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Herr Winter hatte sich den Urlaub mit seiner Frau auf dem erst kürzlich entdeckten Dschungelplaneten eigentlich ganz anders vorgestellt. Er hatte weder mit einer unbekannten Zivilisation noch mit einer wiedererwachten Bedrohung für die Galaxis gerechnet. Doch in den dunkelsten Gefilden des Raumes sind die gefährlichen Ploon erwacht, deren Kommandant sich von nichts und niemandem aufhalten lässt; nicht von dem Mangel an mobilen Gefechtslatrinen und schon gar nicht von der aufgesetzten Höflichkeit des Rubanbators.Anstatt also auf der heimischen Couch Urlaubsfotos zu sortieren, ist Herr Winter nun zusammen mit seiner Frau und einer schnippischen Gefechts-KI auf Weg ins Unbekannte.Während sich Herr Winter und die KI auf dem Kriegsschiff Zaubergarten ihren Zankereien hingeben, widmet sich Frau Winter ihrer Mission, die Galaxis zu retten: Sie ist Der große Kovaluktor wider Willen.
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Seitenzahl: 191
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Frau Winter rettet die Galaxis
Teil 1: Großer Kovaluktor wider Willen
„Ein weiser Mann sagte einst nichts zu seiner Frau, denn er war weise.“
Unbekannter Philosoph des 20ten Jahrhunderts
Bruno Winter hatte seine Frau schon in hunderten Outfits und Posen gesehen.
Spontan erinnerte er sich an einen wundervollen Strandurlaub auf Fironfor 7. Eine Welt, die für ihre Meere und Strände berühmt war. Einer der acht Paradiesplaneten, die die Reiseführer vollmundig bewarben. Dort hatten sie vor einigen Jahren eine wundervolle Zeit verbracht. Wenn es nach seiner Frau gegangen wäre, wären sie wahrscheinlich heute noch dort.
Frau Winter, Jen, seine Frau liebte einfach das Meer und den Sand. Sie hatte zauberhaft ausgesehen in ihrem Bikini, als sie eine der tausenden Inseln für ein paar Nächte nur für sich gehabt hatten. Er erinnerte sich daran, dass es ein blauer Bikini gewesen war. Einer mit gelben Streifen. Eines dieser Modelle, die besonders gut zur Geltung kamen, wenn die Haut leicht gebräunt war.
Dann erinnerte er sich an einen Ausflug auf die Eismonde von Jupiter. Die geringe Gravitation machte das Tragen von speziellen Schutzanzügen möglich, in denen man dort Skifahren konnte. Ein unglaubliches Erlebnis. Damals hatte er lachen müssen, weil sich seine Frau mit dem Anzug sehr ungelenk angestellt hatte. Er hatte sie in der Gruppe nur anhand ihres Gangs erkennen können.
Sein Blick fiel auf den kostbaren Ehering aus Havalgam, den er an der linken Hand trug. Das Ding hatte ihn damals eine Unsumme gekostet. Der Ring schimmerte grünlich, wenn Licht darauf fiel.
Eingebettet in das seltene Metall war ein Bildschirm, der sich aktivierte, wenn man sanft mit dem Finger darüberstrich. Es zeigte holographisch die Länge ihrer Ehe.
27 Jahre, 23 Tage und 16 Minuten.
Jen Winter war ein ausgeglichener Mensch, jemand, der sich stets unter Kontrolle hatte.
Sie war, in einem äußerst positiven Sinne, sehr berechenbar.
Frau Winter selbst hatte kein Talent für Überraschungen und wenn sie ihn beschenkte, wusste er doch schon Wochen vorher, was sie ausgesucht hatte.
Aber heute überraschte sie ihn.
Und zwar ausgesprochen.
Seine Frau, die passionierte Lehrerin und Bücherwurm. Ihre Liebe galt altenglischer Literatur des 19. Jahrhunderts und einem guten Glas Wein.
