Frauenfußball - Nils Seydel - E-Book

Frauenfußball E-Book

Nils Seydel

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Beschreibung

Mikka ist jung und sieht gut aus. Mikka hat eine Freundin. Und Mikka führt ein sorgenfreies wie ausschweifendes Studentenleben. Alles könnte so schön und einfach sein, wäre da nicht Lena: Kommilitonin, Traumfrau und – ups – kalkulierter Seitensprung. Obwohl er augenblicklich mehr für Lena als für seine Freundin Sophie übrig hat, hindern ihn Unentschlossenheit und selbst wahrgenommenes Mitgefühl für Sophie daran, reinen Tisch zu machen. Muss er vielleicht erst nochmal fremdgehen, um sich wirklich sicher zu sein? Oder ist Sophie letztlich nicht doch die traumhaftere der beiden Traumfrauen? Die Ratschläge seiner Freunde helfen auch nicht. Mit diesen verkehrt er traditionell stets alkoholisiert auf der Tribüne des Kölner Südstadions, während den Heimspielen der hiesigen Damenmannschaft. Hier ist man unter sich. Frauenfußball ist schließlich Männersache...

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Seitenzahl: 421

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Nils Seydel

Frauenfußball

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Widmung

SC Fortuna Köln - SV Eilendorf

Vorberichterstattung

Anstoß

Spielaufbau

Erster Vorstoß

Rudelbildung

Steilvorlage

Taktisches Foul

SC Fortuna Köln – SF Uevekoven

Chancentod

Schwalbe

Ballkontrolle

SC Fortuna Köln – Alemannia Aachen II

Tor

Halbzeit

Sturmlauf

Gelbe Karte

Elfmeter

SC Fortuna Köln – FFC Heike Rheine

Totale Offensive

Rote Karte

Auswechslung

Handspiel

Fairplay

SC Fortuna Köln - Union Blau-Weiß Biesfeld

Laola

Abpfiff

Rückspiel

Danksagung

Impressum neobooks

Widmung

Inspiriert durch die Schlechten.

Gewidmet den Guten.

SC Fortuna Köln - SV Eilendorf

»Prost, ihr Säcke!« Johannes gibt mal wieder einen Trinkspruch aus der Klientel ländlicher Schützenbrüderschaften sowie männlicher Mallorca-Pauschal-Touristen von sich. Und erneut stoßen braune Kölsch-Flaschen zusammen. Das »Prost, ihr Säcke!« und das Klirren der Bierflaschen gehören für mich inzwischen genauso wie die femininen Schlachtrufe in hohen Oktaven zu den akustischen Merkmalen eines typischen Sonntags, wenn die Damenmannschaft vom SC Fortuna Köln ein Heimspiel bestreitet. Warum ich mir freiwillig Damenfußball in der Regionalliga anschaue, hat dabei mehr rituelle als sportliche Gründe. Als Sek2-Lehramtsstudent mit den Fächern Deutsch und Philosophie und neu zugezogener Städter einer Klüngel-Metropole, wie sie Köln in unnachahmbarer Manier präsentiert, muss man sich gerade zu Beginn seines Studiums gewissen gesellschaftlichen Zwängen unterstellen, um nicht gleich schon am Anfang des neuen Lebensabschnittes den sozialen Anschluss zu verlieren. Melanie, die damalige Freundin von Malte, den ich als meinen Kommilitonen auf einer ausschweifenden Erstsemester-Party kennenlernte, spielte für kurze Zeit bei der Fortuna. Malte lud mich einfach mal ein, auf ein Spielchen und ein Bierchen an einem sonnigen Sonntag mitzukommen. Die Fortuna verlor 1:3 im Derby gegen den 1. FC Köln II und Maltes Freundin saß 90 Minuten auf der Ersatzbank, was uns aber alles nicht weiter störte, weil wir uns während des Spiels auf der Tribüne der Sportanlage Süd so dermaßen betrunken haben, dass es trotzdem ein toller Nachmittag wurde. Außerdem waren durchaus attraktive Fußballerinnen mit von der Partie, die den Fokus des Zuschauers nicht selten vom eigentlichen Spielgerät abwendeten. Bei dem darauf folgenden Heimspiel waren wir sodann schon zu viert, das Heimspiel danach zu fünft. Dann wieder nur zu viert, weil Melanie Schluss machte und es Malte deswegen nicht so gut ging. Mit der Zeit entwickelte sich der sonntägliche Ausflug zu den Fußball-Damen zu einem regelmäßigen Ritual, die roten Tribünenplätze der Sportanlage Süd zu einem Treffpunkt von Freunden, Studenten und Hobby-Trinkern. Zu Spitzenzeiten saßen wir allen Ernstes mit 10 Mann auf den teils spärlich besetzten Sitzplätzen. Nach wenigen Monaten Abstinenz stieg schließlich auch Malte wieder mit ein. Mitunter, weil sich Melanie von einem 31-Jährigen Kfz-Mechaniker schwängern ließ und ihre Fußballschuhe in der Folge an den Nagel hängen musste.

»Ja. Prost, du Sack!«, erwidert Ben die Aufforderung von Johannes. Er komplettiert den hirnlosen Trinkspruch als Einziger mit entschlossener Miene. Er studiert Jura und ist schon seit Kindertagen einer meiner besten Freunde. Ben ist ein Genie des organisierten Selbstbetrugs und angewandten Minimalismus. Er ist hoch intelligent und stinkfaul, neigt zu schlechter Ernährung und erhöhtem Alkoholkonsum. Ich erinnere mich noch, wie er von unserer Klassenlehrerin in der 10. Klasse vor versammelter Mannschaft einen Einlauf bekam, weil er mal wieder seine Mathe-Hausaufgaben nicht machte.

»Benjamin Stimmler! Was soll mit dieser Arbeitsmoral denn nur aus dir werden? Wenn du so weiter machst, sehe ich für deine Zukunft ziemlich schwarz! Rabenschwarz!« Ben zuckte mit den Achseln und machte auch fortwährend keine Hausaufgaben, blieb aversiven Konsequenzen gegenüber resistent und schrieb in der nächsten Klausur mit größter Gemütlichkeit eine glatte Eins. Und nun studiert er Jura in Köln. Stress macht er sich noch immer nicht. Gott allein weiß, was aus ihm hätte werden können, wenn er so etwas wie Ehrgeiz und Lerndisziplin gehabt hätte. Wobei seine Entwicklung ja noch nicht abgeschlossen ist. Hopfen und Malz sind demnach noch nicht in aller Gänze bei ihm verloren. Es sei denn natürlich, man bietet ihm Hopfen und Malz zum Trinken an.

»Schön. Schöner Pass! Das ist meine Kleine. LAUF!« Johannes ist seit letzter Saison Fan einer brünetten Mittelstürmerin mit der Nummer Neun. Für meine Begriffe hat sie für einen adäquaten Fanatismus einen zu dicken Hintern, der sie aber nicht an schnellen Sprints zu hindern scheint. Fußballerisch ist sie bei der Fortuna zweifelsfrei eine der Besten. Ob ihre Stammposition wirklich im Zentrum des Angriffspiels liegt, können wir nur vermuten. Ich finde, dass das beim Frauenfußball immer schwierig zu entscheiden ist. Die Ordnung auf dem Platz erinnert mich manche Male an den Fußball der F-Jugend. Oder noch besser: an den Fußball der Bambinis, wo der wirklich allerjüngste Nachwuchs mit 22 Mann - beziehungsweise Männchen - über den Platz zerstreut, wie ein Schwarm orientierungsloser Ameisen, dem Ball hinterherläuft, wenn nicht gerade im Sitzen staubige Türmchen aus roter Asche gebaut werden. Sicherlich auch einer der Gründe, weswegen inzwischen in jedem Dorfverein Kunstrasen aus dem Boden sprießt. Eine rein reizreduktive Maßnahme der DFB-Jugendförderung. Ascheplätze gibt es kaum noch. Aber nein, so dramatisch sehe ich die qualitativen Unterschiede zwischen Frauen- und Männerfußball dann natürlich doch nicht. Obgleich es sich hierbei selbstredend um unterschiedliche Niveaus handelt, da gibt es nichts wegzudiskutieren. So wie bei Kreisliga und Championsleague, RTL und ARD… oder Düsseldorfer Alt-Bier und Kölsch.

