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Dunkle Mächte drohen, die magische Welt in ihren Grundfesten zu erschüttern. Sie wollte nie etwas anderes, als ein normales Leben zu führen. Jetzt muss sie über sich selbst hinauswachsen, um das zu schützen, was sie liebt. Wer ist der Mann, dessen Motive so unergründlich scheinen wie sein Gefühle? Wird er die Erlösung sein? Oder ist er der Anfang vom Ende?
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Seitenzahl: 260
Veröffentlichungsjahr: 2019
Freie Magie
Von Lili Thomas
Buchbeschreibung:
Dunkle Mächte drohen, die magische Welt in ihren Grundfesten zu erschüttern.
Sie wollte nie etwas anderes, als ein normales Leben zu führen. Jetzt muss sie über sich selbst hinauswachsen, um das zu schützen, was sie liebt.
Wer ist der Mann, dessen Motive so unergründlich scheinen wie sein Gefühle? Wird er die Erlösung sein? Oder ist er der Anfang vom Ende?
Über den Autor:
Lili Thomas schreibt schon seit ihren Jugendjahren Geschichten. Ihr Ziel ist es, die Menschen zu unterhalten und einige Stunden von den Unbillen des Alltags abzulenken.
Freie Magie
Band 1
Von Lili Thomas
1. Auflage,
© Alle Rechte vorbehalten.
ISBN: 9783750427181
1
Freie Magie riecht nach Zimt. Seit ich meinen Lebensunterhalt damit verdiene, sie von okkulten Tatorten zu entfernen, schmeckt mir Weihnachtsgebäck nicht mehr. Es erinnert mich daran, dass die schrecklichsten Verbrechen einen würzigen Duft hinterlassen.
Ich nehme die nicht unbeträchtliche Menge an magischem Abfall wahr, obwohl Carlos Rücken mir die Sicht durch den Türspalt versperrt. Er ist vor mir stehen geblieben, dreht langsam den Kopf. „Das wird dir nicht gefallen, Karamell.“ Er benutzt den Spitznamen, den nur er mir geben darf. Eine Anspielung auf meine Hautfarbe, die ich nicht zum Besten an mir zähle.
Ich spähe an ihm vorbei. Wabernde Nebel freier Magie bewegen sich träge durch den Raum. Hier muss Übles geschehen sein. Nach einem Ritual bleibt nur ein Teil der freigesetzten Energie in Form von nebligen Fetzen zurück. Hier ist so viel davon, dass es sogar für die Augen eines sensiblen Nichtmagischen wahrnehmbar wäre. Meines Wissens gibt es nur eine Zeremonie, die diese Menge an Energie freisetzt. Fröstelnd reibe ich mit den Händen über meine Oberarme. Die Masse an tanzenden Energieresten bedeutet, dass ein Magiebegabter hier sein vorzeitiges Ende fand.
Obwohl mir das alles Andere als gefällt, ist es nicht das erste Mal, dass ich etwas derartiges zu Gesicht bekomme. Carlos weiß das besser als jeder Andere. Wir arbeiten seit über einem Jahr bei Held Reinigungen. Die meiste Zeit davon haben wir nebeneinander verbracht. Ob beim Papierkram in dem zu kleinen Büro, oder bei Gelegenheiten wie dieser hier. Bis auf die jeweiligen Urlaubstage sind wir alle Aufträge gemeinsam angegangen.
Suchend spähe ich im Büro umher. Dann sehe ich es. Blut. Die gesamte Platte des wuchtigen Schreibtisches ist mit angetrocknetem Blut besudelt. Ich hole tief Luft. Schlagartig erscheint mir der Geruch im Raum süßlicher, widerwärtiger. Etwas, dass wie ein Finger aussieht, liegt inmitten der roten Flecken. Würgend wende ich mich ab, taumle in den Flur zurück, stütze mich an einer Wand ab. Mühsam schlucke ich gegen den bitteren Geschmack in meinem Mund an.
Als ich Carlos Hand auf meiner Schulter spüre, habe ich mich wieder so weit im Griff, dass keine Angst habe, mich zu übergeben. „Rufst du bitte bei den Tatortreinigern an? Langsam sollten die Typen wissen, dass ich erst reingehe, wenn keine Körperteile mehr rumliegen.“ Bei dem Gedanken an den Finger bildet sich ein Kloß in meinem Hals. „Herrgott, das ist doch nicht so schwer zu verstehen.“
Ich klinge weinerlich, aber die Reste von dem, was einmal ein atmender Mensch war, kleben nun an den Möbeln. Ich finde, das ist Grund genug, die Beherrschung zu verlieren. Während er telefoniert, sage ich mir, dass es in Ordnung ist, wenn ich keine Leichenteile sehen mag. Nicht jeder ist dazu geeignet, nach einem Verbrechen das Blut wegzuwischen.
Ich bin eine andere Art von Tatort Reiniger. Ich entferne, was nach einem Ritual zurückbleibt. Das ermöglicht es Menschen, die meine Gabe nicht teilen, normal weiterzuleben.
