Freedom Falls - Mia Sanchez - E-Book

Freedom Falls E-Book

Mia Sanchez

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Beschreibung

Erlebe ein Jahr in Freedom Falls – vier Geschichten in einem Band! Erlebe gemeinsam mit Melody, Natascha, Leonie und Sara die Suche nach der wahren Liebe in der wunderbaren Kleinstadt Freedom Falls. Schneeflockenküsse: Melody Melody verbringt Weihnachten gemeinsam mit ihren Freundinnen in dem verschlafenen Örtchen Freedom Falls. Doch der winterliche Urlaub verläuft anders als erwartet. Der heißbegehrte Schnee, der dringend für den Schiurlaub benötigt wird, fällt einfach nicht. Stattdessen herrschen laue Temperaturen. Und das, obwohl der Wettermann von Kanal 5 doch Schnee versprochen hat. Wie es das Schicksal will, verbringt auch Ted, der Wetterfrosch, die Feiertage in Freedom Falls.Wie wird Ted auf Melodys Anschuldigungen, er hätte ihren Urlaub ruiniert, reagieren? Herz, Kuss, Liebe: Natascha Natascha will den Valentinstag nicht alleine verbringen und besucht kurzentschlossen ihre Freundin Sara in Freedom Falls. Doch das ist nicht der einzige Grund, der sie in das winzige Städtchen treibt. Ihr letzter Urlaubsflirt, ein unwiderstehlicher Typ, lebt auch in Freedom Falls und Natascha erhofft sich ein prickelndes Wiedersehen mit ihm.Doch die Begegnung verläuft anders als erwartet. Nataschas Traummann verhält sich seltsam, denn er verbirgt ein unglaubliches Geheimnis. Während der Valentinstag immer näher rückt, versucht Natascha, das Rätsel rund um seine geheime Identität zu lüften.Auch die Formel für die Wahre Liebe, "Herz-Kuss-Liebe", von der Sara überzeugt ist, versucht Natascha auf ihrer Suche zu ergründen. Drei kleine Worte: Leonie Leonie ist Gast auf einer Hochzeit in dem kleinen Städtchen Freedom Falls. Doch tatsächlich ist sie nicht gerade glücklich über diese Einladung. Denn der Bräutigam ist Leonies Ex, für den sie unerwarteterweise immer noch etwas empfindet.Gemeinsam mit ihren Freundinnen Melody, Sara und Natascha schmiedet sie einen Plan. Martin, der freche Stallbursche des Hotels, den Leonie aber überhaupt nicht ausstehen kann, soll ihr dabei helfen, ihren Exfreund wieder zurückzugewinnen.Doch ihre Freundinnen führen etwas ganz anderes im Schilde ... Alle guten Dinge sind Zwei: Sara Sara liebt Andreas. Und Andreas liebt Sara. Normalerweise ...Sara will die Zweisamkeit, die ihr und Andreas noch bleibt, in vollen Zügen genießen. Doch seit geraumer Zeit geht Andreas ihr aus dem Weg.Saras Welt steht, dank des seltsamen Verhaltens ihres Freundes, Kopf. Genau jetzt, da ihre Hormone aufgrund der Schwangerschaft sowieso schon verrückt genug spielen.Dieses Leid beklagt Sara bei ihren drei besten Freundinnen Melody, Natascha und Leonie. Während die Freundinnen wilde Vermutungen darüber anstellen, was mit Andreas nicht stimmen könnte, bemerkt Sara, dass auch andere Einwohner des Städtchens Freedom Falls ein durchaus seltsames Verhalten an den Tag legen. Die Suche nach der Lösung des Problems beginnt im altbekannten Hotel ...Doch während die Suche immer mehr Fragen als Antworten für die Freundinnen parat hält, ergibt sich ein neues, bisher unerwartetes Problem.Wo genau steckt eigentlich Andreas?     Genieße vier Teile der beliebten "Freedom Falls"-Reihe in einem Buch. Endlich auch als Taschenbuch erhältlich!

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Mia Sanchez

Freedom Falls

Vier Freundinnen

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Vier Freundinnen

 

 

Freedom Falls

Vier Freundinnen

 

 

 

Sammelband

 

Mia Sanchez

 

 

Copyright © 2019 Mia Sanchez

Umschlaggestaltung: www.bookcoverdesign.at

 

Illustration:

Alle Rechte vorbehalten.

 

 

 

 

Schneeflockenküsse

Melody verbringt Weihnachten gemeinsam mit ihren Freundinnen in dem verschlafenen Örtchen Freedom Falls. Doch der winterliche Urlaub verläuft anders als erwartet. Der heißbegehrte Schnee, der dringend für den Schiurlaub benötigt wird, fällt einfach nicht. Stattdessen herrschen laue Temperaturen. Und das, obwohl der Wettermann von Kanal 5 doch Schnee versprochen hat. 

Wie es das Schicksal will, verbringt auch Ted, der Wetterfrosch, die Feiertage in Freedom Falls.

Wie wird Ted auf Melodys Anschuldigungen, er hätte ihren Urlaub ruiniert, reagieren?

 

Herz, Kuss, Liebe

Natascha will den Valentinstag nicht alleine verbringen und besucht kurzentschlossen ihre Freundin Sara in Freedom Falls. Doch das ist nicht der einzige Grund, der sie in das winzige Städtchen treibt. Ihr letzter Urlaubsflirt, ein unwiderstehlicher Typ, lebt auch in Freedom Falls und Natascha erhofft sich ein prickelndes Wiedersehen mit ihm.

Doch die Begegnung verläuft anders als erwartet. Nataschas Traummann verhält sich seltsam, denn er verbirgt ein unglaubliches Geheimnis. Während der Valentinstag immer näher rückt, versucht Natascha, das Rätsel rund um seine geheime Identität zu lüften.

Auch die Formel für die Wahre Liebe, "Herz-Kuss-Liebe", von der Sara überzeugt ist, versucht Natascha auf ihrer Suche zu

ergründen.

 

Drei kleine Worte

Leonie ist Gast auf einer Hochzeit in dem kleinen Städtchen Freedom Falls. Doch tatsächlich ist sie nicht gerade glücklich über diese Einladung. Denn der Bräutigam ist Leonies Ex, für den sie

unerwarteterweise  immer noch etwas empfindet.

 Gemeinsam mit ihren Freundinnen Melody, Sara und Natascha schmiedet sie einen Plan. Martin, der freche Stallbursche des Hotels, den Leonie aber überhaupt nicht ausstehen kann, soll ihr dabei helfen, ihren Exfreund wieder zurückzugewinnen.

Doch ihre Freundinnen führen etwas ganz anderes im Schilde ...

 

 

Alles guten Dinge sind Zwei 

Sara liebt Andreas. Und Andreas liebt Sara. Normalerweise ...

Sara will die Zweisamkeit, die ihr und Andreas noch bleibt, in vollen Zügen genießen. Doch seit geraumer Zeit geht Andreas ihr aus dem Weg.

Saras Welt steht, dank des seltsamen Verhaltens ihres Freundes, Kopf. Genau jetzt, da ihre Hormone aufgrund der Schwangerschaft sowieso schon verrückt genug spielen. Dieses Leid beklagt Sara bei ihren drei besten Freundinnen Melody, Natascha und Leonie. Während die Freundinnen wilde Vermutungen darüber anstellen, was mit Andreas nicht stimmen könnte, bemerkt Sara, dass auch andere Einwohner des Städtchens Freedom Falls ein durchaus seltsames Verhalten an den Tag legen. Die Suche nach der Lösung des Problems beginnt im altbekannten Hotel ...

Doch während die Suche immer mehr Fragen als Antworten für die Freundinnen parat hält, ergibt sich ein neues, bisher unerwartetes Problem.

Wo genau steckt eigentlich Andreas?

 

 

VORWORT

 

Die Freedom Falls – Reihe „vier Freundinnen“ erzählt die Geschichten von Melody, Natascha, Leonie und Sara – vier völlig unterschiedliche Frauen, die nicht nur die Liebe zu einem Ort verbindet. Liebe, Entschlossenheit, Freundschaft, Mitgefühl und auch Selbsterkenntnis prägen jede einzelne Story und stellen die Boten des Lebensgefühls von Freedom Falls dar.

Die vier Kurzromane sind nun in einem Sammelband vereint, zusammengebunden zu einer Einheit, die ebenso die Quintessenz meiner Geschichten ausmacht.

