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Science Fiction wurde verboten, daher muss sich der Science-Fiction-Autor Sam ein neues Betätigungsfeld suchen. Zunächst gelingt es ihm aber tatsächlich, sich mit seiner Traumfrau Julie zu verabreden, die eigentlich eine Nummer zu groß für ihn ist. Dann jedoch fällt ihm auf, dass er der Verabredung am nächsten Framstag zugesagt hat, ohne zu wissen, wann Framstag eigentlich sein soll: Es kostete Sam fünf Leben, eine gebrauchte Zeitmaschine und seine gesamte Erfahrung als SF-Autor, um dieses Rätsel zu lösen. Nebenbei schreibt er noch ein Buch über die Geschichte des Judentums, das unter dem Titel Die Bibel zu Weltruhm gelangt und ihn steinreich macht...
Framstag Sam ist der zweite Roman des belgischen Science-Fiction- und Hörspiel-Autors Paul van Herck (* 1938 - + 1989) – ein Science-Fiction-Roman (erstmals im Jahre 1968 veröffentlicht), bei dem der Humor und die Auslotung von Genre-Grenzen im Vordergrund stehen.
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Veröffentlichungsjahr: 2018
PAUL VAN HERCK
Framstag Sam
Roman
Apex Science-Fiction-Klassiker, Band 10
Apex-Verlag
Inhaltsverzeichnis
Das Buch
Vorwort des Übersetzers
FRAMSTAG SAM
ERSTES LEBEN
ZWEITES LEBEN
DRITTES LEBEN
VIERTES LEBEN
FÜNFTES LEBEN
Science Fiction wurde verboten, daher muss sich der Science-Fiction-Autor Sam ein neues Betätigungsfeld suchen. Zunächst gelingt es ihm aber tatsächlich, sich mit seiner Traumfrau Julie zu verabreden, die eigentlich eine Nummer zu groß für ihn ist. Dann jedoch fällt ihm auf, dass er der Verabredung am nächsten Framstag zugesagt hat ohne zu wissen, wann Framstag eigentlich sein soll: Es kostete Sam fünf Leben, eine gebrauchte Zeitmaschine und seine gesamte Erfahrung als SF-Autor, um dieses Rätsel zu lösen. Nebenbei schreibt er noch ein Buch über die Geschichte des Judentums, das unter dem Titel Die Bibel zu Weltruhm gelangt und ihn steinreich macht...
Framstag Sam ist der zweite Roman des Belgischen Science-Fiction- und Hörspiel-Autors Paul van Herck (* 1938 - + 1989) – ein Science-Fiction-Roman (erstmals im Jahre 1968 veröffentlicht), bei dem der Humor und die Auslotung von Genre-Grenzen im Vordergrund stehen.
Seien Sie gewarnt!
Ich muss Sie, lieber Leser, gehörig auf das, was Sie erwartet, vorbereiten. Der Autor, Paul van Herck, ein Flame, nimmt die ungeschriebenen Gesetze der Science Fiction nicht nur nicht ernst, sondern verspottet sie auch noch! Ein Buch wie sein Framstag Sam muss schonungslos angeprangert werden - und zwar gleich an Ort und Stelle! Wo kämen wir denn hin, wenn jeder dahergelaufene Schreiberling aus dem Genre machen könnte, was er wollte?
Seien Sie also gewarnt!
Nehmen Sie dieses Buch bloß nicht ernst! Richtige Science Fiction, das weiß doch jeder, hat mit tapferen Raumschiffkapitänen zu tun, die ihre prachtvollen Sternenschiffe durch die unendlichen Weiten der interstellaren Nacht steuern und dem Menschen neuen Lebensraum erobern. Echte SF, meine lieben Freunde, handelt von aufrechten Vertretern der Gattung Homo sapiens, die sich den Traum erfüllen, der für uns vielleicht erst in Jahrhunderten zur Realität wird: die Eroberung der Sterne! Wenn Sie dieses Buch gelesen haben, werden Sie endlich wissen, weshalb unsere Pädagogen die Science Fiction generationenlang unter dem Begriff Schundliteratur abqualifiziert haben! Bücher wie dieses haben der SF den Ruf verschafft, den sie noch heute in gewissen snobistischen Kreisen genießt.
Wenn Sie Framstag Sam bis zum bitteren Ende durchgelesen haben und es Ihnen dennoch gelungen ist, Ihre geistige Gesundheit zu bewahren, muss ich Ihnen trotzdem dringend raten, Bücher dieser Art in Zukunft zu meiden, sonst landen Sie nämlich eines Tages auch genau da, wo ich jetzt - nach abgeschlossener Übersetzung - gelandet bin, und das wollen Sie sich doch bestimmt ersparen, oder?