»Haha, Mikka, hast du das gesehen? Alter! Ein Träumchen.« Johannes schaut mich stolz an, als wäre er für die gute Leistung seiner potentiellen Torjägerin persönlich verantwortlich. Ich verziehe nur emotionslos die Mundwinkel und nicke abwesend.

»Ja oder? Ein Zuckerpass! Oder nicht? Mann, das war echt gut.«

»Ja doch, war gut. Also… für Frauenfußball.« Ich grinse Johannes hämisch an und nehme einen tiefen Schluck meines Bieres. Johannes schüttelt enttäuscht und verständnislos den Kopf. Das war gar nicht böse gemeint. Vielleicht bin ich nur neidisch. In meiner aktiven Zeit als Fußballer habe ich in meinem Provinzverein ähnliche und sicherlich auch bessere Pässe gespielt. Nur mit dem Unterschied, dass mir keine sekttrinkenden Frauen als Pendant unserer Erscheinung zugejubelt haben.

»Pass doch auf! Nein! Tor… Neiiiiiiin.« Malte hält sich die Hände vor das Gesicht. Tor für den SV Eilendorf. Ein böser Schnitzer der Nummer Vier mit den schlaksigen X-Beinen. Die Torhüterin war chancenlos. Übrigens meine Favoritin. Und das tatsächlich aus rein sportlichen Gründen. Sie ist durch und durch eine Fußballerin. Kurze Haare und stämmige Figur mit Haaren auf den Zähnen. Wenn sie anfängt ihre Vorderleute zu maßregeln, weht immer ein kalter Wind über den Fußballplatz. Ich nenne sie liebevoll Olivia Kahn. Ein stämmiger Eiszapfen zwischen den Pfosten, eine aggressiv wortgewandte Torhüterin, die auch gleich wieder loslegt:

»Jenny! Jeeeenny! Verdammte Axt! Lass die doch nicht vorbeiziehen. Elif! Ey Mann, musste mit nach hinten kommen! Scheiße Mann! Fuck! Scheiße! Scheiße!« Herrlich.

Jenny mit den X-Beinen und Elif tun uns Leid, wir müssen aber dennoch alle lachen und machen uns fast synchron das nächste Bier auf. Flaschen klirren, Gerstensaft fließt. Es bleibt beim 0:1 bis zur Halbzeit als Michael mit Rucksack und neuem Bier dazustößt.

»Hey Jungs, hat was länger gedauert. Was hab ich verpasst? Gab`s ein Törchen?«

»1:0 für Eilendorf. Blöder Abwehrfehler, aber die Fortuna ist eigentlich besser im Spiel.«

Michael ist mein Mitbewohner und sekundär wegen seines Studiums und primär wegen seiner Freundin Anja unter permanenten Zeit- und Termindruck. Er studiert Medizin. Aufgrund zahlreicher beruflicher Irrwege ist er allerdings erst im 3. Semester. Michael ist 27 Jahre alt und damit zwei Jahre älter als ich. Ein 27-jähriges Kücken also unter den Kölner Medizinstudenten. Seit er mit Anja zusammen ist, ist nicht mehr allzu viel mit ihm los. Für gemeinsame Partys hat er praktisch keine Zeit mehr. Oder keine Lust. Oder keine Erlaubnis. Vermutlich empfinde ich auch deswegen insgeheim eine tiefe Abneigung gegenüber Anja. Er ist mit ihr nun knapp zwei Jahre liiert, was genau ein Jahr und elf Monate zu viel sind. Den einen Monat hätte ich ihm wegen einer langen sexuellen Durststrecke noch gegönnt. Anja hat ihn weich gekocht und vollständig im Griff. Hosen hat er da schon lange keine mehr an. Manchmal verwundert es, dass er ohne Halsband und Leine nach draußen darf. Zum gemeinsamen Fußballschauen schafft er es auch nur noch sporadisch. Meist kommt er dann wie heute zu spät oder ist viel zu früh wieder weg. Trotzdem ist es angenehm ihn als Mitbewohner zu haben, denn er ist im Durchschnitt fünf Tage die Woche bei Anja und zahlt dennoch den vollen Anteil an Miet- und Nebenkosten. Zugegeben: eine richtige Wohngemeinschaft sieht anders aus. Wir wohnen seit drei Jahren zusammen. In einer 60 qm großen Wohnung in Köln-Deutz. Eine jenseits rechts des Rheins inzwischen ziemlich angesagte Lage. Und wenn man vom Balkon um ein paar Ecken und durch einige Häuser hindurchschaut, hat man sogar einen romantischen Blick auf den Rhein und seine Deutzer Brücke. Und um ein paar weitere Ecken kann man auch einen Blick auf den Kölner Dom erheischen. Wahrzeichen und Stolz eines jeden Kölners.

Als die zweite Halbzeit anläuft, hat Michael seine erste Flasche Bier angenippt. Die x-beinige Verteidigerin, die mit großem Einsatz das 0:1 verschuldete, durfte in der Kabine bleiben. Auch beim Frauenfußball wird konsequent durchgegriffen. War heute halt keiner von Jennys Tagen. Oder aber auch genau das, je nachdem wie man es sieht. Nach 75 Minuten schießt die Fortuna endlich den hoch verdienten und längst überfälligen Ausgleich. Getroffen hat die große Südländerin mit der Nummer Elf, nach einem erneut tollen Pass von Johannes geliebter Flitzerin. Jetzt freut er sich genauso wie die Mädels auf dem Rasen, jubelt und klatscht anerkennend. Wir anderen freuen uns auch. Wenn auch nicht ganz so augelassen wie Johannes. Es war letztlich nur ein verdienter Ausgleich beim Frauenfußball in der Regionalliga West.

»So, weiter meine Damen! Fortuna vor, noch ein Tor!« Malte packt Sprechchöre aus längst vergangenen Zeiten aus. Aus unerklärlichen Gründen scheint er Talent zu haben, fußballerische Schlachtgesänge anzustimmen und seine Nachbarn damit anzustecken, denn nach kurzer Zeit feuern wir alle laut und hemmungslos die Spielerinnen unserer Fortuna an. Die Gesänge haben ihre motivierende Wirkung, denn nun ist das Angriffsspiel der Fortuna entfesselt. Schließlich ist es die Nummer Neun, die nach einem durchaus sehenswerten Doppelpass zu der 2:1 Führung einschiebt.

»Tooooor!« Nicht nur Johannes ist außer sich. Der Bierkonsum hat derweil aus uns allen emotional eskalierende Fans gemacht. Ein ekstatischer Höhepunkt. Am Ende bleibt es beim 2:1. Drei Punkte für die Fortuna und ein neues Bier für seine Fans. Prost, ihr Säcke!

Vorberichterstattung

Michael ist heute Abend völlig überraschend außer Haus. Mal wieder. Am heutigen Nachmittag war ich mit ihm noch gemeinsam joggen, weil er dafür nach Absprache mit Anja die Erlaubnis erteilt bekommen hat. Ich muss unbedingt wieder in Form kommen, denn von meinem einst existenten Waschbrettbauch sind nur noch geringfügige Umrisse zu erkennen, die lediglich eine durchtrainierte Vergangenheit vermuten lassen. Als Laufpartner bietet sich mein Teilzeit-Mitbewohner in optimaler Weise an, denn er nimmt seit Jahren regelmäßig am Köln-Marathon teil und ist damit meinen konditionellen Fähigkeiten gegenüber weitaus überlegen, was für mich wiederum bedeutet, mir nicht annähernd meine deutliche Unterlegenheit anmerken zu lassen und bis zum letzen Meter zu kämpfen. Und das kann ich in aller Regel ganz gut. Ich halte sowohl Tempo als auch Distanz. Wenn ich mein Training konsequent fortsetzte, könnte ich sicherlich des Öfteren mit ihm laufen gehen, aber mein enger Zeitplan als Lehramtsstudent lässt da nicht viele Freiräume zu. Zu oft stehen nämlich irgendwelche Partys an, auf denen ich einfach nicht fehlen darf. Ich bin ein Opfer meiner permanenten Angst, irgendetwas verpassen zu können. Ein weiterer Grund das Lauftraining hinten an zu stellen, ist dieser, dass es eben schneller geht, den auf Partys eingefangenen Alkoholkater auszukurieren, den man in aller Regel bis zum Abend des Folgetages besiegt haben sollte, als den vom Laufen zermürbenden Muskelkater, von dem man mitunter bis zu einer Woche lang etwas haben kann. Heute ist endlich wieder Freitag und nach einem langweiligen Uni-Tag ohne wirklich lehrreiche Seminare und Vorlesungen, möchte ich es mir nicht nehmen lassen, am Abend um die Häuser zu ziehen.

