Franziska und das Drogenkartell - Hans-Peter Mester - E-Book
Beschreibung

Ein rätselhafter Doppelmord Erneut wird die Frühstückspension ›Sonnenblume‹ Schauplatz eines Gewaltverbrechens. Am Tatort sind keine Spuren zu finden, Zeugen gibt es auch nicht. Kriminalrat Strelitz und sein Team tappen im Dunkeln. Ein Erpresser agiert amateurhaft und bringt sich selbst in arge Bedrängnis, als er in der ›Sonnenblume‹ wartet. Findorffer Parzellenbuden sollen abgerissen werden. Als wenige Tage danach die unbeliebte Beamtin des Bausenators tot aufgefunden wird, hagelt es Kritik von allen Seiten. Der Austausch-Kollege aus Marseille vom Drogendezernat versucht vergeblich, bei der Mordaufklärung zu helfen. Das Ermittlungsteam fahndet indes nach der verschwundenen Tochter von Andreas. Dann geraten Franziska und der Kriminalrat unversehens in Lebensgefahr, als die Hintergründe der Morde endlich erkennbar werden, die niemand vermutete. Kann sich das international agierende Drogenkartell ein profitables Basislager in Bremen schaffen?

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Hans-Peter Mester

Franziska

und das Drogenkartell

Findorff-Krimi

Band 8

Dieses Buch ist bei der Deutschen Nationalbibliothek

registriert. Die bibliografischen Daten können online angesehen werden:

http://dnb.d-nb.de

Impressum

© 2017 KellnerVerlag, Bremen • Boston

St.-Pauli-Deich 3 • 28199 BremenTel. 04 21 - 77 8 66 • Fax 04 21 - 70 40 58

sachbuch@kellnerverlag.de • www.kellnerverlag.de

Lektorat: KellnerVerlagSatz: Regina RingshausenUmschlag: Designbüro Möhlenkamp & Schuldt, Bremen

ISBN 978-3-95651-160-8

Der Autor:

Hans-Peter Mester, Jahrgang 1954, in Bremen geboren und aufgewachsen, hat große Teile seiner Kindheit »auf Parzelle« verbringen dürfen. Für den langjährigen Leiter des Ortsamtes Bremen-West gehörte der lokale Blick auf die Stärken und die Abgründe des Stadtteillebens fast drei Jahrzehnte zu seinem Berufsalltag. Von 1985 bis 2000 war er stellvertretender Leiter, von 2000 bis 2012 Chef des Bremer Ortsamtes West.

Er quittierte den Dienst wegen seiner Parkinson-Erkrankung, die ihm anschließend die Gelegenheit bot, zu Hause über kuriose und alltägliche Besonderheiten zu schreiben. Zahlreiche Notizen bildeten die Grundlage für die raffinierten Kriminalromane rund um Stadtplanerin Franziska.

Ein besonderer, sozial engagierter Mensch ist nun nicht mehr mit uns. Er starb am 8. April 2016 im 63. Lebensjahr. Er wusste um seine radikal begrenzte Lebenszeit und schrieb die zehnbändige Krimi-Reihe »Franziska und ...«. Diesem achten Band werden noch zwei Ausgaben bis Ende 2018 folgen.

Verstorbene leben in den Gedanken der anderen Menschen weiter, Hans-Peter Mester wird zusätzlich durch seine Bücher präsent und noch sehr lange in Erinnerung bleiben.

Foto: Walter Gerbracht

Die Akteure

Im Kleingartenmilieu

Franziska Morgenstern

verheiratet mit Andreas, Stadtplanerin mit Hang zu beruflicher Unabhängigkeit, aufgeweckte Kleingärtnerin.

Andreas Klapphorn

Musikpädagoge, Erster Vorsitzender des Kleingartenvereins und verheiratet.

Julia und Johannes

Heranwachsende Kinder aus Andreas’ erster Ehe. Sorgen für spätpubertäre Momente.

Johanna

Franziskas Schwester. Eine Plaudertasche mit Herz. Neuerdings mit Dr. Klüngel liiert.

Rudi Klingebiel und Maria

Das urige Gastronomenehepaar im Landheim Erntedank. Rudi ist die Drehscheibe für Neuigkeiten; personifizierte Stimme des Volkes.

Tatjana Knispel-Klingebiel

Rudis Tochter aus erster Ehe. Studentin der Sozialwissenschaften und neuerdings verheiratet mit Olaf Knispel.

Hermann Schilling mit Dackel Friedhelm

Rechter Nachbar von Franziska, Vereins-Methusalem – gehört wie sein neurotischer Dackel zum Inventar.

Bernhard und Gundi Markgraf

Linke Nachbarn von Franziska. Haben vier Kinder. Leben mit Hermann Schilling in einer Dauerfehde.

Dietmar Duntze

Zweiter Vorsitzender des Westernvereins »Bonanza«. Optimist und Frohnatur.

Liliane Kramer

Leiterin der Kinder- und Jugendfarm im Westernverein. Weder optimistisch noch frohnatürlich. Bei ihr ist das Glas mehr als halbleer.

Von der Polizei

Kriminalrat Strelitz

Vaterfigur im Ermittlerteam. Erfahrener Kriminalrat mit depressiven Momenten und guter Spürnase. Meistens.

Oberkommissarin Konstanze Kannengießer

Wichtige Stütze des Teams, ehrgeizig, aber loyal, mit Sorgerecht für Strelitz.

Kommissar Olaf Knispel

Nachwuchskraft – das Restrisiko im Team. Findet sich immer besser zurecht.

Christian Schwalbach

Leiter des Drogendezernats, Lebensgefährte von Konstanze Kannengießer. Zurzeit im Austauschprogramm mit Marseille. Im Übrigen Erster Vorsitzender des Westernvereins »Bonanza«.

Maurice Bertrand

Austausch-Kommissar aus Marseille, unterstützt das Strelitz-Team.

… und außerdem

Sebastian Olmütz

Journalist, zuständig für Sensationen und Skandale.

Dr. Klaus Klüngel

Unternehmensberater, der eine Zeit lang das Ermittlungsteam der Kripo begleitete. Derzeit mit einem Auftrag in Oldenburg ortsabwesend.

Frau Sprotte

Pensionswirtin – korrekt, sauber, pünktlich und ein bisschen tüdelig. Schätzt geordnete Zustände.

Rosemarie Stromberg

Cousine von Konstanze; muss vorübergehend bei ihr einziehen.

Roland und Charlotte Schiefelbein

Ehepaar mit Kommunikationsstörungen.

Kai Lorenz

Beamter mit Neigung zu Nebenverdiensten.

