Freak Sisters - Christine Sterly-Paulsen - E-Book

Freak Sisters E-Book

Christine Sterly-Paulsen

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Beschreibung

Unterschiedlicher könnten die Zwillingsschwestern Judith und Rebecca nicht sein. Dennoch sind sie natürliche Verbündete. Isoliert von der Außenwelt wachsen sie in einem streng religiösen Elternhaus auf. Statt in die Schule zu gehen, lernen sie Latein beim Vikar ihres Vaters, der seiner Position als erster fremder Mann in ihrem Leben nicht gewachsen ist. Kein Wunder, dass sie im Alter von fünfzehn Jahren die Gelegenheit zur Flucht ergreifen. Ziel der Reise ist Rom, schließlich spricht man dort Latein. Stattdessen geraten sie in ein skurriles Dorf in Portugal. Mit einer ungesunden Portion Naivität machen sie sich auf, die Welt zu entdecken und entdecken vor allem sich selbst.

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Seitenzahl: 505

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Table of Contents

KM Christine Sterly-Paulsen_Freak Sisters

Impressum

Ab ovo

Steinkind

Das stumme Haus

Dybbuk

Garten mit und ohne Blumen

Geschichten vom Flieder

Martin-Sie

Ars amatoria

Judith die Hexe

Heiß wie keine Kohle

Mai vorbei

Small fishes

Die Herberge zum Großen Bären

Ulrich Langgereist

Harmonie du Soir

Ulis Schloss

Vila Luminosa

Schmerz

Bazar du Nouveau Siècle

Schwimmen lernen

Fisch und Vogel

Die Mondscheinfront

Traumatlas

Der Eckladen

Wasser

Die Befreiung der Symbole

Nächstenliebe

Wohin geht die Reise?

Tausend Tode, sieben Leben

Neue Ufer

Der zwölfte Mann der Mondscheinfront

Baby go wild

Die Große Mutter

Ein ungewaschener Engel

New Morning

Blau in Blau

Vollmond

Nummer 13

Keine Luft

Regentag

Blaubarts Kammer

Sternenschau

Werbung

Christine Sterly-Paulsen

Freak Sisters

Roman

Originalausgabe

Mai 2024

Kulturmaschinen Verlag

Ein Imprint der Kulturmaschinen Verlag UG (haftungsbeschränkt)

Ochsenfurt

www.kulturmaschinen.com

Die Kulturmaschinen Verlag UG (haftungsbeschränkt) gehört

allein dem Kulturmaschinen Autoren-Verlag e. V.

Der Kulturmaschinen Autoren-Verlag e. V. gehört den AutorInnen.

Und dieses Buch gehört der Phantasie, dem Wissen

und der Literatur.

Umschlaggestaltung: Imke Cohrs,

unter Verwendung eines Fotos von Jure Gasparic

Eingestellt bei BoD

978-3-96763-307-8(kart.)

978-3-96763-308-5(geb.)

978-3-96763-309-2(.epub)

Ab ovo

Wann immer Rebecca und Judith andere Menschen kennenlernten – was zu Beginn ihres Lebens selten geschah, später häufiger – hatten sie zwei Missverständnisse aus dem Weg zu räumen. Das erste: Sie waren keine Zwillinge. Das zweite: Die dickere von beiden hieß Judith, die streng aussehende, ­knochige Rebecca.

Die verkehrte Namensgebung hatte unmittelbar mit den Umständen ihrer Geburt zu tun; Umstände, von denen ihre Eltern nur andeutungsweise sprachen, so dass ein Schatten von drastischen Geschehnissen, von Unsagbarkeiten sich über den Raum legte. Umstände, die mitklangen, als ihre Mutter Yvonne sie im Alter von knapp vierzehn Jahren beiseitenahm, mit einem Gesicht, als habe sie eine lange Rede vorbereitet, und dann nur einen Satz zu Stande brachte – einen Satz, auf den sie eine Antwort nicht haben wollte.

»Ich hoffe, ihr wisst, wie man verhütet.«

Der Rest blieb den zwei Schwestern zu ahnen übrig. Auch wenn sie es miterlebt hatten, gewissermaßen.

In den letzten Wochen ihrer Schwangerschaft bewegte sich Yvonne wie ein Schlachtschiff auf Selbstmordkommando durch die Straßen der Stadt. Ihre Beine waren zu unförmigen Säulen angeschwollen, deren Gleichgewicht Schritt für Schritt durch den weit vorstehenden Bauch bedroht wurde. Yvonne, die gewöhnlich keine anarchistischen Neigungen besaß, wankte über Kreuzungen mit roten Ampeln, drängte sich durch jede Kassenschlange, lief vor fahrende Autos, als hoffte sie insgeheim, der Sache ein schnelleres Ende zu machen als die Natur es vorsah.

Dieses eine Kind, murmelte sie vor sich hin wie ein ­Gebet mit einhundertacht Wiederholungen, dieses eine und nie ­wieder. Ein Gedanke, den sie ihrem Mann auf keinen Fall mitteilen konnte, den sie einsam kultivierte, wenn sie auf einer Parkbank nach Luft japste, den sie als Fluch gebrauchte, wenn sie sich beim Aufstehen um ihren eingeklemmten Ischias­nerv krümmte. Dabei war sie gerade erst 31 Jahre alt, sie rauchte nicht, hatte nie unter Übergewicht zu leiden gehabt: kein Gedanke an eine Risikoschwangerschaft.

Erleichterung fand sie nur abends im Bett, für Augenblicke. Ewald war Anhänger einer Freikirche, klein und behaart wie ein Satyr, mit einem ausgeprägten sexuellen Appetit. Jeden Morgen, wenn sie sich im Spiegel betrachtete, stellte sie fest, dass sie weniger wie eine Frau und mehr wie ein Monster aussah. Ihren Mann störte es nicht. Eher im Gegenteil, wie ihr schien, und jedes Mal, wenn er kräftig zustieß, hoffte sie, etwas würde geschehen in den Weiten zwischen ihrem Kopf und den roten, geschwollenen Füßen, sie könnte innerlich zerreißen, wenigstens die Fruchtblase könnte platzen, dein Bauch, das unbekannte Wesen. Nach einigen Minuten vergaß sie alles. Schlief ein, als wäre nichts, nur um gleich wieder geweckt zu werden, von schmerzenden Knien, von Babytritten, vom Drang, die Toilette aufzusuchen.

Sie machte das Licht auf dem Nachttisch an und las Beratungsbücher. Sie las historische Romane, bevorzugt über den Niedergang der antiken Welt. Sie las in der Bibel. Sie zählte die Tage bis zum Geburtstermin. Als sie bei siebzehnundderrest­vonheute angekommen war, hatte der Himmel ein Einsehen und schickte ihr ein paar kräftige Wehen.

Yvonne ertrug den Schmerz gelassen, ignorierte das Kranken­haus­personal, biss die Zähne zusammen, dass es knirschte. Bis Zentimeter 7. Dann bettelte sie um Betäubungsmittel, die man ihr nicht gab – gewiss aus Rache für ihre Arroganz von vorher. Ewald verließ den Raum. Yvonne fluchte Gott, und Ewald, und vielen anderen, die sie kannte.

Was sie zwei Stunden später in halber Bewusstlosigkeit auf die Welt brachte, war rothäutig und kahlköpfig. Kleiner, als sie erwartet hatte.

»Aaron, wenn es ein Junge ist. Rebecca für ein Mädchen.«

Yvonne war müde. Und immer noch sehr dick. Sie versuchte nicht einmal, Ewald ein glückliches Mutterlächeln zu ­schenken. Ewald, der wie ein Fremder neben dem Plexiglas­kasten mit einem fremden Baby saß.

Die Augen fielen ihr zu. Sie träumte, sie ginge eine Straße entlang, eine einsame Straße, graue Häuser, kahle Bäume, und dabei war es Sommer. Sie ging, sonst nichts, sie hatte kein Kind bei sich, keinen Mann, niemanden. Und sie aß Kot. Sie aß Hundekot von der Straße, Haufen für Haufen, bis das leise Quäken des Neugeborenen sie weckte.

Steinkind

Nach drei Tagen entließ man Yvonne nach Hause. Die Rebecca-­Tragetasche in der Hand stand sie vor dem Spiegel am Schlafzimmerschrank, ebenso unförmig, wie sie gegangen war, und fühlte ein solches Grauen ihrer eigenen Gestalt gegenüber, dass die Tränen liefen, unkontrollierbar, wie die Milch aus ihren Brüsten.

Ewald streckte nicht einmal die Hand nach ihr aus, murmelte nur: »Wochenbettdepression«.

»Es geht schon wieder«, sagte Yvonne, gekränkt, weil er sie nicht ernst nahm.

Yvonne war weder hübsch noch eitel. Was sie quälte, war ein archaischer Ekel vor der Substanz Fett, die von ihrem ­Körper Besitz ergriffen hatte. Seit jeher hauchten fette Menschen ihr Schrecken ein, wie die Oger aus grausamen Märchen. In ­ihrer Schulzeit hatte sie sich bewusst mit den dicken Mädchen angefreundet, um sich für diese Schwäche zu bestrafen – so gewissenhaft war sie. Aber das war ein oberflächliches Handeln gewesen, das an ihrem tiefen Abscheu nichts änderte.

Sie wandte sich vom Spiegel ab, nahm das Baby aus der ­Tasche, stillte es, auf der Bettkante sitzend, legte sich nach getaner Arbeit hin, die Hände auf dem Bauch, der sich offen­bar entschlossen hatte, ein Eigenleben zu führen, und gewaltig zuckte und schmerzte. Die Hebamme hatte von Rück­bildung gesprochen. Rückbildung, das ist gut, dachte Yvonne, sah benommen die schweren Vorhänge am Fenster, den bösen Blick des Kruzifix über dem Schreibtisch, an dem Ewald seine Seminar­arbeiten schrieb, und Ewald selbst, der sie von der Tür aus betrachtete, als traue er sich nicht herein. Sie konnte die Augen kaum offenhalten, aber schlafen wollte sie nicht.

