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Das Buch ist eine Fortsetzung des bereits veröffentlichten Buch "Entscheidungen". Es geht um Entscheidungen, die getroffen werden müssen; sei es aus Liebe oder Vernunft. Wer gerne Bücher liest, die der realen Welt entsprechen könnten, ist dieses Buch genau das Richtige.
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Seitenzahl: 316
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Katrin Engel
Franziskas Entscheidung
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Über das Buch
KAPITEL 1
KAPITEL 2
KAPITEL 3
KAPITEL 4
KAPITEL 5
KAPITEL 6
KAPITEL 7
KAPITEL 8
KAPITEL 9
KAPITEL 10
KAPITEL 11
KAPITEL 12
KAPITEL 13
KAPITEL 14
KAPITEL 15
KAPITEL 16
KAPITEL 17
KAPITEL 18
KAPITEL 19
KAPITEL 20
KAPITEL 21
KAPITEL 22
KAPITEL 23
KAPITEL 24
KAPITEL 25
KAPITEL 26
DANKSAGUNG
Impressum neobooks
Franziska wurde vor drei Jahren von ihrer Liebe lebensbedrohlich verletzt. Stefan, eine ehemalige Jugendliebe, die später durch außergewöhnliche Umstände zu einer neuen Affäre wurde, stach sie mit einem Messer nieder. Stefan war ein kranker Mann, zudem litt er unter seinem Schatten. Charlotte. Da er selbst von Charlottes Existenz nichts ahnte, führten ihn seine wirren Gedanken an diesen für ihn letzten Ausweg, um Franziska nicht zu verlieren. Sie durfte keinem Anderen gehören.
Stefan wurde wegen des Angriffs auf Franziska bestraft. Er wurde verurteilt. Versuchte Tötung. 15 Jahre Gefängnis. Franziska scheint sicher. Björn, ihr Ehemann, verließ sich nicht auf das Justizsystem und zog mit Franziska und den beiden Kindern Jenny und Dennis in eine andere Stadt. Um Franziska zu beschützen, sperrte Björn sie ein.
Franziska liebt jedoch ihre Freiheit und Unabhängigkeit. Björns Verbote trieb sie vor drei Jahren in die Arme von Stefan.
Was richten seine Verbote diesmal an?
Drei Jahre ist es jetzt her, dass mich Stefan mit dem Messer verletzte. Kurz nach meiner Entlassung aus dem Krankenhaus konnte Björn dieses Haus, in das wir nun wohnten, erwerben. Es war ein sehr schönes Haus. Allerdings stand dieses Haus im nirgendwo. Es gab eine einzige Straße. Die Hauptstraße. An dieser Straße grenzten vielleicht 50 bis 60 Häuser. Jeder kannte jeden. Das war hier in dieser Gemeinde so. Mich kannte man jedoch nicht. Ich durfte das Haus nicht verlassen.
Die Narbe, die Stefan mir zugefügt hatte, schmerzte nicht mehr. Die seelische Wunde blieb. Jeden Tag sah ich zu, wie meine Kinder das Haus verließen, um zur Schule zu gehen. Jeden Tag blieb ich allein zurück.
Stefan wurde für seine Tat verurteilt und sitzt im Gefängnis; ich hingegen bin eingesperrt in meinem eigenen Heim.
Jeden Tag versuchte ich mir, die Zeit zu vertreiben. Die Hausarbeit war nach 2 Stunden erledigt. Und mehr war nicht zu tun.
Björn hat mir alles verboten. Ich durfte nicht arbeiten gehen und auch einkaufen durfte ich nur mit seiner Erlaubnis. Um den Frieden zu wahren, nahm ich sämtliche Einschränkungen hin. Ich mochte dieses Haus und mein neues Leben nicht, aber für Björn hatte ich mein altes Leben - einfach alles - aufgegeben.
Nach der Sache mit Stefan und Charlotte war Björn übervorsichtig. Alle zwei Stunden rief er zu Hause an, um zu fragen, ob alles in Ordnung sei; besser gesagt, er kontrollierte mich. Da jedoch ich diejenige war, die diesen ganzen Ärger überhaupt verursacht hatte, nahm ich auch diese Konsequenzen in Kauf.
Ich wusste, dass Björn sich um mich sorgte, aber dieses Leben machte mich definitiv nicht glücklich. Ich überlegte, bereits seit mehreren Wochen, wie ich Björn um ein bisschen mehr Freiraum bitten könnte. Er sollte wenigstens die Ab- und Anmeldenummer lockern. Ich wollte einkaufen gehen oder das Haus verlassen, ohne ihn vorab informieren zu müssen.
Ich beschloss, das kommende Wochenende dazu zu nutzen, Björn zu fragen. Dieses Wochenende war nämlich seit etlichen Wochen, das Erste, an dem er mal wieder zu Hause war. Die letzten Wochen hatte ich Björn kaum gesehen. Er arbeitete ziemlich viel und nahm an zahlreichen Fortbildungen teil. Hauptsache war, dass er nicht zu Hause sein musste. Oder mich sehen. Er ging mir absichtlich aus dem Weg.
Ich hatte bereits meine Mutter gefragt, ob die Kinder das Wochenende bei meinen Eltern bleiben konnten. Sie übernahmen die beiden gerne, denn schließlich, so sagte meine Mutter jedenfalls, waren die beiden kleine Engel.
Björn war diesen Freitag für seine Verhältnisse sehr früh von der Arbeit gekommen. Ich hatte sein Lieblingsessen gekocht und den Tisch schön dekoriert. Der Tisch war mit unserem besten Geschirr, welches wir von seinen Eltern zur Hochzeit geschenkt bekommen haben, gedeckt. Björn mochte dieses Geschirr. Es war weiß und mit dunkelblauen Blumenmuster verziert. Für mich war das zu viel »Old-School«, aber da das ein Hochzeitsgeschenk von seinen Eltern war, musste ich es wohl oder übel behalten. Ich wollte für eine harmonische äußere Atmosphäre sorgen, obwohl ich in meinem Inneren ziemlich angespannt war.
