sich verzerrenden Werbeholos hinter dem Park, stachen wie überdimensionale Würmer in die rostfarbene Wolkendecke, als wollten sie fliehen vor einem Ungeheuer, das die Erde bedeckte.
Die Stimmen aus dem Holo-Schirm drangen hysterisch und aufgeregt zu ihm herüber. Mutter saß im Wohnzimmer und sah ihre Lieblingssendung. Von seiner missmutigen Stimmung gefangen, setzte er sich wieder in seinen bequemen Stuhl, angelte sich vom Beistelltischchen das kleine Holo und versuchte etwas Interessantes zu finden. Es ging nicht, er konnte sich nicht konzentrieren. Zu sehr hatte ihn das Gespräch aufgewühlt. Innerlich gedemütigt von der Auseinandersetzung ging Franz Lundshamer wieder zum Fenster und öffnete es, die Luft im Zimmer kam ihm auf einmal stickig vor. Aber die kalte Regenluft brachte ihn zur Vernunft. Er machte wieder zu. Nein, heute war wirklich kein Tag zum Genießen.
Aus purer Gewohnheit griff er abermals zu seiner Waffe, prüfte sie und lud durch. Er dachte wieder an Floriana. Was hatte sie sich dabei gedacht, ihn vor allen bloßzustellen, wegen seiner Vorliebe für kragenlose Hemden? Wie absurd war denn das! Die Röhrbergs hatten heimlich Blicke getauscht und sich gleich darauf mit den Worten empfohlen, noch geschäftlich zu tun zu haben. Diese Ausbrüche seiner Schwester in letzter Zeit waren beunruhigend und immer öfter festzustellen. Das hatte auch Mutter bemerkt. Waren es die Probleme im elterlichen Betrieb, die sie belasteten, oder doch etwas Ernstes, wie Doktor Sterner vermutet hatte?
Die Trennung von Almira schmerzte nach so langer Zeit immer noch, gestand er sich ein und legte seine Beine auf die Polster. Er wischte die trüben Gedanken beiseite. Der rotgraue Himmel legte einen seltsam rostroten Schleier über den Park. Vielleicht sollte er etwas an die frische Luft gehen, um einen klaren Kopf zu bekommen.
„Mutter, ich gehe kurz an die frische Luft!“, rief er in das Wohnzimmer.
„Tu das, Bub. Dass Du einen klaren Kopf bekommst. Aber vorher komm doch bitte her. Prüfe doch meine Waffe und lade sie durch, ich kann mit meinen Händen nicht mehr so …“
„Aber klar doch, Muttchen“, sagte Franz Lundshamer liebevoll. Er prüfte ihre Waffe mit dem Kurzlauf und legte sie ihr durchgeladen auf das Schirmtischchen. Er strich ihr liebevoll über ihr ergrautes Haar.
„Bis bald, Mutter“, sagte er und ging. Vor dem Haus, auf der Freitreppe, blieb er stehen und wusste vorerst nicht, was er machen sollte. Er stieg in seinen Wagen und fuhr zuerst ziellos durch die Gegend.
Er beschloss dann spontan, die zwei Stunden nach Ranbach zu fahren, dort gab es den großen Markt, den wollte er aufsuchen.
In Ranbach waren die Straßen voll mit Menschen. Der Regen hatte schon nachgelassen. Er schlug den Kragen hoch. Der laute Trubel des Marktes lenkte ihn glücklicherweise von seiner melancholischen Stimmung ab. Schon wesentlich besser gelaunt, ließ sich Franz Lundshamer von der Menschenmenge mitnehmen, die sich durch den großen Verwaltungs-Platz schob, der hinter dem Stahlglasturm der Stadtverwaltung begann und bis fast zur Rokodrom Eins reichte.
Nur langsam kam er durch die Menschenmassen, die die Stände belagerten. Er musste oft stehen bleiben, so ein Gedränge war auf den schmalen Wegen. Hier waren nur Regos zugelassen, dadurch kam es fast nie zu Übergriffen durch Gs. Dass die Stadtregistratur, gerade auf Märkten wie diesen, nicht ein weiträumiges Absperrfeld für Gs aufbaute, war Franz Lundshamer immer schon ein Rätsel gewesen.
Floriana kam ihm plötzlich wieder in den Sinn. Seine Schwester war ganz anders als Almira, die Frau die ihn vor acht Jahren verließ und die er sehr geliebt und bis heute nicht vergessen hatte.
In seinen Gedanken versunken, wollte er instinktiv zu seiner Waffe greifen, um sie zu prüfen, aber ihn ekelte davor und er ließ es bleiben.
Ja, der Betrieb stand nicht gut da und das Unweigerliche war geschehen, die U-Kom hatte sich eingeschaltet und das von allen Us gefürchtete Limit verhängt. Ein Limit zugewiesen bekommen zu haben, konnte gefährlich werden, das wusste auch Vater. Mehrmals hatte ihn Franz inständigst darauf hingewiesen, endlich auf ihn zu hören und das Sortiment zu modernisieren. Er, Franz, hätte modernere, zeitgemäßere Ideen, doch Vater ließ darüber nie mit sich reden. Andere griffen nach der Marktführung und so kam es, wie es kommen musste. Vater, der sture Alleinherrscher der Firma Lundshamer musste nach und nach Werke schließen und wertvolle Mitarbeiter entlassen.
Plötzlich fing es wieder zu regnen an. Innerhalb von Minuten wurde ein richtiger Wolkenbruch daraus. Die Menschen suchten Schutz, flüchteten sich unter die zahlreichen Pan-Glasdächer. Franz Lundshamer lief in einen nahen Durchgang und stieß dabei mit jemandem zusammen.
Blitzschnell zog er seine Waffe und da nahm er erst wahr, wen er fast niedergestreckt hätte. Almira stand vor ihm, in einen teuren, mattroten Mantel gehüllt. Auch sie lud eben ihren kleinen, exquisiten Achtschüsser durch und steckte ihn weg.
„Franz …“, sagte sie überrascht.
„ Almira …“, knurrte er. Sie sollte ihm nicht anmerken, dass er gerade dabei war, seine Selbstsicherheit einzubüßen. Ihr Erscheinen machte ihn mit einem Schlag unsicher.
Er versuchte, ihr offen ins Gesicht zu sehen und so zu tun, als wäre sie nur irgendwer und nicht Almira. Das nach der neuesten Mode golden getönte Haar umrahmte ihr schmales Gesicht.
Ein Hauch von einem Lächeln veränderte kurz ihre Miene, dann senkte sie ihren Blick. Sie nach so langer Zeit zu treffen und das ausgerechnet hier, traf ihn unvorbereitet und mit voller Wucht. Was suchte sie hier in Ranbach? War es Zufall?
„Wie geht es dir?“, brachte er mühsam heraus. Es schnürte ihm die Kehle zu. Nur um seine zitternden Hände zu beschäftigen, prüfte er wieder seine Waffe und lud durch. Dann sah er in das rotgraue Wolkenmeer hinauf.
Um seine zitternden Hände zu beschäftigen, zündete er eine Fleer an. Der Wind spielte kurz mit dem blassblauen Rauch, dann riss er ihn mit sich fort.
