Freakwave - Loserth Claudia - E-Book

Freakwave E-Book

Loserth Claudia

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Beschreibung

Urlaubs-Kriminalgeschichte, die in Fuerteventura in der "Surferszene" spielt. Obwohl Renate ihren Liebhaber ans Meer verliert, beginnt sie in Fuerteventura ein neues Leben und versucht herauszufinden, ob Didis Tod ein Unfall oder ein Mord war. Eine "Nach-Liebes-Geschichte"

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Seitenzahl: 200

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Impressum: Loserth Claudia 

Tiergartenstr.77 

6020 Innsbruck

Copyright: Loserth Claudia 

Tiergartenstr.77 6020 Innsbruck

FUERTEVENTURA

Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12:
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26 EPILOG
Kapitel 27 NACHWORT

Kapitel 1

Heute früh haben sie mir einfach von Didis Tod erzählt, die Nachbarn. Klar, sie wussten nicht, dass wir uns in den letzten Wochen so nah gekommen waren. Manche würden sagen zu nah, für eine verheiratete Frau. Aber durch ihn hat das Leben für mich wieder neue Farbe bekommen, dabei war es gar nichts sexuelles, zumindest nicht hauptsächlich.

Und jetzt sitz ich da, auf meiner Blumenterrasse, und alles sieht nur mehr krank aus. Die Kakteen sind mehr stachlig als exotisch, von der Farbe der Bougainvillea wird mir übel und die Hyazinthen sind voller Blattläuse. Ich hab mir selber 2 Lexotanil genehmigt, ich dachte, sonst würd ich den Tag nicht überstehen.

Ich bin dann zum Strand hinunter, aber ich konnte den Leichnam von Didi nicht einmal mehr sehen. Die Polizei hatte ihn schon mitgenommen. Mir wollte auch niemand Auskunft geben, niemand will über so etwas reden in einem Urlaubsparadies, mein Spanisch ist auch noch viel zu schlecht, um die Einheimischen zu verstehen, wenn sie untereinander reden. Außerdem war ja Didis Sohn hier auf Fuerteventura für seinen Urlaub, der hatte natürlich alles schon in die Hand genommen. Und mit dem wollte ich gar nichts mehr zu tun haben, seit unserem Streit. Ich habe bis jetzt nur erfahren, dass man Didi ganz in der Früh ertrunken am Strand im Surfanzug gefunden hat.

Jetzt ist alles wieder ins Wanken geraten. Was mach ich denn hier auf Fuerteventura? Aber was mach ich irgendwo anders? Ich merk erst jetzt, wie sehr ich meine Existenzberechtigung immer an jemand anderem festmache.

Ich kann mir ein Leben nur vorstellen, wenn es einen Menschen für mich gibt, der mir das Wichtigste auf der Welt ist, und für den ich umgekehrt die Wichtigste bin.

Ich teilte dieses Gefühl sehr lange mit meinem Mann, aber dann haben die Kinder die erste Stelle in unserem Leben eingenommen. Die Kinder haben jetzt natürlich jemand anderen, und mein Mann und ich konnten nicht mehr so zueinander zurückfinden. Wenn da nicht dieses Manko gewesen wäre, dann hätt ich auch sicher nicht ein Semester Auszeit von meiner Lehrertätigkeit in der Abendschule genommen, um nach Fuerteventura zu fahren, um mich um die Hinterlassenschaft meiner Tante Olga zu kümmern.

Ich kann einfach nicht glauben, dass Didi beim Surfen ertrunken ist. Windsurfen war sein Leben . Und er war immer noch unheimlich gut gewesen, obwohl er nicht mehr ganz so jung war, wie sein Lebensstil hätte vermuten lassen. Irgendwo zwischen vierzig und fünfzig, sein wahres Alter hat er mir verschwiegen. War mir auch egal. Vorgekommen ist er mir wie dreizehn. Genau - präpubertär, manchmal sogar ein bisschen infantil. Windsurfen war ihm zum Beispiel eindeutig wichtiger als Sex. Es muss wohl sein ganzes Leben so gewesen sein. Es gab zwar diesen Sohn, aber von Exfrauen war nie die Rede.