Dank der Medizin des neuen Zeitalters, regelmäßigem Sport und guter Ernährung sah man ihr die 67 Jahre nicht an. Sie wirkte keinen Tag älter als 35.
Er betrachtete ihre sonst so goldenen Haare, die sie immer nur dezent in Wellen trug und ihre Kurven. Jeden Tag ihrer Ehe machte er ihr Komplimente, denn er liebte sie abgöttisch.
Aber die Frau, mit der er seit 27 Jahren, 23 Tagen und 17 Minuten verheiratet war, machte ihn gerade sprachlos.
Vor ihm kniete sie in einer undefinierbaren Brühe aus Schlamm, Blut und Eingeweiden, die ihr bis an den Bauchnabel schwappten.
Eine Suppe, die ihr gepflegtes Haar in eine unappetitliche Masse verwandelt hatte.
Ihr Gesicht war nur noch eine Maske, bedeckt mit Schlamm und Blut.
In der rechten Hand hielt sie am Schopf einen abgeschnittenen Kopf.
Und außerdem fauchte und grollte sie.
Er hatte sie schon öfter schlecht gelaunt oder gereizt erlebt. Aber diese Laute waren mehr als Reaktionen auf hochgeklappte Klobrillen und offene Schubladen.
Und es schien fast so, als amüsierte sie sich. Er umfasste sein linkes Handgelenk, um ein Zittern zu verbergen.
Er schaute sich wiederholt nervös in der Höhle um. Licht kam nur spärlich durch den Eingang, der in weiter Ferne schien. Über ihnen war nur Gestein, und der Boden war teilweise bewachsen und teilweise aus Geröll.
Zudem waren da tiefe Kuhlen, in denen sich Wasser und Schlamm gesammelt hatten. In genauso einer Kuhle kniete seine Frau gerade.
Aus dem kapitalen Kopf, den seine Frau mühelos in der Hand hielt, tropfte Blut.. Und eine nicht unbeträchtliche Menge davon lief seiner Frau einfach über den Arm.
Herr Winter war ein wenig schlecht, und er würgte, obwohl er eigentlich mit einem solchen Anblick kein Problem gehabt hätte. Seine Frau hingegen war diejenige, die Gewalt ganz und gar nicht ausstehen konnte.
Herr Winter konnte bislang nicht genau sagen, wessen Körperteil das eigentlich war. Er wusste nur, dass seine Frau in einem minutenlangen Kampf genau diesen Kopf abgeschnitten hatte. Er hatte bisweilen das Gefühl gehabt, seine Frau hatte sich absichtlich Zeit gelassen und hätte wesentlich fixeren Prozess mit ihrem Angreifer machen können. Hartnäckig versuchte er, den Eindruck zu verdrängen, dass seine geliebte Frau so etwas wie Spaß bei der ganzen Sache gehabt hatte.
Seine Frau hatte sich mit einer Eleganz und Kraft bewegt, die er nur aus Filmen kannte. Selbst die modernen Gladiatorenkämpfe, die auf dem Mars-Kanal liefen, waren harmlos im Vergleich zu dem Spektakel, das seine Frau gerade abgeliefert hatte.
Seine eigenen Erfahrungen im Nahkampf beschränkten sich auf Filme und Streams. Das einzige Mal, dass er auf Anraten seiner Frau eine Kampfsportschule besucht hatte, folgte ein längerer Aufenthalt in einer Zahnklinik und bei einem Chiropraktiker.
Bislang hatte er sich sicher gewähnt, die Talente und Schwächen seiner Frau zu kennen.
Kochen gehörten genauso wenig dazu wie Ballsport.
Doch offensichtlich gehörten Klingenwaffen zu ihren heimlichen Passionen.
Man hatte ihnen vor einigen Stunden eine ultrascharfe Monomachete ausgehändigt, um im dichten Dschungel voranzukommen.
Er hatte sich über das Spielzeug gefreut, und seine Frau hatte ihm bereits im Basiscamp klargemacht, dass sie das Ding nicht tragen würde.
