Freifräulein Pauline - Christian U. Märschel - E-Book

Freifräulein Pauline E-Book

Christian U. Märschel

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Beschreibung

Am Neujahrsmorgen lernte ich Freifräulein Pauline kennen, die ein ganz normales, völlig unnormales Mädchen war. Diese ganz andere Art einer Beziehung zu Pauline veränderte mein Leben und öffnete mir, dem nüchternen, kontrollierten und rational denkenden Menschen den Einblick in eine Dimension, die ich zuvor belächelt und als Quatsch abgetan hatte. Als Pauline im Alter von 23 Jahren "ihren Tod selbst herbeiführte", wie es lakonisch in den Polizeiakten stand, ergab sich hinter dem Rätsel um ihr Ableben, das nie gänzlich aufgeklärt werden konnte, so nach und nach ein Sinn...

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Seitenzahl: 237

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Freifräulein Pauline

-oder-

Essen auf Rädern

Keine Biografie.

Eine Paulino-grafie.

Für - und über Pauline.

von Christian U. Märschel

Am 21. Juli um 19.51 Uhr starb plötzlich und völlig unerwartet durch einen ungeklärten und unerklärlichen Autounfall bei Thonon-les-Baines, Frankreich

unsere einzige Tochter, Enkelin, Nichte, Cousine und beste Freundin

Pauline-Caroline Maria Rinildis Lorentina

Wohlgeborene derer von der Nette und

Ritterliches Fräulein zu Cleve

und der Grafschaft Hohenlaage

(Pauline-Caroline von der Nette Freifräulein zu Cleve-Hohenlaage)

geb. 10. Februar                  gest. 21. Juni

  in Kleve/Niederrhein                   in Genf/Schweiz

Pauline, wir können den Schmerz nicht bewältigen!

Pauline sagte: „Das Leben ist ein Schrank mit 9 Schubladen,

in jeder darin ist ein anderes Deiner 9 Schicksale.

Finde das richtige.“

Pauline hat es nicht gefunden.

Oder doch?

Die Beisetzung wird durch persönliche Benachrichtigung angekündigt und wird im engsten Familien- und Freundeskreise stattfinden,

auf dem Rinildis-Grabhügel zu Schloss Hohenlaage in Kleve.

Vor der Beisetzung wird Gelegenheit sein zum individuellen, persönlichen Abschied von Pauline in der Kapelle zu Schloss Hohenlaage.

Hannah

Hannah hat mich beauftragt, Paulines Biografie zu schreiben. Hannah ist Paulines Mutter. Wir hatten uns von Anfang an gut verstanden. Sehr gut sogar. Hannah ist zwei Jahre jünger als ich. Und jung geblieben. Ich habe mich nie mit ihr gestritten. Nur jetzt.

 „Hannah, Pauline kann doch nicht Claudia heissen, oder Susanne, oder Klothilde! Pauline ist Pauline, sonst macht das alles doch gar keinen Sinn!“

„Aber ich möchte nicht, dass du unsere echten Namen benutzt!“

„Ja – gut.“ Ich weiss nicht mehr, wie ich eigentlich jetzt noch argumentieren könnte.

„Ich kann es ja auch ganz einfach lassen! Ich schreib gar keine Biografie! Vielleicht hätte sie es ja auch gar nicht gewollt!“

Hannah macht eine abwertende Handbewegung und geht aus dem geräumigen Wohnzimmer in dem Haus im Stadtteil Othmarschen in Hamburg. Das Wohnzimmer füllt beinahe die ganze zweite Etage aus, ausserdem gibt es hier nur noch die Küche und eine Toilette.

Ich höre Geschirr klappern, Wasser laufen, und gehe in die Küche.

„Ich hab’s doch nicht so gemeint Hannah...!“

Sie füllt Wasser in einen altmodischen Wasserkessel, so einer mit einer Pfeife obendrauf, und stellt ihn auf den Herd. Hannah macht Kaffee wie zu Oma’s Zeiten, „Oma-Kaffee“ hat Pauline den immer genannt, das Kaffeepulver wird im Filter mit heissem Wasser übergossen. Von Hand! Das hat den Vorteil, dass das Wasser nicht wie bei einer elektrischen Kaffeemaschine immer auf die selbe Stelle tropft, sondern den Filter komplett ausfüllt. Der Kaffee schmeckt viel besser und man braucht weniger Pulver. Obwohl – sparen musste Paulines Familie wohl noch nie.

