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Kurz vor der Wende verschlägt die Liebe und die Sehnsucht nach Familie eine junge Frau in die USA. Doch der Traum von Familie geht bei ihr sprichwörtlich in Flammen auf und sie findet sich in diesem fremden Land nur ein Jahr später auf der Straße, mit einem kleinen Baby im Schlepptau. In dem Obdachlosenheim, das Roda Winter auffängt, lernt sie schnell kennen, welche Tücken und Fallstricke das "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" den Gescheiterten der Gesellschaft stellt.
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Seitenzahl: 331
Veröffentlichungsjahr: 2021
FILIZ E. KRAUSE
***
FRAU IN DER FREMDE
USA in den 80ern
© 2021 Filiz E. Krause
Verlag und Druck:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
Umschlaggestaltung: Vikam Media
Umschlagfoto: F. E. Krause
ISBN
Paperback:
978-3-347-25259-2
Hardcover:
978-3-347-25260-8
e-Book:
978-3-347-25261-5
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
1. Arkaden aus Stein
2. Keine Frage des Glaubens
3. Wonda Wayward
4. Große Pläne – kleine Schritte
5. Gescheiterte Gehversuche
6. Ellroy
7. Lausige Versprechen
8. Webbers Hobbys
9. Der Bund der Freundschaft
10. Ein Unglück kommt selten allein
11. Vom Regen in die Traufe
12. Auf der Suche nach einem trauten Heim
13. In einem Haus unter Linden
14. Harry
15. Romeos Leiden
16. Der Täter als Opfer
17. Aus dem Reich der Erinnerungen
18. Das fünfte Rad am Wagen
19. Das Schicksal biegt links ab
20. Wohnen im Mainstreet Getto
21. Über das Begleichen alter Rechnungen
22. Auf der Suche nach der eigenen Zukunft
23. Ein Kuckuck ist kein Nestbrüter
24. Harte Schale weicher Kern
25. Silvia und Rob
26. A house ist not a home
27. Ruf aus der Vergangenheit
28. Ein gescheiter Dummkopf
Nachtrag:
Über die Autorin
Sind wir uns auch fremd
in diesen dunklen Tagen,
denk daran,
wie hell wir einst gemeinsam strahlten.
Für meine Schwester Yasmin
1. Arkaden aus Stein
Der Regen trommelte auf das Dach des Familienwagens, als Gail mich zum Abschied küsste. Sie küsste auch das Baby, das Mädchen, das ihren Namen trug, einen alten Sklavennamen. Vielleicht flossen daher meine Tränen, weil ich das schlafende Mädchen sah und die alte Frau, die alles von uns beiden bekommen hatte, auch ihren Willen, das Mädchen solle Abigail heißen, nicht anders. Und nun drückte sie einen Abschiedskuss auf die zarte Stirn des Kindes. Ich spürte, dies war der letzte Kuss von Gail an Gail und ich behielt Recht.
Der Regen hörte nicht auf zu prasseln, wie sollte er auch. Er prasselte schon beinahe vier Wochen vom Himmel, wie aus einem Fass ohne Boden, ein nicht versiegender Quell der Nässe. Weil sich daran auch an diesem Tag in absehbarer Zeit nichts ändern würde, stieg ich mit meinem Kind auf dem Arm aus dem Wagen, Regen hin oder her. Es war erst vormittags, ich aber hatte das Gefühl, in der Zeitlosigkeit versunken zu sein; graues Zwielicht war alles was ich sah - und die Tore des Obdachlosenheims. Davor andere Bittsteller. Ich zählte, ich war die vierte. Die Welt um mich herum stank nach verwesender Trostlosigkeit. Trotzdem sog ich die Luft ein, den Strom meiner nie versiegenden Tränen zurückdrängend, ein bemitleidenswerter Anblick. Gail wollte losfahren, irgendwie konnten wir uns jetzt nicht einmal mehr die Hand reichen, sie und ich. Vorher die besten Freundinnen, durch dick und dünn gehende, gemeinsam pferdestehlende Freundinnen, grundsätzlich nur küssend, an die Grenze des Platonischen küssend, Gail und ich. Wir waren ein Traumpaar gewesen von Schwiegertochter und Schwiegermutter. Manchmal glaube ich, ich habe sie tiefer geliebt als Erin.
Gail fuhr dann tatsächlich schnell davon, gerade noch die zwei Taschen stellte sie neben mich, die eine mit den Babyutensilien, eine andere mit Kleidung; meine ganze Habe. Mit den Taschen und dem Kind eilte ich unter die schützenden Arkaden des Obdachlosenheimes, vor dessen Gittern die anderen entweder auf das Ende des Regens oder den Einlass in das Heim warteten. Eine schwarze Frau mit fünf Kindern, die sich alle um sie drängten, schaffte Platz für mich auf einer der Bänke, die unter den steinernen Arkaden für die Bittsteller errichtet waren. Ich dankte ihr verheult und stellte mich auf ein langes Warten ein. Meine kleine Gail schlief trotz lärmenden Regens, trotz Obdachlosigkeit, trotz des ganzen Unglücks, das ihr und mir widerfahren war, ruhig in meinen Armen weiter. Ich hatte Zeit zu rekapitulieren.
Vor einem Jahr und drei Monaten war ich Erin aus meiner Heimat, Deutschland, in seine Heimat, Tampa Florida, gefolgt. Wir waren glücklich und närrisch ineinander verliebt. Jung eben, und was in jenem Augenblick unter den weinenden Arkaden eine nicht unwesentliche Rolle für mich spielte: wir waren in meinem Land gewesen. Kaum hatte ich nämlich den Boden seines Landes betreten, hatte sich Erin auf unangenehme Weise verändert. Es ist schwer auszumachen, im Nachhinein, woran es lag, ob es die Mutter, meine geliebte alte Gail, war, die Luft, der ewige Regen, die ewige Sonne, die Sitten, das Essen oder ganz einfach nur Erin selbst. Tatsache war: er, mein Freund und späterer Ehemann, jetzt bald Ex-Ehemann, transformierte vom verständigen, pflichtbewussten, fleißigen Partner zu einem triebhaften, dabei antriebslosen und machohaften Rabenvater und Frauenschänder. Eine sehr subjektive Personenschilderung, ich gebe es zu, aber eine ehrliche, und obendrein unerlässlich als Entschuldigung für meine Tat, die mich heute vor dem Obdachlosenheim sitzen ließ.