Er hatte sich nicht im Traum ausgemalt, mit der Klinge etwas anderes zu bearbeiten als Lianen und Dickicht. Seine Frau hatte die Klinge weiterhin dankend abgelehnt und ihm den kompletten Spaß des Hackens überlassen.
Doch nun hatte seine Frau die Waffe in der linken Hand und ließ sie gekonnt kreisen.
Nicht nur die eleganten Bewegungen verwirrten ihn. Sie war zudem auch eigentlich Rechtshänderin. Aber sie bewegte die Klinge in der linken Hand, als ob sie noch nie etwas anderes gemacht hätte. Gerade hatte sie die Waffe in die Luft geworfen und fing sie auf, ohne hinzusehen. Und das mit einer Monomachete, einem Gerät, das Metall schneiden konnte.
Er musste nach Luft schnappen, hoffte aber tief im Inneren, weiterhin ignoriert zu werden.
Außer den schmatzenden Geräuschen der Masse, in der sie watete, war nur ihr schwerer Atem laut zu hören.
Dann drehte sie sich zu ihm um.
Ihre grünen Augen waren aufgerissen, und sie zeigte ihre Zähne wie ein Raubtier. Dann formten ihre Lippen auf einmal ein Lächeln.
Er hatte Fluchtinstinkte, aber das letzte Bisschen Mut ließ ihn innehalten.
Immerhin handelte es sich um seine Frau.
Zumindest hoffte er das.
Sie verbreiterte ihr Lachen noch, nachdem sie sich mit dem Ärmel den Mund abgewischt hatte.
Dieses Lächeln, dem er seit 27 Jahren, 23 Tagen und 19 Minuten nicht widerstehen konnte.
Herr Winter war offengesagt nicht sicher, ob er Stolz empfand oder pure Panik. Die Wahrheit lag irgendwo in der Mitte.
Langsam erhob sich seine Frau aus der Brühe und spuckte etwas auf den Boden neben den Schlammpfuhl.
Herr Winter hoffte inständig, sich verguckt zu haben, aber was seine Frau da so beiläufig aus ihrem Mund befördert hatte, hatte starke Ähnlichkeit mit einem Auge. Es kullerte noch eine Weile auf dem Boden herum, bis es zum Ruhen kam.
Dann schüttelte Frau Winter den Kopf und weitere Dinge flogen umher, von denen Herr Winter nicht wissen wollte, was sie waren.
Sie betrachtete den abgeschnittenen Schopf in ihrer Hand und lachte laut auf.
Herr Winter hatte den Besitzer des Kopfes noch vor einigen Minuten sehr lebendig gesehen. Die Erinnerung kehrte langsam zurück.
Die ganzen verstreuten und ausgespuckten Körperteile gehörten zu einem Wesen, das eigentlich mit den Winters kurzen Prozess hätte machen sollen.
An so viel erinnerte er sich wieder.
Herr Winter hatte schon mental sein Testament verfasst und sich auf sein nahendes Ende vorbereitet. Aber seine Frau war da anderer Meinung gewesen und hatte sich dem Vieh angenommen.
Viel später würde er von einer sehr seltsamen Quelle erfahren, dass das Monster ein sogenannter Fremaran gewesen war. Ein Wesen, das, wie er ebenfalls erst viel später erfuhr, hier nicht nur heimisch war, sondern auch schon einige Opfer unter den Besuchern dieses Planeten gefordert hatte.
Fakten, die ihnen weder der Reiseführer noch die Versicherungsagentur dargelegt hatten. Der Planet sei zwar weitgehend unerforscht, aber friedlich, hatte man ihnen gesagt.
Für Herrn Winters Geschmack war der Frieden hier äußerst diskussionswürdig.
Ein Klatschen und das Geräusch zerbrechender Knochen riss ihn aus seinen Gedanken, als seine Frau den Kopf achtlos in eine Ecke warf.