„Mach es so: verwende unsere Vornamen! Meinetwegen auch die richtigen Namen für die Orte und Plätze, wo sich das alles ereignet hat! Bei Oma-Kleve müssen wir allerdings erstmal nachfragen. Denn bei der kannst du dir jeden x-beliebigen Namen ausdenken – man weiss sofort, wer gemeint ist, wenn du sie im Zusammenhang mit Kleve erwähnst. Und ansonsten denkst du dir eben andere Nachnamen aus! Kann ja nicht so schwer sein!“

Ich nicke und spiele geistesabwesend mit dem Löffel der Kaffeetasse, die mir Hannah hingestellt hat. „Ja, gut, das würde gehen. Notfalls!“

„Notfalls? Was ist das riesengrosse Problem daran?“

„Weisst du, jeder hat eine Biografie, ein Leben, dass man aufschreiben kann. Wenn es jemand ist, der berühmt ist, na oder sagen wir mal, zumindest bekannt bei vielen Leuten und in gewissen Kreisen, dann kann man seine oder ihre Biografie auch zumindest zum Teil nachprüfen. Aber wenn ich über Klärchen Müller schreibe und Pauline meine, dann weiss das niemand und niemand kann was nachprüfen! Dann kann ich mir auch einfach ein Leben von Klärchen Müller ausdenken und das aufschreiben!“

„Dann tu das!“ Hanna schüttet mir wütend Kaffee ein, mit so einem Schwung dass die Hälfte über den Rand der Tasse hinaus schwappt und ein Teil davon sogar auf meine Hose, dahin, wo es am unangenehmsten ist.

Erschrocken fahre ich mit dem Stuhl vom Tisch zurück, halte die Hände auf die kaffeebekleckerte Hose. Es ist heiss.

„Sorry!“, sagt Hannah, „war keine Absicht!“

Während ich mir einen Lappen nehme, um Schadenbegrenzung an meiner Hose zu betreiben , denke ich nach.

„Weisst du, es ist dann irgendwie keine Biografie! Das Wort „Biografie“ soll doch eigentlich anzeigen, dass es sich um eine wahre Begebenheit handelt, um ein wahres Leben, und dass es kein Roman oder Märchen ist und das alles wirklich so passiert ist. Aber so ist es keine Biografie, dann ist es  eine... eine...was weiss ich...!“ Ich lege den Lappen auf den Tisch. „Paulinografie!“ – entfährt es mir.

Hannah lacht jetzt!

„Ja, nenn es doch eine ‚Paulinografie’! Sie hat sich doch auch ständig solche lustigen Worte ausgedacht. Paulinografie find ich gut!“

 Na toll, also eine Paulinografie!

 „Glaubst du denn überhaupt, dass jemand, der Pauline und all die Ereignisse nicht kennt, das alles wirklich glaubt?“

„Na, das meine ich doch die ganze Zeit,“ entfährt es mir mittlerweile etwas ungehalten weil ich mich nicht verstanden fühle, „als richtige Biografie mit richtigen Namen kann man sowas vielleicht doch nachprüfen, vielleicht wohnt man zufällig an dem Ort oder war zufällig in der Nähe oder hat von jemandem davon gehört! Das macht doch alles erst wirklich glaubhaft!“

„Nochmal: NEIN! Keine Nachnamen! Es wird eine Paulinografie!“

 Basta! Hugh! Hanna hat gesprochen.

 „Aber du musst mir schon helfen, Hannah! Ich weiss nur das, was ich mit Pauline erlebt habe und das, was sie mir erzählt hat. Aber die Zusammenhänge kenne ich nicht alle. Ich werde viele Fragen haben!“

„Ich helfe dir natürlich, soweit ich kann. Aber eigentlich muss Oma-Kleve dir helfen! Die weiss alles von Anfang an! Ruf sie an oder fahr hin und sprich das alles erstmal mit ihr durch. Und dann sehen wir, was wir machen...!“

So setze ich mich dann daran, ein Stück eines Lebens aufzuschreiben.

Ein Stück eines Lebens, das ich ungefähr sechs Jahre miterlebt habe. Am Anfang fast täglich, später fast nur noch ab und zu mal oder von aussen.

Ein Stück auch meines Lebens, von dem ich nicht weiss, wie es unter anderen Umständen verlaufen wäre.

Vorwort

Ich habe Pauline geliebt.

Sie mich auch. Jeder den anderen auf eine andere Weise. Wir waren nie wirklich zusammen aber doch fast jeden Tag zusammen. Für eine normale Beziehung wären wir zu verschieden gewesen. Auch vom Alter her. Aber jeder hat dem anderen etwas gegeben. Etwas von sich.

Es ist sehr schwer, von jetzt auf gleich loszulassen. Loslassen zu müssen. Weil der andere auf einmal nicht mehr da ist. Aus dem gestern noch so schönen und vertrauten Leben gerissen.

