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Texas im Jahre 1869. Das Land leidet unter den Folgen des Bürgerkriegs. Es fehlt an Geld und es fehlt an Arbeit. Das Einzige, was es im Überfluss gibt, sind Rinder, die sich während der Zeit des Bürgerkriegs wie Kaninchen vermehrt haben. Steuereintreiber ziehen im Land umher und Landaufkäufer aus dem Norden machen reiche Beute. Matthew Starretter treibt von Texas aus eine Herde von Longhorns zur nächstgelegenen Eisenbahnstation Abilene in Kansas. Nun muss er den Kauferlös nach Texas schaffen, um seine Ranch, die Wild Horses, zu retten. Aber der Weg ist versperrt. Sieben Frauen werden ohne ihr Wissen die Hauptpersonen in einem gewagten Plan. In einer Kutsche auf dem Weg in den Süden wachsen sie zu einer Gemeinschaft. Sie fassen Mut und werden zu Heldinnen. Matt Starretter nimmt die sieben Frauen auf seiner Ranch im Nueces Valley auf, und ein unglaubliches Abenteuer nimmt seinen Lauf. Die Wild Horses Ranch wird das FRAUENLAND.
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Seitenzahl: 917
Veröffentlichungsjahr: 2024
Wolfgang Schmidt
FRAUENLAND
Erzähler ist Wolfgang Schmidt, geboren 18. März 1955.
Studierter Diplompädagoge und jahrelang in der Jugendarbeit tätig.
Hat die letzten drei Jahre seine bettlägerige Mutter gepflegt.
In dieser Zeit entstand diese Erzählung. Die Arbeit an dieser Geschichte half, die schwere Zeit der Pflege erträglich zu halten. Jetzt lebt der Autor in einem Wohnprojekt zusammen mit vier Männern und zehn Frauen in Braunschweig.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.dnb.de abrufbar.
© 2023 Wolfgang Schmidt
eBook-Erstellung: Jana Köbel Autorenservice
Umschlag-Illustration: A young woman dressed as a Soldadera, Mexico 1940
Foto: Rutilo Patiño
Veröffentlicht bei Televisa Foundation
Lusha Copiright 2023 Lusha Systems Ltd. All rights reserved
800 Boylston Street, Suite 1410 Boston, MA 02199 History In Pictures
Selfpublishing-Portal: Bookmundo
ISBN 978-9-40-370402-9
Titelseite
Über den Autor
Impressum
Prolog
Kapitel 1: Matthew Theodore Starretter
Kapitel 2: Abilene
Kapitel 3: Wie Rinder zu blanken Dollars werden
Kapitel 4: Ein perfider Plan
Kapitel 5: Aufbruch nach Texas
Kapitel 6: Bleigewitter am Silver Creek
Kapitel 7: Eine Kutsche voller Dollars
Kapitel 8: Die Mannschaft der sieben Frauen
Kapitel 9: Der Weg zur Wild Horses
Kapitel 10: Die Schlacht am Nueces
Kapitel 11: Heldenverehrung
Kapitel 12: Nituna aus dem Stamm der Chiricahua Apachen
Kapitel 13: Una gran carrera de caballos
Kapitel 14: Laredo – The City under seven Flags
Kapitel 15: Stiefel, Hosen und Pistolen
Kapitel 16: Weihnachten im Nueces-County
Kapitel 17: Die Schlacht im Alamo-Saloon
Kapitel 18: Husarenritt um die Wagenburg der Siedler
Kapitel 19: Maria Himmelfahrt in Laredo
Kapitel 20: Die Glorreichen Sieben
Kapitel 21: Heimkehr und Ankunft der Mannschaft
Kapitel 22: Eine Frau wird Treibboss
Kapitel 23: Vergeltung
Kapitel 24: Gerechtigkeit
Epilog
Bonus: Letter to my Daughters
Danksagung
Sie sind die ganze Nacht geritten. Die Sonne ist aufgegangen. Es liegt noch die Morgenkühle in der Luft. Aber die ersten zaghaften Sonnenstrahlen verbreiten bereits Wärme. Es ist Sonntag, der 16. April 1872. Die zwei Männer verhalten vor einem ehemals rechteckigen Brett, auf dem der Name „Abilene“ eingebrannt ist. Das Brett ist an einem Pfahl befestigt und weist etliche Einschusslöcher auf. Der ältere der beiden nimmt seinen Hut ab und macht eine Geste, die wohl sein Beileid ausdrücken soll. Der Jüngere, es ist Jim Riley, kann ein Kichern nicht unterdrücken. „Ist das Schild tot?“ McCluskie, so heißt der andere, sieht sich um und blickt Riley in die Augen: „Die Stadt ist tot! Komm!“ Und dann reiten sie in die Stadt. Häuser sind verlassen. Saloons sind verlassen. Ganze Gebäude abgerissen. Sand hat sich an den Fassaden aufgehäuft. Sonnenblumen haben die Stadt erobert. Ein Wind weht durch die noch verbliebenen Häuserschluchten. Fensterläden hängen schief in den Angeln. Sie verursachen Geräusche, die wie ein verwundetes Tier klingen. Die Männer kommen am Drovers Cottages vorbei. Dem ehemals besten Hotel im ganzen Westen. Hier haben die Rinderkönige übernachtet, die Aufkäufer aus dem Osten und die Berühmtheiten: Mark Twain, der Geschichtenschreiber, Isabella Beecher Hooker, die Autorin von Onkel Toms Hütte, die sich Harriet Beecher Stowe nannte, die Gungirls, eine Frauenmannschaft aus dem Gebiet um San Antonio. McCluskie hat plötzlich eine Eingebung, die fast schon philosophisch anmutet: „Wenn man in einer Stadt steht, die einst war und sich jetzt langsam in ein baldiges Nichts auflöst, dann erinnert einen das intensiv daran, dass man dankbar dafür sein soll für das, was man hat, solange man es hat.“ Auch McCluskie hat verloren. Er war Marshal in Newton. Einer aufstrebende Rinderstadt. Er hat in einem Duell einen gewissen Bill Bailey erschossen. Jetzt ist er auf der Flucht. Zusammen mit Riley. Dieser ist ein geistig zurückgebliebener Junge von 18 Jahren. McCluskie kümmert sich um ihn. Er ist sein inoffizieller Vormund. Dann erreichen sie den Wagenhof von McCoy. Dieser Mann gehört zu den Gründern von Abilene. Und auch er hat alles verloren. Der Marshal Wild Bill Hickock hatte im letzten Jahr einen Saloonbesitzer erschossen, worauf die Texaner die Stadt mieden. Sie leiteten ihre Herden um und suchten sich neue Verladebahnhöfe. Newton wurde die neue Hauptstadt der Rinderwirtschaft. Abilene starb. Die beiden Männer erreichen den Wagenhof. Gegen Mittag soll eine Kutsche nach Süden aufbrechen. Sie bringen ihre Pferde in die Scheune und satteln ab. Im Gästeraum finden sie ein Ehepaar. Ein Handlungsreisender, der seine Ehefrau dabei hat. McCluskie hat einen Blick dafür. Und an einem separaten Tisch sitzen drei vornehme Ladies. Eine rothaarige Frau mit markanten Gesichtszügen. Das Alter ist schwer auszumachen. Sie hat grüne Augen. Ihre Kleidung ist eher unauffällig, sieht aber teuer aus. Dann eine junge Frau mit chinesischen Zügen. Das Haar ist glatt und schwarz, die Augen haben einen schrägen Stellwinkel. Ihr Gesichtsausdruck ist energisch und sie trägt einen Hut mit breiter Krempe, der an einen mexikanischen Sombrero erinnert. Und die dritte Frau ist schwarz. Das heißt: eigentlich nicht schwarz, sondern ihre Haut hat eine eher bronzene Färbung. Ihr Haar ist lockig. Ihre Nase eher schmal. Und sie hat nicht diese aufgewölbten Lippen, die man manchmal bei afroamerikanischen Menschen sieht. McCluskie ist elektrisiert: Diese Frauen sind hübsch. Sie passen nicht in diese Umgebung. Der Gedanke mit diesen Frauen in einer Kutsche nach Texas zu reisen hat etwas Erregendes.
