Freiheit leben - Stefan Walter - E-Book

Freiheit leben E-Book

Stefan Walter

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Beschreibung

Was macht uns glücklich? Wie sieht ein erfülltes Leben aus? Wie finde ich meinen Weg dorthin? Auf der Suche nach Abenteuer und Herausforderung lässt Stefan das sichere Vorstadtleben hinter sich, um bei einem Jahr Work & Travel mehr von der Welt zu sehen. In Australien wird ein uralter Kombi das Basisquartier für die große Freiheit: Sterne zählen an einsamen Stränden, am Lagerfeuer sitzen und am Meer einschlafen. Er treibt Kühe durchs Outback, erntet Avocados, verzweifelt beim Schafe scheren und lebt einen ganz neuen Alltag. Diese erste große Reise verändert Stefans Leben und von nun an reist er, um herauszufinden, auf was es im Leben wirklich ankommt.

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Seitenzahl: 283

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Mehr über unsere Autoren und Bücher unter:www.naturzeit-verlag.de

1. Auflage März 2022

ISBN 978-3-944378-33-6

Naturzeit Reiseverlag e. K.

82288 Kottgeisering

www.naturzeit-verlag.de

[email protected]

Satz und Gestaltung: Stefanie Holtkamp

Lektorat: Lena Marie Hahn, Stefanie Holtkamp

Fotos: Stefan Walter

Karte und Illustrationen: iStock Bildagentur

Karte Umschlag innen und Illustrationen Seite 4, 51, 147, 161, 189, 201, 213, 261 dikobrazly

Illustrationen Seite 2, 73, 203, 225, 237, 249 ©Pazhyna, Seite 13 ©Alonzo Design, Seite 30, 163, 277 ©ksana-gribakina; Seite 53, 139 ©S-S-S; Seite 90 ©GalaChe, Seite 108 ©Vector illustration; Seite 129 ©Parkjisun; Seite 171 ©kvasay

Vertrieb: Geo Center, 70794 Filderstadt

E-Book: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt

Inhalt

Impressum

Prolog

1. Die Reise beginnt

2. Home is where you park

3. Auf Solotour

4. Auf ein Tief folgt ein Hoch

5. Yogis Königreich

6. Einsames Outback

7. Reisegefährten

8. Wanderfieber

9. Traumberuf Schäfer

10. Trickreicher Abschied

11. Kann man Zeit verlieren?

12. Heimreise

13. Zuversicht ist der Weg aus der Sackgasse

14. Bleibt unabhängig!

15. Du oder ich

16. Schildkrötensuche

17. Sehen wir uns im Meer?

18. Moderne Wüstennomaden

19. Asien ist magisch

20. Nordseeleuchten

Epilog

Danke!

Prolog

Vielleicht hast auch du schon von Veränderungen geträumt. Davon, dem Hamsterrad zu entfliehen: arbeiten, um Geld zu verdienen, Miete zu zahlen, ein Auto kaufen, um zur Arbeit zu fahren. Markenkleidung, Restaurantbesuche, Handyflatrate bezahlen. Noch mehr arbeiten, noch mehr ausgeben. So vergehen schnell die Tage.

Wie schwierig ist es, aus diesem Kreislauf auszubrechen! Einfach loslassen und neue Wege gehen ist viel leichter gesagt als getan. Vielleicht kann dir meine Erfahrung helfen, einen ersten Schritt zu tun, oder einen zweiten. Denn diese sind die mühevollsten.

Ich freue mich, wenn dir dieses Buch als Inspirationsquelle hilft. Ich möchte dich ermutigen, Erfahrungen in der Welt zu machen und sie mit neuen Augen zu sehen. Dadurch entsteht immer auch ein neuer Blick auf das eigene Leben: Weg mit Unzufriedenheit und Zweifeln. Her mit dem, was wirklich zählt: das, was dein Herz sagt!

Ich atme Freiheit. Weite. Eine Brise sorgt für eine Gänsehaut auf meinen Armen. Die Sonne steht schon tief und wirft ein magisches Funkeln auf das Wasser. Um mich herum ist alles grün: uralte Bäume mit verschlungenen Wurzeln, fremdartige Palmen rauschen im Wind. Über meinen Köpfen drehen gewaltige Flughunde mit schnellem Flügelschlag ihre Runden. Ich habe alles losgelassen und bin angekommen. Nun fühle ich mit allen Sinnen den Moment, auf den ich so lange gewartet habe. Vor mir steht das Symbol für meinen Aufbruch: Sydneys Opernhaus. Seine Konturen heben sich klar vom Himmel ab. Mein Herz schlägt schneller. Ein Jahr auf der anderen Seite der Welt liegt vor mir. Ein ganzer Kontinent und ein anderes Leben warten auf mich.

Rückblende in die niederrheinische Kleinstadt Tönisvorst: »Warum machst du das?«, fragen mich viele, als sie von meinen Plänen hören. Die meisten freuen sich für mich. »Toll, dass du das machst. Du wirst eine gute Zeit in Australien haben.« Wieder andere haben überhaupt kein Verständnis dafür. »Ein ganzes Jahr? Warum fängst du nicht direkt dein Studium an? Dann hast du keine Lücke im Lebenslauf. Nimm deine Zukunft doch besser in die Hand!« – Das Leben, die Zukunft in die Hand nehmen? Genau das mache ich doch, denke ich mir. Ich fange meine Zukunft in Sydney an. Dort wohne ich für drei Tage in einem Hostel und gehe alle nötigen Vorbereitungen für mein Abenteuer Australien an. Danach – keine Ahnung, wie es weitergeht. Aber irgendwie geht es doch immer weiter, oder?

