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Marianne und Christian fühlen sich füreinander bestimmt. Dennoch entscheidet sie sich für einen anderen, mit dem sie ihr Bedürfnis nach Leidenschaft ausleben und dem Elternhaus entfliehen kann. Dessen Anspruchslosigkeit enttäuscht sie allerdings, und seine drogenbedingte Abwesenheit, als sie ihn unbedingt braucht, zerstört ihre Hoffnung auf Zweisamkeit. Aus Angst wählt sie fortan vermeintlich sichere Partner. Nachdem er sie verloren hat, findet Christian Zuflucht in einer Beziehung, deren Wert er erst erkennt, als sie nicht mehr zu retten ist. Folgende Affären bescheren ihm temporäre Erleichterung. Als er die große Liebe gefunden zu haben glaubt und abermals scheitert, verliert er Zuversicht und Halt. Zum Ende des Studiums genügt ein Anruf für ein Wiedersehen. Schnell kommen sie sich nah, bis er eine Diskussion um ihr Aidsrisiko anzettelt. Darüber empört entlarvt sie den Grund seiner Neugierde. Nach Jahren treffen sie erneut aufeinander. Im Liebestaumel stürzt sie ihre Umgebung ins Chaos. Er dagegen versucht zu vermeiden, dass sich seine Welt in einen Scherbenhaufen verwandelt. * Der Roman startet Anfang der 1980er Jahre, kurz vor Mariannes und Christians Abitur. Beide stammen aus typisch deutschen, noch kinderreichen Familien. Ihre von der Nachkriegszeit geprägten Eltern machten erhebliche Abstriche bei der Partnerwahl. Der Lebensinhalt der Väter ist die Arbeit. Die Mütter geben sich mit dem Anschein eines trauten Heims zufrieden. Beide können die Früchte der sexuellen Befreiung ernten und ihr Leben selbst bestimmen. Das nötige Handwerkszeug zur Bewältigung dieser Freiheit und das richtige Maß für die Auseinandersetzung mit Liebe und Partnerschaft gab ihnen allerdings niemand mit auf den Weg. Ihre Zeit an der Universität begleiten die Friedens-, Anti-Rüstungs- und Anti-AKW-Bewegungen, sowie der gesellschaftliche Druck zur Selbsterfahrung. Nach dem Berufseinstieg weichen ihre Ideale zunehmend materialistischen Interessen.
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Seitenzahl: 513
Veröffentlichungsjahr: 2015
Hubertus Schirfler
FREIE ZEIT
Impressum:
© 2014 Hubertus Schirfler
Umschlaggestaltung: © Hubertus Schirfler
Lektorat u. Satz: Angelika Fleckenstein; spotsrock.de
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN:
978-3-7323-0998-6 (Paperback)
978-3-7323-0999-3 (Hardcover)
978-3-7323-1000-5 (e-Book)
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Hubertus Schirfler
FREIE ZEIT
Gewidmet meinen Freunden Derek und Paul
INHALT
1 IN DER SCHULE
1.1 Dorfleben
1.2 Blues und Baggersee
1.3 Aniliner
1.4 Reifeprüfung
1.5 Im Weinberg
1.6 Rocknacht
2 IM STUDIUM
2.1 Aufwachen
2.2 Demonstrationen
2.3 Frauenverständnis
2.4 Spaziergang
2.5 Beziehungsgeflechte
2.6 Wohngemeinschaft
2.7 Aids
3 ENDLICH ERWACHSEN
3.1 Zufallstreffen
3.2 Spannung
3.3 Betrug
3.4 Umtriebe
3.5 Feigheit
3.6 Aussprachen
Hauptpersonen:
Marianne Schneider und Christian Schuster: die Hauptakteure, um die sich alles dreht
Erich und Gisela Schneider: Mariannes Eltern
Frau Mathiesen: Herr Schneiders attraktive Abteilungssekretärin
Herbert (‚Herbie‘): Mariannes Bruder Clara: Mariannes beste Freundin
Karl Heinz (‚Kalle‘): Claras Freund und Richies ehemaliger Kumpel
Richie Matzer: Mariannes erster fester Freund, Schichtarbeiter, aus der Rockerszene
Robert (‚Robbie‘): Mariannes zeitweiliger Freund
Helmut: Mariannes Partner, flippiger Informatikstudent
Gerd: Mariannes Ehemann, Architekt
Heinz und Lisa Schuster: Christians Eltern
Winzerin des Weinguts Fischer: bei ihr arbeitet Christian in den Herbstferien
Sarah: Christians erste feste Freundin, danach mit Robert zusammen
Gerlinde (‚Gerlie‘): Mitbewohnerin in Christians Wohngemeinschaft, hoffnungslos verliebt
Antje: angehende Pianistin, lässt sich auf eine heftige Wochenendliebeschaft mit Christian ein
Mechthild Breuer: Christians Gattin, Hausfrau
1 IN DER SCHULE
1.1 Dorfleben
‚Nicht zum Aushalten, lang mach ich das nicht mehr mit!‘ Der regnerische Frühsommertag im heimatlichen Dorf ödet Marianne an. Gelangweilt schaut sie aus dem Zimmerfenster in die Gärten der Nachbarn, und findet keine Antwort auf die Frage, wie sie dem Gefühl des sinnlosen Zeitvergehens entfliehen soll. Sie wirft sich auf die Matratze. ‚Die ganze Family bei der Oma, zwei schulfreie Tage, und was passiert? Nichts. Überhaupt nichts. Keiner hat Zeit zu irgendwas. Kein Freund verfügbar. Statt ne Fete zu organisiern, hauen alle ab. Den Samstag hab ich vertrödelt, und heut sieht‘s nicht besser aus. Nicht mal Clara will was von mir seit ihrem neuen Macker.‘
Aus ihrem Ort Großniedesheim wegzukommen ist am Wochenende fast unmöglich. Busse fahren nur im Stundenabstand und die letzte Rückfahrt aus Frankenthal, gegen 21 Uhr, stellt für ein abendliches Ausgehen schlichtweg keine Alternative dar. Alleine losradeln ist für sie nachts zu gefährlich, von den zehn Kilometern Distanz einmal abgesehen.
‚Schon wieder dieses Kirchenglockengebimmel!‘ Jetzt, sonntags nach dem zweiten Kirchgeläut, verlassen die Dorfbewohner die Kirche und gehen nach Hause, wo sie ein warmes Mittagessen erwartet, oder sie ziehen hinüber zum Sportplatz am Ortsrand, um unter dem Vorwand, der mäßigen lokalen Fußballmannschaft beizustehen, einen Schoppen zu heben. Keine Aussichten, die sie reizen könnten, ihr Haus zu verlassen.
‚Ich muss was tun, sonst flipp ich aus!‘ Durch das gekippte Fenster dringt süßlicher Bratenduft, der sie hochschnellen und das Fenster missmutig zuschlagen lässt. Sie beschließt, die Schallplatte aufzulegen, die am vorigen Abend neben dem Plattenteller liegen blieb, hebt den Tonabnehmer an, um ihn gefühlvoll nach außen zu drücken, bis ein Klicken zu vernehmen ist, dem eine langsame, konstante Kreisbewegung folgt. Die Nadel führt sie vorsichtig zur Rille. Sie lauscht dem Knistern, atmet erleichtert auf, als schräge Töne einsetzen und irgendwann Jimmy Hendrix eine Antwort fordert: „Who knows?“ Die du du dudu dada dadaa da, die du du dudu dada dadaa da. Ein Räucherstäbchen hilft, den Sonntagsbratengeruch der Nachbarin zu vertreiben.
Sie klemmt eine Decke hinter den Rücken, um sich bequem gegen die Wand zu lehnen. Die schrillen Akkorde halten sie nicht davon ab, zu Hermann Hesses Taschenbuch zu greifen, das ihr Kalle vor einer Woche überließ, nachdem auch Clara es gelesen hatte. Der Titel versprach nichts Gutes, und zuvor hatte sie eigentlich beschlossen, von diesem Gemütsverderber nichts mehr freiwillig oder außerhalb des Deutschunterrichts zu lesen. Dennoch versinkt sie in die Lektüre, nimmt nicht einmal mehr wahr, dass die Musik irgendwann endet und das Aroma des Räucherstäbchens verfliegt. Stunden vergehen bis zur Unterbrechung durch die Haustürklingel.
Obwohl sie nun lieber weiterlesen würde, schlurft sie hinaus und über den Flur, fühlt einen leichten Schwindel wegen des allzu zügigen Aufstehens und öffnet das Fenster des zweiten Stockwerks. Ihre Neugier bezüglich des Störenfrieds endet allerdings abrupt, sobald sie sein grünes, blank geputztes und ordentlich abgestelltes Peugeot-Mofa auf der anderen Seite der Hofeinfahrt sieht. Das hat mir grade noch gefehlt! Sie beugt sich nach vorn, ringt sich ein Grinsen ab, weil sie nicht unhöflich sein mag, und ruft grußlos hinunter:
„Hi, Christian. Herbie ist nicht da; sind alle ausgeflogen!“
Er scheint nicht zu verstehen, oder es fällt ihm nichts Passendes ein. Jedenfalls rafft er sich erst nach endlosen Sekunden auf, etwas von sich zu geben.
„Verdammter Nieselregen!“
Sein erneutes Schweigen verunsichert sie. Er ist weit gefahren und das Wetter wirklich nicht das beste.
„Na gut, ich mach auf.“
*
Er sieht sie hinter den Glasbausteinen die Treppe herunter kommen und würde am liebsten losheulen. Nur die Angst, ihr dann eine Erklärung zu schulden, hält ihn davon ab. Sich vor einem Mädchen lächerlich zu machen, das um ein Jahr älter ist, wäre schrecklich peinlich, weit schlimmer noch als ein abwertender Kommentar seiner Freunde.