Ich liebe Freedom Falls und die Leichtigkeit die dort herrscht, auch wenn schlimme Dinge geschehen. Denn trotz mancher Tragödien bietet Freedom Falls einen Zufluchtsort – für Leser und Bewohner – um abzuschalten und die Hoffnung an Liebe und Freundschaft stets in ihrem Herzen zu tragen.

 

 

 

Inhaltsverzeichnis

Vier Freundinnen

 

 

 

Band 1 – Melody

Schneeflockenküsse: Weihnachten in Freedom Falls

 

 

 

 

Band 2 – Natascha

Herz, Kuss, Liebe: Valentinstag in Freedom Falls

 

 

 

 

Band 3 – Leonie

Drei kleine Worte: Hochzeit in Freedom Falls

 

 

 

 

Band 4 – Sara

Alle guten Dinge sind Zwei: Kindersegen in Freedom Falls

1. Schneeflockenküsse

 

Melody

 

 

 

 

1.  Langeweile pur

 

Melody klappte ihren Laptop zu und legte die Beine hoch. Auch die Recherche hat nicht viel gebracht. Freedom Falls war einfach ein kleines Kaff. Eigentlich war sie ganz verwundert, dass die Internetverbindung bis jetzt so stabil geblieben war. Sie saß in der Empfangshalle, schlürfte einen heißen Kakao und langweilte sich beinahe zu Tode. Irgendwie konnte man hier nichts unternehmen, außer zu warten, bis der Schnee endlich fiel. 

Welche ihrer Freundinnen war nochmal auf die Idee gekommen, Weihnachten hier zu verbringen? Ach ja, Sara meinte, hier gäbe es so tolle Abfahrtspisten, idealen bauschigen Schnee auf dem man wunderbar über die Abhänge brettern könnte. Doch bis jetzt gab es weder Schnee, noch hatte Melody die ach so tollen Abhänge zu Gesicht bekommen. Denn es herrschte purer Sonnenschein bei fünfzehn Grad. Und das mitten im Dezember. Der Wetterfrosch hatte sie ganz schön hereingelegt. Denn als sie den Urlaub spontan vor einer Woche gebucht hatten, hieß es noch, dass es innerhalb der nächsten Tage beginnen würde zu schneien. Jedenfalls hatte das Ted, der Wettermann von Kanal 5 gesagt. Und normalerweise war auf Ted Verlass. Er verstand seinen Job einwandfrei. Melody vertraute ihm sogar so sehr, dass sie morgens nicht einmal mehr aus dem Fenster sah, wenn sie sich für die Arbeit fertig machte. 

Bis jetzt hatte Ted immer recht behalten und sie trug stets die zum Wetter passende Kleidung. Doch dieses mal ... noch falscher konnte er einfach nicht liegen. Beleidigt stürzte sie ihren Kakao hinunter. Jeden Moment sollten ihre Freundinnen aus ihren Zimmern kommen und sich mit ihr hier treffen. Sie wären zu jeder Schandtat bereit und sicher schon total gespannt auf Melodys Rechercheergebnisse. Doch sie musste die Mädels enttäuschen. Dieses Kaff hatte außer Nichts, einfach nur doppelt Nichts zu bieten.

Kaum hatte sie an ihre Freundinnen gedacht, kamen sie auch schon kichernd die Treppe herunter und ließen sich zu Melody auf die Couch plumpsen. Normalerweise würde in dem Kamin vor ihnen jetzt ein schönes Feuer brennen, doch bei diesen beinahe sommerlichen Temperaturen wurde darauf natürlich verzichtet. Melody schwitzte sowieso schon genug. Sie hatte viel zu warme Sachen eingepackt. Klar, sie hatte sich ja dummerweise blind auf den Wetterfrosch verlassen. 

»Also, was unternehmen wir heute, Mädels?«, fragte Leonie in die Runde. Alle Frauen sahen sie fragend an. Sie waren insgesamt zu viert angereist. Keine von ihnen hatte einen Freund oder irgendwelche anderen Verpflichtungen, die sie zu Weihnachten zuhause gehalten hätten. 

Leonie war die typische Draufgängerin, wie sie im Buche steht, die sich an niemanden binden wollte, immer bereit eine neue Flamme zu finden und zu vernaschen. 

Sara gehörte zu den ruhigen grauen Mäusen, die es in Wahrheit jedoch faustdick hinter den Ohren hatten, aber beim Flirten völlig versagten, weshalb Sara niemanden hatte, mit dem sie Weihnachten feiern konnte. 

Nataschas Familie lebte im Ausland, sie konnte sich dieses Jahr das Flugticket einfach nicht leisten und war so gezwungen alleine zu feiern. Und Melodys Eltern verbrachten Weihnachten wie jedes Jahr auf Hawaii, weshalb auch sie zu den Feiertagen alleine gewesen wäre. 

Doch all diese Umstände hatten die vier Freundinnen auf die Idee gebracht, einen gemeinsamen, möglichst günstigen Urlaub zu buchen. Sara schlug vor, nach Freedom Falls zu fahren. Man konnte es gut mit dem Auto erreichen und die Zimmerpreise waren wirklich sehr günstig. Und dann erzählte sie vom Schnee und den Pisten. Sofort waren alle begeistert und der Urlaub war innerhalb der nächsten zehn Minuten geplant und gebucht gewesen. Sie wollten insgesamt zwei Wochen hier verbringen und sich richtig im Schnee austoben. Doch der ließ seit drei Tagen auf sich warten. Danke Ted, dachte Melody erneut. 

»Ich muss euch leider enttäuschen. Hier gibt es einfach nichts, das man unternehmen kann. Wir können allerhöchstens wandern oder bergsteigen gehen«, Melody räusperte sich, »denn Berge haben sie hier zur Genüge.«

»Hey, so mies ist es hier gar nicht«, drängte Sara dazwischen. »Ich war doch schon mal hier und da war es wirklich eine sehr schöne Woche.«

»Da hat es ja auch sicher geschneit«, motzte Leonie.

»Ja, das hat es«, bestätigte Sara.

»Und außerdem hattest du da diesen heißen Flirt am Laufen mit dem Schilehrer, nicht wahr?«, warf Natascha ein.

Leonie und Melody sahen sich verblüfft an. 

»Davon hast du uns nie was erzählt, Sara«, äußerte Leonie und Sara wurde augenblicklich rot wie ein Hummer.

»Wo ist denn der tolle Schilehrer dieses Jahr?« ,stichelte Melody, in der Hoffnung zumindest irgendetwas halbwegs Aufregendes zu erleben. 

Sara sah auf ihre Füße. »Ach, wisst ihr ... wir haben uns seit letztem Jahr nicht mehr gehört. Ich bin sicher, dass er mich schon völlig vergessen hat.«

»Was ist denn zwischen euch gelaufen?«, drängte Leonie Sara, von ihrem Urlaubsflirt zu erzählen.

»Ach ... nur das Übliche.«

»Sie will nicht drüber reden, das merkst du doch, Leonie! Sonst hätte sie uns doch schon längst davon erzählt«, verteidigte Melody ihre Freundin. Ihren Beschützerinstinkt für Sara durfte man einfach nicht unterschätzen. Die beiden waren seit ihrer Kindheit befreundet und Melody hatte immer auf Sara aufgepasst. Sie beschützt. Deshalb kränkte es Melody natürlich, dass Sara ihr nichts von dem Flirt erzählt hatte. Doch das würde sie sich mit Sicherheit nicht anmerken lassen. Sara hatte bestimmt einen Grund, weshalb sie nur Natascha von dem sexy Schilehrer erzählt hatte. Die arme Sara lief mittlerweile schon ganz rot an. 

Melody beschloss, das Thema zu wechseln. »Lasst uns einfach eine Runde durch die Stadt spazieren. Immerhin ist Montag und auch kein Feiertag. Vielleicht kann man hier zumindest doch ganz nett shoppen. Wer weiß?«

Leonie klatschte in die Hände. »Das klingt nach einer großartigen Idee. Ich brauche sowieso noch eine neue Mütze, damit ich bereit bin, wenn der Schnee kommt.«

»Und der wird kommen«, warf Sara mit piepsiger Stimme ein. Bestimmt quälte sie schon das schlechte Gewissen, weil sie so von diesem Ort geschwärmt hatte und es bis jetzt einfach nichts so war, wie sie es ihren Freundinnen angekündigt hatte. 