Wir hatten auch übers Windsurfen zueinander gefunden. Nicht weil ich gut war, ganz und gar nicht, ich war eher Anfängerin, aber weil ich mich in meinem Alter, so begeistern konnte und bereit war, wirklich noch etwas zu lernen, deswegen haben wir uns als Seelen-verwandte entdeckt. Mir war klar, dass einem das nicht oft im Leben vergönnt ist, dass man sich gegenseitig so wahrnimmt. Ich habe vermieden, es Verliebtheit zu nennen. Dafür fühlte ich mich zu alt . Aber egal, wie man es nennen wollte, ich war sehr glücklich mit dem Gefühl. Die Welt und meine Aussichten darin sahen rosig aus, so wie, wenn man total übermüdet endlich eine gute Tasse Kaffee getrunken hat. Nur hätte es länger halten sollen, als eine Tasse Kaffee, und ich war gar nicht auf dieses plötzliche Ende vorbereitet. Und auch nicht auf dieses Katergefühl und die Entzugserscheinungen. Alle paar Sekunden denk ich Didis Namen, und es schnürt mir die Luft weg. Vielleicht wär es leichter, wenn ich den Schmerz mit jemandem teilen könnte. Aber wer sollte das sein? Mein Mann, meine Kinder, Didis Sohn? Die Auseinandersetzung mit ihm liegt erst ein paar Tage zurück. Er hatte mir doch glatt vorgeworfen, ich würde ihn um sein Erbe bringen, weil ich vorhätte, Didi zu ehelichen. Ich war mir einfach zu gut dazu gewesen, ihm klar zu machen, dass ich schon verheiratet war.

Wie konnte man nur so geldgeil sein. Alles, was ihn an seinem Vater interessierte, war, wie viel der für ihn auf die Seite gelegt hatte. Stimmt schon, ein Familienleben hatte es bei ihnen nie gegeben. Der Sohn war mit seiner Mutter in Deutschland aufgewachsen, und Didi hatte die Alimente bezahlt, und hin und wieder war der Sohn für seinen Urlaub nach Fuerte gekommen. Nicht, weil ihn sein Vater besonders interessiert hatte, sondern weil da wieder ein bisschen Geld locker zu machen war, und der Urlaub nichts kostete.

Dabei hatte Didi mehr bezahlt, als Väter sonst in seiner Lage, nämlich nicht nur die Alimente. Die Mutter von Matthias hatte von dem Geld leben können, das Didi nach Deutschland schickte, und er wollte seinem Sohn ein Wirtschaftsstudium in London finanzieren , und er würde ihm auch noch eine große Wohnung in Wien vererben. Ich fand, das müsste reichen. Das hab ich auch laut gesagt, als Matthias seinem Vater in meinem Beisein vorwarf, versäumt zu haben, aus seiner Surfschule in Fuerteventura wirklich ein Geschäft zu machen. Matthias hat immer wieder auf Tommy Baumann hingewiesen, auf den großen Konkurrenten von Didi. Der hätte wirklich was hingestellt, der würde echt rummachen, auf den könnte man als Sohn stolz sein, und immer so weiter.

Da ist mir rausgerutscht, dass es irgendwann an der Zeit ist, für die Erbengeneration, auch was anzufangen mit dem, was man schon bekommen hat, und dass es dann auch Zeit wird, selber für sein Tun die Verantwortung zu übernehmen. Da wär der Matthias doch fast handgreiflich geworden. Aufgesprungen ist er von dem Stuhl und hat mich als Erbschleicherin und Heiratsschwindlerin bezeichnet. Dem Didi war das natürlich sehr unangenehm, aber wie viel Schuld trägt man als Elternteil für das Verhalten seiner erwachsenen Kinder? Das sollte wohl auch irgendwann mal vorbei sein! Also klar, dass ich mit dem zusammen nicht um Didi trauern kann. Und meiner Familie habe ich so gut wie nichts von Didi erzählt.

Meine Kinder sind absolut mit sich selber beschäftigt, das ist auch gut so, und meinem Mann kann ich mit meiner Trauer um Didi ja wohl nun wirklich nicht kommen. Es heißt, man trauert einer Liebe halb so lange nach, wie man sie gehabt hat. Das wär bei mir ja nicht so unendlich lange, doch jetzt steh ich verlorener da, als am Anfang, als ich nach Fuerte gekommen bin, ich muss mir erst wieder ins Gedächtnis rufen, warum ich überhaupt hier bin.