Es ist eine Stagecoach mit sechs Sitzplätzen und vier Zugpferden, die mittags bereit steht. Ein Helfer lädt Taschen und Koffer auf das Dach, das mit einer Reling ausgestattet ist. Die Pferde müssen beruhigt werden. Der Fahrer, es ist Ohio Bill, ordnet die Zügelleinen und besteigt seinen Bock. Als erstes kommt das Paar auf den Hof. Die drei Frauen folgen. McCluskie gibt Zeichen. Riley klettert neben den Fahrer auf den Bock und McCluskie nimmt neben dem Handlungsreisenden in der Kutsche Platz. Dann geht es los. Hufe trommeln. Es rattert. Staub wirbelt auf und die Fahrkabine schaukelt in ihren Aufhängungen. Nach einer Weile ergreift McCluskie die Initiative: „Mein Name ist McCluskie, Mike McCluskie. Ich bin Marshal aus Newton. Ich habe nicht gedacht, dass ich mit so schönen Ladys reisen werde. Und ich kann euch versichern, dass ihr unter meiner Obhut steht. Ihr werdet auf dieser Reise so sicher sein, wie in Abrahams Schoß.“ Jetzt meldet sich der mitreisende Mann: „Ich bin George Dickel. Ich vertreibe Whiskey. Das ist bester Schnaps aus Tennessee. Man schreibt unseren Whisky übrigens ohne „E“. Neben mir, das ist meine Ehefrau Augusta.“ Diese verzieht ihren Mund zu einem säuerlichen Ausdruck. „Darf man fragen, wo ihr herkommt?“ Die Frau mit den roten Haaren erwidert: „Boston!“ Die dunkelhäutige Frau schiebt „Washington!“ nach. Und das Mädchen mit chinesischen Gesichtszügen antwortet: „San Francisco!“ Dann ist es lange still. Nur das Rattern und die Fahrgeräusche bestimmen das Lautgeschehen in der Kutsche. Augusta beginnt ein Gespräch mit ihrem Ehemann: „Also, dass ich mal mit Negern und Chinesen in einer Kutsche reise, das habe ich mir nie erträumen lassen.“ Sie nimmt ein Taschentuch und wedelt damit vor ihrer Nase. „Aber die neuen Zeiten!“ Sie macht ein resigniertes Gesicht. Dann ergreift McCluskie das Wort: „Madam, es ist ganz egal, welcher Herkunft eine Frau ist. Hier in Texas geben wir Männer unser Leben für jede Frau!“ Und dann wendet er sich an die drei Frauen: „Ich bin Marshal, ihr müsst euch keine Sorgen machen. Die Räuber hier im Land sind große Maulhelden. Solange ich bei euch bin, habt ihr nichts zu befürchten.“
Sie passieren Henshoe Springs, Bear Creek und Eaten Springs. Dann durchfahren sie den Arkansas River und erreichen Chalk Bluff. Hier gibt es Schlafgelegenheiten. Ein gewisser Ben O’Hara führt die Station zusammen mit seiner Frau Maria. Es gibt Essen und Trinken nach vier Stunden brechen sie wieder auf. Sie erreichen die Flint Hills und fahren durch Prärie, die mit Tall Grass bewachsen ist. Es ist Frühling und überall leuchten gelbe Blüten. Grashalme strecken ihre vielfingerigen Halme in den Himmel. Sie kommen auf einen Geländeeinschnitt zu, der durch zwei Hügel eingefasst ist. Und dann passiert es: Schüsse stoppen die Kutsche. Vier Männer stehen plötzlich auf dem Fahrweg. Ohio Bill bekommt sein Fuhrwerk in einer riesigen Staubwolke zum Stehen. Die Männer haben ihre Halstücher vor das Gesicht gebunden. Der vermeintliche Anführer lässt sich hören: „Alle raus! Wir haben einen Mann auf der Anhöhe. Der hat ein Büffelgewehr und wird hier alles kurz und klein schießen, wenn jemand denkt, den Helden spielen zu wollen. Sein Blick zielt auf die Männer der Reisegesellschaft. Als erstes klettert der Marshal aus der Kutsche. Er ist kreidebleich, sieht sich in der Runde um und wirft seine Waffe auf den Weg. Dann kommt George Dickel umständlich heraus, hilft seiner Frau Augusta und sieht ängstlich auf die Maskierten. Zuletzt verlassen die drei Frauen die Kutsche. Der Wortführer der Wegelagerer sieht sich im Fahrgastraum gründlich um, wendet sich an den Fahrer: „Warum habt ihr verdammt noch mal keine Post dabei? Wo ist das Geld, oder wenigstens Gold?“ Ohio Bill macht ein unschuldiges Gesicht: „Wir kommen aus Abilene. Die Stadt ist so gut wie tot. Ist euch das entgangen?“ Flüche der Banditen folgen. Die vier scheinen sich zu beraten. Dann ist es wieder der Redner: „Also gut: Die Herrschaften überlassen uns ihre Brieftaschen!“ Es entsteht eine kleine Pause. „Und die jungen Weiber nehmen wir mit!“
Jetzt ist es McCluskie: „Das werden wir nicht zulassen. Ihr werdet keiner Frau was tun!“ Es ist nur eine kurze Ausholbewegung eines der Banditen und dann schlägt er dem Marshal mit dem Revolverlauf quer über das Gesicht. Es macht ein hässliches Geräusch und Blut spritzt. McCluskie taumelt und kann sich nur mühsam auf den Beinen halten. „Oh mein Gott! Oh mein Gott!“ ist von den drei jungen Frauen zu vernehmen. Die kleine Chinesin tänzelt auf der Stelle: „Ich muss in die Büsche. Ich muss mal. Mein Gott, mir ist sowas von schlecht!“ Ihre Augen sind weit aufgerissen und drücken eine Bitte aus. Der Anführer macht einen Wink mit seinem Revolver und die junge Frau verschwindet in den Büschen. Nur ihr dunkles Kleid schimmert durch die Zweige.
Dann ist die überbordende Stimme von Augusta zu hören: „Ihr habt doch diese Frauen. Warum lasst ihr uns nicht in Ruhe?“ Es folgt eine Weile der Stille. Dann ertönt ein scharfer Pfiff von der Anhöhe. Und augenblicklich erfüllt ein Stakkato von mindestens 8 oder 10 Schüssen die Luft. McCluskie hat sich zu Boden geworfen. Augusta die Hände vor das Gesicht geschlagen. Dann öffnet sie ihre Finger fächerartig und sieht ein Bild, was sie kaum glauben mag. Die Angreifer liegen im Staub. Die beiden Frauen haben Revolver in den Händen, aus deren Läufen sich dünne Rauchfahnen kräuseln. Und dann kommt das Chinamädchen den Hang hinunter. Sie hat rote Männerunterwäsche an. Sammelt ihr Kleid ein und zieht sich dies wieder über. Sie zaubert ein Grinsen in ihr Gesicht, das ein wenig schief wirkt. Alle sehen, dass sie Reitstiefel trägt. Die Rothaarige sammelt die Waffen ein und wirft sie in die Kutsche. McCluskie zerbricht innerlich. Er selbst war erledigt, und diese Frauen haben die Räuber besiegt. Diese rothaarige Frau hat alleine drei Männer abgeschossen. McCluskie gibt ein Zeichen zu Riley. Dieser soll in der Kutsche mitfahren. Er selbst wird auf dem Bock sitzen. Er kann es nicht ertragen, den Frauen in die Augen zu sehen.
Sie sind auf dem Weg zu Pont Creek. George Dickel versucht seinen Schoß mit den Händen zu bedecken. Aber die dunkle Färbung seiner Hose verrät, dass es zwischen seinen Schenkeln nass ist. Seine Frau Augusta hält ein Tuch vor ihr Gesicht und blickt mit großen furchtsamen Augen auf die drei Frauen. Sie bereut ihre bisherigen Bemerkungen und hofft inständig, dass die Frauen ihr das nicht übel nehmen. Sie fürchtet sich. George Dickel hat immer noch den Mund geöffnet und Riley gafft mit weit aufgerissenen Augen auf die Frauen. In seinem Blick sind Neugierde, Bewunderung und Hochachtung zu erkennen. Dann erreichen sie die Station. Ohio Bill lässt das Fuhrwerk in vollem Galopp in den Wagenhof einbiegen. Seine Stimme übertönt das Fahrgeräusch: „Hoi, ihr müden Kutschenretter. Ihr könnt es nicht glauben.“ Seine Stimme überschlägt sich: „Die Gungirls sind zurück!“
Drei Jahre zuvor: …
Der Criollo steht still. Beide Vorderhufe fest in das Kansasgras gestemmt, den Kopf erhoben, und es sieht aus, als habe der Mustang die Brust herausgestreckt. Gato zeigt alle Anzeichen von Stolz. Gato, was so viel wie Katze heißt, gehört als Criollo zu den zähesten Pferden der Welt. Nur mittelgroß mit kräftigen Fesseln und harten Hufen. Das Fell ist stichelhaarig und grau. Die Augen sind freundlich, und er bildet mit seinem Reiter eine Einheit. Es ist offensichtlich: Pferd und Mann gehören zusammen.
Der Mann sitzt aufrecht im Sattel. Er hat beide Hände auf den Sattelknauf gestützt. Seine Haltung wirkt lässig. Er ist groß, trägt die in Texas typische Weidekleidung. Sein Haar ist schwarz wie die Nacht. Ist schon seit Wochen nicht geschnitten. Im Gesicht sprießt ein Bart. Herausstechend ist die große Nase, die Augen sind wach, und sie sind eisgrau. Es ist Matthew Theodore Starretter, und auch er verbreitet eine Aura von Stolz.
Die Luft ist noch warm, die Wolken verdecken den größten Teil des Himmels und legen sich wie ein weißer Schleier vor die Sonne. Von Süden weht ein beständiger Wind und lässt die Grashalme der Prärie durch ihre Bewegungen wie ein wogendes Meer erscheinen. Vor ihnen schlängelt sich der Arkansas River. Schlammig und angriffslustig wie ein auf der Lauer liegendes wildes Tier. Sie müssen durch diesen Fluss. Sie, das sind 9000 Longhorns, eine Remuda von mindestens 60 Pferden, zwei Chuckwagons und 30 Treiber. Aufgebrochen sind sie am 8. Mai 1869 im Rio Grande Tal bei San Antonio. Jetzt nach über 1000 Meilen harter Strapazen stehen sie vier Tage vor Abilene.
Es ist Ende August. Der Stolz hat einen guten Grund.
