Wahnsinnig! Glücklich! - Stefan Walter - E-Book

Wahnsinnig! Glücklich! E-Book

Stefan Walter

0,0

Beschreibung

Wie wollen wir als Familie leben? Wie können wir uns auf Reisen gemeinsam weiterentwickeln? Was wollen wir unseren Kindern mitgeben? In ihrer Elternzeit fernab von Job, Schule und Verpflichtungen brechen Stefan und Julia mit ihren drei Kindern ins Abenteuer auf: vier Monate Kanada und Mittelamerika. Sie kaufen einen alten Van und reisen in die Freiheit. Leben Lagerfeuerromantik in den Rocky Mountains, wagen sich auf Gletscher und begegnen Bären. Über die Freiwilligen-Organisation Workaway arbeiten sie gemeinsam mit KanadierInnen auf Farmen und lernen, wie autarkes Familienleben in einer Earthship Gemeinschaft läuft. In Mexiko baden sie in funkelndem Meeresleuchten, besuchen eine Dorfschule in Guatemalas indigenen Gemeinden und streicheln Rochen in Belize. Dieses Buch ist mehr als die Geschichte einer Reise. Es ist eine Erzählung von Mut und vom Scheitern, vom Reiz des Aufbrechens und Ankommens und von persönlichen Einblicken in ein ungewöhnliches Familienleben. Die wichtigste Botschaft: Glückliche Eltern haben glückliche Kinder. Auch mit Kindern können wir unsere Träume verwirklichen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 290

Veröffentlichungsjahr: 2024

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Stefan Walter

Wahnsinnig! Glücklich!

Vom Reisen mit Kindern. Ein Vater erzählt.

IMPRESSUM

Wahnsinnig! Glücklich! Vom Reisen mit Kindern. Ein Vater erzählt.

Stefan Walter

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der deutschen Nationalbibliografie.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

© 2024 360° medien I Nachtigallenweg 1 I 40822 Mettmann

360grad-medien.de

Das Werk ist in allen seinen Teilen urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung sowie Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Der Inhalt des Werkes wurde sorgfältig recherchiert, ist jedoch teilweise der Subjektivität unterworfen und bleibt ohne Gewähr für Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität.

Redaktion und Lektorat: Christine Walter

Satz und Layout: Lucas Walter, Marc Alberti

Gedruckt und gebunden:

LD Medienhaus | Hansaring 118 | 48268 Greven | ld-medienhaus.de

Bildnachweis: Alle Fotos im Innenteil: Stefan und Julia Walter, außer S. 171: Anda de Water Tours, Umschlag Rückseite: Luis Nelsen

ISBN: 978-3-947944-24-8

Hergestellt in Deutschland

360grad-medien.de

Stefan Walter

Wahnsinnig! Glücklich!

Vom Reisen mit Kindern. Ein Vater erzählt.

Inhaltsverzeichnis

Der Beginn der größten Reise

Freiheit in Florida

New York und worum es im Leben geht

Geschenke auf dem Weg nach Kroatien

In die Fremde eintauchen und bei uns ankommen: Singapur und Malaysia

Warum es so wichtig ist, dass Väter Verantwortung übernehmen – Elternzeit auf Norderney

Schulbefreiung? Geht das? Ja! Das! Geht! Auf nach Kanada!

Reise-Auto Kauf in Vancouver

Auf ins Abenteuer – Vancouver

Kolibris beim Frühstück – British Columbia

Die Sache mit der Komfortzone – Rocky Mountains

Als Familie autark sein? – Leben im Earthship Rocky Mountains

BäraLAMAnlage – Vancouver Island

Das Ende ist der Anfang – Vancouver

Leuchtendes Meer – Mexiko

Guatemala – Die Mayastadt Tikal nur für uns

Was sollen unsere Kinder lernen? Workaway in Guatemala

Die Rochen kommen um vier Uhr – Belize

Heimreise

Nachwort

Danke

Der Beginn der größten Reise

Eine Seekuh in freier Natur zu erleben ...

Die Seekuh mit ihrem Baby überholt uns. Ganz langsam. Mit ruhigen Bewegungen gleiten die beiden unter unserem Kanu hinweg Richtung warmer Quelle. Julia und ich sehen ihnen nach und hören auf zu paddeln, um den magischen Moment nicht zu zerstören. Ich stoße einen Freudenschrei aus. Wir haben es geschafft. Wir sind nach Florida aufgebrochen und haben diesen Ort mit glasklarem Wasser, verwunschenen Bäumen und diesen freundlichen Tieren gefunden. Zwischen uns kniet Hanna im Boot und schaut mich mit ihren blaugrünen Augen fragend an. Ich könnte sie umarmen vor Glück. Seit neun Monaten wirbelt sie jeden Tag und jede Nacht meines Lebens kräftig durcheinander. Jetzt gerade ganz besonders. Julia, mit der ich seit zwölf Jahren zusammen bin, und ich haben uns eine Auszeit von Alltag und Beruf, von Routine und Häuslichkeit gegönnt. Wir sind ausgebrochen, um herauszufinden, was Leben als Eltern alles bedeuten kann. Gedanken schießen durch meinen Kopf. Die Welt um mich herum wird klein und reduziert sich gerade nur auf uns drei in diesem Kanu, auf diesen Fluss in der herrlichen Natur. Tief aus meinem Bauch steigt eine Erkenntnis hoch und mich überkommt ein Glücksgefühl: Ja, auch mit Kind können wir unser Leben so leben und erleben, gestalten und genießen, wie wir uns das vorstellen. Und es ist noch so viel besser als früher. Dieser kleine Mensch zwischen uns, mit dem süßesten Lächeln der Welt, macht jede weitere Minute meines Lebens zu einem besonderen Moment – nicht nur wenn unter mir Seekühe vorbeiziehen.