Ronald M. Hahn
Psychiatrische Klinik,
Geschlossene Anstalt,
im September 1980
Verzweifelt krallten sich Sams Hände in den abbröckelnden Rand des Abgrunds. Mit Entsetzen stellte er fest, dass sich zu allem Übel auch noch ein Krampf anschickte, langsam aber sicher die Oberhand über seine Finger zu gewinnen.
Er rutschte ab.
Und...
Um ganz ehrlich zu sein: Sam hing natürlich nicht am Rande eines Abgrunds. Er hatte nicht mal einen Krampf in den Fingern. Genaugenommen gab es im Umkreis von mehreren Kilometern nicht einmal ein Loch, an dessen Rand sich jemand hätte verzweifelt festkrallen können. Aber ich lernte kürzlich einen Verleger kennen, der mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit zu verstehen gab, dass er beim Begutachten von Romanmanuskripten im Grunde nur Wert auf den ersten Absatz legt. Und wenn der spannend ist... Na?
Und abgesehen davon kann ich jetzt natürlich noch nicht genau wissen, wie es mit Sam weitergeht; schließlich haben wir es ja mit seiner Lebensgeschichte zu tun, und da kann es natürlich gut möglich sein, dass er – sagen wir, um das Kapitel sechsundzwanzig herum – wirklich an einem Abgrund hängt und verzweifelt seine Finger in dessen abbröckelnden Rand krallt.
Da wir gerade von verzweifeltem Ankrallen reden: Ich hatte mal einen Freund, dem gefiel diese Art von Zeitvertreib ganz ausgezeichnet. Ich hatte eigentlich vorgehabt, dieses Buch ihm zu widmen, weil er zu denen gehört, die einem nie etwas nachtragen.
Er nicht, in keinem Fall.
Eher seine Witwe.
Aber man weiß ja, wie die Leute heutzutage sind: ziemlich empfindlich.
Aber zur Sache!
Sam war Autor. Er hatte sich außerdem jenes undankbare Genre ausgesucht, das man Science Fiction nennt (was auch der Grund ist, weswegen ich ihn so gut kannte). Ich bin nämlich – in aller Bescheidenheit – derjenige gewesen, der ihn bei einem Verlag unterbrachte, denn in Flandern war ich mit einem veröffentlichten Titel bereits ein bekannter Schriftsteller. Da mein Verlag (De Kentaur, Antwerpen) außerdem bereits zwölf Exemplare meines Werks De Cirkels abgesetzt hatte, gab ich Sam die Adresse meines Verlegers, der auch prompt eine seiner Erzählungen herausbrachte. Er war damals zwanzig Jahre alt.
In der Zwischenzeit hatte Sam keineswegs eine ruhige Kugel geschoben. Er hatte drei sich gut verkaufende Bücher herausgebracht, wurde vom ernstzunehmenden Teil der Presse auf den Händen getragen und hatte sich den Ruf des besten niederländischsprachigen Autors in diesem Genre verschafft.
Und nun saß er in Lotushaltung an der Rozengracht auf den Straßenbahnschienen und meditierte unter Einsatz des Wörtchens ›Om‹. Es gehörte nämlich zu seinen Angewohnheiten, vor jedem wichtigen Ereignis seines Lebens ein Weilchen zu meditieren. Und genau ein solches bahnte sich nun an. Sam war nämlich mit seinem vierten Werk unterwegs zu seinem Verleger. Das Manuskript des besagten Werks lag sauber abgetippt in einem Schnellhefter neben ihm auf dem Boden – direkt vor den Füßen des Polizisten, der es interessiert musterte.
»Haben Sie vor. Ihren Wohnsitz hier aufzuschlagen?«, fragte der Staatsdiener mit ausgesuchter Höflichkeit.
Sam löste mit einiger Anstrengung seine Gedanken von dem Wörtchen ›Om‹ und sah ein bisschen irritiert auf. »Ich bin Schriftsteller«, erwiderte er. »Mein Name ist Sam.«
»Das verändert die Sachlage natürlich«, sagte der Polizist. »Ich habe alle Ihre Bücher gelesen. Meine Kinder verschlingen sie geradezu. Darf ich Sie um ein Autogramm bitten?«
Sam erfüllte den Wunsch des Polizisten und setzte noch ein paar freundliche Zeilen hinzu. Dann gab er den Lotussitz auf. Der Zeitpunkt seiner Begegnung mit dem Verleger rückte unaufhaltsam näher.
Der Verleger (das ist jemand, der Bücher verlegt), ein fetter Mann mit fleischigen Händen, einer dicken Hornbrille und hinterlistigen Äuglein, schaute Sam hinterlistig an. (Na ja, ich weiß, aber es war nun mal so.)
