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Die Studentin Stella quält die Frage ihrer Berufung, der Wunsch nach einem sinnerfüllten Leben. Etwas in ihr scheint nach außen drängen zu wollen, doch sie kann es nicht greifen. Auf der Suche nach Antworten stößt Stella im Internet auf eine Seite, die beschreibt, wie sie sich fühlt: unfähig, wie gelähmt und allein. Die weiteren Seiten sind durch ein Passwort geschützt. Dieses Passwort ist der Schlüssel - für ihre Reise zu sich selbst, zum Erkennen, zu ihrem Weg. Ihre Wegbegleiterin bleibt jedoch im Dunkeln. Stella folgt ihrer Intuition, wodurch sich auch für die anderen neue Möglichkeiten eröffnen. Das in diesen Roman eingebettete Wissen führt zu einem tieferen Verständnis unseres Wesens. Es beleuchtet die Thematik von verschiedensten Seiten, erklärt mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen, u. a. aus Hirnforschung, Neurobiologie und Quantenphysik, und schafft so die Brücke zwischen Verstand, Körper und Seele.
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Seitenzahl: 239
Veröffentlichungsjahr: 2015
www.tredition.de
Stefanie Hirtreiter
Freischwimmer
Roman
www.tredition.de
© 2015 Stefanie Hirtreiter
Umschlag: Claudia Euler-Schmidt, es-grafik
Lektorat, Korrektorat: Kurt Eder
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback
978-3-7323-6167-0
Hardcover
978-3-7323-6168-7
e-Book
978-3-7323-6169-4
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Für meine „Sabine“, meine „Mara“ und für Leonie
1.
Stella saß zusammengekauert in der Ecke ihres Bettes, die Arme um die angezogenen Beine geschlungen, als ob sie sich selber zusammenhalten müsste, den Kopf Halt suchend auf die Knie gestützt. Sie atmete tief durch und entschied sich – für nichts, denn es gab nichts. Wieder – für nichts. Das Ausatmen war keine Erleichterung, eher Ausdruck der Enttäuschung über sich selber. Stella lehnte den Kopf gegen die Wand. Traurigkeit machte sich in ihr breit wie Nebelschwaden: schwer, kalt, ein Wabern, das nach jeder Zelle in ihr zu greifen, ihr jede Kraft zu rauben schien; ein Nebelmeer, das ihre Gedanken verschleierte, sie hilflos und leer zurückließ. Die Leere war so intensiv, dass Stella nicht einmal mehr Tränen hatte, obwohl ihr zum Heulen zumute war. Alles erschien ihr stumpf, grau, freudlos. Stella fühlte sich allein und klein, sie konnte sich gar nicht klein genug machen, um dem, was sie fühlte, zu entsprechen. Da war sie wieder, diese gnadenlose Stimme, den verbalen Rohrstock schwingend, jeden Hieb treffsicher landend. Du bist intelligent, jung, mach endlich!, drangsalierte die Stimme, kneifst schon wieder, du Loser! Hör auf, bitte!, flehte Stella, zu vertraut waren ihr die Tiraden. Sie rutschte in ihrem Bett nach unten, drehte sich in die Embryohaltung und zog die Decke über sich. Nichts mehr sehen, hören, fühlen.
21 Jahre, 173 cm, schlank, zart, ganz gutaussehend, blaue Augen, blonde Haare, lang und glatt. Glatt, so schien auch Stellas Leben bislang verlaufen zu sein. Bildungsorientierte Mittelschichtfamilie in einer Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen, Mutter kaufmännische Angestellte, Vater Prokurist, ein drei Jahre älterer Bruder. Stella fiel das Lernen leicht, sie galt als problemloses, pflegeleichtes Kind. Sie liebte Pferde und Bücher, das Spiel mit Worten. Und so lag es nahe, dass Stella nach dem Abitur dem Rat ihrer Eltern folgte und sich für ein Germanistikstudium entschied. Mit den Flügeln schlagend, froh dem Nest der Kleinstadt zu entkommen und der Großstadt entgegenzufliegen, begann Stella sich ihr Studentenleben einzurichten. Alles lief gut …
Die Decke über Stellas Kopf mochte ihren Lebenslauf, diese Hülle, mochte die äußere Welt abhalten, nicht aber die innere. Das Gedankenkarussell rotierte, Stimmen schlugen auf sie ein, Unruhe trieb sie vor sich her. Erschöpft tauchte Stella unter ihrer Decke auf und griff nach ihrem Laptop, fast abwesend, das Anschalten ein Routinegriff – Stella hielt inne. Sie überlegte, suchte Worte, vorsichtig glitten ihre Finger über die Tastatur, als würden sie sich auf Eis bewegen, zaghaft prüfend, ob der Buchstabe ihre Absicht tragen könnte. „Nebel in mir“ stand schließlich in dem Suchfeld. War es das? Wieder ein Zögern, dann das behutsame Berühren der Entertaste.
