Franziska und der Fall Ikarus - Hans-Peter Mester - E-Book
Beschreibung

Die Kleingartensaison beginnt, man sitzt friedlich mit dem Nachbarn zusammen und bewundert dessen neue Markise. Plötzlich fliegt etwas auf den neuen Sonnenschutz: ein Toter landet unsanft. So beginnt die neue Geschichte um Stadtplanerin Franziska und dem Ermittlungsteam des Kriminalrates Strelitz. Ohne ersichtlichen Zusammenhang ereignen sich eine Reihe von kriminellen Vorfällen, die zudem von der Boulevard-Presse kritisch beleuchtet werden. Eine Polizistin wird überfallen, deren Dienstwaffe und ein Teenager verschwinden, Drogenfunde im Landheim gefährden Hochzeitspläne, und es werden zwei weitere Tote gefunden. Doch damit nicht genug: Andreas’ Tochter will zum Film, und der Vorstand des Kleingartenvereins träumt von Landheim ›Erntedank‹ als Weiterbildungsstätte. Kann der Fall ›Ikarus‹ noch vor Franziskas Hochzeitsreise zu den Akten gelegt werden? Aber bevor ein unbeschwerter Sommer beginnen könnte, sind etliche überraschende Wendungen zu erwarten, auch muss der Polizeipräsident eingreifen, weil interne Reibereien die Ermittlungen erheblich behindern.

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Hans-Peter Mester

Franziska

und der Fall Ikarus

Findorff-Krimi

Band 6

Franziska und der Fall Ikarus

 

 

 

 

 

 

Dieses Buch ist bei der Deutschen Nationalbibliothek

registriert. Die bibliografischen Daten können online angesehen werden:

http://dnb.d-nb.de

Impressum

© 2016 KellnerVerlag, Bremen • Boston

St.-Pauli-Deich 3 • 28199 BremenTel. 04 21 - 77 8 66 • Fax 04 21 - 70 40 58

sachbuch@kellnerverlag.de • www.kellnerverlag.de

Lektorat: Klaus Kellner, Sebastian LiedtkeSatz: Manuel DotzauerUmschlag: Designbüro Möhlenkamp & Schuldt

ISBN 978-3-95651-122-6

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Autor:

Hans-Peter Mester, Jahrgang 1954, in Bremen geboren und aufgewachsen, hat große Teile seiner Kindheit »auf Parzelle« verbringen dürfen. Für den langjährigen Leiter des Ortsamtes Bremen-West gehörte der lokale Blick auf die Stärken und die Abgründe des Stadtteillebens fast drei Jahrzehnte zu seinem Berufsalltag. Von 1985 bis 2000 war er stellvertretender Leiter, von 2000 bis 2012 Chef des Bremer Ortsamtes West.

Er quittierte den Dienst wegen seiner Parkinson-Erkrankung, die ihm anschließend die Gelegenheit bot, zu Hause über kuriose und alltägliche Besonderheiten zu schreiben. Zahlreiche Notizen bildeten die Grundlage für die raffinierten Kriminal-romane rund um Stadtplanerin Franziska.

Ein besonderer, sozial engagierter Mensch ist nun nicht mehr mit uns. Er starb am 8. April 2016 im 63. Lebensjahr. Er wusste um seine radikal begrenzte Lebenszeit und schrieb die zehnbändige Krimi-Reihe »Franziska und ...«. Diesem sechsten Band werden noch vier Ausgaben bis Ende 2018 folgen.

Verstorbene leben in den Gedanken der anderen Menschen weiter, Hans-Peter Mester wird zusätzlich durch seine Bücher präsent und noch sehr lange in Erinnerung bleiben.

Foto: Walter Gerbracht

 

 

 

 

Die Akteure

Franziska Morgenstern

Stadtplanerin, Zweite Vorsitzende des Kleingartenvereins »Erntedank e. V.«, mit besonderem Talent zur Auflösung krimineller Verwicklungen.

Andreas Klapphorn

Musikpädagoge, gegenwärtig Erster Vorsitzender im »Erntedank e. V.« und zukünftiger Ehemann von Franziska.

Julia und Johannes Klapphorn

Schwer pubertierende Kinder aus Andreas’ erster Ehe

Johanna, Franziskas ältere Schwester

Plaudertasche mit Herz, mit neuen beruflichen Perspektiven.

Im Kleingartenmilieu

Rudi Klingebiel

Wirt des Landheims »Erntedank e. V.«, Drehscheibe für Neuigkeiten aller Art, personifizierte Stimme des Volkes.

Maria

Von Rudis Seite nicht wegzudenken.

Tatjana Klingebiel

Rudis Tochter, studiert Sozialwissenschaften und ihren künftigen Ehemann, Kommissar Knispel.

Hermann Schilling mit Dackel Friedhelm

Franziskas rechter Nachbar, gehört wie sein neurotischer Dackel zum Inventar des Kleingartenvereins.

Bernhard Markgraf und Familie

linker Nachbar von Franziska, lebt mit Hermann Schilling in einer Dauerfehde.

Kasimir Grabowski

Unikum, sammelt Alteisen

Carsten Grünkern

Geschäftspartner des Garten-Centers Grünkern & Dollinger. Besitzt diplomatische Kompetenz

Friederich Dollinger

Geschäftspartner des Garten-Centers Grünkern & Dollinger. Weniger Diplomat als Choleriker.

Thomas Büssenschütt

Querulant, Wertekonservativer, gegen den Vorstand, gegen Ausländer …

Gartenfreund Franz Papendieck

beschwert sich gern über Nachbarn und verträgt keinen Lärm.

Gartenfreund Nesselkamp

Ist sich mit Papendieck, was Lärm angeht, einig.

Gartenfreund Obermeyer

mag ebenfalls keinen Lärm, und schon gar nicht den des Garten-Center-Lagers Grünkern & Dollinger.

Goran Kretic

serbischer Landsmann, vollintegrierter Kleingärtner, mag keine Kroaten.

Ivo Stepanovic

kroatischer Landsmann, vollintegrierter Kleingärtner, mag keine Serben.

Weiterbildungsträger »Bildungsoffensive 2025«

Dr. Karola Theuerkauf

Johannas Freundin aus Schulzeiten, expandierende Existenzgründerin.