»Ich sehe dir am Gesicht an«, sagte er und bedeutete Sam mit seinen fleischigen Händen Platz zu nehmen, »dass du wieder einen Roman beendet hast. – Und mach die Tür zu!«
Sam machte die Tür zu. Der Verleger hatte nämlich eine große Antipathie gegenüber Zug. Da der Zug jedoch schon ziemlich heftig eingesetzt hatte, wirbelten lose Manuskriptblätter durch die Luft, flatterten im Zimmer umher und verließen den Raum durch das Fenster.
Der Verleger zuckte die Achseln. »Es war sowieso nur elender Schund«, sagte er. »Völlig wertloses Zeug. Was sich manche Leute in letzter Zeit doch zu schreiben erdreisten...«
Er läutete nach der Sekretärin, klatschte ihr – während er in seinen Papieren wühlte – auf den Hintern und vertrieb sich den Rest der Zeit mit einer Luftpistole. Er zielte fünfmal auf eine kostbare Porzellanvase auf dem Kaminsims, traf sie jedoch nicht.
»Aber ich sehe noch an etwas anderem, dass du einen Roman in der Hinterhand hast, Sam«, grinste der Verleger.
»An meinem Farbband?«
»An deinem Farbband, genau.«
Sam lächelte geschmeichelt. Jedesmal wenn er einen dicken Punkt unter ein abgeschlossenes Manuskript setzte, pflegte er nämlich das ausgelaugte Farbband aus der Schreibmaschine zu drehen, es zusammenzurollen und sich als Krawatte um den Hals zu hängen. Das lag daran, weil er der Meinung war, der Tag würde erst dann den richtigen, glänzenden Abschluss finden.
Strahlend vor Stolz legte Sam das Manuskript auf den Verlegerschreibtisch.
»Die Monster von Arcturus«, brummte der Verleger. Er schaute auf. »Mach doch die Tür zu, ja?!« Die Sekretärin hatte sie nämlich offengelassen, und erneut flatterten die Manuskriptblätter durch den Raum.
Sam schloss die Tür, setzte sich hin und wartete respektvoll, während der Verleger sich eingehender mit seinem neuen Opus beschäftigte.
Eine halbe Stunde später – so viel Zeit hatte der Verleger noch nie aufgewandt, um ein Manuskript zu begutachten – kam dann das Urteil. Es war kurz und bündig.
»Schund!«
Sam glaubte, sich verhört zu haben.
»Tut mir leid, Sam.«
»Was... was meinen Sie damit?«
»Es ist Science Fiction. Zuerst dachte ich, du wolltest die Leser durch den Titel auf eine falsche Fährte locken... und dass etwas ganz anderes dahintersteckt. Aber bei näherem Hinsehen... Tja...«
»Aber was haben Sie plötzlich gegen Science Fiction?«, fragte Sam verwundert. »Ich habe doch immer solche Sachen geschrieben und sie haben sich immer gut verkauft.«
»Hast du denn meinen Brief nicht bekommen?«
»Welchen Brief?«
»Ich habe ihn vor einem Monat an alle meine Autoren geschickt und darin die Situation erklärt. Hast du ihn denn nicht bekommen? Warte mal – einen Moment.«
Er durchwühlte einen großen Stapel auf dem Verlegerschreibtisch abgelegter Post und fand schließlich, was er suchte.
»Meine Sekretärin hat natürlich vergessen, ihn abzuschicken«, sagte der Verleger und schrie: »Evi!«
Evi kam herein.
»Sie sind entlassen«, sagte der Verleger. »Versuchen Sie's zur Abwechslung mal anderswo... Und machen Sie die Tür hinter sich zu!«
Evi verließ beleidigt das Büro. Sam konnte ein kurzes Aufwallen von Mitleid nicht unterdrücken, aber das Gefühl war nur von kurzer Dauer; mehr konnte man sich in der harten Geschäftswelt auch nicht erlauben.
»Erinnere mich daran, dass ich beim Arbeitsamt anrufe, damit sie mir eine neue schicken«, sagte der Verleger ungerührt. »Hier, lies das!«
Sam las den Brief. Je weiter er las, desto größer wurde seine Entrüstung.