Keine Tränen und die Zähne zusammenbeißen, ermutigt er sich. Vielleicht ist es besser, dass außer ihr niemand daheim ist. Dass Herbie ihm tatsächlich helfen könnte, glaubte er ohnehin nicht recht. Schließlich waren die Verabredungen mit ihm in letzter Zeit nicht unbedingt erfreulich gewesen und ihre früher ausgezeichnete Freundschaft ging nach und nach buchstäblich vor die Hunde. Seit Monaten spielen sich insbesondere in Gruppen immer dieselben Szenen ab: nach lustlosem Geplapper und für ihn ohne jede Notwendigkeit packt ein Anwesender Plättchen und Tabak aus, um einen Joint zu drehen, und er, eingemachter Nichtraucher, lässt die Selbstgedrehten an sich vorbeiziehen, um sich nicht mit Hustenanfällen zu blamieren. Als sportorientierter Jugendlicher hat er schließlich keinerlei Interesse, sich an den beißenden Geschmack im Mund zu gewöhnen oder gar lästige Fragen seines Schwimmtrainers zu riskieren, wenn er plötzlich trotz stramm durchgezogener Trainingseinheiten wertvolle Sekunden auf der Hundertmeterbahn verliert. Später dann, mitten im vom Qualm verhangenen Zimmer, kreisen Sprüche und Parolen, die zwangsläufig in ein ihm leidiges Kichern münden, das er dennoch mit einem hohlen Grinsen begleitet. Er kommt sich beim Kiffen absolut überflüssig vor. Es ist nicht witzig zu erfahren, wie die Kumpels, denen er bis vor einem halben Jahr noch einen zumindest einigermaßen normalen Intelligenzquotienten zugesprochen hätte, grundlos und Hennen gleich vor sich hin gackern.
„Hi.“
Als sie die Haustür öffnet, erinnert er sich gerade an eines dieser frustrierenden Treffen, zuckt erschrocken zusammen und blickt hilflos in ihre tiefgrünen Augen.
„Marianne. Danke, dass du aufmachst.“
Eine zickige Windböe streift um die Hausecke, zieht an ihr vorbei in den Flur hinein, hebt ihr dunkelblondes, welliges Haar von den Schultern und legt ihre breite Stirn frei, die einen leisen Eindruck von Dickschädeligkeit erzeugt, im krassen Kontrast zu ihrer etwas rundlichen Nase, den weichen Wangen und blutroten Lippen.
„Huch, wie‘s bläst.“
Durcheinander und auf sich selbst konzentriert nimmt er ihre wohlgeformten Brüste unter dem kurzen, engen T-Shirt und die sinnlichen Kurven ihrer Hüften, die einen erwachsenen Mann in derselben Situation wahrscheinlich aufwallen und zu unüberlegtem Handeln verführen könnten, überhaupt nicht wahr. Nur ihre Augen zählen, ruhigen Polen gleich, und es sprudelt aus ihm heraus, was nicht länger verschwiegen werden kann:
„Ich bin durchgebrannt.“
Neugierig mustert sie ihn. Sie hätte ihm, dem ordentlich braven und korrekten Jungen etwas Derartiges nicht zugetraut. Noch bevor sein etwas desolates Auftreten ernsthaft Zuneigung oder Mitleid erweckt, wird sie sich allerdings eines Magenknurrens bewusst.
„Ach! – Haste auch Hunger? - Komm schon rein!“
Er nickt, schließt geflissentlich die Tür, legt seine verschlissene, gebraucht gekaufte Motorradjacke mitsamt Helm in die Garderobe und folgt ihr in die Küche. Während er zusieht, wie sie einen heißen Milchkaffee zubereitet, schlägt sie vor, den Tisch im Essplatz zu decken. Ihm ist es gleich, dass sie damit weiterhin ein Gespräch hinsichtlich seiner überaus handfesten Nachricht vermeidet. Er setzt sich in Bewegung, sucht Teller, Tassen, Besteck und Platzdeckchen zusammen, bis sie seine und ihre Tasse füllt, liebevoll mit einem Teelöffel Schaum krönt und endlich direkt neben ihm auf einem Stuhl landet. Bei Vollkornbrot, Butter, Honig und kräftigem Käse tauschen sie dann Banalitäten aus, und seine Anspannung hat sich deutlich verringert, als sie bei der dritten und letzten Schnitte angelangen. Ein paar Brotkrumen bleiben auf ihrem Teller zurück, die sie auf ihre flach ausgebreitete Hand schüttet und flink in den Mund schiebt, von einem Schmatzen und genüsslichem Abschlecken der Handfläche begleitet. Seinen etwas abschätzenden Blick beantwortet sie mit einem forschen Lächeln und wartet dann ab, wie und ob er reagieren wird, wenn er eine Weile ganz auf sich selbst gestellt ist.
„Darf ich was Klavier spielen?“
„Du weißt, wo‘s steht.“
„Soll ich dir helfen ‘n Tisch abdecken?“
„Lass nur! Nicht nötig.“
Trotzdem sucht er einen Teil des Geschirrs zusammen und stellt es in die Küche, bevor er hinüber ins Wohnzimmer trottet, in dem ein gut gestimmtes, stattliches Klavier steht, das er weit mehr als sein eigenes schätzt.
In ihren säuberlich aufgestapelten Noten ist seine derzeitige Lieblingsmusik, der dritte Teil eines Impromptus Schuberts, schnell gefunden. Schon verheddert er sich in dessen Takten, rangelt sich grantig vorwärts, gibt sich dennoch nicht sofort geschlagen. Der Einstieg missglückte jedoch. Er muss neu beginnen. Wieder nichts. Wer hätte gedacht, dass es derart schwierig wird sich zu konzentrieren. Dass er sich vor weniger als zwei Stunden ausgerechnet wegen des Klavierspielens mit seinem Vater stritt, lenkt ihn ab. Stille breitet sich aus. Irgendwo muss sie jetzt denken, dass etwas mit ihm nicht stimmt.
Er rekapituliert, dass ihn sein Alter wie oft zuvor unterbrach, weil er Hilfe für irgendeine Handwerksangelegenheit brauchte. Als braver Sohn hatte er dazu nie nein gesagt, doch dieses Mal lief das Fass über.
„Kannst du nicht warten?“, entgegnete er trocken und seine unglaubliche Antwort bedrohte die bisher unangetastete Autorität des Familienoberhaupts.
Trotzdem war kaum vorauszuahnen gewesen, dass seinem an sich verständlichen Wunsch, fortzufahren, eine derartig heftige Reaktion folgen würde.
„Wenn d‘ nedd gleisch riwwer kummscht, konnscht gleisch doi Sache packe.“
Er wusste, dass es nichts zu diskutieren gab, ordnete seine Noten, verzweifelt über die ständigen Niederlagen des Alltags und weil es für seine Wünsche wie immer keinerlei Raum gab, stand auf, wie um zu gehorchen und griff in der Garderobe zu seinen Klamotten. Die Drohungen seines schreienden Vaters wurden draußen und mit wachsendem Abstand leiser.
„Loss disch bloß nimmer blicke. Dir zeig ischs, wenn d‘ widder heem kummscht“, tönte es über die Terrasse bis hinüber zum Schuppen, wo er sein Mofa antrat.
Er seufzt auf, setzt zum dritten Versuch an, der wider Erwarten gelingt, startet mit dem richtigen Anschlag, flüssig und mit angemessener Geschwindigkeit. Die Noten ziehen an ihm vorbei, seine Ratlosigkeit schlägt in tiefe Trauer um, und die melancholische Melodie, gefühlvoll vorgetragen, drückt seinen Gemütszustand besser aus als jegliches Wort.
*
Hätte er nicht wiederholt gestoppt, wäre ihr das Klagen in seinem Spiel womöglich entgangen. Auf leisen Sohlen schleicht sie sich zum Wohnzimmer, bleibt im Türrahmen stehen, träumt mit ihm, schenkt ihm mit ihrem Bleiben ein gehöriges Maß an Anerkennung. Er wird nervös darüber, kämpft um seine Konzentration.
‚Eigenartig, dass mich sein Geklimper so anzieht. Wie gelingt es ihm, so was derart perfekt einzustudiern? Was für ne Kraft sich hinter seinem verschlossenen Charakter versteckt! Er ist anders, gefällt mir. - Wie er sich wohl anfühlt?‘
Erst als an schwierigen Stellen ein paar hasplige Fehler die Melodie eintrüben, gewinnen praktische Aspekte an Bedeutung. ‚Schade, dass er in der zwölften ist. Mit nem Typen von ner Klasse drunter was anzetteln, das würd keiner kapiern. Man checkt meilenweit, dass er grün hinter den Ohren ist. Schon bei nem Blick in die Augen kriegt er das Muffensausen. Was für ‘n Glück die Clara hat, ‘n duften Kerl gefunden zu haben, der seine eigene Knete verdient, mit nem Super-Motorrad obendrein. Dagegen er, mit Mofa!‘
Er ahnt, dass sie den Kontakt zu ihm verloren hat, und hält augenblicklich inne.
„Wenn du bloß zum Kontrollieren und Fehlersuchen gekommen bist, spiel ich nicht weiter.“
Es hilft wenig, dass er seine Schroffheit bereut, noch bevor er den Satz beendet.
„Dann spiel halt allein“, entgegnet sie schlagfertig und stapft davon.
‚Ich mach alles falsch! Wie kann ich nur so doof sein? Ausgerechnet bei ihr.‘ Er verkneift sich die Tränen, die hartnäckig und ebenso vergeblich ihre Rechte fordern, rappelt sich mühsam zu einem weiteren Start auf, diesmal mit Chopin-Etüden, die ausgezeichnet zu seiner dramatischen Selbstkritik passen und auf Anhieb gelingen. Die Musik ist seine Rettung.