Fast vier Millionen Treffer. Ein Hardrocksong an erster Stelle. Wut, Stolz, Neid, Hass. - Ein Gedicht von Betty Paoli aus dem 19. Jahrhundert, Erinnerungen als Nebel. - Ein Blog über Feenwelten, Peter Pan. - Ein Schulaufsatz. - Der Finger scrollte weiter. Ein Gedichtband, eine Ansammlung von Aphorismen, die Interpretation einer Bibelstelle, ein Liedtext, wieder Gedichte, Wandertreff bei Nebel, die Frage, ob man Kinder bei Nebel rausschicken sollte.
Nach einigen Seiten dachte Stella ans Aufgeben. Es schien, als gäbe es selbst im Internet niemanden, der sie verstand. Sie war noch nicht einmal mehr frustriert, zu sehr waren ihre Gefühle von der Hoffnungslosigkeit des Nebels gedämpft, als würde der Nebel sich von ihren Gefühlen und Gedanken ernähren, sie nach und nach auffressen. Ein, zwei Seiten noch, gedankenverloren klickte sie weiter. „Die Nebelwand“. Ein Doppelklick. Nebelschwaden ließen immer nur Teile des Textes erkennen. Da war die Rede von einer Nebelwand im Körper, die etwas im Inneren gefangen hielt, das nach draußen wollte, etwas, das der Schreiber in sich spüren und dennoch wegen der Nebelwand nicht fassen konnte. Es glimmte in ihm wie ein Funke immer einmal wieder auf, doch nur ganz kurz, wie ein Fingerzeig, ich bin da, Hilfe! Der Autor sprach von vergeblichen Versuchen, dieses „Es“ zu erkennen, befreien zu können von dem Gefühl der Hilflosigkeit, der Unfähigkeit. Stella war jetzt hellwach. „Ich spüre, dass dieses Etwas zu mir gehört, dass es ganz wichtig für mich ist, als käme es direkt aus meiner Seele. Einmal bemerkt, lässt es nicht locker, im Gegenteil: Es schreit immer vehementer – doch ich kann es nicht verstehen.“ Ja, dachte Stella, so fühle ich mich!
Als sie den Text fertig gelesen hatte, suchte sie die Webseite nach weiteren Informationen, Buttons und Verlinkungen ab Wer hatte das geschrieben? Wozu die Seite, wenn es nicht weiterging? Systematisch fuhr Stella mit dem Cursor die Seite ab. Doch da schien nichts zu sein. Etwas verwirrt und verärgert wollte Stella aufgeben. Hatte sie etwas übersehen? Noch einmal versuchte sie, den Text durch die Nebelschwaden zu erkennen. Konzentriert schaute sie auf den Bildschirm. Und plötzlich flackerte in der einen Ecke ein Licht auf. Das musste es sein, schoss es Stella durch den Kopf. Doch das Licht war schon wieder verschwunden. Shit, das wird nicht leicht. Gebannt starrte sie weiter, konzentriert, ihre Augen hasteten über die Seite. Es dauerte lange, so kam es zumindest Stella vor, dann ein erneutes Aufflackern in einer gegenüberliegenden Ecke. Schnell fuhr sie mit dem Cursor dorthin, doch sie war nicht schnell genug. Enttäuscht und verärgert überlegte Stella, wie sie es schaffen konnte. Sie platzierte den Cursor in der Bildmitte und rief die Stoppuhrfunktion in ihrem Handy auf. Wenn sie es beim nächsten Mal nicht schaffte, würde sie versuchen, die Zeit zwischen den einzelnen Funken zu stoppen, vielleicht gab es da eine Regelmäßigkeit. Wieder dauerte es lange, als wollte der Seitenbetreiber Geduld und Ausdauer auf die Probe stellen. Diesmal hätte sie es geschafft, doch irgendwie schien der Cursor zu haken. Waren ihre Finger vor Anspannung feucht geworden? Stella wischte ihre Hände an ihrem T-Shirt ab und begann sich wieder auf die Seite zu konzentrieren. So schnell würde sie nicht aufgeben. Nach einer kleinen Ewigkeit endlich ein Flackern, jetzt sogar ziemlich nahe der Bildmitte. Der Cursor flog zu der Stelle, ein Doppelklick – geschafft! In ihrem Inneren jubelte Stella.