... ist wirklich ein magischer Moment

Neun Monate vorher. Wir sind Eltern. Drei Worte. Nur ein simpler Satz. Aber diese drei Worte verändern unser Leben wie keine andere Entscheidung, die wir jemals getroffen haben – deren Ergebnis wir so sehnlichst her gewünscht haben. Eine Weggabelung im Leben, an der wir nicht mehr umdrehen können. „54 Zentimeter, 3995 Gramm, Geburtszeit 17:08 Uhr, herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Tochter Hanna. Ich werde jetzt nochmal nach Ihrer Frau sehen“, sagt mir die Hebamme im Familienzimmer und geht nochmal zurück in den Kreißsaal. Ich bin emotional noch mitgenommen von der langen Geburt, von dem Beruhigen und Händchenhalten, dem Unterstützen und Für-Julia-da-sein. Und dann liegt auf einmal dieses kleine Zauberwesen auf meinem nackten Oberkörper. Weil Julia noch medizinisch versorgt wird, verbringt Hanna die ersten 20 Minuten ihres Lebens auf mir. Sie ist wach, präsent und schaut mich an. Mir kommen Freudentränen vor Rührung. Ich habe eine Tochter. Ich bin Vater. So viele Gedanken habe ich und so viel möchte ich sagen. Aber was sagt man zu einem frisch geborenen Säugling? „Willkommen bei uns? Willkommen im großen Abenteuer, das sich Leben nennt? Wir haben dich sehnlichst erwartet?“ Kein Satz macht wirklich Sinn! Trotzdem spreche ich, um irgendwie Kontakt aufzubauen, die Stille zu vertreiben, sie zu beruhigen. Ich habe schließlich keine Ahnung, was ich tun soll, wenn sie anfängt zu schreien. Ich halte sie vorsichtig, aber sicher fest, um ja nichts falsch zu machen. Nichts kann dich auf diesen Moment vorbereiten. Kein Geburtsvorbereitungskurs und keine anderen Babys im Freundeskreis. Ein Moment voller Wärme, Glück und Geborgenheit, der mich so mitnimmt und den ich nie wieder vergessen werde.

Wir werden für unseren Mut aufzubrechen ...

... und über die Flüsse Floridas zu paddeln reichlich belohnt

Nach der Geburt bekommen wir viel Besuch und noch mehr Glückwünsche. Familie und Freunde kommen vorbei und wir platzen förmlich vor Stolz, schließlich lässt ein süßes Baby alle Herzen dahin schmelzen. Alle freuen sich für uns und die Älteren schwärmen von ihrer Zeit als junge Eltern. Neben all den warmen Worten machen sich aber auch gutgemeinte Ratschläge breit. Speziell eine Lebensweisheit hören wir immer wieder: „Jetzt ändert sich euer Leben. So ein Baby braucht Ruhe. Euer Leben spielt sich ab jetzt zu Hause ab.“ Sätze, die in meinem Kopf nachhallen, in meinem Bauch rumoren und sich in meinem ganzen Körper querstellen.

In den nächsten Wochen spielt sich das Leben ein. Wir verbringen unsere erste Zeit tatsächlich zu Hause im schönen Bismarckviertel in Krefeld. Wir wollen schließlich Sicherheit kriegen im Elternsein. Routine im Windelwechseln, Baby schuckeln, baden. Der Kinderwagen und die Babytrage werden aber unsere wichtigsten Hilfsmittel. Denn wir wollen uns nicht in unserer Wohnung einigeln und verstecken. Vor allem die vielen Parks und Alleen, die grünen Adern der Viertel um unsere Altbauwohnung herum haben es uns angetan. Hanna ist ein perfektes Einsteigerbaby. Sie hat ein ruhiges Gemüt, schreit wenig und wenn doch, lässt sie sich immer mit einer Portion Muttermilch beruhigen. Wenn ich von der Arbeit als Sport und Englischlehrer an einem Gymnasium am Niederrhein zurückkomme, liebe ich es, mit ihr nach draußen zu gehen. Das gibt Julia die dringend benötigte Pause, denn ihre Nächte sind durch viele Stillpausen zerstückelt. Ganz entspannt hängt Hanna dann in der Trage an meinem Bauch und lässt sich bereitwillig mitnehmen, genießt es ganz nah bei Papa zu sein. Ebenso wie der Papa. Wenn wir dann spazieren gehen, überkommen mich Glücksgefühle, ich denke mir: „Wahnsinn, du bist jetzt Vater. Du hast eine gesunde Tochter. Ich kann meine freie Zeit mit Hanna komplett genießen. Alles ist perfekt.“ Scheinbar. Aber irgendwo in mir drin rumoren diese Sätze immer noch.

Als Hanna abends satt und zufrieden auf Julias Schoß eingeschlafen ist, berichte ich Julia von meiner Idee, die während der vielen Spaziergänge gekeimt ist: „Ich wünsche mir ein Leben, in dem ich voll und ganz für Hanna da sein kann. Nicht gedanklich hin- und hergerissen zwischen Beruf und Familie. Nach Schulschluss schnell nach Hause hetzen, um dich zu entlasten und meine Unterrichtsvorbereitungen in die Pausen im Familienleben schieben.“ Julia runzelt die Stirn. „Genau dafür ist doch Elternzeit da! Wir hatten doch schon mal überlegt, dass du auch Zeit vom Job frei nimmst.“ Ich spüre, wie mein Herz schneller schlägt. „Ich möchte mehr für Hanna da sein als die üblichen zwei Monate. Ich möchte Verantwortung übernehmen, auch wenn du nicht zu Hause bist, sondern auf der Arbeit. Und auf gar keinen Fall möchte ich, dass sich unser Leben von jetzt an zu Hause abspielt“, entgegne ich unsicher. Julia sieht mich mit ihren großen braunen Augen an. Damit keine Pause entsteht, spreche ich hastig weiter. „Ich hatte an zehn Monate gedacht. Und ich würde gerne einen Teil mit deiner Elternzeit überlappend nehmen, sodass wir drei reisen können“, versuche ich entschlossener zu sagen.