Er driftet davon, liefert sich aus, denkt dabei an sie, die wahrscheinlich nicht auf einen wie ihn steht und bestimmt schon mit mehreren Jungs zusammen war. Denn ihre Augen schweifen kein bisschen ab, wenn er sich traut, sie zu fixieren, oder sich ausmalt, von ihr in die Kunst des Liebens eingeführt zu werden. Die Gestalt der süßen, hübschen Susi vom Strandbad taucht auf in seiner Phantasie, seine Geheimfavoritin, die nichts von ihrem Glück weiß, schon zwei Sommer lang. Mit ihr wäre es himmlisch, zu schmusen, auch für sie würde es nach seiner Einschätzung das erste Mal sein. – Seine Freunde rätseln genauso wie er permanent übers „miteinander schlafen“, haben größtenteils nie etwas Ernsthaftes mit einem Mädchen gehabt; außer zwei, die dafür bezahlen mussten, und diejenigen, die übers Kiffen zum Zuge kamen. Auch er würde es gerne einmal einem Mädchen geben, so richtig, verwegen, mit Zustoßen und so. Cool, damit sie weiß, wo‘s lang geht, wenn sie sich auf jemanden wie ihn einlässt, und vielleicht würde er sie danach links liegen lassen. – Der schnuckeligen Susi folgt die Erinnerung an den ehemaligen Klassenkamerad, der unverhofft krank wurde und starb; eigenartig, dass er aus seinem Leben verschwand, nie mehr verfügbar sein wird, um Witze zu reißen oder allen möglichen Unsinn anzustellen. Dann erinnert er sich an seinen tattrigen Klavierlehrer, immer mit den gleichen Witzen und leeren Kriegsgegnerfloskeln gewappnet, von wegen seiner durch Feldzüge verhinderten Karriere; dessen Frau erteilt auch ihm gelegentlich Unterricht, wenn er krank oder sonstwie verhindert ist, jedoch viel zu streng und mechanisch, weshalb ihm die Lust an den Klassen vergeht. Seine Cousine verschloss bei einem kürzlichen Besuch wahrscheinlich aus Absicht nicht die Tür zum Bad, um ihm ihre im Badewasser schwimmenden, dicken Titten und ihre leicht behaarte Scham zu offenbaren, als er, nichts ahnend, zum Pinkeln ins Bad platzte, nachdem ihre Eltern ausgegangen und sie wortlos verschwunden war. – Jäh endete sein Verlieben während eines Schulausfluges nach Straßburg, bei dem er sein erstes Mädchen küsste und im dortigen Stadtpark bis hin zur Gürtellinie erforschte. – Seine Mutter erpresst ihn, verlangt ihm aus Faulheit alle möglichen Erledigungen ab. Sein Alter rackert sich für die Familie ab, meint, dass die Welt ausschließlich aus Geld besteht. Noch am vergangenen Wochenende war ihnen gemeinsam die Reparatur seines Mofamotors gelungen, deren Schwierigkeit er deutlich unterschätzt hatte. – Weshalb hatte sein egozentrischer, lispelnder Deutschlehrer, mit dem ihn eine Art Hassliebe verband, kürzlich sein bis dahin unantastbares Junggesellenleben und Unabhängigkeit aufgegeben?
Die schnellen Läufe seiner letzten Etüde verklingen. Mann, war ich weggetreten!, denkt er. Leise schließt er den Klavierdeckel und tritt in den Flur, vermutet, dass sie nach oben in ihr Zimmer verschwunden ist, wahrscheinlich immer noch vergrämt, und das mit Recht. Jetzt einfach von der Bildfläche abzutreten wäre unhöflich. Er muss ihr zumindest danken, dass sie ihn nicht abwies oder fort schickte.
Langsam, Stufe für Stufe, geht er hinauf. Je weiter er sich hinauf wagt, desto unsicherer wird er.
*
Sie war mehr über sich selbst als über ihn verärgert, nachdem sie hinauf gegangen war. Saublöde Anmache! So was passiert mir nicht nochmal. – Aber was hab ich andres erwartet? Er ist ‘n Freund Herbies, ‘n Kiddie eben, mit Mofa und so, fährt es ihr durch den Sinn. Danach schnaubte sie ein trotziges „Vergiss es!“ und versuchte, sich der unterbrochenen Lektüre zu widmen. Doch seine Melodien entwickelten sich zu sorgsam und gefühlvoll, als dass sie ihn mit solchen Schlussfolgerungen vergessen konnte. Seine Musik trug sie weg, hüllte sie in einen seichten Nebelschleier, trotz gelegentlicher Fehler, die ihr geübtes Gehör ohne jegliche Anstrengung identifizierten. Sie lauschte, alle Viere von sich gestreckt, teilte alsbald seine Sehnsucht nach Verständnis, wünschte sich aus einem urmütterlichen Gefühl heraus, ihm mitzuteilen, dass seine Resignation übertrieben sei und es viel Schönes auf der Welt zu entdecken gäbe.
Ich würd dir Geborgenheit schenken, wenn du nicht so störrisch wärst. Verrückt bin ich, dazu bereit zu sein!, sagt sie sich in Gedanken. Verwirrt räumt sie sich ein, dass er eine gewisse Macht über sie ausübt und ihr das Ende des letzten Musikstücks etwas Liebgewonnenes nimmt.
Wie aus dem Nichts tritt er zu ihr. Seine Anwesenheit reicht anfangs kaum aus, sie in die Wirklichkeit zu befördern. In Trance bemerkt sie, dass er alsbald neben ihr sitzt, in sich versunken wie sie selbst.
Sie legt ihre Hand auf seinen Rücken, streicht langsam auf und ab, bis hinauf zu seinem Nacken. Später und ihm zugewandt fasst sie hinein in sein weiches Haar, ahnt aufgrund seiner Reglosigkeit, dass ihre feinen, sanften Fingerbewegungen ihm den Verstand rauben, er nicht gewohnt ist, angefasst oder verwöhnt zu werden, glaubt, die Situation zu dominieren oder zumindest außer Gefahr zu sein. Aber urplötzlich binden sie seine Augen, und sie fühlt sich entblößt, geradezu nackt. Ein heftiges Kribbeln durchströmt ihren Körper, sie fragt sich, ob und wie lange sie standhalten kann, ohne sich ihm schenken zu wollen. Ihre Hand liegt schwer auf seinen Nackenmuskeln. Sie zieht ihn zu sich. Um nicht zu verbrennen. Glück breitet sich in ihr aus, als sie sich gegenseitig mit den Lippen elektrisieren. Ihre Zunge dringt tief in seinen Mund, bis er taumelig erwidert. Sie will ihn, begehrt ihn, fällt über ihn her, bestätigt sich, dass es mit ihm atemberaubender wäre als bei den bisherigen, kurzen Affären, die allesamt auf Feten starteten und nicht lange anhielten.
Allesamt waren die Jungs älter als sie gewesen, hatten nach eigenen Angaben bereits Erfahrung mit anderen Frauen gemacht und wussten glücklicherweise, wie es anzustellen war, sie zu erobern. Das gab ihr Sicherheit und war einer unangenehmen Überraschung mit Anfängern zweifellos vorzuziehen. Bis zum Akt waren sie nett und überaus aufmerksam mit ihr umgegangen. Den Ersten hatte sie zuvor seit Monaten beobachtet und aus Verhütungsgründen kurz nach der Regel programmiert; er verrichtete seine Arbeit nach ihrer Aufforderung in einem Zuge, was weniger wehtat als erwartet. Bei den folgenden drei Verflossenen, mit Antibabypille gewappnet, bemerkte sie dann, dass sie sich wohl selbst auf die Suche nach Entdeckung begeben musste, wenn sie dem Gefühl entgehen wollte, nur zur Befriedigung missbraucht zu werden. Ruppige Bewegungen und Loszappeln wollten die Typen, ohne im entscheidenden Augenblick auch nur einen einzigen Gedanken an sie zu verschwenden. Danach gab es als Belohnung ein Küsschen oder Streicheleinheiten, wie für einen Schoßhund. Anschließend wurde sie zügig zu Hause abgesetzt, obwohl reichlich Zeit zur Verfügung stand und keine Eile geboten war. Für Mädchenträume war da kein Platz, und sie konnte sich nicht vorstellen, ein solch langweiliges Treiben mit ein und demselben Kerl jemals zu wiederholen.
Heute, mit ihm, meldet sich jedoch eine natürliche Lust. Sie zerrt an seinem T-Shirt, würde am liebsten ihre Kleider von sich reißen, seinen Kopf auf ihre Brüste legen, sich in seinem betörenden Schweiß baden. Sie braucht ihn, führt ungeduldig und überwältigt vor Begehren seine Hand unter ihre Wäsche. Der Hautkontakt löst eine ihr bis dahin unbekannte Hitze aus, ihr nach Erfüllung suchendes Becken weitet sich, als sich ein tiefes Stöhnen in seinem Ohr entlädt.
Tausend Gedanken schießen ihm durch den Kopf. Vor allem, dass er sich am Morgen hätte duschen sollen oder rechtzeitig verduften muss, um sich nicht lächerlich zu machen. Seine Unsicherheit verstärkt sich, je weniger Zeit sie ihm zum Überlegen zugesteht. Er hätte es gerne beim Küssen belassen, hätte eine wesentlich geringere Geschwindigkeit eingeschlagen, streichelt ihre Brust, nur, um ihr einen Gefallen zu tun, wundert sich, was man mit handwerklichem Geschick bewirken kann. Dass sie ihn mit kläglichen Lauten beschenkt, ist an der Grenze des Aushaltbaren, ihr zu allem bereites Becken eindeutig zu viel.
Ist sie derart leicht zu haben?, fragt er sich. Will sie mit ihm schlafen, ohne miteinander zu gehen? Erkundet sie aus Langeweile, wonach ihr der Sinn steht, um ihn danach über Bord zu werfen? Wohin mit seinem Pimmel, wenn sie sich ausgezogen haben? Was reden in Bezug auf Schwangerschaft?
Er darf sich nicht von ihr überrumpeln lassen.
„Willst du‘s dir nicht bequemer machen?“
„Nein, ist schon okay wie ich lieg.“
Er ist unehrlich zu ihr und schneidet eine trotzige Grimasse. Dass er seine Angst nicht eingesteht, lässt ihr kaum Handlungsspielraum. Sie versucht, ihn mit einladenden Küssen wieder für sich zu gewinnen.
„Lass mich!“
Er dreht sich abrupt auf den Rücken, verheddert in wirren Gedanken, fühlt sich gefangen und einsam zugleich. Jetzt hab ich‘s endgültig versaut, ärgert er sich. Sehnlichst wünscht er, dass sie den Weg findet, ihn zu öffnen, oder zumindest erneut mit ihren Liebkosungen beginnt.
Dir ist nicht zu helfen, denkt sie stattdessen, richtet sich auf und sucht nach einer neuen Platte, um der unerträglichen Spannung zu entrinnen, weit davon entfernt eine neue Frustration zu riskieren. Diese hier passt bestens, meint sie stumm, als ihr ihre ehemalige Lieblingsplatte mit den Chopin Preludes, interpretiert von einem ungarischen Pianisten, in die Hand fällt. Sie widmet sich fortan ausschließlich der Musik, vom ersten aufwallenden Beben bis zum letzten dramatischen Bass, gegen die Wand gelehnt, immerhin ihm zugewandt. Dass er für die gelungene Wahl dankbar ist, braucht sie nicht zu fragen. Reglos liegt er vor ihr, die Augen an die Decke geheftet, ohne ihr einen versöhnlichen Blick zu schenken. Mehr als eine halbe Stunde wagen weder sie noch er, die leidenschaftlichen Melodien zu unterbrechen.
Vergeblich wartet er auf ein ihm bekanntes, zusätzliches Preludes, das nicht Teil ihrer Aufnahme ist.
‚Die Situation bringt mich um. Ich muss weg von hier, schnell weg, will nichts mehr spürn.‘ Ein Gedanke legt ihm nahe, dass er weinen und ihr eine Gelegenheit geben sollte, auf ihn zuzugehen, doch er verwirft ihn aus Angst vor dem unkalkulierbaren Risiko der folgenden Antwort.