Pressen! Pressen! Die Stimme war hart, sie klang wie ein Feld­webel auf dem Exerzierplatz, nur weiblich. Merkte sie nicht, dass Yvonne keine Luft bekam? Pressen! Eins zwei drei, Luft holen, zwei drei! Sie schien von überall zugleich zu kommen, unpersönlich und dämonisch. Yvonne würde ihr nicht gehorchen. Vade retro, wollte sie schreien, doch es kam kein Ton. Da brach es glitschig zwischen ihren Beinen hervor, ein Wesen, schuppig wie eine Echse. Schweißnass wachte sie auf.

Der Schmerz aus ihrem Traum war noch da, die Atemnot auch. Ich muss das Fenster aufmachen, dachte sie, diese Vorhänge abreißen. Sie stand auf, krümmte sich, mein Gott, wie habe ich geschwitzt, ich muss krank sein. Keuchend ertastete sie den Weg zum Fenster, als kämpfe sie gegen einen Orkan, zog am Vorhang, ging zu Boden. Hatte sie es mit einem dieser tückischen Träume zu tun, die einem nur vorgaukeln, man sei erwacht, und dann kehrt das Grauen wieder? Der Schmerz überlief sie in Wellen, ein nicht enden wollender Orgasmus des Schmerzes, und sie gab sich ihm hin, pflichtbewusst, wie bei den allnächtlichen ehelichen Umarmungen.

Wie viele Male hatte sie davon geträumt, Katzen zu gebären, Schlangen, verkümmerte Monster.

DA. Es kam wieder. Yvonne schrie. Und sie hörte Ewald schreien. Was hatte Ewald in ihrem Traum verloren?

»Hilf mir!« schrie Yvonne.

»Ich rufe einen Krankenwagen«, keuchte Ewald und verpasste so auch die Geburt seines zweiten Kindes. Die kleine Kreatur lag dünn und bläulich auf dem Fußboden, als er zurückkam, einen halben Meter pulsierende Nabelschnur von ihrer Mutter getrennt.

»So kam es«, sagte Judith, »dass sie mich Judith genannt haben. Eine Judith ist lang und dünn. Ich hatte an der linken Hand einen sechsten Finger. Willst du sehen?«

Sie zog ein Lederetui aus ihrem gebügelten Blusenausschnitt und zeigte ein mumifiziertes, schwärzliches Stöckchen vor.

Judith verbrachte die ersten zwei Wochen ihres Lebens auf der Intensivstation – wenn man, in diese Worte fasste es Yvonne, von Leben überhaupt sprechen konnte. Sie litt unter Sauerstoffmangel und Gelbsucht, musste künstlich ernährt werden und wuchs Yvonne in ihrer Hilflosigkeit bald mehr ans Herz als die rosige kleine Rebecca. Yvonne päppelte das zarte Kind wie ein Vögelchen. Sie war dankbar, dass die Alpträume vorbei waren. Sie war dankbar, als Ewald sein theologisches Examen bestand. Und wenn er sich vor dem Ehebett entkleidete, schon mit aufgerichtetem Penis, wie auf einer dieser antiken Vasen, vor denen sie im Museum den Blick abwandte, schwor sie sich bei den zwei kahlen roten Köpfen an ihrer Seite: Nie wieder.

Das stumme Haus

Eine stumpfsinnige, fast unbesuchte Dorfkirche. Außerhalb des Dorfes, als hätte dieses noch wachsen sollen, das Pfarrhaus. Ein Anwesen für protestantische Großfamilien mit fünf Kindern, Katze oder Hund. Im Garten alte Obstbäume, die kahl waren, als sie im Frühling einzogen. Die Fenster der leeren Zimmer im Erdgeschoss des Hauses verhängt mit dunklen Stoffen, die Yvonne an die Vorhänge ihrer vergangenen Wohnung gemahnten. Die Räume sollten als Gemeindehaus dienen, aber welcher Gemeinde? Den sechs Dörfern, in denen Ewald seine Hausbesuche machte, bei 80. Geburtstagen, einsamen Herzen und sterbenden Alkoholikern? Alte Frauen, verlassene Männer und keine Kinder, fast gar keine. Das war es, was man Ewald angeboten hatte; ihm, der letzten Wahl; ihm, der kein brillanter Kopf war; ihm, der kein einnehmendes Wesen besaß und bis zu seinem Examen nicht einmal der Landeskirche an­ge­hört hatte.

Letztlich war er zufrieden, weit in den Osten geschickt zu werden, wie ein Missionar, predigen zu können, statt sich umschulen zu lassen auf eine Stelle beim Ortsamt oder einer anderen Behörde, wie der Berufsberater beim Arbeitsamt ihm nahegelegt hatte. Er hatte gezweifelt, ob Yvonne bereit sein würde ihm zu folgen, war sicher, dass er eine überzeugende Rede nicht würde halten können; doch der bedurfte es nicht. Yvonne begrüßte den Umzug. Die Straßen der Stadt waren ihr unerträglich geworden, kaum konnte sie sich überwinden, den Kinderwagen mit den beiden Mädchen zu einem täglichen Rundgang hindurchzuschieben. Sie fütterte sie mit Vitamin-­D-­Tabletten und mied die Außenwelt. Je abgelegener ihr neuer Wohnort, desto lieber war es ihr. Sie beschloss, ihr weiteres Leben drei Aufgaben zu widmen: der Aufzucht ihrer Kinder, der moralischen Unterstützung Ewalds und der Vermeidung einer neuen Schwangerschaft. Von der Lehrerstelle für Latein und Chemie, mit der sie ihr gemeinsames Leben vor dem Mutterschutz finanziert hatte, ließ sie sich beurlauben, ohne das Verlangen, jemals in diesen Beruf zurückzukehren. Sie hüllte sich in heilsame Stille. Redete mit nie­mandem. Den Babys sang sie Kinderlieder vor, Schlaflieder und Choräle.

Ihre Unterhaltung mit Ewald beschränkte sich meistens auf »Guten Morgen«, »Guten Abend« und »Guten Appetit«, ohne dass einer von ihnen das Gefühl gehabt hätte, es fehle ihm etwas. Das Tischgebet sprachen sie gleichzeitig, aber nicht gemeinsam. Er dachte an Sex, sie ans Sterben.

Die Mädchen wuchsen, so selbstverständlich wie die Blätter an den Bäumen. Judith nahm zu, was Yvonne erleichterte. ­Rebecca wurde dünner, das bemerkte sie nicht. Im Pfarr­garten blühten altmodische Rosen, missachtet von Yvonne und Ewald, die für die Schönheiten der Natur beide kein Auge hatten. Nach einiger Überlegung hielten sie ein Gespräch ab, in dem sie entschieden, alle zwei Monate einen Gärtner zu bestellen. Die restliche Zeit überließen sie die Vegetation sich selbst. Nach einem Tag ohne Zwischenfälle und dem immergleichen Abendessen – Wurstbrot für den Pastor, Milchbrei für die Kinder – gingen alle schlafen. Die Mädchen in getrennten Zimmern, die Eltern in einem gemeinsamen Ehebett. Ihre ­Seelen blieben zuverlässig voneinander getrennt. Um sechs Uhr morgens folgten Morgengebet und Frühstück, das vom Abendbrot nicht abwich – eine Harmonie wie aus dem Bilder­buch, nur besser.

Wäre nicht das sogenannte Gemeindeleben gewesen. War Ewald nicht im Haus, musste Yvonne auf jedes Klingeln die Tür öffnen, verstaubte und verschimmelte Landfrauen empfan­gen, ihre Klagen anhören zur Weitergabe an den Seelsorger, ihnen Kaffee anbieten. Mit den Mädchen hatte sie es leichter. Ob sie ruhig in ihren Betten lagen oder weinten, davon musste sie nichts mitbekommen – das Haus war groß genug. Yvonne machte sich vertraut mit der Geschichte des vierzigjährigen Sohnes einer Besucherin aus dem Nachbardorf, der Türen eintrat, in den Kleiderschrank urinierte und keine Frau finden wollte; mit der Angst vor der senilen Mutter einer anderen Gemeindefrau, die im Gartenschuppen eine Satanskapelle errichtete und keinen hineinließ, aber Schatten sah man und Lichter, und sterben konnte die Alte nicht; mit dem Gram um die Tochter, die fortgezogen war in die Stadt, nie zu Besuch kam und nie die Enkel schickte, nicht einmal in den großen Ferien. Yvonne hörte zu und zählte in Gedanken die Tage bis zu den Tagen, rezitierte ein lateinisches Gedicht, oder beschäftigte sich mit jenem seltsamen Phänomen, dass sie sich das Gesicht ihres Mannes in seiner Abwesenheit nicht vor Augen führen konnte – stattdessen umso deutlicher sein drohend ­erregtes Glied, vor dem sie sich abwandte, dessen Anblick sie aber auch mit geschlossenen Augen nicht entkam.

»Hören Sie, Frau Pfarrer, sie sagt, es gibt keine Arbeit hier, in wieviel Kilometern Umkreis keine Schule für die Kinder, und Kinder gibt es auch nicht. Sie sagt, niemand bleibt hier, der ein bisschen Verstand hat, aber immerhin ist das unser Land, immer schon unser Land, selbst wenn sie weggehen muss, Frau Pfarrer, gut und schön, kann sie nicht wenigstens in den ­Ferien? Kann sie nicht wenigstens die Kinder in den Ferien?«

Yvonne lächelte und nickte, noch drei Tage, goss Kaffee ein, öffnete eine Packung mit Keksen. Aus den Zimmern der Mädchen hörte man nichts. Sie genoss diese Ruhe, die Tristesse um sie her, die so gar keine Risiken barg, keine Überraschungen, keine Verlockungen. So verlässlich wie sonst nur ihre altsprachliche Lektüre. So verlässlich wie ihr monatlicher Zyklus, seit es DAS GETRÄNK gab: ½ Gin, ½ Rum (weiß), ½ Wodka, ½ Tequila, ½ Blue Curaçao, ½ Sprite.