Jochen Mattfeld

verlässliches Faktotum mit kleinem Sprachfehler.

Die Polizei

Kriminalrat Karl-Eberhard Strelitz

Vaterfigur im Ermittler-Team. Erfahrener Kriminalrat mit depressiven Momenten und guter Spürnase. Meistens.

Oberkommissarin Konstanze Kannengießer

wichtige Stütze des Teams, derzeit leider ohne Partner.

Kommissar Olaf Knispel

das Restrisiko im Team, aber auf gutem Weg. Demnächst verheiratet.

Kriminalrat Christian Schwalbach/Drogendezernat

sorgt für neue Erkenntnisse, derzeit leider ohne Partnerin.

Paul Grotkamp

Kriminalrat mit Minderwertigkeitskomplexen.

PP (der Polizeipräsident)

ist sich nicht zu schade, in die Niederungen der Ermittlungsarbeit einzudringen.

Außerdem …

Heinz-Edgar Bulthaupt

Kiezgröße in Hamburg, rangiert ganz oben und fällt entsprechend tief.

Sebastian Olmütz

Journalist, zuständig für Sensationen und Skandale.

 

 

 

 

 

 

Kapitel 1

Kleingartenfreunde kennen die jährlichen Rituale, mit denen das Leben »auf Parzelle« verbunden ist. Den Auftakt bildet der erste sonnige Tag, meistens im April, vorzugsweise an einem Wochenende. Dann verbreiten die Kleingartenfreunde emsige Betriebsamkeit – wie Bienen, die erstmals ihren Korb verlassen. Die Türen und Fenster der Lauben werden weit geöffnet, der abgestandene Wintermuff gegen sauerstoffgesättigte Frischluft ausgetauscht.

Anbauflächen werden umgegraben, der Rasen vertikutiert, Frühbeete besetzt und das erste Gemüse vorgezogen. Holzverkleidungen werden imprägniert, Nistkästen und Dachrinnen gesäubert. Die Parallelgesellschaft der Allergiker tränt, schnieft, keucht und stockt den Medikamentenvorrat auf.

Andreas Klapphorn, Erster Vorsitzender des im Bremer Stadtteil Findorff ansässigen Kleingartenvereins »Erntedank e. V.«, reagierte auch in diesem Jahr besonders heftig auf Birkenpollen. »In diesem Herbst werde ich endlich eine Desensibilisierung beginnen«, verkündete er zwischen zwei Niesattacken.

»Stand das nicht schon im letzten Jahr auf deiner Jahresagenda? Und im Jahr davor ebenfalls?«, fragte seine Lebensgefährtin Franziska, zugleich Zweite Vorsitzende des Vereins.

»Ich weiß, ich weiß«, hustete Andreas. »Das Problem liegt darin, dass man im Frühjahr leidet, aber erst im Herbst mit der Desensibilisierung beginnen kann. Und dann hat man schon wieder vergessen, wie lästig die Pollenzeit ist.«

Franziska schüttelte ihre rote Mähne.»Lästig ist ja noch zurückhaltend formuliert. Wie oft sitzt du nachts senkrechtim Bett und kriegst keine Luft mehr.«

»Jetzt übertreibst du aber«, widersprach Andreas und schnäuzte seine Nase. »Außerdem sollst du nachts schlafen. Stattdessen beobachtest du mich!«

»Nein, tue ich nicht«, beharrte Franziska. »Und vergiss nicht, dass wir deswegen unsere Hochzeit zum zweiten Mal verschoben haben. Dein Allergologe hatte doch erhebliche Bedenken, dich um diese Jahreszeit in die Toskana zu lassen. Die Pinien hätten dich nach seiner Einschätzung umgebracht!«

»Aber du hättest doch auch nicht gekonnt. Ihr habt doch Urlaubssperre, weil ihr den Bebauungsplan für dieses blödsinnige Neubaugebiet investorengerecht überarbeiten müsst!«

Franziska, Stadtplanerin mit öffentlichem Dienstvertrag, gleichwohl mit kritischem Denkvermögen ausgestattet, legte erschrocken ihren rechten Zeigefinger auf seinen Mund. »Das darfst du so bitte nicht kommunizieren, verstanden? Vor allem nicht gegenüber Dritten!«

»Dann laden wir eben Vierte ein«, grinste Andreas. »Aber keine Angst, ich erzähle niemandem, welche Insider-Einschätzungen du im Zuge deiner Schimpfkanonade zum Besten gegeben hast.«

»Schimpfkanonade?«, fragte sie mit unschuldigem Gesichtsausdruck. »Wann hätte ich je geschimpft?«

»Na, als du mir am Telefon von der Ablehnung deines Urlaubsantrages berichtet hast. Eigentlich hätte ich dich auch ohne Telefon hören können. Und dann, als du über deine Behördenspitze lamentiert hast, weil die Investoren …«

»Warum hast du dann nicht aufgelegt?«, fragte sie und legte ihren Zeigefinger auf seinen Mund.

»Na, das hätte ich nicht erleben mögen. Vermutlich wärst du geplatzt.«

»Das will ich nicht ausschließen«, räumte sie ein. »Auf jeden Fall können wir uns jetzt auf die Zusammenlegung unserer Parzellen konzentrieren.«

Sie hatten im vergangenen Herbst beschlossen, auch auf Kleingarten-Ebene ihre Sachen zusammenzulegen. Da in Franziskas Garten eine wesentlich neuere, komfortablere Gartenlaube stand, lag es nahe, Andreas’ Garten aufzugeben.

Die Gartengeräte hatten beide schon herübergeschafft. Jetzt ging es noch um Geschirr, Gläser und ein paar Ausstattungsgegenstände. Worüber andere Paare trefflich gestritten hätten, herrschte zwischen Andreas und Franziska Einvernehmen. Sie bewahrten sich ihre wenigen Kontroversen für die wirklich tiefgehenden Themen auf.

Doch ein solches Maß an Harmonie und Verständnis war nur wenigen gegeben. Draußen vor der Laube wurde es laut.