Dann kam sie auf ihren Mann zu. Bei jedem Schritt flossen undefinierbare Flüssigkeiten und Gekröse von ihr herunter.
Sie hinterließ eine Spur an Eingeweiden, die der Beherrschung seines Magens alles abverlangte. Hinter ihr auf dem Boden, halb im Schlamm versunken, lag das Ungeheuer, und zwar ausgesprochen tot.
Das würde ihm nie jemand glauben. Allerdings hoffte er, dass er in einigen Minuten überhaupt noch in der Lage wäre, diese Geschichte irgendjemandem zu erzählen.
Herr Winter war immer noch wie paralysiert und zitterte mittlerweile wie Espenlaub.
Nun spürte er den Atem seiner Frau im Gesicht. Dem Geruch und den Resten zwischen ihren Zähen nach zu urteilen, hatte sie auch mehrfach zugebissen während des Kampfes. Und irgendwie musste auch das Auge in ihren Mund gekommen sein, das sie vor einigen Momenten ausgespuckt hatte. Er lehnte sich so weit zurück, wie er konnte, ohne das Gleichgewicht zu verlieren.
Seine Frau lächelte ihn breit an und wischte die Machete an seinem linken Ärmel ab.
Einige Brocken organischen Materials fielen mit einem hässlichen Geräusch auf seinen Stiefel.
Dann steckte sie die lange Klinge in eine Scheide, die an seinem Gürtel befestigt war.
„Danke, Bruno. Die brauche ich jetzt nicht mehr“, sagte sie mit fester Stimme.
Bevor er reagieren konnte, drückte sie ihm einen Kuss auf die Lippen. Unmittelbar schmeckte und roch er Erde, Blut und Schlimmeres.
„Und ich will niemals deine süßen Lippen missen“, hatte er damals vor 27 Jahren, 23 Tagen und 19 Minuten bei seinem Eheversprechen zu ihr gesagt.
Ein Versprechen, das er niemals brach, auch wenn er gerade würgen musste.
Sie unterbrach den Kuss und wischte sich den Mund ab.
„Du solltest dir mal die Zähne putzen, Bruno“, sagte seine Frau in abfälligem Ton, als ob das gerade das gravierendste Problem wäre.
Dann drückte sie sich an ihm vorbei in Richtung Ausgang.
Ihr Gang war fest und sicher.
Er war froh, dass sie sein Zittern nicht bemerkte. Dann hauchte er in die hohle Hand und atmete ein. Es war ihr Atem, der stank, nicht seiner, stellte er triumphierend fest. Allerdings entschloss er sich aufgrund der Situation, diese Erkenntnis erst einmal für sich zu behalten.
Dann wanderte sein Blick auf ihren Rücken, der ebenfalls mit Schlamm bedeckt war. Ihre Haare klebten darauf wie gekochte Nudeln an einer Küchenwand. Auch ihr Körper darunter war Teil seines Eheversprechens gewesen. Wenn auch ein Bereich, den er nicht vor Freunden und Familie angesprochen hatte. Ein Teil, den er auch nach 27 Jahren, 23 Tagen und 21 Minuten immer wieder äußerst attraktiv fand. Sein Blick blieb wie hypnotisiert hängen.
Gedankenverloren war ihm nicht aufgefallen, dass seine Frau angehalten und den Kopf zu ihm gedreht hatte. Sie räusperte sich laut, und er lief knallrot an wie ein Kind, das man beim Kekseklauen erwischt hatte.
Seine Frau hob die linke Augenbraue. „Das ist wieder typisch. Ich mache hier die ganze Arbeit und du starrst wieder nur auf meinen Hintern!
Irgendwann gegen Mitte des 20t. Jahrhunderts hatte sich die Menschheit neu organisiert. Genügend kluge Köpfe hatten erkannt, dass es so wie bisher nicht mehr weitergehen konnte: Ressourcenknappheit, ständiges Gerangel darum, welches Volk den besseren imaginären allmächtigen Freund hatte, Umweltverschmutzung.