Sie fühlt sich zu Unrecht schuldig, verachtet plötzlich seine unüberwindliche Halsstarrigkeit, mag sein verschlossenes Gesicht nicht mehr widerspruchslos hinnehmen.
„Magst du gehn?“
Er nickt, und noch bevor sie sich über ihren nicht ganz ernst gemeinten Vorschlag und dessen Konsequenzen bewusst wird, verlässt er das Haus, wirft sein Mofa an, fährt geduckt davon. Während sie in ihrem Zimmer bleibt, Tränen freien Lauf gibt, von der Trauer überwältigt, nicht für sich gewinnen zu können, wonach sie am meisten verlangt.
Später erst nimmt sie sich vor, das Geschehene auf sich beruhen zu lassen. Sie möchte sich vor weiteren Enttäuschungen schützen, folgert richtig, dass er einen langen Weg vor sich haben wird, ehe er einer Frau gewachsen ist.
*
Montagmorgen, kurz nach sieben Uhr und absolut pünktlich, steht Clara an der Bushaltestelle und fragt sich, ob es ihre häufig verspätete Freundin schaffen wird, genau dann aufzutauchen, wenn der Bus gerade abfährt. Marianne besuchte bereits in der Grundschule dieselbe Klasse und ist trotz unterschiedlicher Kurse in der Oberstufe des Karolinengymnasiums ihre einzige Freundin aus Kinderzeiten geblieben. Am Vorabend, nach der Heimkehr aus Marburg, rief sie bei ihr an, um die gute Nachricht zu verkünden, dass sie mit ihrem Freund Kalle in einer Wohngemeinschaft eine Bleibe für den Studienbeginn im Oktober ausfindig machen konnte. Doch zu ihrer Überraschung lag Marianne bereits im Bett und war nach Auskunft ihrer Mutter nicht zu stören. Warum steht sie nicht auf, um mich zu grüßen?, dachte sie, und maß noch im selben Augenblick der Tatsache des frühen Schlafengehens eine besondere Bedeutung zu.
Sekunden bis zur Busankunft fehlen.
Sie befürchtet, dass die lange Freundschaft aufgrund ihrer Entscheidung für ein Politikwissenschaftsstudium an der Marburger Universität einen Bruch erleiden wird. Der sympathische Lehrer des Sozialkundeleistungskurses hatte dazu reichlich Werbung gemacht, was bei einer sozial und politisch interessierten Schülerin wie ihr auf fruchtbaren Boden fiel. Und ihre Überzeugung bezüglich des Wohnortwechsels war derart stark gewesen, dass sie seit Monaten Kontakte knüpfte und sich geflissentlich informierte. Demgegenüber konnte sich Marianne, einen Monat vor dem schriftlichen und zwei Monate vor dem mündlichen Abitur, eine Zukunft ohne Schule nicht vorstellen und hatte nicht die leiseste Idee, was sie danach mit sich anfangen sollte.
Marianne biegt um die Straßenecke. Ihre Gesichtszüge sind bald deutlich zu erkennen. Sie findet die Vorahnung des vorigen Abends bestätigt. ‚Ich hätt sie früher anrufen solln! Irgendwas stimmt nicht mit ihr.‘
„Da lass ich dich zwei Tag allein und schon bist du wieder verknallt. Wer ist‘s denn diesmal? – Behaupte bloß, dass hinter diesem Gesicht kein Kerl steckt!“
Marianne ärgert es, dass sie so leicht zu durchschauen ist.
„Könntest wenigstens nen guten Morgen wünschen.“
„Und? – Klar, ich hab recht!“
Clara grinst bis über beide Ohren, stolz auf ihre Treffsicherheit.
„Du bist schuld.“
„Wie das denn?“
„Abhaun und mich allein lassen.“
„Verknallt bis…!“
„Freu dich nicht zu früh! So was Ähnliches vielleicht, und mehr sag ich dir sowieso nicht. Es ist nur doof.“
Das Einsteigen in den Schulbus unterbricht die Unterhaltung. Clara zieht Marianne in eine der hintersten Reihen, um ungestört zu tuscheln. Bei der morgendlichen Busfahrt nach Frankenthal hatten Geheimnisse zwischen ihnen noch nie Bestand.
„Wer isses?“
„Keine Auskunft.“
„Der Charly?“
„Nee.“
„Ted?“
„Nee. Klappe zu, Affe tot! - Ich sag kein Wort mehr.“
„Der Ulli, oder dein Ex? - Ich geb nicht auf, bis ich‘s raushab.“
„Hör schon auf!“
„Der Klaus?“
„Du spinnst und kommst sowieso nie drauf. Lass es gut sein!“
„Ist er vom KG oder vom AEG?“
Er könnte tatsächlich von der Nachbarschule, dem Albert-Einstein-Gymnasium, sein.
„Mehr Info gibt‘s nicht.“
„In der Dreizehnten?“
„Jetzt antwort ich gar nichts mehr.“
„Nein! Einer aus der Zwölften? Da setzt‘s aus! Das glaub ich … - Der Christian! - Verlorn, ich hab dich überführt!“
„Der Christian? Wie kommst du denn da drauf?“
Clara schaut Marianne schmunzelnd an.
„Ist mein Geheimnis.“
„Sag schon!“
Mariannes Tonfall erweckt in ihr den Eindruck, dass sie vom scherzhaften Ton zu einem normalen Gespräch übergehen sollte.
„Vor ein, zwei Wochen – erinnerst du dich? – da war ich bei dir, und der Christian bei Herbie. Er fing an rumzuklimpern, und dir wurds plötzlich ganz anders bei seim Trauergedudels.“
„Du hast dich schon mal was besser ausgedrückt.“
„Du weißt genau, dass ich für diese Musik nichts über hab.“
„Schon gut.“
„Und? Was ging ab?“
„Nichts.“
„Nichts?“
„Fast nichts. Ich mein, er wollt nicht und …“
„Was denn?“
„Es ist einfach zu blöd … “
Mariannes Stimme bricht. Clara umarmt sie liebevoll und wartet, bis ihr leises Schluchzen endet. Dann ergreift sie erneut die Initiative.
„Magst du mehr erzähln?“
„Frag nicht so dumm!“
*
„Ich find den Christian super süß. Obwohl er von der Zwölften ist. Im Vergleich zu seinen Kumpels ist er total nett. ‘N bisschen melancholisch vielleicht, aber ‘n Knuddeltyp, zum Schmusen, mit Kerzchen und so.“
Sie trotteln durch die Fußgängerzone Richtung Schule. Clara versucht, Marianne davon zu überzeugen, dass sie ihn nicht wegen oberflächlicher Gründe fallen lassen sollte.
„Mehr als Küssen ist mit ihm nicht drin. Ich leih ihn dir gern mal aus.“
„Wär super romantisch, wenn du seine Erste wärst. Würd dir das nicht gefalln? – Siehste. Schon wieder überführt. Mir gefällts jedenfalls, wenn Kerle nicht gleich ans Vögeln denken.“
„Ab und an dran denken, wär schon angesagt.“
„Du tust ihm Unrecht. Es gibt so viele andere Sachen, die ihr teilen könnt.“
„Ach nee, was denn, zum Beispiel? Er lacht kaum, guckt traurig aus der Wäsche, kifft nicht, raucht nicht, redet nur alle fünf Minuten nen halben Satz, und dazu sein Mofa … – Meinst du, es macht mir Spaß, mich nem Gelächter auszusetzen? Sag mal ganz ehrlich, was dein Macker über ihn sagen würd!“
„Wie oft soll ich dir noch sagen, dass Kalle nicht mein Macker ist?“
„Er ist dein Macker. ‘N guter sogar.“
„Wenn du‘s so ausspricht wie jetzt, hört sich‘s gleich anders an. – Also, um das Thema abzuschließen: ich find, du kennst den Christian nicht richtig. Gib ihm ne Chance, und er wird zugänglich.“
„Das könnt eventuell und unter Berücksichtigung der Umstände vielleicht sogar sein“, feixt Marianne.
„Das ist mit allen so.“
„Wirklich?“
„Bei dir etwa nicht?“
„Schon.“
„Und was wirst du tun, wenn er auf dich wartet?“
Claras Frage ist durchaus berechtigt. Tatsächlich gelangen sie jetzt in Schulnähe.
„Ist eher wahrscheinlich, dass er mir aus dem Weg geht.“
„Meinst du wirklich?“
Clara kann sich vorstellen, dass einer aus der zwölften Klasse nicht unbedingt auf ein Mädchen der dreizehnten am Schuleingang wartet, bloß um das relativ hohe Risiko einzugehen, sich in Gegenwart von Bekannten eine Abfuhr einzufangen.
„Bei dem Stress, den er zu Haus hat! Mich in ne unangenehme Situation bringen, brächt er sowieso nie fertig. Dazu hat er etwas zu …, ist zu … taktvoll, viel zu konventionell.“
*
Nach der erwartet unerfreulichen Auseinandersetzung mit seinem Vater und einem sogenannten Klärungsgespräch ohne jedes greifbare Ergebnis verpuffte Christians Ausreißen im Nichts. Endlich in seinem Zimmer angelangt, lag er wach und ließ die Ereignisse des Tags ein ums andere Mal an sich vorbeiziehen. ‚Ich hab mir immer eine Freundin wie sie gewünscht. Zumindest hätt ich die Situation nutzen und ausprobiern müssen. Weshalb wies ich sie zurück? – An ihr lag‘s nicht. Sie ist hübsch, fühlt sich toll an, ich mag sie. Es war wirklich einwandfrei. Dumm von mir, sie zu unterbrechen.‘ Je später die Nacht, desto mehr rückten seine vermeintlich schwachen Seiten in den Vordergrund: dass er jünger ist als sie und nicht raucht, obwohl Kiffen „in“ ist; dass er mehrere Jahre in den Tanzunterricht an der Tanzschule Mayer ging und dort erst kürzlich einen Fortgeschrittenenkurs absolvierte, obwohl sie einmal behauptet hatte, dass nur Spießer tanzen und sie solch ein übles Paarverhalten nie akzeptieren würde; das Minderwertigkeitsgefühl, mit einem Mofa herum zu gurken, während sich die Typen aus der Dreizehnten bereits mit Motorrädern und Autos zur Schau stellen; und seine Brille war gemäß einer frechen Fetenbesucherin ein altmodisches Birnenmodell – in bestimmten Kreisen kam es gerade in Mode, den Ministerpräsidenten ihres Bundeslandes aufgrund seiner Gesichtsform mit dieser Frucht zu identifizieren –, was er zuerst nicht verstand und ihn nachher reichlich verunsicherte. Mit Leichtigkeit wertete er seine Stärken ab: sein Klavierspiel war „out“, seine Sportlichkeit unzufriedenstellend, seine Bedenken anzugeben einfältig, die Gabe zu reflektieren hinderlich, und das Ablehnen von Drogen Feigheit. Was wäre phantastischer gewesen als mit ihr einen Joint zu rauchen, loszukichern, und im Rausch oder Himmel - je nachdem was ihn nach dem Konsum erwartet hätte - gemeinsam mit ihr Sex zu erleben?