Ein kleines Popup-Fenster öffnete sich. „Enter password“, ein Feld für das Passwort und darunter „durchbricht die Nebelwand in dir“. Was sollte das denn? Jetzt war Stella wirklich sauer. Sie wollte keine Spielchen spielen und keine Rätsel lösen. Verärgert warf sie den Laptop auf ihre Bettdecke. Was durchbricht die Nebelwand in mir? Wenn ich das wüsste, wäre ich sicher nicht auf dieser Seite. Stella starrte an die Decke. Doch die Frage ließ sie nicht los. Neugierde, Interesse? Wieder griff sie nach dem Laptop, tippte „Neugierde“ ein. „Invalid password“ leuchtete auf. „Interesse“ – „Invalid password“. Woher soll ich denn wissen, woran der Typ dabei gedacht hat? Und selbst wenn ich es wüsste, bräuchte es nur ein anderes Wort dafür zu sein und schon wäre es ungültig. Stellas Laune sank zunehmend auf den Nullpunkt. Sie probierte noch einige Wörter aus — ohne Erfolg. Das musste anders gehen! Ihr Kopf suchte, wälzte, überlegte. Wo war die Hintertür?
Schließlich öffnete Stella ein neues Fenster auf ihrem Laptop und gab „Die Nebelwand“ als Suchbegriff ein. Klar, die Webseite, dann Amazon: Berichte aus dem Jenseits – ein Schauer durchfuhr Stella –, Hypnose-Zentrum, Artikel über den Automarkt, ein Adventurespiel, eine Facebookgruppe, die sich selber als lustig bezeichnete, Sportberichte… Seite um Seite tastete sich Stella vor. Sie rieb sich den Nacken, griff zu der Flasche neben ihrem Bett und nahm einen großen Schluck. Durst, das Wasser durchströmte sie. Alles um sie war mittlerweile in schummriges Licht getaucht, nur der Laptop strahlte hell, als ob er die alleinige Quelle des Wissens, der Lösung wäre. Stunden waren spurlos verschwunden, geschluckt von diesem Geschöpf aus Plastik und Metall.
Gab es nicht die Möglichkeit, den Urheber der Seite ausfindig zu machen? Sicher nicht in der Welt der Germanistikstudenten. Alles schien ihr zu eng, in Form gepresst, wie ein Fließbandprodukt. Die wenigen Farbtupfer schwindelten Individualität vor wie bei Reihenhäusern in den Vorstädten. Stella würde einen Hacker suchen. Sie starrte auf den Bildschirm und schleuderte ihm einen Gedanken entgegen: Und ich werde mich selber hacken.
2.
Maras Blick traf Stellas Zweifel zielsicher. Stellas Freundin war ein Fun-Girl, immer gut drauf, beliebt, witzig, Probleme gab es nicht für sie, – und somit prädestiniert, Stellas Innenwelt nicht zu verstehen. „Du siehst aus, als hättest du die Nacht mit einer Giftschlange in deinem Bett verbracht.“ „Eher mit einem Computervirus“, griff Stella den Einwurf dankbar auf. „Und x Scanprogrammen, Firewalls und Neustarts.“ Den Blick sorgenvoll, aber nicht auf Mara gerichtet: „Ich hab Schiss, dass sie mein Password gehackt haben, sieht so aus.“ Jetzt erst konnte Stella Mara anschauen. „Weißt du nicht jemanden, der sich damit echt gut auskennt?“ Mara überlegte, dann glitt ein Lächeln über ihr Gesicht. „Ich ruf Jannik an.“ Mara schnappte sich ihr Handy und ging in eine ruhigere Ecke des Unigebäudes. Mit glänzenden Augen kam sie zurück. „Läuft!“ Stellas Erleichterung, dass es mit dem Schwindeln so gut geklappt hatte, passte auch noch perfekt zu Maras Hilfe. Innerlich stieß sie ein Dankgebet aus. Stella drückte ihre Freundin: „Thanks, bist ein Schatz!“ „Joo!“ – Irgendwann würde sie ihr die Wahrheit sagen.
Zurück in ihrem Ein-Zimmer-Apartment stellte sich Stella erst einmal unter die Dusche. Hin und her gerissen zwischen der Hoffnung auf den Durchbruch, den vielen Fragen, die in ihr kreisten und Antworten suchten, den Zweifeln, ob die Internetseite ihr diese geben konnte, rann das warme Wasser wie Tränenbäche an ihr herab, ihr auch diese Arbeit abnehmend. Voller Müdigkeit ließ sie sich ins Bett fallen.