Freiheit und Reisen waren immer ein existenzieller Bestandteil meines Lebens und unseres Zusammenlebens. Nach dem Abitur bin ich für ein Jahr nach Down Under aufgebrochen. Ich habe mein sicheres Vorstadtleben verlassen und bin in eine neue Welt eingetaucht. Ich habe in einem alten Kombi gelebt, den Wagen abends geparkt und dort geschlafen, wo ich gerade war: Am Strand, im Wald, in den Bergen. Ich habe den Sternenhimmel beobachtet und am Feuer gesessen, bin mit dem Gesang der Vögel aufgestanden und in den Wellen geschwommen. Zwischendurch habe ich auf Farmen gearbeitet, Rinder durchs Outback getrieben und bin beim Schafe scheren in Neuseeland verzweifelt. Selten wusste ich, welcher Wochentag ist. Das ist Freiheit. Und Selbstbestimmung. Auch nachdem Julia und ich uns bei einem Segelkurs in Deutschland kennengelernt hatten, waren Abenteuerreisen mit Backpack immer ein fixer Bestandteil in unserer Beziehung.

„Vielleicht haben mich deshalb diese Sätze so getroffen“, sage ich zu Julia. Wir waren immer viel unterwegs. Ich möchte nicht ein normales Leben führen. Arbeiten, vorsorgen, sichern. Kaufen, noch mehr kaufen und im Hamsterrad immer schneller laufen. Noch mehr arbeiten, Teureres kaufen – so schnell vergehen die Tage, Wochen werden zu austauschbaren Jahren. Aber wenn man einmal in diesem Kreislauf drin ist, ist es schwierig wieder herauszukommen. Julia weiß wie immer, was ich brauche und baut mich mental auf: „Dann ist doch Elternzeit die Lösung. Wir müssen kein normales Leben führen. Es ist unser Leben. Wir können und dürfen es so gestalten, wie wir das für richtig halten. Und wenn ich nach dem ersten Jahr Elternzeit in meinen Job zurückkehre, dann übernimmst du Hannas Betreuung.“ Was für eine befreiende Botschaft. Meine Gedanken rasen und ich spüre pure Lebensfreude in mir aufsteigen. In einem Punkt sind wir beide uns ganz einig. Wir möchten Hanna nicht mit einem Jahr in Fremdbetreuung geben. Dafür ist die gemeinsame Zeit mit einem Kleinkind einfach zu wertvoll. Da wir durch Elterngeld auch finanziell nicht auf ein doppeltes Einkommen angewiesen sind, werden wir einfach zwei längere Elternzeiten wagen.

„Wohin möchtest du denn reisen?“, unterbricht mich Julia in meinen Gedanken. „Ich hatte an Florida gedacht. Da ist es auch im Winter warm, sicher, es gibt westliche Hygienestandards und medizinische Versorgung“, platzt es aus mir heraus. Mir fallen zuerst die rationalen Dinge ein. Fakten, die Julia beruhigen sollen und mich selbst auch. „Außerdem ist es der Sunshine State. Es ist das Land der endlosen Strände, warmem Meerwasser, wunderschöner Inseln. Berauschende Natur mit Flamingos, Seekühen und Delfinen, den Everglades und noch mehr Wildlife. Es ist der perfekte Ort, um mit dem Mietwagen herumzufahren und die Schönheit der USA zu erkunden.“ Julia ist sofort interessiert. In den nächsten Tagen lese ich Blogs und Zeitschriften und finde mich bestätigt. Andere junge Familien sind schon vor uns nach Florida aufgebrochen und sind offensichtlich auch gesund wieder nach Hause gekommen.

Der Test für die große Reise ist geglückt ...

Die folgende Zeit bestätigt uns in unserem Vorhaben, obwohl wir noch niemandem von unserer Idee erzählen. Hanna ist immer dann glücklich, wenn wir in der Nähe und für sie da sind. Im Notfall hilft Muttermilch immer. Dafür müssen wir aber nicht zu Hause sein. Ob wir bei meinen Schwiegereltern im westfälischen Ahlen übernachten, bei Freunden auf unserer Lieblingsinsel Norderney oder bei Freunden in Paderborn ist ihr egal. Überall findet sie etwas zu erkunden. Auch die langen Autofahrten sind kein Problem. Meistens schläft sie gemütlich ein, sobald der Motor brummt. Selbst bei einer Hochzeit schlummert sie gemütlich an mir in der Trage – auf der Tanzfläche. Hanna ist einfach ein Reisebaby.

Als Hanna ein halbes Jahr alt ist, fliegen wir nach Griechenland. Die Liste der Bedenken, die vorher an uns herangetragen wird, ist lang: „Das ist doch viel zu heiß für ein Baby. Ihr könnt doch nicht per Mietwagen durch Griechenland fahren. Das ist viel zu gefährlich. Was, wenn was passiert?“ Meine rationalen Einwände, dass auch in Griechenland Babys groß werden sollen, helfen nicht ­gegen irrationale Ängste. Ich versuche mich gegen weitere Bedenken abzuschotten, und unser Bauchgefühl spricht ein klares: JA!