In Anbetracht solch zwiespältiger Gefühle schien es am vorteilhaftesten, weiteren Kontakt zu ihr zu vermeiden oder zumindest abzuwarten, bis sie ihm positive Signale sendete und sich zwischenzeitig beim Onanieren mit der Erinnerung an ihren Geruch, Lippen und Brüste zu begnügen, die sich wundersam in seine Hand schmiegten.
*
Herbie, nicht gerade der Typ, der sich über andere den Kopf zerbricht, bemerkt bald, dass er sich heftiger als jemals zuvor verliebt hat. Erstens geht er ausgerechnet Montagmorgen direkt ins Klassenzimmer, ohne mit den Kumpels auf dem Schulhof zu albern, zweitens will er tagelang in den Pausen nicht mehr hinüber ins AEG, wohin eigentlich ausnahmslos jeder aus der Clique strebt, weil man sich dort irgendwie weniger kontrolliert und freier fühlt. Drittens entrinnt ihm diesmal kein einziges Klagewort.
Deswegen will er möglichst schnell auskundschaften, um welches Mädchen es sich diesmal handelt, und je nach Befund eventuell selbst die Initiative ergreifen und diese für sich gewinnen. An Christians gutem Geschmack gibt es schließlich nichts zu rütteln, seit eine seiner angeblich unerreichbaren Angebetenen ihm nach einem Joint die Unschuld geraubt hatte.
„Herbie, könnt‘st du uns nach ‘m Sport am Nachmittag Karten fürs Konzert in der Aula kaufen? Der Vorverkauf startet heut.“
Sie befinden sich allesamt im Schulhof des Nachbargymnasiums, als sich Marianne und Clara zu ihnen begeben und um Unterstützung bitten.
„Welches Konzert denn?“
„Samstag in ner Woche. Blues.“
„Ach, das Bluesfest! Klar doch, no problem.“
„Mach bloß kein auf locker!“, schaltet sich Norbert ein, der bei den Mädchen einen guten Eindruck hinterlassen möchte.
„Grad du, Coolie!“
Jürgen will sich ebenfalls von seiner besten Seite zeigen.
„Ich find Blues und gemeinsamen Spaß haben super.“
Lutz versucht es mit der einsichtigen Tour.
„Prima Sache. Da könnten wir durchaus zusammen hin.“
Norbert meint tatsächlich, einen hervorragenden Vorschlag unterbreitet zu haben.
„Warum eigentlich nicht? Wär doch dufte, alle zusammen“, meint Siegfried.
„Sicher, wieso eigentlich nicht?“, setzt Lutz hinzu. „Was meinst du, Herbie?“
Der einzige, der die Gelegenheit nicht ausnutzt, um vor den beiden Mädchen sein Image aufzupeppen, ist Christian, der kaum dass Marianne in die Runde trat, wie angewurzelt stehen blieb und keinen Ton hervor bringt. Sekundenbruchteile fixiert er Claras Augen und folgert sogleich, dass sie informiert ist.
„Kann man hier keine vernünft‘ge Antwort bekommen?“
Ertappt schweigen sie. Christian schämt sich, Marianne und Clara mit seinen großspurigen Kumpeln zu begegnen.
„Also Herbie, kaufst du die Karten, oder nicht?“
„Klar, hab ich doch vor Ewigkeiten gesagt.“
„Ach! Hab ich gar nicht mitgekriegt.“
Grußlos ziehen die Mädchen davon, und noch bevor sie sich in einer angemessenen Entfernung befinden, legt Herbie los: „Nedd schlecht, die Clara, äh?“
Jürgen springt nach vorn und macht eine schroffe Körperbewegung, als ob er mit dem Knie zwischen Herbies Beine hauen wolle, weshalb sich dieser reflexartig zur Seite wendet, um den vermeintlichen Angriff abzuwehren.
„Kskskssss!“
„Arsch!“
Begeistert über das gelungene Täuschungsmanöver prusten sie los. Christian lächelt verkrampft und hält weiter nach Marianne Ausschau, die ihm aus der Entfernung einen abwertenden Blick zuwirft. ‚Verflixt, genau das wollt ich vermeiden!‘
„Mit der Clara, nie im Lewe! Mit denne Freakklamodde, do krigg isch kenner hoch!“
Norbert zeigte im Beisein der beiden Teenager Interesse, obwohl er an sich auf hergerichtete Diskomädels steht.
„Du wärscht froh, wenn d‘ iwwerhaupt mol änni hättscht.“
Lutz hat am meisten Erfahrung mit Frauen und besuchte schon vor zwei Jahren ein Callgirl, zu einem Zeitpunkt als Christian noch nicht einmal über deren Existenz Bescheid wusste.
„Besser ä Freakschlampp als gwixt. Awwer mehr als diskutiere woll‘n die sowieso nedd. Schad um d‘ Titte“, schiebt Norbert nach.
„Die Clara is heiß wie Schifferscheiß. Die Kleeder sinn merr grad egal.“
Herbie steht auf Clara und lässt sich nicht von seinen Ideen abbringen.
„Isch guck de Weibsbilder sowieso nur in d‘ Aache.“
Jürgen schneidet eine Grimasse.
„Und du, Chrischtian?“
Lutz fiel auf, dass er schweigt. Alle erwarten eine Antwort. Er zögert, zumal seine Stimmung unter den gegebenen Umständen ohnehin niemanden interessiert.
„Was denn? – Na, ‘m Herbie soi Schwestersche wär schunn nedd schlecht zum leddere, awwer d‘ Clara hat geilere Möps.“
Er fühlt sich wie ein Verräter, als sie ihm auf die Schultern klopfen. Nur Herbie ließ sich nichts vormachen. ‚Dass der sich in mein Schwesterchen verknallt hat! Er wird sich die Zähne ausbeißen. Zwei von diesem Kaliber, das bedeutet Zoff, Zoff ohne Ende! – Hoffentlich verguckt er sich schnell anderswo. Bevor es zu spät ist. Hoffentlich!‘
*
„Kiddies!“, meint Marianne.
„Schuljungs eben,“ erwidert Clara.
„Dass er auf solch popelige Freunde steht! Wie konnt ich nur meine Gedanken an ihn verschwenden?“
„Er ist total in dich verschossen, und wenn ich mich richtig entsinn, hat er kein Wörtchen gesagt. Und er hat sofort kapiert, dass ich informiert bin. Hat der ‘n Blick!“
„Würd mich nicht wundern, wenn alle Bescheid wissen. Die haben genauso Augen im Kopf wie du.“
„Meiner Meinung nach haben die ganz woanders hingeguckt.“
Marianne gelingt es kaum, ihre Verärgerung aufrecht zu erhalten. Nie hat sie jemanden lieber geküsst als ihn. Am liebsten wäre sie ihrem Bedürfnis gefolgt, ihn beiseite zu nehmen, wieder in ihre Arme zu schließen und ihm mitzuteilen, dass sie nichts bereut.
„Wenn er ihnen was sagt, brech ich jeden Kontakt für immer und ewig ab.“
„Meinst du im Ernst, die lachen über uns?“
„Wer weiß das schon?“
„In Gruppen sind die so, wie kleine Jungs.“
„Anstatt sich anständig zu unterhalten.“
„Der Christian ist anders, das steht fest.“
„Viel konnt ich mit ihm nicht bequatschen.“
„Knutschen, und sich darüber beschwern, nicht geredet zu haben! Du willst alles auf einmal. Warum bist du nur so ungerecht?“
„Verflixt!“
1.2 Blues und Baggersee
Um Viertel nach Sechs tritt Richie aus dem Werkstor und schwingt sich auf seine blitzblanke 1100er Kawasaki. In einer Stunde erwarten ihn Karl-Heinz, Clara und deren Freundin. Auf der Fahrt denkt er an seine Freundin Ilse aus Worms, die sich ihm seit Wochen verweigert, anstatt sich wegen der 2.000 Mark für die Abtreibungsklinik in Holland erkenntlich zu zeigen. Dabei war die Schwangerschaft nicht seine Schuld gewesen. Sie hatte schließlich nach zwei Jahren plötzlich die Pille abgesetzt und gegen seinen Willen auf die gefährliche Naturmethode mit Eisprungberechnung und Temperaturmessung vertraut. Ein geplatztes Kondom mündete zwangsläufig im Desaster, beendete nebenbei sowohl ihre muntere Vögelei um halb sieben Uhr morgens, wenn er sie nach der Nachtschicht besuchte, kurz bevor sie zu ihrer Arbeit ging, als auch die heißen Ficks mitten in der Nacht, von Bier und Harz beflügelt, obwohl er in aller Herrgottsfrühe zur Tagschicht aufbrechen musste.
‚Hab isch die Faxe dick!‘ Sie soll ihn nicht weiter damit belästigen, dass ihm die Fabrik nach der Lehre lediglich die Wechselschichtoption gewährte, bei der jeweils 24 freie Stunden auf 12 Arbeitsstunden folgen und Freischichten regelmäßig auf die Werktage fallen. Er wird ihr Gemecker künftig unterbinden und wenn nötig anderweitig auf den Putz zu hauen.
Seine Maschine heult auf, bringt die schnurgerade Strecke am ehemaligen Frankenthaler Kanal entlang in Sekundenschnelle hinter sich. Erst am städtischen Hallenbad kurz vor der Innenstadt bremst er auf eine gerade eben vertretbare Geschwindigkeit ab. ‚Wär nedd schlecht, nooch m Bluesfescht zum Baggerweiher zu brumme. Unn wenn des Mädel was isch, kennt‘s mehr werre. ‘S wär ne Lehr für d‘ Ils!‘
Bei dem Gedanken, Ilse eins auszuwischen, verzieht er genüsslich die Lippen.
*
„Was ist das eigentlich für einer, dieser Richie?“
Marianne und Clara stehen vor der Kirche Goßniedesheims und warten auf die Ankunft der Motorradfahrer.