»Na dann, nichts wie auf ins Kleinstadtgetümmel!«, rief Natascha überschwänglich und sprang von der viel zu bequemen Couch auf.

 

Nach einem fünfzehnminütigen Spaziergang erreichten die vier Frauen das Zentrum von Freedom Falls. Die Stadt war wirklich sehr freundlich geschmückt und erstrahlte in den typischen Feiertagsfarben. Rentiere zierten die Laternen und rotweiße Zuckerstangen hingen von den Vordächern der Geschäfte. Der Bürgermeister verstand zwar nicht viel vom Tourismus, aber dafür bewies er eindeutig Talent beim Schmücken seiner winzigen Stadt. Melody konnte nicht anders, als ihren Fotoapparat auszupacken. Dieses tolle Teil hatte sie letztes Jahr von ihrem Exfreund zu Weihnachten bekommen. Er war zwar nicht mehr an ihrer Seite, doch die Kamera funktionierte immer noch tadellos. Wenn ihr schon beinahe keine guten Erinnerungen an die Beziehung mit Marcell geblieben waren, so blieb ihr wenigstens ein Stück materielles Gedankengut, das dazu fähig war neue Erinnerungen festzuhalten. Und genau das wollte sie jetzt tun. Denn sie würde bestimmt nie wieder in so eine urige Kleinstadt wie Freedom Falls kommen. 

Durch die Linse des Apparates wirkte alles noch winziger, als es in der Realität sowieso schon war. Melody war sich sicher, dass sich so gut wie alle Einwohner des Städtchens bestimmt beim Vornamen kannten. Sogar der Frisör betitelte seinen Shop einfach nur mit Frisörgeschäft, also war es wohl für alle klar, dass es hier nur diesen einen Frisör gab. Und wenn der keinen guten Tag hatte, dann liefen alle Einwohner mit derselben miesen Frisur durch die Gegend. Melody grinste bei dem Gedanken amüsiert und das klickende Geräusch bannte den kleinen Frisörladen für die Ewigkeit.

»Was tust du denn da?«, fauchte Leonie, »das ist doch wirklich alles Schrott hier. Davon will ich keine Erinnerungsfotos.«

»Jetzt sei doch nicht so ungehalten. Wir sollten das Beste aus der Situation machen und es einfach genießen«, antwortete Natascha.

Melody schwenkte einstweilen ihren Fotoapparat und suchte nach einem neuen Motiv.

»Ich beruhige mich erst, wenn in diesem Kaff endlich Schnee fällt«, motzte Leonie.

»Leute«, kam es in verwundertem Ton aus Melodys Mund. Sie konnte kaum glauben, was sie gerade mit ihrer Linse eingefangen hatte. »Seht doch mal.«

»Hm ... die drehen gerade eine Reportage würde ich sagen. Sieht nach einem Fernsehteam aus. Die Frau, die da vor der Kamera steht, ist Rebecca S. George, glaube ich. Sie ist bekannt für ihre fabelhaften Feiertagsberichte über irgendein Dorf im Nirgendwo. Ich wusste gar nicht, dass sie aus Freedom Falls ist.«

Sara war die Erste, der auffiel, was Melody tatsächlich meinte. 

»Das ist doch dieser Wetterfrosch, der neben der Rothaarigen steht, oder? Wie heißt der nochmal?«

»Ted«, drang es durch Melodys knirschende Zähne. »Sein Name ist Ted. Und er hat gesagt, es würde schneien.« Dann schluckte sie schwer und ließ ihre Kamera sinken. »Und er hatte eindeutig unrecht. Ich glaube zum ersten Mal in seiner Karriere.«

»Dann sollten wir ihm jetzt lautstark die Meinung geigen, oder was meint ihr, Mädels?«, forderte Leonie ihre Freundinnen auf. 

Zu Melodys Überraschung war Sara sofort dabei und grölte ohne Umschweife in Richtung Kamera: »Ted du bist ein Wetterschreck! Das Wetter sagst du falsch voraus, deine Karriere die ist jetzt aus!«

Rebecca S. George, die anscheinend Teds Co-Moderatorin mimte, lehnte sich aus dem Bild der Kamera, weil sie kichern musste. Mit so einer Resonanz hatte Melody auf diesen seichten Spruch nicht gerechnet. Eigentlich klang Saras Ansage wie aus dem Kindergarten, aber Leonie stimmte begeistert mit ein. Auch Natascha ließ nicht lange auf sich warten und dann grölten sie es gemeinsam im Chor. Melody kam sich etwas albern dabei vor, machte dann aber doch mit, als Sara sie in die Seite kniff. 

Lachend und ihre Parole wiehernd liefen sie an dem Kamerateam und dem verdutzt dreinblickenden Wettermann vorbei. Einzig Rebecca winkte der lustigen Truppe zu. Sie schien eine gute Portion Humor zu besitzen. Wahrscheinlich würde sich das Blatt wenden, wenn der Spaß auf ihre kosten ging. Aber wenn sich ein Haufen junger Frauen über Ted, den Wetterschreck lustig machten, dann stimmte sogar eine erfolgreiche Journalistin in den Spaß mit ein.

Eilig liefen sie um den nächsten Häuserblock und versteckten sich hinter einer blaugestrichenen Fassade. Ted sah sich immer noch leicht verdutzt um und wusste nicht so recht, wie er auf diese Blamage reagieren sollte. Doch dann zuckte er lediglich mit den Schultern und lächelte in die Kamera. Er hatte den Scherz besser weggesteckt, als Melody vermutet hatte. Sie hatte den Wetterfrosch eigentlich immer für einen eher steifen und festgefahrenen Typ Mann gehalten. Allein die Anzüge die er immer in seinen Berichten trug ... aber gut, anscheinend ließ der Mann doch den ein oder anderen Scherz zu. 

Ihre Freundinnen kicherten immer noch und hielten sich die Hände vor die breit grinsenden Münder. Melody sah sich zu ihnen um und tat es den Mädels gleich. Es tat gut so ausgelassen zu sein. 

»Was sagt ihr dazu, wenn wir den ganzen Urlaub dazu nutzen, Spaß zu haben, die Zeit zu verblödeln und einfach öfter zu sagen, was wir uns denken?«, schlug Melody spontan vor.

»Wir sehen die Leute hier sowieso nie wieder, also können wir ruhig mal etwas kindisch sein. »Ich bin dafür«, antwortete Leonie.

»Dafür!«, meldete sich Natascha und hob die Hand.

Sara zögerte. »Wisst ihr, es war ja jetzt ganz lustig und so, aber ...«

»Aber du hast Angst, dass dich dein Schilehrer sehen könnte?« 

Sara nickte leicht. »Ich habe jetzt nur mitgemacht, weil ich mir dachte, ich hätte sowieso nichts zu verlieren, doch wenn er mich so gesehen hätte ... ach, ich weiß nicht so recht.«

»Gib dir einen Ruck«, erwiderte Melody, »lassen wir einfach mal das gute und sittliche Benehmen hinter uns und hauen auf den Putz. Oder bist du zu feige?«, stichelte sie, mehr im Scherz als ernst. Doch Sara sprang darauf an. Sie grinste Melody direkt an und sprintete plötzlich los, zurück zu dem Standort des Kamerateams. Dort angekommen zog sie ihre Jeans ein Stück herunter, wandte dem Team ihre Kehrseite zu und ließ ihren Stringtanga aufblitzen, in dessen Mitte ein Schneemann prangte. 

»Genau den werden wir dieses Jahr nicht bauen können!«, rief sie und rannte wieder davon. 

Hinter dem Haus riefen Melody, Natascha und Leonie im Chor »Danke Ted!« und rundeten somit Saras Abgang ab.

Kaum befand Sara sich wieder in Sicherheit, erklang schallendes Gelächter. Melody kamen sogar die Tränen. 

»Schnell, lasst uns verschwinden!«, prustete Natascha zwischen den Lachern hindurch, »bevor sie noch nachsehen kommen wo wir sind.«

Die Freundinnen machten sich auf den Weg, um die Stadt unsicher zu machen. Sie flanierten noch einige Stunden durch die Stadt und genossen ihre neu gewonnene Freiheit, bevor sie entschieden, wieder zurück in das Hotel zu gehen.