Yvonne wusste, normalerweise gehen nicht so viele Hälften auf ein Ganzes. Bei ihrem Getränk schon. Sie hatte ­dieses Wundermittel gegen Schwangerschaft gefunden, wie man ­einen Geldschein auf der Straße findet, aber man findet keine Geld­scheine auf der Straße, schon gar nicht in diesem Dorf. Wie ein Vogelei dann eben – nein, sehr unpassend. Eigentlich, dachte Yvonne, kommt es selten vor, dass ein Mensch etwas findet und es gebrauchen kann. Sie hatte darum ge­betet. ­Suchet, so werdet ihr finden. Um ein probates Mittel, das keine Sünde war und kein Verrat ihrem Mann gegenüber.

Dybbuk

Rebecca lag im Gitterbett und schaute aus dem Fenster in den Mond. Der schaute zurück auf Rebecca. Ihr Babygesicht war hell und rund wie er, unter Umständen hätten sie gute Freunde werden können. Es sollte aber nicht dazu kommen. Ihre erste Begegnung mit dem Mond, mit seinem stillen Licht, war furcht­ein­flößend. Kein Geräusch zu hören, nur ein Schmatzen aus dem Nebenzimmer – ein leises Lebenszeichen von ihrer Schwester, dem Nicht-Zwilling.

Rebecca lag auf dem Rücken, in einem ärmellosen Schlafsack, so weit wie möglich von dem kratzigen Schlaftier auf ihrem Kissen abgerückt, lautlos. Lautlos aus Instinkt, ein verlassenes Junges (welcher Tierart auch immer) vor dem großen gelb-­weißen Räuber dort draußen. Ein lauerndes Auge, das ihr erwachendes Denken, das noch keine eigenen Worte hatte, mit den Gebeten und Liedern ihrer Eltern verband.

Hätte jemand in ihr Gesicht gesehen, was hätte der bemerkt? Allein, es sah keiner hin, selbst die Schlafgeräusche der Schwester waren unerreichbar weit. Nur ein kleiner kalter Geist schlich an ihre Seite – ein Dybbuk, der sich undeutlich spiegelte im Mond und dessen Lichtschein, einen krummen grauen Schatten warf. Ihr versprach, sie nicht mehr zu verlassen und ihr den eigenen Namen ins Ohr flüsterte wie einen Fluch: Rebecca la mal-aimée.

Yvonne fand sie am nächsten Morgen steif, mit eisigen Fingern. Sie öffnete die Augen erst auf einen Schrei hin, der eine ­Mischung war aus Verärgerung und Besorgnis. Als hätte sie es, in unkindlichem Vorbedacht, darauf angelegt, ihre ­Mutter zu erschrecken.

Von dieser Nacht an war Rebecca der Mond unerträglich. In Vollmondnächten fürchtete sie sich vor dem Schlaf. Sie fürchtete sich vor allen Liedern, in denen er vorkam, vor den elterlichen Gebeten, vor dem Wort Himmel. Die Angst machte sich breit in ihrem Leben, als hätte sie mit den ersten Tropfen Milch die Alpträume ihrer Mutter geschluckt.

Später, als sie aus dem Bett klettern und die Tür öffnen konnte, fand sie den Weg ins Zimmer von Judith. Es kam vor, dass ihr Dybbuk sie antrieb, die Schwester zu kneifen und zu beißen. Judith kniff selten zurück. Wenn sie schrie, hielt Rebecca ihr den Mund zu oder streichelte sie hilflos dort, wo sich rot ihre Zähne abzeichneten. Oft blieb Judith still, und sie sahen gemeinsam aus dem Fenster.

Die Schweigsamkeit der Kinder fiel Yvonne spät auf. Anlässlich eines der seltenen Telefonate mit der eigenen Mutter, die ihre Enkeltöchter zu sprechen wünschte, beiden aus der Ferne versicherte, sie werde sie gewiss in den kommenden Monaten besuchen, und sich dann über das Ausbleiben einer Antwort beschwerte. Argwöhnte, man hetze die Kinder gegen sie auf. Oder diese seien allgemein verstockt. Da erst wurde Yvonne bewusst: dass die beiden Mädchen nicht sprachen, war in deren Alter keine Selbstverständlichkeit.

Das bedeutete Arztbesuche in der Stadt. Arztbesuche, die sie eine Menge Deospray kosteten, und bei der Rückkehr die Versuchung, nach einer der Flaschen zu greifen, die streng für ihr monatliches Getränk reserviert waren.

Der Arzt untersuchte die Schwestern getrennt. Stellte fest, dass sie Gegenstände auf Bildern benennen konnten, wenn man sie dazu aufforderte. Aber: »Die beiden zeigen kein Mitteilungsbedürfnis, keinen Wunsch nach Kommunikation.«

»Muss man das haben«, fragte Yvonne. Auf der Suche nach einer Antwort kam der Arzt ins Grübeln und überwies sie an einen Spezialisten.

»Typisch für Zwillinge«, erklärte der Kinderpsychologe in der nächstgrößeren Stadt, »bringen Sie sie so viel wie möglich mit Gleichaltrigen zusammen. Manchmal« – ein Blick auf Yvonnes Bauch – »hilft auch ein Geschwisterchen. Und natürlich der Kindergarten.«

Judith, die dreijährige pummelige Judith, die noch Windeln trug, sagte: »Wir sind keine Zwillinge.«

Spontanes Mitteilungsbedürfnis.

Notiz auf der Karteikarte.

Fragender Blick an die Mutter, die gleich Tränen in den ­Augen hatte. Der Spezialist schenkte ihr ein mitfühlendes ­Lächeln und bestand nicht auf dem Thema, wo seine beruflichen Gewohnheiten ihn eher zum Nachhaken getrieben hätten. Aber für die spezielle Verletzlichkeit schwangerer Frauen hatte er eine unprofessionelle Schwäche.

Garten mit und ohne Blumen

Also der Kindergarten. Ein riesiger Bau, der in großen ­Teilen leer stand, insofern an ihr eigenes Haus erinnerte, ein Bau aus grauen Betonzeiten, in denen dennoch mehr Kinder zur Welt gekommen waren, mehr Eltern in dem jetzt verlassenen Land­strich gelebt hatten. Eine Erzieherin, die aus jenen Zeiten überdauert hatte, Herrscherin über fünfzehn traurige Existenzen unter Schulalter und ungezählte freie Plätze.

Christlich war der Kindergarten nicht.

»Auch sonst nicht weltanschaulich geprägt«, versicherte die Erzieherin, deren Stimme während des Vor­stel­lungs­ge­sprächs zwischen Gleichgültigkeit und Werbeeifer schwankte, mitten im Satz umspringen konnte wie bei einem Jungen im Stimmbruch. Die Gleichgültigkeit war unüberhörbar stärker, sie hatte die Gewohnheit auf ihrer Seite, sie wurde gestützt von den vielen unbezogenen Betten im Schlafraum, von den rostigen Rohren der Klettergeräte im Außengelände, den Plastiktöpfchen im Bad, so oft desinfiziert, dass sie ihre ursprüngliche Farbe verloren hatten.

Das Gespräch fand außerhalb der Öffnungszeiten statt. Alles war so sauber und aufgeräumt, als hätte man geplant, diese Räume für immer zu verlassen.

Man? Die Frau mit den nach innen gesunkenen Augen und der instabilen Stimme?

»Um sieben öffnen wir. Bringen bis halb neun, Frühstück um neun«, sagte mechanisch die Stimme und schob Yvonne aus der Tür.

Sie war pünktlich am nächsten Morgen; zehn vor acht. Die Mädchen, gebadet, mit gewaschenen Haaren, erwarteten schweigend das Unbekannte. Im Auto erinnerte sich Yvonne an die kleine rote Kindergartentasche, die sie selbst in diesem Alter gehabt hatte, wie ein Briefträger hatte sie damit aus­ge­sehen, und jetzt hatte sie vergessen, ihren eigenen Kindern ein Früh­stücks­brot einzupacken – in der geheimen Hoffnung, der Kindergarten würde verschwunden sein, wenn sie dort ankam.

Ein Tag genügte, damit Judith ihre Meinung fasste und sie nicht wieder aufgab. Rebecca brauchte zwei Tage länger.

Yvonne fragte ihre Töchter nicht, wie ihnen der Kindergarten gefiel, aber sie wurde jeden Nachmittag zum Gespräch gebeten.

Warum war Judith noch nicht trocken? Hier setzte man Kinder vom ersten Geburtstag an auf den Topf, es funktionierte immer.

Rebecca hatte ein anderes Mädchen gekniffen und sich danach unter dem Tisch versteckt.

Beide Schwestern spielten nicht mit den Kindern aus der Gruppe.

Sie sangen bei den gemeinsamen Liedern nicht mit.

Rebecca verweigerte die Mahlzeiten.

Andere Eltern machten sich Gedanken wegen der jüdisch klingenden Vornamen der Mädchen – dabei sei der Vater doch evangelischer Pfarrer?

Nach einer Woche gab Yvonne auf. Sie teilte der Erzieherin ihren Entschluss mit, zu einer kirchlich geleiteten Einrichtung zu wechseln, fuhr die 25 Kilometer dorthin, hielt vor dem Eingang und drehte wieder um. Unmöglich, jeden Tag diese Strecke zurückzulegen, nur damit Rebecca und Judith sprechen lernten.

Ewald hatte ohnehin Bedenken gehabt, was den Kindergarten anging. Er stimmte ihr zu, dass man die Kinder ebenso gut zu Hause erziehen könne.

»Du bist doch Lehrerin«, sagte er, »gib ihnen Sprach­unter­richt.«

Yvonne nickte, Gespräch beendet, Ewald zog sich aus, stand vor ihr, das Gesicht missmutig, der Oberkörper behaart, der Penis erigiert. Er nahm sie, bekleidet wie sie war und mit einer gewissen Brutalität, von hinten.

½ Gin, ½ Rum (weiß), ½ Wodka, ½ Tequila, ½ Blue Cura­çao, ½ Sprite, sagte sich Yvonne, sagte es Tag für Tag, Mal für Mal, um es nie zu vergessen.

Damit Yvonne ihre Pflichten als gute Ehefrau nicht vergaß, wiederholte der Pastor denselben Akt einmal wöchentlich. Zweieinhalb Jahre später wiederholte sich auch das eheliche Gespräch über die Erziehung der Töchter.