Carlos beendet das Gespräch. „Sie kommen gleich nochmal vorbei. Die mussten ihre Arbeit abbrechen, weil sie die Kopfschmerzen nicht mehr ausgehalten haben.“
Ich sehe ihn verwirrt an. Ich weiß, dass Energie Fetzen bei nichtmagischen häufig zu Schmerzen führen. Doch in unserer aufgeklärten Gesellschaft erwarte ich, dass sich Leute in dieser Berufskategorie dagegen schützen.
„Wieso haben sie die Marken mit der Schutzmagie nicht getragen? Ich dachte, die gehören zur Standardausrüstung für städtische Mitarbeiter?“ Mein Begleiter seufzt.
„Die Sparmaßnahmen, Karamell. Neu bekommen städtische Mitarbeiter die Marken nur noch bei Bedarf ausgeliehen. Also dann, wenn es ihnen schon schlecht geht.“ Er schüttelt den Kopf. „Sie können sich die teure Schutzmagie natürlich privat kaufen, aber...“
Ich seufze resigniert. „Und jetzt?“
Wenigstens klingt meine Stimme wieder neutral. Carlos lächelt mich an, als hätte ich ihn gebeten, eine Spinne aus dem Raum zu entfernen.
„Du wartest hier und ich fange mit der Arbeit an, bis die Putzkolonne kommt.“ Trotz meines schlechten Gewissens nicke ich. Ich nehme mir vor, ihm bei Gelegenheit ein Bier auszugeben. Oder einen ganzen Kasten.
Als die Reinigungskräfte eintreffen, setzt er sich zu mir. „Nun guck doch nicht so schuldbewusst. Wir haben alle unsere schwachen Momente,“ sagt er und stupst meine Schulter an. Ich lächle.
„Bist du gestern gut nach Hause gekommen?“ Frage ich, um das Thema zu wechseln, und weil es mich interessiert.
Er brummt zustimmend. „War ein schöner Abend.“ Er wendet in einer verlegenen Geste den Blick ab. „Wiederholen wir das? Wir könnten beim nächsten Mal chinesisch essen.“ Seine Stimme klingt betont unbetont. In diesem Moment wird mir klar, worauf wir zusteuern, wenn wir uns weiterhin privat treffen. Die Aussicht gefällt mir. Carlos ist höflich und aufmerksam.
Dieses Mal ist mein Lächeln echt. „Ich mag chinesisches Essen.“ Und ich mag dich. Ich wage nicht, es laut zu sagen. Noch nicht. Das plötzliche Bedürfnis, meine Hand an seine Wange zu legen, irritiert mich. In einer verlegenen Geste binde ich meine braunen Haare zu einem neuen Zopf. Am Ende ist er schludriger als zuvor.
Meine Gedanken werden von einem der Tatortreiniger unterbrochen. Er spricht nicht laut, aber da sein Kollege gerade die Tür zum Büro öffnet, ist er im Flur gut zu hören.
„Jap. Und sag den Magiern, dass sie gleich rein können.“ Der Mann in der Tür errötet, als er uns sieht.
„Wir sind dann Mal weg.“ Nuschelt er und flieht beinahe aus dem Gebäude. Der Andere schlendert in gemächlichem Tempo an uns vorbei.
Carlos und ich grinsen uns an. Magier wurde zum politisch nicht korrekten Wort erklärt. Man nennt uns Magiebegabte oder Menschen mit magischen Fähigkeiten. Offen gestanden ist mir das egal. Rose bleibt Rose und Magie bleibt Magie. Ich fühle mich nicht als Teil einer Minderheit oder irgendwie anders. Es ist wie bei einem breiten Hintern. Der Eine hat einen der Andere nicht.
Vorsichtig treten wir durch die Tür. Erleichtert stelle ich fest, dass der Raum keine menschlichen Überreste mehr enthält. Ich lasse alle Gedanken an Leichen und Dates ziehen und konzentriere mich auf die Energie, die mich umschwebt. Ich stelle mir vor, dass mich die Meridiane an den Fußsohlen durch das Gebäude mit der Erde verbinden.
Wärme breitet sich von meinen Füssen über die Brust aus. Langsam fließt sie in die Arme und den Kopf. Ein prickelndes Gefühl erfasst meinen Haaransatz. Das ist das Zeichen, dass ich mit der Reinigung beginnen kann. Gemächlich gehe ich den Raum ab. Der Nebel weicht vor mir zurück, löst sich überall dort auf, wo er in meine Nähe kommt. Ich achte nicht auf Carlos, weiß aber aus Erfahrung, dass er dasselbe tut. Jedes Ritual hinterlässt seine eigene Art von freier Magie. Manche sind flüchtig wie Morgennebel, andere dick und schwer wie Zigarrenrauch. Ebenso unterschiedlich ist die Dauer, die wir fürs Saubermachen benötigen. Carlos arbeitet schneller als ich. Er bringt so viel Energie auf, dass sein Reinigungsradius beinahe einen Meter beträgt. Ich erkenne es an der flirrenden Luft, die sich um ihn bauscht und die Nebelfetzen in Wohlgefallen auflöst.