... wir erkunden die Meteora Klöster auf dem griechischen Festland

Wir reisen mit Mietwagen zu den Meteora Klöstern, zu Ausgrabungsstätten und besichtigen charmante Bergdörfer. Wir genießen das Essen und das milde Herbstwetter. Hanna ist der Eisbrecher schlechthin. Am Mittelmeer haben Babys einen ganz anderen Stellenwert in der Öffentlichkeit als bei uns. Ihre blonden Locken sorgen für große Augen und Lachen in den Gesichtern der Griechen. Wir werden oft angesprochen und immer willkommen geheißen. Alle Menschen freuen sich, dass wir als junge Familie ihr Land besuchen. Probleme hatten wir vor Ort keine, zumindest keine anderen als bei uns zu Hause. Generalprobe geglückt!

Dann buchen wir unser Abenteuer. Einen Hinflug nach Miami und einen Rückflug von New York. Dazwischen sieben Wochen, die wir drei ganz nach Herzenslust füllen können. Danach werden wieder sehr viele Bedenken an uns herangetragen: Ihr könnt doch einem Baby nicht einen zehnstündigen Flug zumuten! Und erst recht nicht euren Sitznachbarn! Da gibt es doch Mücken, die Krankheiten übertragen. Ihr wollt zelten? Das ist doch unsicher! Was ist, wenn Hanna nachts schreit? Florida ist so weit weg … Vielleicht ist es deutsch, sich so viele Sorgen zu machen, was alles passieren kann? Angst vor Ereignissen, die nicht in Routine und Komfortzone liegen? Furcht vor der Entfernung? Vielleicht aber auch normal für das engere Familienumfeld? Ich habe mich im ganzen Entscheidungsprozess immer von meinem Bauch leiten lassen. Natürlich sind mir auch Bedenken durch den Kopf geschossen. Aber ich habe so gut es geht versucht, die Gedanken nicht davon galoppieren zu lassen, sondern mich immer von meinem Bauchgefühl leiten zu lassen. Julia auch. Zwei Bäuche fühlen: Auf nach Florida!

Freiheit in Florida

„Ihr könnt bis zu drei Jahre eine Auszeit vom Beruf nehmen? Ihr habt danach Anspruch darauf, in eure alte Position zurückzukommen? Dafür bekommt ihr Elterngeld vom Staat? Unglaublich, was Eltern in Deutschland für ein Glück haben. Wenn ich nicht sieben Wochen nach Geburt zurück im Job bin, habe ich die Kündigung im Briefkasten. Sogar die Krankenhauskosten für die Geburt habe ich selbst bezahlt.“ (Cynthia, Florida, getroffen in Crystal River)

Im Landeanflug auf Miami komme ich aus dem Staunen nicht mehr heraus. Wolkenkratzer stehen nicht nur im Zentrum, sondern auch auf vorgelagerten Inseln. Ein schnurgerades Straßennetz voller Autos. Wasserwege durchziehen Teile der Stadt. Ich erkenne den Strand und das Funkeln des türkisfarbenen Meeres. Wir sind endgültig dem düsteren Winterwetter Deutschlands entkommen. Nach zehn Stunden Flug sind die Eltern gerädert und Hanna topfit. Sie hat schließlich die meiste Zeit auf Mamas Schoß verschlafen. Ganz friedlich, ohne irgendwelche Nachbarn zu stören. Die ersten Bedenken von außen sind also noch nicht mal eingetroffen, bevor wir überhaupt einen Fuß auf amerikanischen Boden gesetzt haben.

Nachdem wir am Gepäckband waren, geht mein Fitnessprogramm los. Wir haben sehr viel Gepäck. Nein, es gleicht eher einem Umzug. Unsere Idee zu campen, verfluche ich in diesem Moment. Julia trägt ihren Backpack, Hanna in der Trage am Bauch und einen Daypack. Ich habe meinen Rucksack und schiebe ein weiteres Gepäckstück im Buggy vor mir her. Den Kindersitz für Hanna balanciere ich oben auf dem Buggy. Am Boden liegt immer noch ein Umzugskarton voll mit Campingutensilien. Den schiebe ich mit einem Fuß vor mir her. Durch das endlose Terminal. Treppen hoch, Treppen runter. In den Skytrain, aus dem Skytrain. Holen uns am Mietwagen Office den Voucher. Warum schaut mich die Dame am Schalter stirnrunzelnd an, während sie mich fragt, ob die Kleinwagenbuchung korrekt ist? Wir schleppen uns ins Untergeschoss, ich trete weiterhin den Umzugskarton vor mir her – die einzige Möglichkeit das unhandliche Paket zu transportieren. Ich bin schweißgebadet. Dann stehen wir in einer gigantischen Halle voll mit blitzenden Autos. Schon kommt ein Mitarbeiter auf uns zu. Louie begrüßt uns amerikanisch überschwänglich und heißt uns herzlichen in Amerika willkommen. Dann sieht er Hanna, wie sie bei mir in der Trage hängt: „Oh, was für ein süßes Baby. Wie alt? Wie heißt sie? Mach ihr Urlaub hier in Florida?“ ‚Ich verstehe, dass es eher nach einem Umzug aussieht‘, denke ich mir und will zu einer Antwort ansetzen, die uns weniger wie Reiseanfänger aussehen lässt. Dann sieht er uns genauer an. Er sieht diesen riesigen Haufen Gepäck und runzelt die Stirn: „Geht ihr irgendwie Campen oder so? Mit einem Baby?" Innerlich sacke ich zusammen. „Ist diese Idee denn so abwegig? Geht das wirklich nicht? Wir lieben es halt in der Natur zu sein und außerdem sind Hotels in Florida in der Hauptsaison nicht zu bezahlen. Nicht für die lange Zeit, die wir planen zu bleiben.“ Bevor ich mich rechtfertigen kann, schaut er in meinen Mietwagen Voucher. „Ihr habt einen Kleinwagen gemietet?“ Jetzt bin ich kurz vor dem Zusammenbruch. In Amerika fährt jeder Mensch ein riesiges, völlig überdimensioniertes Auto. Wir sind da eher deutsch ökonomisch orientiert. Eine dreiköpfige Familie mit so etwas Abwegigem wie einem Zelt und Kleinwagen passt einfach nicht in sein amerikanisches Weltbild. Kopfschüttelnd holt er seinen Kugelschreiber raus und schreibt auf den Voucher: „Free upgrade – Minivan“ drunter. „Nehmt euch ein richtiges Auto. Ihr habt wirklich eine süße Hanna. Viel Spaß in Florida.“ Und so verlassen wir die Halle mit einem Gratis-Upgrade-Minivan.