»Drrrrrrr«, tönt es von der Türe im Flur. Ben scheint da zu sein und klingelt Sturm.

»Drrrrrr, drrrrrrrr« Ich selber stehe noch im Badezimmer vor dem Spiegel und versuche meine Haare ausgehgerecht zu gestalten. Ben sagt, ich habe eine Brit-Pop-Frisur, was aber gar nicht stimmt. Heute sehen meine Haare nach skandinavischem Indie-Rock aus. Sie liegen fast perfekt, aber eben auch nur fast. Irgendetwas fehlt und deswegen lasse ich Ben noch einige Minuten weiter Sturm klingeln. Ich kämme meine Haare noch mehr zur Seite und unterstütze den Halt mit einer kräftigen Brise Haarspray. Das Geheimnis in dieser Phase des Stylings liegt darin, die richtige Dosierung an Haarspray zu finden. Nehme ich zu wenig, zerzausen die Haare beim ersten Windstoß wieder und die ganze Arbeit war umsonst. Die Nacht über werde ich dann wie ein blonder Pumuckel aussehen. Sprühe ich mir hingegen zuviel der klebrigen Mixtour auf den Kopf, entsteht der Eindruck, meine Haare seien fettig und ungepflegt. Es ist immer ein sehr schmaler Grad, auf dem ich mich täglich ein- bis zweimal bewegen muss. Der Indie-Rock-Szene mach ich damit keine Ehre. Um ungeschadet und gutaussehend aus dieser Sache wieder hinauszugehen, benötige ich viel Ruhe und Zeit, und deswegen wird Ben noch ein wenig warten müssen. Erst als es in meiner linken Hosentasche anfängt zu vibrieren und ich bemerke, dass er mich bereits versucht, telefonisch auf dem Handy zu erreichen, erbarme ich mich, zwinkere meinem Spiegelbild noch schnell lächelnd zu, renne durch die Küche und rutsche auf meinen Socken zur Tür, um den Türöffner zu betätigen. Ich dürfte nun gut aussehen, öffne die Türe und höre Ben mit großen Schritten die zahlreichen Treppenstufen hinaufstapfen, dabei böse Flüche in die Welt ausstoßend. Wir wohnen im vierten Stock und Ben ist nach neun Semestern Jurastudium, nächtlichen Eskapaden und schlechter Ernährung nicht mehr der Sportlichste unter seinen Zeitgenossen. Er ist überzeugter Junggeselle. Die letzte ernstzunehmende Beziehung, die er führte, endete ohne jede Vorwarnung vor gut dreieinhalb Jahren. Die Bierflaschen in seinem Gepäck klirren und erwecken in mir eine gewisse Vorfreude auf den heutigen Abend. In der Biologie spräche man hierbei vom Schlüsselreiz. Wie einem Pawlow’schen Hund läuft mir das Wasser im Munde zusammen.

Eines der schönsten Mädchen in meinem Semester feiert heute ihren Geburtstag. Sie heißt Lena, und Ben und ich sind eingeladen. Bei ihr zu Hause auf einer WG-Party. Früher gab es ja nichts Schöneres als Partys bei Freunden zu Hause. Die besten Partys feierte ich in meiner Jugend immer bei irgendwelchen Leuten daheim, wenn die Eltern außer Haus und Hinz und Kunz im Haus waren. Bei keiner anderen Gelegenheit kann man sich so angenehm und unbedrängt betrinken, so leicht mit anderen Menschen in Kontakt geraten, Mädchen kennenlernen und in aller Rücksichtslosigkeit so tun als gäbe es keinen Morgen. Eingebettet in die Unbeschwertheit der Jugend. Mir ist klar, dass Lena nicht mehr zu Hause wohnt, sondern in einer Dreier-Mädchen-WG in Köln-Sülz. Also eigentlich ja nur umso besser. Außerdem vermute ich, dass Lena auf mich steht und das allein verweist schon auf einen tollen Abend. Vielleicht sogar auf eine tolle Nacht. Lena ist heute 23 Jahre alt geworden, hat schulterlanges, blondes und stufig geschnittenes Haar. Sie ist ungemein schlank, ist sportlich gebaut und entspricht damit genau meinem Frauengeschmack. Lena studiert Deutsch und Biologie. Ich hingegen Deutsch und Philosophie. Warum ich das tue, weiß ich nicht. Wahrscheinlich, weil dies meine Leistungskurse während des Abiturjahrgangs waren. Ich lernte Lena als Erstsemestler in der Universität kennen. Wir saßen im völlig überfüllten Hörsaal hinter der letzten Reihe auf dem Boden. Einführung in die Literaturwissenschaft. Versteckt hinter unseren Kommilitonen konnten wir ausgiebig schwatzen und uns über bevorstehende Erstsemester-Partys und unsere beruflichen Ziele unterhalten. Als gewissenhafte Sek2-Lehramtsstudenten hatten wir dieselben Vorlesungen, die uns in die Materie der deutschen Sprache einführen sollten. Lena wurde direkt im ersten Semester eingeführt. Ich hingegen erst im Folgesemester, weil ich mein Debütantendasein an der Uni nicht ernst genug genommen habe und es für wichtiger hielt, möglichst viele Partys mitzunehmen, was mich dazu veranlasste, nicht zu lernen und die Klausuren folglich nicht zu bestehen. Außerdem verlor ich in der Folge zunehmend die Motivation überhaupt noch anwesend zu sein. Es gab keine Anwesenheitspflicht, warum sollte man dann anwesend sein? Und Lena habe ich nur einige wenige Male wieder gesehen, so dass auch dieser motivationale Faktor letzten Endes wegfiel. Lena und ich haben uns niemals außerhalb der Universität gesehen, was mitunter daran lag, dass wir beide liiert und damit vergeben waren. Vergeben ist sie nun augenscheinlich nicht mehr. In studentischen Kreisen wird viel gemunkelt. Ich hingegen schon, aber das verschwieg ich ihr bei unserem letzen Aufeinandertreffen. Lena fragte mich auch nicht. Wir trafen uns vor zwei Wochen zufällig in der Warteschlange vor einem universitären Kaffeeautomaten, an dem man aufgewärmtes schwarzes Wasser käuflich erwerben kann. Neben dem obligatorischen Smalltalk, in dem ich auch davon in Kenntnis gesetzt wurde, welche Professorinnen und Professoren im Augenblick überhaupt nicht angesagt seien, wurde ich ganz nebenbei zu ihrer heutigen Party eingeladen. Ich könne auch gerne einen Freund mitbringen, meinte sie. Wie süß. Ich sagte sofort zu. Dem eigenen Beziehungsstatus zum Trotz. Party ist Party.