 

 

2.  Überall Ted

 

Die Freundinnen setzten sich auf der Couch im Wartebereich des Hotels zusammen und ließen die letzten Stunden bei einer heißen Schokolade nochmals Revue passieren. 

»Kaum zu glauben, dass du der Kamera deinen Hintern gezeigt hast«, sagte Leonie mit vor Stolz geschwollener Stimme zu Sara.

»Ich habe ihr nur meinen Slip gezeigt, bitte. Aber glaub mir, das Herz ist mir dabei trotzdem in die Hose gerutscht«, gab Sara zu.

»Es ist doch ein tolles Gefühl, mal nicht so verspannt zu sein, oder was meint ihr?«, fragte Natascha.

»Ja, es hat wirklich Spaß gemacht, einfach zu tun und zu sagen, worauf man Lust hat«, bestätigte Leonie.

»Als ob du das sowieso nicht immer tun würdest«, antwortete Melody frech. 

»Hey! Ich lebe frei Schnauze, das ist schon wahr. Aber im Berufsleben bin ich schlicht seriös und halte mich bedeckt.«

»Ich kann mir dich gar nicht bei der Arbeit vorstellen-«, sagte Melody, die ihren Satz jedoch nicht beendete, weil sie das Bild des Fernsehers plötzlich ablenkte.

»Das sind wir«, staunte Natascha und zeigte auf den Bildschirm. »Und da ist Saras Schneemann-Slip in Großaufnahme!«

»Oh mein Gott!«, stöhnte Sara und versteckte ihr Gesicht in ihren Händen. »Was habe ich nur getan?«

Melody musste schrecklich darüber lachen. Doch sie hielt inne, als sie den Bericht weiter verfolgte. Nachdem sich die hübsche Co-Moderatorin von Ted aus dem Bild gelehnt hatte, zuckte er mit den Schultern. Das entsprach ganz dem, was sie vorhin live beobachtet hatte. Doch was er dabei sagte, hatte sie aus der Entfernung nicht hören können.

»Liebe Zuseher, der Schnee bleibt leider weiterhin fern, aber ein Haufen schöner Frauen tollt trotzdem ausgelassen durch die Straßen, so als würde der Schnee bereits liegen und als wäre es Zeit für eine Schneeballschlacht, die aus uns allen wieder Kinder macht.«

Machte sich dieser Mann gerade tatsächlich öffentlich über sie lustig? Melody stieg die Hitze in den Kopf. Wütend erhob sie sich von der Couch und wackelte zu dem Fernsehgerät, um es auszuschalten. 

Doch obwohl sie den Fernseher bereits ausgestellt hatte, konnte sie immer noch Teds nervige Stimme hören. Es war kaum zu glauben, aber spukte dieser Mann eventuell als der böse Geist der schneelosen Weihnacht durch ihre Gedanken und ließ sie nicht mehr in Ruhe?

Gerade als Melody sich dazu entscheiden wollte, ihren Schlummertrunk wieder abzubestellen, bog der Wetterfrosch um die Ecke und prallte mit ihr zusammen.

»Oh, Verzeihung«, stammelte er und hielt sich kurzerhand sein Handy wieder ans Ohr.

Melody konnte es kaum glauben. Ted der Wetterschreck wohnte tatsächlich im selben Hotel wie sie. Normalerweise würde sie sich zurückhalten und ihre Fassung bewahren, doch dieses Weihnachten sollte ein spaßiges und vor allem ehrliches Weihnachten werden. Deshalb beschloss sie, Ted zu verfolgen. Sie deutete ihren Freundinnen, dass sie ihm hinterherschleichen würde. Die Mädels kicherten natürlich gleich wieder los. Ted hatte schon irgendwie recht, sie benahmen sich vielleicht doch ein wenig wie Kinder. Aber immerhin hatten sie Spaß. Ansonsten konnte man in diesem Kaff doch nichts erleben. Zumindest solange der Schnee noch nicht lag. 

Auf leisen Sohlen schlich sie hinter dem Wettermann hinterher. Dieser telefonierte immer noch und bemerkte gar nicht, dass er von einer Verrückten verfolgt wurde. Ihre Freundin Leonie würde ihm wahrscheinlich auflauern und ihn fürchterlich erschrecken, doch Melody entschied sich für eine andere Taktik. Ted streckte gerade seine Hand nach der Klinke seines Zimmers aus, gleich würde er darin verschwinden und Melody hätte ihre Chance verpasst. Sie schlenderte plötzlich ganz gemütlich aber doch sehr zügig an ihm vorbei und tippte wie zufällig gegen seine Herrentasche (die übrigens perfekt zu seinem steifen Anzugoutfit passte), die sich wie von selbst öffnete. Unauffällig ließ sie ihr Handy hineinplumpsen und ging dann ohne sich zu ihm umzublicken schnurstracks zurück zu ihren schon wartenden Freundinnen.

 

»Ich habe ihm mein Handy zugesteckt«, flüsterte sie unnötigerweise. Ted befand sich im Obergeschoß, er würde sie nie und nimmer hören können.

»Warum hast du das denn getan?«, fragte Natascha.

Da zuckte Melody mit den Schultern, was sie ein wenig an Teds Geste in dem Bericht denken ließ und sie sofort wieder verärgerte.

»Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht genau. Es war eine Handlung im Affekt. Ich dachte«, sie grübelte einen Moment. »Ich weiß auch nicht, was ich dachte. Dass wir ihn mitten in der Nacht anrufen könnten, um ihm einen Streich zu spielen?«

»Das klingt wirklich absurd«, äußerte Leonie trocken. »Warum hast du ihn denn nicht zum Beispiel einfach in den Hintern gekniffen? Er hätte sich sicher wunderbar erschreckt.«

»Hm, das wäre auch eine gute Idee gewesen.« Jetzt war es an Melody ihr Gesicht hinter ihren Händen zu vergraben. »Ich bin einfach nicht gut im spontan und frech sein. Sogar Sara kann das besser als ich. Ich gehe zu ihm und sage ihm, dass mein Handy aus Versehen in seine Tasche gefallen ist.«

»Das wird er auch sicher glauben«, äußerte Natascha in leicht sarkastischem Ton.

»Was soll ich denn sonst machen? Dann schlagt doch eine bessere Lösung vor.«

»Wie wäre es, wenn du dich einfach in sein Zimmer schleichst und es wieder an dich nimmst? Schnell rein und wieder raus«, schlug Leonie vor. »Und ganz nebenbei kannst du ihm seine Kleider stehlen, während er unter der Dusche ist.«

Melody warf Leonie einen entgeisterten Blick zu.

»Das war ein Scherz. Seit wann nehmt ihr mich denn so ernst?«, reagierte Leonie gespielt erschrocken darauf. »Ich meinte damit, du wartest einfach vor seinem Zimmer, bis die Dusche angeht und schleichst dich dann rein.«

Es war kaum zu glauben, aber Leonies Vorschlag klang tatsächlich plausibel und gut durchführbar in Melodys Ohren. Die Zimmer waren nicht mit Schlüsselkarten versehen worden, wobei das Hotel eindeutig erst vor kurzem renoviert worden war. Man sah es dem alten Gemäuer an, dass nicht mehr alles daran original war und der Geruch von frischer Wandfarbe hing sogar noch in manchen Ecken. Sie hatten sich bemüht die Renovierung so gut es ging zu verschleiern indem wirklich viele Dinge so belassen wurden wie sie waren, mutmaßte Melody. Und auch, dass die Zimmer über schwere, aufwändig verzierte Schlüssel verfügten, gehörte wohl zu einem der Punkte, die der Hotelinhaber auf keinen Fall ändern wollte. Modernisierung hin oder her. 

Und wenn Melody Glück hatte, dann würde Ted das Zimmer nicht absperren, wenn er sich darin aufhielt. Melody musste zugeben, dass sie das auch nicht tat und auch ihre Freundinnen verneinten, als sie sie danach fragte.

Es klang so einfach. Sie musste nur auf den richtigen Moment warten, schnell in das Zimmer huschen, ihr Handy aus der Tasche angeln und sich wieder aus dem Staub machen. 

»Ich werde es riskieren«, sagte sie aufgeregt und kippte den Rest ihres Glühweins hinunter.

