Freitag, der Dreißigste - Fondermann - E-Book

Freitag, der Dreißigste E-Book

Fondermann

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Beschreibung

Sascha muss raus. Raus aus dem Sauerland, weg von ihrer Familie. Es verschlägt sie nach Hamburg. Doch auch dort lässt die Vergangenheit sie nicht los. Sie muss unbedingt Svenja finden, die Freundin ihres Bruders. Doch Sascha kennt weder ihren Nachnamen, noch weiß sie, wie Svenja aussieht. Robert ist raus. Raus aus seinem Job, raus aus seinem alten Freundeskreis. Ohne einen Plan, wie es weitergehen soll, schlägt er sich weiter die Nächte in seiner Lieblingskneipe um die Ohren. Er muss zu sich selbst finden und will der Künstler werden, der er immer schon sein wollte. Doch Robert weiß nicht, wie er damit anfangen soll. An einem Spätsommertag in Hamburg treffen Robert und Sascha aufeinander und ihre gemeinsame Geschichte beginnt. Sie begeben sich auf eine emotionale Reise, auf der sie Kiezoriginalen, Heizungsablesern, russischen Komponisten, einem Baum mit Postanschrift und nicht zuletzt immer wieder ihrer eigenen Biografie begegnen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 281

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Ritchy Fondermann ist Musiker, Texter, Komponist, Autor, Audio- und Videoproduzent und wohnt in Hamburg. Geboren in Essen, ist er im schleswig-holsteinischen Dorf Kirchnüchel aufgewachsen. Seit über zwanzig Jahren betreibt Fondermann das K-Klangstudio und hat dort bereits mit Künstlern wie Rocko Schamoni, Los Fastidios und Feine Sahne Fischfilet gearbeitet. Unter dem Label K-Klangfilm produzierte Fondermann unter anderem Videos für Christian Kjellvander, Rocko Schamoni und Hans Joachim Roedelius. Zudem ist er seit einigen Jahren als Backliner für Die Toten Hosen auf Tour. Er veröffentlichte mit seinen eigenen Bands (u.a. Antikörper, Highschool Nightmare, The Varanes) seit 1998 rund ein Dutzend Alben, zuletzt mit seinem Soloprojekt Fondermann.

Lars Gebhardt studierte Germanistik in Hamburg, wo er noch heute lebt und als Fotoredakteur arbeitet, nachdem er sich zuvor als DJ, Punk-Sänger und Versicherungskaufmann versucht hatte. Bisher veröffentlichte er vier Bücher. Als Autor schreibt er außerdem unter dem Namen Abel für das Ox-Fanzine. Schon früh hat der in Westfalen geborene Autor eigene Fanzines herausgegeben.

Seine Romane erschienen bei Fidel Bastro als Hörbücher, eingelesen vom Autor, Bela B (Die Ärzte) und Wolfgang Wendland (Die Kassierer).

»Ein Goldfisch in der Grube« Roman, 2013

»Die Reise zur grünen Fee« Roman, 2015

»Schattenboxen« Erzählungen, 2017

»Hamburg New York - Von der alten in die neue Welt«, 2018

Fondermann & Gebhardt

Freitag, der Dreißigste

Roman

Fondermann & Gebhardt: „Freitag, der Dreißigste“

1. Auflage, April 2021, Edition Subkultur Berlin

© 2021 Periplaneta - Verlag und Mediengruppe / Edition Subkultur Inh. Marion Alexa Müller, Bornholmer Str. 81a, 10439 Berlin edition.subkultur.de

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, Übersetzung, Vortrag und Übertragung, Vertonung, Verfilmung, Vervielfältigung, Digitalisierung, kommerzielle Verwertung des Inhaltes, gleich welcher Art, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.

Die Handlung und alle handelnden Personen sind erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit realen Personen oder Ereignissen wäre rein zufällig. Lektorat und Projektleitung: Laura Alt Cover: Thomas Manegold (unter Verwendung eines Bildes von CapeCom auf Pixabay) Kapitel-Intros: Alexander Puschkin Satz & Layout: Thomas Manegold

print ISBN: 978-3-948949-08-2 epub ISBN: 978-3-948949-09-9

Kapitel 1

Über’m Fluss, an wald’gen Hängen

Zelte, Feuer angefacht.