Doch ist und wird dies weder ein Liebes- noch ein Trauerstück. Die Momente der Liebe, die es sicherlich auch gab, gehen niemanden etwas an. Und mit der Trauer will ich Euch nicht belasten. Denn Pauline war lustig. Und immer (meistens) gut gelaunt. So habe ich sie in Erinnerung und so sollt Ihr sie auch kennenlernen.

Dass sie anders war als andere, merkte ich sofort als ich sie kennen lernte. Aber wie anders, konnte ich mir da noch nicht vorstellen. Ich habe Situationen mit ihr erlebt, die Ihr vielleicht dem Bereich der Fabeln zuschreiben werdet. Das ist jedem selbst überlassen. Pauline war keine Zauberin, die sich – würde sie heute noch leben – vor Publikum auf eine Bühne stellen würde und sagen würde: „Schaut her, was ich für aussergewöhliche Sachen kann!“. Sie war mit dem, was sie konnte, schlichtweg überfordert. Sie hat es nicht verstanden. Weil sie eigentlich ein ganz normales Mädchen war.

Wr glauben, dass sie deshalb gestorben ist.

Wir wissen es nicht. Auch die Polizei weiss es nicht. Die Akten sind heute geschlossen. Die vielen Fragen sind noch offen. Wir können sie nicht mehr fragen.

Ich bin ein nüchterner, pragmatischer Mensch, der nicht an übernatürliche Zustände glaubt. Der keinen Hokus-Pokus mag. Bis vor kurzer Zeit habe ich nicht einmal an Gott geglaubt. ‚Wenn es einen Gott gibt, dann soll er herkommen, sich bei mir vorstellen, seinen Personalausweis vorzeigen, auf dem steht: ich bin Herr Gott. Dann glaube ich es!’

Das war meine Meinung. Die habe ich mittlerweile aufgrund dessen, was ich erlebt habe, revidiert. Wenn ich entsprechende Fernsehshows sah, bei denen reihenweise Menschen hypnotisiert wurden und die witzigsten Sachen machten, habe ich mir an den Kopf gefasst, gesagt: ‚ich lasse mich nicht verarschen!’ und habe umgeschaltet. Das tue ich auch heute noch. Denn wenn einer übersinnliches, mysteriöses erlebt hat, dann glaube ich mit Fug und Recht sagen zu können, war ich das.

Ich habe ein fast ganz normales junges Mädchen kennengelernt, mit vielen Stärken, aber auch genau so vielen Schwächen. Das sie ein Freifräulein war, wusste ich am Anfang nicht. Das habe ich mehr oder weniger ungewollt und zufällig herausgefunden. Ob sie es mir jemals von selbst gesagt hätte, weiss ich nicht. Irgendwann habe ich an ihr Fähigkeiten entdeckt, sie sie selbst noch nicht lange hatte und die ihr eigentlich mehr Probleme als Vorteile bereiteten.

Ich bin auch heute noch niemand, der sagt:’die Welt ist voller Hexen, alles ganz normal’. Ich denke bei jedem Erlebnis, dass ich über Pauline aufschreibe, immer wieder darüber nach, wie es ‚auch’ gewesen sein könnte.

Ich gehe immer noch sehr kritisch damit um. Aber es gibt Dinge, die man sich nicht erklären kann, weil das menschliche Gehirn sie nicht erfassen, nicht verarbeiten kann. Dafür hat sich dann die Menschheit Begriffe ausgedacht wie Zauberei, Hexerei, Magie. Dies sind eigentlich nur Worte, die einen Zustand des Nicht-Begreifens ausdrücken sollen.

In diesem Buch werden Dir, dem Leser, manchen Situationen begegnen, wo du sagst: ‚absoluter Unsinn’ oder ‚so ein Quatsch’. Lies es dann gar nicht erst! Klapp das Buch hier an dieser Stelle zu und verbuche es unter ‚Fehlinvestition’. Vielleicht eignet es sich noch als Geschenk für einen netten Bekannten oder für den Flohmarkt.

Genau so wäre ich damit umgegangen, noch vor ein paar Jahren.

Trotzdem hat sich alles so, wie ich es aufschreibe, zugetragen. Ich liefere nicht etwa auf der letzten Seite die logische Erklärung für all dies. Die musst du dir gefälligst selber suchen, wenn du eine brauchst. Ich würde dir raten: Lass es!

Ich kann Pauline auch nicht mehr nach einer Erklärung fragen – sie ist tot.

Gestorben, - wahrscheinlich - weil sie es so wollte. Genau wissen wir es nicht.

Ich mache mir Gedanken darüber, warum – wenn es so war - sie es wollte.

Fast täglich mache ich mir diese Gedanken.

Denn das ist das grösste Rätsel, dass sie hinterlässt.