»Science Fiction ist verboten worden?«, rief er schließlich aus. »Und warum, wenn man fragen darf?«
»Das will ich dir sagen«, erwiderte der Verleger. Er legte die Handflächen gegeneinander. »Science Fiction erweitert den Horizont, was eine gute Sache ist. Aber jetzt sind ein paar Eierköpfe aus dem Kultusministerium zu der Ansicht gelangt, dass sie den Horizont ein bisschen zu sehr erweitert. Ich habe den kompletten Untersuchungsbericht gelesen und muss sogar zugeben, dass da etwas Wahres dran ist. Da wird zum Beispiel der Fall eines Irrenhausdirektors erwähnt, der einen Patienten hat, welcher sich für Napoleon hält. Du wirst das natürlich für nicht sonderlich ungewöhnlich halten. Das ist es auch nicht. Aber der Direktor sagt, dass der Mann Recht hat und wirklich Napoleon ist! Und nachdem man herausfand, dass der Direktor zu viel Science Fiction gelesen hat... Verstehst du, was ich meine?«
Sam nickte finster.
»Nun, und in diesem Untersuchungsbericht werden Hunderte von solchen Fällen aufgelistet.«
»Ich kenne aber Dinge, die viel mehr Schlechtes heraufbeschwören und dennoch nicht verboten sind. Zigaretten, Autos. Zeitungen. Streptokokken.«
Der Verleger nickte zustimmend. »Ob es dir nun gefällt oder nicht, Sam, du wirst dich damit abfinden müssen.«
»Und wie stehen die Dinge im Ausland?«
»Es ist überall dasselbe«, sagte der Verleger betrübt. »In den Vereinigten Staaten ist die Science Fiction vor drei Monaten verboten worden. Das gleiche gilt für England und so weiter. Möglicherweise hast du noch eine Chance in Laos, Britisch-Guyana oder Hongkong. Ganz unter uns: Nächste Woche werden auf dem Kremerplein alle Science-Fiction-Bücher aus der Nationalbibliothek öffentlich verbrannt. Man hat auch nichts dagegen, wenn private Leser ihre eigenen Sammlungen dazu beisteuern. Ich werde an diesem Tag leider verhindert sein. Willst du vielleicht meine Tribünenkarte haben? Nein? Es... äh... war wohl nicht sonderlich taktvoll, dir diese Frage zu stellen, wie?«
»Es war in der Tat nicht sonderlich taktvoll«, sagte Sam wütend, während der Verleger seine Tribünenkarte wieder in die Schreibtischschublade zurücklegte.
»Was wirst du nun machen, Sam?«
Sam zuckte mürrisch die Achseln, warf sein Manuskript in den Papierkorb und ging hinaus.
»Mach die Tür zu!«, brüllte der Verleger hinter ihm her, aber Sam hörte ihn schon nicht mehr.
Er lief über die Straße, ohne auch nur einen Gedanken an den herrschenden Verkehr zu verschwenden. Sam dachte nämlich nach, aber seine Gedanken waren nicht sonderlich rosig. Er verfluchte den Augenblick, in dem er den Roman begonnen hatte. Drei Monate lang hatte er sich von der Außenwelt abgeschlossen und sich mit einer Kaffeekanne und der Schreibmaschine zurückgezogen. Drei Monate, in denen er jeden Kontakt mit der Außenwelt sorgfältig vermieden hatte, um sich auf die Monster von Arcturus konzentrieren zu können. Hätte er das nicht getan, wäre ihm rechtzeitig bekanntgeworden, was da auf ihn zukam...
Unbewusst lenkte er seine Schritte auf das Café Wells zu, einem Lokal, das bekannt dafür war, dass zu seinem Kundenstamm eine Reihe von Science Fiction-Autoren gehörten. Die Flagge hing auf Halbmast. Frank, der Barkeeper, polierte mit einem melancholischen Blick die Biergläser.
»Das Geschäft läuft heute wohl nicht besonders, was, Frank?« Sam ließ sich an der Fensterscheibe in einen Sessel fallen, zündete sich eine Zigarette an und sah sich im Inneren des Lokals um. Der Raum war beinahe leer. In einer Ecke saß John Wyndham. Er hatte einen Bleistift hinters Ohr geklemmt und rauchte eine Zigarre. Er sah ziemlich heruntergekommen aus und schien sich seit drei Tagen nicht mehr rasiert zu haben.
»Ich mach' den Laden morgen dicht«, sagte Frank.
»Gib mir 'ne Halbe«, sagte Sam. Mit dem Glas in der Hand schlenderte er zu Wyndham hinüber.
»Es sieht beschissen aus, was, John?«
Wyndham nickte.
»Ich bin gerade mit einem Manuskript bei meinem Verleger gewesen. Drei Monate Arbeit, und alles für die Affen.«
Wyndham nickte teilnahmsvoll. »Ich kann's mir lebhaft vorstellen, mein Junge. Aber wir werden uns damit abfinden müssen. Du weißt wohl noch nicht, was mit den anderen passiert ist?«
»Woher soll ich das wissen?«
»Eine ganze Reihe von uns ist übergelaufen und schreibt jetzt Krimis oder psychologische Romane. Psychologische Romane!« Wyndham hatte Mühe, ein Zittern zu unterdrücken.