Und von Lärm und von Gesängen

Widerhallt die stille Nacht.

Das Ziel war fast erreicht. Sascha hatte jegliches Gefühl für Raum und Zeit verloren. »Nächste Ausfahrt Münster Nord«, ertönte es aus dem eingebauten Navi ihres VW-Busses. Hier musste sie raus und danach rein. Rein in ihr neues Leben als Studentin an der medizinischen Fakultät der Universität Münster. Fahrradstadt und katholisches Epizentrum Nordrhein-Westfalens. Aber wer wie Sascha aus dem Sauerland stammte, würde sich damit wohl arrangieren können. Ihr Blick fiel auf das blaue Ausfahrtsschild. Noch fünfhundert Meter bis Münster Nord. Doch darüber stand eine andere Stadt. Hamburg. Hatte Martin nicht immer davon geschwärmt? »Sascha, wenn wir mal groß sind, ziehen wir an die Elbe. Raus aus der miefigen Provinz, rein ins Leben.«

Jetzt war Martin fort und sie auf dem Weg nach Münster. Aus den Lautsprechern erklang bereits zum dritten Mal das dritte Klavierkonzert von Sergej Rachmaninow. Sie liebte dieses Stück. Es war die einzige Musik, die in ihr wirkliche, tiefe Gefühle auslöste. Da hatte Martin noch so oft versuchen können, sie von seiner Pop- oder Rock-Musik zu begeistern. Wahr und ehrlich fühlte sich für sie nur Rachmaninow an. Und da eigentlich auch nur das dritte Klavierkonzert.

Hamburg. Noch nie war sie dort gewesen. Gerne hätte sie Martin einmal bei einer seiner Reisen dorthin begleitet. Aber es hatte sich einfach nie ergeben. Und jetzt, wo Martin nicht mehr da war und sie, von zu Hause aus gesehen, bereits die halbe Strecke hinter sich hatte, könnte sie doch einfach … Neben ihr tauchte die Ausfahrt auf. Das Allegro des Klavierkonzertes näherte sich seinem Höhepunkt. Und Sascha trat das Gaspedal weiter durch. Es war eher ein Impuls als eine rational getroffene Entscheidung. Aber sie wollte noch nicht ankommen. Sie wollte weiter in Richtung Norden fahren, weiter Rachmaninow lauschen, weiter fort von zu Hause, das Sauerland hinter sich lassen. Sie wollte nach Hamburg, zum Sehnsuchtsort ihres Bruders, in die Stadt, die er ihr unbedingt zeigen wollte. Ihr Studium in Münster würde sowieso erst Ende des Monats beginnen. Und auch wenn ihre kleine, angemietete Studentenbude bereits bezugsfertig war, brauchte sie doch sicher nicht lange, um sich dort einzuleben und in Münster zurechtzufinden. »Nehmen Sie die nächste Ausfahrt und wenden Sie«, sprach die freundliche Stimme des Navigationssystems nun zu ihr. Sie schaltete das Gerät aus und schaute nach vorne in den weiten, grauen Himmel über dem Münsterland. Es hatte angefangen zu regnen und Sascha schaltete den Scheibenwischer ein. In knapp drei Stunden würde sie Hamburg erreichen. Und dann? Im Moment wollte sie nur Rachmaninow hören und fahren. Immer weiter weg.