Almira wickelte sich enger in ihren blutroten Mantel und sah Franz von unten an.
„Glaube mir …“, sagte sie leise, „ … ich hatte keine Ahnung, dass du …“
„… dass ich hier sein könnte?“, führte er den Satz zu Ende. Ihn fröstelte.
„Das wusste ich nicht, ehrlich! aber ich muss weiter … lebe wohl!“
Genau so wie sie vor ihm aufgetaucht war, verschwand sie wieder in der Menge. Er stand verwirrt im dunklen Durchgang und ihm war, als hätte er alles nur geträumt. Was hatte Almira, die er einst geliebt hatte, hier zu suchen? Diese Frage quälte ihn während der ganzen Fahrt nach Hause.
Herr Horsten Lundshamer stellte die Karaffe mit dem teuren Rhongan weg. In seinem Gesicht, das einmal ein fröhliches und offenes war, hatten sich Sorgenfalten eingegraben und seine Augen wirkten müde. Nachdem er sich in seinem Lieblingsstuhl niedergelassen hatte, nahm er seine glänzende Waffe, prüfte sie wortlos, um schließlich durchzuladen. Das machte er immer vor einem wichtigen Gespräch. Es war ein Ritual. Früher hatte er es oft seinem Sohn Franz gestattet und Franz hatte diese Handgriffe für seinen Vater, den er über alles liebte, immer als eine besondere Auszeichnung gesehen und gerne gemacht.
„Meine Lieben“, begann Horsten Lundshamer mit brüchiger Stimme, „ich habe euch hergebeten, um wichtige Entscheidungen bekannt zu geben.“ Dabei sah er seine geliebte Frau Berna an.
„Das Limit zwingt mich, zu handeln. Ich bin nicht mehr der Jüngste, das wisst ihr auch. Deshalb habe ich wichtige Entscheidungen getroffen, die das Schlimmste verhindern sollen.“
Er öffnete eine rote Mappe und sagte: „ Hier seht ihr die neuen Pan-Glasideen, die unser Produktdesigner kreiert hat. Ihr seht, ich habe eure Einwände und Warnungen nicht ignoriert und glaube, das Beste für den Betrieb unternommen zu haben.“
Floriana griff sich als Erste die Entwürfe und blätterte sie durch.
„Aber Papa …“, schrie sie fast hysterisch,
„… das ist genial! … Diese hier … und die … fantastisch, Papa!“
Franz warf seinen Blick darauf und war etwas enttäuscht. Lauter Anwendungsbereiche, die schon ausgereizt waren; Wandteiler, die üblichen Dächer, nur mit anderen Materialien kombiniert und ähnliches. So, war er sich sicher, war die Firma nicht zu retten. Er wusste nicht, wie er seinem Vater und Floriana klarmachen konnte, dass es anderer Neuerungen bedurfte, um langfristig bestehen zu können. Gespräche über die Versuche, die Holmar und er mit einer von ihnen entwickelten Pan-Glasmischung begonnen hatten und die vielversprechend waren, waren von seinem Vater - und von seiner Schwester – immer schon im Keim erstickt worden.
„Lieber Papa, bitte verzeihe, du wirst mir doch recht geben, wenn ich sage, dass …“
„… dass du wieder kein gutes Haar daran lässt!?“, unterbrach ihn lautstark seine Schwester.
„Bitte, Floriana, lass mich ausreden …“
Franz bereute schon seine Worte.
„Dir passt ja gar nichts! Immer bist du gegen alles. Dir geht es nur um dich!“
Seine Schwester steigerte sich wieder in einen ihrer gefürchteten Anfälle hinein. Franz war es peinlich, vor allem wegen seiner Eltern, deren Verzweiflung über den Gesundheitszustandes ihrer Tochter er ihnen ansehen konnte. Floriana war außer sich, bewarf Franz mit Vorhaltungen und verließ, nun hysterisch schreiend, den Raum.
Das hatte er nicht gewollt. Er sah beschämt, wie seine Eltern starr vor Kummer und Wehmut da saßen und stumm litten. Sie wussten, nichts für ihre Tochter tun zu können. Warum ging sie denn nicht endlich zu dem Neurologen, der ihr von Bekannten empfohlen worden war?
Franz holte mit steinerner Miene seine Waffe hervor, prüfte sie und lud durch, nur um die peinliche Stille im Raum zu unterbrechen. Auch der Vater ergriff seine, prüfte sie auf das Genaueste und lud durch.
„Ach komm doch, lieber Franz“, sagte die Mutter, „prüfe und lade meine auch durch. Du machst mir das immer so schön …“
„Aber gerne, Mutter.“
Es war ihr Liebesbeweis an ihn seit seiner frühesten Jugend gewesen, ihr die Waffe prüfen und durchladen zu dürfen. So wie bei Vater. Das hatte sie nur ihm, ihrem geliebten Sohn, erlaubt. Floriana durfte das nie. Vielleicht war da schon die Saat des Bösen gesät worden. Franz prüfte Mutters Waffe besonders sorgfältig, bevor er sie durchlud.
„Lieber Vater“, sagte er. Seine Stimme klang wieder fest und bestimmt. „Wie du ja weißt, haben Holmar Weghan und ich mit neuen Zusatzstoffen experimentiert und höchst erstaunliche Ergebnisse erzielt. Das Pan-Glas haben wir in einen völlig neuen Werkstoff verwandeln können, der Eigenschaften besitzt, die neue, erweiterte Anwendungsmöglichkeiten zulassen. Wenn du erlaubst, möchte ich dir unsere wirklich einzigartigen Einsatzvarianten zeigen, von denen ich überzeugt bin, dass sie unsere Firma wieder konkurrenzfähig machen werden. Wenn du sehen willst, wir haben die Blocks auf dem Schirm. Hier ist er.“
Franz zeigte dem Vater die Holos. Horsten Lundshamer sah die Entwürfe mit ernster Miene durch und schüttelte schließlich den Kopf.
„Was du mir da zeigst, ist produktionstechnisch nicht machbar!“
„Aber Vater, warum …“
„Halt, keine Widerrede!“ Das strenge Gesicht seines Vaters war unerbittlich. „Die Umstellung würde den Ausfall von Wochen, wenn nicht Monate mit sich ziehen! Außerdem habe ich nicht mehr die nötigen Leute dafür. Vergiss das Limit nicht!“
Franz wehrte sich innerlich gegen das Diktat seines Vaters. So war er nun einmal, der alte Herr; wenn es ums Geschäft ging, war er der harte Unternehmer, der keine andere Meinung zuließ. Die neue Produktion werde nach den Entwürfen des Produktdesigners gestartet, sagte er. Punkt.
„Bitte Vater“, versuchte Franz erneut, seinen sturen Vater zu überzeugen, „überlege doch: die Entwürfe des Produktdesigners sind schlichtweg nicht mehr der heutigen Zeit entsprechend, zumal wir jetzt eine Chance hätten, einen neuen Weltmarkt zu schaffen und den auch zu kontrollieren!“
„Franz, zum letzten Mal!“, donnerte Horsten Lundshamer, Er duldete keinen Widerspruch mehr. Mit erhobener Stimme sagte er zu seinem Sohn:
„Entweder du lässt ab von deinen abstrusen Ideen, oder du verlässt das Haus! Das ist mein Ernst!“
Bei diesen strengen Worten schluchzte die Mutter auf und rang ihre dünnen Ärmchen.