Meine Freundin Sophie ist blutjunge 20 Jahre alt, ein eigentlich tolles Mädchen und hoffnungslos in mich verliebt. Ich mag sie auch und genieße es, mit ihr zusammen zu sein. Es ist weniger intensiv als praktisch, aber mit der Liebe ist das halt immer so eine Sache. Ich habe schon oft darüber nachgedacht, Schluss zu machen, aber das ist ein Handwerk, in dem ich einfach minderbemittelt bin und noch nie gut war. Wenn ich in der Vergangenheit merkte, dass ich eine Beziehung zu beenden habe, blieb mir nichts anderes übrig als wochen- oder teils monatelang darauf hinzuarbeiten, so dass das Mädchen wiederum Gründe findet, mit mir Schluss zu machen. Ich bin mir bei allem Wohlwollen nicht sicher, ob ich Sophie liebe. In der Beziehung mit ihr schätze ich aber, dass ich den Freiraum bekomme, den ich nötig habe. Ginge es nach Ben, bin ich Sophie zweimal fremdgegangen, was ich ihr bis heute nicht beichten konnte. Es ist auch alles schon lange her und ich weiß auch gar nicht, ob es als Fremdgehen gezählt werden darf, deswegen mach ich mir vermutlich überflüssige Gedanken. Das ist alles Auslegungssache. Und des Weiteren ohnehin nur Schall und Rauch. Das erste Mal war ich wie so häufig mit Ben in unserem charmanten Köln unterwegs. Es war sehr spät in der Nacht, das Mädchen war hässlich und wir haben uns nur geküsst. Noch am Abend zuvor küssten Sophie und ich uns das erste Mal. Nach Sophies Definition sind wir seit genau diesem Abend ein Paar. Aber mal ehrlich: Wie viele Beziehungen hat man denn dann unter diesen Voraussetzungen schon geführt? Deutlich zu viele. Hätte ich die gleiche Definition des offiziellen Zusammenseins gehabt, wäre es sicherlich nicht zu dem Kuss gekommen. Das zweite Mal war ein halbes Jahr später in Bonn. In einem eigentlich ziemlich uncoolen Club, in dem Mainstream-Musik lief und verwöhnte Teenies tanzten, trafen wir zufällig eine alte Schulfreundin, weswegen wir im Kollektiv kurzerhand beschlossen haben, miteinander durch weitere, noch uncoolere Clubs zu ziehen. Und dann wohnte sie auf einmal direkt nebenan und ich hätte eine gute Weile auf meine Bahn warten müssen. Also bin ich mit zu ihr gegangen, was keinesfalls geplant und eigentlich auch gar nicht gewollt war, sondern mehr so eine Laune des Augenblicks. Wir haben uns nicht geküsst. Stattdessen massierte ich wankend ihren Rücken und sie kam dann auf die plötzliche Idee mich oral zu befriedigen. Die Rechnung machte sie aber ohne meine Libido. Ich trank am Abend so viel Bier, dass mir keine Erektion gelingen wollte. Muss demütigend für denjenigen sein, der bläst. Und peinlich für den, der blasen lässt. Folglich - je nach Auslegung - kann dieses Intermezzo auch nicht als Fremdgehen gezählt werden. Denn unterm Strich passierte ja nichts.

Sophie wohnt nach ihrem erfolgreich abgeschlossenen Abitur seit kurzem auch in Köln. Sie macht eine Ausbildung zur Industriekauffrau im Kölner Norden und kennt noch nicht viele Leute in der neuen und für sie durchaus großen Stadt. Daher nervt es mich auch, wenn ich abends alleine unterwegs bin und ständig Kurzmitteilungen von ihr empfange, in denen sie teils ihre Eifersucht, teils ihre Vorfreude auf ein Wiedersehen zum Ausdruck bringt. Es gab schon Nächte, da habe ich bis zu fünf Nachrichten von ihr empfangen, ohne dass ich darauf nur einmal geantwortet hätte. Wie sieht das auch aus, wenn alle Leute um mich herum tanzen, trinken, lachen, und meine Wenigkeit permanent auf dem Handy herumtippt? Dann sähe ich ja aus, wie Michael, wenn er es trotz seines weiblichen Vormunds mal geschafft haben sollte, temporären Ausgang genehmigt zu bekommen. Anja ist Herrin und Freundin zugleich. Sophie ist da anders, was mir wirklich gut gefällt. Sie ist nur Freundin. Und zwar eine Gute. Klar sollte ich auch als guter Freund, Sophie in dieser Phase ihres Lebens ein wenig mehr an die Hand nehmen, aber ich befürchte, dass sie dann noch mehr von mir wollen würde und mich zusehends vereinnahmt, womit sich mein gegenwärtig vorhandener Freiraum mehr und mehr reduzieren würde. Und ehe ich mich versehe, mutiert auch meine Freundin zur Herrin meiner selbst. Da ist Obacht geboten. Heute habe ich Sophie bereits im Vorhinein darauf hingewiesen, dass ich ihr maximal zweimal zurückschreiben werde. Damit sie nicht wartet. Damit sie nicht böse und eifersüchtig wird. Damit sie erst gar nicht glaubt, sie habe mich im Griff und könnte mich lenken.

»Alter, bist du taub oder was?« Ben steht vor der Tür. Zwei Sixpacks Kölsch unterm Arm, schnaufend und außer Atem. Der Schweiß steht ihm in kleinen Perlen auf der Stirn und er guckt mich erwartungsvoll mit großen Augen und dicken roten Wangen an.

»Ja, ich hab dich nicht gehört Mann, sorry! Aber komm erst mal rein!« Ich muss dabei lächeln und Ben wird bemerkt haben, dass ich ihn sehr wohl gehört habe, aber im Augenblick des Klingelns etwas Wichtigeres zu tun hatte. Er weiß, dass meine Haare Priorität haben. Wir kennen uns, wir verstehen uns. Und daher verkneift er es sich, eine große Szene aus seiner Geduldsprobe zu machen, schüttelt stattdessen nur widerspenstig den Kopf und tritt schlurfend in die Wohnung ein.

»Du siehst scheiße aus«, sagt er trocken, rempelt mich kurz an, als er an mir vorbeigeht, um direkt in der Küche angekommen, das Bier in den Kühlschrank zu verfrachten.

Ich erwidere seine körperliche Retourkutsche lediglich mit einem Lächeln, gehe ihm hinterher und klopfe ihm, als dieser vor dem Kühlschrank hockt und mir Einsicht auf seine Poritze verschafft, auf die Schulter.

»Bock auf Party?«

»Bock auf Party«, antwortet Ben.

Das erste Sixpack ist innerhalb einer Stunde getrunken. Und nach einigen weiteren Flaschen feinster Kölschkultur sitzen wir etwas stramm in der Bahn auf dem Weg zu Lena.

Anstoß

Auf dem Weg von der Bahnhaltestelle zu Lenas Wohnung macht sich mein Handy in der Hosentasche vibrierend bemerkbar. Ich empfange eine Nachricht:

»Hey Süßer, schon gut dabei? Pass auf dich auf, ja? Einen schönen Abend, freu mich auf morgen, dicken Kuss:-)«

Sophie hat mir geschrieben. Jetzt schon. Ich hatte ihr versichert, zweimal bestimmt zurückzuschreiben. Aber so früh schon? Eine Antwort sollte zum jetzigen Zeitpunkt noch warten können. Der Fußweg von der Bahnhaltestelle bis zu Lenas Wohnung sollte nach ihrer Aussage höchstens fünf Minuten andauern. Ben und ich machen 35 Minuten daraus. Zuerst müssen wir noch mal zwecks Bier und Flasche Sekt, die als Geburtstagsgeschenk dienen soll, in einen nahe liegenden Kiosk, in dem uns ein zahnloser Türke freundlich begrüßt. Er ist ganz sympathisch und ich finde es schade, dass er an offensichtlicher Dentalphobie leidet. Gute Zähne sind so wichtig. Ich könnte niemals ein Mädchen küssen, welches schlechte Zähne hat. Ich frage mich, wer unseren Bierverkäufer küsst. Ob er jemals schon mal geküsst wurde. Armer Kerl.

Im Anschluss an den Kölsch-Erwerb muss Ben noch auf Toilette. Auf der Suche nach einer geeigneten Erleichterungsstätte, wird er schließlich in einem Sülzer Vorgarten fündig. Die Fenster des Reihenhauses sind dunkel, so dass auch ich die Gunst der Stunde ergreife und mich dazugeselle. Die Eigentümer des Vorgartens werden sich bald über eine verdorrte Grünfläche wundern. Bevor wir unser eigentliches Ziel dann endlich erreichen, müssen wir noch zweimal falsch abbiegen und einen ebenfalls angetrunkenen Passanten nach dem Weg fragen. Als wir endlich vor Lenas Haustüre stehen, rauchen wir noch eine letzte Zigarette. Begleitet wird das Ritual des Rauchens der letzten Zigarette ehe man klingelt, mit fachmännischen Fußballunterhaltungen. Ben hat nie selber Fußball gespielt, hält sich aber für den größten lebenden Fachmann, der König Fußball unterstellt ist. So wie Ralf Rangnick. Ich hingegen habe jahrelang selber Fußball in der Bezirksliga gespielt, hörte erst mit 15 Jahren auf, als Marihuana, Alkohol und Frauen interessanter wurden, und bin noch immer topaktuell über alle Geschehnisse von der Kreisliga an aufwärts bis hin zur Championsleague informiert. Beim Damenfußball sind wir selbstredend beide Fans der Fortuna. Beim Bundesliga-Fußball der Männer sieht es aber ein klein wenig anders aus. Ben ist Lokalpatriot und bekennender Fan des 1. FC Kölns. Ich des FC Bayerns. Prägung geht über Lokalpatriotismus. Ein Frauenschwarm und einstiger Fußball-Gott machte mich schon als kleiner Schuljunge zum Bayern-Fan: Mehmet Scholl.