Wir kämpfen uns durch das dichte Verkehrsgewühl von Miami, biegen auf den Freeway und fahren Richtung Süden. Unser erstes Ziel liegt da, wo das Festland aufhört, wo Florida am schönsten sein soll. Auf den Keys. 100 Meilen blauer Himmel, grünes Wasser und Fröhlichkeit. Hier lebt sich die leichte Seite Amerikas, das Meer ist immer nur einen Steinwurf entfernt. Über tausend Inseln sind es und ein Highway verbindet viele davon mithilfe von unzähligen Brücken bis zum südwestlichsten Punkt: Key West.

Auf den Zeltplätzen auf den Keys haben wir Ruhe und viel Zeit nur für uns

Auf Key Largo schlagen wir unser Zelt auf einem Campingplatz auf, den ich schon von Deutschland aus telefonisch gebucht hatte. Wir genießen das milde Wetter und schütteln den Winter ab. Wir leben in den Tag hinein, frühstücken, wenn wir Hunger haben und schlafen, wenn wir müde sind – oder wenn Hanna uns lässt.

Kein Weckerklingeln mehr und kein Terminplan. Wir genießen die fantastische Natur. Von den Stegen am Meer beobachten wir Pelikane, wie sie nach Fischen tauchen. Die einsamen goldgelben Strände von Bahia Honda locken uns zum Baden. Den kleinen Strand unseres Zeltplatzes teilen wir uns mit Watvögeln wie Löfflern und Ibissen, die geschickt mit ihren großen Schnäbeln nach Würmern suchen. In den Mangroven beobachten wir große Krebse. Ein grüner Leguan tapst hier gemächlich und ungestört über den Strand. Wir sehen am endlosen blauen Himmel einen Flamingo fliegen. Fischadler drehen in der Luft ihre Kreise und füttern ihr Junges im Nest. Beim Schnorcheln entdecke ich Rochen, Barrakudas und Bullenhaie im geschützten John Pennekamp Coral Reef Park.

Ganz in der Nähe des Campingplatzes besuchen wir ein Delfinzentrum. Hier leben einige Delfine in weitläufigen Meerwasserbecken. Trainerinnen arbeiten jeden Tag mit den Tieren, die auch für die Therapie von Menschen mit Behinderungen eingesetzt werden. An vielen Tagen steht das Zentrum aber Besuchern offen, die die Tiere einfach nur hautnah erleben wollen. Wir sind in einem Zwiespalt. Auf der einen Seite wollen wir nicht die Gefangenschaft der Tiere unterstützen, auf der anderen Seite sind wir aber auch sehr interessiert. Wir möchten die Delfine aus nächster Nähe sehen. Kurzerhand entscheiden wir uns dazu, als Zuschauer bei einem Delfinschwimmen dabei zu sein. Vier gut gelaunte Urlauber stehen in wärmenden Neoprenanzügen im Wasser. Daneben eine Trainerin, die mit Fischeimer und Trillerpfeife das Kommando hat. Zwei Delfine pflügen durchs Becken. Ziehen ihre Kreise, kommen den vor Freude strahlenden Urlaubern immer näher. Umkreisen sie, schwimmen zwischen ihnen her, lassen sich streicheln und springen aus dem Wasser. Die Trainerin erklärt viel über ihre Arbeit und belohnt die verspielten Tiere. Dann ist die Delfinbegegnung vorbei. Wir können uns kaum von diesem Ort lösen und sehen den Delfinen im nun menschenleeren Becken weiter zu, können noch nicht aufbrechen. Wir verweilen noch lange am Beckenrand, Hanna liebt es mit ihrer Hand im Wasser zu patschen. Dann kommt die Trainerin noch einmal zurück: „Oh, ihr seid aus Deutschland.“ Dann folgt wie bei allen Amerikanern das überschwängliche: „Amazing, welcome to our beautiful country, great that you are here. Ich finde es toll, dass ihr mit Baby kommt. So süß. Wenn ihr mögt, könnt ihr noch eine ganz besondere Erfahrung machen.“ Julia und ich sehen uns an und nicken nur. Ein kurzer Pfiff ertönt und schon kommt ein Delfin angeschwommen. Zuerst ist Julia dran. Vorsichtig drückt sich das Tier aus dem Wasser. In Julias Mimik erkenne ich Anspannung, die in erleichterte Freude wechselt, als der Delfin Julias Wange mit seiner Schnauze berührt: Ein Delfinkuss. Ihr gelöstes Lachen wird für den Rest des Tages nicht mehr aus ihrem Gesicht weichen. Als Hanna dran ist, komme ich aus dem Fotografieren nicht mehr heraus. Wer kann schon von sich behaupten mit neun Monaten von einem Delfin geküsst worden zu sein? Auch Hanna strahlt. Sie lässt die Nähe eines so großen und nicht genau einschätzbaren Tieres zu, mehr noch, sie gluckst ihr ansteckendes Lachen vor sich hin. Ob uns diese besondere Aufmerksamkeit ohne Baby auch zuteilgeworden wäre? Natürlich kann man einen Delfinkuss auch buchen. Aber ähnlich wie mit Louies Mietwagen-Upgrade fühlt es sich so tausendmal besser an. Wie eine Bestätigung für unseren Mut mit Baby aufzubrechen.