Vieles aus der Zeit mit Pauline habe ich weggelassen. Alles war schön und wichtig. Für mich. Als Inhalt für ein Buch eignet es sich nicht. So habe ich mich hier auf die wesentlichen Ereignisse beschränkt.

Dieses Buch ist kein Roman, sondern eine Art Biografie.

Eine Biografie über einen Lebensabschnitt zusammen mit dem wertvollsten Menschen, den ich je kennen gelernt habe.

Eine Paulino-grafie.

Oma-Kleve

Neuerdings fliege ich immer nach Kleve.

Nicht, dass ich jetzt den coolen Vielflieger raushängen lassen will, aber ich habe einfach nicht genug freie Tage neben meiner Arbeit, um vier Stunden mit dem Auto hin und danach auch wieder vier Stunden zurück zu fahren. Wenn kein Stau ist. Wenn auf der A 43 Stau ist, dauerts nochmal eine Stunde länger.

Ich habe herausgefunden, dass es eine kleine Bedarfsfluggesellschaft in Hamburg gibt, die den Flughafen Kleve-Emmerich anfliegt. Im Internet kannst du sehen, wieviele Anmeldungen zusammen kommen. Der kleine zweimotorige Flieger hat 26 Plätze, 20 müssen mindestens belegt sein, damit er auch tatsächlich fliegt. Dann dauert es zweieinhalb Stunden und kostet um die achtzig Euro, und schon bist du am Flughafen Weeze bei Kleve.

Vor dem Flughafengebäude steht schon der schwarze Mercedes S-Klasse von Oma-Kleve, ein altes Modell, aber immerhin noch jünger als Hermann. Der sitzt hinter dem Steuer und ist eingenickt. Als ich vorsichtig und ganz zart mit dem Finger gegen die Fahrer-Scheibe ticke, ist er sofort wach. Er schüttelt den Kopf kurz um schneller wach zu werden, schiebt sich eilig und verlegen die dunkelgraue Schirmmütze zurück auf den Kopf, von dem sie wohl während des Nickerchens ins Gesicht gerutscht war, und springt fast behende aus dem Auto.

„Ennntschullldigung!“ sagt er höflich und etwas verlegen. „War wohl gerade etwas eingenickt! Hatten Sie einen guten Flug?“

„Ja, danke, Hermann, er hatte nur etwas Verspätung!“

Wenn Hermann Chauffeur wäre, wäre er einer der alten Schule, sogar mir hält der kleine, alte Mann den Wagenschlag auf. Eigentlich war Hermann Bauer, Landwirt, mit eigenem Grund und Boden. Aber irgendwie hatte er damals Geld gebraucht, einen Kredit aufgenommen und konnte ihn nicht zurückzahlen. Die Bank wollte seinen Hof pfänden und ihm wäre nichts geblieben. Und so hat ihm Oma-Kleve den Hof abgekauft, er konnte den Kredit abbezahlen und hatte sogar noch ein wenig über. Und da er nun sowieso keinen Hof mehr hatte, machte er Besorgungen mit dem Auto von Oma-Kleve für Oma-Kleve. Und er chauffierte sie. Dazu hatte er sich eigens einen eleganten dunkelgrauen Anzug gekauft und eine dazu passende Schirmmütze. Oma-Kleve hätte dieses Outfit nie von ihm verlangt.

Eigentlich darf ich zu ihr auch Oma-Kleve sagen, das hat sie mir erlaubt. Aber eigentlich habe ich sie immer nur so genannt in Paulines Gegenwart oder zusammen mit ihren Eltern. Ihr allein gegenüber hätte ich das nie herausgebracht.

Ich sage immer ‚Frau von der Nette’ zu ihr, ihr richtiger Name ist Edelgardis von der Nette Freifrau zu Cleve-Hohenlaage.

Wir fahren vom Flughafen nach Norden, Oma-Kleve wohnt etwas ausserhalb. Wohnen ist gut. Sie residiert! Das Gut Hohenlaage liegt etwas ausserhalb von Cleve und war eigentlich mal ein Schloss. Im Laufe der Zeit und der vielen kleineren und grösseren Kriege seit dem Mittelalter bis jetzt wurde es oft zerstört, ausgebrannt und zerbombt. Nicht alles wurde wieder aufgebaut, so dass heute nur noch ein herrschaftliches Gebäude vom einstigen Schloss übrig geblieben ist. Dies ist dafür aber sehr schön und gross, hat, von der riesigen Eingangstür gesehen links und rechts zwei Flügel-Vorbauten und liegt in einem Wassergraben, der, wie Oma-Kleve sagt „zugegebener Massen nachträglich angelegt wurde“. Auch gibt es noch Teile der einstigen Mauer, die das Anwesen einmal umgab, und zwar genau an der richtigen Stelle, nämlich da, wo man ein grosses, schmiedeeisernes Tor als Einfahrt braucht.