Ein leichter Druck mit den Schenkeln lenkt den Criollo Richtung Fluss. Gato scheint zu wissen, wonach sie suchen. Immer wieder geht er ins Wasser. Er schnaubt und stößt ein Wiehern aus. Dann finden sie eine seichte Stelle ohne Treibsand, wo der Arkansas überquert werden kann. Matt, wie er von seiner Schwester gerufen wird, markiert die Stelle mit losen Ästen, die er am Ufer findet. Und dann macht er sich auf den Weg zurück zur Herde. Ein letzter Blick zu den aufziehenden Wolken sagt ihm, dass Regen bevorsteht. Er registriert ein leichtes Vibrieren der Flanken. Auch Gato hat die nahende Wetterveränderung bemerkt. Es kommt also was auf sie zu.
Das Erste, was Matt sieht, ist Staub. Aufgewirbelt von 36 000 Hufen. Die Pferde gar nicht eingerechnet. Dann sieht er den Chuckwagon. Der Mann auf dem Bock winkt Matt zu. „Hoi Captain! Gehen wir heute noch über den Fluss?“ Es ist Yellow Sheen, einer der zwei Köche. Yellow ist Chinese, deshalb wird er allenthalben Yellow gerufen. Sheen ist die Abwandlung seines eigentlichen Namens. Der Mann heißt mit richtigem Namen „Chin“. Matt reitet auf den Chuckwagon zu: „Yellow, du alter Bauchbetrüger! Ich habe eine Furt markiert. Du kommst da ohne Probleme durch. Schlage am gegenüberliegenden Ufer ein Lager auf. Wir müssen noch heute über den Fluss!“ Yellow nickt Matt zu, ändert geringfügig die Fahrtrichtung und strebt der angegebenen Furt zu. Yellow hat Matt mit „Captain“ angeredet. Das ist der Tatsache geschuldet, dass Matt im Rang eines Captains der Südstaatenarmee aus der Kriegsgefangen schaft entlassen wurde. Die Anrede hatte sich im Süden von Texas Matt gegenüber erhalten. Außer bei seiner Schwester, die die Ranch „Wild Horses“ nach dem Tod des Vaters und der Abwesenheit der drei Brüder alleine durch die Zeiten des Krieges gebracht hat. Hier im Norden kennt man Matt als „Hawk“, „Black Hawk“. Matt war als Kind zu einer Großtante nach Gallatin in Missouri geschickt worden, um auf dem Jewell College in Liberty Lesen und Schreiben zu lernen. Der Ehemann der Großtante war Büchsenmacher und Matt musste früh in der Werkstatt helfen. Weil seit dem 15. Geburtstag kein Geld für Kost und Logis mehr eintraf, wurde Matt ein sogenannter Wilder Junge, der für sich selbst sorgen musste. Und er machte sich einen Namen: Der junge Matt hatte ein Präriehuhn erjagt. Dann hatte er das Gelege gefunden. Sechs kleine braun gesprenkelte Eier lagen im Gras verborgen. Matt nahm ein Ei an sich und trug dieses nahezu acht Wochen in einem gepolsterten Säckchen um seinen Hals, in der Hoffnung, auf diese Weise ein Leben retten zu können. Mitschüler und Freunde zogen ihn auf, weil aus dem Ei kein Falke, sondern lediglich ein Hühnchen schlüpfen würde. Der Spottname „Hawk“ war geboren. Und er war nicht freundlich gemeint. Das unausgebrütete Ei ging bei Rangeleien unter den Jungs verloren und war bald vergessen, der Name blieb und wurde zu Matts Kampfnamen in den Auseinandersetzungen unter den jugendlichen Herumtreibern.
Matt wird aus seinen Gedanken gerissen. Ein Reiter stürmt auf ihn zu. Es ist einer der beiden Wrangler. Matt erkennt Abooksigun, oder kurz: Abbo, wie dieser Iroquet von allen genannt wird. Abbo war aus dem Norden, wahrscheinlich Kanada, mit einem Wagenzug bis in den Süden von Texas gelangt. Er hatte auf der Wild Horses Beschäftigung gefunden und ritt seit etlichen Jahren Mustangs zu. Jetzt war er zusammen mit Attu, einem Stammesbruder mit Namen Athunowhiho, für die Remuda zuständig. Abbo schwenkt seinen großen breitkrempigen Hut, einen sogenannten Chupalla. „Captain!“ Das Timbre im Ruf lässt erahnen, dass die Nachricht wichtig ist. Abbo nimmt die Zügel an und lässt die Schenkel anliegen. Sein Pferd bleibt genau neben Gato stehen. Beide Tiere können sich mit ihren Schweifen um die Nüstern schlagen. „Wir stießen auf Idaho Sam!“ Matt erinnert sich an diesen Mann. Ein sogenannter Pelzjäger, ein Wanderer zwischen den Welten. Idaho Sam ist noch vom alten Schlag. Er lebt von dem Verkauf von Fellen. Er treibt Handel mit den eingesessenen Stämmen und den Weißen gleichermaßen. Matt ist überrascht. Er hat von Abbo selten mehr als fünf zusammenhängende Worte vernommen. Aber er ist sich sicher, dass dieser Indianer Lesen und Schreiben kann. Sein Instinkt sagt ihm das. „Keine Postkutschen von Abilene nach Süden!“ Das waren jetzt schon sechs Wörter. Die Nachricht ist für Abbo also ziemlich bedeutend. „Schon seit Wochen.“ Das ist jetzt wirklich interessant. „Wegen Überfälle …“ Abbo grinst schief und macht die Augen weit. Matt ist alarmiert. „Danke Abbo! Gut gemacht!“ Der Iroquet lässt seinen Mustang über die Hinterhand wenden, und dann saust er auch schon davon. Der Indianer hatte die Mitteilung für seine Verhältnisse in epischer Breite übermittelt. Wenn da etwas dran wäre, dann ist der Trail in Abilene noch nicht beendet. Sie müssten auch das eingenommene Geld irgendwie in den Süden schaffen. Es stand Ärger bevor.
Matt sieht dem Iroquet nach. Es ist jedes Mal ein erstaunliches Bild, wie der Mann mit dem Pferd verwachsen scheint. Dann schält sich die Herde aus dem Staub. Als erstes erscheint ein riesiges Tier, Old Mossy, der Leitstier. Ein Seil, das an einen Nasenring geführt ist, wird von Wesley Moss gehalten. Wesley ist ein Treiber, der regelmäßig im Frühjahr auf der Ranch anheuert, nachdem er den Winter als Grubline-Reiter von Ranch zu Ranch gezogen ist und im Gegenzug für kleine Verrichtungen tageweise Essen und Unterkunft erhalten hatte. Und auch Jonathan Fischer ist da. Josh, wie er genannt wird, ist einer der drei Herdenführer. Die riesige Herde ist in drei Verbände aufgeteilt. Josh führt den ersten. Dieser Mann ist jünger als Matt. Sie haben sich im Krieg kennen gelernt. Josh war Matts First Lieutenant. Sie kamen nach der Niederlage der Südstaaten in Appomattox und anschließender Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft mit drei weiteren Kameraden auf Matts Heimatranch, der Wild Horses in Texas.
Josh kommt sofort auf Matt zu. „Hoi Captain! Sieh dir den Himmel an! Wir werden nach Abilene schwimmen müssen. Was ist dein Plan?“ Beide richten ihre Blicke in die Wolken. Es sind riesige Gebilde, die ihnen von Norden her entgegenkommen. Es ist verwunderlich, da ein leichter Wind zu spüren ist, der von Süden, also genau entgegengesetzt, weht. Josh schiebt seinen Hut in den Nacken. Er setzt eine ehrfürchtige Miene auf. Die Wolken türmen sich vor ihnen und sehen aus wie riesige Ambosse mit einem großen Schirm. „Captain! Die Jungs machen sich Sorgen. Bisher hatten wir Glück.“ Matt gönnt sich einen letzten Blick auf das Himmelsschauspiel. Dann sieht er die Herde, die in langer Reihe an ihnen vorbeizieht. Ein weiterer Reiter schält sich aus dem Staub. Es ist Stap Quarry. „Hoi Captain! Das sieht böse aus. Aber du kannst dich auf uns verlassen. Wenn es sein muss, spucken wir dem Teufel ins Maul!“ Der Mann gibt Druck auf die Schenkel und seine Stute macht einen Satz. Und dann sind Mann und Pferd wieder im Staub verschwunden. Zuversicht macht sich bei Matt breit. „Josh! Wir müssen heute noch durch den Fluss. In einer Stunde will ich alle drei Herdenführer bei mir sehen. Sorge dafür!“ Josh schlägt sich den Staub von den Schenkeln. „Captain, Samuel Ulweide wird mit Sicherheit auch dabei sein wollen. Er ist schließlich der Rancher und somit der Boss von Sly. Ulweide will heute nicht mehr durch den Fluss.“ Matt stößt scharf die Luft aus. „Josh! Schaff die Herdenführer her. Sly ist nicht dumm. Und mit Ulweide werde ich fertig.“ Josh deutet einen Gruß an, dann ist er weg.