Ihr Handy riss sie aus dem Schlaf. „Schätzchen, ein Typ, der Kim heißt, wird dich anrufen. Ist ein echter Computerfreak, etwas schräg, sagt Jannik, aber das kann dir ja egal sein.“ „Super!“, Stella knurrte mehr, als dass man es reden hätte nennen können. “Schlaf weiter, see you tomorrow.“
Tage vergingen. Stella ging zu Vorlesungen und Seminaren, traf sich mit Freunden und ging zum Workout. Doch ihr kam es vor, als ob sie von allem durch eine unsichtbare Glocke abgeschirmt war. Sie war nicht richtig dabei, als ob sie nur funktionierte und nicht wirklich lebte. Der Teil von ihr, der lebte, war damit beschäftigt, das Passwort zu finden – und auf Kims Anruf zu warten.
„Um fünf, unter der Karlsbrücke, Uniseite.“ Aufgelegt, die Nummer unterdrückt. Stella war kurz irritiert, das musste Kim gewesen sein. Was, wenn sie um fünf nicht konnte? Es war einer dieser grauen Tage, nasskalt, ein Wetter, das so wenig einladend war wie der Anruf. Stella fröstelte und verkroch sich noch mehr in ihre Daunenjacke. Ihre Hand hielt sich an dem zusammengefalteten Zettel in der Jackentasche fest, auf dem sie den Seitennamen und die Hinweise, wie man zur Passworteingabe kommt, geschrieben hatte. Nur ein alter Mann mit Hund war unterwegs. Eine Gestalt saß an der Kaimauer, grauschwarz, verwoben mit der Umgebung und dennoch eine Präsenz ausstrahlend, die die vermeintliche Unscheinbarkeit konterkarierte. Ins schwache Licht eines Laptops eingetaucht, die Tastatur mit einer Schnelligkeit bearbeitend, die nicht zur Trägheit des Wetters passte, schien er ein Widerspruch in sich zu sein. Er blickte nicht auf, als Stella sich ihm näherte und wartete, dass er mit dem Tippen aufhörte. „Hi“, ihr Versuch, sich bemerkbar zu machen. Doch der Typ zischte nur kurz, konzentriert weiter auf den Laptop starrend. Nach rund zehn Minuten wandte er sich schließlich Stella zu, ihr für einen kurzen Augenblick Aufmerksamkeit gewährend. Stellas Hand fuhr aus der Jackentasche und hielt ihm den Zettel hin. Schnell überflog er ihre Angaben, stand auf, sie dabei mit einem Blick fixierend, den Stella nicht interpretieren konnte – durchdringend, amüsiert, überlegen? –, und verschwand die Böschung hochsteigend. Ihren Zettel hatte er fallen gelassen. Stella schüttelte sich innerlich, hob den Zettel auf und lehnte sich nachdenklich an den Brückenpfeiler.
Zwei Tage später ein weiterer Anruf: „Gleicher Ort, gleiche Zeit, 200.“ Bis jetzt hatte Stella gar nicht daran gedacht, dass Kim es natürlich nicht umsonst machen würde, viel zu sehr war sie auf das, was das Passwort freigeben würde, fokussiert. Sie schluckte kurz – doch es war es wert, wahrscheinlich sogar ein Sonderpreis – und schwang sich auf ihr Fahrrad. Das Gefühl, dass sie dem Durchbruch nahe war, dass sie die Antworten auf ihre Fragen erhalten würde, war ganz intensiv. Ihre Aufregung ließ sie fliegen und viel zu früh bei der Brücke sein, immer wieder schaute sie auf ihr Handy, um die Uhrzeit zu checken. Die Minuten waren klebrig, als wollte jede einzelne für immer bleiben. Unruhig spähte Stella in alle Richtungen. Umso mehr zuckte sie zusammen, als Kim wie aus dem Nichts plötzlich hinter ihr stand. Wieder glitt ihre Hand in die Jackentasche, diesmal das Geld herausfischend. Kim nahm es, holte einen Zettel aus seiner Jeanstasche und schob die Scheine an dessen Stelle hinein. Mit einer jovialen Geste händigte er ihr den Zettel aus und verschwand in das Nichts außerhalb Stellas Fokus, der auf den Zettel gerichtet war. Fast andächtig hielt sie dieses zerknitterte Etwas wie eine Kostbarkeit in der Hand, zögernd mit dem Auseinanderfalten, als ob sie die Spannung noch etwas länger genießen wollte. Behutsam schälte sie schließlich die Ecken voneinander, sich wie beim Auspacken von Weihnachtsgeschenken fühlend. Da stand es, ein einziges Wort, klein und schwarz inmitten eines Meeres aus Weiß.
3.