Irgendwann war das Fass einfach übergelaufen.
Das, was danach folgte, hatte man einfach „Das große Aufräumen“ genannt.
Es war das Zeitalter der NHZ, der Neuen Humanen Zeitrechnung. Die Menschheit hatte sich gedacht: „Wenn wir einmal alles über Bord werfen, dann aber auch gleich richtig.“ Und das mit allem Brimborium: angefangen bei mittelgroßen Kriegen über Nahrungsmittelkrisen und künstlich erschaffenen Naturkatastrophen bis hin zur globalen Erkenntnis, dass künstliche Intelligenz nicht die Antwort auf alles war.
Es hatte einmal richtig gekracht, aber nun herrschte seit einigen Jahren größtenteils
Frieden und Wohlstand.
Das komplette System, aufrechterhalten von einem nicht zu unterschätzenden Aufwand an Diplomatie und einigen tausenden ballistischen, irgendwo im Atlantik versenkten Interkontinentalraketen und sogenannten „Forschungssatelliten“, funktionierte.
Jedenfalls besser als all das, was die Menschheit die vorherigen 2000 Jahre als „System“ benutzt hatte. Es lebte sich auf dieser neuen Erde friedlich, sauber und einigermaßen sicher.
Nicht nur dort, denn mit der Erschließung des Weltraums kamen noch eine stattliche Anzahl an Kolonien innerhalb und außerhalb des Sonnensystems hinzu. Die raumfahrende Wissenschaft hatte mitgeteilt, dass es mehr bewohnbare Planeten gab, als man dachte.
Die Menschen hatten zudem irgendwann die Übersicht über Gold, Ziegen, Euros, virtuellen Währungen und kleinen Mondparzellen verloren.
Auch der mittlerweile interstellare Währungsmarkt machte einmal Tabula rasa, ganz zum Leidwesen der noch letzten Bitcoin- und Elon-Dukaten-Besitzer.
Pseudocoin – kurz PS – wurde inzwischen überall zwischen Even-Newer-York-City und den Industriekolonien auf Alpha Centauri akzeptiert.
Im Jahr 37 NHZ hatte sich die Menschheit nach einigen bahnbrechenden Erfindungen das Universum erschlossen. Die Durchbrüche in interstellarer Technologie gaben sich sprichwörtlich die Fortschrittsklinke in die Hand.
Ein großer Teil der Leute, die heutzutage jeden Tag mit Langlinern und interplanetaren Shuttles reiste, hatte keine Ahnung von den technologischen Wundern, die sich darin verbargen. Raumfahrt war für diejenigen, die es sich leisten konnten, schnell, komfortabel und in vielen Fällen durchaus sicher.
Die nahe Galaxis warb mit unglaublichen Wundern, die sich die zahllosen Raumtouristen für Pseudocoin ansehen konnten.
Schnell hatte man festgestellt, nicht allein im Universum zu sein, doch die ersten Begegnungen mit außerirdischen Lebensformen hatten sich als erschreckend ernüchternd herausgestellt. Ein überraschend großer Teil an Firmen, die sich mit Weltuntergangsszenarien finanziert hatten, verloren über Nacht ihre Kundschaft.
Ja, es gab Außerirdische, und ja, die waren technologisch und auch intellektuell den Erdlingen ein paar Stufen voraus, aber sie hatten wirklich kein Interesse an der Erde, geschweige denn an ihrer Vernichtung. Folglich war der Umsatz mit angeblichen aliensicheren Bunkern in den letzten Jahren spürbar zurückgegangen.
Die Außerirdischen hatten entweder kein Interesse an Eroberung oder konnten über Bunker nur lachen. Anscheinend hatten einige von ihnen die Erde auch schon besucht, den Planeten aber schnell ad acta gelegt.
Da gab es zum einen das zentralgalaktische Kollektiv, die klargemacht hatten, dass sich die Erde lediglich auf der Entwicklungsstufe der erweiterten Kriechtiere befand.