Matt erkennt weitere Treiber, die mit ihren Lassos schwenken und die Rinder in der vorgesehenen Richtung halten. Es sind alles Männer aus Texas. Männer, die alle Entbehrungen des bisherigen Rindertriebs ohne Klagen ertragen haben. Matt ist sich sicher: sie werden die Herde noch heute über den Arkansas River schaffen. Männer aus Texas können das. Auch nachdem sie bereits zwölf Stunden im Sattel verbracht haben. Matt kommt ins Schwärmen. Er hat Glück mit seiner Mannschaft. Hart, tüchtig, tapfer und loyal. Diese Männer schreiben Geschichte. Und es sind diese Männer, die dieses unbarmherzige Land bezwingen und für all die neuen Siedler öffnen, die aus dem Osten nach Westen dringen. Matt fällt ein Satz ein, den er irgendwo gehört hat: „Texas ist gut zu Männern und Hunden, aber bitter für Frauen und Rinder“. Matt denkt an seine Schwester. Auch Frauen stehen ihren Mann. Das Land fordert auch ihnen alles ab. Deshalb brauchen sie auch der Männer Schutz. Kein Texaner wird eine Frau in Not allein lassen und er wird jeder Frau mit Wertschätzung und Höflichkeit begegnen. Matt tätschelt Gato am Hals, gibt ein kurzes Kommando, und der Criollo reagiert sofort. Mit langen, gleitenden Sprüngen trägt er seinen Reiter vor die Spitze der Herde.
Es dauert nicht lange, dann ist Josh wieder da. Er hat Paco Hernandez zur Seite. Dieser Mann war in Kriegszeiten die rechte Hand von Susan Starretter und führt auf dem Trieb die zweite Herde. „Hoi Captain! Stimmt es, dass der Arkansas vor uns liegt? Diese gehörnten Biester scheinen das Wasser zu wittern.“ Matt erkennt zwei weitere Reiter. Der eine ist Sly Haggerty. Der andere sitzt auf einem gewaltigen Wallach. Es ist Ulweide. Matt erkennt die blutigen Wunden an den Flanken des Tieres. Ulweide trägt Sporen. Dieser Mann hält direkt auf ihn zu. Zwei Fuß vor Starretter zügelt der Boss der Cattle Skull Ranch sein Quarter Horse. „Starretter! Was für eine Teufelei hast du dir jetzt wieder ausgedacht? Mein Vormann behauptet, wir müssten noch heute durch den Fluss.“ Der Mann hat ein rotes Gesicht. Seine Stimme bebt. Ulweide hat die Augen zusammengekniffen. Er ist wütend und er hat augenscheinlich getrunken. „Wenn wir heute noch durch den Fluss gehen, verlieren wir die Hälfte unserer Rinder!“ Matt richtet seinen Blick in den Himmel, und er erkennt das Unheil: „Wenn wir heute nicht durch den Fluss gehen, dann verlieren wir mindestens die Hälfte der Rinder!“ Matt spürt, wie ihm das Adrenalin in das Blut strömt. Josh, Sly und Hernandez halten sich im Hintergrund. Ulweide hat sein Pferd seitwärts gestellt, so dass seine Revolverhand verdeckt ist. Der Mann nimmt eine leicht gekrümmte, angespannte Haltung an. Die Augen blinzeln tückisch. Ein Hauch von Gewalt liegt plötzlich in der Luft. Matt ist nun doch verblüfft, dass Ulweide es auf eine Konfrontation anlegt. Sie waren sich auf dem Trail aus dem Weg gegangen und hatten nur das Notwendigste besprochen. Immer war Matt der anerkannte Treibboss gewesen. Dieser Umstand hatte am Selbstbewusstsein von Ulweide genagt. Ulweide war Matts Feind geworden. Augenblicklich erkennt Matt bei dem Rancher eine Augenbewegung und zieht gedankenschnell seinen Revolver. Ulweide hat seinen Revolver ebenso in der Hand, aber noch gar nicht aus dem Holster. Er schnaubt, wirft einen vernichtenden Blick auf Matt, wendet sein Pferd, und dann schlägt er die Sporen in die Flanken seines Tieres und galoppiert davon.
Matt stößt die angehaltene Luft durch die Nase aus. Mit einer entschlossenen Bewegung stößt er seinen Revolver in den Holster. „Sly! Muss ich dir erklären, was diese Wolken für eine Bedeutung haben?“ Matt macht eine Handbewegung himmelwärts. „Wenn du deiner Ranch einen guten Dienst tun willst, dann sorge dafür, dass deine Männer eure verdammten Biester noch heute über den Arkansas schaffen!“ Matt wundert sich ein wenig, dass der Vormann seinem Boss nicht zur Seite gesprungen ist, und auch nun sehr ruhig, fast distanziert, wirkt. Aber dann fasst Sly Haggerty sich an den Hut, was wohl einen Gruß andeuten soll. Das Nicken seines Kopfes signalisiert Zustimmung und ein raues „Captain!“ ist zu hören. Er schnalzt mit der Zunge, seine Stute springt an und dann ist der Mann weg. Josh und Hernandez sehen ihm nach. Der Mexikaner richtet sich an Matt. Er klingt nachdenklich. „Das war abzusehen. Ich wundere mich nur, dass Ulweide so lange Ruhe gegeben hat. Der Mann muss ja platzen vor gekränkter Eitelkeit!“ Matt setzt sich seinen Hut zurecht, wischt sich über das Gesicht und schnaubt hörbar. „Ulweide weiß genau, dass er sich eine blutige Nase holt, sollte er sich mit mir anlegen. Aber haltet trotzdem Augen und Ohren offen. Josh! Sorge dafür, dass die Treiber die Herde auseinanderziehen. Drückt in die Flanken! Es dürfen nicht zu viele Tiere gleichzeitig im Wasser sein. Hast du gehört, Hernandez? Das gilt auch für deine Mannschaft.“ Der Mann spuckt einen nassen Pfriem in den Sand, sortiert die Zügel in seiner linken Hand und deutet mit zwei Fingern seiner Rechten an die Hutkrempe, was fast an einen militärischen Gruß erinnert. Ein leises Kommando ist zu hören und sein brauner Hengst, ein sogenannter Morgan, setzt sich in Bewegung und trägt den Mexikaner mit spielerischer Leichtigkeit mit satten Sprüngen aus dem Sichtfeld von Matt und Josh. Dieser legt beide Hände auf den Sattelknauf und lehnt sich vor. Josh hat noch etwas auf dem Herzen, was Matt mit aufkommender Ungeduld registriert. „Sag mal, Captain … die Jungs sind schon ganz heiß auf Abilene. Du warst doch schon mal da. Gibt es da das berühmte Honey Bee House? Sind die Weiber so scharf, wie alle Welt erzählt? Die Männer wollen wissen, ob Flora, die Tonne und Annie mit dem Glasauge auch in der Stadt sind.“ Matt hat einen gereizten Unterton in der Stimme: „Wenn die Kerle so neugierig sind, dann sollen sie verdammt ihre Arbeit tun. Dann werden sie spätestens in einer Woche alles selber sehen. Los Josh! Tritt deinen Männern in den
Arsch! Wir müssen heute noch über den Fluss!“
Matt treibt Gato an. Er will vor der Herde am Arkansas River sein. Rauhe Rufe sind zu hören. Dazu das Schnauben und M uhen von hunderten Tieren. Hufe trommeln über das spärliche Gras. Die Longhorns sind vom Tag müde und sie sind das Treiben gewohnt. Dennoch haben die Männer Mühe, die Rinder in eine lange Reihe auseinanderzuziehen. Diese Viecher wittern das Wasser. Treibpeitschen knallen. Im wilden Galopp versuchen die Treiber die Herde zu bändigen. Vereinzelt sind Revolverschüsse zu hören. Aber dann hat Matt den Eindruck, dass es einen einigermaßen geordneten Übergang durch den Fluss geben würde. Die Rinder scheinen sich dem Willen der Treiber zu fügen. Sie haben die Köpfe gesenkt, aber die Schwänze stehen in der Luft. Matt richtet seinen Blick nach Westen. Gato tänzelt nervös und Matt reißt die Augen verblüfft auf. Der Himmel ist im Westen grün. Es gibt schwarz-graue Abgrenzungen. Matt sucht in seinen Erinnerungen: ein Hagelsturm kündigt sich an. Matts Körper strafft sich. Er fühlt eine große Entschlossenheit. „Gato!
Los!“
Matt erreicht die von ihm markierte Furt. Er sieht Wagenspuren. Der Chuckwagon hat den Fluss bereits überquert. Dann kommen Wesley Moss mit Old Mossy, und sie gehen direkt in das Wasser. Der Leitstier lässt ein Brüllen hören. Die untergeordneten Leitstiere nehmen den Ruf auf. Und dann ergießt sich ein Leiberheer in die Fluten. Die Rinder trinken, werden von den nachfolgenden Tieren vorwärts getrieben. Streben den gegenüberliegenden Ufer zu, indem sie den Leittieren folgen. In der Mitte beginnen sie zu schwimmen. Werden ein Stück abgetrieben. Erreichen dann wieder Boden unter den Hufen und mühen sich auf das Gestade. Die Treiber schwimmen neben ihren Pferden indem sie sich am Sattel oder dem Schweif der Pferde festhalten. Dann sind die ersten Donnerschläge zu hören. Ein Regen bricht los. Zunächst sind es dicke Tropfen, dann werden sie zu Hagelkörnern. Die Männer ziehen ihre Jacken um die Körper und binden mit den Halstüchern ihre Hüte fest. Die Longhorns scheinen die Gefahr zu ahnen. Sie werfen ihre Schwänze hoch. Lautes Brüllen ist zu hören. Hörner stoßen aneinander. Und wie wilde Teufel jagen jetzt Männer auf ihren Mustangs um die halbwilden Longhorns. Sie schreien, sie schlagen und knallen mit den Lassoenden. Und wie ein endloser Lindwurm zieht sich ein Strom von Rindern durch den Arkansas River, der immer wilder wird. Hagel peitscht die Leiber und lässt die Sicht auf wenige Fuß schmelzen. Und immer wieder taucht eine große Reitergestalt auf. Es ist Matt auf seinem Criollo. Er scheint nahezu überall gleichzeitig zu sein. Wie ein Geist bewegt er sich durch das Gewühle. Trotz der Geschwindigkeit und der chaotischen Umstände wirken die Bewegungen sicher und gleitend, irgendwie leicht. Und Gato besitzt den Cow Sense. Diese unglaubliche teils angeborene, teils erlernte Fähigkeit, sich mit dem Reiter abzustimmen und dessen Vorhaben sogar im Voraus zu erahnen. Und dann sind sie durch.