»Glaub mir, Mikka! Die Zukunft gehört dem Ersten Fußballclub Köln. Karnevalsverein hin oder her. Das Image der Fahrstuhlmannschaft gehört doch längst der Vergangenheit an! Eine Mannschaft wie der FC gehört zum Standardinventar der höchsten deutschen Spielklasse. Und: Da kommt noch mehr. Allein schon wegen seiner Fans, muss Köln einfach international spielen. Pass mal auf: Ein paar Jahre noch im sicheren Mittelfeld, dann Europa-League und letztlich Championsleague! Das ist so sicher, wie das Amen in der Kirche. Ein ganz normaler Prozess.« Ich höre mir Bens Prophezeiungen - durch den Alkohol geduldet - eine Weile an, ehe ich ihn bei der Ausführung seines Zukunftsplanes für den 1. FC Köln unterbreche und ihn darauf hinweise, dass es bei aller Ruhe und Raffinesse des Trainer- und Managerstabes schwierig werden könnte, sich schlussendlich dauerhaft gegen finanzstärkere Konkurrenten, wie Schalke, Dortmund, Leverkusen oder eben Bayern zu behaupten. Als Ben erneut anfängt und versucht seine Theorie mit schwammigen Argumenten zu unterstreichen, flitsche ich desinteressiert meine Zigarette weg und klingle an der Tür. Er schaut etwas enttäuscht aus der Wäsche, hat die Botschaft aber richtig interpretiert.

»Bayern wird eines Tages noch froh sein, sich Köln-Jäger schimpfen zu dürfen«, spricht’s und trinkt den letzten Schluck seiner Flasche Kölsch. Der Türsummer ertönt und ich drücke die Tür zum Treppenhaus auf. Von einer Party ist nichts zu hören, aber das muss ja nicht gleich was zu bedeuten haben. Nach zwei Etagen Treppensteigen, dass Ben schon wieder den Schweiß auf die Stirn treibt, macht man uns die Wohnungstüre auf und eine leicht angesäuselte und lachende Lena begrüßt uns. Im Hintergrund läuft ruhige Chillout-Musik, die von diversem Gesprächsgemurmel begleitet wird.

»Heeey! Schön, dass ihr da seid! Sorry, wir sind schon ganz schön angetrunken.«

»Heeey!«, erwidere ich. »Alles Gute zum Geburtstag. Macht doch nichts, wir haben auch schon ein wenig was getrunken.« Wow! Lena sieht heute wieder echt heiß aus. Sie trägt ihre Haare offen, was verwegen und rockig aussieht. Dann trägt sie ein schwarzes Top von Fred Perry mit verhältnismäßig weitem Ausschnitt und eine dunkelblaue, verwaschene Jeans mit Löchern in den Knien. Ich wundere mich, wie man sowohl schick und elegant als auch ungemein sportlich und sexy zugleich aussehen kann. Ich umarme sie anlässlich ihres Geburtstages, wobei mir auch noch auffällt, dass sie verdammt gut riecht. Ich glaube ich habe mich gerade verliebt. Nachdem sich Lena aus meiner leicht übertriebenen Umarmung befreit hat, stelle ich ihr Ben vor und dann übergeben wir ihr, noch immer in der Türe stehend, feierlich die Flasche Sekt als außergewöhnlichstes Geburtstagsgeschenk des Tages.

»Ne Kleinigkeit«, tiefstaple ich gekonnt gespielt, während sich Lena bemüht, ein überraschtes und glückliches Gesicht zu machen.

»Ooooh, danke. Das ist ja lieb von euch. Kommt doch erst mal rein und geht durch! Ich stell euch dann den anderen vor.« Lena nimmt uns unsere Jacken ab und schmeißt sie in einen verdunkelten Nebenraum neben dem Eingangsbereich. Die Flasche Sekt stellt sie lieblos zu dem zahllosen anderen Alkoholika in die Küche. Ist aber auch ein blödes Geschenk. Ben und ich gehen den langen Flur entlang durch ins Wohnzimmer.

»Genau, geht schon mal rein!«, ruft uns Lena hinterher. »Ich hol euch noch was zu trinken! Ähm, wollt ihr Bier?«

»Klar, Bier ist gut«, rufe ich halbherzig zurückschauend. Es wird gleich lauter und alles sieht schon ein wenig mehr nach Party aus. Viel los ist aber noch nicht. Im Wohnzimmer angekommen, schauen alle Geburtstagsgäste gespannt in den Eingang, um die neuen Gäste beäugen und begrüßen zu können. Wir werden lediglich beäugt. Die hoffentlich später noch feiernde Gesellschaft sitzt gegenwärtig im Kreis, um einen gläsernen Wohnzimmertisch herum, teils auf dem Sofa, teils auf einem Stuhl oder auch auf dem Boden. Einige Leute stehen auch im Hintergrund, vor der Balkontür oder aber auf dem Balkon selbst. Zum Rauchen. Oder auch nur so. Bei einer ersten Analyse fällt mir auf, dass hier ein ganz deutlicher Männerüberschuss vorhanden ist. Da durften wohl noch andere Freunde einen Freund mitbringen. Einige Leute habe ich schon mal in der Universität gesehen. Keine coolen Leute. Meine Lust schwindet zusehends. Von hinten kommt Lena angespurtet, mit zwei Bieren in der Hand, um sie uns gastfreundlich zu überreichen.

»Hier, lasst es euch schmecken! Übrigens, alle mal aufgepasst: Das hier sind Mikka und äh, Ben. Richtig?«

»Richtig«, schmunzelt Ben, bemüht um Coolness und Gleichgültigkeit. Nachdem wir nun wirklich ausgiebig von allen Gästen begutachtet und nur zum Teil begrüßt werden, stehen Ben und ich noch einige Zeit im Abseits des Raumes. Lena springt unterdessen von Smalltalk zu Smalltalk, schenkt ihren Gästen nach, holt neues Bier und verschwindet hin und wieder draußen auf dem Balkon. Partys können ja noch so gut sein, als Gastgeber hast du in den seltensten Fällen was davon. Oje, diese Hausparty habe ich mir irgendwie anders vorgestellt. Nur gut, dass wir Bier haben. Okay, es ist noch früh und mittlerweile auch etwas voller geworden. Aber es ist räumlich einfach zu eng, die Leute sind größtenteils männlich oder hässlich, die Musik ist langweilig und irgendwie war die Stimmung bei der Fachsimpelei über Fußball vor der Türe noch mitreißender. Zu allem Überfluss behandelt mich Lena mit einer leichten Prise Ignoranz und das, obwohl ich heute ja wirklich gut aussehe. Oder gerade deswegen? Vielleicht ist das ja ihre Art mir zu zeigen, wie toll sie mich findet. Klingt total plausibel. Ben und ich beginnen wieder zu fachsimpeln. Ich mehr, Ben weniger. Wir beschließen einfach weiter zu trinken. Das mit dem Spaß kommt dann noch. Nach einer gefühlten Ewigkeit und einigen Zigaretten auf dem Balkon, ist es nicht nur aufgrund der räumlichen Kapazitäten ansehnlich voll geworden. Die Stimmung ist in Ordnung, auch wenn noch immer keine stimmungsfördernde Musik läuft. Und Ben und ich fühlen uns immer noch ein wenig ausgestoßen, wie blinde Passagiere auf einer Luxus-Kreuzfahrt in der Südsee. Oder so ähnlich. Niemand nimmt wirklich Notiz von uns. Ich könnte darüber hinwegsehen, wenn sich wenigstens Lena um uns kümmerte. Irgendwie gehören wir bis dato nicht zu den coolen Kids. Oder sind wir etwa zu cool für diese Party? Als ein ganz offensichtlich homosexueller Partygast in hautengen grauen Jeans, schwarzem Shirt mit V-Ausschnitt und violetten Hosenträgern die Musikanlage bedient und Smack my bitch up von The Prodigy laufen lässt, springt die Stimmung endlich um. Manche Leute versuchen nun sogar in der Enge des Raumes zu tanzen. Die Musik ist außerdem echt laut. Wenn ich Nachbar wäre, würde ich mich nun sicherlich bei Lena und ihrem Mitbewohnerinnen beschweren oder zumindest anonym die Polizei benachrichtigen. Letzteres wäre wahrscheinlicher.