»Und du weißt wirklich noch nicht, wo du schlafen wirst?«, fragen mich eigentlich alle. »Etliche ziehen dabei die Augenbrauen in die Höhe.« Ist das mutig? Kopflos? Fehlgeplant? Vielleicht habe ich einfach gar keine Ahnung, was da auf mich zukommt? Wenn doch so viele suggerieren, dass mein Plan unsicher ist, muss doch etwas dran sein. Ich beschließe, es selber herauszufinden und mein Vorhaben einfach genau so umzusetzen, wie ich mir das vorgenommen habe – voll jugendlichem Optimismus und Vertrauen ins Leben.

Die Wurzeln meines Abenteuers liegen schon in meiner Schulzeit. Neben binomischen Formeln und Primfaktorzerlegung lerne ich dort tatsächlich auch etwas fürs Leben. Ein junger Referendar zeigt uns in der letzten Stunde seiner Ausbildungseinheit Bilder aus Australien. Ein halbes Jahr lang ist er dort mit einem Work-and-Travel-Visum gereist. Er berichtet von Krokodilen, von Sonnenuntergängen, von Wüsten und von Küsten. In seinen Erzählungen kommen freundliche Einheimische vor, deren Lebensmotto »no worries« – keine Sorgen – heißt. Er erzählt, dass er perfekt Englisch gelernt hat und dass er anders zurückgekommen ist, als er aufgebrochen ist. So reift bei mir über die nächsten Jahre der feste Entschluss, den roten Kontinent selbst zu besuchen.

Mein Leben verläuft bis dahin genauso, wie es wohl in vielen Familien zugeht: ziemlich normal. Ich komme glücklicherweise aus einem heilen Elternhaus, habe gute Freunde und zu Abi-Zeiten machen wir uns das Leben so fantastisch, wie es geht: Partys bis zum Sonnenaufgang, endlose Tischtennisduelle im Sportverein, schwimmen gehen, gemeinsam rumhängen, Blödsinn machen. Alles, was das wohlbehütete Vorstadtleben so bereithält, probieren wir aus. Mein Zivildienst nach dem Abitur verläuft ruhig. Ich arbeite in einer Seniorenbegegnungsstätte. Entweder helfe ich im Café und koche Kaffee für die Senioren, oder ich besuche sie zu Hause und kaufe für sie ein, fahre sie im Rollstuhl spazieren und helfe ihnen in ihrem alltäglichen Leben weiter. Auch wenn es schön ist, für andere Menschen da zu sein: Besonders tiefgründig komme ich mir dabei nie vor. Weder beim Kaffeekochen im Zivildienst noch am Wochenende beim Partymachen mit meinen Freunden.

Irgendwie hätte ich es gern aufregender. Ich träume von einem Leben, in dem ich morgens noch nicht weiß, wo ich abends einschlafen werde, das nicht von Wochentagen und Uhrzeiten bestimmt ist. Ich möchte unkonventionelle Lebenskonzepte erproben. Erfahren, wie Leute arbeiten, leben, denken, die nicht Teil unserer durchgeplanten Gesellschaft hier in Deutschland sind.

Meine Mitschüler wirken während des letzten Schuljahres und auch während meiner Zivildienstzeit auf mich seltsam fokussiert: »Ich studiere International Business in den Niederlanden auf Englisch.« – »Ich mache ein duales Studium, so kann ich in den Semesterferien in einer Firma arbeiten.« – »Ich möchte meinen Bachelor machen und dann schnell in die Selbstständigkeit gehen.« Warum wissen eigentlich alle ganz genau, was sie beruflich machen wollen? Woher kommt ihr Selbstbewusstsein, zu wissen, was sie den Rest ihres Lebens tun möchten?

Dieses Selbstbewusstsein und die Zielstrebigkeit habe ich nicht. Ich weiß noch nicht ganz genau, was ich vom Leben erwarte. Ich weiß nur, dass ich rauskommen will. Wie ich mein Leben lebe, möchte ich selbst bestimmen. Ich habe diesen Traum von Freiheit. Heute möchte ich dies machen und morgen die Möglichkeit haben, etwas ganz anderes zu tun. Dabei geht es mir gar nicht so sehr um Ergebnisse, sondern ich möchte einfach ausprobieren. Ich will mich überraschen lassen, was bei der Reise rauskommt. Ohne ein konkretes Ziel oder eine Erfolgsaussicht zu haben, möchte ich einfach etwas anfangen. Es geht mir darum, aus meiner engen Welt herauszukommen, naturverbunden zu leben, viele Menschen kennen zu lernen und verschlossene Welten zu öffnen. Einfach aufbrechen.

Damals habe ich allerdings noch nicht den Mut, alles auf eigene Faust zu organisieren, was ich heute praktisch bei jeder Reise tue. Ich schließe mich einer Organisation an, die eine Gruppenausreise und ein Einführungsseminar in Australien anbietet. Dort versprechen sie Unterstützung bei grundlegenden Dingen wie der Beantragung eines Bankkontos und vermitteln Jobangebote. Sie geben anfängliche Orientierung, damit der Übergang reibungslos funktioniert. Die ersten drei Tage in Sydney sind organisiert und erst danach folgt der Sprung ins Ungewisse. Ganz am Anfang ist das Wissen, Unterstützung vor Ort zu haben, ein starker Rückhalt, der mich selbstbewusst macht. Schnell fühlt sich der durchgeplante Start in meine Reise aber auch einengend an. Ob das eine gute Idee war? Noch weiß ich es nicht, aber später wird sich herausstellen, wie überflüssig die Buchung bei einer Organisation war, denn über die unmittelbare Starthilfe hinaus leistet sie praktisch nichts.