„Nicht doch … Mutter!“ Franz war schon bei ihr und umarmte sie. Seinen Vater bedachte er mit einem vielsagenden, ernsten Blick. Dann verließ er bleich den Salon und suchte seine Räumlichkeiten auf.
Niedergeschlagen goss er das Glas mit seinem Lieblings Rhongan voll und fiel in den bequemen Ledersessel. Aufgebracht versuchte er, seine Enttäuschung und seinen Zorn seinem sturen und kurzsichtigen Vater gegenüber zu beherrschen.
Das hellgoldene Getränk beruhigte ihn etwas. Gefasst und wehmütig zugleich strich sein Blick über die gelb gemaserten Täfelungen der Fensterseite und dem zarten Blau der Zimmerdecke mit ihren eingelassenen Leuchtflächen. Unzählige Male hatte er darunter auf dem Boden gelegen und sich Welten ausgedacht, die in diesem Blau, unendlich weit weg von allem, darin kreisten und ihre unsichtbaren Bahnen zogen.
Überhaupt war er als Knabe glücklicher gewesen als jetzt - so empfand er jedenfalls. Die Auseinandersetzungen mit seiner älteren Schwester gab es jedoch, seit er denken konnte. Das hatte sich bis heute nicht geändert. Sie hatte immer recht haben wollen und alles, was er geliebt hatte, der Lächerlichkeit preisgegeben. Um ihn zu schaden, hatte sie vor den perfidesten Plänen nicht zurückgesteckt. Dazu waren aber in den letzten Jahren psychische Veränderungen ihrer Persönlichkeit aufgetreten, die, so hatte der Neurologe Dr. Sterner vermutet, eine Krankheit als Ursache hatten.
Nun aber war mit Vaters Hausverweis eine Grenze erreicht. Seine Gedanken wurden durch die Vision Almiras jäh unterbrochen. Wieder sah er seine einstige Geliebte in dem Durchgang vor sich. Wie schön sie war. Acht lange Jahre ist es nun schon her, dachte er, wo sie ihn verlassen hatte. Ohne Aussprache. Plötzlich war sie nicht mehr da gewesen. Und heute hätte er sie beinahe in dem Durchgang umgerannt.
Er nahm einen großen Schluck aus dem schweren Glas. Langsam spürte er, wie er wieder er selbst wurde. Er musste Almira aus seinen Gedanken vertreiben und sich seine nächsten Schritte genau überlegen.
Vater hatte ihn des Hauses verwiesen, hatte mit ihm tatsächlich gebrochen. Seine Hände zitterten. Die beiden schweren, dunklen Bücherregale zwischen den hohen Fenstern erschienen ihm seltsam bedrohlich und die Unordnung auf seinem Schreibtisch verstärkte eine aufsteigende Melancholie in ihm, die ihn entführte und seine Gedanken glattstrich, als wären sie Gräser in einem aufkommenden Sturm.
Das Glas war leer. Aufatmend erhob er sich. Die dunklen Schleier in seinem Kopf waren verflogen. Draußen vor der Villa lag der Park in rötlichem Licht. Er holte seine Waffe aus der Innentasche des Sakkos und sah sie lange an. Sie lag auf seiner Hand wie ein kleines, längliches Tier, das sofort aufschrecken und losbrüllen konnte. Er empfand in diesem Moment erneut eine Abscheu, wie so oft in letzter Zeit, der verhassten Glob-Kom gegenüber und ihren unmenschlichen Gesetzen. Diese Abscheu etwa laut zu sagen, konnte gefährlich sein.
Plötzlich hatte er wieder Almira vor sich. Nein, schrie es in ihm. Er wünschte sich mit aller Kraft, dass sie aus seinen Gedanken verschwinden möge.
Er dachte wieder an seinen sturen Vater. Das Wohlergehen des elterlichen Betriebes lag Franz sehr am Herzen. Als sein Vater die Firma von seinem Vater übernommen hatte, war sie alleiniger Marktführer in der Branche. Das Pan – Glas war eine Entwicklung des damals jungen Brankard Lundshamer und sofort ein Erfolg gewesen. Es war absolut schusssicher und reagierte auf Helligkeit. Im Nu vergrößerte sich der Betrieb zu einem Konzern, der zweihundert Werke auf der Nordhalbkugel besaß. Eigene Rezepte der verschiedensten Glassorten wurden entwickelt. Und das alles war nun höchst gefährdet. Inständig hoffte Franz, dass ein Wunder den Konzern noch retten möge. Aber Wunder gab es nicht. Also musste er sich was einfallen lassen.
Almira konnte sich nicht konzentrieren. Die Verkäuferin fragte sie mehrmals, ob sie noch etwas wünsche, aber sie war wie geistesabwesend.
„Ja … nein … bitte verzeihen sie, was sagten sie eben?“ Almira war wieder in der realen Welt. Die Verkäuferin lächelte und packte die teure Pistole ein. Als sie wieder in ihrem Wagen saß, musste sie sich erst beruhigen. Draußen spielten ein paar Halbwüchsige mit ihren Waffen albern herum.
Sie öffnete das Fenster. Ein Zusammentreffen mit Franz hatte sie nicht erwartet, nicht hier. War es Zufall? Sie betrachtete die soeben gekaufte Pistole, die sie ihrer achtjährigen Tochter schenken würde. Lara wird vor Freude springen, dachte sie liebevoll, zum ersten Mal ihre eigene Waffe prüfen und durchladen zu können.
Das Zusammentreffen mit Franz Lundshamer hatte Almira zutiefst schockiert. Was hatte er hier zu suchen? War er nur zufällig hier in Ranbach? In dieser schönen Stadt hatte sie einen guten Menschen gefunden und mit ihm ihr neues Zuhause. Sigmund Angsheim nahm sie damals auf, als sie nicht wusste, wohin sie gehen sollte. Sie hatte ihn wirklich lieben gelernt, obwohl sie nach der Trennung von Franz gezweifelt hatte, jemals wieder Liebe empfinden zu können.
Die Trennung von Franz hatte sein müssen. Die Firma hatte ihn ausgefüllt und der Platz, den er für sie, Almira, zuließ, war beschämend. So hatten sie sich schleichend entfernt voneinander. Dass Almira sein Kind erwartete, wusste er nicht. Eines Tages hatte sie das gemeinsame Heim für immer verlassen.
In Gedanken versunken startete sie den Wagen und fuhr los. Der Regen hatte aufgehört. Sie fuhr die breite Auffahrt zu dem Anwesen hinauf und hielt vor dem überdachten Eingangsbereich des dreistöckigen Haupthauses der Familie Angsheim. Lara sprang ihr entgegen.
„Mutti, hast du mir was mitgebracht?“, rief Lara aufgeregt.
„Natürlich, mein Schatz.“ Almira zauberte aus ihrem Mantel eine kleine, auf dem Markt erstandene Spielzeugpistole aus mattem Blaumetall hervor. Lara jauchzte auf und tat so, als ob sie sie prüfen und durchladen würde wie eine Erwachsene.