Matt erklimmt mit Gato das von tausenden Hufen durchfurchte Ufer des Arkansas River, der inzwischen über drei Fuß angestiegen und zu einem tosenden Ungeheuer geworden ist. Die beiden Drag Riders tauchen auf. Es sind die Treiber, die hinter der Herde herreiten und in der Regel den Staub abbekommen. Diesmal war es Wasser, und die beiden sehen aus wie tausend nasse Biber. Sie haben die Krägen ihrer Jacken hochgeschlagen und die Hüte tief ins Gesicht gezogen. Trotz der inzwischen eingetretenen Dunkelheit kann Matt einen Ausdruck in ihren Augen erhaschen. Die Männer sind total erschöpft, aber sie strahlen Energie und eine Menge Stolz aus. Und auch Matt empfindet Stolz. Sie haben wieder was erreicht, was nur Männer erreichen können. Männer aus Texas, stark, loyal und frei. Die beiden Treiber ziehen den Rindern hinterher und sind bald in der Dunkelheit verschwunden. Plötzlich ist Sly Haggerty da: „Gut gemacht, Captain!“ Auch Sly hat den Kragen hochgeschlagen. Er hat sich zusätzlich mit dem Halstuch seinen Hut auf dem Kopf gebunden. „Wären wir jetzt nicht übergesetzt, hätten wir mindestens zwei Wochen auf der Südseite des Arkansas festgesessen.“ Ein Blitz taucht die Weide in grelles Licht. Matt muss unwillkürlich die Augen schließen, erkennt aber hinter Sly eine Gestalt in der Dunkelheit. Es ist ein Reiter auf einem riesigen Pferd. Ulweide! Unwillkürlich duckt er sich und tastet nach seinem Revolver unter der Jacke. „Keine Angst, Captain!“ das ist Sly. „Ich habe meinem Boss klar gemacht, dass wir unseren Trailboss noch bis Abilene nötig haben.“ Matt erkennt ein unergründliches schiefes Grinsen im Gesicht des Vormannes. Dann macht dieser sich auf den Weg der Herde hinterher. Und auch Ulweide ist verschwunden. Für einen einzigen Moment empfing Matt einen Hauch von Hass, der ihm von dem Mann im Schatten entgegenwehte. Matt beugt sich weit nach vorne, streicht Gato über den Hals und flüstert: „Gut gemacht, mein Junge! Wenn wir beide zusammenhalten, dann schaffen wir auch noch diese letzten lächerlichen Meilen nach Abilene.“
Der Hagel hat sich in Regen verwandelt, und die Abfolgen von Blitzen lassen nach, so dass es stockdunkel ist. Hinter Matt rauscht der Arkansas als reißender Fluss. Gato setzt sich in Bewegung und folgt der Herde. Matt verlässt sich vollkommen auf die Instinkte des Criollo. Traumwandlerisch findet Gato seinen Weg um die Rinder, die sich in weiter Runde abgelegt haben. Dann erreicht er das Lager. Die Männer sitzen unter Planen oder haben sich Decken umgeschlagen, die mit einer Mixtur aus Schwefel und Kautschuk behandelt wurden. Die Wassermassen, die aus dem Himmel fielen, konnten so nicht an die bereits geschundenen Körper der Reiter dringen. So manche richteten ein Dankgebet in den Himmel, wo sie einen gewissen Charles Goodyear wähnten. Und Yellow hat das Kunststück fertig gebracht, unter einer Plane ein Feuer anzufachen, das lange genug brennen könnte, um einen heißen Kaffee zu brühen.
Auch der nächste Tag verspricht keine Wetterbesserung und der Arkansas River ist unpassierbar geworden. Matt ist ständig unterwegs und spricht mit den Männern und er muss unaufhörlich Fragen beantworten: „Welche Mädchen werden sie in Abilene treffen?“, „Ist das Bier kalt genug?“, „Werden Badebottiche mit warmen Wasser und wohlriechenden Seifen bereitgestellt?“, „Wird in den Spielsaloons fair gespielt“, und immer wieder die Frage nach den Frauen, wie hübsch diese seien, und ob man Spaß mit ihnen haben könne. Die mexikanischen Treiber sind zurückhaltender, aber Matt ist sich sicher, dass diese auch ihren Spaß in Abilene finden werden. Nach drei Tagen klart der Himmel auf und verspricht eine glückliche Fortsetzung des Trails. Aber Matt spürt es mit seinem Instinkt: Das Unwetter war die Ankündigung noch größerer Schwierigkeiten in Abilene. Und er sollte recht behalten.
„Hoi, Hoi, ihr Heldensöhne! Raus aus den Decken! Eure wilden Tanten sind schon auf dem Weg.“ Sunday Doc lässt seine rauhe Stimme über das Camp ertönen. Yellow schlägt mit Kellen an leere Töpfe. Es ist die Stunde vor Sonnenaufgang, in der alle Dinge dieser Welt grau erscheinen. Der Duft von frisch gebrühten Kaffee strömt über das Lager und die Ahnung von Bohnen und Speck lässt die Lebensgeister der Männer erwachen. Es wird lebendig im Camp. Männer schälen sich aus den Decken, verschwinden in den Büschen, um sich zu erleichtern und gehen zum Fluss, um sich zu waschen. Rufe sind zu hören. Die Stimmung ist gut. Der strömende Regen hat abrupt geendet. Das Unwetter ist vorbei. Der Tag verspricht regenfrei zu werden. Abilene ist höchstens noch fünf Tage entfernt. Das Ende ihrer Mühen und das Versprechen auf alle Sünden dieser Welt ist in greifbarer Nähe. Die Stimmung im Lager hellt auf. Vereinzelt ist Lachen zu hören. Euphorie macht sich unter den Männern breit.
Matt Starretter ist schon seit einer Stunde auf den Beinen. Er ist die Herdenwächter abgeritten und kommt nun vor den Chuckwagon. „Kaffee, Captain!“ Yellow reicht einen großen Becher mit einer Brühe, die Tote aufwecken könnte. Matt nimmt sich einen Teller und lässt sich Bohnen mit Speck geben. Dann hockt er sich auf Cowboyart auf die Absätze und lässt sich dieses einfache Frühstück schmecken. Yellow hatte wohl noch Zwiebeln, Tomaten und diverse Gewürze bis ans Ende des Trails gerettet. Das Frühstück ist ein Gedicht. Matt kann sich ein Schnalzen mit der Zunge nicht verkneifen. Nacheinander treffen die Herdenführer ein. Josh ist der erste. Dann ist Paco da. Beide bekommen einen Becher Kaffee. Paco schielt auf die Pfanne mit den Bohnen. Yellow hat ein Einsehen und verteilt großzügig Frühstück. Sly Haggerty nähert sich mit sichtlich steifen Gliedern, stopft sein Hemd in die Hose, stampft mit den Füßen die Stiefel passend und lehnt sich an die Wandung des Küchenwagens. Auch Abbo ist da, hält sich aber im Hintergrund. Die Stimmung der Männer ist gelöst. Es ist nun nicht gerade so, dass sich alle mögen, aber man spürt den Respekt, den sie voreinander haben. Und sie überlassen Matt das erste Wort.
„Die Herden haben sich vermischt.“ „Das wird Ulweide nicht gefallen,“ bemerkt Sly mit einem besorgten Unterton. „Wir verlieren mindestens zwei Tage, wenn wir die Viecher sortieren wollen“, mischt sich Josh ein. „Nein, das werden wir nicht. Wir treiben in drei Herden, zählen nach dem Verkauf die brands und machen dann unter uns die Rechnung glatt. Sly, bring das Ulweide irgendwie bei! Garantiere ihm, dass wir jedes Rind genau abrechnen. Du hast dafür mein Wort.“ „Captain!“ Abbo zieht eine Grimasse und macht Zeichen mit seinen Händen. Die Unsicherheit ist für alle zu spüren. „Noch was, Leute, Abbo hat Idaho Sam getroffen. In Abilene hat es wohl Veränderungen gegeben. Die Bösen der Stadt haben eine Führung bekommen. Wir können mit Problemen rechnen. Ich werde morgen früh vorausreiten und die Lage erkunden. Josh, Du hast dann die Führung. Meiner Berechnung nach haben wir die Herde in vier Tagen am Smokey Hill River. Und die Tiere haben dann auch Fleisch angesetzt. Vor uns liegt nur noch saftige Weide.“ Die Männer haben gegessen und Kaffee geschlürft. Selbst Abbo hat einen Becher schwarze Brühe getrunken. Sie werfen nacheinander das Geschirr in die Waschschüssel und gehen langen Schrittes, aber irgendwie lässig zu ihren Mannschaften.