Dieses Tor steht offen, weil Hermann es wohl bei seiner Abfahrt nicht geschlossen hatte. Das muss man schon noch per Hand machen.

‚So oft fahren wir ja nun nicht rein und raus, dass das elektrisch gehen müsste.’, so Oma-Kleves bescheidene Worte.

Auf dem Kopfstein gepflasterten Weg, der sich zu einem Kreis schliesst und so an der Haustür entlangführt, dass man vom Auto direkt ins Haus gelangt, umrunden wir halb das mahnende Standbild von Lohentina, dass auf der kreisrunden Rasenfläche steht, das schmelzende Schwert hoch über den Kopf erhoben.

Lohentina ist mit Sockel, auf dem sie steht, ungefähr drei Meter hoch.

Dieses Standbild sehe ich heutzutage mit anderen Augen, früher war es mir nicht besonders aufgefallen.

Frau von der Nette öffnet die Eingangstür des Herrenhauses, als der Wagen gerade vorfährt. Sie sieht so aus, wie man sich eine Freifrau vorstellt. Heute hat sie ein langes rotes Kleid an mit einem in Rot- und Brauntönen gehaltenen Schal, eigentlich ist es mehr ein Umhang, um die Schultern. Sie hat langes, wallendes weisses Haar, heute zu einem losen Zopf auf dem Rücken zusammengebunden. Aber sie ist überhaupt nicht herrisch und arrogant, wie man aus ihrer Erscheinung schliessen könnte, sondern eigentlich eher eine liebe Omi in den Achtzigern, mit für ihr Alter erstaunlich modernen und jungen Ansichten von allem und über alles. Sie winkt freundlich von der Treppe aus, bleibt aber in der Tür stehen.

Das Auto rollt noch fast, als ich schon die linke hintere Tür aufreisse. Ich will nicht, dass Hermann in seinem hohen Alter aus dem Auto hechten muss, um mir die Tür zu öffnen. Ich finde, dass geziemt sich irgendwie nicht. Ich bin schliesslich kein Freiherr!

„Na, da bist du ja schon, hattest du eine gute Reise?“ fragt Frau von der Nette. Sie duzt mich immer und irgendwie tut sie das zurecht. In ihrer Gegenwart komme ich mir irgendwie immer vor wie ein kleiner Junge.

„Komm herein...“ sie dreht sich ins Haus, stockt einen Moment und dreht sich dann wieder zurück zu mir: „... oder willst du zuerst...!?“ Ihre Hand deutet in die Richtung der kleinen Kapelle, die in einiger Entfernung rechts vom Haus steht. Sie ist umgeben von dem kleinen Ahnenfriedhof.

Ich muss schlucken, sehe unweigerlich dorthin, wohin ihre Hand weist.

„Ja... eigentlich... ja! Soll ich Carlo mitnehmen?“

Carlo

„Komm Carlo!“ rufe ich den Hund. Er liegt immer in der Küche, auf dem uralten, schwarz-weissen Fliesen-Mosaik des Fussbodens, vor dem Herd. Sommers wie winters. Nicht, dass er dort liegen müsste. Aber er ist schon alt, manchmal denke ich, er ist mindestens so alt wie die Freifrau, seine Zeiten, als er noch wirklich seinem Ruf als Jagdhund gerecht werden konnte, sind wohl schon sehr lange vorbei.

Man kann nicht wirklich sagen dass Carlo enthusiastisch und sofort angerannt kommt. Er kommt mehr angeschlendert, wenn das das richtige Wort ist für seine Gangart. In der Türfüllung der Küchentür bleibt er kurz stehen und sieht zu mir herüber. Er hebt den Schwanz ein wenig an, bewegte ihn zwei- oder dreimal von links nach rechts, was einem freudigen Wedeln gleichkommen soll. Etwas kraftlos lässt er es dann aber gleich wieder sein.

 „Komm Carlo,“ muntere ich ihn auf, „spar dir die Formalitäten des Schwanzwedelns und heb dir die Kraft auf, wir gehen ein Stückchen spazieren!“

Auch hier kann man nicht wirklich davon sprechen, dass er in Freude ausbricht, aber seine gute Erziehung als herrschaftlicher Hund erlaubt ihm keinen Widerstand und er kommt nun, sogar etwas beschleunigten Schlender-Schrittes, auf mich zu.