Jeder von uns hat eine andere Art, das Reinigungsritual abzuschließen. Er ist ein Typ der alten Schule. Er hat immer ein Päckchen mit Salz dabei. Einen Teil davon nimmt er auf die Zunge, den Rest verteilt er rituell im Raum.
Ich bevorzuge eine modernere Variante. Diese schließt Rotwein und die Badewanne mit ein. Da ich keines von beidem zur Verfügung habe, lasse ich vor dem inneren Auge weißes Licht über meinen Körper fließen, bis ich mich vollkommen davon erfüllt fühle. Erst dann schicke ich einen Dankesspruch an die Erde und breche die Verbindung ab. Die klassische Magietheorie besagt, dass wir ohne Erdung immer mehr energetischen Müll aufsammeln. Wie eine Staubschicht wird er immer dicker, und wenn wir ihn nicht entfernen, laugt er uns langsam aus.
Während ich den Schlüssel wie verabredet im Briefkasten deponiere, quetscht Carlos seine langen Beine hinter das Steuer des firmeneigenen Smarts. Der Sache mit dem Zaubern ist weniger Romantik eigen, als die meisten Nichtmagischen annehmen. Ich sehe es eher als ein Handwerk. Eines zwar, dass nicht jeder ausführen kann, aber welches Talent wird schon von der Masse geteilt?
Er lenkt den Wagen durch die dunkler werdenden Straßen und ich schreibe meiner Chefin eine Nachricht mit einem kurzen Einsatzbericht. Es ist unser Feierabendritual, wenn wir ohne sie unterwegs sind. Auf diese Weise müssen wir nicht extra ins Büro fahren.
„Soll ich dich morgen früh abholen?“, fragt Carlos, während er vor meinem Wohnhaus anhält. Ich überlege. Die Bewegung würde mir guttun, aber es ist ein schönes Gefühl, neben ihm zu sitzen.
„Nach acht?“, frage ich. „Dann können wir an der Ecke schnell einen Kaffee trinken.“
Einige Sekunden scheint es, als wolle er sich in meine Richtung beugen. Ich frage mich, ob er daran denkt, mich zu küssen. Dann ist der Moment vorbei und er nickt mir zu.
„Ich bin um zehn nach hier. Schlaf gut, Karamell.“ Die Innenbeleuchtung des Autos erhellt sein lächelndes Gesicht, als ich aussteige.
„Du auch. Bis Morgen.“ Schnell schließe ich die Türe und wende mich ab, bevor ich etwas Dummes sagen kann. Als ich das Gebäude betrete, heult hinter mir der Motor des abfahrenden Wagens auf.
Auf der Türschwelle atme ich tief durch. Das ist mein persönliches Ritual, seit ich mich beinahe täglich mit Verbrechen beschäftige. Erst, nachdem ich mich versichert habe, dass nichts an Zimt erinnert, schließe ich die Tür ab. Ich fische das Telefon aus der Handtasche, um die kryptische Antwort meiner Chefin zu lesen. Sie hat die enervierende Angewohnheit, alles so lange abzukürzen, bis es auf einer Briefmarke platz findet. Vermutlich denkt sie, dass ich zimperlich bin, weil ich mich nicht an blutige Tatorte gewöhnen kann. Es ist ein altes Thema zwischen uns. Ungerührt deponiere ich das Handy auf dem Küchentisch.
Auf dem Weg zum Kühlschrank werfe ich meine Jacke auf einen der alten Holzstühle. Meine Schuhe landen in dem freien Raum zwischen Tisch und Sofa. Mit den Resten der Pizza von gestern Abend in der Hand schalte ich die Nachrichten ein. Katinka O`Donnoli, die Spezialistin für magische Interessen bei den Abendnachrichten lässt sich gerade über die Aussichten der Kandidaten bei den bevorstehenden Stadtratswahlen aus.
Ein Klopfen an meinem Küchenfenster lässt mich hochsehen. Ein struppiger Rabe hat sich auf dem Fensterbrett niedergelassen. Ich schiebe den Riegel zurück, um ihn zu begrüßen. Im Fernsehen wird darüber diskutiert, ob die Kandidaten der ersten magischen Partei Leute mit übersinnlichen Dienstleistungen bestochen haben. „Hast du das gehört, mein Kleiner? Die Welt ändert sich, aber die Menschen bleiben dieselben.“
Er sieht mich mit schiefgelegtem Kopf an. Ich frage mich, was die Raben dieser Stadt zu erzählen hätten. Ich halte ihm meine Pizza hin, doch auch er verschmäht das labbrige Ding. Ich wundere mich über sein Verhalten. Normalerweise klopfen die Vögel bei mir, weil sie wissen, dass es hier etwas abzustauben gibt. Er reibt seinen Schnabel am Fensterkreuz, wendet dann den Kopf, um in die Ferne zu sehen. Einige Sekunden lang scheint er etwas zu beobachten, dann spreizt er die Flügel und verschwindet in der Dämmerung.
