Frankenstein oder, Der moderne Prometheus. Die Urfassung von 1818 - Mary W. Shelley - E-Book

Frankenstein oder, Der moderne Prometheus. Die Urfassung von 1818 E-Book

Mary W. Shelley

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Beschreibung

Die Urfassung des Frankenstein in neuer Übersetzung und mit umfangreichem Kommentarteil. "Der Roman 'Frankenstein oder der moderne Prometheus' ist als eine bloße Erzählung zweifellos eines der originellsten und vollständigsten Werke unserer Zeit. Wir fragen uns beim Lesen verwundert, welche besonderen Erlebnisse die Gedankengänge hervorgerufen haben könnten - woraus die besonderen Erlebnisse bestanden, die sie erweckt haben - , die in den Gedanken des Autors zu den erstaunlichen Kombinationen von Motiven und Ereignissen und der verblüffenden Katastrophe geführt haben, aus denen sich diese Geschichte zusammensetzt. (...) Wir werden atemlos vor Spannung und Mitgefühl, der Abfolge von Vorfall auf Vorfall, und dem berauschten Werk der Leidenschaft davongetragen. Wir schreien 'Halt, halt! genug!' - aber es folgt noch etwas; und wie das Opfer, dessen Geschichte es erzählt, glauben wir, es nicht mehr ertragen zu können, und doch ist noch mehr zu ertragen. (...) Wir erklimmen Alpe um Alpe, bis der Horizont leer, inhalts- und grenzenlos erscheint; bis uns der Kopf schwindelt und der Boden unter unseren Füßen nachzugeben scheint." - Percy Bysshe Shelley in einer Rezension zur Erstausgabe.

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Seitenzahl: 520

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Habe ich dich, Schöpfer, gebeten, mich aus meinem Lehm

Als Mensch zu formen? Habe ich dich ersucht

Mich aus der Dunkelheit ans Licht zu befördern?

Milton, „Das verlorene Paradies“.

Der Autor widmet die folgenden Bände

mit großem Respekt

William Godwin,

Autor von Political Justice, Caleb Williams, etc.

Inhaltsverzeichnis.

1.

Buch.

Vorrede.

1.

Brief.

2.

Brief.

3.

Brief.

4.

Brief.

1.

Kap.

2.

Kap.

3.

Kap.

4.

Kap.

5.

Kap.

6.

Kap.

7.

Kap.

2.

Buch.

1.

Kap.

2.

Kap.

3.

Kap.

4.

Kap.

5.

Kap.

6.

Kap.

7.

Kap.

8.

Kap.

9.

Kap.

3.

Buch.

1.

Kap.

2.

Kap.

3.

Kap.

4.

Kap.

5.

Kap.

6.

Kap.

7.

Kap.

Walton, Fortsetzung.

Anhang.

Einleitung zur überarbeiteten Fassung von 1831.

Rezension von Sir Walter Scott zur Ausgabe von 1818.

Rezension von Percy Bysshe Shelley zur Ausgabe von 1818.

Aus einem Brief von Mary Shelley an Leigh Hunt, 9. September 1823.

Aus: History of a Six Weeks’ Tour Through a Part of France, Switzerland, Germany, And Holland, 1817.

2.Brief. Coligny—Genf—Plainpalais.

4. Brief. St. Martin—Servoz—Chamonix—Montenvers—Mont Blanc.

Die Ballade vom alten Seemann von Samuel Taylor Coleridge.

Zu dieser Ausgabe.

Übersetzungen ins Deutsche.

Vorrede.

DIE Begebenheit, auf der dieser Roman beruht, ist von Dr. Darwin1 und einigen deutschen Naturwissenschaftlern als eine nicht unmögliche angenommen worden. Man wird mir jedoch nicht unterstellen, daß ich einer solchen Vorstellung auch nur im Entferntesten ernsthaft Glauben schenke; dennoch habe ich mich, indem ich sie zur Grundlage eines Werkes der Phantasie machte, nicht als einen bloßen Ersinner2 einer Aneinanderreihung übernatürlicher Schrecknisse betrachtet. Die Begebenheit, der die Geschichte ihre Spannung verdankt, entbehrt der Nachteile einer bloßen Gespenster- oder Zaubergeschichte. Der Reiz der Geschichte liegt in der Neuartigkeit der Situationen, die sie entwickelt; und die, obschon physisch unmöglich, der Phantasie einen Blickwinkel auf die Darstellung der menschlichen Leidenschaften bietet, der reichhaltiger und fesselnder ist als alle, die die üblichen Erzählungen tatsächlicher Ereignisse liefern können.

Ich habe mich also bemüht, die unumstößlichen Grundprinzipien der menschlichen Natur zu bewahren, während ich keine Bedenken trug, Änderungen an ihren Zusammensetzungen vorzunehmen. Die Ilias, die tragische Dichtung Griechenlands3, Shakespeare im Sturm und im Sommernachtstraum und ganz besonders Milton im Verlorenen Paradies4 folgen dieser Regel; und der bescheidenste Romanschreiber, der aus seiner Arbeit Unterhaltung oder Vergnügen zu ziehen sucht, kann ohne Anmaßung eine Ermächtigung oder vielmehr eine Regel aus der erzählenden Prosa ableiten, deren Anwendung so viele vorzügliche Kombinationen menschlicher Gefühle in den erhabensten Werken der Poesie hervorgebracht hat.

Meine Geschichte beruht auf einem in einem zwanglosen Gespräch aufgebrachten Umstand. Sie wurde zum Teil als ein unterhaltsamer Zeitvertreib begonnen, zum Teil als ein Mittel, um unerprobte Bereiche des Geistes zu schulen. Andere Motive wurden im Laufe der Arbeit damit vermengt. Ich bin keineswegs gleichgültig gegenüber der Art und Weise, in der die moralischen Tendenzen in den darin enthaltenen Gefühlen oder Charakteren auf den Leser einwirken könnten; dennoch beschränkte sich mein Hauptanliegen in dieser Hinsicht darauf, die ermüdende Wirkung zeitgenössischer Romane zu vermeiden und die Vorzüge häuslicher Harmonie und die Vortrefflichkeit der allgemeinen Tugend aufzuzeigen. Die Ansichten, die sich natürlicherweise aus dem Charakter und den Lebensumständen des Helden ergeben, sind keineswegs so zu verstehen, als ob sie stets in meiner eigenen Überzeugung existierten; noch ist aus den folgenden Seiten mit Recht ein Schluß zu ziehen, daß sie irgendeine, gleichwie geartete, philosophische Lehre vorantreiben sollen.

Es ist auch ein Gegenstand zusätzlichen Interesses, den Autor betreffend, daß diese Geschichte in der majestätischen Landschaft begonnen wurde, in der die Handlung hauptsächlich spielt, und in einer Gesellschaft, der nachzutrauern man nicht umhin kann. Ich verbrachte den Sommer des Jahres 1816 in der Umgebung von Genf. Die Jahreszeit war kalt und regnerisch, und an den Abenden drängten wir uns um ein loderndes Kaminfeuer und amüsierten uns gelegentlich mit einigen deutschen Gespenstergeschichten, die uns zufällig in die Hände gefallen waren. Diese Geschichten erregten in uns eine spielerische Lust zur Nachahmung. Zwei andere Freunde5 (eine Geschichte aus der Feder eines von ihnen wäre der Öffentlichkeit weitaus willkommener gewesen als alles, was ich jemals zustande bringen könnte) und ich kamen überein, jeder eine Geschichte zu schreiben, die auf irgendeiner übernatürlichen Begebenheit beruht.

Das Wetter heiterte sich jedoch plötzlich auf, und meine beiden Freunde verließen mich für eine Reise durch die Alpen und verloren in der herrlichen Szenerie, die sie bieten, jede Erinnerung an ihre Gespenstervisionen. Die folgende Geschichte ist die einzige, die vollendet worden ist.

Frankenstein

oder,

Der moderne Prometheus

1. Band.

1. Brief.

„An Mrs. Saville, England

St. Petersburg, 11. Dezember 17**

DU wirst Dich freuen zu hören, daß kein Unglück den Anfang eines Unternehmens begleitet hat, auf das Du mit solch unheilvollen Vorahnungen hingesehen hast. Ich bin gestern hier angekommen; und meine erste Pflicht ist es, meine liebe Schwester meines Wohlergehens und meiner wachsenden Zuversicht in den Erfolg meines Vorhabens zu versichern.