Nachdem Björn den Nachtisch aufgegessen hatte, nahm ich meinen ganzen Mut zusammen, atmete einmal ganz tief ein und sagte: »Wir müssen reden«.
Er schaute auf und sagte mit ganz ruhiger Stimme: »Gut, ok. Ich hoffe nur, es geht nicht wieder um das lästige Ich-will-wieder-arbeiten-gehen-Thema, denn das kannst du dir abschminken«.
Ich schüttelte nur den Kopf: »Nein, darum geht es nicht, auch wenn ich wirklich irgendwann wieder arbeiten gehen möchte. Es geht vielmehr darum, dass ich ein bisschen mehr Freiraum möchte«.
»Freiraum?«, Björn lachte laut auf. »Kannst du dich noch daran erinnern, was uns dein letzter Freiraum eingebrockt hat? Wenn nicht, zieh dein T-Shirt hoch, die Narbe müsste noch zu sehen sein.«.
Ich hielt die Hand schützend vor meinen Bauch und hörte Stefan flüstern: »Wenn ich dich nicht haben kann, soll dich keiner haben«.
Björns Worte versetzten mir einen Stich in die Magengrube, mir wurde übel. Ich nickte und dennoch ließ ich nicht locker. »Ich möchte doch nur einkaufen gehen, ohne mich bei dir abmelden zu müssen. Weißt du eigentlich, wie demütigend das ist, wenn ich jedes Mal nur wegen einem Päckchen Sahne nachfragen muss, ob ich einkaufen gehen darf?«.
»Natürlich darfst du Sahne kaufen gehen.«.
»Mensch Björn, darum geht es nicht! Diese ständigen Kontrollanrufe oder auch das An- und Abmelden, wenn ich mal das Haus verlassen will. Du sperrst mich ein, verstehst du das denn nicht? Ich habe in den drei Jahren, in denen wir jetzt hier wohnen, noch keinen einzigen Nachbarn gesehen«.
»Es ist nur zu deinem Besten«.
Ich schnaufte. »Zu meinen Besten? Du weißt doch gar nicht, was das Beste für mich ist. Du weißt doch gar nicht, wie es ist, jeden Tag zusehen zu müssen, wie andere Frauen unbeschwert durch die Straßen schlendern, einfach nur, weil sie es können.«.
»Das kannst du doch auch, du musst mir nur vorher Bescheid geben«, gab Björn trocken zurück.
»Und genau das ist das, was ich nicht mehr möchte. Ich möchte dich nicht immer um Erlaubnis fragen. Diese Kontrolle muss aufhören«, ich bebte vor Wut.
»Was erwartest du jetzt von mir?«. Ich merkte, dass Björn kurz vor einer Explosion stand. Dann fügte er hinzu: »Ich hätte dich fast verloren und das nur, weil du leichtsinnig warst.«.
»Hast du dich mal gefragt, warum ich so leichtsinnig war?«, wollte ich wissen. Björn wusste nicht, worauf ich hinauswollte. Ich war gut in Fahrt, also machte ich weiter. Ich hatte ja nichts mehr zu verlieren. »Ich bin zu Stefan gegangen, weil er mir das Gefühl gab, geliebt zu werden. Er sah mich als Frau und nicht als Hausfrau und Mutter. Er ...«.
Björn unterbrach mich. »Er hat dich niedergestochen!«, brüllte er. Dieses Argument konnte ich nicht leugnen. Ich senkte den Kopf. Vor Angst? Oder doch vor Scham? Ich kam so nicht weiter, das wusste ich.
Björn würde versuchen, mich jedes Mal wieder auf das Thema Stefan und meinen Beinahe-Tod zu bringen, um mir das Gefühl zu geben, unfähig zu sein, auf mich selbst aufzupassen. »Er hat mich geliebt«. Ich seufzte.
»Ich liebe dich auch«, stellte Björn klar. Ich zögerte. Das hatte Björn mir schon seit Jahren nicht mehr gesagt.
»Er hat es mir auch gezeigt«, fügte ich mit zitternder Stimme hinzu.
Björn stand auf und stürmte auf mich zu, nahm mich in den Arm und küsste mich. In diesem Kuss lag keine Leidenschaft, sondern Wut. Reine Wut und Verzweiflung. Das konnte ich spüren. Ich konnte nicht anders. Ich riss mich los und stieß Björn von mir. Er schaute mich verdutzt an. Ich starrte ihn an. »Er hat mir es gezeigt, weil er es wollte und nicht, weil ich es gesagt habe«, schrie ich. Ein wütendes Funkeln tauchte in seinen Augen auf.
»Dann geh doch zu deinem Stefan«, brüllte er zurück. Björn drehte sich auf dem Absatz um und stürmte zur Tür hinaus. Bis ich das kapiert hatte, fiel die Tür ins Schloss und er war verschwunden. Ich sank weinend zusammen.
Zwei Stunden später saß ich immer noch auf dem Boden im Flur. Meine Augen waren durch die Heulerei rot und geschwollen. Ich starrte immer wieder zur Eingangstür, doch sie bewegte sich nicht. Björn war immer noch nicht wieder da. Ich war allein. Wie immer.
Ich brauchte einen Rat. Ich musste mit jemandem reden, aber mit wem? Dadurch, dass mich Björn jahrelang im Haus eingesperrt hatte, hatte ich zu Niemandem Kontakt. Aus der Nachbarschaft kannte ich ebenfalls Niemanden. Mir konnte jetzt nur eine einzige Person helfen.
Mit schweren Beinen schleppte ich mich an die Garderobe, schnappte mir meine Handtasche und den Autoschlüssel und verließ das Haus. Ich setzte mich ins Auto und fuhr los. Ein mulmiges Gefühl hatte ich schon. Ich hatte mich so sehr daran gewöhnt, mich bei Björn abzumelden, dass ich sogar jetzt ein schlechtes Gewissen hatte, da ich ihn nicht informierte. Aber wollte er nach dem Streit überhaupt noch wissen, wohin ich fuhr?