Kapitel 2

So ungefähr vor einem halben Jahr , da ging ich mir selber fast mehr auf den Keks, als mein Mann mir auf den Keks gegangen ist. Ihm warf ich vor, dass er so langweilig wäre, aber selber kriegte ich den Hintern auch nicht hoch, um was zu unternehmen. Am Wochenende wollte er höchstens seine Eltern besuchen fahren, so als hätte man nichts anderes machen können. Das war schon okay, als die Kinder klein waren, und ich hauptsächlich froh war, dass ich mal nicht auf sie schauen musste. Aber jetzt?

Es gab eine Zeit, ewig her, da sind wir glatt zusammen zum Windsurfen gefahren. Der einzige Sport, den er je ausgeübt hat. Ich weiß auch nicht, wie er geschafft hat, das zu lernen. Muss an einem Jugendfreund gelegen haben, der ihn da motiviert hatte. Jetzt redete er von diesen Urlauben, als wär's ein Weltkrieg gewesen, so ein Veteranengetue. Klar, er hatte immer viel gearbeitet, auch ganz brav verdient, alles in die Familie gesteckt, aber nun lebte er nur noch den Epilog. Die Kinder waren aus dem Haus, und alles, was wir am Wochenende taten, war, eine Grillveranstaltung bei seinen hochbetagten Eltern am Balkon besuchen. Und Fußball schauen natürlich, aber dafür konnte ich mich einfach nicht begeistern. Freundinnen von mir schaffen es, mit ihren Männern zum " Public Viewing" zu gehen, aber das ist doch wirklich das letzte. Dazu bin ich einfach nicht bereit, auch nicht um meine Ehe zu retten.

Dabei muss ich niemandem eine heile Welt vorspielen, meine Tochter trennt sich dauernd von irgendeinem “ Lebensabschnittspartner”, und ihre Lebensabschnitte sind recht kurz, das scheint heute ganz normal zu sein.

Von mir aus wollte ich mich ja nicht richtig trennen, Abstand schaffen, hätt mir gereicht. Nach außen hätt ja alles so bleiben können, wie es war. Ich glaub, das wär auch meinem Mann am liebsten gewesen. Bloß keinen Eklat. So unangenehm, wenn man zu so persönlichen Dingen Stellung beziehen muss.

Und dann kam dieser unglaubliche Brief von einem Anwalt in Fuerteventura. Der hat mich genau zum richtigen Zeitpunkt erwischt, sonst hätt ich dem wohl kaum soviel Aufmerksamkeit geschenkt.

Ich hatte eine Tante Olga. Richtiger, ich hatte sie gehabt, denn sie ist verstorben. Tante ist auch nicht ganz richtig, genauer Großtante mütterlicherseits. Ich hatte seit ungefähr 30 Jahren nicht mehr an sie gedacht. Es gibt ein altes Foto, da bin ich vielleicht fünf, und sie hält mich im Arm. Aufgenommen ist das Foto vor ihrem Gemüsestand in Pörtschach am Wörthersee. Eine Zeitlang hat die Familie viel über sie geredet. Sie ist nämlich, als " uraltes Weib", so hieß es in der Verwandtschaft, noch ausgewandert. Wohin, wusste ich gar nicht mehr. Jetzt weiß ich es wieder, wegen dem Brief. Nach Fuerteventura eben. Und sie hatte mir irgendwas vererbt. Warum sie ausgerechnet mich als Erbin ausgesucht hat, ist mir nicht ganz klar. Ich hab noch ein paar Kusinen und Kusins verstreut auf der Welt. Aber nähere Verwandtschaft hatte Großtante Olga keine mehr. Und es stimmte zumindest, dass meine Mutter am wenigsten gehässig über sie geredet hatte. Vielleicht hat Tante Olga mich deswegen als Erbin ausgesucht. Offensichtlich hatte sie gewusst, dass meine Mutter inzwischen verstorben war. Sonst hätte sie wohl sie ausgesucht.