„Machte mit Kalle ne Lehre bei der BASF. Früher warn sie Super-Freunde.“
„Ach, und heut nicht mehr?“
„Richie legte sich mit nem Ausbilder an. Danach gingen seine Noten in Keller, und er konnt seine Aussichten auf ne Facharbeiterstelle vergessen.“
„Und deswegen will Kalle nichts mehr von ihm?“
„Mit Schichtarbeit wurd´s schwierig, die Freundschaft zu pflegen. Richies Kontakte sind nicht vom Feinsten.“
„Verständlich, in der neuen Umgebung, oder?“
„Sie ziehn seit Monaten nicht mehr los wie früher.“
„Wie alt ist er?“
„Zweiundzwanzig. Wie Kalle.“
„Und?“
„Was, und?“
„Ich mein, hat er ne Freundin?“
„Jetzt mal langsam! Wir gehn nur zusammen weg, und ich glaub nicht, dass ‘n Schichtarbeiter das richtige für dich wär.“
„Seit wann hast du was gegen Arbeiter? Ist der KarlHeinz nicht auch einer?“
Clara fällt keine passende Antwort ein. Außerdem lehnt sie Vorurteile ab und kennt Richie zu wenig, um sich mit weiteren Ausführungen vor Marianne zu blamieren.
„Du hast leicht reden, während ich eine Enttäuschung nach der andern einstecke.“
„Mit dem Kopf durch die Wand….“
„Mir sind eben andere Sachen wichtig, die du schon abgehakt hast.“
„Und?“, setzt Marianne nach.
„Na gut, da hast dus: er steckt in ner dicken Krise mit seiner Braut.“
„Verheiratet?“
„Nein, mit der Freundin.“
„Und weshalb Krise?“
„Mein Gott, was für Fragen! Der Kalle kriegt nen Anfall, dass ich dir davon erzähl. ‘S hat was mit ner Schwangerschaftsunterbrechung zu tun.“
„Also getrennt?“
„So ähnlich. Jedenfalls nichts für dich.“
„Entscheiden tu ich immer noch selbst. Muss ja nicht für immer sein. Wer nichts wagt….“
„Horch mal! Ich hör was knattern. Das müssen sie sein.“
Eine lärmende Rockerclique gelangt zum Dorfplatz, was den Anwesenden reichlich Gesprächsstoff bietet. „Isch hab nix gesche longe Hoor, aber gpflescht müsse se sei“, klagt ein altes Mütterchen ihrer noch älteren, schwerhörigen Nachbarin auf einer Sandsteinbank. Ihre Gefährtin schüttelt den Kopf, drückt ihr Missfallen mit einem vielsagenden Zusammenpetzen ihrer Lippen aus, ohne ein einziges Wort begriffen zu haben, und grummelt kaum verständlich: „Beim Adolf gabs so ebbes nedd.“
Die ausnahmslos schwarz bekleideten Motorradfahrer sind allerdings daran gewöhnt, ausgegrenzt zu werden, und sind gegenüber derartigen Kommentaren oder abweisenden Gesten absolut immun.
Clara schwingt sich flugs auf Kalles Motorrad. Alleine auf dem Bürgersteig fühlt sich Marianne mit ihrer selbstgebatikten Bluse und den abgewaschenen Sommerjeans reichlich unwohl. Zudem macht der einzige Fahrer ohne Begleiterin keinerlei Anstalten, sie zu grüßen oder sonstwie einzuladen.
„Ich bin Marianne“, ruft sie, hätte allerdings schreien müssen, um den Lärm des allgemeinen Aufbruchs zu übertönen.
Er löst einen Jethelm vom Ellenbogen, reicht ihn ihr und unterbindet mit einem mehrmaligen Drehen des Gasgriffs jeglichen weiteren Kontakt. Schnell steigt sie auf die wenigen freien Zentimeter der vibrierenden Sitzbank, und noch bevor ihre leichten Sommerschlappen Halt auf den dafür vorgesehenen Fußstützen finden, beschleunigt er schon, um den Vorsprung seiner Kumpane wettzumachen. In Anbetracht der Verfolgungsjagd muss sie sich an ihm festkrallen und kann erst auf der Landstraße, bei reichlich überhöhter, jedoch konstanter Geschwindigkeit, einen Arm befreien, um sich den Helm überzustülpen, der bei einem Unfall nur symbolischen Wert hätte.
Nicht schlecht, der Junge! Wie erfahren er ist, sieht man sofort. Der braucht sicher keine Einweisung, was ne Frau braucht, denkt sie, auf wackeligen Beinen stehend, als er nach der Fahrt seinen Integralhelm abnimmt, sein hageres Gesicht zeigt, und sich groß und schlank vor ihr aufbaut.
*
Die Aula ist heiß und stickig. Deren offene Glastüren reichen bei der großen, rauchbegeisterten Menschenmenge zur Ventilation überhaupt nicht aus. Die Bluesfestbesucher werden bei fortschreitender Uhrzeit reichlich schwitzen.
Christian hat sich an einem strategisch günstigen Punkt positioniert und war trotz wiederholter Einladungen seiner Freunde nicht dazu zu bewegen, sich zu einem Ort in Bühnennähe zu begeben. Er wartet, mit einem Pappbecher kühlem Bier bewaffnet und der festen Absicht, sie anzusprechen. Allerdings unterschätzt er dabei, dass viele Faktoren seine Pläne durchkreuzen könnten. Umso zügiger lösen sich seine Hoffnungen in Luft auf, als sie inmitten einer kompakten Grupppe von Fremden auftaucht. Er muss sich mit einer halbherzigen Spionage aus verschiedensten Blickwinkeln abfinden und zieht sich irgendwann zur Tribüne zurück, die nur über das Treppenhaus zu erreichen ist. Inmitten von munter plaudernden Schülern schwindet seine Trübsal nur wenig, als sich der Vorhang der Bühne öffnet und ein Flügel zum Vorschein kommt. Keine Band und kein zusätzliches Musikinstrument sind auszumachen. Stille breitet sich aus, als eine Frau einen alten, schwarzen, grauhaarigen Mann im Halbdunkel über die Bühne führt, und damit beweist, dass der angekündigte ‚Blind John Davis´ tatsächlich blind ist, und tatterig obendrein; ein alter Greis, der nur eingehakt zu seinem Instrument findet und eine Begleiterin braucht, um die erste Taste zu finden.
Schon sitzt der alte Davis auf einem breiten Hocker, beginnt zaghaft, die Aula mit vereinzelten Noten zu verwöhnen, zur Begrüßung, freundlich, vermeintlich ungeordnet. Diese finden alsbald mit erstaunlicher Leichtigkeit zusammen, bilden andächtige Harmonien, klagen dissonant, werden gelegentlich herb, erheben sich magisch in die Lüfte und formen allmählich einen Rock ‘n Roll, bei dem die Skepsis der Zuhörer ganz allmählich weicht. Bedächtig nickende Köpfe und leichte Körperbewegungen begleiten die zunehmende Rhythmik und seinen rauhen Gesang über sein wahrscheinlich nicht mehr unter den Lebenden weilendes ‚Baby´.
Die flotte Musik streicht an ihm vorbei. Seine Phantasie zentriert sich abermals auf Marianne. Von ihr fühlte er sich verstanden. Wie gerne hätte er sie jetzt bei sich und würde mit ihr diesen Klängen lauschen! Könnte er für sie singen wie dieser alte, unscheinbare Mann für sein ‚Baby‘, dann wäre nicht alles verloren.
Nach dem zweiten Bier wird die Sehnsucht nach ihr oder sonst irgendeiner Freundin schlimm und unausweichlich zugleich. Weshalb führen seine sporadischen Anläufe bei begehrenswerten Altersgefährtinnen immer zu Abfuhren noch vor dem ersten Kuss? Warum entpuppen sich selbst seine Traumfrauen als langweilig? Wie ist es anzustellen, ihnen gegenüber ehrlich zu bleiben und ihnen keine Gelübde ewiger Liebe abzulegen?
*
Wohin verschwand er, fragt sich Marianne. Ihr fällt es schwer, sich auf die banalen Gesprächsthemen der neuen Bekannten einzulassen. Sie malt sich aus, sich an ihn zu lehnen und gemeinsam mit ihm die Musik zu genießen. Clara, ihrer stets aufmerksamen Begleiterin, bleibt dies nicht verborgen. Sie unterbreitet bei der ersten Gelegenheit den Vorschlag eines Rundgangs.
Auch Richie nutzt den günstigen Moment, um sich mit Karl-Heinz von der Gruppe abzusetzen.
„Nedd iwwel, die Klä.“
„G‘fallt se der?“
„Batikklamodde …“ Richie rümpft die Nase. „… unn was grien hinner de Ohre.“
Kalle erwartet mehr Dank für seine Vermittlungsdienste.
„Kontakt gratis, unn meckere! Wenn‘s nedd basst, dann such der halt ä anners Waibsbild.“
„Hängt defu ab, ob se Zicke macht. Je jinger, je besser. Do kamma se noch erziehe, unn sie hawwe wenischer Fätz in de Köpp. Null Bock uff problems.“
Richies derbe Sprüche drücken zutreffend aus, dass er bei seiner Partnerwahl keine besonderen Ansprüche stellt. Nach der Fabrik ist für ihn nur Relaxen, Freizeit und eine unkomplizierte Freundin angesagt.
„Wär‘ nedd schlecht, e bissel zu schwimme. Isch hoff, dass d‘ Rummel schnell rum is“, meint er nach einer kurzen Pause. Außer Hardrock macht ihn ohnehin keine Musik sonderlich an.
„An mir liegt‘s nedd.“
„Die Klä werd nedd wolle.“
„Hängt funn de Umschtänd ab, unn funn dir.“
„Wie mänscht ‘n dess?“
„Wenn die bleed ohmachscht, isse fort dursch d‘ Midd, wie‘s Schneiderlein.“
„Isch kann misch zommereiße, kennscht misch doch.“
Kalle wird sich bei Richies Geradlinigkeit und aufgrund eines gewissen Verantwortungsgefühls gegenüber Clara etwas unsicher.
„Isch hätt gern, dass de mid demm Mariannsche nedd uff dumme G‘danke kummscht. Heerscht? – Wenn se nedd will, loss se in Ruh! ‘S isch der Clara ihr bescht Freundin, isch will kenn Ärscher.“
„Alder, dir geht’s Zipperlein! Norre ke Ongscht. Isch wees misch verhalde.“
*
„Er ist oben auf der Tribüne und freut sich bestimmt.“
Clara kommt gleich zur Sache. Es hätte keinen Sinn, sich zu verstellen.
