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Was wäre, wenn Franken nicht bayerisch geworden wäre, sondern Bayern fränkisch? Zugegeben, die Idee ist etwas albern - aber sie macht sooo viel Spaß. Und sie erlaubt es mal zu überlegen, wie Nürnberg (und München) wohl aussehen würde, wenn es anders gekommen wäre.
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Seitenzahl: 105
Veröffentlichungsjahr: 2020
Ein ziemlich fiktiver Kriminalroman, der endlich die Frage beantwortet, warum es gut ist, dass Nürnberg nicht München ist.
Rundfunkübertragung
Bei Dalokays Daheim
Mittagessen mit Kollegen
Am tatort
Beim Fotografen Moritz riem
Arbeiten am Wochenende
Kevin
Besuch bei tele 7
Ermittlungen in München
Alles super!
Es gibt Ärger
Es geht nicht voran
Im moor
Beim roten kino
Asena Entschuldigt sich
Die puzzleteile Fügen sich Zusammen
Fußball mit Miriam
„Es ist unglaublich! Hier in München liegen sich die Menschen in den Armen, damit hat niemand gerechnet. Alle haben gesagt: ‚Das geht noch schief‘. Aber heute wissen wir: Es ist gut gegangen, der FC Bayern1 München ist Deutscher Fußballmeister. Durch die 2 : 3 Niederlage der Dortmunder Borussen gegen die Würzburger Kickers kann der FC Bayern München jetzt den beiden kommenden Spielen gegen die Verfolger Dortmund und Schalke ruhig entgegensehen. Drei Jahre nach dem Aufstieg in die erste Liga wird damit ein Traum wahr – der FC Bayern München wird zum ersten Mal in seiner Vereinsgeschichte Deutscher Meister. München wird jetzt sicher die größte Party seit Langem sehen. Und wir sind live dabei! Nein, doch nicht. Ich höre gerade von den Kollegen aus Nürnberg: Wir machen jetzt weiter mit ‚Fachwerk in Franken‘.“
Kaum ist das Mikro aus, wendet der Moderator sich an die Kollegen im Funkhaus.
„Seid Ihr da oben jetzt total bescheuert? Wir können doch nicht einfach so fünf Minuten nach dem Spiel die Übertragung abbrechen. Da müssen wir live dabei sein. Habt Ihr eine Ahnung, was für eine Sensation das für die Bayern-Fans ist?“
„Die offizielle Meisterschaftsfeier ist erst nach dem letzten Spiel.“
„Aber die Fans feiern heute. Bis dahin interessiert das doch keinen mehr. Da kriegen wir wieder säckeweise Protestbriefe.
Vor allem, nachdem wir letztes Jahr vier Stunden lang von der Meisterfeier des FC Nürnberg berichtet haben.“
„Und da haben wir auch säckeweise Post bekommen, warum alle anderen Sendungen dem Fußball weichen müssen.“
„Ich glaube einfach, dass es Euch stinkt, dass Bayern Meister wird.“
Der Sendeleiter im Funkhaus stöhnt hörbar. „Fangt doch nicht wieder damit an. Mit regionalen Vorlieben hat das nichts zu tun. Es ist einfach Zufall, dass unsere geänderte Senderpolitik jetzt den FC Bayern trifft. Und für Neid gibt es von unserer Seite keinen Grund. Immerhin ist der Club der mit Abstand erfolgreichste und beliebteste Club in Franken, ach was, in ganz Deutschland.“2
„Pah. Dieses Jahr steigt er ab.3 Ihr werdet sehen.“
Der Studioleiter im Hauptgebäude des fränkischen Rundfunks in Nürnberg stellte die Verbindung mit dem Kollegen in München ab und murmelte ein deftiges fränkisches Schimpfwort. Liebevoll blickte er auf das Logo des 1. FC Nürnberg auf seiner Kaffeetasse. Es wurde immer schlimmer mit dem Genörgel der Bayern. Und das, obwohl der amtierende Ministerpräsident aus München stammte. Zugegeben der Erste seit Langem, der nicht aus Altfranken kam.