Dann kommt Leben ins Lager. Männer werfen ihre Bündel in die Chuckwagons und als erster jagt Josh mit seinen Leuten los. Dann sind Slys Männer in den Sätteln. Paco hat nicht den Ehrgeiz, sich in jeder Situation auf einen Wettstreit einzulassen.
Seine Vaqueros verlassen das Lager gemessen, aber zielstrebig. Die Herde hatte sich zwei Tage im niederprasselnden Regen geduckt. Sie sind ausgeruht. Es wird einige Arbeit machen, sie wieder auf den Weg zu bringen. Im Osten stehlen sich die ersten Sonnenstrahlen in die Nacht. Matt reitet an die Spitze der Herde. Die Männer scheuchen die Longhorns auf und drängen sie nach Norden. Old Mossy, der Leitstier ist schon auf dem Weg. Wesley Moss hat ihn am Nasenring. Matt reitet an seine Seite. Wesley tippt mit seinen Fingern an die Hutkrempe, was einen Gruß andeuten soll. Beide Männer reiten schweigend nebeneinanderher. Vor ihnen ergießt sich eine weite Ebene von Graslandschaften. Nebel kommen auf. Die Sonne übernimmt das Regiment und wärmt den durchnässten Boden. Wie Dämonen aus einer anderen Welt schälen sich die gehörnten Köpfe der ziehenden Herde aus dem aufsteigenden Dunst. Abilene liegt fünf Tage weit im Norden, am Ende eines über tausend Meilen langen Trails. Timothy Hersey hatte dort 1857 eine Postkutschenstation errichtet. Seine Frau Eliza hatte diesen Platz Abilene genannt, was im Hebräischen so viel wie „Stadt in der Ebene“ bedeutet. Um diese Station herum hatte sich eine kleine Stadt gegründet. Hersey gehört zu den Gründungsvätern und sollte immer noch einen gewissen Einfluss auf die Geschehnisse haben. Matt hatte bereits Postkutschen für Hersey als Gunman begleitet. Die beiden Männer vertrauen einander. Matt beschließt, Hersey am Abend des übernächsten Tages zu einem Gespräch aufzusuchen.
Die Herde ist auf dem Weg und zieht gemächlich, aber zielstrebig gen Norden. Der Boden ist aufgeweicht. So viel Wasser, wie die letzten Tage vom Himmel fiel, konnte gar nicht versickern. Dafür ist das Gras frisch und der Himmel ist blau. Ein leichter, eher kühler Wind aus dem Norden lässt den nahenden Herbst erahnen. Ein Chuckwagon überholt die Herdenspitze.
Yellow hebt die Hand zum Gruß. Der Chuckwagon wird einige Meilen voraus mit dem Mittagessen auf die Jungs warten und sie versorgen. Matt wendet Gato und reitet die drei Herden ab. Redet mit den Treibern und trifft mit Ulweide zusammen. Dieser wirkt abweisend. Es gibt auch keine Begrüßung. „Ich reite morgen nach Abilene und sehe mir an, was sich da getan hat. Ich habe Josh in meiner Abwesenheit zum Treibboss bestimmt.“ Matt versucht diese Nachricht geschäftsmäßig klingen zu lassen und er kann erkennen, dass Samuel Ulweide die Lippen zusammenpresst und seine Wangen blass werden. „Du lässt auch nichts aus, Starretter!“ Ulweide spuckt die Worte förmlich in die Luft. Aber hat sich sehr schnell wieder in der Gewalt. „Du traust mir die Führung nicht zu. Du hältst dich für besser. Wir werden sehen.“ Ulweide hebt die Zügel und macht mit den Knien Druck auf die Flanken. Der Wallach springt an und der Rancher galoppiert an die Spitze der dritten Herde.
Am Nachmittag reitet Matt der Herde einige Meilen voraus. Er kommt an einen Creek. Es müsste mehrere Bachläufe auf dem Weg nach Abilene geben. Dieser hier könnte der Sandy Creek sein. Der berüchtigte Sandy Creek, an dem 1864 die Armee ein Massaker an Cheyenne- und Arapaho-Indianern angerichtet hatte. Nach den vorausgegangenen Regenfällen ist aus dem Creek ein Fluss geworden. Allerdings kein Hindernis für die Rinder. Matt spürt Erleichterung. Es würde keine weiteren Verluste an Rindern nach den Ausfällen durch Texasfieber und „Zollabgaben“ an Indianer hinzukommen. Matt sieht einzelne Reitergruppen, die offensichtlich suchend Richtung Süden reiten. Matt hält Abstand, ist aber sicher, gesehen worden zu sein. In weitem Bogen reitet Matt zur Herde zurück. Es ist früher Abend. Die Rinder sind schon zur Ruhe gekommen. Matt reitet in das Lager. Die Männer sitzen um zwei Feuer. Es duftet nach Kaffee. Yellow teilt Essen aus. In einiger Entfernung hört man das Muhen und Gescharre der Huftiere. Und man hört das melodische Singen der Herdenwächter. Matt berichtet Josh von der weiteren Treibrichtung und von den Reitern. Drei dieser Herumtreiber waren im Camp. Josh erzählt von der Begegnung. Die Reiter hatten keinen vertrauenswürdigen Eindruck gemacht. Sie wirkten heruntergekommen, sie gehörten ganz offensichtlich zu den Verlorenen in diesen Zeiten der Nachkriegswirren. Aber Josh war überzeugt, sie waren im Auftrag hierher unterwegs. Sie stellten eine Menge Fragen und dann verschwanden sie, wie sie gekommen waren.
Der Abend verbreitet Kühle. Irgendwer klimpert auf einer Gitarre. Die Feuer brennen herunter. Die Jungs sind in ihre Decken gekrochen. Matt ölt seinen Smith & Wesson. Er bestückt die Trommel neu mit diesen neuartigen Patronen, die alle Zutaten der Hölle in sich haben und er präpariert eine Ersatztrommel, die sich nach dem Abschuss von sechs Patronen einfach neu einsetzen lässt. Dann nimmt er sich die Berdan Sharps Rifle vor. Es ist ein Scharfschützengewehr mit Stecherabzug. Dieses Gewehr hat zwei Abzüge und durch den Stecher lässt sich ein ganz geringer Widerstand für den Abzug einstellen. Man kann sehr präzise schießen. Allerdings kann die kleinste Berührung einen Schuss auslösen. Im Krieg wurden die Scharfschützenregimenter mit diesem Gewehr ausgestattet. Matt hatte in Waco eine gebrauchte Waffe erstehen können. Dann gurtet Matt seinen Pistolenhalfter ab. Er wird den Revolver morgen waagerecht vor dem Bauch tragen. Das Ziehen wird genauso einfach sein, wie aus einem Hüfthalter. Eher schneller, weil der Lauf nicht hochgeschwungen werden muss. Matt lässt sich von Yellow noch einige Schachteln Patronen geben. Dann legt er sich in seine Decken und schläft sofort ein.
„Hoi, Hoi, ihr Heldensöhne! Raus aus den Decken! Eure wilden Tanten sind schon auf dem Weg.“ Yellow lässt diesen Weckruf über das Camp erschallen und er rollt das „R“ aus dem Wort „raus“ mit Inbrunst. Damit wird immer wieder jedem Kuhtreiber klar, dass es Chinesen gibt, die auch R’s aussprechen können. Es kommt Leben in das Lager. Die Nacht war kalt, aber es wird ein sonniger Tag werden. Der Himmel am Abend hatte eine rötliche Farbgebung. Matt Starretter ist schon unterwegs. Yellow hatte Kaffee gekocht und Rauchfleisch und Trockenobst in einen Stoffbeutel gepackt. Matt lässt seinen Criollo laufen. Gato hat diesen geschmeidigen Gang, der das Reiten leicht macht – wie eine Katze eben. Die Sonne geht auf und Nebel legen sich über das Land. Matt hält sich östlich und trifft auf den Wagenweg nach Abilene. Das Reiten ist nicht unbedingt leichter. Tiefe Wagen spuren haben sich in den Grund gefurcht. Die Grasnarbe ist zertreten. Aber Matt reitet jetzt auf dem Trail, den Jesse Chisholm mit Versorgungsstationen ausgestattet hatte. Timothy Hersey richtete Poststationen ein, wo Pferde für die Postkutschen gewechselt werden konnten. Der Weg wirkt verlassen. Hier sind schon seit Tagen keine Kutschen verkehrt. Matt erkennt es aus den Wegspuren. Zudem hatte Idaho Sam entsprechende Informationen gegeben. Dann erreicht er die ersten Ausläufer der Rinderstadt.