Unsere gemeinsame Delfinbegegnung werde ich nie wieder vergessen

Je weiter wir uns vom Festland entfernen, desto besser fühlen sich die Keys an. Wir machen eine lange Fahrt nach Key West. Wir passieren Inseln mit wohlklingenden Namen wie Islamorada, Bahia Honda Key oder Big Pine Key. Überall ist die entspannte Atmosphäre gegenwärtig. Angler stehen an den Brücken. Die Sonne wird von keiner Wolke getrübt. Alles strotzt vor Grün und Leben. Flache Holzhäuschen säumen die Straßen. Cafés warten auf ihre Besucher, um ihre Gäste wahlweise mit dem berühmten Zitronenkuchen zu verführen oder mit Rum abzufüllen. Oder beides. Die Menschen tragen kurze Kleidung auf ihrer sonnenbraunen Haut. Niemand bewegt sich hier eilig. Wir sehen ständig das endlose Türkis des Meeres, immer weht uns ein frischer Wind durchs Fenster hinein. Hektik kennt hier niemand, auf der einspurigen Straße wird nicht gedrängelt, Stress scheint ein Fremdwort zu sein.

In Key West ist die Urlaubsatmosphäre am deutlichsten zu spüren. Es ist ein Ort, in den man sich nur verlieben kann. Das ganze Zentrum besteht aus kleinen niedlichen Holzhäusern, gestrichen in weiß oder pastellig fröhlichen Farben. Nie sind sie größer als zweigeschossig, umgeben von wildromantischen Gärten. Kein Wunder, dass Key West schon immer Schriftsteller, Künstler und Intellektuelle angezogen hat. Ich fantasiere mich in eine der vielen Hängematten oder Hollywoodschaukeln auf den ausladenden Veranden. Ich würde sofort in jedes dieser Häuschen einziehen und mich für den Rest meines Lebens nicht mehr von der Veranda herunter bewegen. Die salzige Luft einatmen und zu mir selbst sagen: „Angekommen.“ Wir besuchen Künstlerateliers und Boutiquen. Wir streunen durch den schönen Hafen und sehen den Segelbooten beim Ablegen zu. Abends genießen wir die Sonnenuntergangsfeierlichkeiten auf dem Mallory Square. Jeden Abend feiern hier Straßenkünstler mit den Besuchern. Feuerspucker und Jongleure, Einradartisten und Turner, Akrobaten und Gitarrenspieler konkurrieren um unsere Aufmerksamkeit. Nur in der Minute, in der die Sonne ins Meer eintaucht und hinter den Horizont wandert, halten alle inne. Werden leise. Schauen zu, atmen durch, genießen und applaudieren. So als wenn man der Sonne für einen weiteren wundervollen Tag danken möchte. Was für ein Ort. Hier drehen sich die Gespräche um das feuerrote Spektakel, wenn die Sonne im Meer versinkt – nicht um die Sorgen des Alltags. Lebensfreude pur. Hanna macht unseren Ausflug entspannt mit. Die lange Fahrt über die Inseln. Sie genießt es, auf den Holzstegen im Hafen ein wenig zu krabbeln. Der Menschenmenge am Abend schaut sie sicher und behütet aus der Trage zu. Und verschläft die zweistündige Rückfahrt im Dunklen zu unserem Zeltplatz. Was für ein Reisebaby!

Dann lassen wir die Keys und Miami hinter uns und folgen dem Highway ein ganzes Stück nach Norden immer der Küste entlang. Bei einem Zwischenstopp übernachten wir in im Jonathan Dickinson State Park in einer romantischen Hütte im Wald. Eine schöne Abwechslung zum Zelt. Wir erreichen nach den Keys unseren zweiten Sehnsuchtsort: Crystal River. Inspiriert von unserer gemütlichen Hütte im Wald buchen wir ein Motel für eine Woche vor. So lange möchten wir die Natur der Gegend erkunden. Das Motel ist bis um 16 Uhr des Anreisetags gratis stornierbar. Um 15:45 Uhr erreichen wir den Parkplatz. Ich steige aus. Hier ist es furchtbar. Es liegt direkt am Highway, sieht trostlos aus und bietet nicht mehr als eine Übernachtungsmöglichkeit auf der Durchreise. Schnell hin und schnell wieder weg. Nicht zu vergleichen mit der Romantik der Waldhütte. Ich rufe beim Campingplatz des Örtchens an und buche einen Platz. Um 15:55 Uhr storniere ich mithilfe des offenen Motel-WLANs unser Zimmer.