»Es wird schon nicht schiefgehen«, antwortete Leonie und deutete dem Kellner, er solle noch eine Runde Glühwein an den Tisch bringen. »Wir warten einstweilen hier auf dich und trinken einen für dich mit.«

Melody nickte zustimmend und erhob sich von ihrem Platz. Als sie die Stufen zu Teds Zimmer hinaufging, wankte sie ein wenig. Gerade fiel ihr ein, dass sie Alkohol nicht besonders oft trank und die Wirkung deshalb auch nicht gewohnt war. Als sie noch gesessen hatte und sich ein paar Weihnachtskekse zu ihrem Glühwein gegönnt hatte, drehte sich der Raum noch nicht so stark um sich selbst. Egal, sie hatte eine Mission und die würde sie jetzt durchziehen. Mit neuem Elan bewaffnet stapfte sie die restlichen Stufen hinauf. Behutsam tastete sie sich an der Wand entlang bis sie Teds Zimmer erreichte. Jedenfalls hoffte sie, dass es tatsächlich sein Zimmer gewesen war. Es könnte doch auch gut sein, dass er vorhin auf dem Weg zu einer Dame war und eigentlich gar nicht hier im Hotel wohnte. In Wahrheit bestand doch alles, was sie zu wissen glaubte nur aus wilden Mutmaßungen, die sie gemeinsam mit ihren Freundinnen ersponnen hatte. Aber nun gab es kein Zurück mehr. Wenn sie jetzt umkehrte, dann würde sie ihr Handy wahrscheinlich nie wieder zurückbekommen. Jedenfalls nicht, ohne ihr seltsames Verhalten vor dem Wetterfrosch eingestehen zu müssen. 

Vorsichtig drückte sie ihr rechtes Ohr gegen das Türblatt. Aus dem Inneren des Zimmers erklang Weihnachtsmusik. So würde sie doch nie erkennen, ob er gerade unter der Dusche stand, dachte sie verzweifelt. Ihr blieb einfach keine andere Wahl als weiterhin zu lauschen und das beste zu hoffen. Nach einigen Minuten hörte sie Schritte, die sich der Tür näherten. Erschrocken zog sie sich zurück. Dann fiel ihr jedoch ein, dass man an der Eingangstüre vorbei gehen musste, wenn man ins Badezimmer wollte. Die Zimmer waren mit Sicherheit alle gleich aufgebaut. Zumindest hoffte sie das gerade inständig. Sie starrte die Türe an, doch sie öffnete sich auch nach einer weiteren Minute nicht. Ted hatte sich also tatsächlich auf dem Weg ins Bad befunden.

Nun folgte der nächste Schritt. Melody machte sich bereit, um die Türe zu öffnen. Sie würde gleich das Zimmer eines Fremden betreten. Wenn Ted sie erwischte, dann konnte er sie womöglich sogar anzeigen. Wegen unerlaubten Betretens. Oder noch schlimmer, wegen Einbruch. Ein wenig schlotterten ihr die Knie als sie die Türklinke langsamer als nötig hinunterdrückte. Die Türe sprang wie von alleine auf. Hastig warf sie einen Blick nach links und rechts, doch der Gang lag immer noch menschenleer vor ihr. Niemand beobachtete sie bei dieser Straftat, die sie gleich begehen würde, die aber eigentlich gar keine war, weil sie sich doch nur ihr Eigentum zurückholen wollte. Auch wenn sie dazu ein Zimmer, das sie nicht gemietet hatte, betreten würde. Also gut, vielleicht war es doch eine Straftat.

Die Weihnachtsmusik entpuppte sich als die Best of – CD der Weihnachtsklassiker. Eben gerade hatte ein neuer Song begonnen. Melody schlich zu den Klängen von Jingle Bells über den flauschigen dunkelroten Vorleger des Doppelbetts. Soviel sie mitbekommen hatte, wurden in diesem Hotel Doppelzimmer auch als Einzelzimmer vermietet. Auch ihr Zimmer und die  ihrer Freundinnen verfügten über ein riesiges französisches Bett. Das war gut verständlich, denn das Hotel würde bei der momentan anwesenden Anzahl von Singles Verluste machen, wenn sie die Zimmer nicht als Singleroom vermietet hätten.

Mit fliegendem Blick sah sie sich um, wobei ihr erneut schwindelig wurde. Den Glühwein vor dieser Mission so schnell herunterzustürzen war nicht gerade ihre beste Idee gewesen. Aber andererseits, wenn sie das leckere Getränk nicht intus hätte, dann hätte sie womöglich gekniffen und wäre gar nicht erst so weit gekommen. Jedenfalls schien das Zimmer nur Ted zu gehören. Seine Kleider lagen verstreut auf dem Boden, die Socken steckten noch halb in seinen Schuhen und die Krawatte hatte er achtlos auf das Bett geworfen. Es herrschte wesentlich mehr Unordnung, als sie ihm zugetraut hätte. Sie fand sein komplettes Outfit in dem Zimmer verstreut. Sein Hemd hing sogar auf der Stehlampe neben dem kleinen Schreibtisch.

Doch seine Tasche konnte sie nirgends entdecken. 

Schön langsam packte sie die Panik und Melody begann konfus durch den winzigen Raum zu stapfen. Sie sah in jedes Eck, unter das Bett und auch in den Schrank, doch nirgends war eine Spur von der Tasche oder ihrem Handy zu entdecken. 

Innerliche Verzweiflung stieg in ihr auf. Die fröhlichen Klänge von Jingle Bells trieben sie beinahe in den Wahnsinn. Doch zum Glück endete das Lied in dieser Sekunde und tauchte das Hotelzimmer in Stille. Melody hielt schlagartig inne und lauschte. Das Wasser der Dusche lief nicht mehr. Ted würde also jederzeit aus dem Bad kommen und sie entdecken. Das musste sie verhindern. Abwechselnd begutachtete sie den Schrank und das Bett. Entweder in die Enge des schmalen Wandschrankes zwängen, oder unter Teds Bett rollen und dort verharren bis er schlief. Welch schwere Entscheidung. Da versuchte sie doch lieber, den Ausgang rechtzeitig zu erreichen. Die Klinke des Badezimmers wurde gerade herunterdrückt, als der CD-Player das nächste Lied anspielte. Little Drummerboy. 

Melody hechtete, so schnell sie konnte, durch den Raum, doch sie erreichte die Türe zu spät. Ted stand bereits, nur mit einem Handtuch um die Taille gewickelt hinter ihr. 

»Was machen Sie in meinem Zimmer?«, hörte sie seine verwirrte Stimme direkt in ihrem Rücken. Sein feuchter Atem roch nach Minze und seine frisch gewaschenen Haare dufteten nach Vanille. Bedächtig drehte sie sich auf dem Absatz um. Ted rieb sich gerade mit einem kleinen Handtuch über den Kopf um sein Haar am weiteren Tropfen zu hindern. 

»Ich ... ich wollte nur ... wissen Sie ... Ich«, stotterte Melody, während sie ihren Blick über Teds halbnackten Körper gleiten ließ. 

»Ja? Ich warte«, erwiderte Ted, als sie es einfach nicht zustande brachte, weiter zu sprechen. 

»Ich ...«, begann sie erneut. Was verflucht sollte sie ihm nur sagen? Egal welche Idee ihr in den Sinn kam, sie klangen alle nach faulen Ausreden.

 

 

 

 

3.  wie ein Kind

 

»Ich ... wissen Sie ... Ich ... bringe frische Handtücher«, stotterte Melody erneut und biss sich dabei auf die Unterlippe, sich selbst für ihre faule Ausrede rügend.

»Und wo sind die frischen Handtücher?« Ted grinste sie an. 

»Wie bitte?«

»Sie sagten, sie bringen frische Handtücher. Wo sind sie?«

»Ach, die. Die habe ich wohl draußen vergessen?«

»Und warum riechen sie nach Glühwein und Keksen?«

»Wie bitte? Was meinen Sie?«

Der Drummerboy beendete gerade sein Solo als Ted näher an sie herantrat. Er schnupperte auffällig an ihr. Dabei streifte ihr Arm seine nackte Brust. Melody zuckte zusammen. Seine Haut fühlte sich so weich an, doch ein Blick nach unten verriet ihr, dass seine Muskulatur alles andere als weich war.

»Sie kommen mir jetzt doch gerade etwas zu nahe«, erwiderte sie diesmal mit fester Stimme. Jetzt hatte er ihr die Zügel in die Hand gegeben und sie nutzte diese Gelegenheit zu ihrem Vorteil. 