Der einzige Mensch, mit dem ich seit drei Jahren regelmäßig Kontakt gehalten hatte, war Kerstin. Kerstin war die Polizistin, die mich bei der ganzen Sache mit Stefan unterstützt hatte und die auch nach der ganzen Zeit immer für mich da gewesen ist. Sie wusste auch von Björns Verhalten.
Ich kam an der Polizeistation an und parkte auf dem Besucherparkplatz. Auf dem Weg zum Eingang versuchte ich, mir nicht anmerken zu lassen, wie schlecht es mir ging. Ich nickte den mir entgegenkommenden Polizisten freundlich zu und öffnete die Tür. An der Information fragte ich nach Kerstin und wurde von einem sehr jungen Beamten zu einem Büro in einer Ecke geführt. Kerstin war nicht da. Ich sollte warten.
Nach kurzem Warten wurde mir langweilig und ich schaute mich ein wenig auf Kerstins Schreibtisch um. Es war ein Eckschreibtisch. Auf der einen Seite stand ein Monitor. Davor lag die Tastatur. Vermutlich befand sich der passende PC unter dem Tisch. Auf der anderen Seite stand eine kleine Lampe. Daneben stand ein Bild in einem silbernen Rahmen. Darauf war ein junger Mann zu sehen. Sehr attraktiv. Schätzungsweise um die 30. Seine blonden Haare standen in alle Richtungen ab. Erkennbar waren seine hellblauen Augen, die fast aus dem Bild heraus strahlten. Ebenso das umwerfende verschmitzte Lächeln. Hatte Kerstin einen Freund, von dem ich bisher nichts wusste?
Das waren die einzigen aufgeräumten Ecken des Tisches. Der Rest war ein einziges Chaos. Überall lagen aufgeschlagene Akten. Mein Blick blieb jedoch nur auf einer bestimmten Akte hängen, denn die Frau auf dem Foto erkannte ich sofort. Charlotte. Bevor ich weiter forschen konnte, hörte ich hinter mir eine vertraute Stimme: »Franzi? Was machst du denn hier?« Ich erschrak und drehte mich ruckartig um. Kerstin war hinter mir aufgetaucht. In der Hand eine Tasse. Es roch schwer nach Kaffee. Ihr blondes Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz geflochten. Sie sah mich mit ihren grünen Augen an.
In diesem Moment erkannte Kerstin mein verstörtes Gesicht. »Was ist los?«, wollte sie wissen.
»Björn ist weg.«
»Wie weg?«
Ich versuchte, Kerstin den Abend zu schildern, und erzählte ihr, was Björn mir alles an den Kopf geworfen hatte, insbesondere die Sachen mit Stefan. »Oh mein Gott. Und dann ist er einfach so weg? Was hast du denn jetzt vor?« Ich zuckte mit den Schultern.
»Ich weiß es wirklich nicht. Ich habe noch nicht einmal eine Ahnung, wo ich nach ihm suchen soll oder ob ich ihn überhaupt suchen soll und ob er gefunden werden will. Ich meine von mir… Ich glaube langsam wirklich, dass ich alles zerstört habe, wegen eines einzigen Fehlers.«
»Es war kein Fehler«. Kerstin lächelte mich an. »Wenn es ein Fehler gewesen wäre, hättest du dich dabei nicht so gut gefühlt.« Ich musste schmunzeln. Sie hatte Recht. Irgendwie hatte sie Recht.
»Ich habe das Gefühl, dass ich mich entschuldigen müsste.«
»Bei wem?« Kerstin war verwirrt.
»Stefan«, ergänzte ich.
»Warum denn bei Stefan?« Kerstin sah mich fragend an. Ihr Gesichtsausdruck war noch verwirrter als vorher. »Warum willst du dich bei Stefan entschuldigen? Er ist doch auf dich losgegangen. Er hat dich angegriffen. Mit einem Messer.«
Mir stiegen die Tränen in die Augen und meine Stimme zitterte. »Weil ich es gar nicht so weit hätte kommen lassen dürfen. Wenn ich früher die Stopptaste gedrückt hätte, wäre es gar nicht erst soweit gekommen.« Ich war selbst nicht überzeugt von dem, was ich gerade sagte.
»Du spinnst.« Kerstin zeigte mir einen Vogel.
»Vielleicht… Weißt du, wie es ihm geht?«
»Na ja, nicht wirklich. Er muss sich sehr zurückgezogen haben, er ist ein Einzelgänger und lässt nicht viele Leute an sich ran. Das sagen zumindest die Ärzte.«
»Ärzte?« Ich schlug mir die Hand vor den Mund. »Warum denn Ärzte?«
»Stefan wird psychologisch betreut«, erklärte sie mir. So selbstverständlich, als müsste ich das wissen.
»Oh ...« Gut, jetzt waren wir genau bei dem Thema, auf das ich hinauswollte. Ich wollte herausfinden, warum die Akte von Charlotte auf dem Schreibtisch lag. »Und Charlotte?«, fragte ich sie.
»Tja, da wird es weniger schön. Sie hat einen Antrag gestellt auf frühzeitige Entlassung.«
»Entlassung? Das darf nicht passieren, diese Frau ist krank. Sie darf nicht freigelassen werden«.