Ich hatte nicht wirklich vorgehabt, das schöne Haus von Gail in Brand zu setzen. Wir hatten uns immer blendend verstanden, trotz der merkwürdigen Metamorphose ihres Sohnes oder vielleicht gerade deswegen. Dass Gail große Stücke auf ihr Häuschen hielt, das sie kurz vor unserer Ankunft aus billigen Militärnachlässen erstanden hatte, war einzusehen, auch für mich, die Deutsche, nur in Wohnung und Miete Denkende. Dass ich es niederbrannte, passierte, wie so vieles, im Affekt, in der Wut, die schon Monate gärte, vielleicht Jahre. Diese Wut, die sich verselbstständigte und dann ihr eigenes Szenario suchte, ungeachtet rationeller Erwägungen und den Konsequenzen. Meine Wut - lange angestaut, häufig unterdrückt, da wir unter fremdem Dach hausten mit der geliebten Schwiegermutter und den geliebten Schwippschwagern nebenan - suchte sich einen denkbar ungünstigen Zeitpunkt aus, um sich Luft zu verschaffen. Sie zwang mich, eine brennende Kerze mitten auf das Ehebett zu schleudern, alles Weitere erklärt sich von selbst.
Ich möchte nicht sagen, dass allein der Brand mich von Haus und Familie getrennt hatte. Es war nur der Auslöser für eine sich bereits lange anbahnende Isolierung von Erins Verwandten, die verständlicherweise auf seiner Seite standen. Wir hatten Fronten zueinander aufgebaut, Erin und ich. Seine Mutter, seine Leute, die mussten sich entscheiden, und sie entschieden sich für ihn. Ich war die Fremde, er war hier zuhause.
All das ging mir durch den Kopf, während ich dicht gedrängt und schwitzend neben der schwarzen Mama saß und auf die Gitter starrte. Bisher war noch niemand aufgenommen worden. Die Kinder der Bittsteller verharrten apathisch, eingehüllt in das Gedröhn des Frühlingsregens, der sich bald, in einer Woche vielleicht, in heißen trockenen Wüstenwind verwandeln würde. Sie kannten die Prozedur, das Warten, den Regen, den Gestank in der Luft. Das hier war ihre Heimat, Tampa, Industriestadt im sonnigen Florida, einst Domizil der Piraten. Nicht meine.
Gegen drei Uhr nachmittags watschelte eine andere schwarze Frau zu den Gittern, an deren Stäben die Kinder klebten. Sie war Pförtnerin und zuständig für den Einlass. Jeder der Erwachsenen erhielt einen Fragebogen, den wir eiligst ausfüllten, denn die kalte Regenfeuchte kroch uns in die Glieder. Dann wurden wir reingelassen. Plötzlich stand ich jenseits der Arkaden, und eine andere Pförtnerin, eine kleine Weiße, führte mich und Baby-Gail in ‚mein Zimmer’, in ein dunkles langes Loch mit zwei Stockbetten auf der einen Seite, einem Tisch, einem Stuhl, einem Kinderbett auf der anderen. Um 6 Uhr abends gäbe es Essen, eine Stunde vorher sei Materialausgabe, wenn ich was bräuchte, klärte mich die Pförtnerin auf. „Alles, alles brauche ich.“ Allein in diesem dunklen fremden Loch liefen mir erneut die Tränen die Wangen herunter. Die Pförtnerin kannte das und verschwand schleunigst aus dem Zimmer. Bei durchschnittlich vier bis fünf Aufnahmen pro Tag und so mancher Heulsuse darunter züchtete man sich ein dickeres Fell an.
Mein Baby schlief immer noch friedlich in meinen Armen. „Das hast du dir also angetan“, dachte ich und musste mich, widerwillig zwar, auf den einzigen Stuhl setzen. Das Baby wurde schwer.
Ich ging nicht nach unten in den Speisesaal zum Abendessen, obgleich das Einnehmen der Mahlzeiten Pflicht im Heim war. Auch zur Materialausgabe unten im Hof erschien ich nicht, obgleich ich doch alles gebraucht hätte. Einfach alles. Ich fühlte mich so obdachlos und arm wie noch nie vorher und später in meinem Leben. Leer und ohne weiteren Verwendungszweck, wie eine Flasche ohne Pfand. Das Grauen über meine Situation hatte mich auf diesen einen Stuhl festgefroren, sodass ich stundenlang bewegungslos darauf verharrte, und nur in diese längliche Höhle von einem Zimmer starrte, bis ich schließlich einschlief.
Aus wirren Träumen sowie einer sehr ungesunden Körperhaltung schreckten mich gegen 11 Uhr abends Babykakerlaken, die an meinen Armen nach oben stürmten. Mit einem gellenden Schrei fegte ich die kleinen Eroberer herunter und fing erneut an, zu weinen. Als das Baby in das Heulkonzert mit einstimmte, war ich versucht hysterisch zu werden, entschied mich dann aber für die Vernunft, eine Tugend, die man als Europäer im Blut hat und die im Notfall lebensrettend sein kann. Ich riss mich also am Riemen, wie man bei uns in Deutschland sagt, und beruhigte das Baby und mich selbst. Dann verließ ich das Zimmer und organisierte mir ‚Material’, also Bade- und Hygieneartikel, außerhalb der Ausgabezeit. Ich glaube, ich hatte Glück, denn genau in dieser Nacht war Jeff der Nachtpförtner, ein Mann, der später noch häufiger für mich eine Ausnahme machen würde.
2. Keine Frage des Glaubens
Am nächsten Morgen wurde ich gebeten, mich beim ‚Hauspfarrer’ zu melden. Ich wusste bis dahin gar nicht, dass es so etwas gab: einen Hauspfarrer. Tatsächlich aber befanden sich im südlichen Teil des kasernenartig angelegten Obdachlosenheims eine kleine Kapelle und ein Büro für einen gewissen Pfarrer Roland Webber. Er ließ mich eine halbe Stunde vor seinem Büro warten, ehe er endlich erschien und mich hereinbat. ich war schon drauf und dran gewesen zu gehen; schließlich hatte ich mit Religion gar nichts am Hut. Doch der Besuch beim Pfarrer gehörte zu den Auflagen für ein Dach über dem Kopf, daher versuchte ich die Sache schnell hinter mich zu bringen.