»Entschuldigen Sie.« Ted machte ein paar Schritte rückwärts ohne sie auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen. Der CD-Player wechselte gerade erneut das Stück und Bing Crosby sang White Christmas.

»Ein wirklich wundervolles Lied«, hauchte Melody. Die Atmosphäre in dem kleinen Zimmer schien plötzlich umzuschlagen. »Es erinnert mich an das perfekte Weihnachten.«

»Haben Sie das perfekte Weihnachtsfest denn schon einmal erlebt?«, fragte Ted in derselben Tonlage.

»Nein, aber davon geträumt. Und dieses Lied spielte, als ich im Traum unter dem Weihnachtsbaum saß und aus dem Fenster sah. Es war so eine faszinierende Atmosphäre. Kennen Sie das?«

»Meinen Sie, wenn man Gänsehaut bekommt, aber auf eine sehr angenehme Art?«

»Ja genau«, sagte Melody und sah Ted in die Augen, während der Chor in der zweiten Strophe einsetzte. »Genau wie jetzt gerade.«

»Genau wie jetzt gerade«, wiederholte Ted und beugte sich zu ihr hinunter. Seine Wange würde jeden Moment ihre berühren.

Bing Crosby endete gerade mit dem Satz and may all your Christmases be white. Der Abspielknopf des Geräts sprang ab, kurz bevor Teds Lippen ihre ertasten konnten. 

Melody hauchte weiter »und wissen Sie was? In meinem Traum hat es geschneit. So wie es dieses Jahr anscheinend nicht der Fall ist.« Dann drehte sie ihren Kopf zur Seite und seine gespitzten Lippen trafen ihr Ohr.

»Ich wusste doch, dass ich Sie erkannt habe! Sie sind eine der Frauen, die heute Nachmittag meine Sendung gestört haben«, äußerte Ted amüsiert.

»Das mag schon sein«, erwiderte Melody trotzig, »aber immerhin haben Sie behauptet, dass es diese Woche schneit und jetzt verbringe ich Weihnachten hier in diesem Kaff, und das ganz ohne Schnee und Schifahren. Vielen Dank auch!«

»Also jetzt seien Sie mal nicht so kindisch. Ich beeinflusse das Wetter doch nicht. Sie können es nicht einfach bei mir bestellen.«

»Kindisch? Nennen Sie mich gerade tatsächlich kindisch?«

»Ja, so verhalten Sie sich doch eindeutig gerade! Brechen in mein Zimmer ein und durchwühlen meine Sachen, auf der Suche nach Gottweißwas! Und dann belügen Sie mich auch noch!«

»Also ... das lasse mich mir NICHT BIETEN!«, schrie Melody und stürmte wutentbrannt aus dem Zimmer. Die Türe knallte sie hinter sich zu und das Geräusch hallte durch den gesamten Gang. Es konnte gut sein, dass es sogar in der unteren Etage zu hören war. 

Was bildete sich dieser Mann bloß ein, sie kindisch zu nennen? 

Selbst wenn sie sich gerade tatsächlich so benahm. Na und? Was ging es ihn denn schon an? Er war ein Wildfremder, der mit ihr nichts zu schaffen hatte und sie auch wahrscheinlich niemals wiedersehen würde.

Sie verschränkte die Arme vor der Brust und stürmte die Treppen hinab. Dabei entging ihr die Ironie, dass sie tatsächlich umherstapfte wie ein Kind, keineswegs. Es war ihr aber einfach egal.

 

»Er hat mich kindisch genannt«, erzählte sie ihren Freundinnen sofort, sobald sie die Halle erreichte. Jetzt fehlte nur noch, dass sie eine beleidigte Schnute zog. Eilig löste sie ihre Arme aus der Trotzhaltung und ließ sie zur Seite baumeln.

»Du hast mit ihm gesprochen?«, fragte Natascha ungläubig.

Leonie schüttelte dramatisch den Kopf. »Das war doch klar, dass du es versaust. Hast du wenigstens dein Handy zurückbekommen?«

Ihr Handy hatte sie in der Hitze des Gefechts natürlich völlig vergessen. Sollte er es doch behalten und damit glücklich werden! Sie brauchte das Ding sowieso nicht. Ihre Eltern würden wie jedes Jahr keinen Anruf aus Hawaii machen wollen, ihre Freundinnen waren alle mit ihr hier in diesem Kaff und mit Marcell war es sowieso schon länger aus und vorbei. Der würde sich auch nicht melden. Und selbst wenn, würde sie dann erst recht nicht abheben. Also, es wäre kein großer Verlust, wenn sie ihr Telefon nicht wieder bekam. Sie würde sich zuhause einfach ein Neues besorgen.

»Ich habe es nicht gefunden«, erklärte sie ihren Freundinnen.

Leonie sah sie entgeistert an. »Was heißt, nicht gefunden?«

»Ich habe es in seine Tasche geschmissen und die hat er auch mit auf sein Zimmer genommen, doch sie war nirgends zu finden. Ich habe sogar unter dem Bett nachgesehen, doch keine Spur von dem Ding.«

»Sehr mysteriös«, sinnierte Natascha. Sie witterte immer und überall sonderbare Ereignisse und übernatürliche Phänomene. 

»Ach, so ein Quatsch«, konterte Leonie, »wahrscheinlich hat er sie einfach nur mit ins Badezimmer genommen. Aber von dem abgesehen, was willst du denn jetzt tun, Melody?«

»Ich dachte, ich lasse es einfach gut sein.«

»Waaaas? Das kann doch nicht dein ernst sein.« Leonie legte die Stirn in Falten. »Am einfachsten wird es sein, wenn du ihn direkt darauf ansprichst und ihn bittest, es dir zurück zu geben.«

»Es war wirklich eine dämliche Idee ausgelassen sein zu wollen«, schnaufte Melody. Das Handy einzufordern fiel ihr noch schwerer, als in ein fremdes Zimmer einzudringen. Das hatte sie nun davon, wenn sie einmal in ihrem Leben spontan sein und einfach nur Spaß haben wollte. Vielleicht hätte sie den Wunsch vorher direkt an den Weihnachtsmann schicken sollen. Sarkasmus half ich jetzt aber auch nicht weiter. Leonie hatte recht, sie konnte ihr Telefon mit all ihren persönlichen Daten und Nummern nicht einfach einem Fremden überlassen. Klar gab es die Möglichkeit, das Gerät als gestohlen zu melden und es sperren zu lassen, doch was würde mit Ted geschehen, falls er es findet und zur Polizei bringt? Nein, das durfte sie auf keinen Fall riskieren. Jemand anderem zu schaden, das war einfach nicht ihre Art.

»Mädels, ich werde Ted morgen darauf ansprechen. Heute wollen wir den Abend genießen und noch ein wenig feiern. Seid ihr einverstanden?«

Ihre Freundinnen hoben ihre Tassen und prosteten ihr zu. Melody besorgte sich einen neuen Glühwein von der Hotelbar und machte es sich auf der Couch bei ihren Freundinnen bequem. 

Nach einem weiteren Becher des warmen Wintergetränks glühten Melodys Backen und die Stimmung war genauso ausgelassen wie am Nachmittag, als sie durch die Stadt flaniert waren.

Sara öffnete sich sogar und erzählte ihnen von ihrem Flirt. Andreas hieß der Schilehrer, ein gebürtiger Einwohner von Freedom Falls, der seine kleine Heimatstadt sehr liebte. Im Winter arbeitete er als Schilehrer und im Sommer in einem Feriencamp für Kinder. Saras Beschreibung des Mannes klang nach dem makellosen Traumprinzen, nach dem sich jede Frau sehnte, den es aber im wahren Leben genauso nicht gab. Vielleicht sollte Sara auch ihre Wunschliste an den Weihnachtsmann aktualisieren und sich eine realistischere Vorstellung von einem Partner wünschen. Melody tat dieser Gedanke sofort wieder leid. Immerhin war Andreas in Saras Augen genau dieser Mann, von dem sie so schwärmte. Klar, wenn sie wirklich zusammengekommen wären und sie ein oder zwei Jahre mit ihm verbracht hätte, dann hätte sich ihre Meinung über ihn wahrscheinlich drastisch geändert. Genauso ging es Melody definitiv bei Marcell. 