»Und der Rest?«
»Ein paar haben Selbstmord begangen. Heute der größte von allen: Ray Bradbury.«
»Ray Bradbury! – Hängt die Flagge deswegen auf Halbmast?«
»Ja. – Prost!«
»Prost!«
Wehmütig leerten sie ihre Gläser. Sie knabberten eine ganze Weile an den Glasrändern herum, ehe sie auf die Idee kamen, eine neue Lage zu bestellen.
Draußen, hoch über den Dächern, donnerte eine Boeing 808 vorbei.
»Raketen... Planeten... Monster... Lebt wohl...« Eine Träne lief über Wyndhams eingefallene Gesichtszüge.
»Tja... Prost!«
»Prost!«
Erneut verfielen sie für lange Zeit in Schweigen.
»Schnürriemen«, sagte Wyndham plötzlich, während es in seinen Augen wahnsinnig glitzerte. »Ich werde Schnürriemen verkaufen. Ich werde mich einfach weigern, eine andere Literatur zu schreiben als die unsrige, die einzige, die Heilige!«
»Das ist ein Männerwort«, gab Sam ihm Recht. »Aber ausgerechnet Schnürriemen?«
»Ja. Weißt du etwa was Besseres?«
Sam dachte nach. Er war noch jung und begann sich allmählich von dem Schlag zu erholen. Außerdem herrschte schönes Wetter, und das Leben war zu schön, um sich solch defätistischen Gedanken hinzugeben. Das Genre war zwar tot, aber schließlich gab es nichts, das nicht unwiderruflich war. Eine Stunde später schwankten Wyndham und Sam brüderlich vereint hinaus und wandten sich dem Sonnenlicht entgegen.
Frank, der Barkeeper, sah ihnen nach und bekam feuchte Augen. Schluchzend band er sich ein Dutzend Whiskyflaschen um den Hals, öffnete die Tür, ging zielbewusst auf die Gracht zu und sprang hinein.
»Weißt du was?«, fragte Sam, als der Barkeeper zum dritten Mal wieder an die Oberfläche kam. »Wir sollten ihn da herausfischen.«
»Gute Idee«, sagte John Wyndham.
(Es ist ein wohlbekannter und oft benutzter Trick, an einem entscheidenden Punkt anzuhalten und dann ganz plötzlich einen Sprung nach vorn zu machen. Etwa so: Die Heldin sitzt in einem Verlies und der sadistische Wächter geht mit einem langen Brotmesser auf sie zu, wobei ihm die Augen vor Geilheit beinahe aus dem Kopf springen. Dann kommt ein neues Kapitel. Der Held und die Heldin sitzen gemütlich zusammen in einem Flugzeug und unterhalten sich über ihre wilde Vergangenheit.
Und so auch jetzt:) »Ihr seid also Science Fiction-Autoren?«, fragte der Polizist, als sie alle drei pitschnass in dem schwarzen Einsatzwagen saßen.
»Diese Herren wohl«, sagte der Barkeeper. »Ich aber nicht. Ich bin ein Science Fiction-Barkeeper.«
»Das erklärt vieles«, sagte der Polizist. »Eure geschäftliche Lage sieht wohl nicht gut aus im Moment. Na gut, diesmal kommt ihr noch mit einer Verwarnung davon, aber wenn das noch mal passiert, lassen wir euch in der Gracht liegen. Klar?«
Sie nickten und stiegen aus. Die nassen Kleider trockneten nur langsam, aber dafür erzeugten ihre aufgeweichten Schuhe zum Ausgleich beim Gehen hübsch quietschende Geräusche.
»Schnürriemen«, sagte John Wyndham. »So schlecht war die Idee ja nun auch nicht. Halt die Ohren steif, Alter!« Apathisch löste er drei Whiskyflaschen von Franks Hals und verschwand in der Menge.
»Wyndham hat Recht«, sagte Sam. Er gab sich – ebenso wie die Polizisten – mit zwei Whiskyflaschen zufrieden und ging nach Hause.
An diesem Abend sah er sie – und war sofort verliebt.
Sie hieß Julie und war die Tochter des Justizministers. Sams Alter prädestinierte ihn geradezu, sich schnell zu verlieben, und in der Tat war ihm ähnliches auch schon des Öfteren passiert. Aber diesmal war es etwas anderes. Es war viel tiefer, das spürte er.