In Stellas Kopf wirbelten die Gedanken während sie nach Hause fuhr. Sie schmiss ihre Jacke in die Ecke und schaltete ihren Laptop ein. Nur schwer gelang es ihr, den Funken zu erwischen, zu aufgeregt, zu sehr von den Gedanken vereinnahmt war sie. Wieso sollte das Passwort diese Nebelwand durchbrechen? Und was bedeutete das Passwort eigentlich wirklich? Das Pop-up-Fenster öffnete sich, der Cursor blinkte im Enterfeld. Konzentriert tippte Stella „Selbstliebe“ und drückte die Entertaste. Die Nebelschwaden und der Text verblassten, ein Funkenfeuerwerk trat an ihre Stelle.
Und weiter? Stella war verwirrt. Sie suchte die Seite ab, am rechten Rand gab es zwei Stellen zum Anklicken. Ein Text blendete sich ein. „Selbstliebe ist für mich der Schlüssel zum Verstehen von meinem Selbst. Das mag jetzt gestelzt klingen und ist vielleicht nicht für jeden verständlich. Um das etwas zu erklären, möchte ich zunächst in die früheste Kindheit eintauchen. Neugeborene kommen mit einem Gefühl der Verbundenheit mit allem auf die Welt, d.h. sie können noch nicht unterscheiden zwischen Ich und Du und den anderen. Das heißt auch, dass sie in den ersten Lebensjahren alles auf sich beziehen. Das ist wissenschaftlich erforscht. Sitzt also beispielsweise der Vater vorm Fernseher und schaut ein Fußballspiel, bei dem „seine“ Mannschaft verliert, und er das mit Schimpfen lautstark kommentiert, so ‚denkt‘ das Kind, der Vater schimpft mit ihm. Auch wenn es noch nicht alles verstehen kann, so nimmt es doch die negative, aggressive Schwingung, die Tonality wahr. Es schlussfolgert, dass es etwas gemacht haben oder sein muss, was nicht gut ist. Oder die Mutter ist aufgerieben zwischen Beruf und Familie und reagiert nicht immer so liebevoll, wie sie vielleicht möchte. So bekommt das Kind zunehmend den Eindruck, dass es so, wie es ist, nicht liebenswert ist, und entwickelt Strategien, wie es vermeintlich die Liebe bekommt, die es haben möchte. Es kann z.B. versuchen, sehr hilfsbereit zu sein oder lustig, um die anderen zum Lachen zu bringen, oder unscheinbar, weil die Eltern (oder andere Bezugspersonen) gestresst sind. Die Schlussfolgerungen, die das kleine Kind zieht, können z.B. sein: Ich bin so, wie ich bin, nicht gut genug, nicht liebenswert. Ich muss unscheinbar sein, um geliebt zu werden. Ich werde geliebt, wenn ich lustig bin, brav bin, fleißig lerne. Oder auch: Ich werde erst dann beachtet, wenn ich aggressiv, laut werde. Die Schlussfolgerungen verfestigen sich zu Glaubenssätzen, je mehr sie durch Wiederholung der Erfahrungen vermeintlich bestätigt werden. Doch sind sie ‚wahr‘?
Liebe ist bedingungslos. Wir können nicht ehrlich sagen: ‚Ich liebe dich nur dann, wenn du dies oder jenes machst oder bist, ansonsten nicht‘. Wir lieben, auch wenn das nicht heißt, dass wir alles gut finden, was der, den wir lieben, macht oder ist. Das Kind aber hat noch nicht dieses Verständnis, es baut ja erst seinen Wissenspool auf.“
Stella atmete tief durch. Wow, das war heftig. Sie erinnerte sich daran, dass ihre Mutter viel Zeit und Zuwendung ihrem Bruder entgegengebracht hatte. Er war kein einfaches Kind, aggressiv, forderte viel Aufmerksamkeit. Deswegen bemühte sich Stella, das liebe Kind zu sein, hilfsbereit, selbstständig, beschäftigte sich oft alleine, aber das brachte ihr auch nicht mehr Zuwendung ein. Doch so wie ihr Bruder, das spürte Stella damals ganz tief in ihrem Inneren, wollte sie nicht sein, das fühlte sich nicht richtig für sie an. Die kleine Stella fühlte sich gefangen, ungesehen, in der zweiten Reihe.
Bei der Erinnerung füllten sich Stellas Augen mit Tränen. Es tat weh, an die kleine Stella zu denken, wie sie versuchte, ihr Bestes zu geben und dann doch erfuhr, dass es nicht „genügte“, noch einmal das Gefühl zu durchleben, sich allein zu fühlen, nicht liebenswert. Die Tränen liefen an ihren Wangen herunter. Ihr Herz war schwer und schmerzte. Doch die Tränen taten gut. Sie hätte sie eh nicht aufhalten können. Durch den Tränenschleier schielte Stella auf den Bildschirm. Die Worte waren verschwommen – nur noch ein Absatz. Reiß dich zusammen! Schniefend versuchte sie die Worte zu entziffern.