Er war der perfekte Gentleman gewesen, der galante Schwiegersohn, den sich ihre Eltern immer vorgestellt hatten. Jedenfalls am Anfang. Zu Beginn ihrer Beziehung hat er sie auf Händen getragen und den Boden vergöttert auf dem sie ging. 

Nun gut, im Nachhinein betrachtet waren seine ständigen liebevollen Gesten und die manische Aufmerksamkeit, die er ihr schenkte, vielleicht etwas zu übertrieben gewesen, um tatsächlich echt zu sein. Eigentlich hätte sie es ahnen müssen, dass mit diesem Mann etwas nicht stimmte. Denn sobald sie mit ihm im Bett gewesen war, ließen die ständigen Avancen schnell nach und sein Interesse, sie oft zu sehen flachte stetig ab. Sie war nicht der Typ für One-Night-Stands und auch schon nach ein paar Verabredungen mit einem neuen Schwarm ins Bett zu springen, entsprach nicht ihrer Vorstellung von einer romantischen Beziehung. Der Mann musste sich gedulden, bis sie sich voll und ganz auf ihn einlassen konnte. Bis sie sich ihrer Gefühle für ihn zumindest halbwegs sicher war. Melody war aufgefallen, dass sie meist innerhalb der ersten drei Monate merkte, ob ein Mann etwas für sie war oder nicht. Und falls es ihr gelang, wollte sie sich auch dementsprechend Zeit lassen, um mit dem Auserwählten intim zu werden. 

Ein Kuss war schon eine große Sache, fand sie. Ja, sie war da alte Schule, weshalb Leonie sie öfters belächelte, doch Sara fand, ein Kuss hat etwas wirklich Magisches an sich, es ist ein bezaubernder Moment, wenn man sich das erste Mal küsst. Es können die Funken fliegen, das Herz kann förmlich einen Sprung machen. Oder aber ein Knistern, als würde sich die Luft plötzlich statisch aufladen, konnte von einem Moment auf den anderen in der Luft liegen, wenn sich die bis dahin unbekannten Lippen zum ersten Mal berührten. 

Dieses Knistern hatte sie vorhin auch bei Ted gefühlt.

Den Gedanken an den Wetterfrosch ignorierte sie gekonnt und nahm noch einen großen Schluck von ihrem Punsch. 

»Langsam, langsam, meine Süße. Wenn du dir das Zeug weiter so hineinkippst, dann findest du dein Zimmer vielleicht nicht mehr«, scherzte Leonie.

»Miaaaa gehtsch scher guut«, antwortete Melody ihrer Freundin, »du muscht diaa keine Schorgen um misch ... maachen.«

»Ohje, du hast wohl doch mehr erwischt, als du verträgst«, entschied Sara, »vielleicht legst du dich doch lieber hin? Ansonsten hast du morgen einen deftigen Kater und einen Brummschädel. Und falls es morgen schneit wirst du das sicher bereuen.«

»Esch schnait nischt«, lallte Melody während sie von ihrem Platz aufstand und zu den Stufen wankte. Ihr Zimmer befand sich ebenfalls im ersten Stock, genau so wie Teds Zimmer. Nur musste sie dem schmalen Gang nach rechts folgen und seines lag auf der linken Seite. Als sie den Treppenabsatz erreichte, warf sie einen Blick nach links, dann wackelte sie nach rechts, bis sie vor ihrem Zimmer stand. Mit beiden Händen umklammerte sie den Schlüssel und versuchte ihn in eines der beiden Schlösser zu stecken. Doch aus irgendeinem Grund wollte ihr das nicht so recht gelingen.

Plötzlich hörte sie Weihnachtsmusik, die durch den Gang huschte und gemeinsam mit dem Geruch nach frischen Keksen vor ihrem Zimmer ankam. Neugierig blickte sie zur Seite. 

Ted lugte aus seiner Türe.

»Wasch iszszs?«, zischte Melody in seine Richtung.

Ted schenkte ihr einen besorgten Blick durch den Türspalt. »Ist alles in Ordnung mit Ihnen?«

»Mit miaa? Na sischer doch, sehen sie ... jaaa.«

Ted trat auf den Gang und zog die Türe hinter sich zu. Die Weihnachtsmusik verstummte schlagartig. Doch der Geruch von Lebkuchen hing weiterhin in der Luft, während Ted sich ihr näherte.

»Schie rieschen wie der Lebkuchenmann«, grinste Melody ihn an und ließ ihre Hand gegen seine Brust schnellen.

»Sie sind betrunken.«

»Neeeein. Bin isch nischt.« Ein Hicks! drang aus ihrem Mund und sie hielt sich hastig die Hand vor. »Oder bin isch doch?«

»Wenn Sie nicht betrunken sind, dann fresse ich einen Besenstiel.«

»Den brauschen sie doch nich fressn, der steckt doch schon in ihrem ... Hicks!«

Ted lächelte sie an. »So sehen Sie mich also. Dann ist mir ja jetzt einiges klar. Kommen Sie, ich habe einen Tee und ein paar Kekse für Sie. Das wird Ihnen guttun und beim Ausnüchtern helfen.«

Ohne ein Widerwort ließ sie sich von dem Wettermann in sein Zimmer führen. Er stützte sie dabei von der Seite, damit sie nicht unerwartet umkippte. Die Musik erfüllte den kleinen Raum und der frische Lebkuchen roch noch intensiver als erwartet. Ted erzählte ihr, dass er den Lebkuchen extra aus der kleinen Bäckerei am Eck geholt hatte, was nicht so einfach war, weil sie um diese Zeit eigentlich schon geschlossen hatten. Doch die unbändige Lust auf Lebkuchen übermannte ihn, und-

 

4.  Fluchtreflex

 

Melody erwachte mit einem pelzigen Gefühl auf der Zunge. Zögernd schlug sie die Augen auf. Direkt vor ihr auf dem Nachttisch stand ein Glas Wasser. Ohne lange zu überlegen, griff sie danach und stürzte es in einem Zug herunter. Warum war sie nur so durstig? Als sie versuchte, aufzustehen, fiel ihr wieder ein, wieso. 

Der Glühwein. 

Verdammter Mist, sie hätte es wirklich nicht so übertreiben dürfen. Ihr Kopf brummte wie verrückt, als sie sich auf ihre Beine stellte. 

Ted.

Hastig sah sie sich in ihrem Hotelzimmer um. Oder befand sie sich in seinem? Oh mein Gott, was hatte sie nur getan? Die schnelle Kopfdrehung ließ sie zurück auf das Bett fallen. Mit prüfendem Blick kontrollierte sie die andere Seite des Bettes. Die Laken waren glatt gestrichen und die Decke sah unbenutzt aus. Auch das Kissen war abdruckfrei. Es dürfte heute Nacht niemand darin geschlafen haben. Zumindest etwas. Ein weiterer Blick verriet ihr, dass sie sich definitiv nicht in ihrem Zimmer befand. Teds Kram lag überall herum. 

Das Handy.

Für wenige Sekunden fühlte sie sich plötzlich völlig nüchtern und ohne Megakater. Hastig fegte Melody durch das gesamte Zimmer, auf der Suche nach Teds Tasche. Doch wie schon bei ihrem Einbruch konnte sie das Ding nirgends finden. Es war zum Verzweifeln. 

Nichts wie weg! schoss es ihr durch den Kopf. 

Heute bevorzugte sie definitiv keine langatmigen und tiefgründigen Gedankengänge. Und was gestern zwischen ihr und dem Wetterfrosch geschehen war ... darüber würde sie sich später noch genügend Sorgen machen können. Spätestens nach einer Tasse heißem Kaffee und einem Buttercroissant.

Ihr Zimmer lag zum Glück nur einige Schritte entfernt, Ted war entweder im Bad oder aber sogar unterwegs und hatte sie weiterschlafen lassen. Die Gefahr ihm auf dem Weg zu ihrer Bleibe zu begegnen war also sehr gering. 

 

In ihrem Zimmer angekommen, atmete sie erleichtert auf, weil sie niemandem begegnet war. Dann sprang sie unter die Dusche, schnappte sich ihre gemütlichsten Klamotten und machte sich auf zum Frühstück. Es war viertel vor zehn, sie hatte noch fünfzehn Minuten Zeit, bevor das Frühstücksbuffet abgeräumt werden würde. 