Dr. Carola Theuerkauf und Jochen Mattfeldt

Finden ihr Ende in einer Frühstückspension.

Kapitel 1

Carola Theuerkauf stellte ihren Koffer auf das Bett des Zimmers, das sie gerade in der Frühstückspension »Sonnenblume« belegt hatte. Gutgelaunt begann sie, ein paar Blusen und eine Hose aus dem Gepäckstück zu nehmen und in einen kleinen Wäscheschrank umzupacken.

Die Stimmungslage ihres Begleiters Jochen Mattfeldt hingegen wirkte vergleichsweise instabil. Seine Mundwinkel zeigten abwärts und fassten die von Bedenken und Missbilligung geprägte Befindlichkeit ihres Besitzers eindrucksvoll zusammen. Ein Schnauzbart unterstrich den trüben Gesamteindruck und rückte Mattfeldt in die optische Nähe eines verkaterten Seehundes.

»Mir gefällt das nicht, mir gefällt das überhaupt nicht!«, erklärte er und erreichte damit immerhin, dass Frau Dr. Theuerkauf bei ihrer Tätigkeit innehielt und ihn erstaunt ansah.

»Das sind ja ganz neue Anwandlungen«, stellte sie belustigt fest. »Widerspruch? Aufbegehren? Am Ende eine Revolte?«

Jochen Mattfeldt erschrak und machte eine abwehrende Handbewegung.

»Nicht doch, gewiss nicht, nichts liegt mir ferner, als dich zu kritisieren, Carola!«, sprudelte es aus ihm heraus.

Carola Theuerkauf schaute spöttisch auf ihren Begleiter. Eine treue Seele, hörig wie ein Schoßhund, ohne eigenes Profil. Als Lebensgefährten würde sie ihn nie ernst nehmen können; andererseits hatte sie sich an seine bedingungslose Loyalität gewöhnt. Sie brachte es nicht fertig, ihn mit einem Tritt vor die Tür zu befördern. Außerdem besaß er Eigenschaften, die ihn für ihre kriminellen Energien zu einem wertvollen Kompagnon machten: Er war zuverlässig, hatte einen Blick für die großen und kleinen Gesamtzusammenhänge und verfügte über einen guten Schreibstil.

»Was macht dich so übellaunig?«, fragte Carola ihren Zimmergenossen und setzte ihre Beschäftigung mit dem Kofferinhalt fort.

»Wir sind wahnsinnig leichtsinnig. Es ist gefährlich, dass du wieder jemanden finanziell erleichtern willst. Und es ist gefährlich, ausgerechnet hier zu logieren. Das war unsere Herberge, bevor wir vor einem Jahr flüchten mussten. Der Pensionswirtin wird bald ein Licht aufgehen und dann wissen, wer hier wieder temporär wohnt.«

»Erstens haben wir unser Äußeres verändert, zweitens wird sich diese nette alte Dame mit ihrer beginnenden Altersdemenz definitiv nicht erinnern. Da gehen keine Lichter mehr an. Drittens werden wir nicht lange hier sein. Wir kassieren morgen, und dann ziehen wir uns zurück. Und außerdem«, sie packte ihren Zahnputzbecher aus und hielt ihn gegen das Licht, »ist das Leben von Anbeginn gefährlich – und es endet immer tödlich.«

Sie räumte Becher, Zahnpasta, Zahnbürste und Deo, die sich in ihrem Koffer verselbstständigt hatten, zurück in die Kulturtasche, trug sie ins Bad und dekorierte die Spiegel-Konsole mit den Zahnpflege-Helfern. Durch die halboffene Badezimmertür hörte sie ein Geräusch, das sich wie ein »Püch!« anhörte. Direkt im Anschluss schien irgendetwas Schweres zu Boden zu fallen.

Carola Theuerkauf stutzte.

»Jochen?« – »Jochen!« – Sie legte die Kulturtasche beiseite und kehrte ins Wohnzimmer zurück. Dort erstarrte sie.

Es erklang noch einmal »Püch«.

Dr. Theuerkaufs Weissagung erfolgte zu Recht: Leben ist von Anbeginn gefährlich – und es endet immer tödlich.

Kapitel 2

Derweil war im Landheim »Erntedank« eine frohe, fast heiter zu nennende Stimmungslage festzustellen.

Rudi Klingebiel, zuverlässiger Gastwirt dieses gut eingeführten Parzellisten-Treffs, rieb sich die Hände. Eine geschlossene Gesellschaft hatte sich bei ihm eingenistet und den gesamten Saal gemietet. Eine Silberhochzeit mit 30 Personen! Rudi hatte seine Speisekarte für diesen Abend speziell erweitert.

Für Musik sollten drei schon etwas reifere Herren sorgen. Zwei waren mit einer elektrischen Gitarre ausgestattet, der dritte führte eine Heimorgel mit sich. Das Trio nannte sich »Mannis Kombo« und galt in Bremen als Geheimtipp für Kohlfahrten und Familienfeiern.

Rudi tat es einerseits leid, dass er seinen Stammgästen verkünden musste, dass sie auf Grund einer »geschlossenen Gesellschaft« ihr Bier heute Abend nicht im Landheim konsumieren konnten. Immerhin bildete diese treue Kundschaft das Rückgrat seines Umsatzes. Aber als Gastronom musste er kaufmännisch denken. 30 Personen mit vollem Verzehr-Programm ergaben ungefähr so viel Umsatz wie die üblichen Kartendrescher und Thekenhocker in zwei Wochen des Monats Oktober.

Rudis Frau Maria bewegte sich in der Küche, seine Tochter Tatjana hatte die Bedienung übernommen, und Rudi fungierte als Herrscher über die Zapfhähne.

Sein Schwiegersohn Olaf Knispel, der Gatte von Tatjana, hatte noch Dienst und würde nicht so schnell zurückkehren. Er war Kommissar bei der Bremer Kripo, und, wenn Tatjana ihren Olaf richtig verstanden hatte, musste er an einer Observation teilnehmen. Sollte er noch rechtzeitig heimkehren, würde er es sich wahrscheinlich nicht nehmen lassen, mitzuhelfen.

Einstweilen servierte Tatjana die ersten Getränke. Man unterhielt sich nett mit dem Tischnachbarn, es wurde gescherzt und gelacht, und »Mannis Kombo« begleitete die Veranstaltung zunächst einmal mit dezenter Hintergrundmusik. Dann kam das Essen samt Vorsuppe und Dessert.

Schließlich erhob sich der Ehemann des Jubiläumspaares, klopfte an sein Glas und bat um Ruhe. Er wandte sich an seine links von ihm sitzende Ehefrau.