„Mami, wann bekomme ich denn eine richtige? Berti hat schon eine.“ Lara sagte das nicht ohne leisen Vorwurf.
„Bald, mein Schatz, bald.“
Sigmund Angsheim, der Besitzer der Ranbacher Angsheimwerke beendete soeben im Konferenzsaal seines Hauses die Vollversammlung der Abteilungsleiter des Werkes.
Der Konzernleiter hatte den Führungskräften den Ernst der Lage erklärt. Noch stünde der Betrieb gut da, doch müsse der sich anzeichnende Geschäftsrückgang aufgehalten werden, um nicht ein Limit zu riskieren. Jede Abteilung habe bis Anfang nächster Woche Vorschläge auszuarbeiten und vorzulegen.
Damit war die Besprechung beendet. Das typische metallische Klacken erklang, erzeugt vom Durchladen vierundzwanzig vorher geprüfter Waffen. Sigmund sah sorgenvoll durch das hohe Fenster auf Ranbach hinab. Würde er es schaffen, das Werk, sein Lebenswerk, zu erhalten und wieder stark zu machen? Das wirkliche Ausmaß der wirtschaftlichen Lage seines Betriebes hatte Sigmund den Abteilungsleitern wohlweislich verschwiegen.
Es stand ernst um das Werk. Die Produktionskapazitäten würden, wenn nicht bald etwas passierte, halbiert werden müssen und was das bedeutete, wollte er sich gar nicht erst ausmalen. Es durfte nicht zu einem Limit kommen! Der Gedanke an diese Vorstellung ließ ihn schaudern.
Nein, dachte Sigmund mit neuem Mut, das durfte nicht passieren! Kurz entschlossen holte er seine wertvolle Waffe hervor, prüfte sie, lud durch und ging die reich mit Blumen geschmückte Freitreppe hinunter. Unten empfing ihn schon die aufgeregte Lara und zeigte ihm stolz ihre Pistole. Sie bekam von ihm einen dicken Kuss. Dann sah er Almira. Wie schön sie war! Ihre goldenen Locken fielen über ihre zarten Schultern. Sie küssten sich.
„Na, meine Liebe, hast du das Geschenk für Lara bekommen?“, fragte er lächelnd.
„Ja, … ich habe es.“
Täuschte er sich, oder war da nicht eine leise Verunsicherung in ihrer Stimme? Wahrscheinlich war sie nur müde vom Einkaufen und vom vorweihnachtlichen Trubel in der Stadt.
„Du weißt ja“, sprach er, „heute haben wir abends Gäste, Gildo Helmstetter kommt mit seiner Gattin. Hast du mit Korina, der Köchin schon gesprochen?“
„Natürlich, Lieber, sie bereitet ein ganz exquisites Abendmahl vor, da wirst sogar du staunen.“
„Oh, da freue ich mich schon darauf “, lachte er, rieb sich die Hände und schmatzte laut. Almira lachte hell auf.
Floriana Lundshamer stürmte wutentbrannt zu ihrem Wagen, stieg ein und knallte die Wagentür zu. Sie zitterte vor Erregung, wieder und immer wieder prüfte und lud sie ihre Waffe durch. Dann warf sie den Wagen an und verließ mit quietschenden Reifen das elterliche Anwesen.
Was bildete sich Franz denn eigentlich ein! Immer musste es nur um ihn gehen. Alles andere, alle anderen waren ihm egal. Er, der noch immer dieser Frau nachweint, dieser Almira. Er war doch selber schuld damals. Hätte er sich eben mehr um sie kümmern müssen, dieser Egoist! Ganz klar, dass Almira verletzt war und ihn verließ.
Floriana hatte für die Haltung Almiras vollstes Verständnis. Und jetzt Vater so zu verletzen, mit seinem Egoismus! Ja, Franz und nur er war der eigentliche Schuldige, dass die Firma so dastand! Aufgewühlt gab sie den Zielort ein, aktivierte die Sensos und der Wagen beschleunigte, durchquerte Scharnberg, erreichte die Schnellstraße und fuhr mit hoher Geschwindigkeit Richtung Rautenau. Dort besaß sie ein Landhaus. Nie und nimmer würde sie diesen Doktor Sterner aufsuchen! Sie war nicht krank. So eine Unverschämtheit, dachte sie, ihr glauben zu machen, sie sei krank. Nur um sie um die Firma zu bringen, wenn Vater nicht mehr lebte!
Der gedrungene, silberne Belmen hatte die Achterschleifen vor Rautenau erreicht, fädelte sich in einen Pulk von etwa vierzig Wagen ein, zog die hellgrün gegossene Ausfahrt hinunter zu der Siedlung, in der ihr Haus stand und schoss in die Einfahrt zu ihrem Grundstück hoch.
„Ah, einen schönen Tag, Frau Floriana!“, begrüßte Frau Helene, die Bedienstete, ihre Arbeitgeberin. Floriana bedachte die junge Frau mit keinem Wort und stürmte nur bei ihr vorbei, direkt nach oben in ihren Privatbereich.
„Bringen sie mir Tee mit etwas Zucker!“, schrie sie noch hinunter zu Frau Helene. Dann schlug sie die Tür zu. Sie suchte ihr Holo.
Ihr Anwalt, Dr. Martens blickte sie an: „Frau Lundshamer, guten Tag! Das trifft sich gut, gerade wollte ich …“
„… Hören sie zu, Dr. Martens“, unterbrach sie ihn schroff, „ich muss mit ihnen ein paar Dinge besprechen, Ich komme morgen um Elf in ihr Büro!“
Ohne seine Antwort abzuwarten, unterbrach Floriana zornig das Gespräch.
Es klopfte. Helene brachte den Tee.
„Ist alles in Ordnung, Frau Floriana?“, fragte schüchtern die Bedienstete. Nach einem Schluck sagte Floriana schon etwas ruhiger: „Ach, Helene, ja, ich habe nur ein bisschen Kopfweh …“
„Soll ich ihnen was dagegen bringen?“
„Oh ja, das wäre lieb … sie sind ein Schatz.“
Floriana war auf einmal ganz ruhig. Der Tee tat ihr gut. Sie nahm noch einen Schluck. Dann schluckte sie die Tablette, die Helene gebracht hatte. Nach und nach verklang das lästige Kopfweh. Gleichzeitig fühlte sie eine wohlige Müdigkeit. Sie ging zu Bett und in kürzester Zeit war sie eingeschlafen.
Als Floriana erwachte, war sie matt und antriebslos. Die rotgrauen Wolkenbänke über der Landschaft tauchten diese in konturlose Formen, ohne Tiefe, mit fahlen Schatten.
Floriana schwang sich wie betäubt aus dem weichen Bett und streckte sich. Sie bezwang mühsam ihre Lustlosigkeit und begann mit ihren Übungen. Die hielten sie fit und ihren schlanken Körper beweglich. Sie läutete hinunter zu Helene, die dadurch wusste, das Frühstück war zu bringen. Zwei Vollkornbrötchen, Butter, einen Joghurt und Kaffee. Danach fühlte sie sich fabelhaft. Um Elf hatte sie den Termin bei ihrem Anwalt, fiel ihr ein.