Eigentlich hatte sie damit gerechnet, dass sie alleine frühstücken würde, doch Sara saß an ihrem Tisch und stocherte in einem Rührei.

»Guten Morgen, Sara«, begrüßte Melody ihre Freundin.

Sara hob langsam den Kopf. »Hm? Ach, guten Morgen, Melody.« 

Ihre Freundin schien im Geiste abwesend zu sein. Sie hatte Melody kaum wahrgenommen und machte auch keine Anstalten sich mit ihr zu unterhalten. Das sollte ihren Brummschädel eigentlich erfreuen, doch Melody sah ein Gefahrenzeichen vor sich aufblitzen. Sara ging es nicht gut. 

»Ich hole mir einen Kaffee, soll ich dir noch etwas mitbringen? Vielleicht eine Semmel zu deinem Eierschlachtfeld?«, versuchte es Melody mit einem Scherz. Doch Sara schüttelte nur traurig den Kopf. 

Melody kehrte mit ihrem Kaffee und zwei Croissants mit Butter zurück zu ihrem Platz. Sara saß immer noch in derselben Haltung am Tisch wie zuvor. Ihre Eier waren mittlerweile zu einem Brei weichgeklopft.

»Bald kannst du sie trinken.«

»Wie bitte?«, fragte Sara eher höflichkeitshalber als tatsächlich interessiert.

»Ach nichts. Erzähl mal, was war gestern denn noch los, nachdem ich euch alleine gelassen habe?«

Sara schluckte schwer. »Nichts Besonderes.«

»Ach komm schon«, forderte Melody, »ich merke doch, dass etwas nicht stimmt. Hat Leonie irgendetwas Dummes gesagt oder getan?«

Sara sah stur in ihren Kaffeebecher.

Melody hatte die Meldung über Leonie eigentlich nur spaßhalber geschoben, doch anscheinend hatte sie voll ins Schwarze getroffen.

»Was hat sie gemacht?«, flüsterte sie erstaunt.

»Andreas ist gestern hier gewesen, und ... und-« Sara schaffte es nicht, weiter zu sprechen. Denn kaum hatte sie seinen Namen ausgesprochen, rannen ihr warme Tränen über die Wangen.

»Und Leonie hat dich vor ihm lächerlich gemacht?«, mutmaßte Melody. So wie sie ihre Freundin kannte, hatte sie sich nichts Schlechtes dabei gedacht und zur Auflockerung ein paar Scherze über Sara losgelassen. Das würde genau Leonies Art entsprechen. Sie war zwar ein ruppiger Kerl, meinte es jedoch niemals böse oder verletzte jemanden absichtlich. Und Sara werden die Sprüche ihrer Freundin gegenüber dem Mann, den sie gern hatte, peinlich gewesen sein.

»Sie hat ... sie hat-« Sara schniefte, »sie hat ihn geküsst.«

»Wie bitte?« Der Kaffee schien zu wirken. Melodys Kopf wurde mit einem Schlag klar und die restlichen Alkoholwolken verzogen sich. »Das kann sie doch nicht wirklich getan haben.«

»Doch«, bestätigte Sara, »sie hat sich noch einen Drink bei der Bar geholt und ist dann eine Weile nicht mehr zu uns zurückgekommen. Natascha ist nachsehen gegangen und hat sie knutschend mit einem Mann erwischt. Natascha hat es mir gleich erzählt und neugierig wie ich bin, ich dumme Nuss, bin ich ums Eck geschlichen und habe sie beobachtet. Zuerst musste ich wahnsinnig kichern, weil sie sich wie ein Teenager verhielt. Doch dann habe ich sein Gesicht gesehen.«

»Oh, Sara. Das tut mir schrecklich leid.«

»Das ändert jetzt auch nichts mehr. Ich meine, ich bin ja auch selbst schuld. Ich habe nicht gemerkt, dass er den Abend auch hier verbringt. Und er wird mich wohl auch nicht gesehen haben, oder ... oder ...« Wieder ein Schniefen »oder ... er hat mich gesehen, aber es war ihm einfach egal.«

»Er hat dich bestimmt nicht bemerkt, Süße«, versuchte Melody ihre Freundin zu beruhigen, und legte einen Arm um sie.

»Er hat mich nicht bemerkt, weil ich so unscheinbar bin. Willst du das damit sagen?«

Ohje, anscheinend würde Sara jetzt alles was sie sagte in den falschen Hals bekommen. Melody ahnte, dass sie sich ab jetzt für alles was sie sagte, rechtfertigen musste.

»Sara, nein, so habe ich das nicht gemeint. Ich wollte damit nur sagen, dass du ihm sicher nicht aufgefallen bist« falsche Wortwahl »also, ich meine, dass er sich nicht großartig nach dir umgesehen hat. Immerhin weiß er doch nicht, dass du hier bist, oder?«

Sara schüttelte den Kopf. Sie hatte ihm tatsächlich keine Nachricht zukommen lassen. Zwar wusste sie, dass Andreas des Öfteren seinen Abend hier an der Hotelbar verbrachte, doch sie war nicht auf die Idee gekommen, vorab hier anzurufen und einen Zettel für ihn bereitlegen zu lassen.

»Ich bin ja so dumm. Über ein Jahr habe ich auf den Moment gewartet ihn wiederzusehen. Und dann, als es endlich so weit ist, hängt er an Leonies Lippen. Es war so eklig, als würden sie sich gegenseitig fressen«, sagte Sara mit verzogenem Mund. Sie war eindeutig nicht begeistert von dem, was sich Gestern noch ereignet hatte.

»Und ich habe bei Ted dem Wetterschreck übernachtet«, platzte es aus Melody heraus.

Saras Blick hellte sich schlagartig auf. »Waaaas? Nicht dein ernst! Du schlimmes Luder, du!«

»Hey, jetzt hörst du dich an wie Leonie.« Kaum hatte Melody diesen Vergleich gezogen, tat er ihr auch schon wieder leid. »Entschuldige bitte. Ich habe einen schrecklichen Kater und mein Hirn denkt langsamer als mein Mund spricht.«

»Ist schon in Ordnung, Melody. Du kannst nichts dafür und Leonie ja eigentlich auch nicht. Sie weiß noch gar nicht, dass dieser Typ mein Andreas war. Ich bin auf mein Zimmer gegangen, nachdem ich die beiden beobachtet habe. Natascha habe ich auch nichts gesagt.«

»Oh, Schätzchen, das ist ja schrecklich. Tut mir so leid für dich.«

»Genug jetzt über mein gescheitertes Liebesleben. Erzähl mir von deinem«, forderte Sara ihre Freundin auf.

»Liebesleben? Also Moment. Soviel ich weiß ist mit diesem geschmiergelten Typen nichts gelaufen.«

»Also, ich finde ihn eigentlich ganz süß«, gab Sara zu.

»Ernsthaft?«, fragte Melody überrascht. »Der ist doch steif wie ein Brett und er trägt eine Herrenhandtasche. Ich wüsste nicht, was an einem Mann noch unattraktiver sein kann als das.«

»Aber er hat total nette Grübchen und sein Hintern ... den finde ich auch ganz nett, wenn du verstehst.«

»Er hat auch einen total heißen Oberkörper«, antwortete Melody ohne nachzudenken. Hastig schlug sie sich die Hand vor den Mund.

»Und zwischen euch ist ernsthaft nichts gelaufen?«

»Um ehrlich zu sein«, gab Melody resigniert zu, »ich weiß es nicht. Ich kann mich einfach nicht erinnern. Ich hoffe so sehr, dass nichts passiert ist.«

»Ja, wäre schade, wenn du ihn geküsst hättest und nichts mehr davon wüsstest. Wenn seine Küsse so heiß sind wie sein Body ... dann ...« Sara kicherte hinter vorgehaltener Hand.

»Also, Sara. Wirklich«, rügte Melody ihre Freundin.

»Ich würde dir sogar wünschen, dass etwas passiert ist. Du hast es dir verdient, Melody.«

»Wie meinst du das?«

»Nach all dem was mit Marcell passiert ist, dachte ich. Es wäre doch super, wenn du auch mal Glück hättest und einen netten Mann treffen würdest. Auch wenn es nur für eine Nacht wäre.«

»Ich will nicht darüber reden.« Die Geschichte mit Marcell war ein schwarzes Tuch, über das Melody nie wieder sprechen wollte.