Sie wollten so lange keinen Kontakt aufnehmen, bis die Menschen nicht die Phase des „W´tork“ erreicht hatten. Um das mysteriöse „W´tork“ hatte sich dann im Verlauf weiterer Jahre eine Religionsgemeinschaft gebildet, die in kürzester Zeit den klassischen Glaubensgemeinschaften auf der altmodischen Hemisphäre den Rang abgelaufen hatte.
Und dann gab es zum anderen noch die Olmekuten, denen die Menschen lieber aus dem Weg gingen. Sie hatten klargemacht, dass der genetische Pool der Erde, ihre Kultur und ihre Bodenschätze äußerst irrelevant für sie waren. Es war ihre Art zu sagen: „Ja, uns gibt es, aber ihr bleibt da, wo ihr seid, und wir, wo wir herkommen.“ Sie hatten auch sehr freundlich auf die lenkbaren Asteroiden hingewiesen, die jederzeit einfach mal so auf die Erde zusteuern könnten, wenn man denn die Privatsphäre der Olmekuten nicht respektieren würde.
Und so galt im bekannten Universum „Leben und leben lassen an allen Fronten“. Sehr zur Enttäuschung von Exobiologen und Verschwörungstheoretikern.
Was man an außerirdischem Leben dann tatsächlich fand, passte entweder in eine Petrischale oder war so bizarr, dass man allein schon vom Anblick Kopfschmerzen bekam. Die Sturmbestien von Glombar IV zierten nicht umsonst zahlreiche Migräne-Nanobot-Dosen.
Immerhin boomte der galaktische Tourismus.
Einige Planeten ließ man einfach links liegen. Aber bei den wenigen, die auch für Menschen angenehme Bedingungen boten, gaben sich zahlenden Kunden die Druckkabinenklinke in die Hand.
Den überlichtschnellen Raumtransport hatten die Menschen vor einigen Jahren ja fast schon durch Zufall für sich entdeckt. Einige Physiker in der Universität von Hamburg hatten nach innovativen Methoden gesucht, Weltraumprotestanten aus ihren Stasisfeldern zu lösen. Es hatte sich um eine, nun mittlerweile aufgelöste, Gruppe der „Schon wieder letzten Generation“ gehandelt, die gegen die Verschmutzung des Raumes protestiert hatten.
Stasisfelder waren damals ein echtes Problem gewesen, und die neu entwickelte Methodik der Wissenschaftler hatte gleich ein halbes Dutzend Protestanten in den Hyperraum befördert. Unwissentlich und unwillentlich waren sie die ersten Menschen gewesen, die sich schneller als das Licht fortbewegt hatten.
Mittlerweile war die Technologie stabil, größtenteils sicher und zentraler Bestandteil der intergalaktischen Raumfahrt. Bei Touristen beliebt waren Langliner. Große, komfortable Raumschiffe, die jegliche Art von Komfort boten. Kreuzfahrtschiffe des 22. Jahrhunderts.
Das Ehepaar Winter befand sich in einer Frontkabine eines solchen Langliners mit einer spektakulären Aussicht. Der Anblick war surreal. Man hatte ständig das Gefühl, etwas zu sehen, was für menschliche Augen nicht gemacht war. Frontkabinen waren teuer und äußerst beliebt.
Sie hatten sich den Trip einiges kosten lassen, aber den Winters ging es gut: Sie war Lehrerin an einer Privatschule, er Techniker in einer Finanzfirma. Auch im 22. Jahrhundert waren Bildung und Vermögensanlagen gefragt.
Die Kabine der Winters war über 50 Quadratmeter groß. Die Konstrukteure der Langliner unterlagen keinen physikalischen Einschränkungen von Gravitation und Atmosphäre. Es waren reine Raumschiffe, die man überaus großzügig konstruierte.
Der Raum selbst konnte – mit Varioplast ausgestattet – eine Vielzahl von Formen und Farben annehmen. Es war Reisen so angenehm, wie es nur sein konnte.