Ich erinnere mich jetzt, dass es hieß, Tante Olga hätte mit ihrem Ersparten einen Minigolfplatz gekauft und einen jüngeren Freund. Mit beidem als Erbschaft hätte ich wenig Freude. Und der Anwalt hatte in seinem Brief durchblicken lassen, dass er es am klügsten von mir fände, wenn ich ihm den Auftrag gäbe, alle Liegenschaften meiner Großtante zu verkaufen, die Schulden mit dem Erlös zu tilgen, und mir den Rest der Erbschaft nach Österreich überweisen zu lassen. Er wäre bereit und berechtigt, das alles zu erledigen, es würde eine einfache Vollmacht reichen. Er könnte mir garantieren, dass mir zumindest keine Kosten entstünden und ein "kleines Sümmchen" ( wie er sich ausdrückte) würde für mich wohl übrig bleiben.

Auf das hin hab ich zuerst mich, dann meinen Mann, darauf vorbereitet, dass ich nach Fuerteventura fahren wollte, um mir die Angelegenheit selber genau anzuschauen. Aber ich wollte nicht, dass mein Mann mich begleitet. Wie sollte ich ihm das beibringen? Denn womöglich wäre der Ausflug dorthin wirklich unsinnig, und die Erbschaft nichts wert. Es hätte mich dann total genervt, wenn ich die Fahrt dorthin für ihn immer hätt schönreden müssen.

Ich wollt damals auf alle Fälle ein bisschen Krisenstimmung heraufbeschwören. Dabei half, wenn ich, die von ihm bestimmten alkoholfreien Tage einhielt. Er hatte nämlich aus irgendeiner ORFWIR-SENDUNG, dass, wenn man zwei alkoholfreie Tage in der Woche einhielt, man nicht zum Alkoholiker würde, weil die Leber sich regenerieren könnte. Seitdem schoben wir dauernd alkoholfreie Tage vor uns her, so einmal im Monat schafften wir sie auch. Unsere Stimmung dabei war dann aber nicht grad auf dem Höhepunkt. Und außerdem war ich an jenem Abend grad dran gewesen, zum Kochen. Ich bestand nämlich inzwischen darauf, uns den Haushalt zu teilen, und wir wechselten uns seit neuestem mit dem Kochen ab ( Die Idee kam von unserer Tochter Nora, da konnte Walter nicht viel dagegen sagen). Mir passte das gut, mir ist Essen nicht so wichtig, und alle zwei Tage nicht einkaufen und kochen müssen, wog für mich leicht auf, dass mein Mann und ich komplett unterschiedliche Geschmäcker haben. Eigentlich verwunderlich, nach so langem Zusammenleben. Wir gaben uns gegenseitig nie zu, dass uns nicht schmeckte, was der andere kochte. Aber ich weiß das.

Also damals machte ich eine asiatische Fischsuppe. Die kann er gar nicht leiden. Er mag keinen Fisch, keine " exotischen" Gewürze und Suppe schon gar nicht. Normal gab's dazu einen besonders starken, guten Südtiroler Weißwein, einen Silvaner. ( Sonst tranken wir eher Rotwein) Und an jenem Abend gab es eben keinen Wein . Ich hoffte, so würde er nicht in Stimmung kommen, nach Fuerteventura zu fahren, wenn ich von dem Wein und dem Fisch dort schwärmte. Ich würde ja auch nur aus seinem Verhalten deuten können, ob er fahren wollte, oder nicht. Denn, was mein Mann nie tat, war deutlich seine Meinung sagen. Er fand überhaupt, dass Reden eine Form von Schwäche ist. Jemand hat " Logorrhoe", war eine beliebte Aussage von ihm, um jemanden zu disqualifizieren.

Wenn er dann ein bisschen was getrunken hatte, redete er schon und gab oberlehrerhaft seine Meinung kund, zu" wichtigen" Themen, wie Politik und Religion, auch zu Literatur, die er meistens gar nicht gelesen hatte. Er sagte nur nie so banale Dinge, wie:" Kannst du mir den Brotkorb rüberstellen", oder," Ich möchte am Sonntag einfach im Bett bleiben". So was musste nonverbal gehen, das hieß, ich musste es erraten.

............................