„Danke.“
„Und warum rührst du dich nicht?“
„Klingt vielleicht doof: ich hab Angst.“
„Du? Quatsch! Er hat mehr Angst als du.“
„Mag sein.“
„Ab die Post!“
Obwohl Marianne meint, dass er sich hätte annähern müssen, folgt sie Claras Aufforderung und sucht ihn im Halbdunkel der Tribüne, fragt sich einmal mehr, wie es ihm bei der Rückkehr zu seinen Eltern ergangen sein mag.
„Hi. Darf ich…?“
Er schreckt zusammen, sucht verzweifelt nach Worten. Die guten Vorsätze sind wie weggefegt, alles dreht sich. Die Ratlosigkeit ist unerträglich. Viel zu spät sieht er sie an, sagt etwas Unüberlegtes, vermeintlich Belangloses, um der angespannten Situation zu entkommen.
„Dass ausgerechnet du auf solche Typen stehst, enttäuscht mich.“
Schlechter hätte der Einstieg in ein Gespräch nicht sein können. Empörung hätte sie ihm eher verziehen als seinen unausstehlichen, verächtlichen Ton. Glut springt aus ihren Augen. Sekunden vergehen. Sie verfinstert sich. Er bemerkt wie in Trance, wie sich ihr Körper anspannt, sich ihr Arm löst und ein dunkler Schatten zielgenau, einer energiegeladenen Feder gleich, nach vorn schnellt.
Klatsch.
Es zischt, unmittelbar bevor ihn die Wucht ihrer Ohrfeige trifft. Deutlich übertönt sie das Klavierspiel des Blind John Davis.
„Arsch!“
Erschrocken greift er zu seiner Backe, entdeckt, dass seine Unterlippe aufgeplatzt ist und denkt trotzdem, dass er nichts Besseres verdient. Das bisschen Schmerz ist nicht der Rede wert.
Einen Moment hängen ihre Blicke aneinander. Sie entdeckt einen dunklen Fleck in seinem Mundwinkel, fragt sich, ob das, was an ihrer Hand klebt, Blut oder Speichel ist. Danach streicht sie flüchtig und wie um Verzeihung flehend durch sein Haar…, und stürzt davon.
Den auf ihn gehefteten, fragenden Blicken der Anwesenden begegnet er mit einem Gesicht, als ob ihm das Vorgefallene nichts ausmache. Dabei würde er am liebsten im Erdboden versinken.
*
Clara stellte sich für einen Kassenbon an, besorgte sich ein Bier und nippt gerade genüsslich daran, als ihr Marianne ohne jede Umschweife in die Arme fällt und losheult. Das ging fix, denkt sie und murmelt nur für Marianne wahrnehmbar ein wohlgemeintes: „Scheißkerl!“ Dass sie Marianne lange umarmt und letztendlich mit ihr im Bad verschwindet, kümmert niemanden. Es steht auf der Tagesordnung, dass sich Mädchen in Herzensfragen Zuneigung schenken.
„Was der sich einbildet! Was für ein überheblicher Arsch!“
Mariannes Ärger ebbt ab, und Blind John Davis haut bei seiner Zugabe mächtig in die Tasten.
„Mich derart blöd anzumachen, ich kanns kaum glauben! Dass ausgerechnet er mich mit nem Mist anlabert, von wegen den Typen, mit denen wir gekommen sind…“
„Ist nicht wahr!“
„Schleimscheißer! Den kannste total abhaken. Er steckt voll mit Vorurteilen.“
„Wie leichtfertig von ihm! Er hat dich nicht verdient“, entgegnet Clara lapidar.
Eine zünftige Rockband startet ihren Soundcheck, als sie sich wieder ins Publikum begeben.
*
Vor der Begegnung mit Christian weckten Richies Freunde eher geringes Interesse in ihr. Doch jetzt hört sie aufmerksam der Beschreibung von Reparaturen und Macken der Motorräder zu, findet sich bestätigt, als vehemente Klagen über Eltern einsetzen, die sich ständig einmischen, obwohl man nicht einmal mehr zu Hause wohnt und nicht tolerieren, wenn jemand anders ist. Derbe Witze über brave Spießbürger folgen, und daran anschließend begeben sie sich in die obligatorische Diskussion ums ‚Binah‘, der ehemals besten Diskothek in der Region, inmitten eines modernen, von Betonhochhäusern umgebenen Einkaufszentrums. Kürzlich wurde es geschlossen wegen Anwohnerbeschwerden nach Mitternacht und liegengelassener Spritzbestecke, die morgens das nächtliche Verschieben von Drogen bezeugten. Regelmäßig verschwanden Grüppchen in den Korridoren der nachts geschlossenen Geschäftegalerien und tauchten Minuten später mit Engelsgesichtern auf, und auch drinnen im ‚Binah‘ wurde fleißig gekifft, gekokst und diverse Pillen mit Wein kombiniert. Dass jedoch ausgerechnet die Betreiber des Binahs für solche Untaten büßen mussten, entbehrte jeder Logik, denn selbst im Schulhof des AEG konnte man verbotene Substanzen zu noch günstigeren Preisen und mit gleicher Qualität ergattern. Nirgendwo wurde fetzigere Musik zum Ausflippen aufgelegt oder ähnlich köstliche Unterhaltung mit den Bullen geboten, die bei Razzien mit abgerichteten Hunden nie einen einzigen Täter dingfest machten. Mit Streifenwagen und Bullenklamotten Überraschungseinsätze zu veranstalten oder Zivile mit teuren Lederjacken und getönten Sonnenbrillen zu entsenden, die den Alteingesessenen wegen irgendwelcher Details sofort auffielen und sich selbst enttarnten, amüsierte maßlos. Alle Beweise waren in den Klos versenkt, noch bevor einer von denen am Tresen stand.
Die Gelegenheit nutzen Kalle und Richie aus, einmal mehr eine Verfolgungsjagd anzupreisen, bei der sie fast eingelocht wurden. Sternhagelvoll, mit reichlich Stoff in den Taschen hatten sie es in absoluter Dunkelheit geschafft, über die Fußwege der Pfingstweide und auf dem Schrebergartenweg nach Frankenthal einer Razzia zu entfliehen. Glücklicherweise wuschen sie nie ihre Kennzeichen und die Birnchen ihrer Nummernschildbeleuchtungen waren vorsorglich durchgebrannt. Sie flüchteten in Richies Hinterhof, und Kalle traute sich die ganze Nacht nicht nach Beindersheim, weil es von Kontrollen nur so wimmelte. Sie konnten nicht ahnen, dass sich Kalles Alte in die Hose schiss, weil er ohne Ankündigung auswärts schlief, und im Polizeirevier nachforschte, ob ihm etwas zugestoßen war. Hätte sie Richies neue Adresse gewusst, hätten sie die Bullen tatsächlich noch zu fassen gekriegt.
„Die Alten begreifen‘s eben nie.“
„Je weniger die wissen, desto besser.“
Solche und ähnliche Kommentare krönen die Schilderung der selbst ernannten Helden, bis der Sänger der besten Rockband der Hinterpfalz in sein Mikrophon schreit:
„Are you ready for rock? – Ich heer nix! – Are you ready? – Fronkedool, isch heer nix? – Aah yuu räädiiiiie? – Des isses. Ihr seid räddie. Let‘s go, boys.”
Schrille E-Gitarren-Sounds breiten sich aus, unterbinden jede weitere Kommunikation. Kippen wippen, glühen auf und befreien beißenden Qualm. Die Mehrzahl der Gäste zuckt heftig mit den Köpfen oder schüttelt unbändig die Gliedmaßen. Gegen die stickige Hitze erfrischt selbst das kühle Bier nicht mehr. Die Zeit verstreicht. Nach der ersten Zugabe findet der Vorschlag, sich im Lambsheimer Baggerweiher zu erfrischen, einhellige Zustimmung.
*
Das Knattern der Motorräder hallt über die Felder. Weniger als zehn Minuten brauchen sie zum Baggersee, an dem der Lärm schlagartig einer stillen Frühsommernacht mit klarem Sternenhimmel und hellem Vollmond weicht.
Marianne ist mulmig zumute. Die Clique schrumpfte auf acht Personen zusammen. Lediglich sie und Richie sind kein Paar. Bedrückt hakt sie sich bei Clara ein, als sie zu Fuß die kurze Distanz zum Ufer hinter sich bringen.
„Mit Kalle war ich schon oft hier.“
„Vielleicht wär‘ ich besser nach Haus gefahr‘n?“
„Der Richie ist schon okay. Denkst du etwa, dass ich dich hier allein lass?“
„Du bist gehörig beschwipst.“
„Und du hättst ‘n Christian mitbring‘ soll‘n.“
„Auf Richies Kiste etwa? Super-Idee, nach dem, was in der Aula abging!“
„Hast du‘s schon mal unter freiem Himmel gemacht?“
„Noch nicht mal mir selbst.“
„‘S gibt kein schöner‘n Ort zum Vögeln.“
„Wär‘ ne Probe wert. Die Lust dazu fehlt mir nicht. Aber mir jetzt damit zu kommen…“
„Wenn dich der Richie blöd anmacht, kriegt er meinen rechten Haken in den Magen, den linken auf die Nase, und wir brechen sofort auf. Ich versprech‘s, hoch und heilig.“
Noch während sie gemeinsam lachen, erinnert sich Marianne, wie oft sie fiese, angsterregende Typen im Bus begafften, bevor sie in der Dunkelheit Großniedesheims ausstieg, und dass sie mehrmals selbst bei Tageslicht feiste Männer in der Fußgängerzone begrapschten, worauf sie das vermeintlich kalkulierbare Risiko des sogenannten Trampens, vom Dorf in die Stadt und viceversa, auf ein Minimum reduzierte. Im Alter von fünfzehn Jahren war sie einmal nachts von Clara zu ihrem Elternhaus geschlendert, nicht mehr als vier oder fünf Straßenzüge voneinander entfernt, und hatte in einer schlecht beleuchteten Gasse den Vater einer Mitschülerin gegrüßt, worauf er sie harsch gegen eine raue Hauswand stieß, ihren Rock anhob und in ihre Unterhose griff. Heiß, eklig und nach Weißwein hatte er gestunken, und sie war unbedarft genug gewesen sich zu fragen, worum es ihm ging, bis seine knochigen Finger direkt ihre Jungfräulichkeit bedrohten. Glücklicherweise verursachte sein brüskes Attentat auf ihre körperliche Integrität solch irrsinnige Angst, dass sie laut losjammerte und Aufmerksamkeit im zweiten Stock des Nachbarhauses weckte. Binnen Sekunden fiel ein heller Lichtkegel auf die Straße, und sie war gerettet.