Ich bin bereits weit nördlich von London; und während ich durch die Straßen von Petersburg gehe, fühle ich einen kalten Nordwind auf meinen Wangen spielen, der meine Nerven stählt und mich mit Entzücken erfüllt. Kannst Du dieses Gefühl nachempfinden? Diese Brise, die aus den Regionen kommt, auf die ich zusteuere, vermittelt mir einen Vorgeschmack auf jene eisigen Gefilde. Angefacht von diesem verheißungsvollen Wind werden meine Tagträume glühender und lebhafter. Vergeblich suche ich mich davon zu überzeugen, daß der Pol der Sitz von Frost und Ödnis ist; er stellt sich meiner Phantasie seit jeher als die Region der Schönheit und der Wonne dar. Dort, Margaret, ist die Sonne stets sichtbar; ihre große Scheibe streift gerade den Horizont und verbreitet einen immerwährenden Glanz. Dort – denn mit Deiner Erlaubnis, meine Schwester, will ich etwas Vertrauen in frühere Polfahrer setzen – dort sind Schnee und Frost verbannt; und indem wir über eine ruhige See segeln, mögen wir zu einem Land getragen werden, das jede bisher entdeckte Region auf dem bewohnbaren Erdkreis an Wundern und Schönheit übertrifft.6 Seine Erzeugnisse und Eigenschaften könnten beispiellos sein, wie es die Phänomene der Himmelskörper in diesen unentdeckten Einöden zweifellos sind. Was mag man nicht alles erwarten in einem Land des ewigen Lichts? Vielleicht entdecke ich dort die wundersame Kraft, die die Nadel7 anzieht, und kann tausend himmlische Beobachtungen anstellen, die nur dieser Reise bedürfen, um ihre scheinbaren Absonderlichkeiten auf ewig stimmig zu machen. Ich werde meinen brennenden Wissensdurst mit dem Anblick eines bisher unbesuchten Teils der Welt stillen, und womöglich ein Land betreten, auf dem noch kein menschlicher Fuß seinen Abdruck hinterließ. Dies sind meine Verlockungen, und sie reichen aus, um alle Furcht vor der Gefahr oder dem Tod zu überwinden und mich zu veranlassen, diese mühselige Reise mit jener Freude anzutreten, die ein Kind empfindet, wenn es in einem kleinen Boot mit seinen Feriengespielen zu einer Entdeckungsreise auf seinem heimatlichen Strom aufbricht. Doch selbst angenommen, all diese Vermutungen erwiesen sich als falsch, so bliebe doch der unschätzbare Dienst bestehen, den ich allen künftigen Generationen der Menschheit erweisen werde, indem ich nahe dem Pol eine Passage zu jenen Ländern entdecke, für deren Erreichen gegenwärtig so viele Monate erforderlich sind; oder indem ich das Geheimnis des Magneten ergründe, was, wo überhaupt möglich, nur durch ein Unternehmen wie das meine erreicht werden kann.

Diese Überlegungen haben die Unruhe zerstreut, mit der ich meinen Brief begann, und ich fühle, wie mein Herz mit einer Begeisterung glüht, die mich in den Himmel erhebt; denn nichts trägt so sehr zur Beruhigung des Geistes bei wie ein festes Ziel, – ein Punkt, auf den die Seele ihr geistiges Auge richten kann. Diese Expedition ist der Lieblingstraum meiner frühen Jugendjahre gewesen. Ich habe mit Feuereifer die Berichte über die verschiedenen Reisen gelesen, die in der Aussicht unternommen wurden, durch die Meere, die den Pol umgeben, den Nordpazifik zu erreichen. Du erinnerst Dich vielleicht, daß eine Geschichte all jener Reisen, die das Entdecken zum Ziel hatten, die gesamte Bibliothek unseres guten Onkels Thomas ausmachte.8 Meine Erziehung wurde vernachlässigt, doch ich las leidenschaftlich gern. Diese Bände bildeten Tag und Nacht meine Lektüre, und meine Vertrautheit mit ihnen verstärkte jenes Bedauern, das ich als Kind empfunden hatte, als ich erfuhr, daß die letzte Verfügung meines Vaters meinem Onkel verboten hatte, mir ein Leben als Seefahrer zu erlauben.

Diese Luftschlösser verblaßten, als ich zum ersten Mal jene Dichter wahrnahm, deren Ergüsse meine Seele verzückten und sie in den Himmel erhoben. Ich wurde auch ein Dichter und lebte ein Jahr lang in einem Paradies meiner eigenen Schöpfung; ich stellte mir vor, daß auch ich eine Nische in dem Tempel erhalten könnte, in welchem die Namen von Homer und Shakespeare verehrt werden. Du weißt nur zu gut von meinem Scheitern und wie schwer ich unter der Enttäuschung gelitten habe. Aber gerade zu dieser Zeit erbte ich das Vermögen meines Vetters, und meine Gedanken wurden in die Bahn ihrer früheren Neigung gelenkt.

Sechs Jahre sind vergangen, seit ich mich zu meinem gegenwärtigen Unternehmen entschlossen habe. Ich kann mich noch heute an die Stunde erinnern, von der an ich mich diesem großen Vorhaben widmete. Ich begann damit, meinen Körper zu stählen. Ich begleitete die Walfänger auf mehreren Expeditionen ins Nordmeer; ich ertrug aus freien Stücken Kälte, Hunger, Durst und Schlafmangel; ich arbeitete tagsüber oft härter als die gewöhnlichen Matrosen und widmete meine Nächte dem Studium der Mathematik, der Theorie der Medizin und jener Zweige der Naturwissenschaft, aus denen ein seefahrender Abenteurer den größten praktischen Nutzen ziehen mochte. Zweimal heuerte ich tatsächlich als Bootsmann auf einem nach Grönland gehenden Walfänger an und machte mich erstaunlich gut. Ich muß gestehen, daß ich ein wenig stolz war, als mein Kapitän mir den zweiten Rang an Bord anbot und mich mit dem größten Ernst bat, zu bleiben; so wertvoll schätzte er meine Dienste ein.

Und, liebe Margaret, verdiene ich denn nicht auch, etwas Großes zu erreichen? Mein Leben hätte in Leichtigkeit und Luxus verlaufen können; aber ich zog den Ruhm jeder Verlockung vor, die der Reichtum mir in den Weg legte. Oh, wenn doch eine ermutigende Stimme mir bestätigend Antwort geben würde! Mein Mut ist groß und meine Entschlossenheit ungebrochen; aber meine Hoffnungen schwanken, und meine Stimmung ist oft niedergeschlagen. Ich bin im Begriff, eine lange und beschwerliche Reise anzutreten, deren Widrigkeiten all meine Seelenstärke fordern werden: Ich muß nicht nur andere aufmuntern, sondern auch zuweilen meinen eigenen Mut aufrechterhalten, wenn der ihre versagt.

Gegenwärtig haben wir die für das Reisen in Rußland vorteilhafteste Jahreszeit. In ihren Schlitten fliegt man schnell über den Schnee; die Bewegung ist wohltuend und meiner Meinung nach weit angenehmer als die einer englischen Postkutsche. Die Kälte ist nicht übermäßig, wenn man in Pelze gehüllt ist, eine Bekleidung, die ich bereits angenommen habe; denn es ist ein großer Unterschied zwischen dem Gehen an Deck und dem stundenlangen unbeweglichen Sitzen, wenn keine Bewegung verhindert, daß einem das Blut beinahe in den Adern gefriert. Ich beabsichtige nicht, mein Leben auf der Poststraße zwischen St. Petersburg und Archangelsk zu verlieren.

Ich werde in vierzehn Tagen oder drei Wochen in Richtung der letztgenannten Stadt abreisen; und meine Absicht ist, dort ein Schiff zu mieten, was leicht zu bewerkstelligen ist, indem ich dem Eigentümer eine Bürgschaft bezahle, und so viele unter den Matrosen anzuheuern, die im Walfang erfahren sind, wie ich für notwendig erachte. Ich beabsichtige nicht, vor Juni in See zu stechen: und wann werde ich zurückkehren? Ach, liebe Schwester, wie kann ich diese Frage beantworten? Wenn ich Erfolg habe, werden viele, viele Monate, vielleicht Jahre vergehen, ehe wir beide uns wiederbegegnen werden. Wenn ich versage, wirst Du mich bald wiedersehen, oder niemals wieder.

Lebe wohl, meine teure, vorzügliche Margaret. Der Himmel möge Dich mit seinen Segnungen überschütten und mein Leben bewahren, damit ich Dir immer wieder meine Dankbarkeit für all Deine Liebe und Güte bekunden kann.

Dein Dich liebender Bruder,

R. WALTON“

2. Brief.

„An Mrs. Saville, England

Archangelsk, 28. März 17**

WIE langsam doch die Zeit vergeht, hier, wo ich von Frost und Schnee eingeschlossen bin! Dennoch ist ein zweiter Schritt zu meinem Unternehmen getan. Ich habe ein Schiff gemietet und bin damit beschäftigt, meine Mannschaft zusammenzustellen; diejenigen Matrosen, die ich bereits angeworben habe, scheinen Männer zu sein, auf die ich mich verlassen kann, und sind die zweifellos von unerschrockenen Mut erfüllt.

Aber ich habe einen Mangel, den ich noch nie zu befriedigen vermochte; und das Fehlen dieses Gegenstandes ist es, das ich jetzt als ein schweres Übel empfinde. Ich habe keinen Freund, Margaret: wenn ich in der Begeisterung des Erfolges glühe, wird es niemanden geben, der an meiner Freude teilhat; wenn ich von Enttäuschung heimgesucht werde, wird sich niemand bemühen, mich aus meiner Niedergeschlagenheit aufzurichten. Zwar werde ich meine Gedanken dem Papier anvertrauen, aber das ist ein dürftiges Mittel für die Mitteilung von Gefühlen. Ich sehne mich nach der Gesellschaft eines Mannes, der mit mir mitfühlen könnte, der meinen Blick erwidern würde. Du magst mich einen Schwärmer schelten, liebe Schwester, doch ich empfinde das Fehlen eines Freundes als einen bitteren Mangel. Ich habe niemanden in meiner Nähe, der zartfühlend und doch beherzt ist, der einen kultivierten und aufnahmefähigen Verstand besitzt und dessen Geschmack dem meinen gleicht, um meine Pläne zu billigen oder zu verbessern. Wie sehr würde ein solcher Freund die Fehler Deines armen Bruders mildern! Ich bin zu hitzig in der Ausführung und zu ungeduldig bei Schwierigkeiten. Aber ein noch größeres Übel ist für mich, daß ich mir meine Bildung selbst angeeignet habe: die ersten vierzehn Jahre meines Lebens lief ich wild in meiner Heimatgegend umher und las nichts als die Reisebücher unseres Onkels Thomas. In jenem Alter lernte ich die berühmten Dichter unseres Landes kennen; aber erst als es nicht mehr in meiner Macht stand, den größtmöglichen Nutzen aus einem solchen Wissen zu ziehen, erkannte ich die Notwendigkeit, mir mehr Sprachen als die meines Heimatlandes anzueignen. Nun bin ich achtundzwanzig und in Wahrheit ungebildeter als mancher Schuljunge von fünfzehn Jahren. Zwar habe ich mehr nachgedacht, und meine Tagträume sind umfassender und farbenfroher; aber es fehlt ihnen (wie die Maler es nennen) an Ausgewogenheit; und ich bedarf dringend eines Freundes, der einfühlsam genug wäre, mich nicht als einen Schwärmer abzutun, und genug Zuneigung für mich empfände, um sich zu bemühen, meinen Geist zu lenken.