»Die Saison ist eröffnet«, seufzte Franziska. »Der erste Krach zwischen meinen beiden Nachbarn – entschuldige, unseren Nachbarn – in diesem Jahr.«

Der Nachbar zur Rechten, Hermann Schilling und sein ständig missgelaunter Dackel Friedhelm, pflegten seit Langem eine Dauerfehde mit Bernhard Markgraf, Franziskas Nachbarn auf der anderen Seite. Markgraf und seine vier Kinder gaben immer wieder Anlass, Hermann Schilling stimmungsmäßig entgleisen zu lassen. Einer dieser Ausein-andersetzungen hatte bereits mit einer Herzattacke für den armen Hermann geendet. Anschließend war er reif für eine Reha gewesen.

Franziskas Garten lag als entmilitarisierte Zone zwischen den beiden Streitparteien. Anfangs war Hermann mehrmals über den niedrigen Jägerzaun gestiegen und durch Franziskas Garten zur Hecke von Markgraf vorgerückt. Das hatte Franziska ihm irgendwann ausgetrieben. Dennoch flogen nicht nur Schimpfworte durch den Luftraum ihrer Parzelle: Lehmklumpen, Sahnetörtchen, Fallobst, auch mal ein Ei – das Sortiment der Wurfgeschosse war vielfältig.

Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen hatte ein Angriff der Markgraf-Kinder mit Brandpfeilen auf Hermanns selbstgebaute Windmühle stattgefunden. Genauso schwer wog damals die Luftgewehrattacke von Bernhard Markgraf, der Hermanns Lieblingsgartenzwerg aus dessen Schaukel geschossen hatte. Hermann hatte wiederum mit seinem Gartenschlauch die liebevoll gedeckte Kaffeetafel von Markgrafs Terrasse gespült und dabei die Frisur der Hausherrin Kunigunde, genannt Gundi, die an diesem Tag Geburtstag hatte, ruiniert. Bei einer anderen Gelegenheit hatte er das Fenster der Markgrafschen Laube mit einem unreifen Apfel eingeworfen.

Andreas und Franziska traten aus ihrer Laube, nicht ohne sich zu vergewissern, dass der Luftraum wurfgeschossfrei war. Hermann Schilling und Bernhard Markgraf bewegten sich noch im verbalen Teil ihrer Auseinandersetzung.

Diesmal war Hermann schuld. Er hatte gerade seinen Holzschuppen imprägnieren wollen, als Markgraf ihm zurief, er möge diese stinkende Chemo-Brühe nicht am Wochenende, sondern montags verarbeiten, wenn kein anderer Nachbar da sei. Dieser Vorschlag ergab durchaus Sinn und wäre vielleicht auch verhandelbar gewesen, wenn Bernhard Markgraf sein Plädoyer nicht mit »Du seniler Sturkopf« beendet hätte.

Franziska und Andreas vermittelten so gut es ging, appellierten an die Vernunft, beschworen das Idealbild des solidarischen, nachbarverträglichen Schrebergärtners und erreichten schließlich, dass der Streit nicht eskalierte. Hermann brummelte etwas Unverständliches und räumte mit Dackel Friedhelm das Feld. »Dann geh ich jetzt auf’n Bier zu Rudi«, grantelte er und zog Friedhelm hinter sich her. Der stemmte sich gegen die Leine mit der Folge, dass ihm der Hals eng wurde. Er protestierte zunächst mit lautem Gekläffe, das allerdings etwas gequetscht klang. Dann entschloss sich Friedhelm, doch hinter seinem Herrchen herzutrotten. Er würde später auf die Wadenbeine der Nachbarn zurückkommen.

Bernhard Markgraf winkte Franziska und Andreas, auf seine Terrasse zu kommen. »Kommt rüber, esst ein Stück Kuchen mit uns. Kaffee gibt’s natürlich auch. Wir wollen unsere neue Markise einweihen.«

Die Begeisterung der beiden Eingeladenen hielt sich im Rahmen.

Franziska schob Andreas mit sanftem Druck ihrer linken Hand in seinem Rücken an. »Komm«, sagte sie leise, »um der guten Nachbarschaft Willen. Vielleicht können wir den Konflikt weiter entschärfen.«

Andreas murmelte, dass er nicht der Generalsekretär der UNO sei. Laut verkündete er jedoch, dass er den Vorschlag für eine gute Idee halte – Franziska und er kämen gern herüber.

Dort mussten sie zunächst den frisch installierten Sonnenschutz begutachten. Die Markise wurde mehrfach aus- und wieder eingefahren. Dazu versorgte Bernhard Markgraf das mäßig interessierte Publikum mit technischen Details und verkündete mit Stolz den Preis. »Ein Schnäppchen!«, frohlockte er, »hab ich das schon erwähnt? Unter 2.000 Euro!«

»Ja, du hast bereits davon gesprochen«, versicherte die genervte Gattin Gundi. »Dreimal, um genau zu sein!«

Franziska und Andreas beeilten sich, lobende Worte für die Investitionsfreude des Nachbarn zu finden, den Preis als wirklich historisch niedrig einzustufen und anzudeuten, dass man selbst auch über die Montage eines Sonnendachs nachdenken würde.

»Nun lass die Markise mal ausgefahren«, wies Frau Markgraf ihren Mann an. »Und lasst uns Platz nehmen, der Kaffee wird sonst kalt.« Sie nötigte die Gäste in die knallrote Hollywoodschaukel. Das älteste der Markgraf-Kinder, die 16-jährige Clara-Luise, wurde animiert, die Kaffee-Runde zu komplettieren. Ihre drei jüngeren Geschwister waren abwesend. Obwohl weder Franziska noch Andreas nachgefragt hatten, gab Mutter Markgraf eine kurze Übersicht: Paula-Charlotte sei beim Reiten (denkt euch, sie will unbedingt Springreiterin werden und trainiert jetzt schon für Olympia), Carl-Cedric befinde sich beim Säbelfechten (was soll ich sagen, er will ebenfalls in die olympische Mannschaft) und Konrad-Melchior übe am Konservatorium.

»Triangel?«, fragte Andreas, der Musikpädagoge, höflich interessiert. Franziska trat ihm unter dem Tisch gegen das Schienbein.

»Klavier natürlich!«, antwortete Mutter Markgraf indigniert.

»Wird das in absehbarer Zeit ebenfalls eine olympische Disziplin?« Andreas konnte es nicht lassen.