Die Vorwürfe waren ständig die gleichen. „Warum sendet der Fränkische Rundfunk fast nur aus Nürnberg?“ – „Warum gibt es kaum Fernsehserien aus Bayern?“ – „Warum wird selbst ‚Mit dem Fränkischen Rundfunk in die Berge‘ nicht in Bayern gedreht, sondern in Österreich?“ Vielleicht weil niemand einen Tatort aus dem provinziellen München sehen will? Oder die langweiligen bayerischen Berge, wenn es drüben in Österreich echte Berge gibt!
1 Richtiger wäre hier eigentlich die Schreibweise Baiern. Denn erst seit dem 20. Oktober 1825 wird Bayern nach einem Beschluss des damaligen Königs Ludwig I. mit y geschrieben. Weil in diesem Buch Baiern damals längst zu Franken gehörte, gab es weder einen König Ludwig I. noch eine neue Version der traditionellen Schreibweise Baiern. Aber das wäre auf die Dauer anstrengend zu lesen, deshalb bleibe ich bei der Schreibweise Bayern.
2 Manche Dinge sind in diesem Buch eben anders.
3 Andere Dinge ändern sich dagegen nie.
„Also Yasemin, wiederholst Du schnell noch mal was Du heute in Deinem Referat erzählen willst?“ Kriminaloberrätin Asena Dalokay sah ihre Tochter streng an. Yasemin war jetzt zwölf und ging in die siebte Klasse des Großherzog-Heinrich-Gymnasiums im Nürnberger Stadtteil Schwabach.
Weil Yasemin nicht antwortete, begann Okatan. Er ging erst in die vierte Klasse der Grundschule Neu-Baimbach, hatte sich das Referat seiner Schwester aber schon mindestens zehnmal anhören müssen.
„Das ist wegen dem Napoleon. Der hat Deutschland erobert. Und dann die Bayern Franken. Mit Napoleon. Die Bayern haben nämlich mit den Franzosen gegen die Deutschen gekämpft. Also, gegen die Preußen und die Österreicher, weil die waren damals auch noch Deutsche. Und da hat der Napoleon den Maxi zum König gemacht.“
„Den Maxi?“
„Er meint den König Maximilian“, mischte sich seine Schwester ein.
„Der Maxi ist also König geworden“, fasste Asena zusammen.
„Genau. Aber dann hat der Napoleon in Waterloo eins auf die Fresse gekriegt“, antwortet Okatan.
Asena wollte eben seine Ausdrucksweise korrigieren, da fuhr Yasemin schon fort:
„Nach der französischen Niederlage wurde Bayern preußisch.“4
„Und Franken?“, fragte Asena.
„Franken auch. Alles, was 1806 bayerisch geworden war, wurde jetzt preußisch.“
„Und was taten die Preußen, um die Bayern zu bestrafen?“
„Sie machten Bayern preußisch?“
„Ja – und was noch. Was passierte mit Bayern?“
„Die Preußen hatten Angst, dass sich die Bayern mit Österreich verbünden. Deshalb wollte man Bayern schwächen, indem man das alte Königreich in mehrere Provinzen aufteilte und München nicht mehr Hauptstadt war. München und der Westen Bayerns kamen zur Provinz Augsburg. Der Osten wurde zur Provinz Landshut. Und Franken und die Pfalz wurden eigene Provinzen. Der Provinzsitz von Franken war in Bayreuth.“
„Aber warum gibt es dann heute ein Bundesland Franken?“
„Die Österreicher waren dagegen, dass die Preußen alles kriegen. Also drohten die Österreicher mit Krieg. Als Kompromiss wurde ein neues Land Franken gegründet und der Bruder vom König, Prinz Heinrich5, wurde erster Großherzog. Nach dem ist unsere Schule benannt.“
„Genau. Und was passierte mit Nürnberg?“
„Das wurde neue Hauptstadt. Die alten waren ja Bayreuth, Augsburg und Landshut, die Pfalz blieb bei Preußen. Aber weil Nürnberg so schön in der Mitte lag und weil die Hohenzollern da früher mal Burggrafen gewesen waren, machten sie Nürnberg zur neuen Hauptstadt und haben im Süden von der Altstadt eine ganze neue Stadt gebaut. Da, wo Du jetzt arbeitest.“
„Sehr gut. Dann viel Erfolg. Wir müssen jetzt los.“
Zusammen verließen sie ihr Reihenhaus in Nürnberg-Neubaimbach. Der Weg zur U-Bahn führte sie durch die Trabantenstadt, die rund um die alten Dörfer Ober- und Unterbaimbach6 entstanden war. Im Hintergrund sah man die 15-stöckigen Hochhäuser von Nürnberg-Wolkersdorf. Sie durchquerten einen kleinen Park, in dem die letzten Reste des Zwieselbaches flossen. Gleich dahinter lagen die U-Bahn-Station Neubaimbach-Ost und Okatans Grundschule.