Angekommen auf dem Campingplatz werden wir wieder glücklich. Wir campen direkt am Wasser, Teichhühner laufen zwischen unseren Stühlen herum und wir verbringen unsere Zeit zu dritt in der Natur. Das passt so viel besser in unser Weltbild als ein staubiges Motel. Keine der von zu Hause an uns herangetragen Sorgen bewahrheitet sich beim Campen. Hanna schreit nachts niemanden auf dem Zeltplatz zusammen. Wird sie wach, so hat sie Hunger und Julia stillt. Mit vollem Bauch schläft es sich wieder sehr gut. Selbst wenn es anders wäre, würde Hannas Geschrei niemand mitkriegen. Jeder auf diesem Campingplatz wohnt in einem riesigen Campervan. Mit (Schall-)Isolierung, Satellitenschüssel, Klimaanlage, Backofen, bequemen Betten im Schlafzimmer, kleinem Wohnzimmer und allem, was noch zu Luxus-Camping dazugehört. So fallen wir natürlich sofort auf. Hauptsächlich Senioren reisen im Winter durch Florida, sie werden hier Silverbirds genannt. Zugvögel, die aus dem kalten Norden kommen und ihre Zeit in mildem Wetter verbringen möchten. Wir können kaum vom Waschraum zu unserem Zelt laufen, ohne dass Hanna verzückte Blicke der älteren Damen erntet. Meistens winkt sie freudestrahlend zurück, was uns immer einen kurzen Smalltalk einbringt.

Wir überstehen sogar einen Gewittersturm in der Nacht. Der Regen prasselt so laut, dass wir fast unser eigenes Wort nicht mehr verstehen. Das Zelt wackelt und ich mache mir Sorgen, ob die Plane wegfliegt. Passiert ist das zum Glück nicht. Auch weil ich im Regen hinaus bin und nochmal die Schnüre nachgespannt habe. Schlimmstenfalls hätten wir im Auto weitergeschlafen. Hanna hat davon gar nichts mitbekommen. So eine Sturmnacht ist vergleichsweise ein geringer Preis, den wir zahlen. Zum einen wörtlich, weil eine Zeltübernachtung ein Bruchteil der Unterkunftspreise kostet. Zum anderen, weil es keine bessere Möglichkeit gibt in der Natur zu sein und so viele Menschen kennenzulernen. Zum Beispiel den netten Nachbarn, der uns morgens eine Kanne Kaffee vorbeibringt, weil er Sorge hatte, dass wir bei dem heftigen Regen eine nasskalte Nacht hatten.

Die Kleinstadt Crystal River hat eine ganz besondere Lage. Sie ist über ein Netz aus Flüssen, Kanälen und Seen mit dem Golf von Mexiko verbunden. Am Stadtrand liegt eine warme und wie der Name sagt, kristallklare Süßwasserquelle. Jedes Jahr im Winter nutzen diese Quelle bis zu tausend eigenartiger Tiere: Rundschwanzseekühe. Sie kommen aus dem Meer über die Flüsse hierher geschwommen, um sich nach dem nassen Grasen wieder aufzuwärmen. Die Three Sister Springs-Quelle liegt in prächtiger Natur. Sie ist umgeben von alten Zedern, Zypressen und Sumpfeichen, an deren Ästen spanisches Moos wie verwunschene Stofffetzen herabhängen. Ein Weg aus Holzbohlen führt einmal herum. Vor uns im Wasser hören wir ein gemächliches Prusten und Platschen der Seekühe. Über fünfzig Tiere liegen hier gerade im warmen Wasser und tun: rein gar nichts. Gemächlich treiben sie an der Oberfläche. Wenn sie Luft brauchen, stecken sie einfach die Nase heraus. Ich erkenne Babys, die sich eng an ihre Mütter kuscheln. Ein paar Jungtiere lassen sich ineinander treiben und raufen leicht herum. Manchmal wünschte ich, dass ich so ein Leben hätte. Den ganzen Tag nur futtern, dann mit Freunden und Familie im warmen Wasser treiben und keine Termine haben. Ich könnte hier Stunden verbringen und den Tieren zuschauen. Meditation pur.

Klares Wasser, Seekühe und verwunschene Bäume: Crystal River ist ein Ort wie im Märchen

Wir sind nicht die einzigen Besucher auf den Bohlenwegen. Busladungen von gutgelaunten Senioren werden hier zum Fotostopp abgesetzt. Sehr zur Freude von Hanna. Sie winkt den Menschen freundlich zu, schenkt ihnen mehr Beachtung als den Tieren. Das wird wie immer belohnt. Auch einige der Damen interessieren sich mehr für unser Baby als für die Seekühe. So kriegt jeder an diesem Ort, was er braucht. Und ich brauche mehr Abenteuer als den Bohlenweg um die Quelle. Mehr als mit Sicherheitsabstand die Tiere erleben. Morgens, wenn die Flut reinkommt und noch wenige Tiere in der Quelle sind, dürfen Besucher vorsichtig hinein schnorcheln. Ich stelle mir das fantastisch vor, denn ich bin sowieso ein Tierenthusiast. Ich teile meine Idee mit Julia: „Wir könnten uns morgen Kanus leihen, zum Eingang der Quelle paddeln und mit den Tieren Zeit im Wasser verbringen. Dann haben wir diesen Ort weitestgehend für uns.“ Julia ist einverstanden. „Aber nur wenn wir einen Verleiher finden, der Babyschwimmwesten im Angebot hat“, sagt sie in einem Ton, der keine Zweifel aufkommen lässt. So viel Sicherheit muss sein.