„Der wird auch immer älter,“ sagt Oma-Kleve, „früher hat er seine Leine gleich mitgebracht! Das ist wohl endgültig vorbei.“

 Ich nehme die Hundeleine, die Oma-Kleve mir anreicht, leine Carlos an und gehe mit ihm aus der Tür, nach links, Richtung Friedhof. Ohne Leine würde er auch jetzt noch versuchen, Hasen zu jagen, Frau von der Nette hat Angst, dass er sich dabei einen Herzinfarkt zuziehen könnte. Deswegen muss er auch für die paar hundert Meter an die Leine.

Wir gehen den Kiesweg entlang, der unter den Füssen knirscht, vorbei an gepflegten, stets gemähten und im Herbst immer von Laub befreiten Grasflächen aus englischem Zierrasen, unter alten Eichen und Kastanien entlang, die so dick sind, dass sie wahrscheinlich schon vor dem Bau des Schlosses hier standen, hin zu der kleinen weiss gestrichenen Kapelle.

Der Niederrhein ist katholisch, ein jedes Herrenhaus hat hier eine eigene Kapelle, in der Familienfeiern wie Gottesdienste bei Taufen, Hochzeiten und leider auch bei Todesfällen stattfinden.

Die Kapelle hat die Grundform eines T’s, wobei der linke Flügel des oberen T-Striches erst kürzlich und in aller Eile hinzugefügt wurde. Sie sieht eigentlich von ihrer Form her nicht aus wie eine Kapelle. Denn an den linken und rechten angebauten Seiten befindet sich jeweils ein grosses, schwarzes, nach oben abgerundetes Tor mit jeweils zwei Türflügeln, das eher an ein grosses, elegantes Scheunentor erinnert als an das einer Kirche. Das linke Tor wurde kürzlich eingebaut, damit eine Kutsche auf der linken Seite ein und auf der rechten wieder ausfahren konnte.

Ich gehe langsam und in Erinnerung mit Carlo auf die kleine Kapelle zu. Der rechte Flügel des Tores steht leicht offen, ich ziehe ihn mit der Hand ein wenig mehr auf, schaue hinein. Um die Ecke nach rechts kann ich den kleinen hölzernen Altar sehen, auf dem eine Kerze brennt. Nein, ich kann nicht hinein gehen, es geht nicht.

Die Erinnerungen kommen hoch, ich muss schlucken und fühle, wie mein Blick verschwommen wird.

Tür wieder zu, schnell weiter gehen.

Carlo sieht mich stumm an, ja er sieht jetzt traurig aus, wenn man das bei einem Hund erkennen kann, trottet neben mir her, nach rechts hinter der kleinen Kirche herum, ein paar Schritte noch. Dann setzt er sich.

In diesem Moment schiebt sich eine dunkelgraue Wolke vor die Sonne.

Ich bin einst evangelisch getauft, trotzdem schlage ich vor dem Grab ein Kreuz auf der Brust und falte die Hände, sehe einen kurzen Moment zu Boden und hebe dann den Blick.

Hier ruht

Pauline-Caroline Maria Rinildis Lorentina

Wohlgeborene derer von der Nette und

Ritterliches Fräulein zu Cleve und der Grafschaft Hohenlaage

(Pauline-Caroline von der Nette Freifräulein zu Cleve-Hohenlaage)

geb. 10. Februar          gest. 21. Juni

in Kleve/Niederrhein                   in Genf/Schweiz

Warum, Pauline?

steht mit goldenen, aufgesetzten Lettern auf dem mannshohen Grabstein aus schneeweissem Marmor, der ein angedeutetes, nach beiden Seiten abfallendes Dach hat, dass nach vorn über den Grabstein übersteht und rechts und links von zwei, ebenfalls schneeweissen, Marmorsäulen gehalten wird.

Nein, das steht da verdammt nochmal nicht drauf, auf dem richtigen Grabstein steht ihr richtiger Name, aber auf diesen Namen habe ich mich mit der Familie halt geeinigt! Entschuldige Pauline! Meiner Meinung nach sollte eine Biografie den richtigen Namen enthalten, aber es ist ja keine Biografie, sondern eine Paulinografie.

 Neben den Daten stehen auch noch die Jahreszahlen, aber die würden dieses Buch in eine bestimmte Epoche verweisen und ausserdem Rückschluss auf die Person gestatten. Der Todestag ist aber erst vor sehr kurzer Zeit gewesen.

Die Erde auf dem Grab ist frisch geharkt, das war sicherlich Hermann gewesen.

Schalen mit Blumen stehen darauf und eine Vase mit frischen Schnittblumen. Ich kenne mich nicht so doll aus mit Blumen, ich weiss nicht, welche es sind. Sie sind gelb und weiss.

Ich gehe langsam um das Grab herum und nehme eine Grabvase hinter dem grossen Grabstein weg, dort liegen noch mehr. Ich stelle meine mitgebrachten Blumen hinein und ordne sie sorgfältig. Sieben rote Rosen, ohne das Grünzeug, dass die Blumenläden so gerne als Volumen-Bringer hinzufügen. Pauline mochte das Zeug nicht.