Rebecca und Judith waren fast sechs Jahre alt. Unbehelligt vom Kindergartenbesuch oder der Ankunft kleiner Geschwister (ihr Vater gab sich Mühe, von Yvonnes Rezept ahnte er nichts), verbrachten sie ihre Tage unter den zart abblätternden Tapeten des alten Hauses, oder zwischen den Bäumen und Büschen des Gartens, die Hände voller Splitter, die sie sich gegenseitig zogen, ohne ein Geräusch, schwarze Knie, die ihnen die Mutter mit der Nagelbürste schrubbte, wenn sie abends in der Badewanne saßen, ebenfalls schweigend. Seit zweieinhalb Jahren wurde das Schweigen in den Vormittagsstunden gebrochen, von 8 bis 11 Uhr. Stunden, in denen die Schwestern erfuhren, was sie für ein glückliches Leben brauchten, es sei denn, sie hatten Halsweh, Fieber oder sonst einen kindlichen Infekt. Was nicht häufig vorkam, da es niemanden gab, bei dem sie sich hätten anstecken können. Lieder singen, Zeichnen, Schneiden, Kleben und eine halbe Stunde Vorlesen. Ab dem fünften Geburtstag kam ein Vorschulprogramm dazu, dem Rebecca und Judith mit Respekt begegneten, da es eine Zukunft versprach, von der man nicht wissen konnte, ob sie freundlich war oder bedrohlich.

Unerwartete Sorgen bereiteten Yvonne die Bastelstunden, obwohl die Kinder bereitwillig, sogar eifrig an ihre Aufgaben gingen. Judith arbeitete mit einer gewissen Sturheit, steigerte sich in endlose Wiederholungen, füllte ganze Seiten mit Kreuzchen und Kreisen, ohne vom vorgegebenen Muster abzuweichen, schnitt zwanzig Papiersterne, wenn sie einen schneiden sollte. Rebecca dagegen versetzte der Anblick dessen, was sie geschaffen hatte, in Raserei, in eine leise, verbissene Wut, so dass sie das Papier auf dem Tisch zerknüllte und weinend auf ihr Zimmer geschickt wurde.

Sprechen konnten sie jetzt beide, sogar kleine Gedichte aufsagen. Als Yvonne zu Ewald sagte: »Die Mädchen haben einen Einberufungsbefehl«, und ihm die Ladung zum Vorstellungs­ge­spräch in der Schule reichte, lachte Ewald, was er nicht ­häufig tat. Dank Yvonnes Unterricht waren Rebecca und Judith so gut gerüstet, dass die Schulleiterin zum Ende des Gesprächs halb missgünstig, halb anerkennend bemerkte, ein solches ­Niveau liefere eben nur ein Privatkindergarten.

»Ein kirchlicher Kindergarten«, korrigierte Yvonne und fragte sich, ob Schuldirektorin und Kindergartenleitung miteinander verwandt seien, so ähnelten sie sich in Körperbau, Gesichtsausdruck und Frisur.

»Heißt das, Sie möchten die beiden auf eine kirchliche Schule schicken?«

Die Idee war Yvonne noch nicht gekommen. Ehe sie antworten konnte, tat die Schulleiterin das für sie: »Das hatte ich vermutet. Sie werden jeden Tag 50 Kilometer fahren müssen, macht Ihnen das nichts aus?«

»Ich weiß nicht«, sagte Yvonne. Rebecca und Judith sagten nichts. Sie sahen wohlerzogen aus, wie sie da saßen mit geflochtenen Zöpfchen und blauen Trägerkleidchen, das eine zu weit, das andere zu eng, denn Yvonne hatte beide in der gleichen Größe gekauft.

»Schade«, sagte die Schulleiterin, »Sie sind nicht von hier, das verstehe ich, trotzdem ist das hier eine ordentliche Schule, auch wenn wir die Mittel nicht haben, auch wenn Ihre ­Kinder mit ganz gewöhnlichen anderen Kindern in eine Klasse gehen, würde ihnen das keineswegs schaden, doch letztlich ist das Ihre Entscheidung, für eine konfessionelle Schule, ich persönlich …«

Sie unterbrach sich. Reichte Yvonne ein Formular, das diese unterschrieb, stand auf, um die Mädchen mit Händedruck zu verabschieden, als suche sie Verbündete: »Möchtet ihr beiden nicht gern auf unsere schöne Schule gehen?«

Rebecca und Judith sahen einander an, dann die Direktorin, die vergeblich um ein Lächeln heischte. Judith sagte höflich auf Wiedersehen. Rebecca trat im Hinausgehen gegen die senf­gelbe Tür.

»Und was jetzt«, fragte Ewald zu Hause, entkleidete sich und begrub Yvonnes Antwort unter seinem unvermeidlich hungrigen Körper.

Geschichten vom Flieder

Es kamen keine Briefe von der Behörde, es kamen nicht einmal Fragen von den Nachbarn. Es war, als hätte das Dorf die Kinder des Pfarrers vergessen. Obwohl man sie gelegentlich im Garten sah, oder schweigend am Kaffeetisch sitzen, Kekse essend und Geschichten der alten Frauen lauschend. Andere Kinder gab es nicht im Ort, fast. Da waren zwei kleine ­Jungen, deren Eltern sich im Kindergarten über die jüdischen Vor­namen beschwert hatten und die den Schwestern nicht zu nahe kamen – jüdisch ist ansteckend, sagten die Eltern. Außerdem gab es ein aufgedunsenes Mädchen, das beim Atmen schnaufte und von Yvonne zweimal zum Spielen eingeladen, von Rebecca und Judith aber nicht beachtet wurde. Dafür waren sie von einem Jungen fasziniert, den seine Mutter bei den Großeltern zurückgelassen hatte. Ewald sagte, dass sie trank. Am Ton seiner Stimme erkannten die Mädchen, dass es etwas Schlechtes war – warum, verstanden sie nicht.

Der Junge trug den Namen Frieder, war groß und sprach nicht. Er ging auch nicht nach draußen; auf jeden Fall nicht allein. Als er einmal an der Hand seiner Großmutter im Pfarrhaus erschien, sahen die Mädchen oben vom Treppenabsatz zu. Er ging, wie sie sich einen Seemann vorstellten.

Dieser Junge besuchte ebenfalls keine Schule.

Was soll ich machen, klagte die Großmutter, es gibt niemanden, der ihn fahren könnte, würde ohnehin nicht viel nutzen. Er muss nicht, seine Störung.

Ja, sagte Yvonne, viele Male ja, wie eine Aufziehpuppe, und die lauschenden Töchter erkannten in dem großen blassen Jungen ihren einzigen möglichen Freund.

Es sei denn, sie gingen WEIT WEG.

Die Geschichten, die sie einander erzählten, handelten oft von WEIT WEG. Und sie handelten von dem geheimnisvollen Jungen. Sie erzählten fast ohne Worte und mit Gesten, die so sparsam waren, dass kein anderer hätte folgen, dass kein anderer hätte ahnen können, wohin sie sich gedanklich aufmachten.

Beide Schwestern lernten schnell lesen und hielten sich nicht lange bei den Bilderbüchern auf, mit deren Hilfe Yvonne ­ihnen die Buchstaben und Silben vorgestellt hatte. Ehe ihr erstes Schuljahr vorbei war, bestanden die Deutschstunden zur Hälfte aus Lektüre, zur Hälfte aus Aufsatz und Diktat. Rebecca und Judith schrieben fehlerfrei, lasen gierig, spürten Fernweh nach jedem Ort, der zwischen die Seiten der Bücher gebannt war, wie sie selbst in das stille Haus und seinen verwilderten ­Garten. Sie richteten sich Geheimorte ein. Rebecca zeichnete eine Karte davon, Landkarte und Schatzkarte zugleich:

Unter Judiths Bett. In dieses Versteck nahmen sie eine Wolldecke und zwei Paar Gummistiefel mit, denn sie glaubten fest an einen geheimen Gang, der sich eines Tages auftun würde. Ein Geheimgang, der sie zu einer Welt voller Freude bringen würde. Woraus die Freude bestand, wussten sie nicht.

Eine Höhle in den Fliederhecken, im Winter nicht brauchbar, machte sie im Sommer unsichtbar. Sie gruben eine Vorratskammer in den Boden und legten eine Blechbüchse mit Süßigkeiten hinein.

Ein Winkel im Keller hinter Regalen voller leerer Einmachgläser und verrostetem Werkzeug, der berauschend nach alten Steinen roch.

Eine Astgabel im Walnussbaum; das Schuppendach, das man von dort erreichte. Eine Zuflucht nur für Rebecca, wo sie sich grausame Rache ausmalte, wenn Judith sie geärgert hatte, oder sich selbst zerfleischte, wenn es ihr Dybbuk gewesen war, der sie anstiftete, die Schwester zu quälen. Ihre schönsten Bilder aus der Zeichenstunde zu zerreißen, ihr kleine Dinge zu stehlen, Süßigkeiten, Stifte, sie zu treten, wenn die Mutter sie lobte.

Yvonne lobte sparsam, aus Prinzip, und weil sie eine dunkle Unzufriedenheit mit dem verspürte, was in jenen alptraum­haften Monaten in ihr gewachsen war.

Rebecca sammelte Tiere, vor denen Judith sich fürchtete: Schnecken, Ohrenkneifer, Raupen. Dafür war es Judith, die sich auf den Weg zu Frieders Haus machte, allein, ihren sechsten Finger um den Hals wie einen Talisman. Sie trug einen Schottenrock, der über dem Bauch spannte und ihr das Aus­sehen einer kleinen alten Frau gab, rote Wollstrumpfhosen und die Gummistiefel aus ihrem Versteck unter dem Bett.

»Ich möchte Flieder besuchen«, sagte sie zu der echten alten Frau auf der anderen Seite der Tür.