Der Hauspfarrer war ein großer Mann Ende dreißig oder Anfang vierzig. Das Alter der Amerikaner war für mich manchmal schwer zu schätzen. Sie tranken keinen Kaffee und rauchten keine Zigaretten, und so marschierte das Leben an ihnen vorüber, ohne nennenswerte Spuren zu hinterlassen. Der vielleicht nachhaltigste Eindruck in ihren Gesichtern war oft eine Art Verdutztheit, die Frage, worum das Leben sich denn nun eigentlich drehte oder ob es völlig bar von Sinn und Zweck war. Webber jedenfalls war hochgewachsen und merkwürdig junggeblieben, er schaute mich unter wildwuchernden schiefergrauen Augenbrauen aus verschlagenen grünen Augen an und hatte die Angewohnheit, seine Sätze mit zahlreichen Einwürfen zu stützen, so als ob er sich nicht vorbereitet hätte oder das Thema ein äußerst delikates Unterfangen darstellte. Während er sich also umständlich zu dem Punkt hinquälte, den er mir begreiflich zu machen suchte, tastete er zusätzlich die Luft mit langen Fingern ab. Vielleicht verbarg sich in seinem Büro mehr, als für mich sichtbar war. Jedenfalls hatte ich nach Abschluss unserer Unterredung eine Angst entwickelt, die meiner Person bislang nicht eigen war. Webber war sehr ungehalten darüber, dass ich einen Besuch in seiner kleinen Kapelle rundheraus ablehnte, und auch darüber, dass ich mich offen zum Agnostizismus bekannte, auch wenn ich damals das Wort noch nicht kannte. Er hatte sich doch solche Mühe gegeben, mir die schwierige Frage des Glaubens zu vermitteln. Immer wieder betonte er, dass mir die Teilnahme am sonntäglich abgehaltenen Gottesdienst absolut frei stünde. Was solle er auch mit Gästen im Gotteshaus, die unter Zwang seinen wegweisenden Worten lauschten. Zusätzlich dürfe ich, auch wenn ich nicht dem Gottesdienst beiwohne, an den wöchentlich organisierten Aktivitäten teilnehmen, als da wären: Ausflüge ins Blaue, Picknick am Strand, Besuch des Schwimmbads, gelegentliche Kulturfahrten, um nur einige zu nennen. Ich lehnte auch diese Angebote freundlich, aber bestimmt, ab. Die Vorstellung, mit diesem langgliedrigen Pfarrer und seinen verschlagenen Augen baden zu gehen, wollte mir in keiner noch so malerischen Umgebung gefallen. Abschließend saßen wir uns noch einige Minuten schweigend gegenüber. Eine Stille, in der mir der Pfarrer mit vielsagenden Blicken zu verstehen gab, dass er ein derart uneinsichtiges und undankbares obdachloses Subjekt wie mich noch nicht zu Gesicht bekommen habe. Weiter, dass er es mir möglicherweise verziehen hätte, dass ich deutsch bin, aber eben nicht diese unbegründete Ablehnung des Glaubens – gerade in Zeiten, wie ich sie nun durchlebte. Eine Abfolge stützender Einwürfe, sein „well well, you know“, rettete uns aus den Vorwürfen seinerseits und der trotzigen Haltung meinerseits. Er bedankte sich für mein Kommen und schickte mich meiner Wege, zweifellos überzeugt, dass diese sich unter der Last meiner Ungläubigkeit gefährlich krümmen würden.
Ich war froh. Der Pflichtbesuch war abgehakt. Das Dach über dem Kopf gesichert. Und doch drohte mir das Heim, das ich bisher nur als unsauber und schäbig empfunden hatte, auch unheimlich zu werden. Ich flüchtete in mein Zimmer zurück.
In den nächsten zwei Tagen fiel ich in jene Depression zurück, die seit meiner Ankunft von mir Besitz ergriffen hatte und mich in meinem ganzen Tun und Denken lähmte. Ich schaffte es kaum, meine kleine Tochter zu versorgen, sie zu pflegen, geschweige denn für sie da zu sein. Da das Heim eine Reihe von verpflichtenden Regeln für seine Obdachlosen vorsah, darunter die Einhaltung von Essenszeiten, zu welchen ich nicht erschien, oder die Übernahme von täglichen Aufgaben zur Erhaltung der häuslichen Reinlichkeit, die ich nicht ausführte, hatte ich nach 48 Stunden bereits mehrere Verweise gesammelt. Die Leitung des Heimes war kurz davor, mich in hohem Bogen wieder auf die Straße zu setzen. Ich wusste, dass ich diese Lähmung, die von mir Besitz ergriffen hatte, abschütteln musste; dass ich mich und das Kind nicht einfach so gehen lassen konnte. Dennoch lag ich regungslos den ganzen Tag auf meinem Bett, unfähig, mich selbst vor einem vielleicht noch schlimmeren Schicksal zu bewahren. An meinem kleinen Fenster am anderen Ende des langen schmalen Zimmers zogen Tag und Nacht vorbei, ohne dass ich davon Kenntnis nahm, und die Kakerlaken regierten ungeniert in meinem bescheidenen Heim.
Dass mein Leben an dieser Stelle keine noch schlimmere Wendung nahm, verdanke ich Jeff, der in seiner Nachtschicht meine Ausweisung auf dem Schreibtisch vor sich liegen sah und beschloss, mich nicht einfach hinauswerfen zu lassen.
Als er bei mir anklopfte, war ich überzeugt, dass Pfarrer Webber Eintritt einforderte, um mich aus seinem Obdachlosenheim hinauszukomplimentieren. Ich war durch den Mangel an Schlaf, Essen und Körperpflege ziemlich wirr im Kopf und bildete mir alles Mögliche ein. Da Jeff auf sein Klopfen keine Antwort erhielt, ließ er sich selbst durch die Tür hinein. Ich erschrak heftig und wurde mir plötzlich meiner eigenen Wirrheit bewusst. Dass ich wahrscheinlich schrecklich ungepflegt und irre aussah, war mir sehr peinlich und ich wandte mich von Jeff ab, der sich zu mir in das untere Stockbett gesetzt hatte, wo wir beide, groß wie wir waren, nicht so recht hinpassten. So verharrten wir zunächst einige Momente lang, Jeff und ich, in halb liegender Stellung, unangenehm geduckt durch das obere Bettgestell, das ich so wenig benötigte wie das zweite Stockbett auf der gegenüberliegenden Seite.