Es war schon elf Uhr und Robert hatte langsam wirklich Hunger. Der Kaffee stand seit einer halben Stunde vor ihm und der Duft war verflogen. So wie die Roberts Hoffnung, Marie würde doch noch zum Frühstück auftauchen. Er hatte ihr am Freitag eine Textnachricht geschrieben. Anzurufen hatte er sich nicht getraut, aber er wollte sich mit ihr zum Frühstück verabreden. »Wenn eine Tür zu geht, geht woanders eine neue auf«, hatte ein früherer Freund immer zu ihm gesagt, wenn dieser den Job wechselte. Robert war da nicht so erfahren. Er war eher der konstante Typ. Das wollte er auch Marie erzählen und vielleicht ein wenig Mitleid von ihr erhaschen. Bislang hatte die Masche immer gut funktioniert. Na ja, was heißt hier Masche und was heißt immer? Er erinnerte sich an die Zeit, als er die Ausbildung zum Steuerfachangestellten nach der Zwischenprüfung abgebrochen hatte. Er hatte es einfach nicht mehr ausgehalten. Dieses öde, langweilige Buchhalterdasein sollte ein Ende haben, noch bevor es angefangen hatte. Er wollte kein Sklave der Gesellschaft sein, er wollte was erleben, sein Leben leben. Dennoch fühlte er sich leer, kaputt und niedergeschlagen, so als hätte er den Kampf gegen die Ausbildung verloren, ohne den um die Freiheit gewonnen zu haben. Damals hatte er das erste Mal auf der Mitleidsschiene eine Mitreisende gefunden. Anna war auf dieselbe Berufsschule gegangen und hatte seinen glühenden Ausführungen zu den nun für ihn offenstehenden Türen zugehört. Sein Blick war wohl etwas verklärt gewesen. Genau genommen war sie ihm tagelang aus dem Weg gegangen, und erst als er das Praktikum beim NDR angenommen hatte, hörte sie seinen Ausführungen über das Leben inmitten kleinerer oder größerer Persönlichkeiten zu. Da hatte er ihre Aufmerksamkeit gewonnen. Nur leider nicht ihr Herz. Das hatte sie inzwischen an einen anderen Mitschüler verschenkt, an den, der immer gesagt hatte: »Wenn eine Tür zu geht, geht woanders eine neue auf.« Vielleicht würde Maries Tür ja aufgehen, hatte Robert gehofft. Aber schon, als sie ihm recht spät auf seine Nachricht geantwortet und ihn auf »irgendeinen Tag nach dem Wochenende« vertröstet hatte, war ihm eigentlich klar, dass diese Tür geschlossen bleiben würde. Er hätte danach nicht schreiben sollen, was ihm passiert war. Hatte er aber. Er war nicht mehr ganz nüchtern gewesen. Aber hatte er wirklich geglaubt, sie würde seine Einladung zum Frühstück in das romantischste Café in Eimsbüttel an einem Dienstagvormittag annehmen?

Robert dachte an die Zeit zurück, als sich aus dem Praktikum eine Ausbildung ergeben hatte, doch das dritte Ausbildungsjahr wurde für ihn zu einer Katastrophe. Alles, was er sich für sein Leben vorgenommen hatte, zog an ihm vorbei, ohne ihn mitzunehmen. Dieses Jahr war die pure Langeweile. Zwar hatte er ein paar Kollegen kennengelernt und ein paar Freundschaften in seiner neuen Heimat gefunden, aber waren das echte Freunde? Er war in Eckernförde groß geworden. In direkter Nachbarschaft zum Strand. Da hatte er Freunde gehabt. Freunde, mit denen er die Schule geschwänzt und die Nachmittagsstunden am Strand verbracht hatte. Meistens hatten sie Skat gespielt. Das machte man in seinem norddeutschen Umfeld so. Egal wo. Ob bei sich zu Hause, bei Freunden zu Hause, mit Freunden im Urlaub oder eben am Strand. Aber immer mit Freunden. Ging auch nicht anders. Zum Skat brauchte man mindestens drei Leute. Gut, das geht auch zu zweit. Das nennt man dann Bauernskat. Aber das ist so, wie »Koyaanisqatsi« in schwarz-weiß zu sehen oder die »Quadrophenia« von The Who in mono zu hören. Sie waren damals eine eingeschworene Gemeinschaft. Sie hatten die ersten Drinks probiert, die ersten Zigaretten geraucht und sich wilde Pläne für die Zukunft gemacht. Sie hatten eine Band gegründet, Die Drei Asse, und hatten Skatpunk gespielt. Zumindest hatten sie es so genannt. Was es wirklich war, wusste heute keiner mehr so genau. Vermutlich war es eher eine Art Country auf im Offbeat gespielten Akustikgitarren. Sie hatten angefangen, ein Konzeptalbum über die Stadt Altenburg zu schreiben. Dort war das Skatspiel erfunden worden. Die Platte sollte »Ich hab da noch was im Ärmel« heißen. Aber keiner von ihnen war je in Altenburg gewesen und außerdem kam dann das Abitur dazwischen. Dennoch kam ihm dieser kurze Ausflug in Country-Gefilde zugute, als er die Kollegen vom Rundfunk näher kennenlernte. Er hatte von Die Drei Asse erzählt und da einige von ihnen auch aus Norddeutschland kamen, traf man sich das ein oder andere Mal zum Skat spielen und Country hören. Mehr war von den neuen Freunden nicht zu erwarten. Aber Robert richtete sich in seinem Leben ein. Er kam damit zurecht. Als dann jedoch die Lehre zu Ende war, wurde er nicht vom NDR übernommen. Das war eher ungewöhnlich, hatte aber vermutlich damit zu tun, dass Robert, wenn er nicht Skat spielte und trank, alleine ins Karlssons ging und dort trank.