Aber sie war unerreichbar für ihn. Ihr Papa, Minister Vandermasten, war berüchtigt wegen seines schlechten Charakters und seines geradezu sprichwörtlichen Glücks. Bei solchen Leuten konnte man als bankrotter Schreiberling natürlich keinen Blumentopf gewinnen...
Sam wälzte ein paar Tage Pläne, fand aber keinen Ausweg. Dann tat er das, was er an sich sofort hätte tun sollen. Er schrieb einen Brief an Tante Lea, die in der Wochenzeitung Rosenduft (komplett mit Fernsehprogramm und für die ganze Familie geeignet) die ›Seite der gebrochenen Herzen‹ betreute.
Eine Woche später fand er im gleichen Blatt ihre Antwort abgedruckt. Für Sam war sie allerdings ein Schlag unter die Gürtellinie, denn Tante Lea, die schrieb, dass sein Fall ihr ganz besonderes Interesse hervorgerufen hätte, gab bekannt, dass es für Sam nur eine Lösung gäbe: Er müsse reich werden, reich werden!
Wie, das war egal. Auf alle Fälle musste er es. Sam machte sich auf der Stelle an die Arbeit. Er kaufte sich das Buch Wie man Millionär wird, ohne sich anzustrengen und las es in einem Zug durch. Und so begriff er schließlich, dass Reichwerden eine Kleinigkeit ist. Man konnte zum Beispiel als Schuhputzer anfangen, irgendwann würde sich das große Geld dann schon einstellen. Oder als Journalist, denn manche hatten es in diesem Beruf wirklich zu etwas gebracht. Dessen ungeachtet war der sicherste Weg immer noch der, dass man sich ein paar reiche Eltern zulegte oder mit einer wohlhabenden, kränklichen und nach Möglichkeit auch ältlichen Dame ein Verhältnis begann.
Sam entschied sich für die zweite Möglichkeit. Er suchte sich einen Job als Journalist und wartete auf seine große Chance.
Einen Monat später wartete er immer noch.
»Wenn die Muse nicht zu mir kommt, dann gehe ich eben zu ihr«, sagte Robert Heinlein, ein weiterer großer Science Fiction-Autor, der sich ein anderes Betätigungsfeld gesucht hatte und nun gepfefferte Pornos verfasste.
Sam seufzte. »Hör auf, mich zu verarschen. Ich habe übrigens nicht viel Zeit.«
Heinlein zog erstaunt die Augenbrauen hoch. »Zeit? Du willst mir doch wohl nicht erzählen, dass du arbeitest?«
»Aber ja«, sagte Sam ohne sichtlichen Stolz. »Ich bin bei einer Zeitung.«
»Als Bürobote?«
»Nein, als Journalist.«
»In dem Beruf habe ich auch mal gearbeitet«, nuschelte Heinlein. »Und ich kann mich noch gut an jeden mistigen Auftrag erinnern, den sie mir gaben. Ich musste Reportagen über Jubilar-Ehrungen und Grundsteinlegungen irgendwelcher Kulturpaläste schreiben... Wie steht's mit dir?«
Sam nickte. »Es kostet einen mehr Zeit, als man glaubt. Heute Abend bin ich auf einem Empfang des Justizministers.« »Oh, beim alten Vandermasten?« Sam nickte. »Weißt du, dass ich seine Tochter liebe?« Heinlein lachte herzlich. »Was du nicht sagst.« Sam wurde rot.
Und in genau diesem Augenblick sah er sie. Sie fuhr in ihrem roten Sportwagen an dem Café vorbei. Ihr Haar flatterte im Wind, und ein selbstsicheres Lächeln lag auf ihren Lippen. Sie streckte den linken Arm aus, bog mit einer eleganten Wendung in die erste Straße zu ihrer Rechten ein.
Die Fußgänger starrten ihr ausnahmslos nach. Auf der Sonnenseite der Straße krachten mit ziemlichem Lärm zwei Autos aufeinander, deren Fahrer ihr ein wenig zu lange nachgeschaut hatten. Sams Unterkiefer klappte herunter.
»Da ist sie ja«, sagte Heinlein.
»Ich weiß«, sagte Sam. »Ist sie nicht himmlisch?«
»Oh, klar. Wenn man vom Teufel spricht, zeigt er seinen Schwanz. Heißt es nicht so?«
»Ich wünschte«, sagte Sam beleidigt, »du würdest sie nicht mit dem Teufel vergleichen.«
»Oh, das würde ich niemals wagen.«
»Und schon gar nicht mit seinem Schwanz«, fügte Sam eine Weile später hinzu.