»Mein Liebes«, hob er an, »ein Ehe-Jubiläum wie dieses sollte nicht unkommentiert bleiben. Liebes, wir sind ein Vierteljahrhundert durch bewegte Zeiten gegangen, haben Höhen und Tiefen erlebt, und wenn es mal rumpelig wurde, sind wir anschließend meistens vereint gestärkt worden. Wir haben gemeinsam den Führerschein gemacht, halb Europa bereist und ein Haus abbezahlt. So können wir also heute auf ein erfülltes Vierteljahrhundert zurückblicken, von dem ich kein Jahr bereue.«

Vereinzelt kam Beifall auf. Der Ehe-Jubilar machte eine kleine Pause und holte tief Luft.

»Ich bin allerdings der Auffassung, dass auch kein weiteres Jahr hinzukommen sollte. Also, ich meine, irgendwann muss es ja auch mal gut sein. Dir wünsche ich aufrichtig ein schönes weiteres Leben und euch allen einen schönen Abend.«

Er deutete eine Verbeugung an, drehte sich zur anderen Seite und reichte der rechts von ihm sitzenden, deutlich jüngeren Dame die Hand. »Kommst du?«, fragte er. Gemeinsam verließen die beiden den Saal.

Die Hochzeitsgesellschaft saß reglos da. Bei einigen schien eine Schockstarre eingetreten zu sein, andere schauten sich entgeistert an. Zwei oder drei Familienmitglieder hatten noch ein Restlächeln im Gesicht und rechneten offenbar damit, dass sich die Szenerie gleich in einem allgemeinen Gelächter auflösen würde.

Ein Sektglas segelte durch den Raum und zersplitterte an der Tür, die der Ehejubilar gerade hinter sich geschlossen hatte.

»Mannis Kombo« spielte einen Tusch und begann, ihre Instrumente einzupacken.

Kapitel 3

Kriminalrat Karl-Eberhard Strelitz befand sich an diesem Abend in einem Ausnahmezustand. Er hatte morgens seine Frau verabschiedet, die zu einem dreiwöchigen Kur-aufenthalt abgereist war. Sie hatte ihn noch mit zahlreichen Hinweisen, Ratschlägen und Durchhalteparolen überschüttet, aber er hatte sie beruhigt. »Keine Sorge, ich komme klar. Wir reden nicht über eine Weltreise, sondern über drei Wochen Kur. Und ja, ich kann waschen, saubermachen, einkaufen und mich nahrungstechnisch versorgen. Außerdem habe ich einen Job, der mich vor Langeweile schützt. Wir telefonieren jeden Abend, Marga, nun mal los, du musst jetzt aufbrechen, sonst verpasst du deine ersten Anwendungen!«

Die Tür schloss sich, und im gleichen Moment fühlte sich der Kriminalrat seltsam, ohne dass er seine Befindlichkeit hätte genauer beschreiben können.

Nun war Feierabend, und er saß zu Hause. Orientierungslos streifte er durch alle Räume seines Heimes. Irgendwann hatte er den Eindruck, nicht allein zu sein.

»Marga? Marga, bist du das?«

Natürlich hörte er keine Antwort.

»Karl-Eberhard, mach dich nicht zum Narren!«, murmelte er und griff sich den Telefonhörer. Er hatte mindestens seit vier Wochen nicht mehr mit seiner Tochter gesprochen. Zeit, sich mal nach den Enkelkindern zu erkundigen.

Nach einem kurzen Gespräch legte er wieder auf. Er hatte den Eindruck, gestört zu haben. Außerdem hätte er gern gewusst, warum seine Tochter ihn mit einem besorgten »Hallo Papa, alles in Ordnung?« begrüßte.

Er ging zum gut gefüllten Kühlschrank. Wie lange blieb Marga weg? Auf jeden Fall waren hier Vorräte für zwei Monate eingelagert. Strelitz war sich sicher, dass dies sogar eine vorsichtige Schätzung war. Er nahm eine Flasche Bier heraus. Da sie ihm zu kalt war, mischte er sie mit einer zweiten Flasche aus der Besenkammer. Dann lümmelte er sich auf der Couch und strapazierte die Fernbedienung des Fernsehgerätes. Aber er war außerstande, sich auf eine der Sendungen zu konzentrieren, und wanderte wieder durch die Räume. Wollte Marga nicht anrufen?

Das Telefon klingelte, und Strelitz nahm nach dem ersten Klingelton den Hörer in die Hand.

»Hallo Marga«, meldete er sich mit aufgesetzt guter Laune. Aber Irgendjemand wollte einen Mustafa sprechen. Strelitz reagierte ungehalten und legte auf.

Zwei Sekunden später klingelte es erneut.

Strelitz nahm den Hörer etwas langsamer ab und sagte dann mit mühsam beherrschter Stimme: »Es tut mir leid, aber hier gibt es keinen Mustafa! Wie bitte? Ach du bist’s, Marga! Wie schön! Wie bitte? Nein, mir geht’s gut, alles im grünen Bereich. Welcher Mustafa? Was? Nein, ich kenne keinen Mustafa. Es hatte sich kurz vorher jemand verwählt. Und bei dir?« Er lauschte, und schließlich sagte er: »Ja, das glaube ich. Ich bin auch müde. Wir hören uns morgen Abend. Ja, gute Nacht. Gute Nacht, Marga.«

Er legte auf. Kurz darauf klingelte es noch mal.

Strelitz meldete sich postwendend. »Ja, Marga?«

Er lauschte kurz, dann brüllte er: »Hier gibt’s keinen Mustafa!!!« und legte heftig auf. Mit glasigem Blick schaute er auf den leise gestellten Fernseher.

»Mensch, Marga«, murmelte er.

Kapitel 4

Am nächsten Morgen richtete Frau Sprotte für ihre Pensionsgäste den Frühstückstisch. In einem kleinen Radio verbreitete das »NordWestRadio« von Radio Bremen gute Laune, Nachrichten und Wetterprognosen. Eigentlich gefällt mir der Sender nicht, spielt fast nur englische Schlager, aber die Gäste werden sich hoffentlich wohlfühlen, dachte Frau Sprotte. Und dieses Paar, das gestern eingecheckt hatte, oder wie das heute in Neudeutsch hieß, war vielleicht um die 40. Frau Sprotte hatte hingegen die 70 überschritten und musste sich eingestehen, dass sie manchmal schon etwas tüdelig war. So hatte sie gestern doch tatsächlich überlegt, warum ihr dieses Pärchen bekannt vorkam. Aber die beiden hatten sich mit Herr und Frau Schmidt aus Bad Münstereifel eingetragen. Und eine Familie Schmidt kannte sie nicht und aus Bad Münstereifel schon gar nicht. Sie wusste nicht einmal, wo das lag.