Der Himmel war dunkel und wolkenverhangen, als Sascha ihren VW-Bus über die Elbbrücken steuerte. Eigentlich war es Martins Auto, aber der brauchte es ja nicht mehr und sie war sich sicher, er würde nichts dagegen haben. Er hatte seiner kleinen Schwester nie etwas verboten, hatte stets versucht, sie vor dem Übel der Welt zu beschützen und ihr dabei zu helfen, trotz der schwierigen Umstände ihr Leben zu meistern. Ohne ihn hätte sie sich nicht um einen Platz für den Studiengang Medizin beworben, hätte nach der ersten Absage nicht weiter daran geglaubt und nicht die nötigen Wartesemester in ihrem Beruf ausgeharrt. Ohne Martin würde sie weiterhin am Klinikum in Schmallenberg als Krankenschwester arbeiten. »Wenn du nur wirklich willst und an dich glaubst, kannst du alles erreichen«, hatte er zu ihr gesagt. An sich geglaubt hatte Sascha zwar nie wirklich, viel zu groß waren ihre Selbstzweifel, aber dank Martin verfolgte sie ihren Weg weiter. Und dann kam eines Tages die Zusage aus Münster. Sie hatte nicht mehr dran geglaubt. Im Gegensatz zu ihrem großen Bruder, der sofort eine Flasche Sekt aus dem Kühlschrank holte, als sie ihm den Brief zeigte. Ihren Eltern wollte sie vorerst nichts davon erzählen. Sie wusste ja, wie ihr Vater zu der Idee stand, dass seine Tochter studieren wollte. Und ihre Mutter würde sie auch nicht unterstützen. Dafür hatte sie zum Glück Martin. Mit ihm zusammen kümmerte sie sich um die organisatorischen Angelegenheiten, suchte eine Wohnung, erkundigte sich über das Angebot der Uni Münster und darüber, worauf sie alles vor dem Beginn ihres Studiums achten musste.

Jetzt aber fuhr sie nach Hamburg hinein, hatte Münster im wahrsten Sinne des Wortes einfach links liegen lassen. Für eine fixe Idee, für ein Gefühl. Sie hatte immer weiter Rachmaninow gehört und den Bus in Richtung Norden gesteuert. Und nun hatte sie die Elbbrücken passiert und fuhr an den Deichtorhallen vorbei – hatte Martin nicht mal von einer Fotoausstellung geschwärmt, die dort stattfand? – weiter in Richtung Zentrum. Der Verkehr hatte stetig zugenommen und sie musste sich sehr konzentrieren, niemanden zu übersehen. Die Straßen waren so breit, die Gebäude so groß, die Autos so zahlreich. Das war sie aus Föckinghausen und dem Sauerland nicht gewohnt. Und woanders war sie noch nie selber Auto gefahren. Natürlich war sie schon in Großstädten gewesen, hatte das Nachtleben im Ruhrgebiet kennengelernt, Köln und Düsseldorf zu Karneval besucht und auch schon mal Reisen nach München und Paris unternommen. Aber da hatte sie nie am Steuer gesessen. Jetzt war sie ganz alleine unterwegs. Und so fühlte sie sich auch. Verlassen und verloren in der fremden, großen Stadt. Wo sollte sie hinfahren, welches Ziel zuerst ansteuern? Sie folgte weiter der Straße, über einer U-Bahn-Brücke las sie das Schild Rödingsmarkt. Kurz dahinter tauchte auf der linken Seite eine große Kirche auf. War das der Michel, von dem Martin ihr erzählt hatte? Von dessen Turm aus man einen wunderbaren Blick über die Stadt haben sollte? Heute allerdings bestimmt nicht. Viel zu düster und regnerisch war der Himmel, viel zu grau erschien ihr die ganze Stadt. Vor ihr gabelte sich die Straße und Sascha folgte ihr nach links in Richtung Hafen und Reeperbahn. Das war es, was sie mit Hamburg verband. Und ehe sie sichs versah, befand sie sich auch schon auf Hamburgs sündiger Meile, fuhr vorbei an den Tanzenden Türmen und dem Musical-Haus. Sie fragte sich, was an dieser Straße so besonders sein sollte. Abgerockt und trostlos wirkten die meisten Gebäude auf sie. Auf den Gehsteigen saßen alle paar Meter Obdachlose und Bettler, Punks mit Hunden und Alkoholiker umgeben von Tüten und Müll. Über den Eingängen der Bars, Restaurants, Clubs und Sexshops blinkten billige Leuchtreklamen, von Glanz und Glamour war hier weder etwas zu sehen noch zu spüren. Ehe sie diese ganzen Eindrücke einordnen konnte, war sie auch schon am Ende der Reeperbahn angekommen und bog nach rechts ab in die Holstenstraße.