Wie ich auf der Reise für mich sorgen soll, muss ich ohnehin selbst herausfinden. Ein Jahr soll mein großes Abenteuer dauern. Mein Zivildienstgehalt habe ich größtenteils gespart. Das bildet schon mal ein gutes Startkapital. Alles weitere möchte ich durch Jobs vor Ort verdienen. Das bedeutet aber auch, dass ich mich extrem einschränken und mit einem sehr kleinen Budget reisen werde. Ich muss schauen, wie ich es schaffe, die Reisekosten zu drücken. Aber der Gründer des Lonely Planet, der größten Reiseführermarke der Welt, sagte einmal in einem Interview: »Mit je weniger Geld du reist, desto mehr wirst du erleben.« Auf dieses Motto vertraue ich auch heute noch, obwohl ich mir mehr Komfort leisten könnte.

Je näher der Abflugtag rückt, desto mehr Zweifel überkommen mich. Werde ich das wirklich schaffen? Wo werde ich schlafen? Was werde ich mit der Zeit machen? Die ganzen an mich herangetragenen Sorgen scheine ich wohl doch nicht so leicht abschütteln zu können. Meine Zweifel wachsen.

Ich werde das schon irgendwie schaffen, sage ich mir. Und wenn nicht, dann bin ich halt gescheitert und komme zurück. Am Vormittag vor dem Abflug überkommen mich die größten Zweifel. Mir ist fast schlecht. Ich bekomme Angst vor meinem naiven Optimismus. Tief ein- und aus atmend denke ich mir: Jetzt kannst du es eh nicht mehr ändern. Mittags lege ich mich noch mal in der Sonne schlafen, dann fahre ich mit meinem Freund Felix zusammen zum Frankfurter Flughafen, wo ich den ersten Schritt in mein neues Leben gehen werde.

Mit einem leisen Ratschen öffne ich den Reißverschluss des Zeltes. Vor mir tut sich ein atemberaubender Ausblick auf: Tief unter mir rauscht das blaue Meer von allen Seiten. Gewaltige Wellen rollen auf die Klippe zu und brechen am dunklen Felsen. Die weiße Gischt spritzt überall hin. Die Sonne hat sich gerade über den Horizont bemüht und erleuchtet mit ihren warmen weichen Tönen die Landschaft. Sie erwärmt meine Haut und ich strecke mich. Die Welt ist mein Schlafzimmer. Die Zimmerdecke der tiefe Himmel, das Bett ist meine Isomatte und meine Decke der Schlafsack. Ich hole aus dem blauen Ford Falcon den Campingkocher und das Kaffeegeschirr. Während die blauen Gasflammen züngeln und meinen Morgen-Kaffee zubereiten, freue ich mich nur über diesen Augenblick.

Im Zelt hinter mir raschelt leise ein Schlafsack, als sich einer meiner beiden Reisebegleiter im Schlaf umdreht. Steffen und Felix sind genau wie ich mit einem Work-and-travel-Visum unterwegs. Felix ist schon seit Jahren einer meiner engsten Freunde und fand meine Idee von der Australienreise so faszinierend, dass er sich kurzerhand entschloss, nach seiner Bundeswehrzeit mitzukommen. Er möchte aber nur für ein paar Wochen die Weite Australiens erleben, bevor er sein Studium antritt. Steffen saß zufällig schon im Flieger nach Sydney neben uns und wir waren uns alle auf Anhieb sympathisch. Da wir mit derselben Work-and-Travel-Organisation aufgebrochen sind, saßen wir in Sydney auch gemeinsam im Vorbereitungsseminar und stellten fest, dass wir die gleichen Ideen und Ziele für unsere Reise haben.

So fahren wir nun zu dritt die Ostküste von Sydney nach Cairns Richtung Norden hoch. Allerdings nehmen wir nicht wie die meisten anderen den Backpacker-Touristenbus. Steffen hatte die bahnbrechende Idee, ein Auto zu kaufen. Da er kaum Englisch spricht, konnte ich ihm dabei gut helfen. Zügig haben wir in Sydney alles für unseren Trip organisiert und ein paar Startschwierigkeiten überwunden. Schon beim Visumsantrag vor der Abreise habe ich gemerkt, dass es Bürokratie nicht nur in Deutschland gibt. Wir müssen für die kleinen Jobs, die unsere Kasse auffüllen sollen, tatsächlich eine Steuernummer beantragen. Auch ein Postfach brauchen wir, in dem zukünftige Gehaltsabrechnungen gesammelt werden, und ein australisches Bankkonto. Bei der Autozulassung hätte ich mir einen Übersetzer für den Papierkrieg gewünscht. Doch nichts davon kann uns aufhalten.

Unser Zuhause an der Ostküste: ein uralter Ford Falcon.

Nach einem Abstecher in die Blue Mountains westlich von Sydney reisen wir immer am Meer entlang. Wir genießen es, einfach nur in den Tag hinein zu leben. Wenn Steffen und Felix später aufstehen, dann brauchen wir uns nur noch zu überlegen, was wir heute machen wollen. Schwimmen? Angeln? Durch den Wald laufen? Eine einsame Bucht suchen? Bodyboarding in den Wellen? Eine Wasserfalldusche? Alles ist möglich.

Totale innere Freiheit.