»Heeeey«, grölt Ben mit erhobenen Daumen dem vermeintlich schwulen Hobby-DJ entgegen, um ihm seine musikalische Sympathie zu bekunden. Dieser lächelt verlegen, eingekleidet in seiner das Klischee bedienenden Mode, und nickt Ben zu.

»Ich glaub der mag dich«, schreie ich Ben ins Ohr, klopfe ihm auf die Schulter als wollte ich ihm Mut machen, meinen Blick dabei auf den Schwulen gerichtet, bemüht um Augenkontakt. Als dieser zustande kommt, habe ich mein Ziel erreicht. Der Schwule hat angebissen. Ich mache augenzwinkernd eine zeigende Kopfbewegung in Bens’ Richtung und verlasse unter dem Vorwand, dass ich dringend auf Toilette müsse, unverzüglich den Raum. Ben schaut mir fragend hinterher. Mensch, ist das lustig. Die Nacht ist noch zu jung, um Trübsal zu blasen. Ich muss zu Lena.

Ich finde sie nach nur wenigen Schritten in der Küche. Lena sieht noch immer umwerfend aus und unterhält sich gerade mit einem Pärchen. Er ist sicherlich nicht älter als 22, ist schlank, trägt hellblaue Baggy-Jeans und ein weißes T-Shirt von Karl Kany. Auch die schwarze und schrägsitzende Netzkappe mit NY-Schriftzug darf an diesem Abend nicht fehlen. Das Mädchen in seinem Arm ist die Wortführerin der Unterredung. Sie sieht älter aus als er, ist echt fett und komplett in schwarz gekleidet, weil schwarz ja schließlich schlank macht. Um die Illusion perfekt zu machen, sind ihre Klamotten nicht nur schwarz, sondern auch einen Hauch zu körperbetont, was in der Folge das ein oder andere Bauch- und Pospeckröllchen offenbart. Ich denke, dieses Pärchen könnte optische Vorteile voneinander ziehen, wenn sie ihre Outfits einfach tauschen würden. Alle drei haben kein Getränk mehr in der Hand. Ich schnappe mir also spontan aus einem in der Ecke stehenden Bierkasten vier Kölsch und eine noch unangebrochene Tüte Paprika-Chips und stelle mich, nachdem ich die Flaschen per Feuerzeug allesamt geöffnet habe, lächelnd und bemüht nicht allzu betrunken zu wirken, in die Runde dazu.

»Halloooo«, platze ich in die Unterhaltung hinein. »Was zu trinken? Haut rein!«

»Hey Mikka«, anwortet mir Lena. »Danke dir. Das sind Sarah und Torsten. Die kenn ich schon seit der Grundschule in Viersen, müssen jetzt aber auch wieder los, weil die Bahn ja fährt.« Das ist natürlich schade, dass die Bahn ja fährt. Trotzdem nehmen beide dankend die Flasche Bier entgegen und stoßen mit Lena und mir an. Beide sind wirklich nett, was ich nicht erwartete. Ich darf mich nicht immer von meinen oberflächlichen optischen Eindrücken leiten lassen. Und auch Lena wirkt nun gar nicht mehr so ignorant und scheint tatsächlich erfreut zu sein, dass ich zu ihr gekommen bin. Vielleicht liegt es aber auch lediglich an der berauschenden Wirkung der konsumierten alkoholischen Substanzen. Sarah redet sehr viel und auch sehr schnell und ich ertappe mich dabei, dass ich ihr gar nicht zuhöre, ihr bei Augenkontakt aber zunicke, um ihr mein Interesse und Verständnis zu bekunden. Zu oft schweift mein Blick hinüber zu Lena. Verdammt, sie ist so schön. Die Tüte Chips hat Sarah nun auch aufgemacht. Jeder von uns greift ein paar Mal hinein, Sarah ein paar Mal mehr, und dann sagt sie einen der häufigsten und dümmsten Sätze, die früher oder später immer beim Chips essen fallen müssen:

»Boa, wenn man einmal angefangen hat, ne? Dann kann man nicht mehr aufhören.« Ich kann Sarah ja gut verstehen. Ich könnte auch schon wieder in die Tüte hineingreifen, aber wenn man sich die figürlichen Attribute von ihr anschaut, könnte man meinen, sie habe schon als Kleinkind einmal angefangen, nur niemals wieder aufgehört. Lena, Thorsten und ich sind verbal sehr zurückhaltend und nehmen unterm Strich gar nicht an der Unterredung teil. Irgendwann während Sarahs Monologs, der nun ihrem vermeintlichen Abschiedszenario angehört, bemerke ich, dass sich Lena an mich anlehnt. Vermutlich nur um sich abzustützen, was mich aber so sehr überrascht, dass mir fast meine Flasche Bier aus der Hand fällt. Ich überspiele meinen Fauxpas und setze zum Konter an, indem ich meinen Arm um ihre Taille lege. Sehr gewagt, aber sie lässt es geschehen. Krass. Ich muss mich ja auch irgendwie abstützen. In diesem Augenblick schaut es so aus, als würden sich zwei Pärchen gegenüberstehen. Sarah und Thorsten, Lena und Mikka. Arm in Arm. Für ungefähr fünf Sekunden. Danach müssen Sarah und Torsten wirklich gehen, weil die Bahn ja jetzt hoffentlich tatsächlich fährt. Lena begeleitet sie zur Tür. Ich warte derweil angelehnt im Türrahmen der Küche, meinen gläsernen Blick in den Flur gerichtet. Ich winke Sarah und Torsten noch zu und bin froh, dass sie nun weg sind, denn wenn ich jetzt schnell genug handle und die Situation nicht fehlinterpretiere, habe ich Lena für mich allein. Sie schließt die Haustüre, dreht sich um und kommt leicht torkelnd auf mich zu. Yes. Lena gibt mir einen freundschaftlichen Fausthieb auf die Schulter.

»Sag mal, wie läuft’s eigentlich bei dir in der Uni? Ich find das voll schade, dass wir uns so selten sehen.«

»Ja, läuft ganz gut. Da kann ich mich nicht beklagen. Also… ich bin selten da. Im Grunde sehen wir uns ja gar nicht mehr, weil du immer andere Veranstaltungen belegen musst, die ich noch gar nicht belegen darf. Du bist da als Mädchen, glaub ich, etwas engagierter und ziehst das mit deinem Studium echt konsequent durch.«

»Ach Quatsch, ich hab in einigen Klausuren einfach tierisch Schwein gehabt.«

»Nee, das glaub ich dir nicht. Aber komm, trinken wir einen auf deinen Geburtstag.« Lena ist mir überhaupt nicht mehr abgeneigt, ganz im Gegenteil: Das scheint genau in ihren Plan zu passen. Sie will sich abschießen. Und zwar gemeinsam mit mir! Die Folgezeit des Abends gehört sie nun mir allein. Wir verscheuchen ein paar Gäste und nehmen am Küchentisch Platz, trinken Jägermeister, Sekt und Bier im Wechsel und synchron und lachen viel. Mittlerweile darf auch in der Wohnung geraucht werden, von daher zünde ich mir vereinzelt eine Zigarette an, ohne zu vergessen auch Lena regelmäßig eine anzubieten. Eigentlich raucht sie nicht. Ähnlich wie ich. Nur auf Partys und anderen Gelegenheiten lässt man sich auf gesundheitlicher Ebene ein wenig gehen. Nach und nach verabschieden sich Gäste bei Lena und irgendwann ist es zumindest in der Küche auffällig leer geworden. Wir sitzen uns derweil nicht mehr gegenüber, sondern haben die Platzkonstellationen nach diversen Toilettengängen immer wieder gewechselt. Wir sitzen nun nebeneinander.