Saschas erster Eindruck von Hamburg war nicht der beste. Inzwischen fuhr sie das dritte Mal über die Reeperbahn, die davon auch nicht attraktiver wurde. Irgendwie drehte sie sich oder vielmehr fuhr sie nur im Kreis. Nach einiger Zeit tauchte links von ihr das Stadion des FC St. Pauli auf, danach ein großer, freier Platz. Vielleicht würde sie hier parken können, dachte sie und bog in die nächstmögliche Straße links ab, die den schönen Namen Holstenglacis trug. Die Zufahrt auf das freie Feld war kostenpflichtig, aber am rechten Straßenrand gab es Parkbuchten. Sascha hatte Glück und vor einem Transparent mit der Aufschrift »Fliegende Bauten« fand sie eine Lücke und steuerte ihren Bus hinein. Sie schaltete den Motor ab und lehnte sich zurück. Erst jetzt merkte sie, wie erschöpft sie war. Als sie ihren Kopf zurück gegen den Sitz lehnte, fielen ihr die Augen zu und sie ließ sich vom Schlaf überwältigen.

Nachdem Robert seinen letzten Arbeitstag beim NDR hinter sich gebracht hatte, war er ins Karlssons gegangen. Mit einer verdammt guten Idee. Zwar war er nicht mehr beim NDR, hatte aber genügend Ex-Kollegen, die ihn mit dem heißesten Scheiß versorgen würden. Ok, beim NDR von heißem Scheiß zu reden, war etwas komisch, aber er hatte eine Affinität zu deutschem Country entwickelt und im Karlssons wurde auch gerne der ein oder andere Trash-Abend veranstaltet. Warum also nicht die alten Kontakte bemühen und als DJ einen regelmäßigen Country-Trash-Abend organisieren? Der Wirt fand die Idee eher semi. »Du willst doch nur meine Gäste vergraulen«, hatte er gegrummelt. – »Wo keiner ist, kann ich auch keinen vergraulen.« Robert brauchte so an die drei, vier Bierlängen, um ihn davon zu überzeugen, es zumindest auszuprobieren »Aber nur, wenn du zwischendurch auch mal was Richtiges spielst. Dann kannst du das nächsten Dienstag mal machen.« Bam – der Grundstein für seine Karriere war gelegt. Er hatte es allen gezeigt. Jetzt musste nur noch ein guter DJ-Name her und die Plattenkiste aufgefüllt werden.