Ich bleibe noch einige Zeit stehen. Zum ersten Mal kommt mir der Ausblick auf den großen Park, der das Beste an meiner Wohnung ist, düster vor. Mir scheint, dass mehr Energie als üblich unterwegs ist. Wabernde Schatten, die nur am Blickfeldrand existieren und sofort verschwinden, wenn man sich ihnen gewahr wird. Fröstelnd schließe ich das Fenster. Die magische Welt scheint auf seltsame Weise in Bewegung zu sein.
Während der Spitzenkandidat zum wiederholten Mal sein Wahlprogramm herunter leiert, schnappe ich mir frische Unterwäsche. Nichts ist besser gegen freie Magie und imaginäres existierendes Blut auf der Haut als Wasser und Seife.
Durch die offene Tür höre ich, wie Kathinka die wichtigsten Programmpunkte der Parteien noch einmal zusammenfasst. Die gleichen leeren Versprechungen wie bei der letzten Wahl. Bessere Ausbildung für Magiebegabte aus armen Verhältnissen, härtere Strafen für okkulte Verbrechen, bessere Arbeitsbedingungen für magisch Begabte im öffentlichen Dienst.
Mein Telefon klingelt und ich eile, nasse Spuren hinterlassend zum Tisch. Carlos Namen leuchtet mir entgegen. Kurz bereue ich, mir nicht gleich die Beine rasiert zu haben. Nur für den Fall, dass er mich spontan ausführen will. Der Moment vergeht, als mir einfällt, dass er ein kleiner Gentleman ist.
„Vermisst du mich schon?“ Ich versuche, meiner Stimme einen neckenden Tonfall zu geben, höre aber selber, dass es albern klingt.
„Laura?“ Carlos wirkt gehetzt. „Laura, ich kann dich Morgen nicht abholen. Die Polizei hat angerufen. Die wollen, dass ich vorbei komme. Mein Onkel-“ Er bricht ab, macht einige tiefe Atemzüge. „Er ist ermordet worden.“ Beim letzten Satz bekommt seine Stimme einen schrillen Ton. Ich bin sprachlos. „Laura? Bist du noch dran? Was soll ich denn jetzt machen? Ich erreiche keinen meiner Freunde. Sonst sitzen die alle auf ihrem Telefon und jetzt geht niemand ran.“
Ich hole Luft, lasse sie laut wieder entweichen. „Ich bin noch da. Es, also, es tut mir sehr leid, Carlos. Habt ihr euch nahe gestanden?“ Mein Hirn beginnt wieder zu arbeiten.
„Er wollte, dass ich in seine Loge eintrete. Das war ein ewiger Streitpunkt zwischen uns. Aber er war mein einziger lebender Verwandter.“ Ich merke, wie wenig ich über Carlos weiß. Es beschämt mich, dass ich ihn nicht mehr über seinen Hintergrund gefragt habe. Aber jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt dafür.
„Warum will die Polizei, dass du vorbei kommst?“, frage ich, weil es mir seltsam erscheint. Einige Momente lang ist es gespenstisch still in der Leitung. Als er mir antwortet, ist seine Stimme so leise, dass ich Mühe habe, ihn zu verstehen.
„Die verdächtigen mich.“ Einige Sekunden vergehen, ehe ich realisiere, was er gesagt hat. Verstehen kann ich es allerdings nicht.
„Wieso das denn? Hast-“ Ich beiße mir auf die Zunge, ehe mir die Frage, ob er es denn getan hat, herausrutschen kann. Natürlich hat er es nicht getan. Es ist schließlich Carlos, von dem die Rede ist. Carlos, der lieb und höflich ist und von dem ich weniger weiß, als ich gedacht hatte.
„Ich habe nichts gemacht, ich schwöre.“ Seine Stimme klingt schrill. „Mein Onkel hat mich angerufen, als ich bei dir weggefahren bin. Er wollte, dass ich vorbei komme. Aber dann hat er die Tür nicht aufgemacht, und ich... Oh, Scheiße!“ Er scheint erst jetzt zu merken, dass der Mord an seinem Onkel quasi vor seiner Nase stattgefunden hat. Ich würde ihn gerne fragen, ob er es nicht seltsam fand, dass ihm sein Onkel nicht aufgemacht hat. Jede Formulierung, die mir einfällt, klingt vorwurfsvoller als die vorherige, weshalb ich es mir verkneife.