Wir paddeln los. Über Kanäle in Flüsse auf einen großen See. Zurück in Kanäle, deren Ufer von kleinen Ferienhäusern gesäumt werden. Hier würde ich auch sofort einziehen, mit meinem Boot zur Arbeit oder zum Supermarkt fahren. Im Garten sitzen und nach Seekühen Ausschau halten. Vom Schaukelstuhl ins Wasser springen, ohne einen Fuß auf den Boden zu setzen. Warum haben wir in Deutschland nicht auch solche Orte? Dann passiert dieser magische Moment, als die Seekuh mit Baby unter unserem Kanu durchschwimmt. Enthusiastisch paddeln wir weiter zur Quelle. Mitarbeiter einer Freiwilligenorganisation patrouillieren hier in Kajaks am Quelleneingang. Sie stellen sicher, dass Besucher nur in die Quelle schwimmen, wenn weniger als dreißig Tiere drin sind. Ansonsten wird es zu voll – und stressig für die Seekühe. Anfassen oder in die Schutzzonen schwimmen ist strengstens verboten. Zum Glück gibt es hier klare Regeln. Overtourism hat schon viele Orte auf diesem Planeten zerstört.

Wir knoten unser Kanu an einem Baum fest und ziehen uns nacheinander die Taucherbrille über. Mit Hanna zusammen trauen wir uns nicht ins Wasser. Dann schwimme zuerst ich los, durch einen schmalen Wasserlauf zwischen alten Bäumen in die warme Quelle hinein. Das magische Gefühl von eben wird sofort getoppt, denn ich werde beim Schwimmen aus nächster Nähe überholt. Während ich mich anstrenge, um vorwärts zu kommen, bewegen die beiden Seekühe nur langsam ihre Schwanzflosse. Kommen näher, schweben förmlich neben mir, nur einen Meter entfernt. Keine Scheu oder Unsicherheit in ihren Bewegungen. Meine Bewegungen werden ruhiger. Wir sehen uns in die Augen. Sie schauen mich aus ihren dunklen Augen an, nehmen aber keine besondere Notiz von mir. Sie haben keine Scheu. Ich könnte sie tatsächlich anfassen, widerstehe aber der Versuchung. Dann ziehen sie zügig an mir vorbei.

Schnorcheln in der warmen Quelle: Näher kann man den Tieren nicht kommen

Ich verweile in der Quelle und vergesse die Welt. Um mich herum tummeln sich einige Tiere. Ein Fischschwarm umgibt eine Seekuh und putzt ihre Schwanzflosse. Ich gleite über den strahlend weißen Sand in klarem Wasser. Die Zeit scheint in diesem Moment stillzustehen. Immer mehr Tiere kommen hinzu, umkreisen mich und gesellen sich zu den anderen. Ich frage mich, welche Geschichten sie wohl erzählen. Vielleicht berichten sie von den besten Seegraswiesen oder wie sie Haifischangriffen entkommen sind. Ich beobachte sie und wünsche mir, ihre Sprache zu verstehen.

Obwohl die Quelle lauwarm ist, bin ich bald durchgefroren. Kaum zu glauben, dass Seekühe sich hier aufwärmen. Danach genießt Julia ebenso intensiv wie ich und ist lange weg. So lange kümmere ich mich im Kanu um Hanna, die keine Lust mehr hat, still im Boot zu sitzen. Sie möchte viel lieber die Welt außerhalb des Kanus erkunden und wird unruhig. Neben mir liegt ein leeres Passagierboot, der Kapitän wartet auf seine Schnorchelgäste. Als er Hanna sieht, winkt er uns zu sich. Er freut sich darüber, dass wir mit Baby die Seekühe besuchen. Und bietet uns gastfreundlich etwas an: warmen Kakao und Kekse für Papa und Baby. Was für ein Tag.

Ein paar Tage später erreichen wir Fort Myers und beginnen eine ganz besondere Woche. Vor unserer Abreise hatte ich meine Eltern gefragt, ob sie nicht eine Woche mit uns gemeinsam in Florida verbringen möchten. Diesmal ohne Zelten. Wir haben zusammen ein kleines Ferienhaus gemietet, von dem aus wir zu den schönsten Orten in der Umgebung fahren können. Die Freude bei unserem Wiedersehen ist groß, als wir aus dem Auto steigen und die Großeltern auf uns warten. Hanna rudert wild mit ihren Armen und möchte sofort zu Oma auf den Arm. Oma und Opa haben nur Augen für die Kleine. Auch für sie war es schwer, vier Wochen von ihrer Enkeltochter getrennt zu sein. Wir kommen aus dem Wiedersehenstaumel kaum noch heraus. „Wie geht es euch? Seid ihr gesund? Habt ihr alles gut geschafft? Wie hat Hanna alles mitgemacht?" Vielleicht müssen erst einmal ein paar Sorgen raus, und es ist normal, dass sich Familienangehörige um das Wohl der Kinder sorgen. Aber jetzt herrscht Freude auf allen Seiten. Meine Eltern sind glücklich, in Florida zu sein.

Familienzeit: Oma und Opa kommen zu Besuch

Gemeinsam unternehmen wir jeden Tag schöne Ausflüge. Wir fahren zum Anwesen des bemerkenswerten Erfinders Thomas Edison. Dieser Mensch war sehr inspirierend. Er hat vor ca. 100 Jahren schon über 1000 Patente für eine Vielzahl von Erfindungen eingereicht, die die Welt veränderten. Zum Beispiel für die Glühbirne, für das Grammophon oder die Kinematographie. Wir besuchen sein beeindruckendes Herrenhaus, das an einer palmengesäumten Allee direkt am Meer liegt. Werkstätten, Labore und Hallen befinden sich ebenfalls auf dem Anwesen und wir können besichtigen, wie Edison experimentiert hat.