Frau Sprotte füllte den Kaffee in eine lsolierkanne und versorgte die Eier mit kleinen Wollmützchen, um die Temperatur zu halten.

»Wo dieses Pärchen nur bleibt?« Sie schaute missbilligend auf die Küchenuhr. Um 8.30 Uhr wollten sie frühstücken. Das wäre vor zehn Minuten gewesen. Für Verhaltensweisen abseits der sogenannten deutschen Tugenden hatte sie wenig Verständnis. So hatten ihr auch die Turbulenzen, die sich in den letzten beiden Jahren wiederholt ereignet hatten, nicht zugesagt. Ausgewachsene Männer hatten sich auf der Treppe nach oben und im Zimmer 1 geprügelt. Einige der Beteiligten konnten sich jedoch zu ihrer Überraschung als Kriminal-Polizisten ausweisen. Und dann zu allem Überfluss die Leiche in der Badewanne. Nein, das hatte ihr überhaupt nicht gefallen. Sie führte eine Frühstückspension, keine Achterbahn. Zeitweise hatte sie den Betrieb sogar eingestellt.

Jetzt deutete sich schon wieder eine Unregelmäßigkeit an. Sie horchte nach oben, aber ihr Hörvermögen war eingeschränkt, und sie hatte ihr Hörgerät heute Morgen noch nicht aktiviert. So blieb ihr Lauschangriff ergebnislos. Schließlich war es 9.30 Uhr, und die Pensionswirtin entschloss sich, nunmehr persönlich nach dem Rechten zu sehen.

Sie stieg die Treppe hinauf und geriet dabei etwas außer Atem.

Als sich ihre Luftzufuhr wieder reguliert hatte, klopfte sie gegen die Tür, die daraufhin nach innen aufging – sie war nur angelehnt gewesen. Sie betrat das Zimmer. In dessen Mitte lag Jochen Mattfeldt auf dem Rücken, mit starrem Blick zur Zimmerdecke. Auf der Schwelle der ebenfalls offenen Tür zum Bad lag Carola Theuerkauf in einer seltsam verdrehten Position.

Frau Sprotte fand es an der Zeit, ihre Gäste zur Ordnung zu rufen.

»Hallo Herr Schmidt, Sie sollten nicht auf dem Teppich herumliegen. Hören Sie mich? Das gilt auch für Sie, Frau Schmidt!«, erklärte sie in tadelndem Ton. Sie bückte sich zu Jochen Mattfeldt, um ihm aufzuhelfen. Erst jetzt sah sie das Loch über seiner Nasenwurzel. »Ach, du liebe Güte«, murmelte Frau Sprotte.

Sie dachte nach. Es war wohl an der Zeit, die Polizei anzurufen, überlegte sie, zumal die Dame auf der Schwelle zum Bad eine ähnliche Verletzung aufwies. Sie erinnerte sich an eine Visitenkarte, die sie im linken Auszug ihres Küchenschrankes aufbewahrte. Darauf stand die Rufnummer eines Polizisten. Wie hatte der noch gleich geheißen? Drehsitz? Schneewitz? Kleespitz? Nein, jetzt hatte sie es – Strelitz war der Name. Nicht mehr ganz jung, aber sehr geduldig. Er hatte ihr damals ausdrücklich gesagt, sie möge jederzeit anrufen, wenn ihr etwas auffalle. Und für Frau Sprotte bestand kein Zweifel: Der Zustand ihrer beiden Gäste war eindeutig auffällig.

Kapitel 5

Strelitz war heute Morgen gegen sechs Uhr auf der heimischen Couch aufgewacht. Vor ihm auf dem Tisch standen fünf leere Bierflaschen, und seine Blase trieb ihn ins Bad. »So geht das nicht weiter«, murmelte er wenig später und schaute beim Rasieren selbstkritisch in den Spiegel. Um sieben Uhr war er wieder halbwegs gesellschaftsfähig.

In seinem Dienstzimmer ging es heute sehr lebhaft zu. Strelitz saß mit seiner Oberkommissarin Konstanze Kannengießer sowie dem Kommissar Olaf Knispel zusammen, um den Tagesablauf abzustimmen, als zwei Herren hereinspazierten. Es handelte sich um den Polizeipräsidenten – allgemein PP genannt – sowie einen Herren im Alter Ende 40, den der Polizeichef als Monsieur Bertrand vorstellte. »Der Austausch-Kollege aus Marseille«, strahlte er. »Wir sprachen ja letzte Woche darüber. Er wird die Arbeit des Mord- und des Drogendezernats bis zum 31. März begleiten.«

Strelitz begrüßte den französischen Gast mit Handschlag. »À la bonne heure«, stammelte er, »je suis très heureux, ça vas bien? …«

»Keine Sorge, ich stamme aus dem Elsass und spreche leidlich deutsch. Nennen sie mich einfach Maurice«, fiel ihm der Gast-Kollege ins Wort.

Strelitz atmete auf, denn die Reste seines in vier Schuljahren genossenen Französisch-Unterrichts lagen in irgendeinem dunklen Winkel seines Sprachzentrums verschüttet und widersetzten sich einer Reaktivierung.

Er bemerkte, dass auch seine beiden Mitarbeiter erleichtert wirkten.

Der PP übernahm wieder die verbale Vorherrschaft. »Maurice, dies ist unser Morddezernat, Karl-Eberhardt Strelitz führt zurzeit auch das Drogendezernat. Der dort zuständige Kriminalrat Christian Schwalbach ist der Chef unserer Drogenfahndung. Er ist jetzt zeitgleich in Marseille. Dein Austausch-Gegenpart sozusagen.« Der PP lachte, als sei ihm ein besonders guter Witz gelungen.

Konstanze Kannengießer nickte wie zur Bestätigung und schaute betrübt drein. Sie war die große Verliererin dieses Austauschprogramms, denn Christian Schwalbach war ihr Lebensgefährte, und die Aussicht, ihn ein halbes Jahr lang nicht zu sehen – von einem kleinen Weihnachtsurlaub vielleicht abgesehen – beförderte einen dicken Kloß in ihren Hals.

Der PP wusste um diese private Konstellation und klopfte der Oberkommissarin aufmunternd auf die Schulter.

»Kopf hoch, Oberkommissarin Kannengießer, die Zeit läuft für Sie. Und glauben Sie mir, es ist eine gute Prüfung für die Beständigkeit Ihrer Verbindung. Sie werden eine besondere Form der Wertschätzung füreinander entwickeln, und ab Anfang April können Sie dieses Gefühl dann wieder mit Leben füllen.«

»Aber jetzt ist es Anfang Oktober …« Sie brach ab und trat ans Fenster, um sich zu schnäuzen. Die vier Herren schauten betreten aneinander vorbei.