Beide Schwestern waren überzeugt, dass dies sein richtiger Name war, dass man den Jungen nach den lila Blüten benannt hatte, hinter denen verborgen sie von ihm erzählten. Gerade in diesem Jahr blühte der Flieder besonders lange, der April war warm gewesen, der Mai war kalt, so lange blühte er, dass Judith sich an eine Zeit ohne Fliederblüten schon nicht mehr erinnern konnte.

Die Großmutter fragte, etwas scharf: »Hat die Mutti dich geschickt?«, was Judith verneinte. Flieder saß am Küchentisch und klopfte mit einem Hühnerknochen auf das Holz, ein­tönig und ausdauernd. Er hörte nicht auf, als Judith sich ihm gegenübersetzte.

»Sag schon brav Hallo«, sagte die Großmutter.

Der Junge sagte: »Hallo«, ohne sein Klopfen zu unterbrechen. Ganz wie hallo klang es nicht, eher wie ein Geheimwort. Vielleicht hatte er seine eigene Sprache, so wie Rebecca und sie. Judith versuchte, das Geräusch nachzuahmen, das er gemacht hatte. Die Großmutter bedachte sie mit einem bösen Blick (so eine war nun die Tochter des Pfarrers).

»Wo ist deine Zwillingsschwester?«

»Sie ist nicht meine Zwillingsschwester.«

Judith wandte die Augen nicht von Flieders klopfender Hand. Morsezeichen, darüber hatte sie in einem ihrer Bücher gelesen. Seine andere Hand hing zur Faust geballt an einem dennoch schlaff wirkenden Arm.

»Wollen wir rausgehen?«

Flieder antwortete nicht. Er arbeitete so konzentriert an seiner Klopfbotschaft, dass er nicht merkte, wie die Spucke ihm aus dem Mund auf den Tisch lief. Erst als der Knochen zwischen seinen Fingern zerbrach, sah er auf.

»Gehen wir raus?«, wiederholte Judith.

»Nein«, sagte die Großmutter, »allein rausgehen darf der Frieder nicht.«

»Hast du Kekse?«

»Kekse«, ahmte der Junge sie nach. Aber sie bekamen keine.

Judith und Flieder saßen einander gegenüber und schwiegen. Judith schwieg besser, weil sie mehr Übung darin hatte. Sie ­saßen so lange, bis die Großmutter Judith aufforderte zu gehen.

Zum Abschied nahm sie Flieders Hand. Die Hand war kalt.

Kalt wie der Regen über dem blassen, lila und altrosa blühenden Busch, unter den die Schwestern sich kauerten, beide in ihren Gummistiefeln, beide in schlecht sitzenden Schottenröcken. Umhüllt vom toxischen Duft der Blüten, spannen sie neue Geschichten um Flieders Gefangenschaft und ihre eigene bevorstehende Abreise, fremde Orte und fremde Menschen. Rebecca setzte Judith heimlich einen Ohrenkneifer aufs Knie, aus Wut darüber, dass die sich getraut hatte, den Jungen zu besuchen, und sie selbst sich nicht.

Flieders Großmutter klingelte bei Yvonne, blieb in der Tür stehen und verlor bittere Worte. Sie drohte mit dem Kirchenaustritt, beklagte sich über Leute, die sich selbst für etwas Besseres hielten und ihre Kinder für zu fein, um sie unter das Volk zu mischen. Yvonne beschwichtigte. Judith habe es nur gut gemeint. Sie glaubte sich in der Tochter wiederzuerkennen, wie sie damals die Freundschaft der abstoßenden dicken Mädchen gesucht hatte, und rief Judith nach unten, als die Großmutter gegangen war.

»Es ist sehr lieb von dir, dass du den armen Jungen besuchst, aber du musst das nicht tun.«

Judith hörte richtig »du darfst nicht«, obwohl die Mutter ihr über den Kopf streichelte und ihr eine halbe Tafel Schokolade schenkte. Um den Flieder war ein Geheimnis.

»Vielleicht«, sagte Rebecca, »ist er ein entführter Graf. Oder seine Eltern haben ihn hier versteckt, um ihn vor der Rache zu schützen.«

»Welcher Rache?«

»Von den Feinden. Darum dürfen wir nichts von ihm wissen.«

Der Mairegen ließ sich auf dem Dach hören, es war Nacht, und die Mädchen flüsterten in Judiths Bett. Beide konnten nicht schlafen. Es war eine dieser quälend hellen Nächte, in denen sie um sieben ins Bett gesteckt wurden und sich stundenlang mit ihrer Müdigkeit und dem Verbot sich zu regen herumschlugen.

Schließlich standen sie auf, schlichen die Treppen hinunter und verkrochen sich im Keller, wo, wie sie wussten, das beste Mittel gegen Schlaflosigkeit versteckt war. Es trug Etiketten mit merkwürdigen Aufschriften: GIN – RUM – VODKA; eine ganze Sammlung von Flaschen im unteren Fach einer Werkzeugkiste.

Rebecca hatte sie entdeckt, als sie nach Werkzeug suchte, um einen Sitz zu bauen unter den Fliederbüschen oder ein Baumhaus im Walnussbaum, aber das Geheimnis unter dem Hammer mit dem abgebrochenen Stiel und der stumpfen Säge ließ sie ihr Vorhaben gleich vergessen.

Die Schwestern waren nicht sicher, wer die märchenhaften Flaschen dort verborgen hielt, aber sie fanden schnell heraus, welche Wirkung ihr scharfer Inhalt hatte. Medizin. Wie in den Indianerbüchern. Es schmeckte scheußlich, wirkte aber ­Wunder. Sie entdeckten das Lachen, laut und grundlos, und wenn das Lachen aufhörte, die Bewusstlosigkeit. So lagen sie nebeneinander auf dem Kellerboden und waren zugleich weit weg, bis die nächtliche Kälte sie zurückholte. Einmal war es eine Ratte, die sie weckte, als sie mit Trippelschritten, die sich nicht einmal unangenehm anfühlten, über Judiths Arm huschte. Die Schwestern versuchten sie einzufangen, um sie als Haustier mit auf ihr Zimmer zu nehmen, aber die Ratte war schneller und kam nicht zurück. So schlichen sie allein nach oben, wie immer zitternd vor der Gefahr der Ent­deckung.

Yvonne merkte nicht, dass und wie ausgiebig ihre Töchter sich am Alkohol bedienten. Sie wunderte sich gelegentlich, wenn wieder eine Flasche leer war, aber wen hätte sie verdächtigen sollen außer sich selbst? Die Mädchen räumten die Flaschen in ihre genaue Position zurück, sobald sie abgefüllt hatten, was sie brauchten. Sie mischten ihre Medizin in einem leeren Einmachglas und erhielten so ein ganz ähnliches Getränk wie Yvonnes monatliches Verhütungsmittel. Es fehlten nur die Eiswürfel und der Anstandstropfen Sprite.

Martin-Sie

In der Nacht, ehe Rebecca zum ersten Mal ihre Tage bekam, stattete der Dybbuk ihr einen Besuch ab. Seine Stimme klang wie das ferne Schreien einer Katze, er versprach, sie nie zu verlassen, und der grünliche Mond lockte sie fortzugehen. Sie träumte den Rotkäppchentraum, den sie seit Jahren beim ­Einschlafen fürchtete. Sie lief über Bahngleise, lief und lief, bis der Wolf sie einholte und verschluckte, und der Traum mitnichten zu Ende war, der Wolf weiterlief, das Kind im Bauch, über die blutigen Gleise.

Als beim Erwachen tatsächlich Blut in ihrem Bett war, fühlte sie sich mehr erleichtert als erschrocken. Sie hatte auf die ­Sache gewartet, mit einem gewissen Ehrgeiz, denn Judith blutete schon seit einem Jahr. Rebecca beschloss, für den Rotkäppchentraum nun zu groß zu sein.

Chronische Müdigkeit. Diese Diagnose hatte sich Yvonne nach einigen Wochen Abwarten und Ratgeberlektüre selbst gestellt. Erst dachte sie, da Kopf und Körper sich täglich schwerer anfühlten und jede Tätigkeit (morgens aufstehen, Schule mit den Mädchen, Hausarbeit, Gespräche mit alten Frauen) ihr unerträglich mühsam wurde, an eine Schwangerschaft. Sie fürchtete; Ewald hoffte.

Aber ein Test fiel negativ aus, das Getränk erwies sich als zuverlässig. Yvonne erhöhte sicherheitshalber die monatliche Dosis, und die Flaschen leerten sich noch schneller als zuvor. Zum ersten Mal lernten Rebecca und Judith etwas kennen, was es an öffentlichen Schulen auch gab: Unterrichtsausfall.

Da die Kundschaft ihm wegstarb und seine Frau sich nach dem Frühstück wieder hingelegt hatte, saß Ewald den Vormittag in seinem Arbeitszimmer allein ab. Interessant war es nicht, er wusste aber nichts Besseres.

Yvonne kam ihre Müdigkeit mehr und mehr wie das schwere Erwachen aus einer Betäubung vor, in die sie gleich nach der Geburt ihrer Kinder gefallen war, einer Betäubung von dreizehn Jahren, wie in einem bösen Märchen. Man müsste hier raus, dachte Yvonne, dreizehn Jahre kein Urlaub, keine Reise weiter als die zum Zahnarzt und zum Großeinkauf bei Aldi. Ein monatlicher Cocktail, das machte zwölf im Jahr, in dreizehn Jahren 156. Nicht einmal die Familien hatten sie besucht, weder ihre noch seine. Die zwei hässlichen Entlein, die ihr in absehbarer Zeit über den Kopf wachsen würden, kannten ihre Großeltern nur aus den Weihnachtspaketen.

Vielleicht war es gewöhnlicher Überdruss, an dem sie litt. Aber sie hatte keinen Vergleich, keinen zum Sprechen. Ewald litt offensichtlich nicht. »Freundschaft wird überschätzt«, sagte er, »wir haben doch uns.« Sie fand, er hatte recht. Und wo hätten die Freunde auch herkommen sollen?

Yvonne war froh, dass ihre Töchter dort, wo sie lebten, keine Dummheiten machen konnten. Dennoch ärgerte sie ihr reiz­loser Anblick. Judiths Plumpheit besonders, aber auch Rebeccas eckige Bewegungen und ihr renitent verschlossener Gesichtsausdruck. Eitelkeit wünschte sie sich von ihnen nicht, selbst wenn sie Grund dazu gehabt hätten, und hielt sie von Spiegeln fern wie von Blaubarts verschlossener Kammer.