Der zweite Tritt wurde fällig. Mutter Markgraf lachte dünn. »Er wird im Herbst an einem Bundeswettbewerb teilnehmen.«

»Klavier ist jedenfalls ein sehr schönes Instrument«, lenkte Andreas ein.

Mutter Markgraf lächelte, halbwegs versöhnt.

»Und so praktisch«, setzte Andreas seinen Gedankengang als Selbstgespräch fort. »Man kann sogar ein Getränk darauf abstellen. Bei einer Blockflöte wäre das schwierig.« Er zog seine Beine ein, um dem dritten Tritt zu entgehen, und wandte sich an Clara-Luise. »Und was machst du so in deiner Freizeit?«

»Markisen einweihen«, kam die trockene Antwort.

Ihre Begeisterung lag ganz offensichtlich deutlich unter dem Pegel von Franziska und Andreas, aber sie nahm doch Platz. Bernhard schenkte die Kaffeetassen voll, seine Frau balancierte mit dem Tortenheber Apfelkuchen.

Ein Fluggeräusch kam rasch näher. Offenbar näherte sich mit rasanter Geschwindigkeit ein im Einsatz befindlicher Rettungshubschrauber und erfüllte die Luft mit Getöse. Für die Kleingärtner war dies nichts Besonderes – solche Art Spektakel ereignete sich mehrfach während der Woche.

»Oje«, meinte Franziska. »Auf der Blocklandautobahn scheint es wieder mal gekracht zu haben.«

Bernhard Markgraf nickte zustimmend. »Sahne zum Kaffee?«, fragte er.

»Gern«, antwortete Franziska und schob ihm ihre Tasse entgegen.

Der Fluglärm hatte seinen Höhepunkt überschritten und schwoll langsam ab. Dafür machte sich ein anderes seltsames Geräusch bemerkbar – ein Rauschen und Pfeifen, als wenn irgendetwas aus großer Höhe zu Boden stürzt.

»Was …«, hob Bernhard an und schaute hoch. Dann gab es einen gewaltigen Knall und einen Schrei seiner Gattin Gundi Markgraf. Irgendetwas hatte die Markise durchschlagen und das gute Stück dabei aus der Verankerung gerissen. Es begrub das eben noch friedliche Kaffee- und Kuchen-Arrangement unter sich.

Für einen Moment war es still. Dann kam Leben in die Trümmerlandschaft. Franziska, Andreas und Clara-Luise hatten von ihrem Platz auf der Hollywoodschaukel profitiert. Sie waren unverletzt geblieben. Bernhard kam umständlich wieder auf die Beine – ihn hatte es von seinem Stuhl gefegt. Am meisten schien Frau Markgraf abbekommen zu haben. Sie blutete leicht aus einer kleinen Platzwunde an der Stirn und zitterte am ganzen Körper.

Bernhard stand allerdings ebenfalls neben sich. »Scheiße«, meinte er mit brüchiger Stimme, »wir sind nicht versichert!«

Seine Frau unterbrach kurz das Zittern und warf mit der einzig heilgebliebenen Kaffeetasse nach ihm. Dann bekam sie einen Weinkrampf.

Andreas und Franziska hatten ebenfalls Mühe, den Schock über den plötzlichen Verlust des eben noch so friedlich anmutenden Kleingartenidylls zu verarbeiten.

»Das gibt’s doch nicht«, stammelte Andreas, und Franziska fragte ihn, ob er verletzt sei.

Andreas schüttelte den Kopf und überzeugte sich mit einem Blick auf Franziska, dass diese zumindest äußerlich ebenfalls unversehrt geblieben war. Dann versuchte er, sich aus der Hollywoodschaukel zu erheben. Im dritten Versuch gelang es ihm.

»Fass mal mit an«, kommandierte er in Richtung Bernhard und versuchte, die Trümmer der Rest-Markise beiseite zu schieben.

Bernhard unterstützte ihn. »Das muss ein Meteorit gewesen sein. Man liest so etwas ja immer mal wieder. Aber dass so etwas genau in unserem Garten passiert …« Er brach seinen Satz ab und erstarrte. Andreas hielt ebenfalls inne, um zu verarbeiten, was er jetzt unter der Markise sah.

»Voll krass«, murmelte Clara-Luise.

»Das gibt’s doch gar nicht«, stammelte Bernhard und schloss sich so seiner Vorrednerin an.

Franziska schaute erschrocken auf die Bescherung, die sich den Augen der entsetzten Betrachter bot.

»Ich glaube, es ist wieder einmal Zeit, bei Kriminalrat Strelitz anzurufen«, stellte sie schließlich fest. Dann musste sie sich erst einmal auf den Rasen setzen.

 

 

 

 

Kapitel 2

Kriminalrat Karl-Eberhard Strelitz saß in seinem Dienstzimmer. Er befand sich in einer entspannten Stimmung und widerstand nur mühsam dem Impuls, die Füße auf den Tisch der Besucherecke zu legen. In seinem Aquarium zogen einige Schleierschwänze träge ihre Bahn, und Rudolf, die Kaffeemaschine, verkündete mit einem besorgniserregenden Röcheln, dass die Auseinandersetzung mit dem Kaffeepulver in die finale Phase eintrat. Der Spitzname »Rudolf« war ihr zugeteilt worden, weil sie über eine erstaunliche Bandbreite von Betriebsgeräuschen verfügte, unter denen sich ein hirschartiges Röhren von besonderer Intensität befand.

Andere Bürogemeinschaften hätten sich von diesem Gerät längst getrennt – bei Strelitz stand es allerdings unter Artenschutz und erfreute sich auch der Wertschätzung seines Teams, das aus Oberkommissarin Konstanze Kannengießer und Kommissar Olaf Knispel bestand. Konstanze war eine umsichtige, ehrgeizige Kriminalbeamtin, die an ihrer Karriere arbeitete und als Fernziel die Nachfolge von Kriminalrat Strelitz im Auge hatte. Einstweilen war sie jedoch froh, ihn vor allem in schwierigen Situationen an der Spitze zu wissen. Zwischen beiden bestand eine Art Vater-Tochter-Verhältnis, von denen beide profitierten. Sie lernte gerne von dem lebens- und berufserfahrenen alten Fuchs. Im Gegenzug akzeptierte er es, dass sie ihm manchmal offen die Meinung sagte, wenn er sich mit seinem gelegentlichen Sturkopf zu verrennen drohte oder seine depressiven Anwandlungen bekam. Dabei war sie klug genug, eine bestimmte Grenze nicht zu überschreiten.