‚Ich weiß, wie du dich fühlst’.
Es war eine Anmaßung, zu wissen wie sich ein anderer fühlte. Dennoch rührte die Stimme an meinem versteinerten Selbst. Ich hoffte, er würde nicht weitersprechen, sonst würde ich anfangen zu weinen, sicherlich nicht wegen dem, was er sagte, sondern, weil seine Stimme so nah an meinem Ohr war und mich daran erinnerte, dass es da noch andere Männer gab außer Erin.
„Es liegt ganz bei dir, Roda. Du kannst dich hier rausschmeißen lassen und dann weiter abdriften, nach unten, verstehst du.“ Jeff machte eine Pause. Sein Atem trug das schwache Nachtlüftchen zu mir und ich, die seit mehr als drei Tagen nichts mehr gegessen hatte, roch Vanille und Milch. Mein Leben brach aus seiner Verkrustung. Er berührte leicht meinen Arm.
„Oder du reißt dich zusammen und ich helfe dir wieder nach oben. Was du erlebt hast, das kommt hier beinahe täglich vor. Das ist nicht Besonderes. Nichts, warum man sich oder sein Kind vernachlässigen müsste. Hörst du mich?“ Ich nickte leicht, ließ ihn weiterreden.
„Vielleicht ist das bei euch in Deutschland anders, aber hier in Amerika passieren diese Dinge. Du verliebst dich und es geht schief, total schief. So schief, dass ein Unglück passiert. Na und? Es ist niemand verletzt worden. Du hast deinem Alten eine Bude aus Militärnachlässen abgefackelt und wirst sicher den Schaden, denn Du angerichtet hast, bezahlen müssen, aber sonst ist nichts passiert. Du musst weiter machen. Wenn es mit diesem Mann nicht geht, dann mit dem nächsten. Du bist doch nicht von vorgestern. Oder kommst du nicht über ihn hinweg? “
Ich schüttelte den Kopf leicht, ohne zu wissen, ob ich nun über Erin hinweg war oder nicht. Ich bemerkte, dass ich eigentlich überhaupt nicht wusste, woher meine Depression herrührte. Ich fühlte mich einfach zum Stillstand gezwungen.
„Siehst du? Mein Gott! Schau dich doch an. Du bist noch so jung. Du nimmst keine Drogen und machst auch sonst keinen Scheiß, oder doch?“
Wir lachten beide ein bisschen. Ich hatte meine aufkommenden Tränen erfolgreich zurückgedrängt und konnte mich nun zu Jeff umdrehen. Das Baby atmete erleichtert im Schlaf auf.
„Also dann! Das ist mehr als die meisten hier von sich behaupten können. Weit mehr. Du bist dir über deine Chancen gar nicht im Klaren. Sieh doch mal, die meisten Leute, die hier wohnen, sind arme verkommene Junkies mit einer Handvoll unehelicher Kinder, die bereits ebenfalls drogenabhängig sind. Wenn sie dann noch schwarze Hautfarbe haben, ist hier Endstation. Sie kommen immer wieder zurück in dieses Obdachlosenheim, weil sie draußen im wirklichen Leben unfähig sind, sich über Wasser zu halten. Aber du, du kannst weg, wenn du willst. Du hast noch alles vor dir. Also hör auf dich zu bemitleiden und komm in die Gänge. Ich helfe dir.“
Ich musste lachen. Es war ein triumphierendes Lachen. Ich hatte zum ersten Mal wieder das Gefühl, eine Chance zu haben, eine zu sein, die es schaffen konnte, obwohl Jeff nur von meinem eigenen, kleinen und ganz gewöhnlichen Leben sprach – das ich nicht verachten durfte.
Baby-Gail und ich verbrachten die halbe Nacht in dem kleinen Pförtnerbüro. Jeff machte uns Kaffee und Sandwiches und wir schauten gemeinsam fern, bis mich endlich die Müdigkeit übermannte und ich mich von ihm verabschieden musste. Jeff versicherte mir noch einmal seine Unterstützung für die Aufgaben, die mich erwarteten. Dann entließ er mich in einen neuen Lebensabschnitt.
Nachts träumte ich davon, dass Jeff und ich uns liebten und heirateten. Es war ein guter Start, am nächsten Morgen mit diesen Bildern aufzustehen.
3. Wonda Wayward
Die Leitung des Heimes beschloss, mir auf Jeffs Drängen hin noch mal eine Chance zu geben und mich weiterhin im Heim wohnen zu lassen. Allerdings sollte ich meine Verweise abarbeiten und soziale Dienste für die Stadt leisten. Meine erste Aufgabe war, den Rasen des örtlichen Baseballstadions zu mähen. Das Heim war recht gut organisiert und ich fand heraus, dass es sogar eine Art kleinen Kindergarten besaß, bei dem ich Baby-Gail für die Dauer meiner Strafarbeit abgeben konnte.
Ein Pförtner fuhr mich und eine weitere, eine schwarze Heimbewohnerin zusammen mit zwei antiquierten Rasenmähern zum Baseballstadion. Die Frau und ich saßen schweigend im Auto nebeneinander. Ich konnte nicht umhin, die andere eingehend zu mustern, denn von meiner Natur her war ich neugierig. Sie war ungefähr in meinem Alter und sehr mager. Ihre schmalen Hände mit den abgeknabberten Fingernägeln waren in ständiger Bewegung. Sie schien ein nervöser Typ zu sein. Als sie sich kurz in meine Richtung drehte, konnte ich einen Blick ihrer schönen schwarzen Augen erhaschen. Sie hatte einen leichten, nicht unattraktiven Silberblick. Ich lächelte sie ohne Erfolg an. Ihr Blick war reserviert und abweisend.