Nun, dies sind eitle Klagen; gewiß werde ich keinen Freund auf dem weiten Ozean finden, noch nicht einmal hier in Archangelsk, unter Kaufleuten und Seemännern. Doch einige Gefühle, die nicht mit dem Unrat der menschlichen Natur verbunden sind, schlagen selbst in diesen rauhen Busen. Mein Erster Offizier zum Beispiel ist ein Mann von wunderbarem Mut und Unternehmungsgeist; er ist schrecklich begierig nach Ruhm. Er ist ein Engländer, und ungeachtet aller nationalen und beruflichen Vorurteile, die durch Kultivierung nicht gemildert wurden, bewahrt er einige der edelsten Tugenden der Menschheit. Ich machte seine Bekanntschaft an Bord eines Walfängers: als ich herausfand, daß er in dieser Stadt ohne Anstellung war, stellte ich ihn kurzerhand ein, damit er mir bei meinem Unternehmen helfen könnte.

Der Kapitän ist eine Person mit vorzüglichen Anlagen und zeichnet sich auf dem Schiff durch seine Sanftmut und die Milde seiner Disziplin aus. Er ist in der Tat von so liebenswürdiger Natur, daß er nicht zur Jagd gehen will (was hier eine beliebte und beinahe die einzige Unterhaltung ist), weil er es nicht ertragen kann, Blut zu vergießen. Außerdem ist er heldenhaft großzügig. Vor einigen Jahren liebte er eine junge russische Dame von bescheidenem Vermögen; und nachdem er Prisengelder9 in beträchtlicher Höhe angehäuft hatte, willigte der Vater des Mädchens in die Verbindung ein. Er sah seine Angebetete einmal vor der vorgesehenen Zeremonie; aber sie war in Tränen gebadet und warf sich ihm zu Füßen, flehte ihn an, sie zu verschonen, und gestand zugleich, daß sie einen anderen liebte, der jedoch arm war, und daß ihr Vater der Verbindung niemals zustimmen würde. Mein großmütiger Freund beruhigte die Flehende, und als er den Namen ihres Liebhabers erfuhr, gab er sofort sein Vorhaben auf. Er hatte bereits ein Gut von seinem Geld gekauft, auf dem er den Rest seines Lebens verbringen wollte; aber er schenkte das Ganze seinem Rivalen, zusammen mit dem Rest seiner Prisengelder, um Vieh zu kaufen, und setzte sich dann bei dem Vater der jungen Frau persönlich dafür ein, daß dieser in die Heirat mit ihrem Geliebten einwilligen sollte. Aber der alte Mann weigerte sich entschieden, da er sich meinem Freund gegenüber in der Ehre verpflichtet fühlte. Als er den Vater unerbittlich fand, verließ er daher sein Land und kehrte nicht eher zurück, als bis er hörte, daß seine frühere Angebetete nach ihren Neigungen verheiratet war. „Was für ein edelmütiger Bursche!“ wirst Du ausrufen. Das ist er auch; aber andererseits hat er sein ganzes Leben an Bord eines Schiffes verbracht und hat wenig Kenntnisse jenseits von Tauen und Segeln.

Doch glaube nicht, weil ich ein wenig klage, oder weil ich mir einen Trost für meine Mühen ausmalen kann, den ich vielleicht nie erfahren werde, daß ich in meinen Entschlüssen schwankend bin. Diese sind so unveränderlich wie das Schicksal; und meine Reise wird jetzt nur verzögert, bis das Wetter meinem Auslaufen nicht mehr im Wege steht. Der Winter war schrecklich streng; aber der Frühling verheißt Gutes, und man glaubt, daß die warme Jahreszeit bemerkenswert früh beginnen wird, so daß ich vielleicht eher als erwartet in See stechen kann. Ich werde nichts überstürzen; Du kennst mich gut genug, um auf meine Umsicht und Besonnenheit zu vertrauen, wenn die Sicherheit anderer meiner Obhut anvertraut ist.

Ich kann Dir meine Empfindungen angesichts meines bevorstehenden Unternehmens nicht beschreiben. Es ist unmöglich, Dir eine Vorstellung von dem nervösen, halb freudigen und halb ängstlichen Gefühl zu vermitteln, mit dem ich die Vorbereitungen zur Abreise treffe. Ich breche zu unerforschten Gegenden auf, zur „Heimat von Nebel und Schnee“10; aber ich werde keinen Albatros11 töten, also sei unbesorgt um meine Sicherheit.

Werde ich Dich wiedersehen, nachdem ich unermeßliche Meere durchquert habe und über das südlichste Kap von Afrika oder Amerika12 zurückgekehrt bin? Ich wage es nicht, einen solchen Erfolg zu erwarten, doch zu gleicher Zeit kann ich es nicht ertragen, die Kehrseite der Medaille zu betrachten. Schreibe mir weiterhin so oft es Dir möglich ist: Vielleicht erhalte ich Deine Briefe bei einigen Gelegenheiten (obwohl die Aussicht sehr unwahrscheinlich ist), wenn ich ihrer am notwendigsten bedarf, um mich aufzumuntern. Ich habe Dich herzlich lieb. Gedenke meiner mit Zuneigung, solltest du nie wieder von mir hören.

Dein Dich liebender Bruder,

ROBERT WALTON“

3. Brief.

„An Mrs. Saville, England

7. Juli 17**

MEINE liebe Schwester,

Ich schreibe Dir in aller Eile ein paar Zeilen, um Dich wissen zu lassen, daß ich wohlauf bin und auf meiner Reise gut vorankomme. Dieser Brief wird England durch ein Handelsschiff erreichen, das sich jetzt auf der Heimreise von Archangelsk befindet; glückreicher als ich, der ich mein Heimatland vielleicht viele Jahre nicht sehen werde. Ich bin jedoch guter Dinge: meine Männer sind kühn und anscheinend fest entschlossen; auch scheinen die schwimmenden Eisschollen, die unaufhörlich an uns vorüberziehen und die Gefahren der Region anzeigen, auf die wir zusteuern, sie nicht zu beirren. Wir haben bereits einen sehr hohen Breitengrad erreicht; aber der Sommer ist auf dem Höhepunkt, und wenn es auch nicht so warm ist wie in England, spenden die Südwinde, die uns schnell jenen Gestaden näherbringen, die ich so sehnlichst zu erreichen wünsche, ein Maß an belebender Wärme, das ich nicht erwartet hätte.

Bislang ist uns nichts widerfahren, was in einem Brief Erwähnung finden müßte. Ein oder zwei steife Brisen und das Brechen eines Masts sind Mißgeschicke, die erfahrene Seefahrer kaum der Erwähnung wert finden; und ich will es zufrieden sein, wenn uns während unserer Reise nichts Schlimmeres zustößt.

Adieu, meine liebe Margaret. Sei versichert, daß ich mich um meinet- wie um Deinetwillen nicht unbedacht der Gefahr aussetzen werde. Ich werde kühlen Blutes, beharrlich und besonnen sein.

Grüße alle meine Freunde in England von mir,

Mit größter Zuneigung,

R. W.“

4. Brief.

„An Mrs. Saville, England

5. August 17**

ES hat sich ein so merkwürdiger Zwischenfall ereignet, daß ich nicht umhin kann, davon zu berichten, obschon es sehr wahrscheinlich ist, daß Du mich sehen wirst, ehe diese Aufzeichnungen in Deinen Besitz gelangen.

Am letzten Montag (31. Juli) waren wir beinahe gänzlich von Eis umgeben, das das Schiff auf allen Seiten einschloß und ihm gerade den Raum im Wasser übrig ließ, in dem es schwamm. Unsere Lage war einigermaßen gefährlich, zumal wir von einem sehr dichten Nebel umgeben waren. Wir drehten also bei und hofften, daß sich die Witterung ändern und die Luft aufklaren würde.

Gegen zwei Uhr lichtete sich der Nebel, und wir erblickten in alle Richtungen ausgedehnte, unregelmäßige Eisflächen, die kein Ende zu haben schienen. Einige meiner Gefährten stöhnten, und auch mich beschlichen ängstliche Gedanken, als plötzlich ein seltsamer Anblick unsere Aufmerksamkeit auf sich zog und unsere Besorgnis von unserer eigenen Lage ablenkte. Wir sahen ein niedriges Gefährt, das auf Schlittenkufen befestigt war und von Hunden gezogen wurde, in einer Entfernung von einer halben Meile in Richtung Norden vorbeifahren: ein Wesen, das die Gestalt eines Menschen hatte, aber offenbar von riesenhafter Statur war, saß auf dem Schlitten und lenkte die Hunde. Mit unseren Fernrohren beobachteten wir die rasche Fahrt des Reisenden, bis er sich in den fernen Unebenheiten des Eises verlor.