Sie suchte ihren roten Hosenanzug aus, den sie aus Faagendorn mitgebracht hatte und nahm die flachen, schwarzen Halbschuhe. Fertig gekleidet ging sie zum Fenster und blickte hinab in die Landschaft. Rechts, hinter dem abfallenden Hügel, war nahe den uralten, fast vollständig abgestorbenen Buchen das Kugellager der Gemeinde Rautenau zu sehen, dahinter das Lagerhaus. Von dort waren Schüsse zu hören. Die üblichen Probeschüsse, wenn Kunden ihre soeben gekauften Waffen ausprobierten.
Floriana atmete tief durch. Heute wollte sie die Weichen stellen, wie es künftig weitergehen sollte mit der Firma. Ihr Anwalt musste ihr dabei helfen. Sie wollte sicherstellen, nicht von Franz oder sonst jemandem ausgebootet zu werden. Ihr gehörte auf jedem Fall ein Anteil der Firma und wie hoch der sein sollte, möchte sie heute ein für allemal geklärt wissen. Vater würde ja nicht ewig leben. Ihr war bewusst: drei Jahre blieben noch Zeit, die Firma aus dem Limit zu bringen. Sie schauderte bei dem Gedanken, was dann kommen könnte . . .
Drei lange Monate waren vergangen. Der erste Test war erfolgreich gewesen. Die Folgenden waren nur veranstaltet worden, um die Leute vom Prüfdienst der S-Kom zu beeindrucken. Sie waren es dann auch, das mussten sie wohl oder übel zugeben und Franz Lundshamer und Holmar Weghan hatten das mit Genugtuung registriert.
Das Teststück war nicht zerstört worden und hatte sich nur minimal verformt. Es hatte dem Druck von sechzehn Tonnen standgehalten. Dann kam die nächste Vorführung; Das gleiche Teststück wurde auf den großen, runden Tisch im Experimentierraum gelegt und die Anwesenden gebeten, sich rundum zu versammeln, um zu beobachten, was nun passieren werde.
Ein Techniker verlegte dünne Kabeln, verband sie mit dem Teststück und einem kleinen Erg-Speicher. Dann ermunterte Weghan die Prüfer, das Stück doch anzufassen. Die waren höchst erstaunt darüber, was mit dem Teil, das vorhin noch sechzehn Tonnen widerstanden hatte, geschehen war. Es war biegsam geworden, sie konnten es kneten, in jede Form bringen und was das Erstaunlichste war, es hatte eine andere Farbe angenommen.
Meinar Bingden wog das hellgraue Stück Wunder in seiner fleischigen Hand, dann gab er es an den nächst Stehenden weiter und auch dieser konnte nichts anderes tun, als seinen Kopf zu schütteln. Meinar Bingden strich seinen Kinnbart glatt. Was hinter seinen Stirnfalten vor sich ging, verriet er nicht. Er wusste nur, dass er eben Zeuge geworden war von etwas wirklich Großem. Er sah Franz Lundshamer und Holmar Weghan mit seinen hellbraunen Augen an und machte eine beiläufige Handbewegung.
„Sie werden uns doch auch verraten, wie sie beide dieses Kunststück fertig gebracht haben? Zauberei dürfte ja nicht dahinter stecken, habe ich recht? …“ Er wartete.
Holmar Weghan und Franz Lundshamer hatten es nicht eilig. Dann, als die anderen Prüfer endlich mit ihrer Inspektion des Versuchsteiles fertig waren, sagte Franz Lundshamer:
„Nein, Zauberer sind wir keine. Ich kann ihnen versichern, dass auch ihre Augen ihnen keinen Streich gespielt haben, oder dass sie sonst einer Beeinflussung ihrer Wahrnehmung ausgesetzt waren. Einzig und allein das Mineral Kolondrit ist der Schlüsselpunkt. Kolondrit ist mit den Einschlägen auf die Erde gekommen, wie wir ja wissen und ist überall verteilt, bis sogar in zehn Kilometern Tiefe.“
Er machte eine Kunstpause, die Holmar Weghan geschickt nutzte, um fortzufahren:
„Anscheinend hatte bis jetzt niemand die versteckten Eigenschaften dieses unscheinbaren Materials herausgefunden. Es kann, je nach Verbindung, zu den erstaunlichsten Veränderungen fähig sein. Einige davon konnten sie soeben selbst sehen. Das waren, wohlgemerkt, aber nur einige … ich möchte sie jetzt bitten mit mir zu dem Becken dort zu kommen, sie werden nun einer weiteren, erstaunlichen Verwandlung unseres Teststücks beiwohnen können.“
Franz Lundshamer hielt bereits das biegsame, hellgraue Stück in der Hand und legte es anschließend in das durchsichtige Glasbecken. Er wartete, bis die Prüfer mit Holmar Weghan sich um den Behälter versammelt hatten, dann tropfte er aus einem roten Fläschchen etwas auf das Teststück. Schlagartig wurde das Stück flüssig. Eine unscheinbare, wässrige Flüssigkeit bedeckte den Glasboden des Behälters.
Meinar Bingden fühlte sich alles andere als wohl in seinem dunklen, etwas zu engen Rock und auch seine Männer zeigten Unsicherheit und Verwirrtheit.
„Wissen bereits andere Koms von ihrer Erfindung, … oder sind wir die Ersten?“ Meinar Bingden hatte sich gefasst und überlegte weitere Schritte.
„Es war richtig von ihnen, Herr Lundshamer und Herr Weghan, dass wir von der S-Kom zuerst informiert wurden.“ Seine Miene wurde dabei weich und gütig. „Dass nun ein vollständiger Antrag auf Rechtszuspruch der Eigentümerrechte an sie beide in meiner Abteilung einzutreffen hat, ist ihnen bekannt …“
Er strich wieder über seinen Kinnbart und machte ein ernstes Gesicht.
„Jetzt ist sofort als nächstes die Glob-Kom in Kenntnis zu setzen … die werden auf eine eigene Vorführung bestehen, das werden sie sicher wissen, nicht?“
„… Deshalb haben wir alles schon vorbereitet“, unterbrach ihn mit einem Lächeln Holmar Weghan. „Sie haben unseren Rechtszuspruchantrag bereits auf ihren Rechnern.“
Da konnte selbst ein Meinar Bingden nur schlucken, bei soviel Weitsicht. Er trat zu einer der Pan-Glasscheiben und betrachtete die Stadt Weggen. Plötzlich griff er in seine Brusttasche. Seine Waffe, ein flacher Taschenwerfer der neuesten Bauart, lag fast unsichtbar in seiner Hand.
„Sehen sie“, sagte er, sah aber niemanden dabei an, nur die Waffe. „Dies hier ist auch so etwas Großes, etwas, das die Technologien unserer Welt radikal verändern wird. Wir müssen es nur zulassen.“
Meinar Bingden machte kehrt und stellte sich vor Franz Lundshamer. Er lächelte, als er auf den Behälter deutete, in dem vorher ein fester Körper wie Wasser zerronnen war.
„Was werden sie mit diesem … diesem Ding machen? Es weg schütten?“
Franz Lundshamer lächelte auch.