»Ja, äh … ich lass Sie jetzt mal alleine. Ich werde von Zeit zu Zeit vorbeischauen, um zu sehen, wie es mit unserem Gast läuft. Au revoir, Maurice!«

Strelitz wurde gemütlich. »Kommen Sie, Maurice, nehmen Sie Platz, haben Sie sich schon in Bremen umgesehen?«

Die nächste halbe Stunde war angefüllt mit heiterem Geplauder. Sogar Konstanze konnte wieder lächeln.

Die Maschine, die heißes Wasser und braunes Pulver zu einem genießbaren Kaffee verarbeitete, fiel wieder einmal durch das einmalige Repertoire an bizarren Geräuschen auf. Bevor sie schließlich mit einem heiseren Röcheln »Vollzug« meldete, bot sie eine kleine Übersicht über ihr aktuelles akustisches Programm. Sie gluckste, blubberte und röhrte, was ungewöhnlich war. Nach einem abschließenden Knall, der in ein sanftes Brummen überging, stellte Strelitz dem französischen Gast die Kaffeemaschine Rudolf vor.

»Mon Dieu«, entfuhr es dem Mann aus Marseille. »Rudolf? Weil er Geräusche macht wie ein Elch, vermute ich mal?«

»Genau«, sagte Olaf, froh, auch etwas zur Unterhaltung beisteuern zu können. Er begann zu summen: »Rudolf, the red-nosed reindeer …«

»Olaf!«, rief Strelitz ihn zur Ordnung. »Wir haben Anfang Oktober!«

In diesem Moment klingelte das Telefon des Kriminalrates.

»Das hört sich an wie Franziska Morgenstern«, bemerkte Konstanze Kannengießer.

»Auch wenn ich wüsste, dass morgen früh Frau Morgenstern anrufen wird, so würde ich doch heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen«, philosophierte Strelitz.

»Wer ist Frau Morgenstern?«, erkundigte sich Monsieur Bertrand.

»Oh, eine gute Bekannte, die uns in gewissen Abständen über Leichen informiert, auf die sie in ihrem Kleingarten-Alltag stößt.«

»Ich verstehe. Solche Damen haben wir in Marseille auch. Ein bisschen gaga, alt und allein, und dann haben sie abends noch einen Roman gelesen oder einen Film gesehen, und anschließend vermischen sich Realität und Einbildung. Nach dem dritten Pastis rufen sie dann bei uns an und teilen mit, dass in ihrem Schlafzimmer eine Leiche liegt und im Garten seltsame Geräusche zu hören sind.«

Karl-Eberhard Strelitz seufzte.

»Frau Morgenstern ist Mitte 30, bei klarem Verstand, und ihre Meldungen sind stets zutreffend. Schlimmer noch – sie erkennt manchmal schneller als wir, wer für die Leiche verantwortlich ist.« Er schaute das Telefon misstrauisch an.

»Also eine freie Mitarbeiterin?«, amüsierte sich der französische Kollege.

»Mehr als das«, murmelte der Kriminalrat, nahm ab und meldete sich.

»Oh, wie schön, dass ich Sie gleich dran habe …«, sagte eine ältere weibliche Stimme.

Strelitz machte seinen Zuhörern ein Zeichen der Entwarnung. Es war nicht Frau Morgenstern.

»Wer spricht denn da?«

»Herr Strelitz, ich wollte Ihnen mitteilen, dass Herr Schmidt tot ist.«

»Das tut mir leid«, antwortete der Kriminalrat wahrheitsgemäß. »Aber wer …«

»Und Frau Schmidt ist auch tot. Es sieht so aus, als hätte jemand geschossen. Die haben nämlich beide ein Loch im Kopf und liegen hier auf meinem Teppich.«

Strelitz fragte sich, ob eine der von Monsieur Bertrand beschriebenen älteren Damen aus Marseille versehentlich in seinen Hörer geraten war.

»Dann sollten wir uns das mal angucken«, sagte er. »Wie kommen wir denn zu Ihnen?« Der Kriminalrat nahm einen Kugelschreiber zur Hand.

»Haben Sie nicht mehr diese kleinen grünen Autos?«, kam die prompte Gegenfrage.

Strelitz verschlug es für einige Momente den Atem. Dann war er wieder am Ball. »Hören Sie, wenn wir vorbeikommen sollen, dann brauche ich Ihren Namen und Ihre Adresse!«

»Aber Sie kennen mich doch! Sie haben mir doch Ihre Visitenkarte gegeben!«

»Mögen Sie mir trotzdem noch einmal Ihren Namen sagen?«, erkundigte sich Strelitz. Sein Vorrat an Geduld befand sich bereits im Reserve-Modus.

»Na, ich bin doch Frau Sprotte! Hier spricht Frau Sprotte aus der Frühstückspension Sonnenblume! Kommen Sie?«

»Ach, Frau Sprotte!« Strelitz war augenblicklich im Bilde und wusste sofort, dass er etwas lauter sprechen musste. »Wir sind in einer Viertelstunde bei Ihnen!«

Kapitel 6

Die Frühstücksrunde bei Franziska Morgenstern und Andreas Klapphorn war ebenfalls von einer gewissen Lebhaftigkeit gekennzeichnet. Die beiden waren von ihrer Hochzeitsreise zurück, und nur der Ring an der rechten Hand kündete von der tiefgreifenden Veränderung ihres Beziehungsstatus’. Ihre jeweiligen Familiennamen hatten sie behalten, und auch die Idee eines Doppelnamens wollten sie nach kurzem Überlegen nicht vertiefen.

»Das passt in kein Formular«, hatte Franziska festgestellt, und Andreas musste einräumen, dass die Kombination Klapphorn-Morgenstern oder deren Umkehrung zum Schmunzeln Anlass geben könnte.

»Und mit unseren Familiennamen spaßen wir nicht«, waren die beiden sich einig.

So saßen also weiterhin Frau Morgenstern und Herr Klapphorn am Frühstückstisch. Doch eine weitere Veränderung sorgte heute für Gesprächsstoff: Franziska hatte sich entschlossen, ihre Tätigkeit als Stadtplanerin für ein Jahr zu unterbrechen, um ein eigenes Planungsbüro aufzubauen. Aus ihrer bisherigen Tätigkeit verfügte sie über beste Kontakte und hatte schon eine Handvoll kleinere Aufträge annehmen können. Ihr Sozius in diesem Unternehmen war ihre Schwester Johanna, die heute mit am Frühstückstisch saß. Diese kämpfte gerade mit einem halben Schinkenbrötchen, dessen Belag sich nicht abbeißen ließ. Entweder rutschte der Schinken in einem Stück mit dem ersten Happen in den Mund, oder er blieb komplett draußen.