„Weiß die Polizei, dass du da warst?“
„Ich glaube, die Nachbarin hat mich gesehen. Außerdem werden sie die Telefondaten abgefragt haben.“ Er macht wieder eine Pause, in der er Luft holt. „Mein Onkel war wohlhabend. Ich bin der Erbe. Ich bekomme alles. Das Haus, die Aktien, den Mercedes und das Geld.“
„Aber das ist doch kein Grund.“ Ich stocke kurz. „Also ich meine, nicht für dich. Das ist doch absurd.“ Ich kann noch immer nicht glauben, dass Carlos ein Verdächtiger in einem Mordfall sein soll. Dann aber entspanne ich mich ein wenig. „Da du nicht im Haus warst, werden sie auch keine Spuren von dir finden. Viel mehr als eine Aussage wirst du also nicht machen müssen.“
„Denkst du, ich sollte einen Anwalt anrufen? Oder wirkt das verdächtig?“ Ich denke kurz darüber nach. „Na ja, du könntest ja Mal anrufen und fragen, was du machen sollst. Ein Anwalt kann dir sagen, was zu tun ist.“
„Ja. Ich meld mich dann morgen, wenn die mich entlassen haben. Sag bitte der Held Bescheid, ich will ihr das nicht am Telefon sagen.“ Das leuchtet mir ein. Wer will schon seiner Chefin erklären müssen, dass man zu spät zur Arbeit kommt, weil die Polizei einen verdächtigt, den eigenen Onkel umgebracht zu haben?
„Mach ich. Pass auf dich auf. Und vergiss nicht, anzurufen.“ Einige Floskeln später legen wir auf. Obwohl wir so viele Monate zusammenarbeiten, sind wir nicht vertraut genug, um jetzt Worte zu finden. Wieder merke ich, dass die Sache zwischen uns noch am Anfang steht. Plötzlich beschleicht mich die Angst, dass wir zu lange gewartet haben. Dass wir zu viel Zeit verschwendet haben, bevor wir angefangen haben, uns näher kennenzulernen. Was, wenn das alles schief geht und wir unsere Gelegenheit verspielt haben? Energisch schüttle ich den Kopf, um diesen Irrsinn daraus zu vertreiben.
Hunger habe ich jetzt keinen mehr. Meine Gedanken wandern zu den beiden Magiebegabten, die innerhalb kurzer Zeit ein gewaltsames Ende fanden. Erst unser Tatort und nun Herr Ramirez. Gerade Logenmitglieder sind normalerweise von starken Schutzzeichen umgeben. Ein normaler Raubmord sollte dadurch ausgeschlossen sein. Ich nehme mir vor, mich Morgen über das mir unbekannte Opfer schlauzumachen. Immer wieder gehe ich das Gespräch mit Carlos in Gedanken durch. Es gibt einige Punkte, die mir nicht einleuchten wollen. Schließlich unterbreche ich das Gedankenkarussell, indem ich mich auf die Zukunft konzentriere. Erste Priorität ist, meinem Freund zu helfen.
Die Frage nach dem Wie schickt ein unangenehmes Ziehen in meine Schläfen. Seufzend schließe ich die Augen, überlasse mich abermals den wirren Bildern, die durch meinen Kopf wabern. Ein Liedtext blitzt dazwischen auf. „Abertausend Fragen, sie werden statt weniger mehr.“ Beinahe muss ich grinsen.
Kurz vor acht stehe ich vor Carlos Haustüre. Auf mein Klingeln reagiert niemand, genau wie zuvor auf meine Anrufe. Es war eine blöde Idee, spontan vorbei zu kommen, um ihm Glück zu wünschen. Als ich mich zum Gehen wende, fällt mir ein Wagen auf der anderen Straßenseite auf. Ich könnte schwören, dass hinter den getönten Scheiben jemand sitzt und das Haus beobachtet. Ich stelle den Kragen meines Mantels auf, um dem kalten Schauer, der mich befällt, entgegenzuwirken. Energie streift wie eine Brise über mich hinweg. Jemand versucht, mich zu durchleuchten. Es erinnert mich an meine Pubertät, wenn Mutter meine Aura nach Anzeichen für eine Lüge gescannt hat. Ich schiebe meine Hände in die Manteltaschen und male mit den Daumen Schutzsymbole auf den Innenstoff. Der Hauch verschwindet. Mit einem erleichterten Seufzer beeile ich mich, von hier wegzukommen. Erst als ich im Bus sitze realisiere ich, dass etwas falsch war. Ich brauche den gesamten Weg zur Arbeit, um zu erfassen, was es war. Der Geruch. Der typische Hauch von Zimt war mit etwas anderem vermischt. Ich kann nicht bestimmen was, aber ich bin sicher, dass ich die Kombination wiedererkennen werde, sollte sie mir noch einmal begegnen.
Die Held erwartet mich bereits, als ich das Büro betrete. Die Art, wie sie ihren hageren Körper nach vorne beugt, erinnert mich an einen Geier. Ihre leicht gebogene Nase verstärkt den Eindruck auf eine beinahe groteske weise.
„Haben sie es schon gehört?“, fragt sie, statt einer Begrüßung. Ein flaues Gefühl macht sich in meinem Magen breit.
„Was gehört?“ Ich will erst hören, was sie weiß, ehe ich mit Informationen herausrücke.
„Carlos wurde letzte Nacht von der Polizei abgeholt. Er soll seinen Onkel umgebracht haben. Die haben das blutverschmierte Messer in einem Mülleimer vor seinem Wohnhaus gefunden.“ Mir wird schlagartig übel. Einen Moment lang glaube ich, auf den billigen Teppich kotzen zu müssen.