Mit einem kaum wahrnehmbaren Zischen verschloss sich der kleine Serviceschacht inmitten der Kabine. Es war ein angenehmer Luxus, dass man für Zimmerbestellungen einfach auf die Automatik des Langliners zurückgreifen konnte. Das Ehepaar hatte sich heute dagegen entschieden, die zahlreichen Annehmlichkeiten des Raumschiffes in Anspruch zu nehmen, und genoss einen Tag auf der faulen Haut. Beide waren schon recht angetrunken und hatten herausgefunden, dass ihr Abenteuerpass nach Arkturus 3 auch das umfangreiche Getränkepaket enthielt. Und an Bord der Nabucco-Sol gab es eine Menge Getränke.
Frau Winter, die trotz der kurzen Wartezeit ungeduldig mit den Fingern gegen das Serviceportal geklopft hatte, nahm das Tablett und genehmigte sich einen großen Schluck von dem servierten Getränk.
„Ah!“, gab sie von sich, als der eiskalte Gin Tonic ihre Kehle herunterfloss. „Den habe ich jetzt gebraucht“, fügte sie hinzu und leerte das Glas fast komplett.
Frau Winter war von dem bevorstehenden Aufenthalt nur halb so begeistert wie ihr Mann, der sich seit Wochen freute wie ein Honigkuchenpferd.
Bruno Winter betrachtete seine Frau und schüttelte leicht den Kopf. „Es ist ja nicht so, dass du heute noch keinen Drink gehabt hättest“, kommentierte er kritisch, aber eigentlich mochte er die kleine Rötung auf ihren Wangen, wenn sie etwas getrunken hatte.
Er war ohnehin der Meinung, einen absoluten Volltreffer geheiratet zu haben. Auch wenn das 22. Jahrhundert alle Möglichkeiten zur optischen Veränderung bot, liebte sie es eher klassisch.
Herr Winter wusste aber nur zu gut, dass sie auch anders konnte, wenn sie wollte.
Mit einem verschmitzten Lächeln verzog er die Mundwinkel.
Er hatte ein bequemes Shirt und passende Hosen für eine Raumreise an. Das Material konnte Form und Farbe ändern, und Herr Winter liebte diese Spielzeuge. Aktuell zeigte seine Brust das Logo einer längst vergessenen Band namens Metallica aus dem 21t. Jahrhundert. Dieses Zeitalter war sein Hobby und seine Passion, ganz zum Leidwesen seiner Frau. Er strich ihr über die blonden Haare und setzte sich auf den Rand eines Möbels.
„Ach, Quatsch!“, kam die Antwort von Frau Winter und zwinkerte ihm aus leuchtend grünen Augen entgegen. Sie hatte sich auf der bequemen Mehrzweckeinrichtung niedergelassen und streckte alle viere von sich.
Der Langliner war in den ersten Klassen mit allen Schikanen ausgestattet.
Die Mehrzweckeinrichtung war eine davon. Synchronisierend mit den Hirnwellen der Gäste formte das Nanogewebe immer das passende Sitzmöbel. Ob einen ergonomisch korrekten Sitz für die Arbeit an einem Tisch oder wie in diesem Fall ein Ruhelager.
„So ein Ding brauchen wir für zuhause“, kommentiere Frau Winter, die durch den Alkohol spürbar ruhiger geworden war.
Ihre Hand strich über das Gewebe, das sich samtig und kühl anfühlte.
Ihr Mann hatte sich neben sie gesetzt. „Du weißt schon, was dieser Spaß kostet, Schatz?“, antwortete er mit einem breiten Lächeln. Er wollte den leichten Schwips seiner Frau nicht ausnutzen, aber er war schon seit langem scharf auf so ein Teil.
„Ich bin leicht angeduselt, aber nicht so viel, dass ich dich so eine Liege kaufen lassen würde!“, antwortete seine Frau und zwinkerte ihm zu.
Sie grub sich tiefer in das Lager.