Aber was heißt eigentlich frei sein? Wir essen, wenn wir hungrig sind und schlafen, wenn wir müde sind. Wir angeln, wenn wir Lust auf Fisch haben. Wenn ich eine Auszeit brauche, lege ich mich an den Strand oder laufe durch den Wald, um Kraft zu tanken. Es ist meine Freiheit, zu vergessen, welcher Wochentag eigentlich heute ist. Abends schaue ich so lange ins Lagerfeuer, bis ich kein Feuerholz nachlegen möchte. Ich fühle die Freiheit, wenn ich den Sternenhimmel genieße, den Wind in meinem Gesicht spüre und die Sonnenstrahlen auf meiner Haut. Gerade ist das einzige Limit meiner Freiheit der Füllstand meines Bankkontos.

Felix kocht Nudeln mit Tomatensauce auf unserem kleinen Gaskocher.

Schwimmen in der starken Brandung der Ostküste ist auf jeden Fall ein guter Start in den Tag. Danach schmieden wir gemeinsam Pläne, verwerfen sie, verwirklichen neue – ohne To-do-Listen, aber immer mit einem Lachen. Unsere Reisegemeinschaft gibt mir gerade alles. Da, wo wir unseren Wagen anhalten und unser Zelt aufschlagen, wohnen wir. Wir brauchen keine Campingplätze und keine Hostels, nur einen schönen Ort irgendwo in der Natur. Wo wir niemanden stören und wo uns niemand stört. Da, wo ich die Freiheit spüre, wenn ich morgens den Reißverschluss des Zelts öffne und wenn ich ihn abends schließe.

Aber ist Freiheit wirklich grenzenlos? Nein. Denn die eigene Freiheit hört da auf, wo wir die Freiheit des anderen verletzen. Im Volksmund ausgedrückt: »Was du nicht willst, was man Dir tu, das füg auch keinem anderen zu.« Und so überspannen wir in unserem jugendlichen Leichtsinn auch schon mal den Freiheits-Bogen. Wir zelten in Port Macquaire am Shelly Beach, wo Zelten ausdrücklich verboten ist. Da wir uns in eine abgelegene Ecke verziehen, keinen Müll hinterlassen und niemanden stören, ist das in unserem Ermessen in Ordnung. Nach dem Aufstehen genießen wir die warme Salzwasserbadewanne direkt vor uns. Luxus pur. Keine Villa könnte mir ein komfortableres Gefühl geben. Wir genießen Strandspaziergänge und den Tag in den Wellen.

Neugierige Kängurus wecken uns früh am Morgen.

Ein anderes Mal geben wir spät in der Nacht die Standplatzsuche auf und beschließen, in der Kleinstadt Gympie einfach gemütlich im Stadtpark zu zelten. Wie jeden Abend bauen wir in weniger als einer Minute unser Igluzelt auf. Steffen schläft im Wagen und Felix und ich genießen den weichen Rasen als Matratze.

Am nächsten Morgen nimmt das Drama seinen Lauf. Das Ordnungsamt fährt vor. Ja, auch im freiheitsliebenden Australien gibt es diese Institution. Die beiden Ordnungshüter schauen streng, verweisen aufs Gesetz und die Warnschilder am Parkeingang. Sie verlangen, dass wir 340 Dollar Strafe zahlen. Wir diskutieren lange und versuchen uns herauszureden. Schließlich sind wir ahnungslose Touristen. Zum Glück zieht das Argument. Wir kommen noch mal so davon, wenn wir schnell verschwinden.

Steffens Ford Falcon ist die Schutzburg unseres Abenteuers. Wir haben den Wagen direkt in Sydney gekauft. Dort haben wir speziell nach Backpackerautos gesucht. Zuerst haben wir uns im lokalem Backpacker-Automarkt der Hauptstadt umgesehen. In einer unwirtlichen, trostlosen Halle hält ein Händler alte, teils schrottreife Autos und Vans bereit. Dafür verlangt er noch unfassbare Preise und versucht uns zu locken: »Ich kaufe euch den Wagen innerhalb eines Jahres für zehn Prozent weniger wieder ab, wenn ihr ihn in ähnlichem Zustand zurückbringt.« Später erfahre ich von anderen Backpackern, dass derartige Angebote immer eine Falle sind.

Am Aushängebrett unseres Hostels werden wir später fündig. Dort hängt eine Anzeige ganz klassisch mit kleinen Abreißzetteln. »Blauer Ford Falcon Kombi zu verkaufen. 18 Jahre alt, in gutem Zustand. Komplett mit Campingausrüstung, Kocher, Töpfen, Geschirr, Straßenkarten und Angelausrüstung.« Ich wähle leicht nervös die Nummer. Es ist mein erstes Telefonat auf Englisch. Wir verabreden uns mit Kelly. Die junge Britin empfängt uns am nächsten Tag. Wir betreten eine trostlose Wohnung im zweiten Stock eines heruntergekommenen Hauses, die sich vier junge Backpacker teilen. Kelly hat sich für einen horrenden Preis ein kleines Zimmer gemietet. Innenstadtlage in Sydney ist nichts für den kleinen Geldbeutel und große Ansprüche. Aber die Wohnung riecht nach Abenteuer. Besonders viele junge Briten leben, arbeiten, feiern in Sydney für ein paar Monate. Nach der Schule zieht es sie in ihr Gap Year, ihre Auszeit zwischen Schule und Ausbildung. Im Commonwealth-Staat Australien gelten für sie ähnlich liberale Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt wie für uns innerhalb der EU. Die jungen Leute halten sich mit Nebenjobs über Wasser und sammeln Erfahrungen. Kelly arbeitet als Kellnerin.

Sie zeigt uns den Wagen und versucht alle Vorteile hervorzuheben. Aber das ist gar nicht nötig. Der Falcon ist ein absolutes Schmuckstück. Natürlich ist er alt und verschrammt, aber er hat genug Platz für all unsere Träume.