»Komm Mikka! Lass uns Brüderschaft trinken!« Brüderschaft trinken. Das ist so eine Erfindung pubertierender Teenager. Auf diese Weise hat man die moralische Erlaubnis jeden Jungen und jedes Mädchen unabhängig von ihren oder des eigenen Beziehungsstatus zu küssen. Selten bleibt es dabei beim »brüderlichen« Küsschen. Ein Geniestreich der dauergeilen Jugend. Lena füllt unsere klebrigen Pinnchen mit tiefgekühltem Jägermeister wieder auf, nimmt beide Gläser in die Hand und guckt mich erwartungsvoll an.

»Du, Lena. Ich weiß nicht, ob das so ne gute…«

»A, a, a«, unterbricht sie mich. »Ich habe Geburtstag und werd ja noch mit einem guten Freund Brüderschaft trinken dürfen. Jetzt sei mal nicht so!« Ich zweifle einen kleinen Moment, ob ich das wirklich möchte. Ich wollte ja nichts anderes, aber nun bekomme ich Lampenfieber. Aber solang sie nur mit »einem guten Freund« Brüderschaft trinkt, muss alles in Ordnung sein. Dann passiert nicht mehr.

Wir stoßen an und überkreuzen unsere Arme, um im Anschluss daran in eingehakter Position und brüderlicher Verbundenheit den süßlich bitteren Alkohol hinunterzuspülen. Lena schüttelt sich. Ich nicht. Dafür bin ich viel zu aufgeregt und in viel zu großer Erwartung auf das, was nun folgen soll. Wir stellen beide unser Schnapsglas auf den Tisch und schauen uns in die Augen. Mein Gott, sie ist so wunderschön. Ihre Haut ist absolut rein. Keine Pore, kein Makel, kein gar nichts. Fast wie eine Puppe. Ihre Haut scheint immun gegen Alkohol, Nikotin und schlechtes Essen zu sein. Ich starre sie bewundernd an, dann schließt Lena ihre Augen und nähert sich meinem Gesicht. Meine Augen bleiben geöffnet und ich starre Lena in die wunderschöne Gesichtspartie, auf ihren wunderschönen Mund, der mir langsam näher und näher kommt. Dann schließe ich auch meine Augen. Mein Herz fängt an schneller zu schlagen und unsere Lippen berühren sich. Ihre Lippen sind weich wie Butter. Wie solche Butter, die bei einem sommerlichen Frühstück in der Natur von der morgendlichen Kraft der Sonne angewärmt wird. Die Illusion wird nur durch die fiese Jägermeister-Note auf unseren Lippen gestört. Als ich gerade beginne, ähnlich wie die Butter in der Morgensonne, dahinzuschmelzen, zieht Lena ihren Mund überraschend schnell wieder zurück und fragt mich, ob wir nicht noch was rüber zu den anderen gehen wollen. Ein bisschen tanzen oder so. Ein bisschen tanzen also.

Das war alles? Ein kleines unbedeutendes Küsschen im Zeichen der Brüderschaft. Echt jetzt? So sagt es die gängige Kuss-Regel des Rituals. Ich lag ihr auf dem Präsentierteller und sie nimmt die Möglichkeit trotz der Unmengen an konsumiertem Alkohol nicht wahr? Oder gerade deswegen? Scheiß Alkohol. Es ist mir fast ein wenig peinlich, da wirklich mehr erwartet zu haben. Insgeheim zumindest. Die Möglichkeit hätte ja bestanden. Also hey, das Anlehnen, das Abschießen, das Brüderschaftstrinken. Der jugendliche Freischein zum Knutschen versagte. Die Mission schlug fehl.

»Klaro, lass mal rüber gehen«, versuche ich zustimmend zu wirken. In diesem Moment fällt mir ein, dass ich gar nicht mehr nach Ben gesehen habe. Fast schon fühle ich mich wie Michael, der durch seine blöde Freundin seine Freunde vernachlässigt. Ich habe Ben vor Stunden mit dem Schwulen alleine gelassen. Er hätte ja auch mal rüberkommen können. Lena torkelt vor mir her, auf dem Weg durch den langen Flur in Richtung des Wohnzimmers, aus dem gerade hörbar das neue Album von Franz Ferdinand läuft. Endlich gute Musik. Sie dreht sich kurz um und lächelt mich verführerisch an. Sie weiß, wie sie mich verrückt machen kann. Wie soll ich das denn jetzt wieder deuten? Mann, hör auf zu lächeln! In der Türe zum Wohnzimmer bleibt sie stehen, schaut kurz hinein und dreht sich dann wieder zu mir.

»Ist dein Freund eigentlich schon weg?«

»Äh, ich weiß nicht. Ich denke nicht, warum?«

»Hab den gar nicht mehr gesehen. Naja, egal.« Sie lächelt mich schon wieder an. Ganz klar und unverkennbar. Wenn ich von ihr so angelächelt werde, ist es natürlich egal, wo sich gerade Ben herumtreibt, da hat sie Recht. In diesem Falle ist eigentlich alles egal. Als ich auch etwas schwankend auf ihrer Höhe angekommen bin, nimmt sie meine Hand und weist mich in ein Nebenzimmer. Es stellt sich als ihr Zimmer heraus. In einer Ecke brennt ein kleines Standlicht. Sie schubst mich auf ihr Bett, beugt sich zu mir über und küsst mich ohne jede Vorwarnung in einer derartigen Intensität, wie ich sie lange nicht mehr erlebt habe. Das alles passiert in Zeitlupe und doch so schnell, dass ich gar keine Möglichkeit eingeräumt bekomme, über die moralische Lage dieser Situation nachdenken zu können. Erst als sie aufhört mich zu küssen und damit beginnt ihr Top auszuziehen, schaffe ich es, über meinen eigentlich festen Beziehungsstatus nachzudenken. Ist das das Richtige, was ich hier gerade tue oder vielmehr mit mir tun lasse? Wohl kaum. Meine Sinne entfalten sich. Mir fällt auf, dass es in ihrem Zimmer angenehm kühl ist und es sehr wohlriechend duftet. Brannten hier etwa Räucherstäbchen? Hat das Lena etwa geplant, dass wir hier zur späteren Uhrzeit landen würden? Ihr Zimmer ist aufgeräumt und an der Wand hängen Werbeplakate von H&M mit metrosexuellen Männern und sehr dünnen und lasziv dreinschauenden Frauen. Ihr Bett ist weich und die weiße Bettwäsche ist farblich zum Rest der Einrichtung ihres Zimmers abgestimmt. Lena hat sich von ihrem Oberteil erleichtert. Sie sitzt mit weißem BH auf mir drauf. Ich richte mich umständlich auf und muss dabei unsicher wirken, weil ich gerade nicht weiß, ob ich sie umarmen, weiter küssen oder doch lieber das Gespräch suchen sollte. Lena erkennt mein Zögern und nimmt mir die Entscheidung entschlossen ab. Sie drückt mich fest an sich, küsst mich erneut, aber die leidenschaftliche Explosion ist zu einseitig. Ihre Hand landet in meinem Schritt, aber da regt sich gerade gar nichts. Nach gefühlten zehn Minuten Rumgeknutsche drücke ich Lena sanft von mir und schaue sie um Verständnis ringend an.

»Lena, stopp mal! Ich kann das glaub ich nicht.«

»Warum nicht?«, haucht sie mir ins rechte Ohr.

Sie will mich schon wieder küssen und öffnet dazu ihren zuckersüßen Mund zur Hälfte.

»Weil… ich muss nach Ben schauen.«

Oh Mann, bin ich betrunken. Ich versuche gerade tatsächlich Lena eine Abfuhr zu erteilen, weil ich nach Ben schauen muss? Sie guckt mich irritiert an.

»Was musst du?«

»Nein«, sage ich. »Ben ist… egal! Ich… ich kann das nicht, weil… Lena, ich hab ne Freundin.«

Das war ehrlich, aber irgendwie auch blöd jetzt. Obwohl mich gerade ein wenig Stolz erfüllt.

»Das ist nicht dein Ernst!«

»Ähm…«

»Na super.«

»Ja…also«, versuche ich mich zu erklären, »aber ich find dich echt super… schon immer und keine Ahnung.« Lena wirkt enttäuscht und auch etwas sauer, lässt aber keineswegs locker. Etwas trotzig will sie da wohl was zu Ende bringen und überrascht mich aufs Neue.