»Aber ich wollte doch nur...«
Sam unterbrach sein Gegenüber giftig. »Abgesehen davon, Heinlein, ist das kein guter Stil. Du, als Schriftsteller von der Größe und Format, solltest doch wohl in der Lage sein einzusehen, dass es völlig falsch ist, das hübscheste Mädchen der Welt mit dem Teufel zu vergleichen. Herrgott, Heinlein, ein Teufel ist ein Wesen mit einem Pferderuß, Zottelhaar und übelriechendem Atem. Während...«
»Okay«, sagte Heinlein, der gar nicht zugehört hatte.
»Kennst du sie überhaupt?« wollte Sam wissen.
»Sag mal, du musst ja wirklich hinter dem Mond leben! Wer kennt sie denn nicht? Sie ist der Schrecken des Nachtlebens hier!«
»Unmöglich«, sagte Sam bestimmt. »Sie ist ein liebes und sauberes Mädchen.«
»Wie du willst«, sagte Heinlein lässig.
»Sag mal... Glaubst du, dass ich irgendwelche Chancen bei ihr hätte?«, fragte Sam errötend. »Du verstehst doch von solchen Dingen mehr als ich, wenn ich... äh... so an die Sachen denke, die du heute schreibst.« Er warf einen vielsagenden Blick auf Heinleins neueste Veröffentlichung, die zwischen Kaffeekanne und Aschenbecher liegend dem Betrachter eine gehörige Menge Fleisch offerierte.
Heinlein musterte Sam mit einem abschätzenden Blick und sagte dann: »Nein. Du gehörst weder in dieses Milieu noch besitzt du genug von diesen kleinen, runden Dingern, die so hübsch klingeln und mit denen man alles kaufen kann. Ich rede selbstverständlich von Geld.«
»Ich habe mich wie ein Trottel aufgeführt«, sagte Sam abrupt. »Dabei sollte ich nicht mal einen Gedanken an sie verschwenden. Außerdem wäre mir doch wahrhaftig beinahe entfallen, dass ich schon verlobt bin.«
»Was willst du sein?«
»Ja, ich glaube, das bin ich wirklich. Weißt du, vor etwa einem halben Jahr verirrte ich mich einmal in ein kleines Café, so ein gemütliches, kleines Ding mit schnuckeligen bunten Gardinen. Ich habe da ein paar Halbe getrunken. Bevor ich ging, fragte ich ein hübsches Mädchen, das am Fenster saß und die Aussicht bewunderte, ob sie keine Lust hätte, mich zu heiraten.«
»Und sie hat eingewilligt?«
»Sie sagte ja und warf mich hinaus. Komisch, wie sie sich verhalten hat, findest du nicht auch? Na, vielleicht hat sie auch nur ein feuriges Temperament, wie?«
»Und seitdem lebst du in dem Wahn, mit ihr verlobt zu sein?«, brüllte Heinlein erheitert auf. Ein starker Schluckauf durchbrach diesen einen seiner berühmten Lachanfälle. »Das kannst du vergessen, du Naivling! Hier, lies dir mal mein neues Buch durch. Das macht sechs Gulden achtzig.« Brüllend vor Lachen schob er das Buch über den Tisch. »Ich werde dir sogar noch ein Autogramm reinschreiben«, prustete er.
Eine Viertelstunde später war er tot. Er hatte sich totgelacht, und irgendwann musste das ja mal passieren. Sam stand gerührt dabei, als die Leichenträger ihn hinausschafften und schniefte in sein Taschentuch. Automatisch beantwortete er die Fragen der Polizei, dann steckte er mit großer Sorgfalt die letzte Veröffentlichung seines verstorbenen Freundes in die Tasche.
Draußen setzte er sich auf eine Bank und blätterte das Buch durch. Es ergab allerdings nur wenig Sinn. Ein wenig bedauernd entschloss sich Sam dazu, es am Abend genauer zu studieren und etwaige Bemerkungen dazu – wie es sich gehörte – an den Rand zu schreiben.
An diesem Abend kam er allerdings nicht mehr zum Lesen, denn buchstäblich in letzter Sekunde fiel ihm der Empfang wieder ein, über den er für seine Zeitung berichten musste. In nachdenklicher Stimmung verzehrte Sam ein paar Würstchen und trank eine Tasse aufgewärmten Kaffee. Er wusch und rasierte sich sorgfältig, betrachtete sein Äußeres kritisch im Spiegel und schloss um zehn Minuten vor acht die Tür seines Dachkämmerchens hinter sich.