»Eben, deswegen habe ich die Akte. Ich soll eine Stellungnahme abgeben, ob Charlotte wieder auf freien Fuß gesetzt werden kann und jetzt vergiss das Ganze und geh´ nach Hause. Björn wartet bestimmt schon auf dich.« Sie nahm mich in den Arm und drückte mich fest an sich. Gleichzeitig flüsterte sie mir ins Ohr. »Und außerdem wäre es für Stefans Genesung nicht sonderlich gut, wenn du im Gefängnis auftauchen würdest, schließlich hält er dich für tot.« Ich löste mich aus ihrer Umarmung und nickte, sagte aber nichts. Sie hatten vollkommen Recht. Für Stefan war ich an diesem Abend gestorben. Niemand, selbst nicht einmal sein Anwalt hatte ihn aufgeklärt, dass ich den Angriff überlebt hatte. Er hatte sich auch nicht gewundert, dass er nur wegen versuchten Mordes anstatt wegen Mordes verurteilt wurde. Er hatte es damals auf seine psychische Verfassung geschoben.
Ich verabschiedete mich von Kerstin, verließ die Polizeistation und stieg in mein Auto.
Normalerweise brauchte ich für den Weg nach Hause maximal 20 Minuten, ich fuhr jedoch kreuz und quer, so dass ich fast zwei Stunden bis nach Hause brauchte. Ich sah mich in der Straße um. Björns Auto war nirgends zu sehen. Er war also nach wie vor nicht nach Hause gekommen. Ich stieg aus dem Auto aus, schloss die Haustür auf und stand immer noch völlig durcheinander im Flur und starrte ins Leere. Björn war wirklich noch nicht da. Da es mittlerweile weit nach Mitternacht war, beschloss ich, ins Bett zu gehen. Ich ging ins Badezimmer, wusch mich und zog mir meinen Schlafanzug an. Ich legte mich ins Bett, auch wenn ich schon wusste, dass an Schlaf nicht zu denken ist.
Plötzlich wachte ich auf. Ich war tatsächlich doch eingeschlafen. Ich hatte einen Traum. Einen Traum, den ich seit fast einem Jahr nicht mehr hatte. Ich sah Stefan vor mir stehen, mit dem Messer in der Hand, mit dem er mich niedergestochen hatte. Der Ausdruck in seinem Gesicht zeigte Angst und Verzweiflung. Ich wusste, dass er mir nie wehgetan hätte und Charlotte ihn zu dieser Tat gedrängt hatte, aber trotzdem hatte er es getan. Und dafür gab es keine Entschuldigung.
Ich stand auf. Ich wusste, dass ich jetzt nicht mehr einschlafen konnte. Die Bilder in meinem Kopf mussten erst wieder verdrängt werden. Ich zog mir einen Bademantel über und wollte runter in die Küche, um mir etwas zu trinken zu holen. Als ich auf dem halben Weg auf der Treppe stand, bemerkte ich, dass das Licht im Flur brannte. Ich war erleichtert, Björn war wieder zu Hause. Ich lief schneller die Treppe runter, denn ich wollte mich bei Björn entschuldigen. Stefan war ein Thema, dass in dieser Familie nicht mehr angesprochen werden sollte. Das wusste ich jetzt. Obwohl, wenn ich mir es recht überlege, war Björn derjenige, der dieses Thema zuerst angegangen war. Als ich am Treppenabsatz zum Stehen kam, sah ich Björn. Er lag in eine Decke gehüllt auf der Couch und schlief. Er hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, sich umzuziehen. Ich schlich mich an ihn ran, um ihn aus der Nähe zu beobachten. Er sah so friedlich aus, wenn er schlief, als gäbe es keine Sorgen und Probleme. Er war dem Mann, den ich damals geheiratet hatte, wieder ähnlich. Seine dunkelbraunen Haare waren ordentlich nach hinten gekämmt. Eigentlich müsste er mal wieder dringend zum Frisör.
Im nächsten Moment vibrierte sein Handy. Björn rührte sich kurz, wachte aber nicht auf. Leise ging ich näher an den Tisch. Ich wollte wissen, wer ihm um diese Uhrzeit noch schrieb. Als ich nah genug war, konnte ich die Nachricht lesen. »Geht es dir wieder gut? N.« N? Wer ist N?
Ich war wie vor den Kopf gestoßen. Was hat Björn die letzten Stunden gemacht und vor allem mit wem? In meinem Kopf zeigten sich Bilder von Björn mit irgendwelchen Frauen, denen er sein Herz ausschüttete. Meine Augen füllten sich mit Tränen. Mir war nicht klar, wie sehr es mich verletzten würde, wenn Björn sich mit einer anderen Frau traf. Erst jetzt wurde mir wirklich bewusst, wie sehr es Björn verletzt haben musste, als ich mich mit Stefan getroffen habe. Immer und immer wieder. Ich lief nach oben ins Bad. Ich wusch mir das Gesicht und legte mich zurück ins Bett. An Schlaf war jetzt wirklich nicht mehr zu denken. Ich wälzte mich hin und her. Bilder von Frauen tauchten in meinem Kopf auf. Blonde, Brünette, Rothaarige ... Plötzlich hörte ich ein Geräusch, es kam aus der Küche. Björn war anscheinend aufgewacht. Bevor ich die Treppe hinunterstürzte, beschloss ich, ihn erst einmal nicht auf »N« anzusprechen.
Als ich in der der Küche ankam, sah ich Björn, wie er sich durch die Vorratsschränke wühlte. »Suchst du was Bestimmtes?«, fragte ich ihn. Er sah kurz auf.
»Essen«, antwortete er kurz und knapp.
»Schau mal in den Kühlschrank«, gab ich ihm den Tipp. Fast wie in Trance und ohne mich anzusehen, trat er an den Kühlschrank und sah hinein. Nach einem kurzen Moment und mit einem kleinen Grummeln, schloss er die Tür wieder, lehnte sich an und schaute mich an.
»Habe ich dich geweckt?«, fragte er verschlafen. Er rieb sich die Augen.
»Ich habe nicht wirklich geschlafen«, antwortete ich. »Wo warst du?« Ich musste es einfach wissen. Björn zögerte kurz.
»Hier und da.«.
»Warst du allein?« Mist, ich wollte ihn doch noch nicht darauf ansprechen.