Dieser Anblick erregte unsere grenzenlose Verwunderung. Wir waren, wie wir glaubten, viele hundert Meilen von jedem Land entfernt; aber diese Erscheinung schien darauf hinzudeuten, daß es in Wirklichkeit nicht so weit entfernt war, wie wir angenommen hatten. Da wir vom Eis eingeschlossen waren, war es uns jedoch unmöglich, seiner Spur zu folgen, die wir mit der größten Aufmerksamkeit beobachtet hatten.

Ungefähr zwei Stunden nach dieser Begebenheit hörten wir die Grundsee13; und noch vor Einbruch der Nacht brach das Eis und gab unser Schiff frei. Wir blieben jedoch bis zum Morgen vor Anker, da wir befürchteten, in der Dunkelheit gegen die großen losen Massen zu stoßen, die nach dem Aufbrechen des Eises auf dem Wasser umhertrieben. Ich nutzte diese Zeit, um mich für einige Stunden auszuruhen.

Am Morgen jedoch, sobald es hell war, ging ich an Deck und fand die ganze Mannschaft auf einer Seite des Schiffes beschäftigt, anscheinend im Gespräch mit jemandem auf dem Meer. Es war in der Tat ein Schlitten, ähnlich dem, den wir zuvor gesehen hatten, der in der Nacht auf einer großen Eisscholle zu uns herangetrieben war. Nur ein Hund war noch am Leben; doch es befand sich ein menschliches Wesen darin, das die Matrosen aufforderten, an Bord zu kommen. Er war nicht, wie der andere Reisende zu sein schien, ein wilder Bewohner einer unentdeckten Insel, sondern ein Europäer. Als ich an Deck erschien, sagte der Kapitän: „Hier ist unser Schiffsherr, und er wird nicht zulassen, daß Sie auf offener See umkommen.“

Als der Fremde mich wahrnahm, sprach er mich auf Englisch, wenn auch mit einem fremdländischen Akzent, an. „Ehe ich an Bord Ihres Schiffes komme“, sagte er, „würden Sie die Güte haben, mir mitzuteilen, wohin Sie zu fahren gedenken?“

Du kannst Dir mein Erstaunen vorstellen, als ich eine solche Frage von einem Mann hörte, der am Rande des Untergangs stand und von dem man hätte annehmen sollen, daß mein Schiff ein Zufluchtsort gewesen wäre, den er nicht gegen alle Reichtümer der Erde hätte eintauschen wollen. Ich erwiderte jedoch, daß wir uns auf einer Entdeckungsfahrt nach dem Nordpol befänden.

Dies zu hören schien ihn zufriedenzustellen, und er willigte ein, an Bord zu kommen. Großer Gott! Margaret, wenn du den Mann gesehen hättest, der sich auf eine solche Weise zugunsten der Sicherheit ergab, wäre dein Erstaunen grenzenlos gewesen. Seine Glieder waren nahezu erstarrt, und sein Leib war von Erschöpfung und Entbehrung furchtbar ausgezehrt. Nie habe ich einen Menschen in einem so jammervollen Zustand gesehen. Wir versuchten, ihn in die Kabine zu tragen; aber sobald er die frische Luft verlassen hatte, verlor er die Besinnung. Wir brachten ihn daraufhin zurück an Deck und belebten ihn wieder, indem wir ihn mit Branntwein einrieben und ihn zwangen, eine kleine Menge zu schlucken. Sobald er Lebenszeichen von sich gab, hüllten wir ihn in Decken und legten ihn neben dem Schornstein des Küchenherdes nieder. Nach und nach erholte er sich und aß ein wenig Suppe, die ihn wunderbar wiederherstellte.

Zwei Tage vergingen auf diese Weise, ehe er in der Lage war zu sprechen; und ich fürchtete oft, daß seine Entbehrungen ihm um den Verstand gebracht hätten. Als er sich einigermaßen erholt hatte, ließ ich ihn in meine eigene Kabine bringen und pflegte ihn selbst, soweit es sich mit meinen Pflichten vereinbaren ließ. Nie habe ich nie einen interessanteren Menschen kennengelernt: in seinen Augen liegt meist ein Ausdruck von Wildheit und sogar Wahnsinn; aber es gibt Augenblicke, in denen, wenn jemand eine freundliche Geste ihm gegenüber vollbringt oder ihm den kleinsten Dienst erweist, sein ganzes Antlitz gleichsam mit einem Strahl von Liebenswürdigkeit und Güte erleuchtet wird, wie ich es nie zuvor gesehen habe. Aber im allgemeinen ist er niedergedrückt und verzweifelt; und zuweilen knirscht er mit den Zähnen, als ob er über die Last des Leids, die ihn bedrückt, ungehalten wäre.

Als mein Gast ein wenig genesen war, hatte ich große Mühe, die Männer fernzuhalten, die ihn mit tausenderlei Fragen bestürmen wollten; aber ich mochte nicht zulassen, daß er, in einem Zustand von Körper und Geist, dessen Wiederherstellung offensichtlich nur durch die ungestörteste Ruhe bewirkt werden konnte, von ihrer müßigen Neugier gequält wurde. Einmal jedoch fragte der Erste Offizier, warum er sich in einem so merkwürdigen Gefährt so weit auf das Eis hinausgewagt habe?

Ein Schatten tiefster Betrübnis huschte über sein Gesicht, und er antwortete: „Um jemanden zu suchen, der vor mir geflohen ist.“

„Und reiste der Mann, den Sie verfolgten, auf dieselbe Art und Weise?“

„Ja.“

„Dann schätze ich, daß wir ihn gesehen haben; denn am Tag, bevor wir Sie aufgriffen, sahen wir einige Hunde, die einen Schlitten mit einem Mann darin über das Eis zogen.“

Das erregte die Aufmerksamkeit des Fremden, und er stellte eine Vielzahl von Fragen über die Richtung, die der Dämon, wie er ihn nannte, eingeschlagen habe. Bald darauf, als er mit mir allein war, sagte er: „Ich habe zweifellos Ihre Neugierde erregt, ebenso wie die jener guten Leute; aber Sie sind zu rücksichtsvoll, um in mich zu dringen.“

„Gewiß; es wäre in der Tat sehr unverschämt und unmenschlich von mir, Sie mit irgendwelchen Fragen zu belästigen.“

„Und doch haben Sie mich aus einer ungewöhnlichen und gefahrvollen Lage gerettet; Sie haben mich in Ihrer Güte ins Leben zurückgeholt.“

Bald darauf erkundigte er sich, ob ich glaube, daß das Aufbrechen des Eises den anderen Schlitten zerstört habe? Ich erwiderte, daß ich das nicht mit Gewißheit beantworten könne, denn das Eis sei erst gegen Mitternacht gebrochen, und der Reisende könne schon vorher an einem sicheren Ort angekommen sein; aber darüber könne ich nicht urteilen.

Von dieser Zeit an schien der Fremde sehr bestrebt, an Deck zu sein, um nach dem Schlitten Ausschau zu halten, der zuvor aufgetaucht war; doch ich habe ihn dazu überredet, in der Kajüte zu bleiben, denn er ist viel zu schwach, um die rauhe Witterung zu ertragen. Ich habe ihm versprochen, daß jemand für ihn Ausschau halten und daß er sofort benachrichtigt werden würde, sobald irgendein neuer Gegenstand in Sicht kommen sollte.

Soweit mein Bericht über das, was sich bis zum heutigen Tage bezüglich dieser seltsamen Begebenheit ereignet hat. Der Gesundheitszustand des Fremden hat sich allmählich gebessert, aber er ist sehr schweigsam und scheint beunruhigt zu sein, wenn irgend jemand außer mir seine Kabine betritt. Dennoch sind seine Manieren so einnehmend und sanft, daß die Matrosen ihm alle zugetan sind, obwohl sie nur sehr wenig mit ihm zu tun haben. Ich für meinen Teil beginne, ihn wie einen Bruder zu lieben; und sein steter, tiefer Kummer erfüllt mich mit Sympathie und Mitgefühl. Er muß in seinen besseren Tagen ein prächtiger Mensch gewesen sein, da er selbst jetzt in seinem verfallenen Zustand noch so anziehend und liebenswert ist.

Ich sagte in einem meiner Briefe, meine liebe Margaret, daß ich auf dem weiten Ozean keinen Freund finden würde; und doch habe ich einen Mann gefunden, den ich, ehe sein Lebensmut durch das Elend gebrochen wurde, gerne als Herzensbruder besessen hätte.

Ich werde meine Notizen über den Fremden von Zeit zu Zeit fortsetzen, wenn ich neue Begebenheiten zu berichten habe.“

„13. August 17**

MEINE Zuneigung zu meinem Gast nimmt mit jedem Tag zu. Er erregt in einem erstaunlichen Maße meine Bewunderung und mein Mitleid zugleich. Wie kann ich ein so edles Geschöpf durch Gram zerstört sehen, ohne den schneidensten Kummer zu fühlen? Er ist so sanftmütig, und dabei so weise; sein Geist ist so kultiviert; und wenn er spricht, fließen seine Worte, obschon sie mit der erlesensten Kunst ausgewählt werden, doch rasch und mit unvergleichlicher Beredsamkeit.