Im Stadium versorgte der Pförtner uns noch mit den alten Rasenmähern und verzog sich dann mit der Bemerkung, er werde uns rechtzeitig zum obligatorischen Abendessen wieder abholen. Für mittags hatte uns die Küche ein Essenspaket zurecht gemacht, das ich in meiner Ratlosigkeit, wie das mit dem Mähen gehen sollte, erst einmal aufaß. Die schwarze Frau stand ebenfalls nur an ihren Rasenmäher gelehnt und sah in die scheinbar unendliche grün-braune Weite des Stadiums. Während ich kaute, beobachtete ich die andere neugierig aus den Augenwinkeln.
Brote und Saft hatten mir zu neuen Energien verholfen. So oder so mussten wir die Arbeit hinter uns bringen, und ich hielt es für das Beste, mich mit der anderen Frau zu organisieren. Also stellte ich mich ihr vor und reichte ihr die Hand, ein Akt, der vielleicht schon Stunden früher hätte erfolgen sollen. Die andere, eine gewisse Wonda Wayward, schüttelte sie und schenkte mir zum ersten Mal ein freundliches Lächeln.
„Ich habe noch nie gemäht. Ich weiß nicht, wie man so ein Ding bedient, aber ich schätze, wir tun uns leichter, wenn wir vorab das Feld aufteilen.“
„Nein. Es ist besser, wenn wir nebeneinander mähen. Dann können wir uns unterhalten und wir spüren die Hitze nicht so“, schlug Wonda im Gegenzug vor.
„Weißt du denn, wie man mit so einem Rasenmäher umgeht?“
Wonda nickte und führte mir mit ihrem Mäher vor, wie man ihn bediente, indem sie einen Kreis um mich herum mähte. Sie wies mich darauf hin, dass man bei diesen alten und schlecht gewarteten Exemplaren viel Kraft anwenden müsse, um sie zu bewegen. Ich sagte ihr, dass, wenn sie, die viel kleiner und dünner war als ich, den Mäher bewegen könne, es mir nicht schwerer fallen dürfte. Tatsächlich aber brachte ich den Mäher kaum vorwärts. Nachdem ich mich eine Stunde lang durch die Stadionslandschaft gequält hatte, Wonda stets geduldig auf mich wartend, verfing sich in meiner Schneidschraube auch noch ein harter Metallgegenstand und setzte den Mäher außer Kraft. Also schoben wir Wondas Rasenmäher zu zweit vor uns her und erzählten uns gegenseitig unsere Lebensgeschichten.
Wonda hatte zwei Söhne, die ebenfalls im Heimkindergarten saßen. Sie waren allerdings schon 5 und 11 Jahre alt. Sie selbst war doch um einiges älter als ich, war beinahe dreißig Jahre und hatte ihren Mann, einen stadtbekannten Kokainhändler, bereits zum dritten Mal verlassen, weil sie mit seinem Leben und seiner Moral nicht klarkam. Obwohl Wonda im Verlauf unseres Gesprächs ihren Mann nachhaltig verurteilte, hörte ich gleichzeitig auch Bewunderung und vor allem eine Sehnsucht nach ihm aus ihrer Stimme heraus. Offensichtlich kämpfte Wonda hier mit ihrer eigenen Moral. Sie war schon drei Mal in diesem Obdachlosenheim gestrandet und wollte nun endgültig einen Schlussstrich unter ihr altes Leben ziehen, sich und ihren Kindern mit einer Ausbildung, später einem Job und einer eigenen Wohnung zu einem anständigen Leben verhelfen. Sie klang vernünftig und klug. Ich empfand mit jeder Stunde mehr Sympathie für die kleine magere Frau, die häufig um sich blickte, als erwarte sie jemanden.
Am Abend als uns der Pförtner wieder abholte, war das Feld zwar nur zur Hälfte gemäht, Wonda und ich aber dennoch glücklich, da wir uns als Freundinnen in der Not gefunden hatten.
Beim Abendessen stellten wir gegenseitig unsere Kinder vor. Ellroy und Franky, Wondas Söhne, waren nicht weniger schweigsam und nervös als ihre Mutter. Ich hoffte, dass sie sich mit der Zeit entspannen würden.
Am nächsten Morgen mähten wir in stiller Harmonie die zweite Hälfte des Feldes, während Franky und Ellroy am Rande des Stadions auf Baby-Gail, die ich aus lauter Freude über diese neue Freundschaft mitgenommen hatte, aufpassten.
Einen Tag später tauchte Erin auf, um mir meine restlichen Habseligkeiten zu bringen. Seine Kühle und Abgeklärtheit, vor allem seine Unlust, das eigene Kind sehen zu wollen, versetzten mir einen herben Stich. Niedergeschlagen suchte ich Trost bei Wonda, die mir von ihren eigenen Erfahrungen mit ihrem Mann erzählte und versicherte, dass dieses stiefväterliche Verhalten keineswegs gegen das Kind gerichtet sei, sondern nur die Ratlosigkeit der Männer zum Ausdruck brächte. Ich hörte ihr dankbar zu, hatte aber meine Zweifel an ihren Theorien.
Mit den Kindern besuchten wir von nun an täglich den Stadtpark, setzten uns beim Essen zusammen. Wir erreichten, dass man uns zusammen für die täglichen Aufräumarbeiten in der Küche einteilte, anstatt uns den Rasen von Sportstadien mähen zu lassen. Während ich im oberen Stockwerk des Areals wohnte, hauste Wonda mit ihren Söhnen in einem dunklen Zimmer im Parterre unweit der Mülltonnen. Der Gestank des Abfalls drang bis in ihr Zimmer und für mich war es völlig unverständlich, dass Wonda sich nicht um ein anderes Zimmer bemühte. Doch sie erklärte mir, dass man ihr kein anderes Zimmer geben würde, weil sie bereits zum dritten Mal in dieses Heim zurückgekehrt sei.
„Hier gibt es doch viele Rückkehrer.“ Mich hätten keine zehn Pferde ein zweites Mal in ihr Zimmer gebracht. Wonda schwieg. Sie hatte diesen schicksalsergebenen Blick in den Augen, der von einer nicht nachvollziehbaren Unglückssträhne sprach, die nur Menschen ihrer Ethnie befallen würde. Ich akzeptierte ihr Schweigen, hielt mich aber von ihrem Zimmer so gut es ging fern.