»Nö. Ich war mit Arbeitskollegen unterwegs.«
»Und dann musstest du dich so abfüllen?« Ich verschränkte die Arme vor der Brust.
»Wird das jetzt ein Verhör?«
Ich stockte. Ich wollte alles wissen. Natürlich. Mir war jedoch nicht bewusst, dass Björn in seinem derzeitigen Zustand noch den Unterschied erkennen würde.
»Ich habe doch nur gefragt«, sagte ich trotzig. »In so einem Zustand habe ich dich eben noch nie gesehen. Vielleicht mache ich mir auch einfach Sorgen.«
»Sorgen? Du? Hast du dir in der Vergangenheit einmal Sorgen um deine Familie oder um mich gemacht?«
»Jetzt fang nicht so an.«
»Ich brauch` damit nicht anfangen, das hast du schon getan«, schrie er schon fast.
»Das ist nicht fair. Ich habe alles bereut. Und das tue ich auch heute noch. Und das weißt du auch. Ich habe dir schon gesagt, dass das alles mehr als nur ein Fehler war. Ich dachte, du hättest mir verziehen?«
»Verziehen? Ich verzeihe dir das niemals. Du hast alles kaputt gemacht. Du hast unsere ganze Familie zerstört«. Er lallte. Ich fing an zu weinen. »Jetzt spar´ dir die Tränen, ich kann dein ewiges Rumgeheule nicht mehr ertragen.«
»Was kann ich machen, damit du mir vergibst?«, wollte ich wissen.
»Die Vergangenheit ändern«, stellte Björn klar.
Mein Blick ging zu Boden. Ich schämte mich für alles, was ich je getan habe. »Das kann ich nicht.«
»Eben. Und jetzt lass mich in Ruhe.« Er drehte sich von mir weg. Ich trat näher an Björn heran.
»Ich kann nicht ändern, was passiert ist, aber ich muss damit genauso leben wie du«, versuchte ich ihn zu beschwichtigen. Vorsichtig griff ich Björn von hinten an die Schulter. Schlagartig drehte er sich rum und schlug mir mit voller Wucht ins Gesicht.
»Ich habe gesagt, du sollst mich in Ruhe lassen!«, brüllte er.
Ich war völlig perplex und konnte gar nicht begreifen, was gerade passierte. Meine Wange pochte vor Schmerz. Meine Augen füllten sich erneut mit Tränen. Ich schluckte, drehte mich um und rannte die Treppe hoch, um ins Schlafzimmer zu gelangen. Sofort riss ich den Schrank auf und holte eine Sporttasche aus dem unteren Fach und warf sie aufs Bett. Mit Wut im Bauch und geröteter Wange stopfte ich das Nötigste in die Tasche. Als die Tasche schon fast aus allen Nähten platzte, schob ich sie ins Badezimmer und packte noch Zahnbürste und sonstige Kosmetika ein. Die Tasche war randvoll und ging schon fast gar nicht mehr zu, aber trotzdem schaffte ich es irgendwie, den Reißverschluss zu schließen. Ich zog mir schnell bequeme Schuhe an, hievte die Tasche über die Schulter und rannte die Treppe wieder runter. Unten angekommen sah ich Björn wieder schlafend auf der Couch. Es war mir egal. Ich schnappte mir meine Jacke vom Haken und den Autoschlüssel und rannte die Tür raus. Aufatmend schloss ich sie hinter mir.
Als die Tür hinter mir ins Schloss fiel, sank ich zusammen. Ich atmete hörbar aus und das, obwohl ich nicht gemerkt hatte, dass ich die Luft angehalten hatte. Was habe ich nur getan? Was soll ich denn jetzt machen? Wo soll ich jetzt hin? Kann ich so einfach gehen? Lasse ich meine Kinder im Stich? All diese Gedanken schwirrten in meinem Kopf und überschlugen sich. Ich musste mich erst einmal sammeln und meine Gedanken ordnen. Aber wie und vor allem wo? Es fiel mir nur ein Platz ein. Ich setzte mich ins Auto und fuhr los. Ich hatte das Gefühl, planlos durch die Gegend zu fahren, doch ich hatte ein festes Ziel. Fast drei Stunden später stand ich vor der mir doch zu vertrauten Werkstatt. Sie wirkte verlassen und war verrammelt. Überall auf dem Parkplatz vor der Werkstatt wucherte das Unkraut. Die wenigen Scheiben waren zerbrochen, vermutlich eingeworfen.
Ich stellte den Motor ab und stieg aus. Langsam sah ich mich um. Vorsichtig schlich ich schon fast an die Werkstatt heran. Ich ertappte mich dabei, wie ich mir immer wieder über die Schulter sah.
Obwohl ich wusste, dass Stefan eingesperrt war, hatte ich nach kurzer Zeit das Gefühl, beobachtet zu werden. Und ich täuschte mich nicht. Hinter einem Baum stand eine Frau, die langsam aus dem Schatten hervortrat.
»Was machst du hier?«, fragte sie mich.
»Das Gleiche könnte ich dich auch fragen, Kerstin.«
Sie kam noch einen weiteren Schritt auf mich zu. »Björn hat mich angerufen, er hat mir gesagt, dass du gegangen bist und da ich weiß, dass dir dieser Ort trotz allem, was hier passiert ist, Frieden bringt ... Na ja, du siehst ja, ich bin hier.« Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.
»Dieser Ort bringt mir keinen Frieden, aber ich kann hier nachdenken. Ich weiß nämlich nicht, wo ich jetzt hingehen soll und was ich jetzt mache.« Ich sah sie an.
»Du kannst zu mir kommen. Ich habe ein Gästezimmer, das du eine Weile benutzen kannst. Natürlich nur, wenn du willst.«
»Das ist wirklich sehr nett von dir, aber ich kann das nicht annehmen.«
»Nein, du hast Recht. Du kannst es nicht annehmen, du wirst es annehmen.« Kerstin lachte laut auf und schon saß ich wieder hinterm Steuer und fuhr ihr hinterher.