»Ein in jeder Hinsicht verbissener Kampf, den du da gerade führst«, zeigte Schwager Andreas sein Mitleid. »Käffchen?«

Johannas Antwort ging beim erneuten Versuch, das Brötchen anzubeißen, unter.

Stattdessen schaute Franziska auf ihre Armbanduhr. »Wo bleibt denn die Nachwuchsabteilung?«, wunderte sie sich. In diesem Moment tauchte Johannes auf. Fast 15-jährig, war er seit einiger Zeit stimmbrüchig geworden. Schultechnisch peilte er den Wechsel in die Oberstufe an. Andreas hatte bislang vergeblich herauszufinden versucht, warum Johannes’ Zensuren immer besser wurden, obwohl er offensichtlich kaum etwas dafür tat. Das konnte Andreas als Pädagoge weder begreifen noch akzeptieren.

Sein Sohn, der zu dieser frühen Morgenstunde bereits eine Sonnenbrille trug, strahlte auch jetzt eine unverständliche Ruhe aus, die an Gleichgültigkeit grenzte, obwohl in der ersten Stunde eine knackige Mathearbeit auf dem Programm stand. Nichts wies darauf hin, dass er sich mit dieser Klausur beschäftigt hatte, und nichts ließ vermuten, dass er innerhalb der nächsten Viertelstunde sein Frühstück beenden und den Aufbruch einleiten würde. Immerhin befand er sich schon in einem gesellschaftsfähigen Bekleidungszustand, während von seiner zwei Jahre älteren Schwester Julia noch nichts zu sehen war.

»Julia!«, rief Andreas laut in Richtung Treppe, in der Hoffnung, dass seine Stimmwellen dort abbiegen und den Weg in Julias Zimmer im Obergeschoss finden würden.

Dann fragte er, zu Franziska und Johanna gewandt: »Ihr seid also immer noch fest entschlossen, für euer Planungsbüro Räumlichkeiten anzumieten? Kann man nicht hier im Haus ein Arbeitszimmer einrichten?«

»Wir wollen keine Briefkastenfirma betreiben, und außerdem ist so etwas in dieser Straße planungsrechtlich nicht zulässig. Es wäre doch peinlich, wenn wir ausgerechnet als Planungsbüro gegen diese Bestimmungen verstoßen würden, oder?«

»Naja, ihr könnt ja in Ruhe darüber nachdenken«, seufzte er. »Die Zeit habe ich als werktätiger Pädagoge leider nicht. Tut mir leid, ich muss jetzt los.« Er griff sich seinen Kaffeebecher, nahm einen tiefen Zug und rief nochmals »Julia!«, ohne dass ihm eine Antwort zuteil wurde.

»Meine Güte noch mal«, beschwerte Andreas sich. »Die hat ja einen genauso festen Schlaf wie ich. Ich bin gestern Abend so zügig weggedämmert, dass ich nicht einmal ihren Freund aufbrechen gehört habe.«

»Ist er ja auch nicht«, meinte Johannes gleichmütig.

In diesem Moment kam Julia mit einem jungen Mann die Treppe herunter.

»Guten Morgen«, strahlte sie. »Paul kennt ihr ja schon. Paul, das ist meine Tante Johanna!«

»Guten Morgen«, sagte Paul artig. Andreas war erstarrt. Er suchte ganz offensichtlich nach einer angemessenen Kommentierung dieses unerwarteten Auftritts, ohne jedoch fündig zu werden. Franziska war überzeugt, dass ihm das auch in den nächsten Momenten kaum gelingen konnte.

»Du wolltest aufbrechen, Schatz«, erinnerte sie ihn. »Ein verspätet eintreffender Lehrer würde bei seiner Klasse einen verheerenden Eindruck hinterlassen.«

Sie schob ihren Andreas mit sanftem Druck zur Tür.

»Ich … also …« Er zeigte auf Julia. »Wir reden noch!« Dann schloss er geräuschvoll die Tür. Franziska meinte, im Vorgarten noch ein »Das kann ja wohl nicht wahr sein!« gehört zu haben. Dann sah sie Andreas zur Schule davonradeln.

Johannes zeigte jetzt ebenfalls Aufbruchtendenzen. »Muss denn mal«, quetschte er aus einem vollen Mund hervor, kaute noch dreimal, schluckte das Käsebrötchen hinunter und spülte mit Orangensaft nach. »Man sieht sich!« Er rückte an der Sonnenbrille und griff sich im Gehen einen Apfel.

Zurück blieben Franziska und Johanna, Julia und Paul.

Johanna musterte den jungen Mann mit unverhohlener Neugier. »Sie sind also der Freund meiner Nichte.« Sie schien alles, was sie von den überraschenden Entwicklungen der letzten 15 Minuten begriffen hatte, zusammenfassen und in ihrer persönlichen Kartei einordnen zu wollen. »Wie lange seid ihr schon zusammen?« Johanna zeigte keine Neigung, das Thema fallen zu lassen.

Franziska seufzte. Sie konnte sich das Gespräch mit Andreas heute Abend schon jetzt lebhaft vorstellen.

Kapitel 7

Kriminalrat Strelitz behielt Recht. Eine Viertelstunde nach dem Anruf von Frau Sprotte stand das Ermittlerteam einschließlich des Gast-Kollegen aus Marseille an der Rezeption der Frühstückspension.

Die Pensionswirtin wich angesichts dieses Andrangs instinktiv einen Schritt zurück.

»Herr Strelitz?«, fragte sie unsicher und nahm die Gruppe der Kriminalbeamten genauer in Augenschein.