„Nein, dazu ist es zu kostbar. Ich werde dieses … Ding, wie sie sagten, in eine Form gießen und es wird wieder das feste Material, das es vorher war - wollen sie sehen?“
Natürlich wollten Bingden und seine Kollegen sehen. Franz Lundshamer fuhr den Rolltisch mit dem Glasbehälter in die Mitte des Labors, wo Holmar Weghan auf einem mächtigen, im Boden fest verankerten Stahltisch etwas Platz freimachte, eine Gussform darauf befestigte, an der einige Kabeln hingen. Die Herren von der S-Kom sahen, wie die Flüssigkeit in der Form verschwand.
Fragend sah Meinar Bingden in die Runde.
„Und, … was jetzt?
„Nur Geduld …“
Holmar Weghan drückte ein paar Tasten.
„So, das war es …“, sagte er ruhig. Er öffnete die Form und entnahm ihr einen Stab aus dunklem Material, der genauso aussah, wie der, dem sechzehn Tonnen Druck nichts anhaben konnten.
Bingdens Kollegen befingerten ungläubig den Stab. Er selbst hielt sich raus. Er musterte Lundshamer und Weghan unentwegt, als wüsste er nicht, was er tun sollte. Sie beglückwünschen oder sie warnen. Er entschied sich für das Unverfänglichste.
„Also, meine Herren“, sagte er freundlich,
„ich und meine Kollegen sind begeistert. Deshalb werde ich selbst die Glob-Kom informieren, sie haben damit nichts mehr zu tun. Die werden sich mit ihnen in Verbindung setzen und einen Termin vereinbaren. Was ihren Rechtszuspruchantrag betrifft, sehen sie ihn an als durchgegangen.“
Wie auf Kommando zückten die Beamten der S-Kom ihre Waffen und luden durch. Franz Lundshamer und Holmar Weghan mussten es ihnen gleich tun. So verlangte es das Ritual.
Eine Woche später überschaute Franz Lundshamer im elterlichen Haus noch einmal die Koffer und Behälter, in denen sich seine wichtigsten Bücher und Gegenstände befanden. Die wollte Franz in seinem Weggener Haus mit dem großen Versuchslabor haben. Er gab den Männern ein Zeichen, damit den Transporter zu beladen und nach Weggen zu bringen.
„Muttchen, soll ich dir, bevor ich gehe, noch die Waffe prüfen und durchladen?“, sagte Franz leise zu seiner Mutter.
„Ja … bitte, lieber Bub.“
Voll Liebe zu ihr nahm Franz Mutters Waffe, prüfte sie so eingehend wie nur möglich und lud sie ihr durch. Von seinem Vater konnte er sich nicht verabschieden, der hatte sich in seinem Zimmer eingeschlossen.
„Auf Wiedersehen …“
Seine Stimme erstarb. Er machte sich ernstlich Sorgen um seine Eltern. Aber nicht nur das beschäftigte ihn; die Sturheit seines Vaters konnte die ganze Familie in den Abgrund reißen und wie leicht könnte es - würden sie das Limit nicht schaffen - damit zum Schlimmsten kommen! Er hatte beschlossen, etwas dagegen zu tun. Schweren Herzens hatte sich Franz Lundshamer zu diesem entscheidenden Schritt durchgerungen.
Er wollte in seinem Leben etwas erreichen, selber etwas schaffen, auf das er stolz sein konnte und nicht von seinem Vater abhängig sein. Franz war felsenfest davon überzeugt, dass es Holmar Weghan und ihm mit ihrer Entdeckung des neuen Werkstoffes möglich sein würde, gänzlich neue Anwendungsgebiete zu erschließen.
Wenn aber diese Visionen nicht in der eigenen Firma zu verwirklichen wären, dann würde er eben zur Konkurrenz gehen und dort seine Vorschläge präsentieren. Und er hoffte, dass, wenn er erfolgreich sein würde, er dadurch zugleich auch den Lundshamer Werken helfen konnte.
Er fuhr in sein Stadtbüro. Vater hatte er nicht mehr gesehen, deshalb konnte er sich nicht mehr von ihm verabschieden. Franz liebte seinen Vater, trotzdem er mit ihm, was die Konzernführung betraf, nicht einer Meinung war. Aber diesmal, dachte sich Franz, war ein richtiger Bruch zwischen ihnen passiert. Das hatte er nicht gewollt. Aber so war es nun einmal!
Unterwegs zu seinem Büro überdachte er sorgfältig seine nächsten Schritte
Vor dem Eingang zu seinen ebenerdig gelegenen Büroräumen war helle Aufregung. Fünf Gestalten lagen niedergestreckt auf dem Gehsteig.
Holmar Weghan, sein Sekretät stand mit seiner Waffe in der Hand bei zwei Sicherheitsleuten und gestikulierte. Als Franz Lundshamer zu ihnen trat, sah Holmar Weghan auf und sagte mit regungsloser Miene:
„Herr Lundshamer, gerade vorhin wollten diese Kerle bei ihnen einbrechen …“, er zögerte, weiter zu sprechen. „Zum Glück konnte ich sie davon abhalten.“
Franz Lundshamer musterte ernst die fünf Gs am Boden. „Das … haben sie gut gemacht“, sagte er zu Holmar Weghan. Er tauschte mit den Sicherheitsleuten kurz Formalitäten aus und wandte sich wieder seinem Mitarbeiter zu.
Holmar ließ den Kugelfang vor dem Büroeingang in der Wand einrasten. Drinnen im hellen, großräumigen Hauptraum mit den langen Stahlglastischen, auf denen die Rechner, zwei große Holos und Berge von Papieren und Modellen standen, bat Franz Lundshamer seinen Mitarbeiter in der grünen Sitzecke mit ihm Platz zu nehmen.
„Lieber Holmar“, begann Lundshamer, „ich möchte mit ihnen etwas sehr Wichtiges besprechen; es ist die Zeit gekommen, unsere Experimente, besser gesagt, die Resultate daraus öffentlich zu machen … natürlich nicht alle“, sagte er schnell, als Holmar Weghan sich anschickte, etwas zu erwidern.
„Nur das Reagieren auf Konsistenz und Wärme. Ich weiß, lieber Holmar, die ganz neuen Versuche sind noch nicht so weit.“
Er lehnte sich zurück und kratzte sich am Ohr. „ Wir sollten vorerst einmal die harmlosesten unserer Erfindungen einer geeigneten Firma zur Produktion vorlegen und wenn die schlau sind, werden sie zubeißen.“
Holmar Weghan atmete auf: „Wenn sie glauben, der richtige Zeitpunkt ist gekommen … dann machen wir es! Sie können auf mich zählen, Herr Lundshamer.“ Schnell erhob sich Weghan und aktivierte einen der beiden Schirme.
„Herr Lundshamer, ich habe mir erlaubt, schon einen Block der angesehensten Betriebe, die eventuell dazu in Frage kämen, anzulegen. Bitte.“
Franz Lundshamer war perplex über die Weitsicht Holmars. Er durchsah die Werbs.