Asena würde mit der U-Bahn bis zu ihrem Arbeitsplatz im Süden der Altstadt fahren, Yasemin nur bis zum Wolkersdorfer Einkaufszentrum. Dort stieg sie dann in den Bus um. In Wolkersdorf gab es zwar die Gesamtschule Wolkersdorf-Neubaimbach, doch die Eltern hatten sich für das mathematischnaturwissenschaftliche Gymnasium in Nürnberg-Schwabach entschieden. Es lag inmitten der Villensiedlung am Eichwasen7, rund zehn Busminuten entfernt.
Asena leitete die Zentralstelle für die Bekämpfung von Hasskriminalität und politischer Gewalt im Nürnberger Polizeipräsidium. Ihr unterstanden mehrere Unterabteilungen, die sich mit Neonazis, Islamisten, Linksextremisten, aber auch radikalen Fußballfans befassten.
Ihr Büro war in einem repräsentativen alten Sandsteinbau untergebracht, der Ende des 19. Jahrhunderts im Regierungsviertel südlich der Altstadt errichtet worden war. Auf ihrem Weg zum Polizeipräsidium reihte sie sich in den Strom der Beamten ein, die auf dem Weg in die Ministerien und Ämter waren.
Am Ende der großen Straße thronte das ehemalige Stadtschloss des Großherzogs, davor eine Statue der Frankonia. Asena mochte die Figur, die statt der üblichen Speere und Schwerter in der einen Hand eine Weinrebe, in der anderen einen Bierkrug hielt. Zu ihren Füßen saß ein kleiner Hase. Ihn hatte der erste Großherzog, gegen den Willen seiner Berater, zum Wappentier Frankens gemacht.
Je näher man zum alten Stadtschloss kam, desto wichtiger wurden die Ministerien. Direkt davor lag auf der einen Seite der Landtag, auf der anderen der ehemalige Sitz des Ministerpräsidenten, der heute natürlich im Stadtschloss residierte. Das Polizeipräsidium lag allerdings am Anfang der Straße.
Asena betrat das Polizeipräsidium über die Freitreppe. Obwohl es draußen schon relativ warm war, herrschte drinnen eine angenehme Kühle. Die großen Marmorsäulen beeindruckten sie dagegen längst nicht mehr. Wie üblich wählte sie den Weg über die Treppe zu ihrem Büro im zweiten Stock, statt den Aufzug zu nehmen.
Auf ihrem Schreibtisch lagen diverse Akten, beispielsweise eine Buttersäure-Attacke auf das Büro der „Fränkischen Vegetarier“, die gerade zusammen mit der katholischen Kirche an einer Volksabstimmung arbeiteten, der zufolge in öffentlichen Kantinen und Mensen, in Schulen und Verwaltungen am Freitag kein Fleisch mehr verkauft werden durfte.
Sie organisierte zwei Mitarbeiter, die sich schwerpunktmäßig mit dem Fall befassen sollten. Dann ging sie Berichte und Akten durch, entschied, wo weitere Recherchen notwendig waren und welche Fälle abgeschlossen wurden. Der Job war ungefähr so spektakulär wie der eines Schadenssachbearbeiters in einer Versicherung. Aber sie hatte das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun und meistens pünktlich Feierabend.
4 Für alle, die sich den Klappentext nicht richtig durchgelesen haben: Hier geht es um Alternativgeschichte. Die Realität sah natürlich ganz anders aus.
5 Nein, das ist nicht der mit der Mütze. Die Prinz-Heinrich-Mütze ist nach dem Bruder Kaiser Wilhelms II benannt.
6 Die Orte Ober- und Unterbaimbach gibt es wirklich. Sie gehören heute politisch zu Schwabach, sind tatsächlich aber kleine Weiler vor den Toren der Stadt. Es gibt dort weder eine U-Bahn noch eine Großwohnsiedlung.