»Und ich finde dich auch echt super!« So ein supergeiles Miststück. Wieder versucht sie mich zu küssen. Diesmal schafft sie es, ehe ich dann aber doch wieder unterbreche und erneut ansetze. Gott, ist das eine absurde Situation.

»Nee, ehrlich. Ich kann… ähm, meiner Freundin nicht fremdgehen.«

»Du bist deiner Freundin schon längst fremdgegangen.« Hammer. Lena spielt mit gezinkten Karten. Dieses Luder. Je nach Interpretation kann sie da Recht haben, aber das muss ich erst in Ruhe und klarem Kopf in neutraler Umgebung prüfen. Wieder will sie mich küssen. Sie macht gerade vor nichts Halt. Erst lasse ich es zu, aber dann stoppe ich sie ein weiteres Mal. Hilfe, ist das doof.

»Lena, ich kann das echt nicht. Es tut mir Leid.« Es sollte der letzte Abwehrversuch gewesen sein. Um Lenas dritten Angriff abzuwehren, fehlt mir schließlich die Kraft. Und letztlich vielleicht auch die Überzeugung. Lena ist der Hammer. Ich fühle mich wie die Abwehr einer Mannschaft in einem Spiel auf ein Tor. Ich konnte dem gegnerischem Sturm 88 Minuten lang Paroli bieten, aber nun ist der Knoten geplatzt und die Kraftreserven der tapfer kämpfenden Außenseiter-Abwehr aufgebraucht. Ich gehe gesenkten Hauptes unter anerkennenden Applaus treuer Fans als Verlierer vom Platz. Mit dem Unterschied, dass es sich hierbei ganz gut anfühlt. Verdammt! Wir ziehen uns gegenseitig aus und schon bald küsst mich Lena am Hals, auf der Brust und überall. Dass das mit Lena nach dem verwirrenden Beginn des Abends derart endet, hätte ich niemals gedacht. Wobei ich es mir ja irgendwie auch gewünscht habe. Nun ärgere ich mich. Zumindest ein klein wenig. Lenas sexuelle Entschlossenheit sorgt dafür, dass ich bald alles um mich herum vergesse. Sie hat wirklich überall eine makellos reine und weiche Haut. Nicht nur in ihrem Gesicht. Ihre Brüste sind fest, ihr Intimbereich minutiös rasiert und mittig auf kleinste Stoppeln gestutzt. Sie stöhnt leise vor Erregung, als ich sie mit meinen Fingern berühre. Ich spüre ihren Atem an meinem Ohr. Ehe ich mich versehe, streift sie mir ein Kondom über und setzt sich auf mich. Wo hat sie bitte so schnell das Kondom her? Und wie hat sie es geschafft, dass ich nun doch eine Erektion bekommen habe? Wir schlafen ein ganzes Weilchen miteinander, soweit ich das in diesem Zustand alkoholischer und sexueller Ekstase überhaupt noch abschätzen kann. Lena stöhnt mal lauter, mal leiser und bewegt sich meisterlich im ruhigen Rhythmus. Dann kommt sie, etwas zeitverzögert auch ich. In Anbetracht der Sauferei war das eine megagute Leistung von mir. Lena sieht zufrieden aus. Ihre blonden Haare sind leicht zersaust, ihre Wangen rot. Ich liege auf ihr und wir sind beide außer Atem. Ich schwitze und höre wie mein Herz zum Hals schlägt. Kopfschmerzen machen sich breit.

»Wenn du magst, kannst du hier schlafen. Ich würde mich jedenfalls echt freuen.« Sie umarmt mich und küsst mich schon wieder. Nicht, dass sie denkt, wir wären jetzt ein Paar. Für manche Mädchen ist man nämlich schon zusammen, wenn man miteinander schläft. Bitte nicht. Dann hätte ich Stand Jetzt zwei Freundinnen. Lena umklammert meinen Oberkörper und lässt mich gar nicht mehr los. Ich versuche mich dennoch vorsichtig aus ihrem Griff zu lösen.

»Lena, das geht zu schnell. Ich würde gerne bei dir übernachten, aber ich muss echt… nach Ben schauen.« Ben erscheint mir in diesem Moment als der einzige Joker, den mir das Schicksal zur Auswahl gestellt hat. Ich muss hier nur noch glimpflich aus dem Zimmer raus kommen. Alles Weitere kann ich morgen in Ruhe und im nüchternden Kopf klären.

»Ich kann den nicht alleine lassen«, ergänze ich. »Der ist ja nur wegen mir mitgekommen. Ich ruf dich morgen an, okay?« Lena zeigt endlich Verständnis, indem sie mir nicht antwortet und schlagartig einschläft. Ich steige aus dem Bett, entsorge das Kondom im Taschentuch eingewickelt im Mülleimer, ziehe mich wieder an und versuche meine Haare, vor dem Spiegel stehend, weitestgehend wieder in Form zu bringen. Sie sehen total scheiße aus. Dem Schäferstündchen mit Lena waren sie trotz guter Vorbereitung nicht gewappnet. Ich gebe ihr zum Abschied noch einen väterlich anmutenden Kuss auf die Stirn und decke sie zu. Wenn ich ein Arschloch bin, bin ich zumindest ein gut Erzogenes. Als ich aus ihrem Zimmer rauskomme, fühle ich mich frei und viel wohler als noch zuvor. Die Party scheint inzwischen endgültig zu Ende zu sein. Es gibt kein Bier mehr, also schnappe ich mir eine halbvolle Flasche Sekt, die auf einer Kommode steht und schlendere damit ins Wohnzimmer. Es läuft keine Musik mehr, stattdessen der Fernseher mit einer vermeintlichen Wiederholung des Freitagabendfilms auf RTL 2 mit Jean Claude van Damme. Davor auf dem Sessel lümmelt sich ein colatrinkender Junge, den ich wissentlich ignoriere, weil er nicht Ben ist. An der Ikea-Wanduhr erkenne ich, dass wir 4.20 Uhr haben. Auf dem Balkon sehe ich noch zwei Jungen, die sich gerade scheinbar eine Tüte rauchen. Sie kichern wie junge Hühner. Und am Esstisch schläft ein alternatives und komatös wirkendes Mädchen mit Dreadlocks. Ihr Kopf liegt mit der rechten Wange platt auf der Tischplatte, ihre Arme ausgestreckt daneben. Wie witzig. Die hab ich vorher noch gar nicht gesehen. Sie hält noch eine selbst gedrehte und noch unangezündete Zigarette in der linken Hand, die ich ihr bald entwendet habe und sie zu meinem Eigen ernenne. Ich schaue mich erneut im Raum um. Ja, die Party ist zu Ende, die Party ist tot. Ich verlasse das Wohnzimmer und gehe in die Küche. Auch die ist leer.

»Beeeeen«, rufe ich. »Beeeeen! Du wirst doch nicht mit der Tucke abgehauen sein?« Ich bekomme keine Antwort. Ben ist nicht mehr hier. Ich entscheide mich kurzerhand zu gehen. Ist er selber Schuld, hätte ja auch mal nach mir schauen oder eine Nachricht schreiben können. Dann wäre vielleicht auch alles anders gekommen. Eigentlich ist das alles Bens Schuld. Blöder Penner!

Ich öffne die Türe jenes Zimmers, in das Lena zu Beginn des Abends unsere Jacken geworfen hat. Im Halbdunkel finde ich meine dunkelbraune Lederjacke auf dem Boden liegend. Na toll. »Sehr fürsorglich, Frau Lena«, lalle ich zu mir selbst.

»Mikka?«, höre ich aus einer dunklen Ecke in einer männlichen Klangfarbe. Ich schrecke zurück und betätige reflexartig den Lichtschalter neben der Tür. Ich traue meinen Augen nicht. Was ich sehe, kann doch echt nicht wahr sein. Ben liegt nackt im Bett. Zumindest ist er oben herum nackt. Der Rest ist glücklicherweise zugedeckt. Das wird wohl das Zimmer einer von Lenas Mitbewohnerinnen sein. Denn die potentielle Mitbewohnerin liegt ebenso nackt und tief schlafend neben ihm, und ist nicht