„Rötliche Röschen werden durch grünliches Grünzeugs nicht bläulicher!“ sagte sie ganz oft, immer bevor wir irgendwo hin gingen, wo man halt Blumen mitnimmt.

Irgendwie sprach sie immer so lustig, auch als sie schon älter war. Ich ertappe mich manchmal dabei, dass ich auch so rede.

Ich stecke die Vase rechts vor dem Grabstein in die Erde. Jetzt fallt mir auf, dass ich noch Wasser bräuchte. Das kann ich auch nachher holen.

 Ich wische mit den Fingerspitzen leicht und vorsichtig, zärtlich, über das Bild von Pauline, dass in einem hochkant-ovalen, goldenen Bilderrahmen über der Schrift angebracht ist. Ich hatte ‚goldfarben’ schreiben wollen, aber Oma-Kleve hat mir erklärt, dass er wirklich echt vergoldet ist.

Es ist das Bild darin, das auf Frau von der Nette’s neunundsiebzigsten Geburtstag gemacht wurde – von mir.

 Ich kann nun das Heulen nicht mehr unterdrücken, auch jetzt, wo ich dies aufschreibe, muss ich heulen.

Auf dem Bild trägt sie einen eleganten weissen grossen Hut, der an einen Schlapphut erinnert, und ein weisses Kleid. Darüber, an einer goldenen Kette, hat sie ein grosses, goldenes Kreuz um den Hals, mit darin gefasst fünf Rubinen. Alter Familienschmuck.

 Als ich das Bild, auf dem etwas Staub war, abgewischt habe, fühle ich warme Strahlen im Nacken. Die dunkle Wolke ist weg, die Sonne scheint jetzt wieder für einen Moment. Komisch nicht?

 Carlo liegt vor dem Grab und hat den alten Kopf müde auf die Vorderpfoten gelegt. Er hat die Augen geschlossen.

„Komm, Carlo, lass uns gehen,“ sage ich traurig, schaue noch einmal zum Grab und gehe ein paar Schritte vor Richtung Schloss.

„Komm, Carlo, ich weiss du bist auch traurig, aber es hilft ja nichts.“

Carlo kommt nicht.

Als ich zurückgehe und ihm aufmunternd auf die Seite klopfe, regt er sich nicht.

Carlo ist tot.

Es beginnt wie aus Eimern zu regnen.

Lychee’s Lychees

Ich machte mir immer einen Einkaufszettel.

Das hatte ich von meiner Mutter übernommen. Mutter plante immer alles. Sie tat nie was, was nicht von vornherein festgelegt war. Sie war nicht so sehr spontan, glaube ich mich an sie zu erinnern. Meine Mutter starb als ich 34 Jahre alt war.

Ich kaufte auch nie Zeug, was ich gar nicht kaufen wollte. Meistens hielt ich mich strikt an den Einkaufszettel. Untypisch für einen Mann. Aber auch deshalb, weil ich nie Geld im Überfluss hatte. Es reichte meistens grad für die Einkäufe.

Ich nahm ein Glas löslichen Kaffee aus dem Regal. Stellte ihn gleich wieder zurück. Sieben neunundneunzig kostete der?? Den hatte ich immer gekauft, nie auf den Preis geachtet. Neues Jahr, neues Einkaufen lernen. Preisbewusster leben. Das sollte das Motto des Neuen Jahres werden.

Heute war der erste Tag des Neuen Jahres.

Neujahr.

Nur Schilling war heute geöffnet.

Schilling war immer geöffnet.

Jeden Tag, auch Sonntags. Auch Neujahr. Schilling auf der Reeperbahn, in Hamburg-St. Pauli.

 Da gabs noch einen anderen löslichen Kaffee. Noname-Produkt, zwoneunundneunzig. Das sieht doch gleich besser aus! Ab in den Einkaufswagen. Mal sehen, was brauchen wir denn noch?

 Peng!

 Von links kam etwas angerauscht und fuhr mir in die Einkaufskarre. In Hamburg sagt man ‚Einkaufskarre’.

Verlegenes, prustendes Lachen.

Mein Kopf ruckte hoch.

 Ich holte Luft zum Schimpfen, mein Gehirn versuchte, den Mund anzusteuern. Jetzt musst du   verärgert und genervt sagen: „...pass doch auf, Mensch!“.

Heraus kam ein Husten das die erste Silbe des Fluchens gleich mit hinaushustete. Stimme versagte.