Somit entdeckten die Mädchen ihr im Glas reflektiertes Bild als etwas gänzlich Neues, etwas Fremdes sogar, das sie mit sich selbst nicht zusammenbrachten, etwas, das ihnen nicht zu gehören schien. Wieder und wieder schlichen sie ins Elternschlafzimmer und sahen in den Spiegel, in den unbeobachteten Stunden, in denen ihre Mutter sie mit einer Stillarbeit allein ließ, oder ohne eine Arbeit.

»Mein Bild wird hier drinbleiben, wenn ich längst nicht mehr da bin«, sagte Rebecca, zeichnete mit feuchten Fingern ihre Nase nach, die Wangenknochen, das Kinn.

»Wohin gehst du?«

»In die Berge. In ein anderes Land. Und ich hinterlasse überall mein Spiegelbild, das sieht dich an, wenn du kommst, um mich zu suchen.«

»Und wer ist hier schon drin? Der Flieder vielleicht, der sieht dich jetzt nackt.«

Rebecca drehte sich um: »Siehst du ihn denn?« Judith lachte.

Der große Spiegel war alt, wer weiß, wer alles darin wohnte, Pfarrfrauen und Dienstmädchen und Männer und Kinder, Haus­tiere, Vögel, Fledermäuse. Wer weiß, wessen Nacktheit da auf sie wartete. Marmorne Männerbrüste und riesige Genitalien, wie sie in Rebeccas Lateinbuch ein gelangweilter Schüler den Gladiatoren hatte wachsen lassen, den Götterstatuen und den mythischen Helden.

Hätte Ewald beim Kauf des gebrauchten Lateinbuchs etwas geahnt, wäre er nicht so geizig gewesen. Yvonne bemerkte die Kritzeleien erst während des Unterrichts, sie hatte Rebeccas Buch nicht durchgesehen, und fragte sich, ob ihr Mann es getan hatte (ihr Schamgefühl verbot ihr, ihn darauf anzusprechen). Sie sagte nichts zu den Mädchen, hoffte, die beiden würden die überdimensionierten Geschlechtsteile nicht als solche erkennen, oder wegsehen, wie sie selbst es bei solchen Darstellungen tat. Andererseits, falls nicht, so blieb ihren Töchtern jedenfalls erspart, was andere Mädchen ihres Alters in den Medien zu sehen und auf dem Schulhof zu hören bekamen. Also: weiterübersetzen.

Rebecca zeichnete jede Linie liebevoll nach, als könne sie den längst erwachsenen Jungen damit heraufbeschwören. Und siehe da, es gelang. Dabei behauptete Judith, dass sie die Hexe war, ihres sechsten Fingers wegen.

Als Rebeccas fleischgewordene Beschwörung ihr Erscheinen ankündigte, erst per Brief, dann telefonisch, öffnete Yvonne eins der bisher verschlossen gehaltenen Zimmer, machte gründlich sauber und stattete den Raum mit Regalen, Schreibtisch und einem schmalen Bett aus. All diese Möbel entnahm sie dem häuslichen Bestand, nur die Matratze wurde neu bestellt. Sie fühlte, wie schon die Aussicht auf den neuen Mitbewohner sie aus ihrer kränklichen Lethargie riss, sie beklagte sich über die zusätzliche Arbeit und freute sich dabei auf Gespräche mit einem Menschen, der

1. christlich

2. gebildet

war, auf eine Abwechslung von Ewalds schlichter Frömmigkeit, seiner Wortkargheit. Es war eine Vorfreude, die von keinerlei verbotenen Gelüsten getrübt wurde.

Die zu wecken, eignete sich der junge Mann kaum, dachte Yvonne, als sie ihm die Tür öffnete. Ewald hatte ihn vom nächsten Bahnhof abgeholt, aber er stand da, mit seinem Koffer in der Hand, als wäre er den Weg zu Fuß gekommen, ein aus der Zeit gefallener Vertreter in Stoffmustern oder illus­trierten Bibeln.

»Ich hoffe, Sie werden sich bei uns zu Hause fühlen«, sagte Yvonne, »mein Mann zeigt Ihnen Ihr Zimmer.«

Dann hielt sie das gleiche Ritual für den Neuankömmling ab wie gewöhnlich für die alten Damen, schenkte ihm Kaffee ein, nur mit viel mehr Zucker. Die Mädchen saßen mit am Tisch, still und gerade, bis Judith ihren mumifizierten Finger aus dem Ledersäckchen holte und stolz dem Gast zeigte. »Judith, ich habe es dir tausendmal gesagt«, zischte Yvonne und schickte sie zur Strafe auf ihr Zimmer. Rebecca blieb, prägte sich ­jeden Satz ein, den sie hörte, um ihn später für die Schwester wieder­geben zu können. Musterte für sich fliehendes Kinn und hochgezogene Schultern, spürte der Berührung einer feuchten Hand nach.

»Martin«, fragte Yvonne, »wie kommt es, dass Sie ausgerechnet bei uns Vikar werden wollten?«

»Ich habe mich, ehrlich gesagt, auf mehrere Stellen beworben. Die freie Wohnung war wichtig für mich, ich komme aus bescheidenen Verhältnissen, und dies war schon mein zweites Studium.«

»Ehrlich? Erzählen Sie, wie interessant.«

Rebecca entging nicht, dass ihr Vater verärgert die Mundwinkel abwärts zog. Sie schloss daraus, dass er von Zweitstudien nicht viel hielt.

»Ursprünglich wollte ich Lehrer werden, Latein und Englisch.«

Mehr sagte Martin-Sie nicht. Seine Unterlippe zitterte, wie ein Vogel, der davonfliegen will.

»Ein Glück, dass Sie zum Anfang des Sommers kommen.«, sagte Ewald. Er wollte hinzufügen, dass man den Garten um diese Jahreszeit besonders genießen kann, doch Yvonne ließ ihn nicht ausreden.

»Ein Lehrer, wie schön. Ich bin auch Lehrerin, Latein und Chemie. Ich unterrichte meine Kinder zu Hause. An die neuen Sprachen habe ich mich bisher nicht herangewagt.«

Martin-Sie lächelte und nickte.

»Da trifft es sich gut, dass Sie Englisch studiert haben«, hakte Yvonne nach und reichte ein zweites Stück Apfeltorte, aufgetaut, aus dem Frosta-Mobil.

»Im Grunde gehört meine Leidenschaft den alten Sprachen«, antwortete der junge Mann, wobei seine sehr helle Haut einen leichten Rotton annahm.

»Sie werden hier viel freie Zeit haben. Vielleicht könnten Sie mich ab und zu in Latein vertreten.«

Sie versuchte, dem Vikar in die Augen zu sehen, der sah entschlossen beiseite.

»Die Mädchen haben so wenig Umgang mit Menschen.«

Nein, mit Menschen rede ich nicht, nur mit dem Mond, meinem Dybbuk und mit Judith der Hexe.

Rebecca bewegte den Mund, auf und zu, wie ein obszönes Kauen sah das aus in ihrem knochigen Gesicht, etwas Spinnenhaftes.

»Rebecca, geh sofort nach oben zu deiner Schwester.«

Ars amatoria

Jedes andere Schulfach hätte Yvonne lieber abgegeben als ­Latein. Am liebsten wäre ihr gewesen, könnten die Mädchen anfangen, Englisch zu lernen. Doch sie hoffte, den jungen Mann möge beim Unterrichten der Ehrgeiz packen, oder er würde Rebecca und Judith in sein Herz schließen und mehr Stunden mit ihnen verbringen wollen. Das hielt sie allerdings für unwahrscheinlich. Abgesehen davon war sie stolz darauf, wie weit sie im Lateinunterricht mit ihren Töchtern gekommen war. Sie übersetzten Texte, die weit über den Lehrplan der achten Klasse hinausgingen, Stoff, der in der Oberstufe behandelt wurde und in Abiturklausuren.

Als Yvonne davon berichtete, dass die Mädchen lateinische Schriften im Original lasen, und dies bereits seit einem Jahr, entging ihr nicht, wie Martin-Sie ihr anerkennend in die ­Augen sah. Sie versuchte, ein Gespräch anzuschließen, und fragte nach seinem bevorzugten lateinischen Dichter.

»Ovid«, sagte er, wieder schüchtern, nur das eine Wort.

Um ihn zu ermuntern, schlug sie ihm vor, den Mädchen einen Text dieses Dichters zum Übersetzen zu geben.

»Ovid ist nicht einfach«, antwortete Martin-Sie mit einem gewissen Widerstreben. Yvonne erklärte, es sei gut, wenn ihre Töchter ein wenig gefordert würden. Sie hätten ohnehin ein zu bequemes Leben.

Beim Gedanken an einen neuen Lehrer waren die Schwestern begeistert. Um ihn zu beeindrucken, gestalteten sie einen Rate­sport – nur auf Latein – die Mädchen gegen Yvonne und Martin-­Sie. Sie zogen Zettel aus dem kleinen weißen Hut, den Yvonne bei ihrer Hochzeit getragen hatte und danach nie ­wieder. Auf den Zetteln standen Fragen wie: Qui erat imperator imperii Romani in tempo nativitatis Christi? »Tiberius«, sagte Yvonne eifrig. »Incorrectus est«, riefen Rebecca und Judith gleichzeitig, »erat Augustus.« Oder: Quid est mons altius in orbis terrae? Die Antwort, Everest, war auf Deutsch und Latein gleich. Ewald nahm nicht Teil an dem Quiz. Dafür hatte er keine Zeit. Yvonne war es recht so und den Schwestern auch.