Ich hätt mich damals jedenfalls gar nicht so rein steigern müssen. Es war ganz eindeutig gewesen, dass mein Mann nicht mitfahren wollte nach Fuerteventura. Er konnte ja auch nicht, so leicht wie ich, Sonderurlaub bekommen, er unterrichtet nämlich in der " Regelschule", Handelsakademie ( was er sozial bedeutender findet, als meine Stellung an der Abendschule) Er schimpfte ein bisschen über die Bausünden der Touristikindustrie, über die er grad mal einen Film gesehen hatte, und sonst hatte er eher ein schlechtes Gewissen , dass er mich allein fahren ließ. Er brachte mich sogar zum Flughafen . Ich hätt also gar nicht so gehässige Gedanken in mir aufkommen lassen müssen.

Kapitel 3

Außerdem ist mein Mann ein Wiederholungstäter. Damit mein ich, wenn ihm ein Ort gefallen hat, dann konnte er unzählige Male dorthin fahren. Wir hätten uns eigentlich in Griechenland was kaufen sollen, aber dazu war mein Mann immer zu vorsichtig mit seinem Geld.

Jetzt ist das Geld auch so weg, denn 20 Jahre Appartements und Hotels für vier Personen zahlen, ist auch nicht billig gewesen. Und ein paar mal den Ort gewechselt haben wir doch. Immer, wenn was vorgefallen ist, was meinem Mann gegen den Strich gegangen ist, haben wir uns einen neuen Urlaubsort ausgesucht. Wenn ich so drüber nachdenke, ist das dann immer von ihm ausgegangen. Also so unentschlossen, wie ich ihn einschätze, ist er nicht gewesen. Also man sieht schon, kaum hab ich nur ein paar Monate Abstand von ihm, kommen mir seine Charakterzüge positiver vor.

Der Anwalt meiner Tante hatte mir in Calete in einem 4-Stern-Hotel ein Zimmer bestellt. Wegen den Kosten hatte ich noch gar nicht mit ihm gesprochen. Soweit ich aus dem Brief entnehmen konnte, hatte meine Großtante noch zu Lebzeiten, ihn zu ihrem Sachwalter bestellt, da sie sich in geschäftlichen Dingen nicht mehr sicher war. Sie hatte ihn auch dazu bestellt, ihren Nachlass abzuwickeln. Also vielleicht bezahlte er einfach die Kosten von meinem Aufenthalt von dem Geld meiner Tante Olga. Das würde ich schon vor Ort herausfinden." Er wird sich selbst sicher ganz gut bezahlen, also muss da einiges an Geld übrig sein", dachte ich damals.

Den Flug hatte ich mir selber suchen müssen. Ich hab wirklich nur Hinflug gebucht. Ich wusste ja nicht, wie lang das dauern würde. Seltsam frei und luftig fühlte ich mich dadurch, alles war offen.

Erst in der Abflughalle, als ich mir meine Mitreisenden genauer anschaute, fiel mir auf, dass Fuerte eher ein Urlaubsziel für Leute von 60 aufwärts ist, zumindest im Herbst. Nicht grad die Münchner Schickeria, die sich da neben mir über Kuhdutteln unterhielt. Natürlich gab es auch FuerteVeteranen darunter, die lauthals ihre Ratschläge zum besten gaben. Jedenfalls erfuhr ich dadurch, dass in Fuerteventura FKK üblich ist. Die Fluggäste schauten aber eigentlich alle nicht so aus, als würden sie zum Nacktbaden fahren.

Ich bin mit meinem Mann mal auf einem Nudisten-Campingplatz in Kroatien gelandet. Total schräg. Wir gingen selber gern nackt baden, zumindest als die Kinder noch klein waren, später waren unsere Kinder dagegen, ihrem Zeitgeist entsprach das nicht mehr ( so sagten sie). Aber dieser Nudisten-Campingplatz, war uns damals auch zu viel, Federball spielende Schwergewichte mit Riesenbrüsten oder auf und-ab hüpfenden Pimmeln, die sich dann mit ihren verschwitzten Hintern nackt auf Knautschlack-Barhocker in der Strandbar setzen. Ich glaube, deswegen ist Knautschlack aus der Mode gekommen, wegen der Geräusche beim Hinsetzen. Auch die Tankstelle mit dem nackten Tankwart hab ich noch in Erinnerung.