Sie ging weiter, drehte sich nochmal um. „Sorry, tut mir leid!“ Ich sah dunkelblaue Augen, hellblonde Haare, ein Strähne fiel in ihr Gesicht, sie schloss den Mund, öffnete die Lippen nur an der rechten Seite und pustete Luft nach oben hindurch, um die freche Haarsträhne ihres zur Seite gekämmten Ponys gleich wieder auf ihren Platz zu verweisen. Sie winkte entschuldigend und bog mit der Einkaufskarre nach rechts ab, in den nächsten Gang.

Weg!

Ich beeilte mich, hinterher zu kommen, kam kurz darauf auch an den Gang, in dem sie verschwunden war. Von hinten sah ich nur blonde lange Haare, schlanke Figur, irgendwie geringelte Strümpfe bis übers Knie. Dann bog sie in einen anderen Gang.

Wieder weg.

Hübsch!

Ich versuchte mich darauf zu konzentrieren, meine Einkaufsliste abzuarbeiten. Ich kaufte irgendwelche Dosen-Suppen. Ich konnte gut kochen. Auch Suppe konnte ich eigentlich selber kochen. Nur hatte ich heute keine Lust dazu. Also kaufte ich nur Zutaten zum Verfeinern der Suppe.

Da war sie schon wieder!

Sie stand vor dem Chips-Regal, nahm eine Tüte heraus, las sich durch, was darauf stand und legte sie wieder zurück, nahm eine andere Tüte. Im langsamen Vorbeigehen beobachtete ich sie. Sie sah mich, grinste. Sie hatte ganz viele kleine Sommersprossen um die Nase. Und immer noch grosse, runde, dunkelblaue Augen. Ich ging weiter, nicht auffallen, ich fand sie gar nicht toll. Bin eigentlich noch eher sauer, weil sie mir in die Karre gefahren ist. Rücksichtslos! Pass doch besser auf!

Bei dem Versuch, sauer zu sein, zu werden, oder zumindest irgendwie so zu wirken viel mir unlogischerweise in diesem Moment ein, dass die Menschen wirklich –gegenüber früher- viel rücksichtsloser geworden sind. Oder schien mir das nur so? Ganz oft stehen Leute auf der Strasse und reden, und du musst zusehen, wie du an ihnen vorbeikommst. Oder sie stellen ihre Einkaufskarren mitten im ohnehin schon schmalen Gang ab. Dann musst du die Karre zur Seite schieben und dich irgendwie hindurch manövrieren. Rücksichtslos. Wie jetzt auch. Ich schob die Karre von einem jungen Bengel, der seinem Outfit nach der autonomen- oder Punk-Szene angehörte, so zur Seite, dass sie gegen den Stossschutz aus grauem Gummi, der unten am Regal angebracht ist, knallt. „Eh, aufpassen, ja?“ sagte der Punk auch noch.

Ich gehe weiter. Nochmal schnell und wie beiläufig umdrehen. Guckt immer noch, die lange Blonde. Ertappt. Schnell den Einkaufszettel durchlesen. Was steht denn da? Konnte mich gar nicht so recht konzentrieren. Bog nach rechts ab, das ist praktisch, da muss man ja gucken, ob keiner kommt, mit dem man zusammen fahren könnte, und man kann auch gleich mal rübergucken. Sie war weg!

Verdammt, wo ist sie denn? Ich schaute mich suchend um. Weg! Mist. Egal, Flirts im Supermarkt sind sowieso aussichtslos. Das Mädchen war wunderschön aber blutjung, will sowieso nichts von mir. Und was will ich von der? Quatsch! Ich war schon immer ein Pessimist.

Obst brauchte ich noch. Eigentlich mag ich kein Obst. Wenigstens ein paar Äpfel oder sowas. Also auf Richtung Obsttheke. Während ich versuchte, mich an den weiteren, rücksichtslos quer im Gang abgestellten, überquellenden Einkaufswagen einer türkischen Grossfamilie vorbeizuquetschen, sah ich von rechts einen Schatten vor mein Gesicht schnellen.

 Vollbremsung.

 „Wassss ist dasssss dennnnn????“ höre ich eine Stimme.

Kopf dreht nach rechts, Schreck fährt in die Glieder.

Vor meinen aufgerissenen Augen sah ich eine Hand mit langen schlanken Fingern und hübschen kurzgeschnittenen unlackierten Fingernägeln.

Ich liebe lange schlanke Finger mit hübschen kurzgeschnittenen unlackierten Fingernägeln.

Sie!

„Kennst du das? Kann man das essen oder ist das zum Werfen?“ Sie lachte über das, was sie gerade gesagt hatte und machte eine Handbewegung, als wenn sie werfen wollte.

„Das...äh... ist eine – Lychee...!“ presste ich heraus.

„Eine – was???“