„Wenn also Liebe bedingungslos ist – und jeder, der schon einmal geliebt hat, sei es einen Menschen oder ein Haustier, was auch immer, weiß das –, wie steht es dann mit der Selbstliebe? Lieben wir uns selber, wie gehen wir mit uns selber um? Liebevoll, also so, wie wir ein Wesen, das wir lieben, behandeln? Oder sind wir nicht oft unser schärfster Kritiker, gibt es da nicht eine innere Stimme, die auf uns eindrischt, uns abwertet, verspottet? Sehen wir uns selber mit den Augen der Liebe? Als ein wunderbares Wesen, das alleine durch sein ‚Dasein‘, seine Existenz liebenswert ist?“
Doch wozu Selbstliebe, wenn andere einen liebten? Reichte das nicht? Und war diese kritische Stimme nicht auch hilfreich, trieb sie einen nicht an, besser zu werden? Stellas Gedanken rotierten. Sie musste an ihren Hund Pumpkin denken. Wie sehr hatte sie ihn geliebt, egal, ob er ihren Lederschuh als Kauknochen missbrauchte oder zum x-ten Mal die faulen Äpfel im Garten fraß und dann Durchfall bekam. Oder ihre Oma. Sie war vergesslich und hatte ihre Ticks, doch das war so unwichtig. Wichtig war, dass Stella sich immer geborgen und geliebt bei ihr fühlte. Bei den Gedanken an die beiden wurde Stella ganz sanft, weich, Liebe schien sie zu durchströmen, wie ein Lächeln. Ihr Herz schien ganz offen zu sein, damit all die Liebe aus ihr zu den beiden herausfließen konnte. Hatte sie jemals so an sich gedacht – oder sollte sie besser sagen: gefühlt? Nachdenklich starrte Stella auf ihre Bettdecke. Nein, meistens war da diese Stimme, die sie niedermachte, und selbst wenn sie „gut“ war, so maß sie sich an ihrer Leistung. Das hatte wenig mit Liebe zu tun. Wie konnte sie liebevoll zu sich selber sein? Stella stand auf und machte sich erst einmal einen Tee. Das tat gut. Ja, dachte Stella, das war jetzt liebevoll. Eine kleine Geste, die mir das Gefühl gibt, wichtig für mich zu sein. Sie wollte versuchen, mehr solcher Gesten zu finden. Was könnte mir noch gut tun? Auf jeden Fall erst einmal den zweiten Button anzuklicken.
„Danke, dass du dir und mir die Zeit gegeben hast, bis hierher zu kommen. Wenn dich meine Zeilen inspiriert haben, würde ich mich über ein Feedback freuen. Liebe Grüße, Sabine.
Sabine Hannemann-Luckwerth, Bühler Str. 28, 70357 Stuttgart, [email protected]“
Etwas enttäuscht schaute Stella auf. Sie hatte gehofft, dass sie noch mehr Erklärungen finden würde. Auf der anderen Seite hatte Sabine ja zum Feedback aufgefordert. Stella öffnete ihren E-Mail-Account und tippte los.
„Hi Sabine, hab deinen Text über Selbstliebe gelesen. Danke für deine Erklärungen. Ich war wirklich nicht sehr liebevoll zu mir. Kannst du mir da noch weiterhelfen? Das mit den Glaubenssätzen, wie sie entstehen, habe ich verstanden. Aber was kann ich mit den Glaubenssätzen machen? Du hast einiges bei mir angestoßen und ich weiß nicht so genau, wie ich Antworten auf meine Fragen finde. Würde gerne mit dir reden. Liebe Grüße, Stella - Stella Pleiderer, 0162-86527712“.
Noch einmal las Stella die Mail, drückte dann auf den Send-Button. Hoffentlich antwortete Sabine bald. Was würde ihr jetzt noch guttun? Sie griff nach ihrem Handy und verabredete sich mit Mara.
4.
Sabines Antwort kam als E-Mail am nächsten Abend. „Hallo Stella, freut mich, dass du meine Seiten gefunden hast – oder sie dich. Mir hat eine Übung zu den Glaubenssätzen geholfen. Vielleicht magst du sie auch probieren. Vorweg noch etwas zu den Glaubenssätzen. Ich hatte ja schon geschrieben, dass die meisten Glaubenssätze von uns sehr früh gebildet werden, wir lassen uns von diesen Glaubenssätzen leiten und verhalten uns entsprechend, auch wenn wir es jetzt anders sehen könnten, weil wir mehr wissen, mehr verstehen und nicht mehr alles auf uns beziehen. Das wäre eine reifere, erwachsenere Haltung, die jetzt hilfreicher wäre. Denn die Glaubenssätze unserer Kindheit sind ganz schön begrenzend.