An den Windsurfspots, zu denen wir später fuhren, war dann aber Nacktbaden total verpönt. Die Männerschwimmhosen mussten bis zum Knie reichen. Und die Frauen trugen zwar knappe Tangas, aber, um die umzuziehen, musste man sich ein Zelt überstülpen.

Jedenfalls machte ich mir auf dem Flug vor ein paar Monaten Gedanken über das Nacktbaden.

Und dann hab ich das sofort wieder total genossen. Besonders weil hier Körper in jedem Stadium des Verfalls unterwegs sind, und sich niemand drum kümmert. Ich muss auch niemandem mehr gefallen, ich liege nackt in der Sonne, weil ich es mag, Wasser und Luft überall auf der Haut zu spüren. Ich schmunzle zwar, wenn ich zwischen Säbelbeinen hindurch, lange baumelnde Hoden sehe, weil sich deren Besitzer grad vorbeugt um ein Streifenhörnchen zu füttern, aber ich denk mir nur dabei, dass das echt ein tolles Foto für eine ehrliche Fuerte Werbung wäre.

Der Anwalt traf sich dann mit mir in der Hotellobby. Ein Schlachtschiff von Hotellobby, ein Zwischending zwischen Palmenhaus und Kathedrale. Es fühlte sich so an, als würde es hier ein eigenes Mikroklima geben. Wahrscheinlich ist es auch so.

In der Halle standen überdimensionierte kubische Korbmöbel, in denen man versank, wenn man sich hinsetzte. Ich wunderte mich grad, wie der Anwalt mich in so einem Stuhl finden konnte, da wurde er schon von einem Hotelboy zu mir geleitet. Ich hätt ihn jedenfalls sofort als Anwalt erkannt, auch ohne den obligaten Aktenkoffer. Er wirkte zwei Köpfe größer, zwanzig Jahre jünger als die anderen Gäste und seine Kleidung um zweitausend Euro teurer.

Er begrüßte mich jovial und gratulierte mir zu dem Entschluss, mir die Erbschaftsangelegenheit vor Ort erklären zu lassen. Das kaufte ich ihm jedenfalls nicht ab. Mir war schon klar, dass er als Sachwalter am besten verdienen würde, wenn er für den Verkauf der Liegenschaften sorgen würde, dann bekäme er einfach einen Prozentsatz vom Verkaufswert.

Er redete sofort in ziemlichem Tempo auf mich ein und schloss die Idee von Anfang an aus, dass ich womöglich nicht verkaufen wollte. Ihm ging es nur darum, mir klar zu machen, dass er sicher einen besseren Preis erzielen würde, als ich, die ja von den Verhältnissen auf Fuerteventura keine Ahnung hatte. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich immer noch nicht, was mir meine Großtante vererbt hatte.

Ich wurde dann von ihm aufgeklärt, dass ich die genauen Unterlagen vom Gericht in Puerto Rosario erhalten würde, dass das aber Monate dauern könnte. Ich müsste mit ihm zum Notar, um dort eine bedingte Erberklärung abzugeben. Das würde heißen, dass ich die Erbschaft nur antreten würde, wenn die Aktiva die Passiva überstiegen.

Schließlich fragte ich ihn rundheraus: " Was hab ich denn nun geerbt? Ich mein, nicht was es wert ist, sondern was es ist, will ich wissen!"

Er sah mich an, als wär mir ein undezenter Witz passiert. Aber er antwortete dann doch : " Ihre Tante besaß eine Anlage mit ein paar Ferienwohnungen, Fremdenzimmern und einem kleinen Restaurant. Darauf hat sie einige Hypotheken aufgenommen und in der letzten Zeit eher von diesem Geld gelebt, als von den Einkünften aus der Ferienanlage."

Und dann bestand ich darauf, dass er mit mir die Ferienanlage besichtigen fuhr.

Kapitel 4

Meine Erwartungen bezüglich der Ferienanlage waren inzwischen ziemlich im Keller angelangt, obwohl ich das vor dem Anwalt nicht zugeben wollte. Ich stellte mir ein Kondominium mit winzigen Parzellen, brüchigem Beton und einem geschmacklosen Selbstbedienungsrestaurant vor.

Und dann war ich einfach hin und weg.