Ich hatte mir bisher nie Gedanken darübergemacht, wie Kerstin wohl lebte. Allerdings hatte ich bisher ja auch keinen privaten Kontakt zu ihr. Als Kerstin um eine Ecke bog, sah ich mehrere Reihenhäuser, die sehr idyllisch gelegen waren. Viele Häuser hatten einen sehr gepflegten Vorgarten. Die gesamte Straße wirkte sehr gepflegt. Kerstin hielt vor einem kleinen roten Backsteinhaus und betätigte den Garagenöffner, denn das Garagentor schwang auf, als Kerstin auf die Auffahrt fuhr. Sie deutete mir, dass ich mich vor die Garage stellen sollte.
Nachdem wir die Autos abgestellt hatten, schloss sie die Tür auf und ich betrat ein sehr geräumiges Haus, das sehr stilvoll und zeitlos eingerichtet war. Sämtliche Zimmer waren in hellen Grautönen gehalten, die durch wenige bunte Accessoires aufgehellt wurden. »Du kannst deine Sachen hochbringen. Das Gästezimmer ist erste Etage, links und dann die zweite Tür rechts«, erklärte sie mir. »Zieh´ dich um, du hast ja immer noch deinen Schlafanzug an«.
Ich sah an mir runter und nickte. Als ich die Stufen der Treppe hinaufging, die in die erste Etage führten, wunderte ich mich, dass Kerstin für sich alleine so viel Platz benötigte. Ich wusste, dass Kerstin nicht verheiratet war und für eine Einzelperson war dieses Haus viel zu groß. Vielleicht doch ein Freund? Mir fiel das Bild von ihrem Schreibtisch wieder ein. Er würde auf jeden Fall gut zu ihr passen. Und bei der ganzen anstrengenden Arbeit, die eine gut engagierte Polizistin zu bewältigen hätte, wäre dies eine angenehme Abwechslung. Ich gönnte es ihr.
Nachdem ich die Tür zum Gästezimmer nach zwei Fehlversuchen gefunden hatte und ins Zimmer trat, war ich im ersten Moment etwas geschockt. Das Zimmer wirkte - im Gegensatz zum Rest des Hauses - sehr trostlos. Das ganze Zimmer war in unterschiedlichen Grüntönen gehalten. Als würde hier jemand anderes wohnen. Irgendwie passte dieses Zimmer nicht zum Rest des Hauses. Aber aus Dankbarkeit, sagte ich nichts. Das Gästezimmer hatte ein großes Doppelbett, eine große Kommode und einen Spiegel sowie einen Kleiderschrank mit zwei Türen. Was, wie ich fand, mehr als ausreichend war. Zu meiner Überraschung verfügte das Zimmer auch noch über ein separates Badezimmer mit Dusche und Wanne, Waschbecken und WC.
Nachdem ich meine Sachen in den Schrank verfrachtet hatte, ging ich kurz ins Bad, um mich ein bisschen frisch zu machen. Ich sah kurz in den Spiegel und erschrak. Meine hellbraunen Locken waren eine einige Katastrophe. Ich hatte die Haare nur provisorisch zusammengebunden. Meine Haare waren total zerzaust. Das war jedoch nicht das Schlimmste. Die dunklen Ringe unter meinen grünen Augen zeigten, dass ich nächtelang nicht geschlafen haben musste. Ich sah aus, als hätte ich drei Nächte durchgemacht. Mit viel zu viel Alkohol. Ich wusch mir schnell das Gesicht und bürstete mir die Haare.
Als ich fertig war, konnte ich den angenehmen Duft von Kaffee wahrnehmen. Ich ging die Treppe hinunter und suchte die Küche. Dort angekommen sah ich, dass Kerstin auf einem Hocker saß und gedankenverloren in ihrem Kaffee rührte. Sie zuckte ein wenig zusammen, als sie mich im Türrahmen bemerkte. »Möchtest du auch?«
»Ja, bitte. Nochmals vielen Dank, dass ich ein paar Tage bei dir bleiben kann.«
»Ist doch gar kein Problem. Du kannst solange bleiben, wie du willst. Ich hab` hier genug Platz. Möchtest du mir sagen, was passiert ist?«
Ich setzte mich ihr gegenüber auf den noch freien Hocker. »Ich dachte, Björn hat dich angerufen?«
»Ja schon, aber er lallte furchtbar und sagte mir nur, dass du abgehauen seist und er nicht weiß, wo du bist. Er hat sich Sorgen um dich gemacht.«
Ich erzählte Kerstin die ganze Geschichte und ließ nichts aus. Ich war froh, dass ich jemanden hatte, mit dem ich über die ganze Sache reden konnte. Nachdem ich fertig war, fügte ich hinzu: »Na jedenfalls, weiß ich jetzt eigentlich nicht genau, was ich machen soll. Ich kann ja nicht ewig in deinem Gästezimmer bleiben.«
»Warum nicht? Das Zimmer wird nur selten gebraucht und das Haus ist groß genug. Versuch´ erstmal, wieder einen klaren Kopf zu kriegen. Denn schließlich habe ich dich bei Stefans Werkstatt gefunden. In deinem Schlafanzug. Du warst total verwirrt. Fast schon ein wenig verängstigt. Ich habe mir ebenfalls Sorgen um dich gemacht. Als du auf der Wache aufgetaucht bist, hatte ich das Gefühl, du wolltest, dass ich dich zu Stefan bringe. Du weißt aber doch, dass das nicht möglich ist, oder?«
Ich nickte. Sie sprach weiter. »Franziska, Stefan hält dich für tot und das hat ihn zerbrochen. Nachdem er wegen versuchten Mordes verurteilt worden ist, hat er nicht einmal gezuckt, um es zu revidieren, dass es eigentlich Mord gewesen sei. Er hat es einfach nicht wahrgenommen. Mittlerweile hat er sich aber unter Kontrolle. Und wenn du im Gefängnis auftauchen würdest, könnte es passieren, dass er gegen das Urteil etwas unternimmt und nachher kommt er noch frei. Willst du das? Willst du, dass alles wieder von vorne anfängt?«
»Nein, das will ich nicht. Natürlich nicht. Ich dachte nur …«
Kerstin unterbrach mich: »Und du weißt wirklich nicht, wer »N« ist?«
Ich schüttelte den Kopf.