Matt sieht Rauchsäulen. Weggeworfene Gegenstände säumen den Weg. Zelte stehen unsortiert in der Gegend. Feuer brennen. Überall liegen Stapel mit Brennholz. Wagenzüge mit allerlei Ladung stehen zu Burgen aufgereiht. Es stinkt. Männer gruppieren sich um Feuer und lagern an Chuckwagons. Matt erkennt, dass sich ganze Treibmannschaften hier aufhalten. Reiter sind auf der Straße unterwegs. Matt lenkt Gato im Schritt nach Abilene hinein. Er sieht eine Tafel, auf der eine Nachricht mit roter Farbe aufgemalt ist. Die Tafel ist mit hunderten Einschusslöchern unlesbar. Es ist eine richtige Stadt entstanden. Mit festen Häusern, Plankenwegen, Seitenstraßen und Geschäften, Werkstätten und Saloons. Sie ist überfüllt mit Menschen. Matt dirigiert Gato durch das Gewühl zur Poststation, die am Anfang der Hauptstraße liegt. Es ist Abend und kurz vor Sonnenuntergang. Ein Mann tritt ihm entgegen. Er ist klein und hat krumme Beine. Matt zügelt Gato, steigt ab, nimmt sein Bündel und die Rifle. „Shorty, kümmere dich um mein Pferd! Ich muss mit Hersey sprechen.“ Shorty heißt sicherlich nicht Shorty, aber er hat verstanden, dass dieser Besucher einen guten Grund hat, mit Timothy Hersey zu sprechen. „Im Büro. Immer geradeaus!“ Der kleine Krummbeinige wendet sich um und nimmt Gato an die Zügel, tätschelt seinen Hals.
Matt betritt die Poststation, geht mit langen Schritten über den Flur bis zur Tür, klopft an und betritt, ohne ein „Herein!“ abzuwarten, ein geräumiges Büro. Timothy Hersey sitzt hinter einem prachtvollen Schreibtisch. Drei weitere Männer sind im Raum. Einer lümmelt in einem geräumigen Sessel. Matt meint, Joseph McCoy zu erkennen. Die beiden anderen Männer gehören zur Garde der Schießer, also der Pistoleers. Einer steht am Fenster, der andere lehnt neben der Tür. Matt ist nicht entgangen, dass der „Türsteher“ seinen Colt hinter dem Rücken in der Hand hält. „Hallo Hawk!“ Hersey klingt nicht überrascht, aber dennoch freudig. „Wir haben dich schon erwartet. Wir wissen seit einer Woche, dass du mit 10 000 Rindern vor Abilene stehst. Das ist übrigens Joseph McCoy. Ihm gehört der Verladebahnhof. Nimm dir Whiskey. Du wirst durstig sein.“ Hersey schiebt eine Zigarrenkiste in Richtung Matt und nickt auffordernd. Matt gießt sich ein Glas der braunen Flüssigkeit ein, nimmt sich eine Zigarre und zündet sie an. Dann nimmt er einen Schluck. Der Whiskey schmeichelt seiner Kehle und verbreitet eine wohlige Wärme. Der Whiskey ist richtig gut. Matt setzt sich in einen noch leeren Sessel vor dem Schreibtisch.
„Was ist hier los? Die Stadt ist voll mit Treibermannschaften. Es verkehren keine Postkutschen. Hier stimmt doch was nicht.“ Matt streckt die Beine aus und blickt Hersey direkt an. „Das ist etwas kompliziert. Die letzten Postkutschen nach Süden wurden alle ausgeraubt. Es gibt keine Versicherung mehr, die bereit wäre, die Ausfälle zu ersetzen. Ich musste die Linie einstellen. Somit haben wir hunderte wilde Cowboys in der Stadt und es gibt keinen Geldtransport in den Süden. McCoys Bank hortet etliche tausend Dollar. Wir bauen gerade den Tresorraum aus. Angeheuerte Revolvermänner schützen das Gebäude Tag und Nacht.“ Hersey macht eine Pause, zieht an seiner Zigarre und nimmt einen Schluck Whiskey. „Es gibt noch ein Problem.“ McCoy räuspert sich. „Im Osten ist ein Verteilungskampf zwischen Geldgebervereinigungen entbrannt. Zurzeit scheint der „American Beef Trust“ die Oberhand zu haben. Ein Carl Bannister ist mit viel Geld und einer Revolvermannschaft in Abilene angekommen und hat alle verfügbaren Waggons der Eisenbahngesellschaft angemietet. Du wirst deine Kühe nur an Bannister zu seinen Konditionen verkaufen können.“ McCoy sieht Matt abwartend an. Joseph McCoy hat den Verladebahnhof gebaut. Er hat Verträge mit der Eisenbahngesellschaft geschlossen. Ihm gehören der Bahnhof, ein Geschäftshaus, ein Hotel und die Bank in Abilene. Zudem hat er die Bank in Waco von Hersey übernommen. Diese vergibt Kredite an die Rancher in Texas, damit diese Treibherden für einen Treck nach Norden ausrüsten können.
Matt nimmt einen tiefen Zug über die Nase vom Rauch der Zigarre. Die Ahnung von Schwierigkeiten in Abilene beschäftigte ihn schon seit der Begegnung mit Idaho Sam. Matt kennt McCoy aus Erzählungen. Der Mann war reich geworden, weil er zusammen mit seinen Brüdern Rinder von New Orleans auf dem Wasserwege nach New York transportiert hatte. Mit dem Gewinn, manche sprachen von über zwei Millionen Dollar, hatte er sich in Abilene eingekauft. „Ich bin übermorgen mit 9000 Longhorns in der Stadt. Die Tiere haben auf dem Trail Fleisch angesetzt. Ich hatte auf einen fairen Preis gehofft.“ Matt versucht seiner Stimme Entschlossenheit zu verleihen. Aber die Nachrichten verursachen ein flaues Gefühl in seinem Magen. Es klopft und ein Mann tritt ein. Er hat ein dandyhaftes Auftreten und wirkt reserviert. Er nimmt seinen Hut ab, macht mit diesem eine Begrüßungsgeste und lässt sich in den freien Sessel fallen. „Ist das Starretter?“ Hersey nickt und richtet sich an Matt. „Darf ich vorstellen: Charles Thomson. Vor dir sitzt der Gründer von Abilene.“ Matt meint, einen Anflug von Sarkasmus herausgehört zu haben. Die Männer mögen sich nicht. Thomson wollte einen Verladebahnhof in Abilene bauen. McCoy kam ihm zuvor. Thomson gießt sich Whiskey ein und nimmt sich eine Zigarre. „So, dann lasst uns paar Dinge klären. Muss der Kuhtreiber dabei sein?“ Sein Blick streicht über Matt, weicht aber dessen Blickkontakt aus. Das mag an den stahlblauen Augen liegen, die so zwingend und entschlossen blicken können. „Der Kuhtreiber ist in wenigen Tagen mit 9000 Rindern in der Stadt. Ich denke, dass Hawk wissen sollte, wie wir mit der jetzigen Situation umgehen.“ Herseys Ausführungen klingen fast belehrend. „Lasst uns als Stadtväter darüber abstimmen, ob wir einen Marshal einstellen sollen. River Bear Smith ist in der Stadt. Das ist ein Mann, dem ich zutrauen würde, unseren Stadtgesetzen Geltung zu verschaffen. Bisher kümmert sich niemand um das Waffentrageverbot. Unsere Ankündigungstafeln werden regelmäßig zerschossen. Die Cowboys machen sich einen Spaß daraus. Das Stadtgefängnis ist fast fertig. Wer, wenn nicht ein Marshal, könnte Störenfriede und Raufbolde in das Gefängnis sperren.“ Hersey macht eine Pause. Thomson wirkt ungeduldig: „Also ich für meinen Teil habe eine Mannschaft im Saloon, die mit allen Problemen fertig wird, aber meinetwegen. Macht doch, was ihr wollt!“ Er steht auf, setzt sich seinen Hut auf und verlässt grußlos das Büro. Er schien sich sichtlich unwohl zu fühlen. In Matt macht sich Erleichterung breit. Sein Instinkt warnt ihn vor diesem Mann.
„Hawk, du kannst im Heuschuppen schlafen. Die Stadt ist überfüllt. Nirgends gibt es sonst Plätze für Besucher. Wir müssen Möglichkeiten finden, dass die Treibmannschaften wieder aus der Stadt verschwinden. Die Cowboys reißen uns sonst aus Langeweile Abilene ein und machen einen Trümmerhaufen daraus. Heute Abend wird es noch heiß hergehen. Für morgen ist geplant, dass eine Mannschaft von 60 Cowboys sich geschlossen auf den Weg macht, um sich mit Pferden bis nach Fort Worth durchzuschlagen. Ich habe Jonny Ringo kommen lassen. Ringo wird eine Kutsche als Gunman begleiten. Ich würde mir wünschen, dass auch du dabei bist. Dann sollten wir eine Kutsche durchbringen. Gerüchte sagen, dass die Sperrung des Postweges nach Süden durch Hurricane Bill Martin organisiert wird. Martin hat als Büffeljäger gearbeitet. Ein Bandit war er bisher noch nie. Aber die Grenzen von Gut und Böse sind hier im Westen fließend. Man sagt, er hat über 200 Männer in seinen Diensten, die Mehrzahl sind Gesetzlose. Wir haben Militär angefordert. Das ist auch vom Government in Topeka zugesagt worden. Allerdings sind die meisten Regimenter in Auseinandersetzungen mit Indianern gebunden. Wir sollen uns gedulden. Einen Zeitpunkt wollte man uns nicht nennen.“ Hersey muss erst mal Luft holen. McCoy drückt seine Zigarre aus. Er wirkt unzufrieden. „Wir haben eine Menge Geld in der Stadt. Das weckt Begehrlichkeiten. Es gibt auch Interessengruppen, denen es recht ist, wenn das Geld in der Stadt bleibt. Dann würde es auch hier ausgegeben. So die Rechnung. Allerdings werden die Dollars in Texas dringend gebraucht. Steuern müssen gezahlt, Kredite müssen beglichen werden. Sollten wir keinen Weg finden, Bargeld in den Süden zu schaffen, ist das für die Menschen dort eine Katastrophe.“ McCoy wuchtet sich aus dem Sessel, nimmt seinen Hut, schlägt diesen zweimal um seine Hosenbeine und setzt ihn auf seinen quadratischen Kopf. „Hawk, ich werde dir nicht helfen können. Hinter Bannister steht eine Menge Kapital aus dem Osten. Hersey, nimm das mit Bear River Smith in die Hand! Meines Wissens wohnt er im Hotel.“ McCoy verlässt den Raum. Die beiden Shootists folgen ihm. Keiner macht sich die Mühe, die Tür zu schließen.