Die Anlage liegt auf einer vorgeschobenen Klippe, mit Aussicht auf die darunterliegende Wellenbucht. Kein mehrstöckiges Gebäude, sondern ein in sich verwobenes Netzwerk von kleinen Häuschen mit Vorgärten, alles weiß gestrichen und mit einem Hauch von arabischer Ornamentik in den Kacheln, die jeweils die Eingänge zu den einzelnen Wohnbereichen verzieren.

Begrüßt wurden wir von Sabrina, die mir der Anwalt als Hausverwalterin vorstellte. So hätte ich mir eigentlich meine Tante Olga vorgestellt. Eine sehr in die Jahre gekommene Hippie-Beauty, die aber das Siebziger- Jahre Outfit immer noch mit Selbstverständlichkeit und Würde trägt. Nur brachte sie für mich und den Anwalt wenig Freundlichkeit auf. Was ich ihr ja auch nicht verdenken kann, denn damals musste sie ja annehmen, dass das erste, was ich tun würde, wäre, sie zu entlassen und die Anlage zu verkaufen. Sie ist Schweizerin, aus Davos, ausgewandert, kurz nachdem sie in Pension gegangen war. Das Schweizerische sieht man ihr immer noch an, ihr prominentes Unterkiefer betont noch die cks und chs, mit denen ihre Sprache bestückt ist. Aber das “ Heidi-mäßige” macht die Strenge der Sprache wett.

Mir gelang es dann, den Anwalt zu umgehen, und ein Treffen mit ihr, noch am gleichen Abend, ohne den Anwalt auszumachen. Dem war das zwar nicht geheuer, aber er konnte auch nichts dagegen tun. Er betonte zwar, dass es keinen Bus mehr zurück nach Calete gäbe, und wenn ich nicht mit ihm führe, ich nichts zum Übernachten hätte, aber ich meinte, er sollte mir die Schlüssel zu Tante Olgas Wohnbereich geben, dann hätte ich ja eine Unterkunft, und so könnte man sich auch die Hotelkosten für mich ersparen. Das leuchtete ihm dann doch ein. Und so zog ich in die ehemalige Wohnung von Tante Olga ein.

Unheimlich war mir das schon. Niemand hatte bis jetzt die persönlichen Sachen meiner Tante gesichtet, geschweige denn weggeräumt. Ich stand in einer Ansammlung von gruseligen Nippes, die meiner Tante aber wohl viel bedeutet haben mussten. Kurzerhand schnappte ich mir einen Müllsack und räumte zumindest das Schlafzimmer leer.

Vielleicht würde ich versuchen auf einem Secondhand-Basar, die Sachen zu verkaufen. Nicht weil ich glaubte, entsprechend Geld dafür bekommen zu können, nur weil mich die Vorstellung traurig machte, dass es niemanden gäbe, der womöglich Dingen einen Wert beimaß, die ich zwar unnütz fand, die aber meiner Großtante wichtig gewesen waren.

Was ich nicht alles wegpackte! Tante Olga war anscheinend eine gute Näherin und Stickerin gewesen. Ich fand Unmengen von Quilts - als Polster, Deckchen, Handtaschen und auch große Betttücher, sauberst gearbeitet mit einem guten Geschmack für Farben. Die würd sicher jemand haben wollen. Aber all die Vasen, Kerzen und Buddhastatuetten?

Zumindest schaffte ich es für die erste Nacht, ein Schlafzimmer herzurichten, das mich nicht an eine Barbie-Puppen-Geisterbahn gemahnte.

Ich traf mich dann mit Sabrina außerhalb der Anlage in einem Café. Ihr war neutraler Boden anscheinend lieber. Es war gar nicht so leicht, ihr genauere Details über die Ferienanlage zu entlocken. Aber nach zwei Gläsern Rioja gab sie sich einen Ruck und erzählte mir doch einiges über Las Gaviotas. Sie muss sich gedacht haben, dass das Schlimmste ja schon passiert war, durch den Tod der Señora Olga. Vielleicht hat sie aber auch gleich gespürt, dass sie mich auf ihre Seite ziehen konnte.

Genaueres über die finanziellen Verhältnisse, in denen Großtante Olga gewesen war, wusste sie ja nicht. Aber Sabrinas Einschätzungen erschienen mir ziemlich realistisch.