Er hat sich inzwischen recht gut von seiner Krankheit erholt und hält sich unausgesetzt an Deck auf, offenbar um nach dem Schlitten Ausschau zu halten, der seinem eigenen vorausging. Doch obwohl er unglücklich ist, ist er nicht so sehr in seinem eigenen Elend versunken, daß er sich nicht für die Beschäftigungen anderer interessierte. Er stellte mir viele Fragen über mein Vorhaben; und ich habe ihm meine kleine Geschichte freimütig erzählt. Er schien über das Vertrauen erfreut zu sein und schlug mehrere Änderungen in meinem Plan vor, die sich als äußerst nützlich erwiesen. Es liegt keine Pedanterie in seiner Art; vielmehr scheint alles, was er tut, allein dem Interesse zu entspringen, das er instinktiv für das Wohlergehen derer hegt, die ihn umgeben. Oft überkommt ihn Trübsinn, und dann sitzt er allein und versucht, alles Mürrische und Ungesellige in seinem Gemüt zu überwinden. Diese Anfälle ziehen bei ihm wie eine Wolke vor der Sonne vorüber, aber seine Niedergeschlagenheit verläßt ihn nie. Ich habe mich bemüht, sein Vertrauen zu gewinnen, und ich glaube, es ist mir gelungen. Eines Tages erwähnte ich ihm gegenüber den Wunsch, den ich schon immer empfunden hatte, einen Freund zu finden, der mit mir mitfühlen und mich durch seinen Rat leiten könnte. Ich sagte, ich gehöre nicht zu jener Klasse von Menschen, die durch Ratschläge beleidigt werden. „Ich habe mir meine Bildung selbst angeeignet, und vielleicht verlasse ich mich nicht genügend auf meine eigenen Fähigkeiten. Ich wünsche mir daher, daß mein Gefährte weiser und erfahrener sein sollte als ich selbst, um mich zu ermutigen und zu unterstützen; auch habe ich es niemals für unmöglich gehalten, einen wahren Freund zu finden.“

„Ich stimme Ihnen zu“, erwiderte der Fremde, „was ihre Überzeugung angeht, daß der Erwerb von Freundschaft nicht nur wünschenswert, sondern auch möglich ist. Ich hatte einst einen Freund, den edelsten aller Menschen, und bin daher befähigt, über Freundschaft zu urteilen. Sie sind noch voller Hoffnung und haben die Welt vor sich und deshalb keinen Grund zu verzweifeln. Aber ich – ich habe alles verloren und kann das Leben nicht von Neuem beginnen.“

Als er dies sagte, drückte seine Miene einen stillen, ergebenen Kummer aus, der mein Herz berührte. Aber er schwieg und zog sich bald in seine Kabine zurück.

Obschon er im Geiste gebrochen ist, kann niemand die Schönheiten der Natur tiefer empfinden als er. Der sternenbesäte Himmel, das Meer und jeder Anblick, den diese erstaunlichen Gegenden bieten, scheinen noch immer die Macht zu haben, seine Seele von der Erde zu erheben. Ein solcher Mann verfügt über eine doppelte Existenz: er mag Elend erleiden und von Enttäuschungen überwältigt werden; doch wenn er sich in sich selbst zurückgezogen hat, wird er wie ein himmlischer Geist sein, den ein Glorienschein umgibt, in dessen Kreis sich weder Kummer noch Torheit wagen.

Wirst du über die Begeisterung lachen, mit der ich über diesen himmlischen Wanderer spreche? Wenn Du es tust, mußt Du gewiß die Unbedarftheit verloren haben, die Dir einst einen so einzigartigen Zauber verlieh. Dennoch, wenn es Dir beliebt, lächle über die Begeisterung meiner Ausdrücke, während ich jeden Tag neue Gründe finde, sie zu wiederholen.

„19. August 17**

GESTERN sagte der Fremde zu mir: „Sie können leicht erkennen, Kapitän Walton, daß mir unvergleichlich großes Unglück widerfahren ist. Ich hatte schon beschlossen, daß die Erinnerung an diese Übel mit mir sterben sollte; aber Sie haben mich dazu bewegt, meinen Entschluß zu ändern. Sie streben nach Wissen und Weisheit, wie ich es einst tat; und ich hoffe inständig, daß die Befriedigung Ihrer Wünsche nicht wie bei mir eine Schlange sein möge, die Sie sticht. Ich weiß nicht, ob die Schilderung meiner Mißgeschicke Ihnen nützlich sein wird; doch wenn Sie geneigt sind, lauschen Sie meiner Geschichte. Ich glaube, daß die seltsamen Vorfälle, die damit verbunden sind, Ihnen einen Blick auf die Natur gewähren werden, der Ihre Fähigkeiten und Ihr Verständnis erweitern kann. Sie werden von Kräften und Geschehnissen hören, die Sie bisher für unmöglich gehalten haben, aber ich bezweifle nicht, daß meine Geschichte in ihrem Verlauf die Beweise für die Wahrheit der Ereignisse enthält, aus denen sie zusammengesetzt ist.“

Du kannst Dir leicht denken, wie angetan ich von dem in Aussicht gestellten Gespräch war; dennoch konnte ich es nicht ertragen, daß er seinen Kummer durch eine Wiedergabe seiner Mißgeschicke erneuern sollte. Ich fühlte den größten Eifer, die versprochene Erzählung zu hören, teils aus Neugierde, teils aus dem starken Wunsch heraus, sein Los zu erleichtern, wenn es in meiner Macht stünde. Ich drückte diese Gefühle in meiner Antwort aus.

„Ich danke Ihnen“, erwiderte er, „für Ihre Anteilnahme, aber sie ist unnütz; mein Schicksal ist nahezu erfüllt. Ich warte nur noch auf ein Ereignis, und dann werde ich in Frieden ruhen. Ich verstehe Ihre Gefühle“, fuhr er fort, als er merkte, daß ich ihn unterbrechen wollte; „aber Sie irren sich, mein Freund, wenn ich Sie so nennen darf; nichts kann mein Geschick ändern: hören Sie meine Geschichte, und Sie werden erkennen, wie unabänderlich es bestimmt ist.“

Er sagte mir noch, daß er am nächsten Tage mit seiner Erzählung beginnen wolle, wenn ich Muße haben würde. Dieses Versprechen entlockte mir den wärmsten Dank. Ich habe mir vorgenommen, jeden Abend, wenn ich unbeschäftigt bin, so getreu wie möglich in seinen eigenen Worten festzuhalten, was er während des Tages erzählt hat. Wenn ich beschäftigt sein sollte, will ich wenigstens Notizen machen. Diese Abschrift wird Dir zweifellos das größte Vergnügen bereiten: ich aber, der ich ihn kenne und alles von seinen eigenen Lippen höre, mit welchem Interesse und welchem Mitgefühl werde ich sie eines zukünftigen Tages lesen!“

1. Kapitel.

ICH bin von Geburt ein Genfer14; und meine Familie ist eine der angesehensten jener Republik. Meine Vorfahren waren viele Jahre lang Rechtsgelehrte und Syndici15; und mein Vater hatte verschiedene öffentliche Ämter mit Ehre und Ansehen bekleidet. Er wurde von allen, die ihn kannten, für seine Rechtschaffenheit und unermüdliche Sorge zum Wohl der Öffentlichkeit respektiert. Während seiner jüngeren Tage war er stetig den Angelegenheiten seines Landes verpflichtet; und erst im Alter16 dachte er daran, zu heiraten und dem Staat Söhne zu schenken, die seine Tugenden und seinen Namen in die Nachwelt tragen sollten.

Da die Umstände seiner Heirat seinen Charakter veranschaulichen, kann ich nicht umhin, sie zu erzählen. Einer seiner engsten Freunde war ein Kaufmann, der durch zahlreiche Mißgeschicke von blühendem Wohlstand in die tiefste Armut fiel. Dieser Mann, dessen Name Beaufort lautete, war von stolzer und unbeugsamer Wesensart und konnte es nicht ertragen, in Armut und Vergessenheit in demselben Land zu leben, in dem er früher für seinen Rang und sein glänzendes Auftreten bekannt gewesen war. Nachdem er daher seine Schulden auf die ehrenvollste Weise beglichen hatte, zog er sich mit seiner Tochter in die Stadt Luzern zurück, wo er unbekannt und in Elend lebte. Mein Vater war Beaufort in aufrichtiger Freundschaft zugetan und tief betrübt über seinen Rückzug unter diesen unglücklichen Umständen. Er trauerte auch um den Verlust seiner Gesellschaft und beschloß, ihn aufzusuchen und zu versuchen, ihn zu überreden, sich durch seinen Verdienst und seine Hilfe wieder in die Gesellschaft zu begeben.

Beaufort hatte wirksame Maßnahmen getroffen, um sich zu verbergen, und es dauerte zehn Monate, bis mein Vater seinen Aufenthaltsort entdeckte. Überglücklich über diese Entdeckung eilte er zu dem Haus, das in einer ärmlichen Straße, nahe der Reuss, gelegen war. Doch als er eintrat, empfingen ihn nichts als Elend und Verzweiflung. Beaufort hatte nur eine sehr geringe Summe Geldes aus dem Überrest seines Vermögens gerettet; aber sie reichte aus, um ihn für einige Monate zu erhalten, und bis dahin hoffte er, eine respektable Anstellung bei einem Kaufmann zu finden. Die Zwischenzeit verbrachte er in erzwungener Untätigkeit; sein Kummer wurde nur noch tiefer und drängender, da er Muße zum Nachdenken hatte; und schließlich ergriff er sein Gemüt so fest, daß er nach Ablauf von drei Monaten, unfähig zu jeglicher Anstrengung, aufs Krankenlager sank.

Seine Tochter pflegte ihn mit der äußersten Hingabe; aber sie sah voller Verzweiflung, daß ihr kleines Vermögen rasch abnahm und daß es keine andere Aussicht auf Unterstützung gab. Doch Caroline Beaufort besaß einen Verstand von ungewöhnlicher Form; und ihr Mut wuchs, um sie in ihrem Unglück zu unterstützen. Sie versah Näharbeiten; sie flocht Stroh17 und es gelang ihr durch verschiedene Mittel, einen Hungerlohn zu verdienen, der kaum zum Leben reichte.