»Hier, bei der Arbeit. Erinnern Sie sich noch an mich?«

Frau Sprotte musterte ihn nachdenklich. »Sie waren doch an diesem Durcheinander mit dem toten Herrn in der Badewanne beteiligt«, stellte sie missbilligend fest. »Ich würde es jedenfalls sehr begrüßen, wenn Ihr Einsatz heute etwas gesitteter vonstatten gehen könnte.«

»Wir werden uns bemühen, Frau Sprotte. Darf ich Ihnen zunächst meine Begleitung vorstellen? Oberkommissarin Kannengießer und Kommissar Knispel müssten Sie eigentlich noch kennen – oder falls nicht, wäre das auch nicht schlimm. Und hier haben wir Monsieur Bertrand, der von der Marseiller Polizei stammt und uns ein wenig über die Schulter gucken will.«

»Da haben Sie ja morgens und abends einen ganz schönen Weg«, bemerkte Frau Sprotte. »Das werden Sie mit dem Rad kaum schaffen, oder?«, erkundigte sie sich. »Eigentlich schade, denn Radfahren ist so gesund!«

»Bei Rückenwind ist das ohne Weiteres zu schaffen«, beruhigte Strelitz die alte Dame und hatte Mühe, ernst zu bleiben. »Können wir jetzt mal einen Blick auf den Tatort werfen? Möglichst, ohne das Treppengeländer anzufassen?«

Frau Sprotte nickte und führte die kleine Gesellschaft nach oben. Die Ansage des Kriminalrates, das Treppengeländer unangetastet zu lassen, hatte sie offenbar nicht verinnerlicht. Zu ihrer Verteidigung musste man allerdings einräumen, dass sie in ihrem Alter den Treppenaufgang ohne festzuhalten kaum hätte bewältigen können.

Vor der Tür zum Tatort bremste Strelitz die kleine Gruppe. »Wir sollten jetzt nicht alle da rein, zumindest nicht, bevor die Kollegen der Spurensicherung dagewesen sind …«

Frau Sprotte fühlte sich nicht angesprochen und öffnete die Tür, wobei sie die Klinke breitflächig anfasste. Strelitz nahm die Pensionswirtin behutsam an den Schultern und hinderte sie daran, einzutreten.

»Frau Sprotte, ich möchte mir erst mal ein eigenes Bild machen. Und wir wollen doch nicht alle Spuren, die vielleicht noch erhalten sind, vernichten«, erklärte der Kriminalrat. »Ich schlage vor, Sie gehen wieder zur Rezeption hinunter und warten auf die Kollegen, die uns gleich bei der Sicherung des Tatortes helfen werden.«

Frau Sprotte sagte »Aua«, entwand sich dem nicht allzu festen Griff des Kriminalrates und betrat das Zimmer. »Hier entlang, Herr Strelitz, Sie müssen schon hereinkommen, sonst sehen Sie ja nichts!«

Strelitz spürte eine Mischung aus Ratlosigkeit und Ver- ärgerung. »Zugriff, Konstanze«, sagte er leise zu seiner Oberkommissarin. »Ich kann sonst für nichts garantieren.«

Konstanze Kannengießer nickte und führte die Pensionswirtin mit sanftem, aber bestimmtem Griff aus dem Zimmer. Strelitz blieb allein am Tatort und kam nach kurzer Zeit zurück zu den Wartenden. »Ein Mann und eine Frau. Beide mit einem Loch in der Stirn. Es sieht aus wie eine Hinrichtung. Aber das Überraschende: Die Opfer sind uns wohl bekannt. Wir haben die beiden seit ein paar Monaten auf der Fahndungsliste!«

Konstanze Kannengießer unterbrach ihn: »Doch nicht etwas Frau Theuerkauf und Herr Mattfeldt?«

»Aber genau diese beiden. Wir gehen jetzt nach unten in den Frühstücksraum, bitten Frau Sprotte um einen Kaffee und warten auf die Kollegen der Spusi. Bis die ihre Arbeit getan haben, weihen wir Maurice in die Hintergründe dieses Falles ein.«

Frau Sprotte war zunächst nicht bereit, Kaffee zu kochen. Sie empfand ihre vom Kriminalrat angeordnete Entfernung vom Tatort als empörenden Vorgang und war nachhaltig verstimmt. Konstanze fand jedoch die richtigen Worte, und das Ermittler-Team erhielt schließlich nicht nur Kaffee, sondern auch das von den inzwischen toten Gästen nicht angerührte Frühstück.

Nach einer Viertelstunde fiel Strelitz auf, dass die Spurensicherer überfällig waren.

»Olaf, was schätzen Sie, kommen die Kollegen noch heute? Gibt’s da vielleicht einen parallelen Fall, von dem wir nichts wissen?«

»Keine Ahnung, Chef.« Olaf Knispel verteilte Erdbeermarmelade auf einer Brötchenhälfte. »Ich denke, Konstanze hat mit den Kollegen gesprochen.«

»Das wüsste ich«, wehrte die Kollegin ab. »Chef, Sie haben doch beim Aufbruch in Ihrem Vorzimmer Order gegeben, dass man von dort der Spusi Bescheid geben möge.«

Strelitz schaute betroffen in die Runde. »Dort war aber keiner. Deswegen hatte ich Olaf gebeten … wollte ich ihn bitten … Scheiße!« Er schlug mit der Faust auf den Tisch mit dem Ergebnis, dass Olaf sein Marmeladebrötchen auf das Hosenbein fallen ließ – natürlich mit dem Belag nach unten.

»Scheiße!« schloss er sich seinem Vorredner an und begann zu tupfen.

»Ist Ihnen schon aufgefallen, dass Brot und Brötchen immer auf der falschen Seite landen?«

»Doch, Maurice, durchaus«, bestätigte Strelitz die Beobachtungen des Kollegen aus Marseille. »Die Gesetze der Schwerkraft funktionieren in Frankreich wie in Deutschland übereinstimmend. Wenn es irgendwo Abweichungen geben sollte, dann in Großbritannien!«, erklärte er, durch das Malheur von Olaf halbwegs mit seinem eigenen Fehler versöhnt. Olaf massierte unterdessen die Marmelade immer tiefer in die Struktur seiner Hose ein.

Strelitz war klar geworden, dass er selbst nicht funktioniert hatte. Kein Zweifel, seit seine Marga zur Kur war, war er nicht mehr der Alte.

Er zog sein Handy aus der Tasche und bügelte seinen Fehler aus. Dann schilderte er dem Gast aus Marseille den Fall, der sie unlängst mit Frau Dr. Theuerkauf und Herrn Mattfeldt in Verbindung gebracht hatte.

»Dieses Pärchen betrog und erpresste, und zwar immer in einem überschaubaren Rahmen. Dann beging sie den Fehler, ihren ehemaligen Ehemann unter Druck zu setzen. Dabei hatte sie sich verhoben, denn dieser Versuch erwies sich als eine Nummer zu groß für sie. Ihr Ehemann war längst nicht mehr auf den kleinkriminellen Bühnen unterwegs. Vielmehr hatte er sich einen Namen in der Drogenszene gemacht und schreckte damals nicht davor zurück, seine Ex-Ehefrau aus dem Weg räumen zu wollen. Bei einer spektakulären Flucht kam er schließlich ums Leben, während es Theuerkauf und Mattfeldt gelang, nach ihrer Verhaftung aus unserer Dienststelle zu entkommen. Hochgradig peinlich, aber mein Team war bei dieser Panne glücklicherweise nicht involviert.