Olaf Knispel wiederum stand noch am Anfang seiner Laufbahn. Die hatte er nach einem ziemlichen Fehlstart in geordnete Bahnen gebracht und sich inzwischen auch die Akzeptanz des Chefs erarbeitet. Dennoch unterliefen ihm gelegentlich Rückfälle, und eine gewisse Nähe zu Fettnäpfen aller Art und Güte kennzeichneten seinen Arbeitsalltag. Doch er genoss bei Strelitz eine Art Narrenfreiheit – spätestens, seit Knispel ihm in einem dramatischen Moment auf dem Bremer Hauptbahnhof das Leben gerettet hatte.

Sie hatten sich an diesem Sonnabend zusammengesetzt, um ein abschließendes Gespräch zu einem komplizierten Fall zu führen, der am Montag an die Staatsanwaltschaft abgegeben werden sollte.

Der ursprünglich dienstliche Inhalt ihres Gesprächs war durch Strelitz’ etwas fahrlässig gestellte Frage nach den aktuellen Urlaubsplanungen seiner beiden Mitstreiter verwässert worden und mäanderte durch die Frühlingsluft, die durch das weit geöffnete Fenster eingedrungen war. Dabei musste der Kriminalrat erkennen, dass selbst ein so unverfängliches Gesprächsthema wie die Auswahl der diesjährigen Urlaubs-orte über einige Untiefen verfügte. Während nämlich bei Olaf Knispel der Urlaub im Zeichen seiner bevorstehenden Hochzeit stand, war Konstanze Kannengießers Lebenspartner, den sie gerade erst wenige Tage an ihrer Seite gehabt hatte, vor Kurzem ums Leben gekommen.

Strelitz versuchte, diesen wunden Punkt behutsam zu umschiffen, aber Knispel hatte heute wieder einen seiner unsensiblen Tage. Die Vorfreude auf das große Ereignis verstellte ihm offenbar den Blick auf Konstanzes düstere Gemütsverfassung. Unbefangen plauderte Olaf von der Spiekeroog-Reise, die ihn und seine Zukünftige, die Tochter des Landheim-Wirtes Rudi Klingebiel, erwartete.

Strelitz versuchte, das Gespräch auf andere Felder zu führen, aber Olaf hatte inzwischen Gefallen daran gefunden, detailliert über den momentanen Planungsstand der Feierlichkeiten zu referieren. Strelitz erwog, eine Tischdecke über ihn zu werfen – ähnlich wie bei einem Papagei, dessen Redefluss man beenden möchte.

Zur Erleichterung des Kriminalrates klingelte sein Telefon. Er atmete tief durch.

Er sprang aus der Besucherecke auf und versuchte einen Scherz: »So eindringlich klingelt der Apparat eigentlich nur, wenn Frau Morgenstern anruft!«

Er nahm ab, meldete sich mit »Strelitz?« und sagte dann nur noch »Oh, hallo Frau Morgenstern.« Seine Frage nach ihrem Wohlbefinden, die er eigentlich hatte anschließen wollen, fiel einigen hastig hervorgestoßenen Sätzen am anderen Ende der Leitung zum Opfer.

Schließlich nickte er und seufzte: »Wir kommen!«

Auf der anderen Seite wurde das Gespräch beendet. Strelitz sah ratlos den Hörer in seiner rechten Hand an. »Das glaube ich jetzt nicht«, murmelte er.

»Chef? Che-hef!« Konstanze versuchte, den Kriminalrat aus seiner Bewegungsstarre zu wecken. »War das tatsächlich Frau Morgenstern?«

»Ja, doch, das war sie.« Strelitz wirkte noch immer geistesabwesend.

»Und was wollte sie? Gibt es etwa einen neuen Fall im Kleingartengebiet ›Erntedank e. V.‹? Che-hef! Was ist los?«

Strelitz wachte aus seinem Trance-Zustand auf. »Nichts Besonderes.« Er legte den Hörer auf die Gabel. »Es ist nur jemand von oben durch die Markise des Herrn Markgraf gesegelt und hat die Kaffeetafel zertrümmert.«

»Wie, von oben?«

»Von oben eben«, zuckte Strelitz mit den Schultern und zeigte in den Himmel.

»Ist Herr Markgraf nicht der Nachbar von Franziska?«, fragte Konstanze Kannengießer. Sie verkehrte mit der Kleingärtnerin, die im Hauptberuf Stadtplanerin war, neuerdings auf der Duz-Ebene. »Der, der sich ständig mit dem alten Hermann Schilling in den Haaren liegt?«

»Genau der. Wir gucken uns das mal an. Ist ja noch gar nicht gesagt, dass es ein Fall für uns ist«, entschied Strelitz.

»Von oben durch die Markise!«, murmelte Olaf Knispel. »Ich bin gespannt, was in diesem Verein noch alles passieren wird.«

»Ach, übrigens, Olaf«, Strelitz zog sein Jackett über, »werden Sie nach Ihrer Hochzeit eigentlich im Landheim wohnen?«

 

 

 

 

Kapitel 3

Kurz danach standen sie schließlich vor den Trümmern der Kaffeetafel, die durch den Absturz der Markise solch ein jähes Ende gefunden hatte. Ganz in weiß gekleidete Mitarbeiter der SpuSi verrichteten ihre Arbeit. Frau Markgraf hatte sich geweigert, in stationäre Behandlung gebracht zu werden, obgleich sie unter Schock stand.

Strelitz hatte sich mit den Markgrafs hinter die Laube zurückgezogen, um nicht auf die Unglücksstelle blicken zu müssen. Das, was die fabrikneue Markise durchschlagen und aus der Verankerung gerissen hatte, beschrieb der Gerichtsmediziner als »männlich, ca. 1,80 Meter groß, zwischen 40 und 60 Jahren alt, Haare gelichtet, Brillenträger. Ausgestattet mit einem Fallschirm, der sich aber nicht geöffnet hat.«

»Und woher kommt der Typ plötzlich?« Markgrafs Fähigkeit zu logischem Denken hatte vorübergehend eine Auszeit genommen.