Hersey steht auf, kommt um den Schreibtisch herum und schließt die Tür. Dann setzt er sich auf die Schreibtischkante. „Um das gleich klarzustellen: du steckst in der Klemme, Hawk. Bannister kann die Preise diktieren, Mitbieter um deine Herde hat er bereits ausgeschaltet. Die Herde weiter zu treiben, davon würde ich abraten. Der Trust ist nicht nur in Abilene aktiv. Und McCoy hat recht. Der Süden braucht Bargeld. McCoy braucht im Süden Bargeld. Seine Bank in Waco hat viele Rancher dort unten mit Krediten unterstützt. Ach ja, Thompson. Charles Thompson kam zur selben Zeit wie McCoy in das Sechs-Hütten-Dorf Abilene. Er hat den Wettlauf um den Verladebahnhof verloren und betreibt nun eine Poststation der Short Line Stage Company. Zudem gehören ihm Saloons, Spielhallen und Tanzsäle, ebenso ein, zwei Bordelle. So genau weiß das keiner. Sieh dich vor ihm vor. Dann gibt es noch W.S. Moon. Dieser betreibt den Frontier Store und die Postmeisterei. Moon ist zurzeit in Topeka, um die Situation in unserer Stadt dem Gouverneur zu schildern und Hilfe anzufordern. Ja und dann gibt es die ganzen zwielichtigen Gestalten, die vor zwei Jahren Abilene fluteten. Spieler, Bordellinhaber, Diebe und Gejagte und die ganzen irren Pistoleers. Du musst wissen, das westliche Drittel von Kansas wurde für Texasherden freigegeben. Und hier gibt es kein Gesetz.“ Hersey schenkt nochmals Whiskey nach und prostet Matt zu. „Und wie denkst Du, dass ich mit meinem Geld nach Texas komme?“ Matt fragt es ein wenig ratlos. Hersey lächelt breit und breitet die Arme aus. „Ich habe eine Stagecoach im Hof stehen. Ich habe Jonny Ringo, und ich habe dich. Es gibt einen doppelten Boden in der Kutsche, wo Dollars gebunkert werden können. Nur für den Notfall, falls es doch schiefläuft. Ich werde mir den Arsch abbeißen, wenn ihr das nicht schaffen solltet. Die Route geht über den Chisholm Trail. Ihr solltet in sieben Tagen in Waco sein.“ Hersey grinst wie ein Sieger. Matt schwirrt jetzt doch der Kopf. Er muss sich sammeln. Außerdem ist er neugierig auf die Stadt. „Ich sehe mich noch ein wenig um. Danke für deine Ausführungen. Ich überlege mir die ganze Geschichte.“ „Alles gut! Du kannst im Heulager schlafen. Perkins wird dir deinen Schlafplatz zeigen.“ „Ist das der kleine Krummbeinige?“ „Ja, das ist Perkins, aber alle nennen ihn nur Shorty.“ Matt stemmt sich aus dem bequemen Sessel, grüßt und verlässt das Büro.
Als Matt das Haus verlässt betritt er eine fieberhaft betriebsame Welt. Es ist inzwischen Nacht geworden. Menschen bevölkern die Straße. Es gibt Bratküchen, neben der Straße aufgebaute Öfen, die Qualm verbreiten und köstliche Genüsse versprechen. Aus den Saloons und Tanzhallen schallen Gelächter, Stimmengewirr und grölender Gesang. Cowboys galoppieren auf der Straßenmitte und schießen mit ihren Revolvern in die Luft. Die Stadt ist übervoll mit Menschen. Und es sind in der Mehrzahl junge Männer, aufgeladen bis über die Ohren mit Testosteron. Matt lässt sich in der Menge treiben. Dann steht er plötzlich vor dem „Old Man Jones“ Saloon. Dies scheint einer der besseren Häuser zu sein. Es gibt keine vorgetäuschte Fassade. Die Stockwerke sind echt. Matt tritt durch die Pendeltür. Der Laden ist krachend voll. In drei Reihen stehen Männer vor dem Tresen. Sechs Barkeeper füllen Gläser und bedienen die Durstigen. Alle Tische sind besetzt. In einer Ecke des Raums scheint ein Spiel zu laufen. Es stehen Zuschauer in gemessenem Abstand um den Tisch und werfen sich aufgeregt Worte zu. Matt stellt sich zu den Gaffern. Da spielen fünf Kerle Poker. Es liegen eine Menge Dollars und Gold auf dem Tisch. Matt blickt auf den elegant gekleideten Dandy, der gerade einzelne von den Mitspielern angeforderte Karten vom Stapel zieht. Matt vermutet: es ist ein Planter, also ein ehemaliger Plantagenbesitzer aus dem Süden. Dieser hat sich wohl nach dem Krieg entschieden, sein Geld mit Kartenglück zu verdienen. Eine Frau steht hinter ihm und stützt sich auf seine Schultern. Matt streift ihren Blick. Der Blickkontakt ist einen Augenblick zu lang, um nur flüchtig zu sein. Ihre Augen sind weit geöffnet und sie sind grün. Und die Augen drücken eine Botschaft aus und die heißt: „Hilf mir!“
Es braucht einige Zeit, dass Matt seine Umgebung wieder wahrnimmt. Glas-Öllampen, die mit den breiten Banddochten, sind an den Wänden angebracht und verbreiten warmes Licht. Zigaretten und die eine oder andere Zigarre verteilen Rauch in die ehe schon verbrauchte Luft. Männer kauen Priem. Spucknäpfe stehen im Raum verteilt. Das Stimmengewirr erscheint Matt als dumpfes Rauschen. War das nun ein Hilferuf oder hat die Einbildung ihm einen Streich gespielt? Matt ist sich plötzlich nicht sicher. Seine Instinkte funktionieren in dieser stinkenden Umgebung einfach nicht. Matt geht zum Bartresen und lässt sich ein Glas Bier geben. Neben ihm bekommt ein offensichtlich schon leicht angetrunkener Cowboy ebenfalls ein Bier. Matt prostet ihm zu. „Sag mal, Freund, kennst Du diesen Pilger, der mit seiner Frau am Pokertisch sitzt? Das scheint ja ein heißes Spiel zu sein?“ Der Cowpuncher ist in Sprechlaune, was sicherlich auf den bisher genossenen Alkohol zurückzuführen ist. Und er ist redselig, wohl aus demselben Grund. „Oha, du bist neu in der Stadt. Sonst wüsstest du, dass das Jim Maddegan ist. Die Frau ist Jessica Helloway. Die beiden sind ein Paar und haben auf dem Mississippi auf Luxusdampfern beim Pokern reiche Beute gemacht. Jetzt sind sie auf dem Weg in die Goldgebiete und sind hier an John Beard geraten. Das ist der Gentleman, der Maddegan gegenüber sitzt. Ihm gehört der Saloon. Die anderen
Spieler sind von Beard bezahlt. Beard will die Frau.“
An der anderen Seite des Saloons sind Stimmen lauter geworden. Es bildet sich ein Pulk um einen Tisch. Dort sitzt ein junger Mann mit anderen Männern am Tisch. Eine fast leere Whiskeyflasche steht in der Mitte. Eine Gruppe von sechs oder sieben Rowdys hat sich vor dem Tisch aufgebaut. Es gibt einen Sprecher, der anscheinend die Gruppe anführt. „Hey, du bist Jonny Ringo? Ich habe gehört, dass ein Gunman nach Abilene kommt, um eine Kutsche in den Süden zu bringen. Ich dachte nicht, dass Jonny Ringo ein Greenhorn ist. Du bist doch noch gar nicht trocken hinter den Ohren.“ Der angesprochene Mann blickt auf und stellt sein rechtes Bein lang. Gleichzeitig rückt er mit seinem Stuhl weiter zur Wand. Den Colt trägt er rechts. „Junge, du hast es mit Burt Ringold zu tun. Ringold hat schon eine ganze Reihe Wichtigtuer unter die Erde gebracht.“ Ein Kumpane von dem genannten Ringold ruft es. Andere klopfen ihm auf die Schulter. Der Angesprochene blickt auf, sagt aber keinen Ton. Matt hat einige Schritte zum Geschehen gemacht, sein Bierglas abgestellt und erkennt, dass sich Ungeduld und Ärger im Gesicht von Ringo abzeichnen. „Ich glaube, es ist besser, wenn du dein hässliches Gesicht aus diesem Saloon trägst. Und nimm deinen Arsch mit. Ich werde bis drei zählen.“ Ringo sagt die Sätze mit einer Bestimmtheit, die keinen Widerspruch zulässt. Die Männer am Tisch von Jonny Ringo springen auf und verlassen fluchtartig ihre Sitzplätze. Die Kumpane um Ringold verteilen sich im Raum und nehmen eine bedrohliche Haltung ein.