»Ich habe Björn auf jeden Fall eine SMS geschickt, dass du hier bist. Dann macht er sich wenigstens keine Sorgen«, bemerkte sie.
»Danke. Ich glaub´, ich versuche ein wenig zu schlafen. Es war alles etwas viel. Gute Nacht«. Ich trank den Kaffee aus und stellte die Tasse in die Spüle. Als ich mich zum Gehen abwendete, sagte Kerstin noch: »Wenn du was brauchst, egal was, mein Schlafzimmer ist genau eine Etage über dir«.
»Danke«.
In meiner vorübergehenden Bleibe angekommen, ging ich kurz ins Bad, um mich erneut zu waschen und mir einen anderen Schlafanzug anzuziehen. Völlig erledigt legte ich mich ins Bett und merkte dann erst, dass das Doppelbett nur eine einzige große Matratze hatte, die sehr weich war. Bei jeder Bewegung musste ich aufpassen, dass ich nicht in die Mitte rollte. Ob das eine gute Nacht geben wird? Über diesen Gedanken war ich jedoch eingeschlafen.
Ich wurde wach, als ich merkte, dass sich mein Körper in die Mitte des Bettes zu neigen schien. Ich verspürte, dass die Matratze nach unten gedrückt wurde und als ich die Augen aufschlug, um nachzusehen, lag ich auch schon auf einem jungen Mann. »Hoppla, wo kommst du denn her?« Er sah mich an.
Völlig entsetzt versuchte ich, mich aufzurappeln, was bei der nach unten gedrückten Matratze nicht ganz so einfach war, und ich stolperte mit samt Decke aus dem Bett. Ich war total perplex und konnte keinen Ton von mir geben. Er war sichtlich amüsiert. »Nicht so stürmisch, junge Frau«. Er klang sogar sehr amüsiert. »Ich glaube, ich schlaf´ dann mal im Wohnzimmer auf der Couch. Wir sehen uns dann morgen früh« Ich nickte, sagte jedoch nichts. Ich zog mich stumm in eine Ecke zurück. Die Bettdecke hatte ich mir schützend umgeschlagen und bis zum Kinn hochgezogen.
Als der junge Mann sich erhob, sah ich, dass dieser nur mit einer hellen Pyjamahose bekleidet war. Der Oberkörper war unbekleidet. Als er durch das Zimmer ging, um sich ein T-Shirt anzuziehen, konnte ich mir seinen Körper genauer betrachten. Er war sehr groß; ich schätzte ihn auf mindestens 1,90 m. Sein Oberkörper war sehr muskulös, aber nicht Bodybuilder-Style, sondern an den richtigen Stellen betont. Er war wirklich gut durchtrainiert. Seine Bauchmuskeln waren sehr ausgeprägt, so dass nicht nur ein Sixpack zum Vorschein kam, sondern auch ein Muskeldreieck, welches in seiner Pyjamahose verschwand. Er hatte blonde zerzauste Haare. Als er feststellte, dass ich ihn musterte, wurde er rot. Zumindest dachte ich das, denn schließlich lag das Zimmer im Halbdunkeln und ich konnte nicht wirklich viel erkennen. »Gute Nacht«, sagte er zum Abschied und schloss die Tür hinter sich. Irgendwoher kannte ich ihn. Im Augenblick wusste ich aber nicht, woher.
Als ich am nächsten Morgen nach einer für mich doch recht unruhigen Nacht aufwachte, musste ich mich erst einmal orientieren. Im ersten Moment wusste ich nicht, wo ich war. Und dann fiel es mir ein, der Streit mit Björn, mein Auszug, meine Fahrt zur Werkstatt und dann zu Kerstin und die Begegnung der letzten Nacht. Als ich mich daran erinnerte, lief ich feuerrot an. Im Nachhinein betrachtet war die ganze Sache total peinlich. Für ihn als auch für mich. Ich konnte jedoch nicht die ganze Zeit im Gästezimmer hocken und mich verstecken, also ging ich unter die Dusche, machte mich fertig und zog mir eine Jeans und einen ausgeleierten Pulli an. Als ich fertig war, betrachtete ich mich noch kurz im Spiegel, was ich sofort bereute, denn die Ringe unter meinen Augen waren nach wie vor deutlich zu erkennen. Ich straffte trotzdem die Schultern und ging die Treppe hinunter.
An der untersten Treppenstufe angekommen, hörte ich Stimmen aus der Küche. Kerstin klang aufgebracht. »Ich versteh´ nicht, warum du einfach so vorbeikommst. Du hättest ja wenigstens anrufen können.«
»Ich wollte dich überraschen. Ich konnte ja nicht ahnen, dass ich stattdessen überrascht werden würde«, hörte ich den jungen Mann von letzter Nacht sagen. Jetzt fiel mir auch ein, woher ich ihn kannte oder zumindest, wo ich ihn das erste Mal gesehen hatte. Er war der Mann auf dem Foto von Kerstins Schreibtisch.
Kerstin schimpfte weiter. »Ach hör` auf. Sie hat genug durchgemacht. Sie braucht jetzt Ruhe, um wieder einen klaren Kopf zu kriegen und keinen Mann, der sich auf sie stürzt.«
»Moment mal! Sie ist auf mich gestürzt. Aber muss sie denn im Gästezimmer schlafen?« Der Mann klang beleidigt.