Als sie sich auf einem Grasfleck zwischen zwei Schilffeldern niederlassen, flattern erboste Blesshühner davon. Einer der Motorradfahrer hat einen Kassettenrecorder dabei, Musik von Ten Years After dudelt über den See, bis die Batterien versagen. Rotwein im Tetrapack geht um. Sie plaudern, ebenso ausdauernd wie lustlos. Letztendlich stehlen sich zwei Pärchen auf einem Pfad davon, und da anschließend kein Motorrad angeworfen wird, vermutet Marianne folgerichtig, wozu sie sich aufrafften.
„Wie wär‘s mit was Bewegung?“, durchschneidet Claras Stimme die eingetretene Stille.
Gerne nehmen die anderen drei ihren Vorschlag an, und nachdem sie ein gutes Stück schweigend das Ufer entlang schlenderten, sind Stimmen am anderen Ufer zu vernehmen.
„Wir sind nicht die einzigen.“
„War anzunemme“, meint Richie, darum bemüht, nicht übertrieben pfälzisch zu reden.
„Sinn ‘n gutes Schtück weg“, mischt sich Kalle ein.
„Jetzert baden se. – Sischer schweinekalt.“
„Ach, was! Seit Woche isses Wassser eingermaße. Hauptsach, man schwimmt richtig drauf los.“
Clara ist wie Marianne eine begeisterte Schwimmerin. Ihr Kommentar überrascht keinen.
„Ihr Schlappmäuse, wer schwimmt mit?“
Kalle erreicht eine Lichtung und zieht sich aus. Richie gesellt sich hinzu, während Marianne und Clara etwas abseits innehalten. Dort wo sie herkommen, werden zwei Motorräder angeworfen.
„Des sinn die Maschine vumm Schorsch unn vumm Hoinz“, tönt Kalle und platscht ins Wasser.
„Moinie i-s-s-ses nedd.“
Richie schnappt nach Luft und gleitet ihm hinterher.
„Wie geht‘s, wie steht‘s?“, fragt Clara, die sich nur noch wegen ihrer Freundin bremst. „Trau dich!“
Richies inoffensives Verhalten und die Wirkung des Weins beschwichtigen Marianne.
„Warum eigentlich nicht?“
„Du bist nicht allein. Auf geht‘s!“
Die beiden jungen Männer sehen nicht einmal auf, als sie ihre Kleider abstreifen und ins kühle Nass rennen. Sie sind im Gegensatz zu ihnen eher mäßige Gelegenheitsschwimmer und verlieren rasch die Lust auf das gegenseitige Wasserbespritzen ohne Bodenkontakt, immer weiter draußen.
„Schwimmst du mit?“
„Erst nicht wollen, und dann… – Wohin soll die Reise gehen?“
„Na rüber, wohin sonst?“
„Im Dunkeln hab ich Angst vorm weißen Hai.“
„Und willst zu Kalle zurück.“
„Genau. Bei allem was recht ist.“
„Ich beeil mich.“
„Muss das sein?“
„Es muss.“
„In weniger als einer halben Stunde schaffst du das nicht.“
„Blablabla.“
„Pass bloß auf dich auf!“
„Was soll das denn heißen? Als ob wir nicht schon zig Mal rübergeschwomm wär‘n.“
„Mitten in der Nacht noch nie.“
„Bis gleich.“
„Beeil dich, mach schnell!“
Kreisförmige Wellen begleiten ihre gleichmäßige Arm- und Beinarbeit. Die Stimmen am anderen Ufer werden langsam deutlicher und sind einem eindeutigen Ort zuzuordnen. Um den dort befindlichen Personen auszuweichen, biegt sie frühzeitig ab und will sich in sicherer Entfernung am Ufer eine kurze Verschnaufpause gönnen.
*
Ausgerechnet sie steigt aus dem Wasser, setzt sich auf den im Mondlicht liegenden Grasflecken, direkt vor ihn, mit nach hinten gestemmten Armen und zurückgelegtem Kopf. Splitternackt, befremdend schön. Christian traut kaum seinen Augen, als sie sich nach einem angestrengten Starren in die Dunkelheit der Sträucher um ihn herum auf den Rücken legt und den sternenbedeckten Himmel erforscht. Bestimmt zwanzig Minuten saß er reglos genau dort, wo sie sich jetzt befindet, und zog sich vorsichtig hinter einen Busch zurück, als sie sich im Wasser näherte. Niemand sollte ihn stören. Einsamkeit war notwendig, um den Tiefschlag des Abends zu verdauen.
Er zwickt sich in den Arm, um sich zu vergewissern, dass er nicht träumt.
Ihr Brustkorb hebt und senkt sich. Ihr langes, nasses Haar liegt auf dem Boden. Dahinter zeichnen sich ihre Stirn und das Oberteil ihrer nackten Schultern ab. Im hellen Mondlicht richten sich ihre Brustwarzen gen Himmel. Sie erscheinen ihm dicker als diejenigen, die er ertastete, bilden einen aufregenden Kontrast zu ihrem glänzenden Bauch, hinter dem sich ihre Beckenknochen abzeichnen. Ihre Scham kann er aufgrund seines Blickwinkels nicht ausmachen. Ihre Beine verlieren sich in der leicht abschüssigen Böschung.
Perfekt, denkt er. Vollkommen perfekt! Für ihn ist sie der Inbegriff von Schönheit. Ihr Anblick brennt sich unvergesslich in sein Hirn. Geräuschlos erträgt er gleich mehrere Schnakenstiche.
„Pfffff.“
Sie räuspert sich, richtet sich auf und versucht, die Gedanken an ihn abzuschütteln. ‚Du Dummkopf, wärst du nur zugänglicher! Das wars leider, ich kann nicht ewig warten, bis du soweit bist.’ Sie knotet ihr nasses Haar im Nacken zusammen, betört ihn mit dem Muskelspiel ihres Rückens und rennt energisch in den spiegelglatten See.
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Das Gespräch stockt seit einiger Zeit. Richie ist mürrisch und würde am liebsten aufbrechen, und Kalle will nicht einsehen, weshalb sie sich zu dritt langweilen sollen, während Marianne ihren Launen nachgeht.
„Leut, haut ab! Isch kümmer misch ums Mariannsche, unn bring se sischer heem.“
„Keine Raserei, hörst du? Und ohne Umwege“, erwidert Kalle.
„Sofort wenn sie kommt. Versprochen?“, fügt Clara hinzu.
„Was solln dess heeße?“
„Unter den Umständen lass ich sie nicht allein.“
„Clara, jetzt übertreibscht.“
„Versprochen?“
„Als ob isch ‘n Verbrescher wär‘! - Verschproche.“
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Einen Moment überlegt Christian, ihr nachzurufen, doch seine Zweifel blockieren jegliches zielgerichtetes Handeln, bis sie nahezu ein Viertel ihres weiten Rückwegs zurückgelegt hat. Die Chance, sie in dieser Nacht für sich zu gewinnen, ist äußerst gering, selbst wenn er sich jetzt zu Fuß auf den weiten Weg um den See macht oder ihr hinterher schwimmt und womöglich nackt den Rockern gegenübertritt. Die einzig mögliche Alternative ist, sich zu verkrümeln, ohne dass seine von Joints angetörnten Freunde weiteren Verdacht schöpfen.
„Depre, hä“, ruft ihm Norbert zu, als er aus der Dunkelheit in die Runde tritt. „Nemm doch d‘ Weibsleit nedd so ernscht.“
„Guckt emol, was e dick Lipp! Isch hab gar nedd mitkriggt, dass er sisch eens oig´fonge hodd“, setzt Siegfried nach.
„Du schnallscht‘s nie. Dess hodd er schunn g´habt, als mer kumme sinn“, meint Lutz.
„Mach Fätz! Mir is vor korzem genau ‘s Gleische bassiert“, krakeelt Jürgen.
„Stimmt was nedd, brauchscht Hilf?“
Herbie bemerkt Christians desolaten Zustand und verhilft ihm zu einem einigermaßen erträglichen Abgang. Zum Scherzen oder Albern ist er wahrlich nicht aufgelegt.
„Isch glaab, isch geh. War kä guudie Idee, so schpäd unn nooch de Sauferei hierher zu radle.“
Es gelingt ihm nicht, seine Frustration zu verstecken.
„Isch bring disch heem.“
„Nedd notwendig. Uffem Radel bin ich ruckzuck nüchtern. Sehn uns am Mondaach.“
„Bischt sischer?“
„Schunn guud. Tschüß.“
Sein abweisendes Auftreten hält Herbie davon ab, gemeinsam mit ihm aufzubrechen und ihn zu begleiten.
„Tschüssie, Alder, machs gut!“
„Renn der nedd de Scheedel ei!“
„Ab unn durch d‘ Midd! Die Weibsleit krigge uns nedd unner.“
„Kopp hoch unn dursch!“
„Nedd uffgewwe, Kerle!“
„Bass uff disch uff!“
Sein Davonlaufen ist allerdings sinnlos, und die Erleichterung, der Gesellschaft zu entrinnen, weicht bereits nach den ersten Kilometern der hartnäckigen Erinnerung an ihren nackten, unerreichbaren Körper. Schweißgebadet stoppt er, entscheidet dem fatalen Gefühl des Scheiterns Abhilfe zu schaffen, schiebt sein Fahrrad über einen Spargelacker am Straßenrand und in ein üppiges Getreidefeld hinein, lässt es dort angelangt achtlos fallen. Auf der feuchten Erde liegend öffnet er seine Hose, startet ruppige Bewegungen, mit zugepetzten Augen, erzwingt eine schnelle Erlösung, fixiert durch die starren Getreidestengel den tief am Horizont stehenden Mond. Wie einzigartig sie in seinem Licht war, sie, die Schönste und Liebste, derentwegen er heiße Tropfen vergeudet.
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„So hodd der noch nie drin g‘honge“, nimmt Herbie das Gespräch auf, nachdem er sich Christians Fahrtüchtigkeit vergewissert hat.
„Werd sisch schunn nedd umbringe.“
„‘S wär nedd de Erscht.“
„Unn de Letscht ach nedd.“
„Isch denk manchmol, besser isch geb mer die Kuchel, und dodenoch isch Ruh.“
„Wär schee, doi bleeds Gebabbel nimmer heere zu misse.“
„Seid ihr Arschlescher! Do geht ‘n Freind vor d‘ Hund, unn ihr lawert ‘n Scheiß, dass sisch die Balke biege.“