„Alle Achtung, lieber Holmar! Sie sind mir einer. Ihre Voraussicht und Loyalität habe ich über die langen Jahre, die sie bei mir sind, immer geschätzt … nun, fangen wir gleich an!“
Floriana Lundshamer stoppte ihren teuren Wagen direkt vor der Kanzlei von Dr. Martens. Sie griff in das Handschuhfach, holte ihre kleine Pistole mit dem schwarzen Griff heraus. Eingehend prüfte sie die Waffe, lud durch und legte sie wieder zurück. Diese kleine Pistole blieb für Notfälle immer im Handschuhfach. Jetzt öffnete sie ihre Handtasche und kontrollierte die Waffe, die sie stets bei sich mitführte. Floriana lud durch und verstaute sie wieder in der Handtasche. Dann schwang sie sich elegant aus dem Wagen. Ihre hellblonde Mähne umrahmte ihr rundliches, hübsches Gesicht.
Sie wusste um ihre attraktive Erscheinung und so bewegte sie sich auch die paar Schritte hin zum Portal der Anwaltskanzlei.
Die Vorzimmerdame sah von ihrem Rechner auf und sagte: „Guten Morgen, Frau Lundshamer. Sie können gleich weitergehen.“
Dr. Martens stand in seinem Büro und las gerade in einem Papier, als seine Klientin eintrat.
„Soll ihnen Frau Linde Kalfeen oder Tee bringen?“, fragte er, ohne sie dabei anzusehen.
„Danke, nein“, antwortete Floriana, „ich möchte gleich zur Sache kommen.“
„Bitte nehmen sie doch Platz.“ Er deutete auf den schweren Stahlrohrsessel vor seinem Schreibtisch und setzte sich an den großen Schreibtisch.
„Was kann ich für sie tun?“ Dr. Martens blickte sie an.
„Doktor Martens, ich möchte Einblick nehmen in die Aufstellungen der gesamten Vermögensverhältnisse meiner Familie und dabei einige Punkte, die meinen Bruder Franz betreffen, abändern.“
Dr. Martens sah sie irritiert an.
„Frau Lundshamer, bitte verzeihen sie, aber diesen Einblick kann und darf ich ihnen leider nicht ohne Dabeisein der anderen Zeichnungsberechtigten gestatten. Sie können lediglich den Passus, der ihren Anteil an der Firma betrifft, einsehen und, wenn sie möchten, korrigieren. Tut mir leid.“
Floriana sah ihn an. Ihre hellen Augen blitzten auf.
„Ich habe das Recht dazu!“, sagte sie scharf,
„es ist meine Familie und ich verlange zu erfahren, wer wie viele Anteile des gesamten Vermögens besitzt. Mein Bruder ist dabei, die Firma zu ruinieren! Ich werde ihn aufhalten und wenn nötig, klagen!“
Floriana warf ihre Haare in den Nacken. Ihr Gesicht rötete sich und sie spürte eine seltsame Erregung.
Dr. Martens bemerkte ihren aufsteigenden Zorn und bat sie höflich, ihre Forderungen doch noch einmal in Ruhe zu überdenken.
„Liebe Frau Lundshamer, bitte verstehen sie doch, ohne die Zustimmung der restlichen Familienmitglieder darf ich keine derartigen Auskünfte geben“, sagte er höflich.
Floriana spürte, wie ihr heiß und kalt zugleich wurde. So einfach wollte sie sich nicht abspeisen lassen. Sie erhob sich und trat dicht zum Schreibtisch, hinter dem Dr. Martens sie kühl anblickte.
„Bitte veranlassen sie“, stieß sie hervor, „eine Klage gegen meinen Bruder aufzusetzen, wegen vorsätzlicher Schädigung der Firma Lundshamer in Scharnberg!“
Dr. Martens konnte es nicht glauben. Er überlegte fieberhaft, wie er sie dazu bringen könnte, von dieser absurden Absicht Abstand zu nehmen.
Dann sagte er: „Gut, Frau Lundshamer, wenn sie unbedingt möchten, werde ich die nötigen Schritte einleiten und sie informieren, wenn alles geklärt ist.“ Er sah sie dabei ernst an.
Das beruhigte Floriana etwas, aber linderte nicht ihren Zorn. Erhobenen Hauptes rauschte sie, ohne sich von Dr. Martens zu verabschieden, hinaus, bei Frau Linde vorbei und knallte die Tür hinter ihr zu.
Arbeitsreiche Wochen vergingen, in denen Franz Lundshamer mit Holmar Weghan eine umfangreiche Präsentations-Repro über Framar - so nannten sie ihr Produkt - erstellten. Sie zeigte die verschiedensten Anwendungsmöglichkeiten des neuartigen Glases. Es war schusssicher, es reagierte auf Wärme und Licht und leuchtete in sich, wenn minimaler Strom angelegt wurde. Es ließ sich zu Folien verarbeiten, die tausendstel Millimeter dünn sein konnten, biegsam, aber unglaublich reißfest und undurchdringlich waren. In Stoff eingewebt, war der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Daraus ergab sich eine Fülle von Einsatzvarianten. Ganze Häuser waren möglich, die leuchteten und vieles mehr. Von den jüngsten Resultaten ihrer Forschung, der enormen Festigkeit, der Verflüssigung und Wiederverfestigung erwähnten sie nichts. Dies sollte noch nicht publik werden. Nach nochmaliger Überarbeitung der Repro begann die Suche nach Produzenten.
Eines Tages kam Holmar Weghan aus seinem Büroraum zu Franz Lundshamer gestürzt.
„Herr Lundshamer, hier, diese Adresse ist interessant: die Vereinigten Glas-und Stahlwerke Angsheim in Ranbach. Sie wären interessiert und bitten um Rückruf.“
Da gab es Franz einen Stich, direkt ins Herz. Ranbach! Dort war ihm ja Almira über den Weg gelaufen. Nervös suchte er seine Waffe und rein aus plötzlicher Verwirrtheit prüfte er sie und lud durch. Das war eine Angewohnheit von ihm, wenn er sich unsicher fühlte.
„Stimmt etwas nicht …?“, fragte besorgt der
Sekretär.
„ … Nein … nein, es ist nichts …“
Vor Franz tauchte das schöne Antlitz Almiras auf. Insgeheim hoffte er mit jeder Faser seines Herzens, sie wieder zu treffen, aber zugleich fürchtete er diesen Augenblick zutiefst.
„Gut, lieber Holmar, arrangieren sie ein
Treffen.“
Sofort war dieser wieder in seinem Büro und telefonierte. Anschließend kam er zurück zu Franz.
„Herr Lundshamer“, sagte er, „Herr Melbrok von der Entwicklungsabteilung der Firma Angsheim erwartet sie am Donnerstag um neun Uhr, Kolmanstraße vierzehn!“
Franz freute sich.
„Danke, lieber Holmar. Natürlich kommen sie mit mir. Ohne sie gehe ich nicht.“
„Wenn sie es wünschen, sehr gerne.“
Holmar Weghan fühlte sich durch das Vertrauen, das sein Vorgesetzter ihm damit zeigte, geschmeichelt. Dann machten sie sich wieder mit neuem Elan an die Arbeit. Es gab noch einiges zu tun.
Der Donnerstag begann für Franz Lundshamer und Holmar Weghan schon früh um Sechs. Sie packten alles für die so wichtige Präsentation zusammen. Noch einmal gingen sie den Ablauf durch, um ja nichts falsch zu machen. Als es so weit war, prüften beide ihre Waffen und luden durch.