In den folgenden Tagen beschlossen Wonda und ich, uns beim Wiedereinstieg in das Berufsleben unter die Arme zu greifen. Wir planten, uns gemeinsam auf dem örtlichen College anzumelden und uns nach einem Job umzusehen. Für die Schuleinschreibung stand der Heimpförtner Jeff wieder einmal mit Rat und Tat zur Seite. Er besorgte uns die Aufnahmebögen und fuhr uns später mit den Unterlagen zum College. Am Ende lud er mich und Wonda in der Cafeteria sogar noch zu einer Runde Pommes und Cola ein. Beim Essen besprachen wir das weitere Vorgehen, wir lachten viel über Jeffs Späße, der sich wunderbar darauf verstand, amerikanische Prominente, die wir aus dem Fernsehen kannten, nachzuahmen. Trotzdem beschlich mich der Verdacht, dass die Einladung nicht ohne Hintergedanken war, denn Jeff schien vor allem meine Reaktion auf seine Witzchen und Anekdoten zu prüfen. So schön der „Ausflug“ und das Gefühl eines Neubeginns mit der Einschreibung am College auch waren, fühlte ich mich seit dem Abend, als er neben mir auf dem Stockbett gesessen hatte, stets ein wenig aufgeregt in Jeffs Nähe.
Weil Wonda und ich mittellos waren, mussten wir uns noch einem Eignungstest unterziehen. Bestanden wir diesen, konnten wir im Anschluss einen Antrag auf kostenlose Schulbücher und Befreiung vom Schulgeld stellen. Am Tag unserer Prüfung nahmen wir beide den Bus zur Schule, worüber ich sehr froh war. Ich fühlte mich auf diese Weise freier und unabhängiger. Wir wollten uns ohnehin daran gewöhnen, den Schulweg ohne fremde Hilfe zu bewältigen. Wonda war übernervös, ich fragte mich wieso, denn vielmehr hätte ich diejenige mit der Furcht im Nacken sein müssen. Es war nicht mein Land, nicht meine Sprache, nicht meine Schule. Aber die ganze Busfahrt über knabberte Wonda wie besessen an ihren kleinen weißen Fingernägeln herum und schielte skeptisch um sich, als traue sie dem ganzen Vorhaben gar nicht. Da Jeff uns am Vortag noch ein Buch mit Musterprüfungen aus der Stadtbücherei besorgt hatte, plapperte ich Wonda mit Textfragen aus verschiedenen Fachbereichen voll. In meiner freudigen Erregung bemerkte ich dabei nicht, dass Wonda nicht eine einzige Antwort auf meine gestellten Testfragen gab. Sie lauschte lediglich meinen Antworten, die selbstvergessen und stolz aus mir heraussprudelten.
Im Prüfungsraum knabberte Wonda dann zur Abwechslung an dem ausgehändigten Bleistift. Sie gab frühzeitig den Prüfungsbogen an die Aufsicht zurück und wartete dann vor dem Zimmer im Gang auf mich. Erstaunt stellte ich fest, dass die zu beantwortenden Fragen mir mehr Allgemeinwissen als echte Fachkenntnisse abverlangten und daher relativ einfach zu beantworten waren. Trotzdem nutzte ich die gesamte Prüfungszeit und arbeitete so sorgfältig wie man eben mit Multiple-Choice-Fragen arbeiten konnte.
Wonda war anschließend ganz in sich gekehrt und verhielt sich geradezu feindlich, so als gäbe es unsere Freundschaft nicht. Zwei Tage später wurde mir klar, warum. Mit der Post waren unsere Prüfungsergebnisse gekommen, und ich war ganz aus dem Häuschen vor lauter Freude. Neben meinem guten Testergebnis hatte das College auch gleich den Schülerbogen und die Anträge zur Mittelbefreiung beigefügt. Glücklich suchte ich nach Wonda, die ebenfalls ihr Prüfungsergebnis bekommen haben musste. Doch sie weigerte sich, mit mir zu sprechen und ging mir aus dem Weg. Beim Abendessen in der Heimkantine saßen wir uns nur schweigsam gegenüber. Die zwei kleinen Jungs von Wonda, Franky und Ellroy, stocherten genauso lustlos in ihrem Essen herum wie ihre Mutter. Obwohl es mir auf der Zunge brannte, sie nach ihrem Ergebnis zu fragen, weil ich in beiden Fällen schon einen Aktionsplan parat hatte (Bestanden: Wonda in die Arme fallen, Durchgefallen: trösten und sie ermuntern, gleich noch mal zur Prüfung gehen, aber vorbereitet), traute ich mich bei ihrer düsteren Stimmung nicht, das Thema anzuschneiden. Auch in den kommenden Tagen beschränkte sich unsere Konversation auf das Nötigste. Während ich jedoch mein Schreiben von der Schule überall mit mir herumschleppte, als wäre es eine Urkunde, erwähnte Wonda ihren Brief niemandem gegenüber. Er war ein Unglücksbrief, ein Brief, den man nirgendwo liegen haben will, nicht einmal im eigenen Mülleimer. Ich habe ihn nie zu Gesicht bekommen.
Jeff war der Erste, bei dem ich meiner Freude endlich Ausdruck verleihen konnte. Wahrscheinlich war es falsch, dass ich ihm um den Hals fiel, als ich ihn in seiner nächsten Nachtschicht besuchte. War ich kindisch vor Freude? Jeff jedenfalls freute sich mit mir und zeigte sich betroffen, als er hörte, dass Wonda wahrscheinlich nicht bestanden hatte. Dann löste er sich sanft aus meiner Umarmung und spähte durch die große Glaswand, die zum Hof hin zeigte, ob uns jemand gesehen hatte. Für Bewohner des Heimes war es verboten, sich im Büro der Pförtner aufzuhalten. Doch der Innenhof war leer und still. Ermutigt tranken wir zusammen Kaffee und sahen auf seinem kleinen Fernsehgerät, einem Modell aus den 1960ern, fern. Das Kaffeetrinken, das Fernsehen, diese einst so leichthin genossenen Gewohnheiten, waren in den Tagen im Heim zu kostbaren Momenten geworden. Mein Wohlgefühl war so rund, dass ich das Geschrei meines Babys erst vernahm, als meine verärgerte Nachbarin zu uns ins Pförtnerbüro kam.