Zu Beginn der ersten Unterrichtsstunde stellte Yvonne Rebecca und Judith den neuen Lehrer förmlich vor, als hätten sie ihn nicht längst gesehen. Sie setzte sich mit Stift und Papier zu ihnen an den Tisch, machte aber keine Notizen, sondern hörte zu, wie ihre Töchter konjugierten, deklinierten und die aktuelle Lektion im Buch vorstellten. Wie im Halbschlaf starrte sie auf das blasse Profil des jungen Mannes, die Schuppen in seinen rötlich braunen Haaren und auf seine knochigen Hände. Als er den Beginn der Lektüre für die nächste Stunde ankündigte, bedauerte sie es. Noch einmal daneben zu sitzen, das spürte sie, wäre nicht angemessen.

Eine Stunde Vormittagsschläfchen.

Eine Stunde Rosenbüsche schneiden im Garten.

Später, als Ewald sich vor dem Bett stehend entkleidete, ihr den Rücken zudrehte wie jeden Abend, da stand sie auf, umfasste ihn von hinten, küsste seinen Nacken, den Haaransatz, bis er »aber Yvonne« sagte. Er war es gewohnt, dass sie auf ihn wartete, passiv, ergeben. »Wirklich, Yvonne«, wiederholte Ewald, und sie dachte, wenn man gezählt hätte, wie viele Male haben wir das schon gemacht, es ist langweilig wie mein ganzes ­Leben. Doch sie störte sich nicht an der Langeweile. Langeweile bedeutete Sicherheit. Ewald war ein funktionales Möbelstück, ein zuverlässiges Küchengerät, etwas, nach dessen Innenleben man nicht fragt, von dem man nicht wissen will, auf welche Weise es zusammenhält.

Judith und Rebecca stiegen Hand in Hand die Treppe hinunter wie zwei überaus brave Mädchen. Martin-Sie wartete im Schulzimmer und vergaß guten Morgen zu sagen. Auch sie grüßten nicht, setzten sich schweigend, die Rücken gerade, die Hände genau bis zum Handgelenk neben Lateinbuch und Heft auf den Tisch gelegt, die Knie unter ihren Feiertagsschottenröcken aneinandergepresst. Draußen verlor der Flieder feucht riechend seine Blüten. Martin-Sie redete sich warm.

Seine Unsicherheit den beiden befremdlichen Schülerinnen gegenüber nahm ab, da er sich ganz auf seine liebste Materie konzentrierte und die Mädchen, wie Fleisch gewordene Gestalten aus dem frommen Traum eines Lehrers, nur dann den Mund öffneten, wenn er eine Frage stellte. Seine Lippen flatterten nicht mehr, sie standen fest in seinem Gesicht und erinnerten Rebecca an die Lippen der Ritter in den Sagenbüchern. Judith starrte auf die Haut seines Armes unter dem hochgeschobenen Hemd, die den gleichen milchweißen Grundton hatte wie ihre eigene. Als Martin-Sie ihnen zwei graustichige Kopien mit dem Übersetzungstext über den Tisch reichte, ein Werk des uralten Kopierers aus dem Pfarrbüro, berührte sie seinen Arm mit den Fingerspitzen. Der zuckte leise und zog sich zurück, wie eine Schnecke, wenn man ihr auf die Augen fasst.

Ansonsten bot die Stunde nichts Interessantes, und der Text war schwierig. Statt vernünftig zusammenzustehen, wucherten Adjektive und Nomen, Subjekte, Objekte und Verben in einem abstoßenden Durcheinander, das gespickt war mit Gerundien und Partizipien wie ein ungeheuer stachliges Gebüsch. Als Yvonne mit dem Mathematikbuch erschien, bat Martin-Sie um Verlängerung. Halb irritiert, halb erfreut kehrte Yvonne wieder um. Rebecca und Judith verbrachten den ganzen Vormittag mit der Übersetzung einer langatmigen Geschichte darüber, wie struppige Jünglinge begehrte Mädchen aus einem Theater entführten. Hätte Martin-Sie ihnen nicht Etliches vorgesagt, hätten sie es bis zum Mittag nicht geschafft.

Die Schwestern brauchten keine Worte, sie mussten sich nur ansehen, um sich darüber zu verständigen, dass dieser Unterricht schlechter war als der ihrer Mutter. Der junge Mann aber war eine Attraktion. Ob er in ihrer Welt den Platz des Ritters oder den des Bösewichts einnehmen würde, so viel Personal hatten sie nicht, dass sie ihn ziehen lassen konnten. Also benahmen sie sich, ganz wie Yvonne es ihnen eingeschärft hatte.

»Was verdirbst du dir die Äuglein mit zärtlichen Tränen?«, versuchte Rebecca zu übersetzen.

»Falsch!« Martin-Sie schrie es beinahe. »Teneros und lacrimis sind nicht kongruent. Auf was bitte bezieht sich teneros? Judith?«

Judith, den Blick unverwandt auf den nackten Schnecken­arm gerichtet, erkannte ohne hinzusehen den richtigen Bezug und übersetzte korrekt den Rest des Satzes: »Was der Vater der Mutter ist, das, sagte er, werde ich dir sein.«

Judith die Hexe

Gott war eine Nicht-Tatsache, an der keinesfalls gezweifelt wurde. Ein Buchhalter am Himmel, distant, aber zu gelegentlichen Strafen aufgelegt, wenn er nicht gerade Sternlein zählte oder Kuchen aß. Soviel verriet ihnen Yvonne. Ewald kommunizierte über das Thema nur in den Formeln des Gebets und seiner Predigttexte, die ebenso unverständlich wie unheimlich waren.

Nicht, dass die Schwestern sie häufig zu hören bekamen.

Zum einen hatte er sechs Dorfkirchen zu versorgen und hielt entsprechend selten bei ihnen im Ort seinen Gottesdienst ab. Zum anderen ging Yvonne, seit dem kurzen und vergeblichen Kindergartenbesuch ihrer Töchter, nur ungern mit den ­beiden in die Kirche. Sie spürte, dass die Dorföffentlichkeit ihren Kindern feindlich gesonnen war. Die übelwollenden Blicke der anderen spiegelten unmissverständlich, was Yvonne schon wusste. Die Schwestern waren nicht, wie kleine Mädchen sein sollten: Die renitente Rebecca mit ihrem ewig mürrischen Ausdruck im Gesicht, und die zarte Judith in Wahrheit unförmig, oberflächlich brav, unterschwellig boshaft. So weit Yvonnes nüchternes Urteil über ihre Kinder, zuerst gefasst, als diese vier Jahre alt waren, seitdem täglich bestätigt.

Nur alle vier Wochen, wenn DAS GETRÄNK ihre monatliche Blutung zum Fließen brachte und ihr zugleich das Gefühl schenkte, dass alles möglich, alles offen war, erlaubte sich Yvonne einen anderen Blick auf die Dinge. Es waren die glücklichsten Momente ihres ansonsten öden Daseins. Ihr Rausch verlieh der Welt eine freundliche Aura. Wenn das zweite Glas leer war, kamen ihr sogar ihre Töchter liebenswert vor. Phantasien gingen ihr durch den Kopf. Sie versuchte sich Martin-­Sie ohne Hemd vorzustellen; eine Urlaubsreise mit Mahlzeiten im Restaurant und lächelnden Kellnern; die feierliche Be­erdi­gung von Ewald. Verbotene Gedanken, die sie nicht einmal in lateinische Worte zu fassen wagte. In den darauf folgenden Tagen flüchtete sie in das intensive Singen von Chorälen und Hausarbeit. Abends im Bett an Ewalds Seite beschäftigte sie ihr schlechtes Gewissen, ein schwammiges Angstgefühl, ebenso beunruhigend wie die schnell sinkenden Pegelstände in den Flaschen. Dann fühlte sie ihre Frömmigkeit verblassen, durchsichtig werden wie ein zu oft getragenes Kleidungsstück, bis sie als Mauer gegen die Schrecken der Welt, als feste Burg nicht mehr taugte.

Immerhin gab es die Mauern des Hauses, um sie abzuschirmen. Aber sie ahnte und fürchtete, dass es unmöglich sein würde, Rebecca und Judith dauerhaft vor dem zu bewahren, was in ihrem Wesen angelegt war, was sie nicht benennen konnte, was jeder, dem die Mädchen begegneten, als abstoßend empfand.

Wenn Yvonne einmal so weit war, brach sie ihre Gefühle her­unter auf gewöhnliche mütterliche Angst um die Zukunft der Kinder und nahm Zuflucht zu einem neuen geistigen Lied. Sie sang laut, das Haus war groß genug, dass man sie nicht hörte, das Bügelbrett stand in einem sonst unbenutzten Zimmer, der Staubsauger übertönte ihre Stimme. Es zog höchstens ein düsteres Summen durch die Wände, das Rebecca hinaus in den Garten trieb, und das Judith unter die Haut sickerte wie eine giftige Anklage, ein Band der Melan­cholie um ihre Eingeweide, zu sprengen höchstens durch Nahrungs­aufnahme.

Oder durch das Behexen von Martin-Sie.

Judith, das bläuliche, das dicke weiße Mädchen, der alptraumbringende sechsfingrige Geist, Judith der Beinahe-Zwilling brachte es fertig, folgsam zu übersetzen, wie junge Römer sich auf engen Theatersitzen an junge Römerinnen drängten. Dabei richtete sie ihren Willen ganz darauf aus, Macht über ihren ­linkischen Lehrer zu gewinnen, der die stumpfsinnig scheinende Sonne ebenso mied, der ebenso leicht schwitzte wie sie, und von dem sie nicht hätte sagen können, dass er ihr gefiel. Oder aber missfiel. Sie hatte niemanden zum Vergleich.

Wenn Rebecca in den Pausen nach draußen ging, blieb ­Judith im Schulzimmer. Martin-Sie ging in einen anderen Raum. Sie folgte ihm nicht. Sie wartete. Unbeirrt von Rebeccas Zorn wie von seinem Unwillen.

Einmal verließ Martin-Sie das Zimmer nicht. Er sah in ­seinen Text, kritzelte Unleserliches an den Rand, schwieg. Judith schwieg zurück, fixierte die Schweißperle an seiner Ober­lippe. Machte unwillkürlich ein kleines schmatzendes Geräusch, da fuhr er zusammen wie bei ihrer Berührung in der Unterrichtsstunde. Judith war nicht sicher, was sie von ihm wollte. Aber in diesem Augenblick wusste sie, sie würde es bekommen.