„Geht es ihnen nicht gut? Sie sind ja weiß wie ein Laken. Setzen sie sich hin.“ Sie drückt mich in einen Stuhl, einen Moment später habe ich ein Glas mit Wasser in der Hand.
„Woher wissen sie das?“, frage ich, in der Hoffnung, dass es sich um ein Missverständnis handelt.
„Sein Nachbar hat angerufen. Die Polizei hat in der Nacht die Wohnung gestürmt und Carlos mitgenommen. Als dieser Nachbar nachsehen wollte, was da los ist, hat er ihn darum gebeten, uns Bescheid zu geben. Können sie das glauben?“
„Dass er ihn darum gebeten hat?“ In meinem Kopf dreht sich alles.
Die Held seufzt missbilligend. „Dass er seinen eigenen Onkel umgebracht hat.“ Ich sehe sie fest an.
„Ich glaube nicht, dass er irgendjemandes Onkel umbringen würde. Wer wirft denn die Tatwaffe vor dem eigenen Wohnhaus weg? Das stinkt doch gewaltig.“ Zu meiner Überraschung nickt sie.
„Carlos ist ein Rebell, aber ein Mörder ist er nicht. Und dumm ist er auch nicht.“ Sie setzt sich hinter ihren Schreibtisch. „Andererseits ist der Gedanke, dass ihm jemand einen Mord anhängen will, recht abenteuerlich.“ Ich muss ihr leider recht geben.
Wir verbringen den gesamten Vormittag damit, unkonzentriert und einsilbig Papierkram zu bearbeiten. Nach einer Weile lehnt sich die Held seufzend in ihrem Stuhl zurück. Sie schließt einen Moment lang die Augen. „Lassen sie uns heute etwas früher Mittag machen. Ich habe nicht den Eindruck, dass wir gut vorankommen mit unserer Arbeit.“ Da hat sie schon wieder recht.
Als die Tür hinter mir ins Schloss fällt, kontrolliere ich mechanisch mein Telefon. Ein verpasster Anruf. Die Nummer ist mir unbekannt. Carlos? Schnell drücke ich auf die Rückruftaste. Eine weiche Frauenstimme meldet sich am anderen Ende der Leitung.
„Anwaltskanzlei Jung und Partner, mein Name ist Franziska Schubert. Wie kann ich ihnen helfen?“ Mein Herz macht einen kleinen Hüpfer. Carlos hat einen Weg gefunden, Kontakt mit mir aufzunehmen. Vor lauter Aufregung schaffe ich es kaum, ihr meinen Namen zu nennen. Sie übergeht mein Stottern einfach. „Frau Kramer. Wir hatten gehofft, dass sie sich bald melden. Wir haben von Herrn Carlos Ramirez den Auftrag erhalten, sie zu kontaktieren.“ Ein warmes Gefühl durchströmt mich. Carlos will, dass ich informiert werde.
„Ich weiß, dass sein Onkel getötet worden ist und das man Carlos letzte Nacht verhaftet hat. Können sie mir sagen, warum es die Polizei auf ihn abgesehen hat?“ Versuche ich, direkt zum Wesentlichen zu kommen.
Sie räuspert sich mehrmals, ehe sie zu einer Antwort ansetzt. „Die Abteilung für magische Angelegenheiten der Polizei hat die mutmaßliche Tatwaffe in einem Mülleimer vor Herrn Ramirez Haus gefunden. Das Messer wird noch untersucht.“ Die Situation muss sich für sie recht eindeutig darstellen. Ich frage mich, ob sie sich selbst als die Überbringerin der Hiobsbotschaft sieht.
„Kann ich ihn sehen?“ Ich kenne die Antwort, ehe sie es ausspricht. Doch die Hoffnung stirbt nun einmal zuletzt.
„Es tut mir leid, das wird nicht möglich sein. Sofern Herr Ramirez uns keine gegenteiligen Anweisungen erteilt, werde ich sie kontaktieren, wenn neue Erkenntnisse vorliegen.“ Sie scheint ihre Aufgabe als erledigt anzusehen. Entsprechend knapp fällt die Verabschiedung aus. Ich lasse das Gespräch noch einmal Revue passieren. Sie schien zumindest nicht sicher zu sein, ob der Mandant ihres Chefs die Wahrheit sagt. Wenn ich Carlos helfen will, muss ich von seiner Unschuld ausgehen. Doch was ist, wenn sich herausstellt, dass er es getan hat?
Resolut schiebe ich den Gedanken beiseite. Ein Freund braucht Hilfe und ich werde alles versuchen, um ihm diese zukommen zu lassen. Kurzentschlossen marschiere ich zurück in das Büro. Ich habe etwas, dass einem Plan nahe kommt.
Keine zehn Minuten später steige ich mit einer Wünschelrute und Pfefferspray bewaffnet in den Bus.