Es war schon ein wenig spät, als er das Gerichtsgebäude erreichte, und seine Verspätung trug ihm den pikierten Blick eines uniformierten Lakaien ein. Der Innenteil des Gebäudes funkelte in heller Pracht. Überall wimmelte es von falschen und echten Juwelen (die meisten waren wohl echt), teuren Zigarren, Schärpen und Schmerbäuchen. In solcher Umgebung hatte Sam sich nie sonderlich wohl gefühlt. Mit einem Seufzer der Erleichterung entdeckte er in einer Ecke ein Kontingent graugekleideter Presseleute, unter denen sich auch sein Freund Lode von der Volksgazet befand. Sam marschierte auf ihn zu, umrundete unterwegs einen kleinen Tisch und stieß ein meckerndes Lachen aus.
»Welch ein Rummel«, sagte er kurz darauf zu Lode. »Kann man wohl sagen. Wenn der Minister seine Rede gehalten hat, mach' ich mich wieder auf die Socken. Ich hab' wirklich wichtigeres zu tun.«
»Hast du eine Liste der anwesenden hohen Tiere für mich?« »Hier.«
Eilig durchforstete Sam die Anwesenheitsliste. »Was ich noch fragen wollte... Weißt du, ob seine Tochter auch hier ist?« Lode deutete mit seinem Glas auf die andere Saalecke – und in
der Tat, dort hatte sich eine Gruppe ausnahmslos gutaussehender junger Leute versammelt. Sie trugen weiße Jacketts und waren sonnengebräunt und gut frisiert. Sam vermutete in den Taschen goldene Zigarettenetuis und die Zündschlüssel schicker Sportwagen.
Der Qualm von Lucky Strikes kräuselte sich von dieser Ecke aus zur Decke. Inmitten der Ansammlung leuchtete dann und wann die Gestalt von Julie Vandermasten auf, die schöner war als je zuvor.
»Ich würde sie ja gern interviewen«, log Sam, der nicht im Geringsten eine solche Absicht hatte. Am liebsten wäre er in diesem Augenblick nämlich meilenweit von hier entfernt gewesen, denn in ihrer Nähe kam er sich plötzlich ganz klein und hässlich vor.
»Warum denn das, in Gottes Namen?«, fragte Lode. »Bist du etwa scharf auf sie?«
»Um deine vulgären Worte zu benutzen: Ja, ich bin scharf auf sie.«
Lode lachte laut. Die ihn umgebenden hochgezogenen Augenbrauen schienen ihn überhaupt nicht zu interessieren. »Dann trag dich mal in die Warteliste ein, du Narr. Hast du denn die Zusammenrottung noch nicht gesehen, die sie umgibt? Jeder einzelne dieser Knaben kriegt von seinem Pappi doch mehr Taschengeld in der Woche als du in einem Jahr verdienst.«
»Sie macht aber einen lieben und sauberen Eindruck«, sagte Sam. »Was kann sie denn dafür, dass sie in dieses Milieu hineingeboren wurde und dort auf gewachsen ist?«
»Ein Versuch kostet ja bekanntlich nichts«, erwiderte Lode. »Du kannst dich höchstens lächerlich machen.«
»Ich kann vielleicht damit anfangen, dass ich sie interviewe«, sagte Sam tapfer. »Und mein Artikel wird dann auch nur ein Foto enthalten: das ihre. Wenn sie den Artikel liest, wird sie sich natürlich fragen, wer der brillante junge Mann ist, der ihn geschrieben hat. Sie wird mit ihrem Vater darüber reden. Er wird nach mir schicken... und dann... He! Was hältst du davon?«
»Einen Scheißdreck«, sagte Lode. »Du bist wirklich ein ausgesprochener Hammel.«
Sam riss sich zusammen, schluckte mehrere Male und marschierte dann entschlossen auf die Gruppe zu, die Julie Vandermasten wie eine Traube umgab.
»Verzeihung«, sagte er. Und noch einmal: »Verzeihung.« Ohne große Anstrengung bahnte er sich einen Weg durch die Reihen. Sie schaute zu ihm auf, und erst jetzt bemerkte Sam, wie blau ihre Augen, wie blond ihr Haar und wie schön auch alles andere an ihr war.
Es dauerte einige Sekunden, ehe er etwas herausbekam.
»Fräulein Vandermasten?«
»Ja?«
Und erst ihre Stimme!
Um sie herum wurde es totenstill. Sam spürte förmlich, wie sich die Blicke der anderen in seinen Rücken bohrten.
»Ich bin von der Presse. Würden Sie... würden Sie mir vielleicht ein Interview gewähren?«
»Mit Vergnügen«, sagte sie und lachte hell. »Aber wenn es Ihnen recht ist, erst nach der Ansprache meines Vaters. Es kann nicht mehr lange dauern.«
»Oh, aber sicher, klar.« Rot wie die Fahne auf dem Dach des Kremls zog Sam sich