»Meine Freunde sind schon in Neuseeland. Ich möchte jetzt endlich den Wagen verkaufen«, erzählt uns Kelly etwas traurig. »Dann möchte ich sofort losfliegen.« Soviel Freiheit ein Auto mit sich bringt, es kann natürlich auch zum Klotz am Bein werden. Uns ermöglicht das eine gute Verhandlungsposition. So schaffe ich es, einen wirklich guten Preis auszuhandeln. Für 1500 Dollar übernimmt Steffen den Wagen. Kelly ist glücklich, weil sie zu ihren Freunden weiterfliegen kann und wir sind glücklich, weil uns das Abenteuer ruft. Innerhalb nur weniger Stunden haben wir ein Auto gesucht, gefunden, gekauft und zugelassen. Wahnsinn, wie einfach und spontan die Dinge hier ablaufen.

Nicht jeder findet unsere Freiheit, irgendwo da draußen zu leben, zu kochen und zu schlafen, so romantisch wie wir. Es ist Samstagabend. Entgegen unseren Gewohnheiten kochen wir nicht Nudeln mit Tomatensauce oder Reis mit Hähnchen und BBQ-Sauce auf dem Kocher, sondern gehen zum All-you-can-eat-Buffet beim Chinesen. Und anders als sonst trinken wir nicht einen Absacker mit Blick aufs Meer, sondern gehen in Mackays Dorfdisko tanzen. Wir werden auf reichlich Tequila eingeladen, als ein paar andere Gäste hören, dass wir aus Deutschland kommen. So lernen wir Maggie kennen. Sie ist wie wir Anfang 20, aber wohnt noch bei ihren Eltern. Als sie erfährt, dass wir jede Nacht zu dritt in einem Auto oder Zelt schlafen, bedauert sie uns sehr. Was finden andere nur so komisch an unserer Freiheit? Sie lädt uns ein, bei ihren Eltern im Wohnwagen zu übernachten, wo es immerhin zwei breite Betten gibt. Wir fahren mit ihren Freundinnen und ihrer Schwester zurück und haben noch einen gemütlichen Abend mit sehr viel Bier im Caravan.

Nachdem am frühen Morgen die Mädels zurück ins Wohnhaus gewankt sind, stellen wir fest, dass eine riesige Spinne eines der beiden Betten blockiert. Sie sitzt hinter dem löchrigen Moskitonetz im Fenster direkt darüber. Handtellergroß ist sie. Ob sie giftig ist, wissen wir nicht. Völlig unbeeindruckt von uns wartet sie regungslos auf ihre Beute. Sie bräuchte sich nur runterplumpsen lassen und schon säße sie auf uns.

Zum Glück steht der Mensch nicht auf dem Speiseplan von Spinnen. Trotzdem entbrennt eine Diskussion über die Schlafplätze. Steffen erklärt sich schließlich heldenhaft einverstanden, im spinnenverseuchten Bett zu schlafen, vermutlich seinem Alkoholpegel geschuldet. Felix und ich legen uns zu zweit in das andere Bett. Hier liegen wir wunderbar. Wir sind schon fast eingeschlafen, als eine vertraute Person durch die Dunkelheit angewankt kommt. Steffen schmeißt sich in unser Bett. Der Angstschweiß steht ihm auf der Stirn. Im Endeffekt schlafen wir also noch beengter als im Falcon. Trotzdem: Australische Gastfreundschaft ist unschlagbar.

Tag für Tag nähern wir drei uns unserem gemeinsamen Ziel: Cairns, eine charmante Großstadt im Norden der Ostküste. Unterwegs erkunden wir Brisbane, gehen Feiern in Surfers Paradise und wandern in den Glass House Mountains.

Wir probieren herrlich zartes Krokodilfleisch, das wir direkt an einer Krokodilfarm kaufen. Oft essen wir Fisch, den wir selber angeln. Obst und Gemüse kaufen wir an kleinen Ständen direkt an den Feldern. Wir nehmen Boote zu Inseln im Great Barrier Reef. Dort schnorcheln wir nach Herzenslust. In Airlie Beach feiern wir und lernen Mädels kennen. Wir schwimmen in Wasserfällen im Regenwald und freuen uns über die natürliche Süßwasserdusche.

Unser Lebensstil ist unfassbar günstig. Wir geben nur Geld für Lebensmittel und Bier aus, für Sprit, kleinere Autoreparaturen, Eintritt und für Bootsausflüge. Unsere Reisekasse schrumpft sehr langsam, aber sie schrumpft. Da wir ein »working holiday«-Visum haben, wollen wir das ändern. Dieses Visum erteilt die Regierung an junge Menschen, die kurzzeitig in Australien leben und arbeiten wollen. Jeder kann damit in jedem Job arbeiten.

Allerdings gibt es einen Haken, der uns erst so richtig bewusst wird, als wir schon im Land sind. Man darf maximal drei Monate für denselben Arbeitgeber arbeiten. So vermeidet die Regierung die Unterwanderung von attraktiven Arbeitsplätzen durch Ausländer. Weil keine Bank, kein Ingenieurbüro einen Mitarbeiter für nur drei Monate einstellt, bleiben nur schlecht bezahlte Jobs für Backpacker übrig. Typischerweise arbeiten Reisende auf Feldern als Erntehelfer, im Service in der Gastronomie oder im Verkauf von bekannten amerikanischen Schnellrestaurants. Für solche kurzfristigen Jobs ist das Visum aber unschlagbar.

So fühlt sich Weite an: ein menschenleerer Strand in Queensland.