In dieser Nacht träumte ich jedoch nicht von Freudenfeiern und Erfolgen, sondern von Wonda. Sie stand am Grab ihres Testergebnisses und weinte. Meine Arme hatte ich tröstend um sie gelegt, sie war so klein gegen mich, dass ich einen großen Schatten über sie auf die schwarze Erde des Grabes warf. Im Traum dachte ich, dass es grotesk war, einen Brief zu begraben. Aber war es wirklich der Brief, den wir begraben hatten?
4. Große Pläne – kleine Schritte
Ich hatte die erste Woche im Obdachlosenheim hinter mir. Pfarrer Webber machte seine Androhung war und besuchte mich am Sonntag, um den Glauben an Gott in mir wach zu rütteln. Während er mir von seiner bevorstehenden Predigt erzählte, inspizierte er mein Zimmer, das ich mittlerweile gut in Schuss hielt. Selbst die Küchenschaben ließen sich tagsüber nicht mehr blicken. Webbers langgliedrige Hände schaufelten tastend, seine Worte stützend, durch die stickige Luft des Zimmers. Er zog seinen Besuch durch zahllose, unnötige Einschübe und häufiges Räuspern in die Länge. Ich hatte mich im unteren Stockbett verschanzt, das im Schatten lag, und vermied nach Möglichkeit den Blickkontakt mit meinem Bekehrer. Dabei lebte die Angst in mir, er könne zu mir in das untere Stockbett kriechen, denn wohin wären Baby-Gail und ich dann vor seinen eindringlichen, die Ungläubigen verdammenden grünen Augen geflüchtet? Er redete in dieser stockenden ausholenden Art so lange auf meinen Schatten im Stockbett ein, dass ich keinen anderen Ausweg sah, als zu versprechen, dass ich zur Messe käme. Und tatsächlich verließ der Pfarrer daraufhin eilig das Zimmer, mit den Worten, er habe für die Messe noch so viel vorzubereiten.
Ich überlegte einige Zeit, ob ich wirklich an seiner Messe teilnehmen sollte - ein Sonntag war für so viel anderes gut. Doch dann siegte der Anstand.
Als Frau in der Fremde formte man die Vorurteile der Einheimischen. Würden die Deutschen zu ihrem Wort stehen oder waren sie unzuverlässige und verlogene Halunken, die nur die selbstlose Unterstützung der amerikanischen Kirche suchten und im Gegenzug nichts geben wollten? Nicht einmal Anstand? Nein, das waren sie nicht, beschloss ich und machte mich fertig.
Ich spielte mit dem Gedanken, kurz vorbeizuschauen und mich dann unter irgendeinem Vorwand wieder aus der Kapelle zu stehlen. Als ich mir ein Kleid anzog, kam mir kurz der Gedanke, dass ein Mann wie Webber den Pfarrerberuf womöglich deshalb gewählt hatte, weil er dann ein Haus voller Frauen, die sich allein um seinetwillen herausputzten, für sich haben konnte. Das ist billig und gemein, aber welches andere Motiv hätte sonst einen Mann, dem es an menschlicher Wärme und Nähe fehlte, in den Dienst der Menschheit treiben können?
Die Kapelle war ein gewöhnlicher Raum mit zwei Reihen einfacher, ungemütlicher Holzbänke und einem kleinen Standpult am hinteren Ende. Doch die Bänke waren voll mit Kirchgängern. Ich fand nur noch einen Stehplatz am Eingang. Pfarrer Webber war bereits mit vollem Tempo in seiner Predigt unterwegs und zeichnete nun ein ganz anderes Bild. Er strahlte Charisma aus, donnerte mit voller Stimme Allgemeinplätze, gute einfache Wahrheiten und Weisheiten in den Raum und impfte uns mit seinem tiefen Bass Glaubwürdigkeit in die Herzen. Auch ich war sofort im Bann seiner Rede, nicht um der frommen Worte willen, sondern weil es gut tat, in Zeiten der Ungewissheit einem Überzeugten zu lauschen. Die Einschübe fehlten, er musste sich nicht räuspern. Lediglich die Arme, die eine Spannweite von zwei Metern hatten, sägten durch die Luft, jedoch rhythmisch; das Schaufeln wirkte nun symbolhaft, bedeutungsvoll. Ganz vorne in der ersten Reihe erspähte ich Wonda und ihre Kinder. Mein Traum schoss mir durch den Kopf und das Gewissen nagte an mir, obwohl ich nicht wusste, warum. Was hatte ich mit ihrem Prüfergebnis zu tun? Vielleicht spürte sie mein schlechtes Gewissen oder wenigstens meine Augen, die sich ihr in das krause Haar auf dem Hinterkopf bohrten. Jedenfalls drehte sie sich kurz um, schielte suchend nach hinten. Sie lächelte mir zu, als sie mich und Baby-Gail in der Kirche, „ihrer Kirche“, wie sie mir später bedeutete, stehen sah.
In Tampa, Florida hatte endlich die Trockenperiode eingesetzt. Seit einigen Tagen schon hatte es nicht mehr geregnet und die dauernden Hochtemperaturen saugten nach und nach die Feuchtigkeit aus der Luft. Mit jedem Tag wurden die Temperaturen ein wenig erträglicher. Endlich konnten sich die Bewohner aus ihren kleinen Zimmern nach draußen wagen. Mit unseren Kindern hielten wir uns nun täglich von 15 Uhr bis zum Zapfenstreich um 20 Uhr abends im Hof des Heims auf, der mit Gartenstühlen, einer Tischtennisplatte - die für alles Mögliche, vor allem das Kartenspiel, zweckentfremdet wurde - und einigen kleinen Kaffeetischen ausgestattet war. Die Kinder rannten herum und veranstalteten typischen Kinderlärm. An diesem Sonntag konnte ich mir ebenfalls einen Gartenstuhl ergattern und in Ruhe das Treiben um mich herum verfolgen. Baby-Gail schlief brav in meinen Armen. Es hatten sich einige weiße Familien im Hof versammelt. Die auffälligste Gemeinsamkeit unter ihnen war die Verwahrlosung: die verlausten struppigen Haare, das schlechte und lückenhafte Gebiss, die zerlumpten Kleider, die verbogenen und verbauten Körper. Sie sahen wie alte Puppen aus, die man aus der Mottenkiste auf dem Speicher hervorgezogen hatte. Vereinzelt stolzierten lateinamerikanische Mütter mit ihrem Nachwuchs durch den Hof. Auch sie waren arm, doch trotz aller äußerlichen Bescheidenheit attraktiv. Wenn man ihren Blicken begegnete, was ihnen offenkundig zuwider war, blitzten ihre Augen vor Unmut über ihre verzwickte Lage und man konnte förmlich spüren, wie sie nach einem Schuldigen suchten. Sie hatten sich mit ihrem Schicksal noch nicht abgefunden; sie waren nach wie vor empört, verletzt, bereit einen Krieg anzuzetteln.