Einige Monate vergingen in dieser Weise. Ihr Vater wurde immer elender; ihre Zeit wurde immer mehr von seiner Pflege in Anspruch genommen, ihre Mittel zum Lebensunterhalt schwanden, und im zehnten Monat starb ihr Vater in ihren Armen und ließ sie als mittelose Waise zurück. Dieser letzte Schlag war zuviel für sie, und sie kniete neben Beauforts Sarg und weinte bitterlich, als mein Vater das Zimmer betrat. Er erschien dem armen Mädchen, das sich seiner Obhut anvertraute, wie ein rettender Engel, und nach der Beerdigung seines Freundes führte er sie nach Genf und stellte sie unter den Schutz eines Verwandten. Zwei Jahre nach diesem Ereignis wurde Caroline seine Gemahlin.

Als mein Vater Ehemann und Elternteil wurde, fand er seine Zeit so sehr von den Pflichten seiner neuen Situation in Anspruch genommen, daß er viele seiner öffentlichen Beschäftigungen aufgab und sich der Erziehung seiner Kinder widmete. Von diesen war ich der Älteste und der auserwählte Erbe all seiner Mühen und seiner Aufopferung. Kein Geschöpf konnte zärtlichere Eltern haben als die meinen es waren. Mein Wohlergehen und meine Gesundheit waren ihre ständige Sorge, zumal ich mehrere Jahre lang ihr einziges Kind blieb. Doch bevor ich meine Erzählung fortsetze, muß ich einen Vorfall aufzeichnen, der sich zutrug, als ich vier Jahre alt war.

Mein Vater hatte eine Schwester, die er zärtlich liebte und die schon früh einen italienischen Herrn geheiratet hatte. Bald nach ihrer Heirat hatte sie ihren Mann in sein Heimatland begleitet, und einige Jahre lang hatte mein Vater nur wenig Kontakt zu ihr. Ungefähr zu der Zeit, die ich erwähnt habe, starb sie; und einige Monate danach erhielt er einen Brief von ihrem Ehemann, in dem er ihm seine Absicht mitteilte, eine italienische Dame zu heiraten, und meinen Vater bat, sich um die kleine Elizabeth18, das einzige Kind seiner verstorbenen Schwester, zu kümmern. „Es ist mein Wunsch“, sagte er, „daß Sie sie als Ihre eigene Tochter betrachten und sie so erziehen. Das Vermögen ihrer Mutter, dessen Dokumente ich in Ihre Obhut geben werde, ist ihr gesichert. Denken Sie über diesen Vorschlag nach und entscheiden Sie, ob Sie es bevorzugen, Ihre Nichte selbst zu erziehen, oder ob sie von einer Stiefmutter aufgezogen werden soll.“

Mein Vater zögerte nicht und reiste sofort nach Italien, um die kleine Elizabeth in ihre zukünftige Heimat zu begleiten. Ich habe meine Mutter oft sagen hören, daß sie zu jener Zeit das schönste Kind war, das sie je gesehen hatte, und daß sie schon damals Anzeichen eines sanften und liebevollen Wesens zeigte. Diese Anzeichen und der Wunsch, die Bande der häuslichen Liebe so eng wie möglich zu knüpfen, veranlaßten meine Mutter, Elizabeth als meine zukünftige Frau in Betracht zu ziehen; ein Plan, den sie nie Grund fand, zu bereuen.

Von dieser Zeit an wurde Elizabeth Lavenza meine Spielgefährtin und, als wir älter wurden, meine Freundin. Sie war fügsam und gutmütig, aber fröhlich und verspielt wie ein sommerliches Insekt. Obwohl sie beschwingt und lebhaft war, waren ihre Gefühle stark und tief, und ihr Gemüt war ungewöhnlich liebevoll. Niemand konnte die Freiheit besser genießen, und doch konnte sich niemand dem Zwang und der Willkür mit mehr Anmut unterwerfen als sie. Sie verfügte über eine reiche Einbildungskraft, doch sie vermochte sie auf vielerlei Weise einzusetzen. In ihrem Äußeren spiegelte sich ihr Geist wieder; ihre haselnußbraunen Augen, obwohl so lebendig wie die eines Vogels, besaßen eine anziehende Sanftheit. Ihre Gestalt war zierlich und geschmeidig, und obschon sie fähig war, große Mühsal zu ertragen, schien sie das zerbrechlichste Geschöpf auf Erden zu sein. Während ich ihren Verstand und ihre Phantasie bewunderte, liebte ich es, sie zu umsorgen, wie ich es bei einem Lieblingstier tun würde; und ich habe noch nie so viel Anmut sowohl des Äußeren als auch des Geistes mit so wenig Anmaßung vereint gesehen.

Alle verehrten Elizabeth. Wenn die Dienerschaft irgendeine Bitte vorzubringen hatte, geschah es stets durch ihre Fürsprache. Jede Art von Uneinigkeit und Streit war uns fremd; denn obgleich in unseren Charakteren eine große Ungleichheit herrschte, lag in eben dieser Ungleichheit eine Harmonie. Ich war ruhiger und gleichmütiger als meine Gefährtin; dennoch war mein Temperament weniger gefügig. Mein Eifer war von längerer Ausdauer; aber er war indessen nicht so streng. Ich fand Vergnügen darin, die Tatsachen der wirklichen Welt zu erforschen; sie beschäftigte sich damit, den ätherischen Schöpfungen der Dichter zu folgen. Die Welt war mir ein Geheimnis, das ich zu ergründen wünschte; für sie war sie eine Leere, die sie mit eigenen Vorstellungen zu füllen suchte.

Meine Brüder waren wesentlich jünger als ich; aber ich hatte in einem meiner Schulkameraden einen Freund, der diesen Mangel ausglich. Henry Clerval war der Sohn eines Genfer Kaufmanns, eines engen Freundes meines Vaters. Er war ein Junge von einzigartigem Talent und Einfallsreichtum. Ich erinnere mich, daß er, als er neun Jahre alt war, ein Märchen schrieb, das die Freude und das Erstaunen aller seiner Gefährten hervorrief. Er war sehr belesen in Büchern über Ritterlichkeit und Abenteuer; und als er noch sehr jung war, erinnere ich mich, daß wir Theaterstücke aufführten, die er diesen Lieblingsbüchern nachempfunden hatte, deren Hauptfiguren Orlando, Robin Hood, Amadis und St. Georg waren.19

Keine Kindheit hätte glücklicher verlaufen können als die meine. Meine Eltern waren nachsichtig und meine Kameraden liebenswert. Wir wurden nie zum Lernen gezwungen; und auf irgendeine Weise hatten wir immer ein Ziel vor Augen, das uns zu eifriger Verfolgung anspornte. Es war diese Methode und nicht der Wetteifer, die uns zum Fleiß drängte. Elizabeth wurde nicht zum Zeichnen angeregt, damit ihre Kameraden sie nicht überflügelten, sondern aus dem Wunsch heraus, ihrer Tante zu gefallen, indem sie eine bevorzugte Landschaft von ihrer eigenen Hand darstellte. Wir lernten Latein und Englisch, damit wir die Schriften in diesen Sprachen lesen konnten; und weit davon entfernt, daß uns das Lernen durch Bestrafungen verhaßt gemacht worden wäre, liebten wir den Fleiß, und was für andere Kinder Mühsal gewesen wäre, bereitete uns Vergnügen. Vielleicht haben wir nicht so viele Bücher gelesen oder Sprachen so schnell gelernt, wie diejenigen, die nach den üblichen Methoden diszipliniert werden; aber das, was wir lernten, hat sich um so tiefer in unser Gedächtnis eingeprägt.20

In diese Beschreibung unseres häuslichen Kreises schließe ich Henry Clerval ein; denn er war ständig bei uns. Er ging mit mir in die Schule und verbrachte in der Regel den Nachmittag in unserem Haus; denn da er ein Einzelkind war und zu Hause keine Gefährten hatte, war sein Vater sehr erfreut, daß er bei uns Gesellschaft fand; und wir waren nie gänzlich glücklich, wenn Clerval abwesend war.

Ich empfinde Vergnügen im Schwelgen in Kindheitserinnerungen, bevor das Unglück meinen Geist mit einem Makel versah und seine glänzenden Visionen von segensreichem Wirken in düsteres und engherziges Nachsinnen über mich selbst verwandelte. Aber indem ich das Bild meiner frühen Tage zeichne, darf ich nicht versäumen, auch jene Ereignisse festzuhalten, die mit unmerklichen Schritten zur späteren Geschichte meines Elends führten: denn wenn ich vor mir selbst Rechenschaft über die Geburt jener Leidenschaft ablegte, die später mein Geschick bestimmte, so muß ich bekennen, daß sie wie ein Gebirgsbach aus geringen und fast vergessenen Quellen entsprang; doch indem er während ihres Fortschreitens anschwoll, wurde er zu dem Sturzbach, der in seinem Lauf all meine Hoffnungen und meine Freude mit sich riß.