Als ich dieses Mal vor Carlos Haustür stehe, ist weder ein Wagen in Sicht, noch liegt auch nur der leiseste Anflug von Zimt in der Luft. Trotzdem blicke ich mich verstohlen um. Ich weiß nicht, wie aufgeschlossen die Nachbarn gegenüber magischen Vorgängen vor ihrer Haustüre sind. Immer wieder liest man in der Zeitung von tätlichen Angriffen im Zusammenhang mit magischen Handlungen in Wohnsiedlungen. Als ich mich unbeobachtet fühle, beginne ich, mich auf die Flamme in mir zu konzentrieren. Es ist das erste Mal, dass ich versuche, einer magischen Spur zu folgen. Die aufsteigende Nervosität macht es mir schwer, die Kraft in mir fließen zu lassen. Als ich es endlich geschafft habe, versuche ich, die Wünschelrute möglichst ruhig zu halten, damit mein bewusster Geist die Ergebnisse nicht verfälscht. Einige Sekunden lang schwenkt die Holzspitze scheinbar unentschlossen umher, dann weist sie mir den Weg zur Straße. Ich versuche, nicht daran zu denken, welches Bild ich für die Passanten abgebe. Trotzdem fühle ich, wie Wärme an meinem Hals nach oben steigt. Ich bin froh, als die Rute mich nach wenigen Metern weg von der Straße in einen Hinterhof führt. Vor einer kleinen Ölpfütze senkt sie sich zu Boden. Trotz des Klumpens in meinem Bauch gehe ich in die Hocke, um zu prüfen, ob es wirklich nur Öl ist, dass hier vergossen wurde. Erleichtert stelle ich fest, dass die schmierige Flüssigkeit kein Grund zur Besorgnis darstellt. Beinahe muss ich über mich selber lachen.
„Kennen sie sich mit Ölspuren aus oder spielen sie nur einen Krimi nach?“ Die Tiefe Stimme, welche zwischen den Gebäuden widerhallt, erschreckt mich dermaßen, dass ich das Gleichgewicht verliere. Mit einer Hand stütze ich mich am Boden ab, um nicht auf der Nase zu landen und fasse zielgenau in die Ölspur. Fluchend springe ich auf die Füße und wirble zu dem Neuankömmling herum. Ich muss die Hand zur Faust ballen, um mich davon abzuhalten, sie an der Hose abzuwischen.
„Scheiße! Wieso schleichen sie sich an mich heran?“ Er lacht, ohne sich vom Fleck zu rühren. Ich bin froh darum. Mit der Sonnenbrille und der schweren Lederjacke könnte er glatt als Mafiaschläger durchgehen. Die breiten Schultern würden jedenfalls prima dazu passen. Meine Hand findet automatisch den Weg in meine Jackentasche. Fest umschließen die Finger den Pfefferspray. Vorsichtshalber ziehe ich die kleine Dose halb heraus. Was auch immer kommen mag, ich bin bereit, mein Freund. Trotzdem fahre ich erschrocken zusammen, als er den Arm in meine Richtung ausstreckt. Seine rechte Augenbraue hebt sich in einer flüssigen Bewegung an. Erst als er anfängt zu grinsen, sehe ich zu seiner Hand. Er hält mir ein Taschentuch entgegen. Es kostet mich Überwindung, die drei Meter auf ihn zuzugehen und danach zu greifen. Obwohl heller Tag ist und die Straßen belebt sind, versuche ich, nur so nah wie nötig an ihn heranzutreten. Seine Mundwinkel zucken erneut, aber er bleibt still, als ich das Taschentuch mit einem kleinlauten „Danke“ entgegennehme um mir das Öl abzuwischen.
„Darf ich erfahren, wer sie sind?“, fragt er mit einem halben Lächeln, welches sich nicht in seiner Stimme widerspiegelt. Ich mache vorsichtshalber einen Schritt zurück, ehe ich so selbstsicher antworte, wie es mir im Dunstkreis dieses Mannes möglich ist.
„Die Frage gebe ich zurück.“ Seie Mundwinkel sacken herunter und ich muss mich beherrschen, nicht weiter zurückzuweichen.
„Mein Name ist Raphael Balera. Ich leite die Abteilung für magische Angelegenheiten. Darf ich jetzt wissen, wer sie sind?“ Während er spricht, zieht er einen Ausweis aus der Tasche. Er hält ihn mir, abermals an der ausgestreckten Hand, hin. Ich werfe einen kurzen Blick darauf. Unauffällig schiebe ich den Pfefferspray wieder zurück. Ein Polizist also. Na schön, da ist er beim mir genau richtig.
„Mein Name ist Laura Kramer und ich wollte sehen, wohin der Täter verschwunden ist, nachdem er Carlos das Messer in den Garten geworfen hat.“ Ich erwarte eine Rechtfertigung. Immerhin habe ich ihm gerade vor die Füße geschleudert, dass er den falschen verhaftet hat. Doch weder der harte Zug um seinen Mund noch die straffe Körperhaltung verändern sich. Ich würde gerne die Augen hinter den dunkeln Gläsern sehen, doch diesen Gefallen tut er mir nicht.
„Private Interessen also. Sie können ihren Exkurs in die Ermittlungsarbeit hier abbrechen. Ich bin der Spur bereits letzte Nacht gefolgt.“ Sein gleichgültiger Tonfall macht mich kurz sprachlos. Ich fühle mich wie ein Kind, dessen Spiel nun für beendet erklärt wird.