Schon in Gympie, auf der Hälfte unserer gemeinsamen Strecke, versuchen wir unser Glück. Wir haben von unserer Organisation Infomaterial mit Telefonnummern von potentiellen Arbeitgebern erhalten, die sich aber leider alle als nicht brauchbar erweisen. Manche fragen auch verdutzt, woher wir ihre Nummern haben. Unsere Organisation entpuppt sich in dieser Hinsicht als völlig rausgeschmissenes Geld. Sie vermittelt entgegen ihrer »Job in maximal fünf Tagen«-Versprechen gar nichts. Also müssen wir uns auf uns selbst verlassen und fahren einfach von Farm zu Farm. Von denen gibt es hier hunderte.

Aber auch bei allen Bauern ernten wir nur Kopfschütteln. Enttäuscht, dass Arbeit kriegen schwieriger ist, als unsere Organisation uns das versprochen hat, reisen wir weiter.

Wir fahren nach Bowen, wo wir auf den Showgrounds campen. Hier findet nächste Woche das jährliche Rodeo statt. Dann wird das kleine Dörfchen vor lauter Besuchern aus allen Nähten platzen. Bowen besteht sonst nur aus einem kleinen Dorfzentrum und endlosen Feldern. Am nächsten Morgen soll unsere Jobsuche starten. Wir sind optimistisch, dass wir hier Arbeit finden werden, haben aber trotz intensiver Bemühungen kein Glück. Wir schreiben uns bei zwei verschiedenen Agenturen ein, die Landwirtschaftsarbeiter an Bauern vermitteln, uns aber auch keinen Job anbieten können. Warum das denn so schwierig ist, wollen wir wissen, warum es keine Jobs als Erntehelfer gibt. Die klassischen Backpackerjobs sind doch vermeintlich so einfach zu kriegen? Die Antwort ist desillusionierend. Die Erntesaison ist in vollem Gange. Die Landwirte haben sich offenbar rechtzeitig um Personal bemüht und genügend Arbeiter gefunden. Auf den Felder wimmelt es nur so von Menschen, die für ein karges Gehalt im Akkordtempo Früchte pflücken.

Dennoch fahren wir am nächsten Morgen los und steuern auf eigene Faust viele Farmen an. Alle haben an ihrer Einfahrt ein Schild hängen: »No labour required« – keine Erntehelfer benötigt. Wir versuchen es trotzdem. Ich sage auf jedem Hof meinen Standardsatz: »We are three Backpackers, do you have some work for us?« Doch nirgendwo haben wir Erfolg. Stundenlang klappern wir eine endlose Reihe von Farmen ab, bevor wir uns enttäuscht auf die Suche nach einem Schlafplatz machen. Wir finden einen traumhaften Übernachtungsplatz, einsam, direkt am Meer auf roten Felsen. Ein wunderschöner Sonnenuntergang versüßt uns den Abend. Schöner kann man nicht schlafen. Von einem erfolglosen Tag lassen wir uns nicht unterkriegen.

Zum Schlafen suchen wir uns gerne Panoramaplätze.

Der nächste Morgen beginnt ähnlich. Von den ersten beiden Bauern bekommen wir Absagen. Doch auf dem Hof von Keith Ross haben wir Erfolg. Er begrüßt uns freundlich und sagt uns, dass er noch drei starke Helfer gebrauchen könne. In einem breiten ländlichen Dialekt gib er uns eine Beschreibung der Arbeit, die wir fast gar nicht verstehen. Wir freuen uns aber so über die Zusage, dass wir uns darum erst einmal nicht weiter kümmern. Morgen um 6.30 Uhr sollen wir wiederkommen und dann können wir alle Formalitäten mit den Steuernummern regeln. Was für ein Gefühl! Wir haben in einem fremden Land ohne fremde Hilfe einen Job gefunden. Unsere deutsche Organisation hat uns kein bisschen geholfen.

Dann geht’s los. 5.20 Uhr aufstehen. Wir sehen einen traumhaften Sonnenaufgang über dem Wasser und fahren in den kühlen Morgen. Keith begrüßt uns freundlich, er hat sogar unsere Namen noch im Kopf. Dann fahren wir auf der Ladefläche eines Lastwagens aufs Feld. Wir lernen direkt unsere drei Kollegen kennen: Jim, Neil und Adam, kräftig gebaute Australier, die diesen Job hauptberuflich machen. Die Verständigung mit ihnen ist schwierig, denn ihr ländlicher Akzent ist kaum als Englisch auszumachen.

Wir werden auf einem scheinbar endlosen Tomatenfeld in der angenehmen Morgenkühle ausgespuckt. Noch ist die Sonne erträglich, aber in ein paar Stunden werden wir sehr froh über lange Ärmel und Hut sein. Um den Pflückern einen Vorsprung zu geben, stutzen wir mit Macheten zunächst ausufernde Tomatenpflanzen zurecht. Dann geht es ans Einsammeln. Zwischen den endlosen Reihen der Tomatensträucher stehen in regelmäßigen Abständen gefüllte Eimer.

Unsere Aufgabe ist es, die Eimer mitsamt ihren rund 15 Kilo Inhalt über die parallel verlaufenden Strauchreihen zu unserem Kollegen zu heben, der sie zu einem weiteren Kollegen über die nächste Strauchreihe hebt, welcher sie in den nebenher fahrenden Lastwagen kippt. So können alle gepflückten Tomaten aus fünf Reihen schnell in den Laster gefüllt werden, der diese dann für die Verpackung zur Scheune bringt. Jeder volle Eimer ist mit einem Clip versehen, der anzeigt, welcher Pflücker ihn gefüllt hat. Wir sammeln die Clips ein, damit der Bauer weiß, welcher Pflücker wie viel Geld am Ende kriegt.