Die Naturphilosophie21 ist der Leitstern, der mein Schicksal bestimmt hat; ich möchte daher in diesem Bericht jene Tatsachen angeben, die zu meiner Vorliebe für jene Wissenschaft geführt haben. Als ich dreizehn Jahre alt war, gingen wir alle auf eine Vergnügungsreise zu den Bädern in der Nähe von Thonon22: die Unbilden des Wetters zwangen uns, einen Tag im Gasthaus zu verharren. In diesem Hause fiel mir von ungefähr ein Band mit den Werken von Cornelius Agrippa23 in die Hände. Ich schlug ihn gelangweilt auf; die Theorie, die er zu demonstrieren suchte, und die wunderbaren Tatsachen, von denen er erzählte, ließen dieses Gefühl bald in Begeisterung umschlagen. Ein neues Licht schien in meinem Geist zu dämmern, und voller Freude berichtete ich meinem Vater von meiner Entdeckung. Ich kann nicht umhin, an dieser Stelle zu bemerken, wie viele Möglichkeiten die Lehrer haben, die Aufmerksamkeit ihrer Schüler auf nützliches Wissen zu lenken, welches sie völlig vernachlässigen. Mein Vater blickte gleichgültig auf das Titelblatt meines Buches und sagte: „Ach! Cornelius Agrippa. Mein lieber Victor, verschwende deine Zeit nicht damit; es ist elender Schund.“

Hätte mein Vater, anstatt diese Bemerkung zu äußern, sich die Mühe gemacht, mir zu erklären, daß die Lehrsätze Agrippas längst widerlegt seien, und daß ein modernes System der Wissenschaft24 eingeführt worden sei, das viel größere Überzeugungskraft besäße als das alte, weil die Argumentation des ersteren nur auf Einbildung beruhte, während die des letzteren sich auf Realität und praktische Erfahrung gründete; unter solchen Umständen hätte ich Agrippa gewiß beiseite geworfen und mich mit meiner entflammten Phantasie mit der nüchterneren Theorie der Chemie befaßt, die sich aus den modernen Entdeckungen ergeben hat. Es ist sogar möglich, daß der Lauf meiner Gedanken niemals jenen verhängnisvollen Anstoß erhalten hätte, der zu meinem Untergang führte. Doch der flüchtige Blick, den mein Vater auf meinen Band geworfen hatte, versicherte mich keineswegs, daß er mit seinem Inhalt vertraut war; und ich las weiterhin mit der größten Begierde.

Als ich nach Hause zurückkehrte, war meine erste Sorge, sämtliche Werke dieses Autors zu beschaffen, und danach jene des Paracelsus25 und des Albertus Magnus26. Ich las und studierte die wilden Phantasien jener Schriftsteller mit Vergnügen; sie schienen mir Schätze zu sein, die nur wenigen außer mir selbst bekannt waren; und obschon ich oft wünschte, diese geheime Wissensfülle meinem Vater mitzuteilen, hielt mich sein unbestimmter Tadel gegen meinen Liebling Agrippa immer davon ab. Ich offenbarte meine Entdeckungen daher Elizabeth unter dem Versprechen strikter Geheimhaltung; aber sie interessierte sich nicht für den Gegenstand, und überließ es mir, meine Studien allein fortzusetzen.

Es mag sehr seltsam erscheinen, daß Albertus Magnus im achtzehnten Jahrhundert ein Anhänger erwachsen sollte; aber unsere Familie war nicht wissenschaftlich gebildet, und ich hatte keine der Vorlesungen besucht, die an den Schulen von Genf gehalten wurden. Meine Träume waren daher nicht von der Realität getrübt; und ich machte mich mit dem größten Eifer auf die Suche nach dem Stein der Weisen und dem Lebenselixier27. Aber das letztere erhielt meine ungeteilte Aufmerksamkeit: Reichtum war ein niedriges Ziel; aber welch Ruhm würde die Entdeckung begleiten, wenn ich Krankheit aus dem menschlichen Körper verbannen und den Menschen unverwundbar gegen alles außer einem gewaltsamen Tod machen könnte!

Dies waren jedoch nicht meine einzigen Visionen. Die Anrufung von Geistern oder Teufeln war ein Versprechen, das meine Lieblingsautoren großzügig machten und dessen Erfüllung ich überaus eifrig anstrebte; und wenngleich meine Beschwörungen stets erfolglos blieben, schrieb ich das Scheitern eher meiner eigenen Unerfahrenheit und meinem Irrtum zu als einem Mangel an Geschicklichkeit oder Redlichkeit bei meinen Lehrern.

Die Naturphänomene, die sich jeden Tag vor unseren Augen ereignen, entgingen meiner Erforschung nicht. Destillation und die wunderbaren Wirkungen des Dampfes, Prozesse, von denen meine Lieblingsautoren völlig unwissend waren, erregten mein Erstaunen; aber mein größtes Erstaunen wurde von einigen Experimenten mit einer Luftpumpe erregt, die ich einen Herrn durchführen sah, den wir zu besuchen pflegten.28

Die Unwissenheit der alten Philosophen in diesen und mehreren anderen Punkten führte bei mir zu einer Verminderung ihrer Glaubwürdigkeit: aber ich konnte sie nicht ganz beiseite werfen, ehe ein anderes System ihren Platz in meinem Kopf einnehmen sollte.

Als ich etwa fünfzehn Jahre alt war, hatten wir uns in unser Haus in der Nähe von Bellerive29 zurückgezogen, als wir Zeugen eines äußerst heftigen und schrecklichen Gewitters wurden. Es zog hinter den Bergen des Jura heran, und der Donner brach auf einmal mit furchtbarem Getöse aus verschiedenen Himmelsrichtungen zugleich hervor. Ich verharrte, während das Gewitter andauerte, und beobachtete seinen Fortgang mit Neugierde und Entzücken. Während ich an der Tür stand, sah ich plötzlich eine Feuersäule aus einer schönen alten Eiche schießen, die etwa zwanzig Meter von unserem Haus entfernt stand; und sobald das blendende Licht verschwand, war auch die Eiche verschwunden, und nichts blieb übrig als ein verkohlter Stumpf. Als wir am nächsten Morgen nachsahen, fanden wir den Baum auf einzigartige Weise zerschmettert. Er war nicht durch den Blitz gespalten, sondern vollständig in dünne Holzstreifen zerlegt. Nie zuvor hatte ich etwas gesehen, das so vollständig zerstört war.

Die Zerstörung dieses Baumes erregte mein größtes Erstaunen; und ich erkundigte mich eifrig bei meinem Vater nach der Natur und dem Ursprung von Donner und Blitz. Er antwortete: „Elektrizität“ und beschrieb mir sogleich die verschiedenen Wirkungen dieser Kraft. Er konstruierte eine kleine elektrische Maschine und führte einige Experimente vor; er baute auch einen Drachen mit einem Draht und einer Schnur, der jenen Fluß von den Wolken herabzog.30

Dieser letzte Schlag stieß Cornelius Agrippa, Albertus Magnus und Paracelsus, die so lange meine Phantasie beherrscht hatten, endgültig von ihrem Thron. Aber durch irgendein Verhängnis fühlte ich mich nicht geneigt, das Studium eines modernen Systems zu beginnen; und diese Abneigung wurde durch den folgenden Umstand beeinflußt.

Mein Vater äußerte den Wunsch, daß ich einen Kurs über Naturphilosophie besuchen sollte, welchem ich freudig zustimmte. Ein Zufall verhinderte, daß ich diese Vorlesungen besuchte, bis der Kurs fast beendet war. Die Vorlesung, die daher eine der letzten war, war für mich völlig unverständlich. Der Professor sprach mit der größten Gewandtheit von Kalium und Bor, von Sulfaten und Oxiden, Begriffen, mit denen ich kein Bild verknüpfen konnte; und ich wurde von der Wissenschaft der Naturphilosophie angewidert, obwohl ich immer noch mit Vergnügen Plinius und Buffon las, Autoren, die meiner Meinung nach beinahe gleichermaßen fesselnd wie nützlich waren.31

Meine Beschäftigungen in diesem Alter waren vor allem die Mathematik und die meisten Studienzweige, die zu jener Wissenschaft gehören. Ich war eifrig damit beschäftigt, Sprachen zu lernen; Latein war mir bereits vertraut, und ich begann, einige der einfachsten griechischen Autoren ohne die Hilfe eines Wörterbuchs zu lesen. Auch Englisch und Deutsch beherrschte ich fließend. Dies ist die Liste meiner Errungenschaften im Alter von siebzehn Jahren; und Sie können sich vorstellen, daß meine Stunden vollauf damit ausgefüllt waren, eine Kenntnis dieser verschiedenartigen Literatur zu erwerben und zu erhalten.

Eine weitere Aufgabe ergab sich für mich, als ich der Lehrer meiner Brüder wurde. Ernest war sechs Jahre jünger als ich, und er war mein hauptsächlicher Schüler. Er litt seit seinen ersten Lebensjahren an einer schwachen Gesundheit, wodurch die Elizabeth und ich seine ständigen Pfleger waren: sein Wesen war sanft, aber er war zu keinem strengen Fleiß fähig. William, der Jüngste in unserer Familie, war noch ein Kleinkind und der hübscheste kleine Kerl auf der Welt; seine lebhaften blauen Augen, seine Grübchenwangen und sein liebenswertes Betragen weckten die zärtlichste Zuneigung.

Solcherart war unser häuslicher Kreis, aus dem Sorge und Schmerz für immer verbannt schienen. Mein Vater leitete unsere Studien, und meine Mutter nahm an unseren Zerstreuungen teil. Keiner von uns besaß den geringsten Vorrang vor dem anderen; niemals war ein gebieterischer Ton unter uns zu hören; vielmehr verpflichtete gegenseitige Zuneigung uns alle, den geringsten Wunsch des anderen zu erfüllen und zu befolgen.

2. Kapitel.

ALS ich das siebzehnte Lebensjahr erreicht hatte, beschlossen meine Eltern, daß ich an der Universität Ingolstadt32 studieren sollte. Bis dahin hatte ich die Schulen in Genf besucht; aber mein Vater hielt es für die Vervollständigung meiner Bildung für notwendig, daß ich auch mit anderen Sitten als denen meines Heimatlandes bekannt gemacht werden sollte. Meine Abreise wurde daher auf ein frühes Datum festgesetzt; ehe aber der beschlossene Tag kommen konnte, ereignete sich das erste Unglück meines Lebens – gleichsam ein Vorbote meines zukünftigen Elends.