„Die eindeutig von Carlos Haus wegführende magische Spur hat sie aber dann doch nicht dazu veranlasst, mit der Festnahme zu warten?“ Es ärgert mich, dass meine Stimme zum Schluss unangenehm nach oben schnellt. Ich klinge nun wirklich wie ein trotziges Kind. Er scheint es leider auch bemerkt zu haben, seine Mundwinkel zucken verräterisch.
„Die Polizeiarbeit funktioniert nicht ganz so eindimensional, wie es im Fernsehen dargestellt wird. Sie dürfen annehmen, dass wir mehreren Spuren gleichzeitig folgen. Helfen ihrem Freund, indem sie uns unsere Arbeit machen lassen, und sich nicht weiter einmischen.“
Ich versuche, die aufsteigende Wut zu unterdrücken. Testosteronbomben wie das Exemplar vor mir, freuen sich doch, wenn das kleine Weibchen sich wie eine Xanthippe benimmt. Das stützt nur ihre Annahme, dass wir überspannte Zicken sind. Ich atme durch, ehe ich ein ebenso breites wie falsches Lächeln aufsetze.
„Danke für die Belehrung und das Taschentuch. Ich wünsche ihnen gute Ermittlungen.“ Mit einem letzten Nicken verlasse ich den Hinterhof in Richtung der Bushaltestelle. Während Ich so hoheitsvoll wie möglich an ihm vorbei schreite, versuche ich mir das flaue Gefühl, welches mich in seiner Nähe überkommt, nicht anmerken zu lassen. Unauffällig linse ich ihn aus dem Augenwinkel heraus an. Es lohnt sich. Seine verdutzte Miene stimmt mich ein klein wenig fröhlicher.
Im Bus überlege ich, was nun zu tun ist. Ursprünglich wollte ich mich nur vergewissern, dass Carlos das Messer nicht selber in dem Mülleimer entsorgt hat. Aber die Begegnung mit Sheriff Muskelberg hat mich nachdenklich gestimmt. Was, wenn sie keine Zuschauer wollen, damit sie den Fall schnell zum Abschluss bringen können? Ich beschließe, Nachforschungen über diese magische Loge, in der Carlos Onkel Mitglied war, anzustellen. Vielleicht bekomme ich von diesen Leuten Unterstützung.
Als ich die Wünschelrute in die Schublade zurücklege, sieht mich die Held fragend an.
Ich erzähle ihr von dem Telefongespräch und meinem kleinen Ausflug. Den Polizisten lasse ich weg. Ich bin mir nicht sicher, ob sie in dieser Sache auf meiner Seite wäre. Ihre Antwort besteht in einem unbestimmten Grunzlaut.
Den Rest des Tages verbringen wir damit, eine Wohnung in der Altstadt zu reinigen. Durch die ständig wachsende Konkurrenz werden wir gezwungen, auch private Aufträge anzunehmen.
Der Vormieter der Wohnung hat augenscheinlich fleißig Magie betrieben, obwohl es ihm laut Mietvertrag verboten war. Die Einen Kiffen ihre Bude voll, die Anderen belegen ihren Chef mit einem Fluch. Irgendwas ist immer.
Der Vorteil des heutigen Auftrages ist, dass die Arbeit mich ablenkt. Immerhin sitzt mein vielleicht bald Liebhaber im Gefängnis. Es ist nicht sicher, ob die Polizei ihn als schnellen Erfolg verbucht und ich habe keinen blassen Dunst, wie ich ihm helfen kann. Wie gesagt: Eine Wohnung voller herumfliegender Magiefetzen ist doch gar nicht so übel.
Abends lehne ich das Angebot der Held ab, mich nach Hause zu fahren. Nach all der Ablenkung bin ich bereit, mich dem Problem zu widmen. Während die kühle Herbstluft meine Lungen füllt, frage ich mich, ob der Fremde im Wagen heute Morgen dieser Polizist war. Hat er das Haus beobachtet oder kam er gerade aus dem Hinterhof? Es könnte auch ein unbeteiligter Passant oder der Mörder gewesen sein. Obwohl, was hätte der dort suchen sollen? Hat er in der Nacht etwas verloren, dass ihn hätte identifizieren können? In diesem Fall dürfte er es mittlerweile geholt haben.
Ich schüttle den Kopf über mich. Diese Gedanken führen ins Nichts. Wenn ich den ernsthaften Versuch starten will, Carlos zu helfen, muss ich einen Plan ausarbeiten. Der erste Punkt auf meiner Liste ist die Internetrecherche über diese Loge. Dann muss ich versuchen, mit einem der Logenbrüder zu sprechen. Siedend heiß fällt mir ein, dass ich noch nicht einmal den Namen des Verstorbenen weiß. Ein Gefühl der Scham überkommt mich. Es ist ein Mensch gestorben. Ein Mensch mit Hoffnungen, Träume und einen Namen. Ein neuer erster Punkt auf der to do Liste ist gefunden.