Der Gerichtsmediziner erhob sich aus seiner gebückten Haltung und schaute Markgraf an. »Da er nicht von unten an der Markise gezogen hat, muss er wohl von oben gekommen sein.«

Markgraf funktionierte noch immer nicht. »Von da oben?«, fragte er begriffsstutzig, beschattete mit seiner Rechten die Augen und blickte angestrengt in den Himmel, als suche er die Wolkenbank, über die der Unbekannte gekippt war.

Ratlos schaute er auf den Leichnam.

»Sie meinen ein Flugzeug oder einen Ballon?«

»Ich sehe, Ihre Generatoren nehmen wieder Fahrt auf«, bemerkte Strelitz anerkennend.

»Aber wer fällt denn einfach so aus einem Flugzeug oder einem Ballon?«, mischte sich Gundi Markgraf mit brüchiger Stimme ein.

Olaf Knispel leistete Orientierungshilfe. »Na ja, dieser Herr zum Beispiel. Aber insgesamt gesehen ist ja nicht viel passiert. Das hätte wesentlich schlimmer enden können.«

»Wie bitte?«, meldete sich Bernhard Markgraf zu Wort. »Nichts passiert? Meine neue Markise ist hinüber, das ist passiert. Fabrikneu, gestern montiert! Sag ihm, Andreas, dass die Markise ganz neu war! Sag’s ihm! Aber wer daran schuld ist, kann sich auf was gefasst machen!«

Franziska versuchte, ihn zu beruhigen. »Jetzt muss erst einmal geklärt werden, ob die Kripo überhaupt zuständig ist. Wenn ich Herrn Strelitz richtig verstanden habe, geht es zunächst einmal darum, ob es sich hier um einen Unglücksfall oder eine Straftat handelt.«

»Das war Vorsatz«, krähte Markgraf. »Der ist da mit seinem Ballon geflogen …«

»Gefahren«, unterbrach Andreas ihn, »bei Ballons heißt es ›fahren‹. Deswegen spricht man ja auch von ›Ballon-fahrern‹.«

»Ach. Na, meinetwegen. Also, der fährt mit einem Ballon über das Parzellengebiet, sieht da unten die knallrote Markise und denkt, dass er da mal draufspringen muss.« Markgraf begann, hysterisch zu lachen. »Einfach so, peng! Und die Markise ist im Eimer. Und der Ballonflieger … -fahrer auch.«

»Hat denn jemand einen Ballon wahrgenommen? Die haben doch jetzt noch gar keine Saison, oder?«, wollte Konstanze Kannengießer wissen.

»Nein, eigentlich nicht. Aber einen Moment …« Franziska hielt einen Finger hoch, als wolle sie die Windrichtung prüfen, »wir haben einen Rettungshubschrauber gehört!«

»Sind Sie sicher, dass es sich um einen Rettungshubschrauber gehandelt hat?«, wollte Strelitz wissen.

»Nein, mit Sicherheit kann ich das nicht behaupten – keiner von uns kann das, weil keiner nach oben geguckt hat. Das ging ja wegen der Markise nicht.«

»Und kurz darauf wurde der neue Sonnenschutz durch diesen Herrn mit dem Fallschirm pulverisiert?« Olaf Knispel war an diesem Tag so feinfühlig wie eine Landmine.

Markgraf sah bunte Kreise vor seinen Augen, als es in diesem Moment vor der Laube laut wurde. »He, Sie! Was machen Sie da? Ja, Sie meine ich.« Drei Kollegen der SpuSi versuchten, einen Reporter von der Parzelle zu verscheuchen, der ganze Serien von Bildern schoss.

Das Ermittlerteam wurde lebendig. »Der hat mir gerade noch gefehlt«, knurrte Strelitz leise. »Sebastian Olmütz. Der schlimmste Skandal- und Enthüllungsjournalist in dieser Hansestadt. Ein ganz übler Schmierfink.«

»Für wen schreibt der?«, wollte Franziska wissen.

»Für den Meistzahlenden. Das heißt, er arbeitet auf eigene Faust und bietet die Ergebnisse den Medien an.«

»Das ist aber riskant. Was ist, wenn keiner seine Arbeitsergebnisse haben will?«

»Oh, da hat er keine Sorgen. Er recherchiert unappetitliche und absurde Storys, so etwas wird immer gern gelesen.«

Olmütz schoss eine neue Fotoserie, diesmal vom Ermittlerteam. »Hallo, Herr Kriminalrat. Können Sie schon etwas sagen?«

»Ja!«, polterte Strelitz zurück. »Zum Beispiel, dass ich Ihnen den Hals umdrehe, wenn Sie nicht augenblicklich verschwinden, Sie widerlicher kleiner Tintenkleckser. Und wenn Sie auch nur eines dieser Bilder veröffentlichen, dann können Sie sich warm anziehen.«

Olmütz zückte Schreibblock und Kugelschreiber. »Ich halte mal eben fest: Drohung, Beleidigung, Nötigung. Dazu Behinderung der Pressearbeit, und damit Verletzung des Grundgesetzes, das die Pressefreiheit garantiert.« Er steckte Block und Stift wieder weg und brachte erneut seine Kamera in Position.

»So, jetzt noch eine Gruppenaufnahme. Bitte recht feindlich!«

Strelitz nahm Kurs auf den Skandal-Reporter. »Und ich halte dagegen: Hausfriedensbruch, Missachtung polizeilicher Weisungen, Verletzung des Rechtes am eigenen Bild, Behinderung der Polizeiarbeit.«

Olmütz zog sich zurück. »Unsere Leser haben ein Recht …«

In diesem Moment zeigte Bernhard Markgraf wieder geistige Präsenz. »Was glauben Sie beide eigentlich, was Sie da tun? Fangen spielen in meinen Blumenbeeten? Reicht der Schaden noch nicht, der mir heute entstanden ist?«

In diesem Moment kam Hermann Schilling samt Dackel von Rudis Landheim zurück und schaute neugierig über den Zaun.