Elizabeth war an Scharlach erkrankt, aber ihre Krankheit nahm keinen schweren Verlauf und sie erholte sich rasch. Während ihrer Bettlägerigkeit waren viele Argumente vorgebracht worden, um meine Mutter davon abzuhalten, sie zu pflegen. Zuerst hatte sie unseren Bitten nachgegeben; aber als sie hörte, daß ihr Liebling genesen war, konnte sie sich nicht länger von ihrer Gesellschaft fernhalten und betrat ihr Zimmer, lange bevor die Ansteckungsgefahr vorüber war. Die Unbesonnenheit hatte tödliche Folgen. Am dritten Tage erkrankte meine Mutter; ihr Fieber war sehr bösartig, und die Blicke derer, die über sie wachten, sagten den schlimmsten Ausgang voraus. Aber selbst auf dem Totenbett behielt diese bewundernswerte Frau noch ihre Tapferkeit und Güte bei. Sie legte Elizabeths und meine Hände ineinander: „Meine Kinder“, sagte sie, „meine größten Hoffnungen auf künftiges Glück bestanden in der Aussicht auf eure Vermählung. Diese Erwartung wird nun der Trost eures Vaters sein. Elizabeth, meine Liebe, du mußt meinen Platz bei deinen jüngeren Cousins einnehmen. Ach, ich bedaure, daß ich von euch genommen werde! Und, so glücklich und geliebt ich gewesen bin, ist es nicht schwer, euch alle zu verlassen? Aber das sind keine Gedanken, die zu mir passen; ich will versuchen, mich heiter mit dem Tod abzufinden, und werde mich mit der Hoffnung trösten, euch in einer anderen Welt wiederzusehen.“

Sie starb friedlich; und selbst im Tod sprach Liebe aus ihren Zügen. Ich brauche die Gefühle derer nicht zu beschreiben, deren teuerste Bande durch dieses unwiderruflichste Übel zerrissen werden; die Leere, die man in der Seele empfindet; und die Verzweiflung, die sich in den Gesichtern zeigt. Es ist so viel Zeit vonnöten, bis der Verstand sich selbst davon überzeugen kann, daß sie, die wir jeden Tag sahen und deren Existenz ein Teil unserer eigenen zu sein schien, für immer von uns gegangen sein kann – daß das Leuchten eines geliebten Auges ausgelöscht sein kann und der Klang einer Stimme, die so vertraut und dem Ohr lieb war, zum Verstummen gebracht sein kann, um nie mehr gehört zu werden. Dies sind die Gedanken der ersten Tage; aber erst wenn der Lauf der Zeit die Wirklichkeit des Übels beweist, beginnt die eigentliche Bitternis des Kummers. Doch wem hat diese grausame Hand nicht einen lieben Menschen entrissen; und warum sollte ich einen Kummer beschreiben, den ein jeder gefühlt haben wird und fühlen muß? Schließlich kommt die Zeit, wo die Trauer eher eine Schwelgerei denn eine Notwendigkeit ist und das Lächeln, das auf den Lippen spielt, nicht verbannt wird, selbst wenn man es für eine Entweihung halten mag. Meine Mutter war tot, aber wir hatten noch Pflichten, die wir erfüllen mußten; wir müssen unseren Kurs mit dem verbliebenen Rest fortsetzen und lernen, uns glücklich zu schätzen, solange noch einer übrig ist, den der Verderber nicht dahingerafft hat.

Meine Reise nach Ingolstadt, die durch diese Ereignisse aufgeschoben worden war, wurde nun wieder beschlossen. Von meinem Vater konnte ich einen Aufschub von einigen Wochen erlangen. Diese Zeit wurde traurig verbracht; der Tod meiner Mutter und meine baldige Abreise drückten unsere Stimmung; aber Elizabeth bemühte sich, den Geist der Fröhlichkeit in unserer kleinen Gesellschaft zu erneuern. Seit dem Tod ihrer Tante hatte ihr Geist neue Festigkeit und Kraft gewonnen. Sie war entschlossen, ihre Pflichten mit der größten Sorgfalt zu erfüllen, und sie fühlte, daß die dringlichste Aufgabe, ihren Onkel und ihre Cousins glücklich zu machen, ihr zugefallen war. Sie tröstete mich, unterhielt ihren Onkel, unterrichtete meine Brüder; und ich habe sie nie so bezaubernd gesehen wie zu jener Zeit, als sie, sich selbst völlig vergessend, unablässig bemüht war, zum Glück anderer beizutragen.

Schließlich kam der Tag meiner Abreise. Ich hatte mich von allen meinen Freunden verabschiedet, mit Ausnahme von Clerval, der den letzten Abend mit uns verbrachte. Er beklagte sich bitterlich, daß er mich nicht begleiten könne; aber sein Vater ließ sich nicht überreden, sich von ihm zu trennen, da er beabsichtigte, ihn zum Teilhaber in seinem Geschäft zu machen, gemäß seiner Lieblingstheorie, daß das Lernen im Handel des alltäglichen Lebens überflüssig sei. Henry hatte einen gebildeten Verstand; er hatte nicht den Wunsch, müßig zu sein, und war sehr erfreut, der Teilhaber seines Vaters zu werden, aber er glaubte, daß ein Mann ein sehr guter Kaufmann werden und dennoch einen kultivierten Verstand besitzen könne.

Wir saßen lange beisammen, hörten uns seine Klagen an und trafen viele kleine Vereinbarungen für die Zukunft. Früh am nächsten Morgen reiste ich ab. Tränen strömten aus Elizabeths Augen; sie flossen teils aus Kummer über meine Abreise, teils weil sie daran dachte, daß dieselbe Reise drei Monate zuvor hätte stattfinden sollen, als mich der Segen einer Mutter begleitet hätte.

Ich warf mich in die Kutsche, die mich davontragen sollte, und gab mich äußerst trübseligen Betrachtungen hin. Ich, der ich stets von liebenswürdigen Gefährten umgeben gewesen war, die sich stetig bemühten, einander Vergnügen zu bereiten, ich war jetzt allein. Auf der Universität, wohin ich nun ging, mußte ich meine eigenen Freunde finden und mein eigener Beschützer sein. Mein bisheriges Leben war außerordentlich zurückgezogen und häuslich gewesen, und das hatte in mir eine unüberwindliche Abneigung gegen neue Gesichter bewirkt. Ich liebte meine Brüder, Elizabeth und Clerval; sie waren „altbekannte vertraute Gesichter“33; aber ich hielt mich für völlig ungeeignet, mit Fremden Bekanntschaften anzuknüpfen. Das waren meine Betrachtungen, als ich meine Reise antrat; aber während der Fahrt stiegen meine Laune und meine Hoffnungen mehr und mehr. Ich spürte ein brennendes Verlangen nach dem Erwerb von Wissen. Als ich zu Hause war, hatte ich es oft als belastend empfunden, während meiner Jugend an einem Ort eingesperrt zu bleiben, und hatte mich danach gesehnt, in die Welt zu gehen und meinen Platz unter anderen Menschen einzunehmen. Nun wurde mein Wunsch erfüllt, und es wäre in der Tat töricht gewesen, Reue zu empfinden.

Ich hatte während der langen und ermüdenden Reise nach Ingolstadt hinreichend Muße für diese und viele andere Betrachtungen. Endlich erblickte ich den hohen weißen Kirchturm der Stadt. Ich stieg aus und wurde in meine einsame Wohnung geführt, um den Abend nach Belieben zu verbringen.

Am nächsten Morgen übergab ich meine Empfehlungsschreiben und suchte einige der wichtigsten Professoren auf, unter anderem Monsieur Krempe, Professor der Naturphilosophie. Er empfing mich mit Höflichkeit und stellte mir mehrere Fragen über meine Fortschritte in den verschiedenen Zweigen der Wissenschaft, die zur Naturphilosophie gehören. Ich erwähnte, freilich mit Furcht und Zittern, die einzigen Autoren, die ich je zu diesen Themen gelesen hatte. Der Professor starrte mich an: „Haben Sie“, sagte er, „wirklich Ihre Zeit mit dem Studium solchen Unsinns vertan?“

Ich bejahte die Frage. „Jede Minute“, fuhr Monsieur Krempe hitzig fort, „jeder Augenblick, den Sie mit jenen Büchern vergeudet haben, ist ganz und gar verloren. Sie haben Ihr Gedächtnis mit widerlegten Systemen und nutzlosen Begriffen befrachtet. Großer Gott! In welchem wüsten Land haben Sie gelebt, wo niemand so gütig war, Ihnen mitzuteilen, daß diese Phantastereien, die Sie so gierig in sich aufgesogen haben, tausend Jahre alt und ebenso muffig wie veraltet sind? Ich habe kaum erwartet, in diesem aufgeklärten und wissenschaftlichen Zeitalter einen Jünger des Albertus Magnus und des Paracelsus zu finden. Mein Bester, Sie müssen Ihre Studien ganz von neuem beginnen.“

Mit diesen Worten trat er beiseite und verfertigte eine Liste mit mehreren Büchern über Naturphilosophie, die zu besorgen er mir auftrug, und entließ mich, nachdem er erwähnt hatte, daß er zu Beginn der nächsten Woche eine Vorlesungsreihe über die Naturphilosophie im allgemeinen beginnen wolle, und daß Monsieur Waldman, ein Professorenkollege, an den übrigen Tagen, die er versäumte, Vorlesungen über Chemie halten würde.