Und jetzt zur Übung. Wenn du ein Gefühl in dir spürst, z.B. Traurigkeit, Minderwertigkeit oder Wut, spür in dich hinein. Wo kannst du es fühlen? Im Bauch, in der Herzgegend, im Hals? Als Nächstes frage dich, wie alt das Gefühl ist. Klingt jetzt komisch, aber meistens kommt einem ein Jahr spontan in den Sinn. Drei, fünf, acht Jahre? Was war damals? Etwas hat dieses Gefühl ausgelöst. Wenn du dich nicht genau daran erinnern kannst, setz’ dich nicht unter Druck, dein Unterbewusstsein weiß es. Spür hinein in das Gefühl und in die Erinnerung. Und jetzt schüttel’ sie ab. Sei wieder in der Jetztzeit. Frag dich: Was ist das Gute daran, erwachsen zu sein? Du hast z.B. ein größeres Verständnis von vielem, kannst dich besser ausdrücken, hast mehr Möglichkeiten. Vielleicht fällt dir noch mehr ein. Gut! Jetzt spür bitte noch einmal das Gefühl, die Situation von damals. Versuch dabei einerseits in deinem Jetzt-Ich als Erwachsener zu bleiben, mit deinem Wissen und deinen Möglichkeiten, die du dir eben klar gemacht hast, und anderseits bist du wieder das kleine Mädchen, mit seinen Gefühlen und Glaubenssätzen. Du bist also quasi zweigeteilt. Ein Teil ist das kleine Mädchen, aber ein anderer Teil von dir ist außenstehend wie ein Beobachter, bleibt der Erwachsene. Und der schaut wahrscheinlich mitfühlend auf das kleine Kind in dir. Denn wen rührt nicht ein leidendes, kleines Kind? Der Erwachsene in dir fragt jetzt das Kind, wie es sich fühlt, frag mehrmals nach – und was fühlst du noch? –, damit auch die verdeckten Gefühle gefunden werden. Nenn die Gefühle – ich sehe, dass du traurig bist oder wütend, dich alleine fühlst, dich schutzlos fühlst –, was immer es sein mag. Als Nächstes fragt der Erwachsene, was das Kind braucht, um sich besser zu fühlen. Frag auch hier mehrmals nach. Vielleicht mag es in den Arm genommen werden, vielleicht braucht es jemanden, der ihm zuhört oder ihm versichert, dass es nicht schlecht ist, nur weil es manche Dinge einfach noch nicht kann. Der mitfühlende Erwachsene in dir kann jetzt dem Kind das geben, was es braucht. Liebe, Verständnis, Erklärungen, Hilfe. Und selbst wenn der Erwachsene nicht für alles eine Lösung hat, kann er doch Beistand bieten: Wir finden es gemeinsam heraus, ich bin bei dir und werde dir helfen.
Die Übung kannst du immer dann machen, wenn Gefühle in dir hochkommen, die du nicht klar zuordnen kannst: Warum macht mich das jetzt so wütend, wieso bin ich auf einmal traurig? Sie ist auch ein guter Grundstein für weitere Schritte zur Selbstliebe, nach denen du ja auch gefragt hast. Probier sie aus und lass es mich wissen, wie du mit ihr klarkommst. Und sei nicht zu hart mit dir, wenn es am Anfang nicht so gut klappt. Wir reden hier doch über Selbstliebe, oder? Liebe Grüße, Sabine.“
Stellas Neugierde war geweckt. Das klang ziemlich kompliziert, aber auch – interessant. Ein Versuch war es wert. Also zuerst das Gefühl. Das war einfach, manche waren ziemlich vertraut. Das Gefühl, nicht gut genug zu sein. Es war sofort da. Ein Zusammenkrampfen im Bauch. Stella fühlte sich ganz klein. Wie alt bist du?, fragte sie. Drei, fühlte sich richtig an. Komisch, dachte Stella, dass man so etwas fühlen kann. Eine mahnende Stimme fuhr sie an. Mach die Übung und lenk dich nicht ab! Stella war aufgeregt und streckte der Stimme innerlich die Zunge raus. Fast musste sie lachen, doch die Stimme hatte ja recht. Zurück zu dem Gefühl. Drei Jahre, was war damals? Stella sah sich ganz verschwommen, voller Freude und Stolz zu ihrem Bruder rennen. Ihr Pferdeschwanz wippte, die kleinen Füße konnten gar nicht so schnell rennen, wie sie wollte. In der Hand hielt sie ein selbst gemaltes Bild. „Tom, Tom schau. Ich hab Baum gemalt!“ Doch Tom schaute nur verächtlich auf das Bild. „Der hat ja noch nicht mal Äste, das soll ein Baum sein? Du bist echt zu blöd. Hau ab!“ Wumm, das saß. Ja, der Baum hatte keine Äste.