Die Arbeit wird mit der Zeit sehr anstrengend. Wir wuchten hunderte der Eimer. Zur Mittagspause greifen wir uns ein paar von den reifen roten Tomaten. Sie werden von den Pflückern sowieso hängen gelassen. Tomaten müssen unreif gepflückt werden, um matschige Exemplare zu vermeiden. Ich habe noch nie in meinem Leben so leckere Tomaten gegessen! Sie schmecken süßer als jeder Apfel und es wundert mich, dass Tomaten als Gemüse gehandelt werden und nicht als Obst.

Die anderen Arbeiter sind etwas einsilbig. Adam erklärt, dass er aus Perth kommt und Türsteher war, was zu seinem Massivholzwandschrank-Körperbau passt. Jim erzählt, dass er in Bowen geboren wurde, hier schon immer auf Feldern arbeitet und auch hier seine Frau kennen gelernt hat. Die kommt ebenfalls aus Bowen. Vermutlich werden sie hier auch nie wegkommen. Haben sie nicht die Freiheit, die wir gerade leben, wollen sie diese Freiheit nicht, oder wissen sie vielleicht gar nichts von dieser Freiheit? Immer in einem Ort leben? Immer auf Feldern arbeiten? Nie über den Tellerrand schauen?

Richtige Freunde werden wir nicht. Ich empfinde die drei nicht nur als einsilbig, sondern als feindselig. Vielleicht betrachten sie uns als Konkurrenz? Sie geben sich auf jeden Fall keine Mühe, ein gesittetes Verhalten zu zeigen. Sie rülpsen und furzen und haben sichtlich Freude daran. Ihr Slang ist so stark, dass wir sie kaum verstehen können, und interessiert an uns sind sie auch kein bisschen.

Die Arbeit wird am Nachmittag zur Qual. Wir haben schon unfassbar viele Eimer gehoben, die Arme wollen nicht mehr so richtig und die Sonne brennt unbarmherzig. Um drei Uhr kommt der Abpfiff. Was für ein Glück. Zurück am Hof unterhalten sich die drei mit dem Farmer und werfen ein paar feindselige Blicke herüber. Kurz darauf meckert uns der Bauer an: »Ihr arbeitet zu langsam. Ihr macht zu viele Pausen.« – »Was für ein Unsinn, die anderen waren genauso schnell wie wir. Außerdem war das unser erster Tag«, entgegne ich ihm. Aber aus irgendeinem Grund kocht er vor Wut, und wir beschließen, uns zügig zu verdrücken. »Morgen werden wir weitersehen«, knurrt er uns hinterher. Leicht irritiert und völlig ausgepowert fahren wir zu unserem Schlafplatz am Meer zurück. Um halb acht liegen wir im Auto und schlafen schnell ein.

Der nächste Arbeitstag fängt wieder früh an, nur dass mein Muskelkater ihn noch schlimmer macht! Bis zur Mittagspause, die wir wieder im Schatten einer Scheune verbringen, läuft die Arbeit okay. Dann macht die Sonne jede Bewegung zur Qual. Mittlerweile haben wir so viele Tomaten verladen, dass alle Supermärkte der Ostküste versorgt sein müssten. Unsere Kollegen sind heute noch einsilbiger als gestern.

Als wir am Nachmittag zurück auf dem Hof sind, kommt der Farmer zu uns und schnauzt uns an, dass wir immer noch nicht schnell genug arbeiten. »So ein Schwachsinn. Wir haben genauso schnell gearbeitet wie alle anderen auch«, entgegne ich ihm erneut. Wutentbrannt kündigt er uns. Anscheinend gibt es nicht genug Arbeit für sechs Farmarbeiter und so vermuten wir, dass uns die anderen loswerden wollten. Mit so einem Boss will ich aber auch keine Minute länger zusammenarbeiten. Ich weise ihn erst freundlich darauf hin, dass wir noch Geld bekommen. Dann erinnere ich ihn noch zweimal so lautstark daran, dass alle Packerinnen in der Scheune große Ohren kriegen.

Eine Wasserfalldusche macht glücklich.

Nach einigem Gemurmel rückt er schließlich einen Scheck raus, den wir noch am Nachmittag bei der Bank einlösen. Immerhin: eine akzeptable Summe für zwei schweißtreibende Tage. Hart erkämpftes Geld. Das war unser erster Job in Australien und er war schon eine Erfahrung für sich. Zum Glück entschädigt unser genialer Schlafplatz für alle Strapazen und den Ärger am Nachmittag.

Nach diesem kurzen Ausflug in die Arbeitstätigkeit fahren wir weiter Richtung Norden. In Cairns wollen wir noch gemeinsame Zeit verbringen. Wir möchten das Great Barrier Reef erkunden und schauen, was das Backpacker-Nachtleben dort so zu bieten hat. Mit jedem Kilometer wird die Luft heißer und schwüler, die Vegetation dichter und tropischer. Besonders die letzten 150 Kilometer haben es uns angetan. »The Great Green Way« hält viele Wasserlöcher und Wasserfälle bereit. In den Sümpfen lauern die gefährlichen Salzwasserkrokodile auf Beute. In den dichten Regenwäldern warnen Verkehrsschilder vor Unfällen mit dem Kasuar (Cassowary), einem australischen Laufvogel.

Die erste selbstgepflückte Kokosnuss.

Dann wird die Vorstadt dichter und wir fahren über die Zielgerade in Cairns ein. Auf der einen Seite freuen wir uns, weil es das finale Highlight unseres Trips ist. Auf der anderen Seite ist es auch das Ende. Unsere Wege werden sich nun bald trennen. Auf jeden Fall war die Idee mit dem Autokauf unglaublich gut. Wir haben sieben Wochen die totale Freiheit genossen.