Herr Winter ließ seine Finger fast beiläufig auf ihrer Wirbelsäule entlangspazieren.
„Vielleicht kann ich dich ja von den positiven Aspekten einer Nanogewebemehrzweckeinrichtung überzeugen?“, fragte Herr Winter hoffnungsvoll.
Seine Frau streckte sich ihm entgegen und wenige Momente später flogen Kleidungsstücke durch die Kabine.
Es sollte ein besonderer Urlaub werden. Fernab von den üblichen Strandplaneten und Besichtigungen der sicheren Fremdplaneten. Allein schon der dreitägige Flug war spektakulär und das Geld wert.
Der Planet war anders, so hatte es das Reisebüro und alles, was die Winters im Netz hatten finden können, gesagt. Und sie freuten sich darauf. Zumindest Herr Winter, denn seine Frau war von der ganzen Idee eher weniger angetan.
In ihren 27 Jahren Ehe machten sie immer einen langen und kostspieligen Urlaub, der sie zumeist quer durch die Galaxis führte. Die letzten Urlaube hatten sie zumeist auf einem der wunderschönen Meeresplaneten im Aquarius-Sektor verbracht. Wochenlanges Sonnen und Baden auf einer eigenen gemieteten Insel. Es war Entspannung pur gewesen.
Herr Winter hatte schon seit Längerem immer mal wieder Andeutungen gemacht: Holopads auf dem Küchentisch liegen gelassen oder sich Outdoorausrüstung angesehen. Seine Frau hatte den Braten schnell gerochen und ihm die Erlaubnis erteilt. Ihr Mann hatte vor der Reise aus lauter Vorfreude seit Wochen nicht richtig schlafen können.
Der Planet war erst vor Kurzem für den Tourismus freigegeben worden. Und wirklich „erschlossen“ war er auch nicht. Vielmehr hatten einige der großen interplanetaren Reiseagenturen einen riesigen Berg Geld eingesetzt, um sich den Zugang zu erkaufen. Frau Winter hatte in der Agentur zwar einen kompletten Fragenkatalog gestellt, aber ein gewisses Restrisiko blieb.
Der Planet lag außerhalb der Reichweite der terranischen Zentralverwaltung, fernab der Kolonien der Olmekuten und war anscheinend auch für das zentralgalaktische Kollektiv nicht von Interesse. Mehrere Jahrzehnte nach seiner Entdeckung waren seine Geheimnisse immer noch weitgehend unerforscht, und alle wissenschaftlichen Expeditionen waren mit zumeist mit leeren Händen zurückgekehrt. Arkturus 3 war einer der nullhistorischen Planeten. Einer der Himmelskörper, der noch von keinem bekannten galaktischen Volk besiedelt worden war.
Der Besuch des Planeten war nicht ungefährlich, das wussten die Winters. Sie hatten mehrere Verzichtserklärungen unterschreiben und zudem ein einwöchiges Training für den Besuch von unerschlossenen Exoplaneten besuchen müssen.
Herr Winter, der für die Reise komplett im Voraus bezahlt hatte, hoffte nur insgeheim, dass es das wert war.
Seine Frau war meist etwas speziell in ihren Ansprüchen an Urlaub. Da konnte schon einmal das falsche Duschgel im 5-Sterne-Hotel eine Eskalation auslösen. Er konnte nur beten, dass es auf dem Planeten überhaupt Toilettenpapier oder wenigstens Muscheln gab.
Auf einmal aktivierte sich das holographische Kommunikationsterminal der Kabine.
Herr Winter sprang auf und hielt die Hand auf die Bestätigungsfläche. Die Projektion einer Stewardess erschien.
„Ladys und Gentlemen. Darf ich um Ihre Aufmerksamkeit bitten?“, sprach sie mit geübter Stimme. Sie hatte die silberne Uniform der Nabucco-Flotte an, dazu eine altmodische Mütze über einem brünetten Pferdeschwanz. Sie lächelte freundlich in das Aufnahmegerät.