Seitdem läuft die Fahndung, und wir hatten die beiden eigentlich nicht in Deutschland vermutet. Dass sie jetzt wieder in Bremen auftauchen und sogar so dreist sind, in ihrer damaligen Pension einzuchecken, ist für mich eine faustdicke Überraschung. Auf jeden Fall haben sie sich mit irgendeiner Aktion verhoben, und da müssen wir jetzt ansetzen«, schloss Strelitz seinen Bericht.

Kapitel 8

Seit ihrer Beurlaubung war für Franziska manches anders geworden. Die größte Herausforderung bestand darin, dem Tag eine Struktur zu geben. Andreas und der Nachwuchs schwärmten aus, die Tür schloss sich, und sie saß vor den Resten des Frühstückstisches, den man ihr schon in den letzten Tagen wie selbstverständlich zum Abräumen hinterlassen hatte. Darüber würde sie möglichst bald reden müssen – schließlich hatte sie sich nicht beurlauben lassen, um hauptberuflich häusliche Tätigkeiten zu übernehmen.

Sie studierte an diesem Morgen den Immobilienmarkt, musste aber schon bald erkennen, dass er zumindest heute nicht auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten war. Johanna, die über ihre Schulter mitgelesen hatte, kam zu der gleichen Erkenntnis.

Allerdings galt ihre Aufmerksamkeit nicht ausschließlich dem Angebot geeigneter Büroräume. Sie stand noch immer unter dem Eindruck des Auftritts von Julia und Paul, die sich mittlerweile mit dem Hinweis auf eine Freistunde wieder zurückgezogen hatten.

»Wir müssen erst zur zweiten«, hatte Julia verkündet und Paul wie selbstverständlich wieder die Treppe hinaufgezogen.

Franziska setzte zu einem Kommentar an und brach noch gerade rechtzeitig ab – ihr fiel genau wie zuvor Andreas nichts Sinnvolles ein, zumal Johanna ihr ein Zeichen gegeben hatte, zu schweigen.

»Keine großen Szenen«, empfahl diese, nachdem das junge Pärchen die Bühne verlassen hatte. »Und wenn schon, überlass es Andreas, Fehler zu machen, und profiliere dich anschließend als Schlichterin. Seid froh, dass sich diese Zweisamkeit hier abspielt und nicht an irgendeinem windigen Ort.«

Johanna war eine wahre Fundgrube für Ratschläge in allen Lebenslagen, und Franziska musste zugeben, dass ihr Kommentar nicht der schlechteste war. Immerhin hatte Johanna einst die Idee gehabt, dass Franziska sich nach dem plötzlichen Ende ihrer Beziehung mit dem Ex-Lebens-gefährten Torsten Bollhagen dem Kleingartenwesen zuwenden sollte. Dort hatte sie Andreas kennen gelernt.

»Ich halte mich zurück«, versprach Franziska, »aber du musst mir doch Recht geben: Wir können nicht so tun, als wäre nichts passiert.«

»Wie alt ist Julia jetzt?«, fragte Johanna trocken.

»Bei ihrem nächsten Geburtstag wird sie 17«, räumte Franziska ein, »aber …«

»Soll ich dir mal erzählen, was ich in dem Alter schon alles hinter mir hatte?«, erkundigte sich Johanna und war drauf und dran, ein paar Jugenderinnerungen zum Besten zu geben.

»Danke, nein. Das meiste weiß ich, und das, was ich noch nicht kenne, möchte ich auch nicht wissen. Zumindest im Moment nicht. Außerdem bist du auch nicht unbedingt der Maßstab, wenn ich das mal so sagen darf. Ich meine, ich hoffe einfach, dass du nicht der Maßstab bist …« Franziska verhedderte sich.

»Bloß, weil du mit den schönen Dingen des Lebens ein bisschen später dran warst als ich?«

Franziska hatte den unbestimmten Eindruck, dass ihr Gespräch sich zunehmend auf ziemlich dünnem Eis bewegte.

Johanna ließ nicht locker. »Also, die Klassenfahrt, die wir damals nach Berlin unternommen hatten, die war …«

»Lass es, große Schwester, und denk dran, dass sich der Rückblick im Alter zunehmend verklärt.«

»Alter? Was ist mit meinem Alter?«

Keine Frage, Franziska hatte einen wunden Punkt getroffen.

»Zurück zu unserem Planungsbüro«, ordnete sie an. »Hast du schon eine gute Idee für einen griffigen Namen?«

Johanna ließ das Thema Julia und Paul nur ungern los, fügte sich aber.

»Wie wär’s mit ›Raum und Ordnung‹?«

»Um Himmels Willen – wir wollen doch keinen Reinigungsdienst gründen!«

Johanna verteidigte ihren Vorschlag. »Also, ich finde, das hat eher was Galaktisches. Raum und Ordnung, das ist …«

»… die Entrümpelung des Weltalls. Nein, ich glaube, da müssen wir noch mal drüber schlafen.«

Sie blickte auf die Uhr und erschrak. »Guter Himmel, in einer halben Stunde habe ich einen Termin in meiner ehemaligen Dienststelle!«

»Wollen die dich jetzt schon zurückholen?«, fragte Johanna misstrauisch.

»Nein, es geht um eine Kleingartenangelegenheit. Eine Frau Schiefelbein hat uns vorgeladen, also Andreas und mich, weil wir ja die Ersten und Zweiten Vorsitzenden sind. Sie wollte nicht ins Landheim kommen, sondern uns in ihrem Amtszimmer empfangen. Es gebe Neuigkeiten, die wir wissen müssten. Mehr hat sie nicht gesagt. Magst du mitkommen?«

»Warum nicht? Meine Jungs sitzen im Unterricht – das hoffe ich zumindest –, und ich habe den Vormittag frei. So wollen wir doch auch unser Planungsbüro aufziehen – du ganz- und ich halbtags, oder?«

»Ja, sicher«, beruhigte Franziska sie.

Eine halbe Stunde später saßen beide vor dem Schreibtisch von Frau Schiefelbein.

Franziska kannte sie flüchtig – sie hatten gelegentlich Blickkontakt in der Kantine gehabt, aber es gab kein wie auch immer geartetes kollegiales Verhältnis zwischen Ihnen.

Charlotte Schiefelbein ließ auch keine Vertraulichkeiten aufkommen. Sie verzichtete auf einen Handschlag, wies ihrem Besuch mit einer knappen Geste die zwei Stühle vor ihrem Schreibtisch zu und beließ ihren Arbeitstisch für den weiteren Gesprächsverlauf als Barriere zwischen sich und den Besucherinnen.