»Mensch, Markgraf, was ist denn deiner neuen Markise passiert?«

 

 

 

 

Kapitel 4

Schließlich war man im Landheim »Erntedank« eingekehrt. Bei Rudi Klingebiel, dem Herrn über Theke und Zapfanlagen, ließen sich Problemlagen aller Art vortrefflich erörtern. Selbst Hermann Schilling und Bernhard Markgraf passten dort an einen Tisch. Dazu hatte letztendlich eine Attacke des Dackels Friedhelm beigetragen, der sich auf der Markgraf-Parzelle unter dem Beifall aller Anwesenden mit einer der Olmützschen Waden befasst hatte.

Rudi stellte jedem ein Bier auf den Tisch und setzte sich dazu. »Und diese Type ist einfach so durch eure Markise geprasselt?«

Markgraf nickte düster. »Und bevor du weiterfragst: Nein, wir sind nicht versichert.«

»Daran hab ich jetzt gar nicht gedacht. Ich mein nur, dass ihr ziemliches Glück gehabt habt!«

»Bitte?«, krächzte Bernhard. »Was haben wir gehabt? Glück?«

»Na ja«, gab Rudi zu Bedenken. »Wenn die Markise nicht draußen gewesen wäre, hättet ihr diesen Ikarus direkt, sozusagen frei Haus abgekriegt. Und das hätte für mindestens einen von euch böse geendet.«

»So hab ich das noch gar nicht gesehen«, brummte Markgraf nachdenklich.

»Na, denn mal auf das Glück!« Der Kriminalrat hob sein Bierglas.

»Ja, und hoffen wir mal, dass es eine ganz harmlose Erklärung gibt«, schloss sich Olaf Knispel an.

»Gibt es nicht«, stellte Andreas fest und setzte sein Bierglas ab. Er strich sich den Schaum vom linken Nasenflügel. »Zumindest nicht für diesen Mann, der auf diese ungewöhnliche Art und Weise seine letzte Reise angetreten hat.«

Rudi wollte das Geschehene nicht unkommentiert lassen. »Vielleicht stand er unter Alkohol, oder unter Drogen, und ist dann tatsächlich aus einem Flugzeug gekippt. Wie ging noch der alte Spruch: ›Hast du Haschisch in der Blutbahn, kannst du fliegen wie ein Truthahn‹!«

»Ach, Herr Klingebiel«, seufzte Strelitz. »Der Spruch war schon in meiner Sturm- und Drang-Zeit nicht neu. Aber vielen Dank für den Beitrag zur Aufklärung.«

Konstanze Kannengießer hatte den Eindruck, dass es Zeit wurde, Strukturen in die Ermittlungen zu bringen. »Wie gehen wir es an, Chef?«

»Das hängt ganz stark von den Ergebnissen der gerichtsmedizinischen Untersuchung ab«, erklärte der Kriminalrat. »Es bleibt also spannend. Deswegen habe ich auch mit dem Gerichtsmediziner verabredet, dass er umgehend mit seiner Arbeit beginnt und mir seine ersten Erkenntnisse direkt durchgibt. Wir sitzen hier sozusagen in Bereitschaft.«

»Auf jeden Fall kann uns hier niemand auf den Tisch fallen«, bemerkte Markgraf verbittert und richtete seinen Blick auf die stabile Decke der Gaststube.

Strelitz hätte, um die Zeit zu überbrücken, beinahe erneut nach den Urlaubsplanungen der am Tisch Sitzenden gefragt. Stattdessen kam ihm in den Sinn, dass im Landheim eine Doppelhochzeit anstand, in die auch sein Kollege Olaf Knispel involviert war. Ein dankbares Thema, kein Zweifel.

»Wie stehen denn die Planungen zur Vermählung?«, erkundigte er sich und realisierte im selben Moment, dass diese Frage für Konstanze Kannengießer ebenso schmerzlich sein musste wie ein Sachstandsbericht zum Thema »Urlaub«.

Du bist ein unsensibler Banause, Karl-Eberhard, schalt er sich in Gedanken.

Während Konstanze reserviert in die Runde schaute und sich dann dem Markgrafschen Blick an die Decke anschloss, hatte Strelitz’ unüberlegte Frage bei Familie Klingebiel eine Wortlawine losgetreten. Es schien die Mauer eines Stausees zu bersten, als Rudi, Tochter Tatjana und Schwiegersohn in spe Olaf gleichzeitig den aktuellen Stand der Dinge zu diesem gesellschaftlichen Großereignis heraussprudelten. Dabei erwies es sich, dass die Protagonisten ihre Aufmerksamkeit jeweils sehr unterschiedlichen Aspekten widmeten. Während Maria lächelnd den schweigenden Part übernahm und augenscheinlich die Rolle des Felsens in der Brandung spielte, überboten sich die drei anderen mit ihren Beiträgen gegenseitig. Rudi hatte selbstredend viel über das Catering zu berichten. Jahreszeitorientiert gebe es Spargel, verkündete er im Stile einer amtlichen Bekanntmachung, die keinen Widerspruch duldete. »Spargel satt!« Das klang aus Rudis Mund wie das Urteil eines Geschworenengerichts, beschrieb aber schlicht und ergreifend die Rahmenbedingungen des Festessens.

»Vorweg gibt es Spargelcremesuppe, dann im Hauptgang Spargel, Salzkartoffeln, Schnitzel, milden Räucherschinken und Sauce Hollandaise. Alternativ wird eine Buttersoße gereicht. Zum Dessert werden wir etwas stilbrüchig – wir haben uns nach einer Kampfabstimmung für Tiramisu entschieden. Dazu gibt es entweder Bier oder einen halbtrockenen Weißwein.«

An dieser Stelle setzte sich Tatjana durch und schilderte das hindernisreiche Suchen nach passender Hochzeitsgarderobe. Sie ließ die Zuhörer teilhaben an den zahlreichen Besuchen der einschlägigen Anbieter, an den kleinen und großen Tränenströmen, die die aufreibende Suche nach der passenden Garderobe begleitet hatten, die Verzweiflung, wenn Farbe, Schnitt und Größe einfach nicht passen wollten, und dann die grenzenlose Erleichterung, als sich ein umwerfendes cremefarbenes Kostüm als der gemeinsame Nenner entpuppte, der sowohl das Auge erfreute als auch in das Budget passte.

»Was werden Sie tragen, Olaf?«, fragte Strelitz dazwischen, als Tatjana ihre Lungen schließlich doch noch mit frischer Atemluft betanken musste.