Mich interessierten vor allem die schwarzen Frauen in diesem Heim, nicht zuletzt, weil ich unter ihnen Gail suchte, die Gail, die mir eine so gute Schwiegermutter gewesen war, die Freundin, über deren Verlust ich einfach nicht hinwegkommen konnte.
In diesem Heim wohnten viele schwarze Frauen. Frauen jeder Statur, jeden Alters, jeden Farbtons und jeder Haltung. Ihnen gemein war, dass sie das Leben im Obdachlosenheim nicht lähmte. Sie schienen es als selbstverständlich hinzunehmen, dass sie hier gelandet waren. Als wäre es eine natürliche Entwicklung in ihrem Leben. Vom ersten Tag an organisierten sie mit fester Stimme den Alltag, loteten ihre Möglichkeiten aus und schmiedeten Freundschaften und Feindschaften. Sie waren wie Wölfinnen, die schnell die Hackordnung herstellten und in diesem Hickhack rasch die Oberhand gewannen.
Bisher hatte ich mich meist in meinem Zimmer verschanzt und war kaum wahrgenommen worden. Nun, da ich mich erneut zum Leben bekannt hatte und mit Wonda meine Runden durch das Heim zog, wurde ich argwöhnisch beäugt. Dass ich mit einigen schwarzen Frauen tatsächlich in Kontakt kam, ist meiner Naivität zu verdanken. Ich bildete mir tatsächlich ein, irgendwie zu ihnen zu gehören, weil ich ein braunes Baby in den Armen hielt, weil ich – noch – mit einem schwarzen Mann verheiratet war. So befreundete ich mich beispielsweise mit einer Frau namens Oray, die mit ihren drei Söhnen kurz nach mir in das Heim gezogen war. Ihre drei Jungen hörten auf die französisch klingende Namen, Leòn, Marquise und Jacques und wurden von der Mutter mit harter Hand geführt. Oray war ausnehmend hübsch; sie wirkte oberflächlich, mangelhaft gebildet und fokussiert auf das Thema Beziehungen. Ich wagte ihr auch in den banalsten Dingen kaum zu widersprechen, da sie mich mit der strengen Erziehung ihrer Kinder einschüchterte.
Weiter lernte ich Louise kennen, eine schwarze Frau von fast zwei Metern Größe mit einem beachtlichen Körperumfang. Sie hatte insgesamt sechs Kinder bei sich, die ich niemals unterscheiden lernte. Sie schwirrten wie Elektronen auf der äußeren Schale um den massiven Kern, die Mutter, herum ohne je greifbar zu werden. Und doch hatte Louise genügend Einfluss auf ihre Zöglinge, um sie im entscheidenden Moment zu sich zurückzupfeifen, wenn Gefahr in Verzug war. Die schwarze Frau bestätigte das Bild der großen gemütlichen Riesin, die sich im Bewusstsein ihrer wahren Kräfte eine großherzigere Einstellung gegenüber den Menschen leisten konnte, als dies der Durchschnitt der Menschheit tat. Louise war unglaublich gutmütig und sorgte häufig dafür, dass die sich laufend anbahnenden Streitigkeiten zwischen den Frauen eingedämmt wurden.
Erstaunlicherweise suchte die schwarze Wonda im Gegensatz zu mir keinen Kontakt zu den anderen schwarzen Frauen. Es schien ihr sogar unangenehm, wenn ich mich in der Nähe anderer schwarzer Frauen aufhielt. In gewisser Weise hatte sie, bedingt durch die Ehe mit ihrem Kokainhändler, der ein großes Tier unter den Kokainhändlern sein musste, einen höheren Status als die anderen Bewohnerinnen - was sich auch in ihrer Sprache und ihrem Benehmen gegenüber den anderen Frauen ausdrückte. Es war aber nicht nur die Arroganz, über den anderen zu stehen, die sie von ihnen fernhielt, sondern auch eine grundsätzliche Andersartigkeit an Wonda, die sich schlecht in Worte fassen ließ. Ich kapierte zumindest damals schon, dass ich schwarze Frauen eigentlich nicht verstand. Auch Wonda verstand ich nicht, aber ich akzeptierte sie so, wie sie sich mir gegenüber verhielt.
Neben dem Talent, auch im Elend Oberwasser zu gewinnen, gab es unter den schwarzen Frauen noch eine andere erwähnenswerte Gemeinsamkeit, und Wonda stand hier den anderen in nichts nach. Es handelte sich um die beinahe sexuelle Beziehung zu einem weißen Gott. Auch wenn wiederholt versucht wurde, diesem Gott ein anderes Gesicht zu verleihen, so blieb er doch auch in den Herzen dieser schwarzen Frauen ein weißer Mann. Diese vor religiösem Hintergrund stattfindende Liebesbeziehung, die keinen Verrat, keinen Seitensprung kannte, faszinierte und verwirrte mich stets aufs Neue. Die religiöse Beziehung der schwarzen Frau zu ihrem Gott beschränkte sich nicht auf einen sonntäglichen Gospeltanz in der Kirche. Sie war allgegenwärtig spürbar, in der Erziehung ihrer Kinder, in ihren Ansichten über Freundschaft und Liebe, in ihren beruflichen Bestrebungen. Der intensive Dialog zwischen der schwarzen Frau und Gott entnervte den schwarzen Mann an ihrer Seite und entmannte ihn nicht selten. Er mochte sie nötigen, missbrauchen, schlagen und ihr eine Reihe hungriger Kinder anhängen; auf ihren Pakt mit Gott hatte er keinen Zugriff. Der weiße Mann im Himmel war das letzte Bollwerk gegen die Angriffe auf das wehrloseste Glied in einer rassenorientierten Gesellschaft und das war die schwarze Frau – Gail oder eine andere.