»Dafür sind Gästezimmer nun mal da. Und sie ist mein Gast und sie kann solange bleiben, wie sie will. Dann musst du dir vielleicht was Anderes suchen, wenn du nicht ewig auf der Couch schlafen möchtest«, schnaubte Kerstin.
»Die Couch ist schon in Ordnung, Schwesterchen. Oder ich geh´ ins Büro und nimm das Schlafsofa. Ich bleibe ja nur ein paar Tage. Ich habe jetzt drei Wochen Urlaub und die Zeit wollte ich mit dir verbringen.« Schwesterchen? Ich wusste gar nicht, dass Kerstin einen Bruder hatte. Aber wir haben nie wirklich über ihr Privatleben gesprochen. Es ging eigentlich immer nur um mich.
»Na dann kann ich mich ja richtig glücklich schätzen.« Den Sarkasmus aus Kerstins Stimme war deutlich zu hören.
»Und ob du das kannst«, bestätigte der junge Mann.
Als ich weiter in Richtung Küche ging, roch es bereits herrlich nach Kaffee und frisch gemachten Brötchen. Ich öffnete die Tür. »Guten Morgen«, sagte Kerstin, nachdem sie mich bemerkt hatte. »Hast du gut geschlafen?«
»Nicht besonders«, gab ich zu. »Und das lag nicht nur am Bett. Die Matratze ist sehr weich, aber da gewöhne ich mich schon dran. Und mir ging noch viel durch den Kopf«.
»Ich denke, dass ich dann auch ein Grund für den Schlafmangel bin.« Der junge Mann erhob sich von seinem Hocker und kam auf mich zu. »Hi, ich bin Andreas. Ich bin der kleine Bruder von Kerstin.«
»Ähm ... hallo. Ich bin Franzi«, stotterte ich.
»Kleiner Bruder ist gut«, lachte Kerstin. Andreas und ich schüttelten uns die Hände. Ich errötete. »Möchtest du Kaffee?«, fragte mich Kerstin.
»Ja, bitte.«
»Etwas frühstücken?«
»Ne, lass mal. Ich glaube, ich krieg eh nichts runter.«
»Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages«, sagte Andreas und grinste, als er genüsslich in sein Brötchen biss.
»Das sagt der Fitnesscoach«, spottete Kerstin. »So, Bruderherz. Willst du meinem Gast nicht mal erzählen, warum du die Nacht zu ihr ins Bett gestiegen bist?«
Andreas´ Gesicht glühte förmlich. Ähnlich wie meins, nur ein paar Minuten früher. »Ach ja, entschuldige noch mal dafür. Üblicherweise steige ich nicht einfach so zu Frauen ins Bett. Vor allem nicht, wenn ich die Frauen nicht kenne. Ich wohne und arbeite eigentlich in Spanien und komme nur selten nach Hause. Wenn ich dann hier bin, kann ich bei meiner Schwester im Gästezimmer schlafen. Dann brauche ich hier nicht auch noch eine zweite Wohnung. Normalerweise kündige ich mich auch an, aber ich habe mir gerade spontan Urlaub genommen und da dachte ich mir, ich überrasche sie. Ich konnte ja nicht ahnen, dass das Gästezimmer bereits belegt ist. Und du hast Recht, die Matratze ist wirklich sehr weich. Sonst wärst du ja bestimmt nicht auf mich gerollt.« Er grinste und meine Gesichtsfarbe passte sich seiner an.
Andreas und ich unterhielten uns lange und verstanden uns prächtig. Ich wollte wissen, wie man auf die Idee kommt, Fitnesscoach in Spanien zu werden. Er erklärte mir, dass es gar nicht sein Plan gewesen sei. Er wollte nur raus aus der Stadt und ist dann nach Spanien gegangen. Dort hat er sich ein Fitnessstudio gesucht, um zu trainieren. Er wurde von einem dortigen Coach angesprochen und so nahmen die Dinge seinen Lauf. Warum er allerdings die Stadt verlassen wollte oder musste, erzählte er mir allerdings nicht und ich fragte auch nicht.
Wir waren so in unser Gespräch vertieft, dass wir nicht mitbekamen, dass Kerstin die Küche zwischenzeitlich verlassen hatte. Plötzlich stand sie wieder im Türrahmen. »So ihr zwei, ich geh´ dann jetzt zur Arbeit. Andreas kannst du dich bitte ein bisschen um Franzi kümmern. Sie muss auf andere Gedanken kommen.«
»Andere Gedanken? Das krieg ich hin.« Er grinste.
»Tut nichts, was ich nicht auch tun würde«, zwinkerte sie uns zu und schon war sie aus der Tür.
Andreas sah mich prüfend an. »Was ist?«, fragte ich. »Nichts. Ich überleg´ nur gerade, wie ich dich auf andere Gedanken bringe.« Ein kleines Lächeln huschte über sein Gesicht.
»Das ist wirklich lieb, aber du brauchst hier nicht den Babysitter für mich zu spielen.«
»Babysitter? Ich glaub´ aus dem Alter sind wir beide raus, oder meinst du nicht auch?«
Ich lachte. »Ok, was schlägst du vor?«
»Du willst also auf andere Gedanken kommen. Mmh ... Bist du wütend auf irgendjemanden?«
»Sekunde. Deine Schwester möchte, dass ich auf andere Gedanken komme. Außerdem, was ist das denn für eine Frage? Wieso wütend?« Ich dachte an den Streit mit Björn zurück. »Eigentlich schon, irgendwie«.
Andreas sah jetzt entschlossen aus. »Gut, dann zieh´ dir mal was Sportliches an, wir gehen uns ein wenig abreagieren.«
»Ich habe nix Sportliches. Du musst wissen, dass ich in ganz kurzer Zeit meine Tasche gepackt habe. Ich habe mir einfach irgendwas gegriffen. Ich glaub´ noch nicht mal, dass ich überhaupt etwas zum Anziehen habe, womit ich vor die Tür gehen kann. Außer meinen Turnschuhen vielleicht.«