Olaf zeigte sich unvermutet humorig. »Ich hab doch noch einen rosafarbenen Bademantel, ein etwas älteres Stück …«

Weiter kam er nicht, denn Tatjana begann ihn zu traktieren. »Untersteh dich!«, drohte sie und fing an, ihn mit ihren Fingerspitzen zu pieken.

»Aufhören«, jammerte er. »Das ist unfair! Du weißt, dass ich da kitzlig bin!«

»Na, warte«, drohte sie, »wenn wir erst einmal unter uns sind!« Zu Strelitz gewandt erklärte sie, dass Olaf für mehrere Wochen dienstuntauglich sein würde, falls er seine Absicht umsetzen sollte, im Bademantel zu erscheinen.

Strelitz fand zunehmend Gefallen an dem Gespräch.

»Olaf, machen Sie mir keinen Kummer – ich brauche Sie im Dienst.«

Der junge Kommissar versicherte, nach Luft schnappend, dass er sich für einen dunkelblauen Anzug entschieden habe. Tatjanas Attacke hatte ihm ziemlich zugesetzt.

»Wir haben natürlich auch über den amtlichen Rahmen der Zeremonie nachgedacht«, berichtete er, immer noch stoßweise atmend. »Schließlich haben wir uns gegen eine kirchliche Hochzeit ausgesprochen. Ein gottgefälliges Leben kann man auch jenseits der Kirche führen.«

Strelitz machte eine abwehrende Handbewegung. »Das ist nichts, wofür man sich rechtfertigen muss – das muss jeder für sich selbst regeln. Außerdem gibt es den Weg zur Kirche auch noch zu einem späteren Zeitpunkt. Es ist also nur eine Entscheidung für den Moment.«

Tatjanas Gedanken verweilten weiterhin beim weltlichen Teil der Veranstaltung.

»Sie glauben ja nicht, wie schwer es ist, Ringe zu finden!«

»Na ja«, kam es trocken vom Kriminalrat, »Sie werden wahrscheinlich einen Juwelier aufsuchen müssen. Im Übrigen kann ich Ihnen als lebenserfahrener Kriminalist nur den schlichten Rat geben, sich für eine neutrale Gravur zu entscheiden. Keine Namen, keine Daten, nur ›In Liebe‹.

Alle Anwesenden schauten verblüfft auf Strelitz.

»Warum das?«, erkundigte sich Rudi neugierig.

»Weil man den Ring auf die Art mehrfach verwenden kann«, schmunzelte Strelitz.

»Also, Chef, dass dieser Spruch nun gerade von Ihnen kommt, finde ich einigermaßen erstaunlich. Sie haben es doch bei einer Eheschließung belassen.«

»Ich hab es auch gut getroffen«, lächelte er. »Das können nicht alle von sich behaupten.«

»Tja«, nickte Rudi, der sich angesprochen fühlte, »ich bin einmal verwitwet – Tatjanas Mutter ist früh verstorben. Dann kam meine zweite Frau – die hatte es für richtig gehalten, mich per Mordanschlag aus der Welt schaffen zu wollen. Nun sitzt sie selbst auf einer Wolke.« Er blickte an die Decke. »Vielleicht zumindest.«

Das Thema »Hochzeit« kam ein wenig ins Stocken.

Strelitz blies in die Asche der schwerfällig gewordenen Unterhaltung, und es zeigte sich, dass sich darin noch genug Glut befand, um den Erzählfaden weiterzuspinnen.

»Was ist denn nun mit den Ringen?«, wollte Strelitz wissen. »Gelbgold, Weißgold? Platin? Oder der Haltbarkeitsring vom Toastbrot? Da steht immerhin auch ein Datum drauf.«

»Chef!«

»Tschuldigung, Konstanze, ich hab ein etwas distanziertes Verhältnis zu pathosüberladenen Veranstaltungen. Nicht wenige dieser ›glücklichsten Tage im Leben‹ werden über kurz oder lang von Familienrichtern und Scheidungsanwälten abgewickelt.«

»Aber es ist doch ein besonderer Tag, egal, mit welcher Haltbarkeit die Ehe letztlich ausgestattet ist«, begehrte Olaf auf.

»Also, ich habe im Januar geheiratet«, erinnerte sich Strelitz, und es schien fast, als führe er ein Selbstgespräch. »Bei klarem, sonnigem Wetter und zehn Grad minus. Meine Frau hatte eine starke Erkältung, hatte leichtes Fieber und war heiser. Unser altes Schlafzimmerfenster war nämlich undicht, und es zog um alle Ecken. Nach der Feierlichkeit habe ich einen Hammer genommen und eine Wolldecke vor das Fenster genagelt. Seitdem halte ich Hochzeitsnächte für eine stark überschätzte Angelegenheit.«

Er versank für einen Moment in Erinnerungen, dann war er wieder in der Gegenwart. »Wohin führt Ihre Hochzeitsreise? Oder kommt die erst später? Sie haben jetzt sicher gut zu tun, oder?«

Rudi strahlte. »Eine Woche nach Spiekeroog, und der Betrieb im Landheim geht sogar weiter, dank guter Freunde!« Auch Unbeteiligte konnten erkennen, dass er diesem Teil der Veranstaltung besonderes Gewicht beimaß. »Ein ganze Woche die Nase in den Wind halten, Wattwandern und ... ja, was man eben sonst noch auf einer Hochzeitsreise tut.«

Er schaute wohlwollend auf Maria.

Strelitz staunte. »Na, toll. Da werden Sie sicher bessere klimatische Bedingungen vorfinden als ich seinerzeit. Aber wer bewegt denn die Zapfhähne, während Sie die norddeutsche Küste unsicher machen?«

»Andreas, Franziska und ihre Schwester.«

»Unser Hochzeitsgeschenk«, merkte Franziska an.

»Sie scheinen ja ein Multitalent zu sein«, staunte Strelitz. »Wollten wir Sie nicht über ein Praktikum in die raue Welt der kriminalpolizeilichen Arbeit einführen?«

»Das eine schließt doch das andere nicht aus, und anderen Menschen ordentlich was einzuschenken gehört wohl zu beiden Berufsfeldern, oder?«

»Wohl wahr«, bestätigte Strelitz.

Sein Handy meldete sich mit der Filmmelodie von »Miss Marple«.