Dann stiegen sie in den Wagen und fuhren in die Kolmanstraße vierzehn. Die Angsheimwerke befanden sich etwas außerhalb der Stadt. Werkshallen reihten sich an Werkshallen, dazwischen hohe Gebäude mit Büros.
Bei Nummer Vierzehn kamen sie zu einem breiten, offenen Werkstor. Ein uniformierter Portier, der gerade dabei war, seine Waffe zu prüfen und durchzuladen, sprang aus dem Wachhaus. Als Franz Lundshamer erwähnte, zu einem Termin in der Entwicklungsabteilung erscheinen zu müssen, sagte der Portier sofort: „Natürlich, Herr Lundshamer, ich weiß Bescheid“, rief er freundlich und winkte sie durch.
Franz Lundshamer musste zugeben, dieser Betrieb war um einiges größer, als er ihn sich vorgestellt hatte. Die Entwicklungsabteilung war in einem vierstöckigen, sehr modern angelegten Gebäude untergebracht. Eine Hinweistafel im mit viel Glas und Stahl gestalteten Eingangsbereich zeigte den Weg zu Melbroks Büro.
In dem hellen Raum war alles hergerichtet für eine Konferenz. Mineralwasser und Gläser standen auf einem großen Glastisch, um den sechs Stahlrohrstühle standen. An einer Wand war eine Projektionsfläche, davor ein Glastisch mit Rechnern und Holos. Man hatte wirklich an alles gedacht, stellte Franz fest, um reibungslos arbeiten zu können.
Herr Melbrok flog förmlich durch die Tür.
„Ich begrüße sie, Herr Lundshamer!“, rief er und hieß auch Holmar Weghan herzlich willkommen. „Gleich wird Herr Sigmund Angsheim mit einigen Mitarbeitern erscheinen. Herr Angsheim ist schon sehr gespannt, was sie ihm zeigen werden.“
Sigmund Angsheim erwachte. Es war noch dunkel. Almira, die neben ihm lag, schlief tief und fest. Er tastete nach dem Schalter seiner Nachttischlampe. Im milden Schein ihres Lichtes betrachtete Sigmund seine schlafende Geliebte. Sie lag da, schön wie eine Göttin. Er liebte sie sehr, das wurde ihm noch mehr bewusst, jetzt, wo er sie so schlafend daliegen sah. Er konnte seine Augen nicht von ihr lösen, so fesselte ihn ihr Anblick. Aber seit ein paar Tagen hatte er sich eingebildet, dass Almira nicht so war, wie sonst. Es schien, dass eine leise Verwirrtheit und eine Art Abwesenheit sie beherrschte. Irgendwie war es, als denke sie unentwegt an etwas, das sie beunruhigte. Sigmund hatte es bis heute nicht gewagt, sie darauf anzusprechen. Sie selbst erwähnte auch nichts dergleichen.
Er erhob sich leise. Er wollte die Schlafende nicht wecken. Es war erst Fünf, aber trotzdem ging er zuerst in das Vorzimmer und prüfte die dort auf der Kommode liegende Waffe und lud sie durch. Er horchte zum Kinderzimmer, doch auch Lara schlief noch.
Heute war ein wichtiger Tag. Um Neun war eine Konferenz im Betrieb anberaumt, da musste er frisch und wach auftreten. Dabei ging es eventuell um eine wichtige Weichenstellung, die für den künftigen Fortbestand des Werkes entscheidend sein könnte.
Franz Lundshamer, der Sohn des alten, ehrwürdigen Lundshamer, wollte mit einem Mitarbeiter kommen und eine Sensation präsentieren, die noch nicht auf dem Markt war. Sigmund hatte sofort, als er davon von Melbrok erfahren hatte, zugesagt. Natürlich fragte er sich, warum Franz Lundshamer das alles nicht im eigenen Betrieb umsetzen wollte. Er wird wohl seine Gründe haben, dachte er. Auf jeden Fall sah er mit Spannung dem Treffen entgegen.
Beim Frühstück war Almira sehr fröhlich und ihr leichtes Lachen vertrieb seine Angespanntheit. Er hatte ihr von der heute wichtigen Konferenz nichts gesagt. Er wollte abwarten, wie sich alles entwickeln würde. Sie wusste in keiner Weise von den wirtschaftlichen Schwierigkeiten, mit denen das Werk zu kämpfen hatte. Damit wollte er Almira und auch Lara nicht beunruhigen.
Es war Zeit. Er prüfte seine Waffe und lud durch, bevor er der kleinen Lara einen dicken Schmatz gab. Dann küsste er Almira.
„Schatz, hab einen schönen Tag, ich melde mich, sobald ich kann, … und du, meine liebe Lara, denk dran, bald ist dein Geburtstag“, lachte er.
Unterwegs gab es einen kleinen Zwischenfall. Er musste anhalten, da vor ihm drei Sicherheitsleute um ein paar am Boden liegende Gs standen.
Endlich erreichte er das Werkstor. Lorek, der Portier, grüßte ihn und machte Platz. Sigmund parkte den schweren Wagen direkt vor der Entwicklungsabteilung. Ein großer, dunkelroter Belmen - das neueste Modell - der auch da stand, fiel ihm sofort auf.
Melbrok, der Entwicklungsleiter öffnete ihm schon die Eingangstür.
„Guten Morgen, Herr Angsheim. Die Herren sind schon da“, sagte er und ging vor ihm her.
Im Konferenzraum erwarteten Sigmund Angsheim zwei elegant gekleidete Herren.
Der jüngere war von hoher, schlanker Gestalt und hatte ein markant geschnittenes Gesicht, in dem zwei wache, dunkle Augen blitzten. Der wesentlich ältere Mann neben ihm hatte eine ebenso vornehme Ausstrahlung.
„Gestatten sie, Franz Lundshamer“, stellte sich der große Mann vor, „ und dies ist mein Mitarbeiter Herr Holmar Weghan.“
Sie gaben sich die Hände.
„Also, Herr Lundshamer …“, fing Sigmund Angsheim das Gespräch an, „wir warten noch auf die Herren Wagner und Siebes, bevor wir anfangen. Wir sind sehr gespannt, was sie uns zu bieten haben“, sagte Sigmund Angsheim, „ … ah, da sind sie schon.“
Der Werksinhaber und die Mitarbeiter setzten sich an den Tisch.
„Nun, bitte beginnen Sie.“
Der silbrig glänzende Wagen schoss die Landstraße hinunter. Links und rechts flogen die Bäume an Floriana vorbei, die sich im Formsitz festklammerte, denn ihr war plötzlich schwindlig geworden. Sie war erfüllt von widersprüchlichen Gefühlen. Außerdem hatte sich wieder dieser stechende Schmerz in ihren Kopf hinein gebohrt, der in Wellen ihr Gehirn marterte und sie am klaren Denken hinderte. Sie fühlte sich heillos unglücklich und bekam panische Angst, ob sie nicht womöglich doch ernsthaft krank sein konnte, wie ihre Eltern vermuteten. Nein, dachte sie unwirsch, ich bin nicht krank, das hättet ihr alle wohl gern!
Die kurvenreiche Straße schlängelte sich zwischen gepflegten Wiesenflächen, liebevoll herge