7 Wer Schwabach kennt (in der Realität kein Stadtteil Nürnbergs, sondern mit rund 40.000 Einwohnern die kleinste kreisfreie Stadt Bayerns), der weiß, dass am Eichwasen heute jene Großwohnsiedlung steht, die in Wolkersdorf oder Unterbaimbach nie gebaut wurde.
Am Nachmittag traf sie sich mit zwei Kollegen zum Essen. Beide waren aus dem Morddezernat zu ihr versetzt worden. Das heißt, eigentlich war nur Lukas Henlein versetzt worden, ein junger Kommissar, der noch auf seine erste feste Stelle wartete.
Nach Meinung ihrer Chefin war er in der Mordkommission gefährdet, gefährdet durch seinen Kollegen Kevin Glosemeyer. Er stand kurz vor der Pensionierung und erfüllten alle Klischees, die landläufig über Franken im Umlauf waren. Er liebte deftiges Essen, waren heimatverbunden, wortkarg und grantelte8 die meiste Zeit vor sich hin.
Der junge Lukas hatte in Kevin einen Ersatzvater gefunden und ziemlich schnell ziemlich viele dieser Eigenschaften übernommen, bis hin zu einer Leidenschaft für Blasmusik, die die Kriminaldirektorin als künstlerische Beleidigung auffasste.
Asena sollte den jungen Mann nach Meinung der Chefin auf die richtige Spur zurückbringen. „Wir als moderne Frauen“, hatte die Kriminaldirektorin gesagt. Weil Asena es aber nicht als ihre Aufgabe ansah, irgendwem einen bestimmten Geschmack an- oder abzuerziehen, abgesehen vielleicht von ihren beiden Kindern, war sie erfreut, als sich wenig später Lukas‘ Mentor Kevin Glosemeyer bei ihr bewarb. Sie kannten und schätzen sich schon lange. Er hatte einen guten Ruf als Polizist und sie eine unbesetzte Stelle.
Als Einstand hatte sie ein gemeinsames Mittagessen vorgeschlagen, das statt in der Kantine in einer vom Ersten Kriminalhauptkommissar Glosemeyer ausgesuchten Restaurant stattfand. Es lag weiter im Osten, dort, wo die vornehmen ehemaligen Bankengebäude und Industriehauptverwaltungen aufhörten und früher Industriegebäude standen.
Auf dem ehemaligen Werksgelände der „Königlich Fränkischen Klaviermanufaktur“ hatten sich Werbeagenturen, IT-Firmen, Ärzte und die deutsch-angolanische Handelskammer angesiedelt. Unten im Erdgeschoss waren verschiedene Läden untergebracht, die alle den Namenszusatz „Die kleine …“ trugen. Es gab „Die kleine Molkerei und Käserei“, wo man frische Milch und Käse kaufen konnte. In der ehemaligen Remise war sogar ein kleiner Stall mit zwei Kühen untergebracht. „Die kleine Rösterei“ verkaufte frisch gerösteten Kaffee, daneben gab es „Die kleine Bäckerei“ und „Die kleine Metzgerei.“ Geschäfte für die kaufkräftige Kundschaft der wohlhabenden Landeshauptstadt Nürnberg.
Der etwas zu kaufkräftigen und versnobten Kundschaft, fand Asena. Sie vermisste die Bodenständigkeit Münchens, jener Stadt, in der sie mit ihren Eltern lange gelebt hatte. Die ehemalige Hauptstadt galt als langweilige Touristen- und Rentnerstadt, aber immerhin musste man sich dort als Beamtin im Höheren Dienst nicht bis zum 60. Lebensjahr verschulden, um ein kleines Reihenhaus finanzieren zu können.
In der ehemaligen Fabrik befand sich auch „Die kleine Brauerei“, eine Gastwirtschaft mit Hausbrauerei, die zu Kevin Glosemeyers Lieblingsrestaurants gehörte. Asena sah ihre Kollegen vor dem Schaufenster von „Die kleine Druckerei“. Kevin war sofort an seiner dunklen Hautfarbe und dem schwarzen, krausen Haar zu erkennen, denn sein Vater war ein afroamerikanischer GI gewesen.
Die Druckerei stellte vor allem handgearbeitete Drucke her, immer wieder auch teure, mit Bleisatz und in Handarbeit gedruckte Bücher. Eine Ausgabe von Goethes Faust gehörte mit einem Preis von 1.000,- Euro pro Stück zu den preisgünstigeren Angeboten.