Martin-Sie saß in den Pausen jetzt neben ihr. Er ging nicht mehr in sein Zimmer, kein einziges Mal. Manchmal verschwand er kurz, kam aber wieder. Zur Toilette, vermutete Judith.

Rebecca bestrafte ihre Schwester, indem sie ganze Nachmittage im Versteck auf dem Schuppendach verbrachte, das Judith mit ihrem Gewicht nicht erreichen konnte. So wenig, wie sie selbst es aushielt, die Schulpausen im Haus zu verbringen, erst recht nicht jetzt, wo der Kirschbaum trug. Der Baum war alt, er trug nicht in jedem Jahr, aber in diesem Sommer war er übervoll, seine Krone mehr rot als grün. Die Kirschen hatten große Kerne, wenig Fruchtfleisch und einen leicht bitteren Geschmack. Rebecca aß davon, bis sie Bauchschmerzen bekam, während Judith geduldig an der Seite des Lehrers ausharrte.

Seit Martin-Sie in ihrem Haus erschienen war, beschränkte sich das Familienleben mehr und mehr auf die gemeinsamen Mahlzeiten. Yvonne gab ihre Unterrichtsstunden an ihn ab, lag im Bett auf dem Rücken oder wandelte durch den ­Garten, warf kaum einen Schatten, machte kaum ein Geräusch, es sei denn, sie sang. Ewald sprach seine wenigen Worte nun vornehmlich mit dem Vikar. Der wurde täglich zum Essen an den Familientisch gebeten, schlug die Einladungen aber meistens aus. Wenn er dabei war, bemühte sich Yvonne, ein Tischgespräch zu führen, wählte als Thema die antiken Dichter oder die Fortschritte ihrer Töchter. Wenn er nicht dabei war, machte sie Bemerkungen über Rebeccas Appetitlosigkeit oder beobachtete Judiths Großmutterbauch, ihre speckigen Hände, die breit angelegte Brust, ohne einen Kommentar zu wagen. Ewald überwand sich, stellte eine oder zwei Fragen über den Tagesablauf der Mädchen und hörte deren Antworten ohne Interesse. So sehr er wünschte, weitere Kinder in die Welt zu setzen, so wenig sagte ihm die Gesellschaft der beiden zu, die er besaß. Sie waren ihm nur ein Versuch, ein unvollkommener Anfang, sie waren ermüdend und Yvonnes Aufgabe.

An einem Abend im Juli, Rebecca krümmte sich auf ihrem Stuhl, hatte den Nachmittag über Klatschmohnblüten gegessen, oben auf ihrem Dach, hatte die Glockenblumen unten an der Schuppenwand nach der Besessenheit ihrer Schwester befragt und keine Antwort bekommen, sogar ihren Dybbuk gerufen, der auf Rufen nicht kam, da trat Judith mit ihrem Fuß unter dem Tisch sehr bestimmt auf den Fuß von Martin-­Sie. Berechnend war das, sie wusste, er konnte nichts tun oder sagen, da er doch mit ihren Eltern am Abendbrottisch saß. Sie ließ den Fuß dort, einen nackten verschwitzten Fuß, nicht zärtlich oder sanft, eher eine Drohung. Niemand sah es außer Rebecca.

Yvonne, in ihrer prämenstruellen geistigen Schwerelosigkeit, zitierte Verse von Vergil, und Martin-Sie murmelte benommen die Übersetzung, wie zwei Mönche in einem Sprechgesang klangen sie.

Ich lebe nicht wirklich, dachte Yvonne.

Was hatte es schon auf sich mit so einem Leben, ob man es im Irrenhaus verbrachte oder in einem Pfarrhaus, in den Armen eines Satyrs oder allein – letztlich ging es ums Durchhalten, ums Tagezählen, das Warten auf Ereignisse und Nicht-­Ereignisse.

Was Martin-Sie betraf, wartete sie auf Ereignisse, die nicht kommen würden und nicht kommen durften. Und sie war nicht mehr die Einzige im Haus, die Tage zählte. Rebecca tat das ebenso, nicht bis zur 28 wie ihre Mutter, sondern weiter ins Ungewisse. Das Ziel, auf das sie hinzählte, lag an einem ihr noch unbekannten Tag, begonnen hatte sie die Zählung mit dem Entschluss, das Elternhaus zu verlassen. Sie rief sich die aktuelle Zahl ins Bewusstsein, über dem Tisch Vergil, ­unter dem Tisch der aufdringliche Fuß. Wenn der Tag kam und sie der Welt begegnen würde, wie jemand, der aus dem Gefängnis entlassen wird, wenn dieser Tag kam, würden Vergil und seinesgleichen ihr nichts nützen, sie würde nichts zum Mitnehmen haben – was wollte Judith nur mit dem blöden Vikar? Was krallten sich die kleinen weißen Würmer ihrer ­Zehen so beharrlich in dessen Birkenstockschuh? Wie ein Hund, dachte Rebecca, wie ein Hund ist das, und sie trat ihrerseits gegen Judiths Schienbein. Das bemerkte Judith nicht, weil sie so sehr mit dem Fuß des Lehrers beschäftigt war, aber Yvonne: »­Rebecca, verlass sofort den Tisch!«

Von diesem Abend an war sie auf der Hut. Zum ersten Mal empfand sie echtes Misstrauen ihrem Beinahe-Zwilling gegen­über. Wenn sie nach den Pausen ins Klassenzimmer zurückkehrte, schien Judith ihr jedes Mal verändert; nie die Schwester, die sie zurückgelassen hatte. Sie war ein Bündnis gegen sie eingegangen, mit dem einzig möglichen Verbündeten, Martin-­Sie.

In den Pausen ging Rebecca nicht mehr in den Garten. ­Rebecca stellte sich auf den Flur und lauschte. Viele Tage hörte sie nichts. Einen Stuhl rücken vielleicht, oder das Geräusch von Büchern, die aufgeschlagen, geglättet, wieder auf den Tisch gelegt wurden. Das Geräusch von Papier. An Tag 33 ihrer persönlichen Zeitrechnung hörte sie den Vikar »du kleine Hexe« sagen, so, als drücke er es zwischen seinen Zähnen hinaus, so, als wäre er böse auf Judith. Als die Pause vorbei war, suchte Rebecca in beider Gesichtern nach Zeichen von Streit oder Ärger; die aber verrieten nichts.

An Tag 37 öffnete sie leise die Tür.

Martin-Sie kehrte ihr den Rücken zu. Judith lag rücklings auf dem Tisch, ihre Augen geschlossen. Wie das füllige Opfer einer Operation lag sie da, bewusstlos, die Bewegungen des Mannes über ihr, ein pickender großer Vogel, dachte Rebecca, als verstünde sie nicht, was da geschah. Sie schloss die Tür wieder, niemand bemerkte sie, sie hasste Judith für das, was sie da tat.

Dennoch kehrte sie, schweigend, in den Unterricht zurück. Ars amatoria. Die Kunst zu lieben. Was daran, was von dem, was sie gesehen hatte, war eine Kunst?

Heiß wie keine Kohle

An Tag 40 der Zählung, von der er nichts wusste, zog Ewald im Badezimmer nach dem Zähneputzen einen nahezu ungetragenen karierten Schlafanzug an und legte sich so bekleidet neben Yvonne. Sie bewegte sich nicht, sagte nichts, und Ewald murmelte gute Nacht, mehr zu sich selbst. An Tag 43 fuhr er in die Stadt, kaufte Vorräte für die Küche ein und einen zweiten Schlafanzug, um wechseln zu können.

An Tag 44 saßen sie gemeinsam beim Abendessen, das Ehepaar, die Töchter und der junge Mann. Yvonne hatte herzlich beteuert: »Aber Martin, Sie gehören doch zur Familie.« Vor ihnen der von Ewald gekaufte Schinken, die von Ewald gekaufte Wurst, das Schwarzbrot, unter dem Tisch Rebeccas Fuß auf dem Fuß des Eingeladenen, nicht besitzergreifend wie der von Judith, sondern verletzend; tödlich. Tödlich auch Rebeccas geschlossene Lippen, mit denen sie das Essen verweigerte und der kalte Blick, über den ihre Mutter den Kopf schüttelte, der aber nicht reichte, sie auf ihr Zimmer zu verweisen.

»Stell dich nicht an und iss«, mahnte Ewald.

»Es schmeckt mir nicht.«

»Es schmeckt uns allen nicht. Trotzdem muss es gegessen werden.«

Rebecca öffnete die Lippen ein Stück, knabberte an ihrem Brot, die Aufmerksamkeit der Eltern trieb ab, hing zäh wie eine Qualle unter der hohen, rissigen Zimmerdecke. Das angebissene Brot wanderte auf Judiths Teller. Als wären sie noch klein und unzertrennlich. Judith lächelte.

War es möglich, sich zu vertragen? Konnte sie Judith ver­zeihen, dass sie sich den Besucher so schäbig angeeignet hatte? In aller Heimlichkeit, ohne ihr etwas zu erzählen? Was wollte ihre Schwester mit diesem haarigen und pickligen Körper, der den Bildern im Lateinbuch nicht glich? Rebecca entschied, dass es so nicht weitergehen konnte und trat fester auf den Fuß von Martin-Sie.

Der sagte »ich entschuldige mich« und versuchte den Fuß unauffällig freizukriegen.

»Aber warum denn?« Yvonne errötete, als hätte sie selbst den jungen Mann vertrieben, etwas Falsches gesagt, zu viel geredet. Der Mann ist doch so zart. »Bleiben Sie noch ein wenig. Sie haben gar nichts gegessen.«

»Ich habe eine Predigt vorzubereiten«, murmelte Martin-Sie und klang dabei schuldbewusst.

Denkt er das Gleiche wie ich, fragte sich Yvonne. Was für eine feine Seele. Ahnt Ewald am Ende etwas? Wer ein Weib ansieht, ihrer zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen. Sie blickte zu Ewald, der hatte ihre Gedanken zum Glück nicht gehört – dennoch, Gott konnte nichts verborgen bleiben.