In der Innenstadt treffen wir zufällig ein Mädchen wieder, das mit uns und der Organisation nach Sydney geflogen ist. Sie hat den beliebten grünen Backpacker-Bus genommen, um die Ostküste zu bereisen. Auch sie ist begeistert von ihrem Trip. Aber sie war immer darauf angewiesen, dass freie Plätze für ihre gewünschte Fahrtstrecke vorhanden waren. Sie war festgelegt auf die Route, die der Bus nimmt. Keine Möglichkeiten, mal links und rechts zu schauen. Spontan zu sein. Wasserfälle zu entdecken oder an einem Strand zu halten. Sie war abhängig von freien Betten in Hostels, die sie immer vorbuchen musste. Um Gewissheit zu haben, wo sie schläft, musste sie sich im Vorhinein festlegen. Ihre einzige Freiheit war, dass sie entlang der Route ein- und aussteigen konnte, wo sie wollte. Ziemlich wenig Entscheidungsfreiheit für ein Abenteuer fern von zu Hause, finde ich. Von den ganzen Orten, die wir abseits des Highways bereist haben, hat sie noch nie gehört. Nur von den Klassikern, Byron Bay und Fraser Island, wo alle halten. Wo das Werbefoto menschenleere Strände zeigt, man sich jedoch in der Realität nicht vor Touristen, Souvenirverkäufern und allgemeinem Menschengewimmel retten kann.

Roadtrip ins Unbekannte.

»Ich habe leider unglaublich viel Geld ausgegeben. Die Bustickets und die Hostel-Übernachtungen waren so teuer. Ich hab zu Hause so viel angespart, aber ich fürchte, damit komme ich nicht hin. Ich muss in Cairns so dringend Arbeit finden«, sagt sie verzweifelt.

Auch wir hatten unsere Tiefpunkte mit unserer speziellen Art zu reisen. Am ersten Tag, direkt als wir aus Sydney rausfuhren, ist der Wagen liegengeblieben. Der Kühler hatte ein Leck und wir mussten häufig Wasser nachfüllen. Im tropischen Norden, an einem wunderschönen Wasserloch abseits des Highways, sprang das Auto nicht mehr an. Nichts ging mehr. Kein Motorspray. Kein Starterkabel. Kein Anschieben. Kein Überbrücken. An einem einzigen, aufreibenden Tag haben wir einen Abschleppwagen organisiert und den Wagen reparieren lassen.

An einem anderen Tag hat Felix das Auto bei der Schlafplatzsuche mit einem Reifen in ein Loch gefahren, sodass wir die ganze Nacht schräg standen. Am nächsten Morgen zog uns ein Nachbar mit seinem Geländewagen raus. Unserem Dank entgegnete er einfach nur das australische Lebensmotto: »No worries!«

Aber sind es nicht genau diese Tiefpunkte, die wir besonders intensiv und als Abenteuer erleben? Sie ermöglichen Begegnungen, fordern uns heraus und werden zu den Reisegeschichten, die wir hinterher immer wieder erzählen. Nie im Leben möchte ich unserer freies Leben, bei dem am Morgen noch nicht klar ist, wo der Tag enden wird, gegen die Sicherheit und Bequemlichkeit eintauschen, die eine Reise mit dem Backpackerbus zu bieten hat.

Was ich gelernt habe:

› Ich liebe es, in den Tag hinein zu leben.

› Mit einem cholerischen Chef und feindseligen Arbeitskollegen kann ich nicht arbeiten.

› Freiheit macht mich glücklich.

Der große Abschiedstag ist gekommen. Heute werden meine Reisegefährten Steffen und Felix ihren Weg zurück nach Sydney antreten und ich werde mein Abenteuer hier im tropischen Norden allein fortführen. Sieben tolle Wochen liegen hinter uns. Sieben Wochen voller Freiheit, Freundschaft, puren Lebens, Abenteuer und Roadtrip-Romantik. Mich beschleicht ein mulmiges Gefühl. Ich habe mich so an unsere Reiseart zu dritt gewöhnt. Wir haben schließlich jede Minute in dieser Zeit geteilt. Und jetzt soll ich alleine klarkommen?

Unsere Organisation wird mir nicht helfen. Das ist schon mal sicher. Jetzt bin ich wirklich auf mich alleine gestellt. Aber warum sollte ich das nicht schaffen?

Auch für die beiden anderen wird es komisch sein. Felix wird in ein paar Tagen wieder vor der heimischen Haustür in unserer niederrheinischen Kleinstadt stehen und Steffens Freund kommt in vier Tagen in Sydney an. Dann werden die beiden in Richtung Uluru (Ayers Rock) aufbrechen.

Gemächlich schraubt sich der Falcon die Serpentinen ins Hochland hinauf. In einer Wohnsiedlung der kleinen Regenwaldstadt Kuranda halten wir an und misten unser Schlachtschiff aus. Unser ganzes Hab und Gut landet auf einer Wiese. Schlafsäcke, Kochutensilien, Kleidung, Vorräte fliegen durcheinander. Die vorbeifahrenden Menschen können nur den Kopf schütteln, so als wären wir Vandalen, die ihren Wohnort befallen. Dann, nachdem jedes Kleidungs- und Ausrüstungsstück im richtigen Rucksack verstaut ist, bringen mich Felix und Steffen wie verabredet um 14 Uhr zur Post in Kuranda. Hier habe ich mit Larry ein Treffen verabredet, sodass mein Abenteuer weitergehen kann.