Stella war erstaunt. Sie konnte sich gar nicht daran erinnern. Aber das passte. Tom war früher selten nett zu ihr gewesen. Jetzt also die Erwachsene. Heute weiß ich, dass ein dreijähriges Kind noch nicht gut Bäume malen kann. Wahrscheinlich war das Bild sogar recht gut, doch für einen Sechsjährigen war es schlecht. Tom konnte natürlich einen Baum besser malen, aber nicht, als er selber erst drei war. Doch so weit konnte er noch nicht denken.
Ok. Jetzt versuche ich die Kombination, dachte Stella. Zuerst das Gefühl, wow, diese Enttäuschung, das tat ganz schön weh, diese Euphorie und dann so ein Niederschmettern. Stella schien in das Gefühl abzurutschen. Erwachsener!, schrillte es wie eine Alarmglocke. Das Gefühl halten und von außen beobachten. Mitgefühl durchströmte Stella. Ja, sie fühlte mit, versank aber nicht in dem Gefühl. Stella war fasziniert. Konzentrier dich! Was fühlst du, Kleines? Traurigkeit, tauchte auf. Ich sehe, dass du traurig bist. Was fühlst Du noch? Hilflosigkeit. Und noch? Verzweiflung. Stella schluckte. Was brauchst du? In den Arm genommen werden. Und noch? Bestätigung. Noch etwas? Hilfe. Stella zog in Gedanken die Kleine auf ihren Schoß, tröstete und wiegte sie. Dann erklärte sie ihr, dass sie ein schönes Bild gemalt hatte – für eine Dreijährige –, dass sie es nicht hätte besser machen können. Die Kleine schaute fragend zu ihr auf: Stimmt das? Stella nickte. Wenn du möchtest, setzen wir uns zusammen ans Fenster zum Garten und dann helfe ich dir beim Malen der Buche. Ein Strahlen glitt über das Gesicht der Kleinen. Stella atmete tief durch. Sie fühlte sich viel besser.
Die Übung war toll. Voller Neugierde beobachtete sich Stella, auf das nächste Gefühl wartend. Doch diesmal konnte sie zwar das Alter (vier), aber keine konkrete Geschichte dazu finden. Sie versuchte es trotzdem. Da war die Traurigkeit des Nicht-gesehen-Werdens. Das Gefühl des Alleinseins. Stella wurde von Gedanken abgelenkt. Hey, zurück! Was fühlst du? Ich fühle mich wertlos. Ich fühle mich unsicher, verstehe nicht, was ich falsch mache. Was brauchst du? Jemanden, der mir zuhört. Der mich sieht, an mich glaubt, mir erklärt, was ich falsch mache. Das Gefühl, dass ich gut bin, so wie ich bin. Ach Kleines, natürlich bist du liebenswert und ein ganz tolles Kind. Schau, Mama ist so mit Tom beschäftigt, du weißt, dass er nicht einfach ist und sie oft Feuerwehr spielen und ihm bei den Hausgaben helfen muss, d.h. aber nicht, dass du nicht liebenswert bist und sie dich nicht lieb hat. Wenn Mama sich fünfteilen könnte, würde ein Teil dich den ganzen Tag knuddeln, mit dir spielen und Spaß haben.
Stella dachte nach. Hm, ja, sie hatte immer noch das Gefühl, dass ihr Bruder an erster Stelle bei ihrer Mutter stand. Aber jetzt sah sie es mit mehr Verständnis. Sie hatte sich früh distanziert gegenüber ihren Eltern verhalten. Wenn sie etwas beschäftigte, machte sie es mit sich selber oder einer Freundin aus. Ihre Mutter hatte ein paarmal vorsichtig das Gespräch gesucht, doch der Teenager Stella hatte abgeblockt, gedacht: Jetzt braucht sie auch nicht mehr zu kommen! Vielleicht sollte sie doch einmal zu Hause anrufen. Mama würde sich sicher freuen.
Die Übung gefiel Stella, doch war sie nicht die Lösung für ihr eigentliches Problem. Wieso war Selbstliebe der Schlüssel, um die Nebelwand zu durchbrechen? Wie könnte sie mehr Selbstliebe finden? Was genau war Selbstliebe? Nachdem Stella die Erfahrungen mit der Übung in ihrer nächsten Mail beschrieben hatte, stellte sie Sabine diese Fragen.