Robert grinste in sich hinein, als er an diesen Abend im Karlssons dachte. Obwohl ihm gar nicht zum Grinsen zumute war. Grinderman, dachte er, ob das übersetzt grinsender Mann hieß? Er war sich nicht sicher, Englisch war nicht so seins. Es roch immer noch nach kaltem Kaffee. Nach Vergangenheit. Das mit Marie war wohl eine Nullnummer. Vorsichtig tippte er in sein Handy: »Hey Marie, warte auf dich im Chez Charles. Kommst du noch?« Nein, das war zu fordernd. Er änderte es in: »Sehen wir uns noch?« Aber auch das war doof. Er guckte, was sie auf seinen Vorschlag, sich zu treffen, geantwortet hatte. »Schöne Idee. Ich melde mich«, stand da. Hatte sie aber nicht. Mist. Vermutlich würde sie nicht kommen. Robert beschloss, die Nachricht nicht abzuschicken und zu warten, ob sie sich melden würde. Dann bestellte er sich einen zweiten Kaffee und ein kleines Frühstück. »Frühstück gibt’s nicht mehr, ist ja nach zwölf«, lächelte die Bedienung, die Robert noch nicht kannte, obwohl er häufig zum Kaffee herkam. Mist. Dann eben nur ein Croissant und den Kaffee. Er starrte noch einmal auf sein Handy, bis die Frage nach dem Grinderman wieder aufkam. Grinderman war eine ehemalige Band von Nick Cave, den er manchmal an seinen Abenden im Karlssons auflegte. Er versuchte, die Bedeutung des Namens zu googeln. Grinder war eine Kräutermühle, vorwiegend zum Zerkleinern von Tabak und Marihuana. Aha, der Cave und die Drogen. Obwohl, der ist ja eine Kunstfigur. Ob der Drogen nimmt? Man weiß es nicht, dachte Robert. Bei dem weiß man ja nichts so genau. Ach, eigentlich interessierte es ihn auch nicht. Er glotzte wieder auf das Display. Es blieb schwarz. Er betrachtete sein Spiegelbild und fing an, breit zu grinsen. Das sah aufgesetzt aus. Er drehte das Telefon von links nach rechts und wieder zurück, während er sich sein Grinsen besah. Nein, grinsen war nichts für ihn. Zumindest nicht heute. Was wohl die Leute denken, wenn da so einer grinsend in der Ecke eines Cafés sitzt?

Er schaute sich um. Es war nicht viel los. Da war eine alte Frau, vermutlich hatte sie Katzen zu Hause. Er stellte sie sich in einer Hamburger Altbauwohnung im Hochparterre mit Garten vor. In dessen Mitte ein kleiner Springbrunnen, in dem vom Frühling bis zum Herbst die Vöglein spielten. Währenddessen Katzen, die im Winter nur vor dem Kamin lagen, ihre überschüssigen Pfunde beim Versuch, die Vögel zu jagen, nicht wirklich loswerden konnten, weil sie nicht mal bis zum Beckenrand des Brunnens kamen. Er sah sich weiter um. Sein Blick fiel auf das Foto von Charles Aznavour, das über dem Tresen hing. Dessen Lied »Du lässt dich gehn« kam ihm in den Sinn. Die Bedienung, die jetzt hinter dem Tresen einen Kaffee zubereitete, sah nicht aus, als würde sie sich gehen lassen. An einem Tisch davor saß ein großer Mann, so ein Teddybär-Kumpeltyp. Er war nicht alleine da, sondern mit einer ebenso fülligen, aber weitaus kleineren Frau. Seine Freundin war das nicht. Aber was ging das alles Robert an? Er begutachtete noch die beiden jungen Frauen am Nachbartisch, die sich über Klausuren unterhielten. Studentinnen vermutlich. Beide aus reichem Elternhaus. Die hatten bestimmt Pferde bei sich in Pinneberg und waren von ihren Vätern in die große Stadt geschickt worden, um zu Hause nicht weiter zu nerven. Robert war schlecht drauf. Er hatte eine wirklich beschissene Woche hinter sich, hatte sich aber auf den Tag gefreut, obwohl er irgendwie geahnt hatte, dass die Verabredung mit Marie mehr in seinem Kopf als in Wirklichkeit stattfinden würde. Aber das war ihm egal gewesen. Er war am Vorabend früh schlafen gegangen in der Annahme, Marie würde sich am Morgen melden oder einfach kommen. Schließlich war sie eine spontane Frau. Aber eigentlich kannte er Marie kaum. Er hatte sie an einem seiner DJ-Abende im Karlssons kennengelernt. Sie hatten sich ein wenig unterhalten und in den folgenden Wochen immer mal wieder lose verabredet. Mal war sie gekommen, mal nicht. Wenn man Stammgast in einer Kneipe ist, in der man auch noch als DJ arbeitet und somit fast zum Inventar gehört, sollte man ein »Bis nächstes Mal« vielleicht nicht eine Verabredung nennen. Außerdem sollte man Berufliches und Privates nicht vermischen. Das war der Punkt. Er hätte sich gar nicht erst verabreden dürfen.

Als Sascha erwachte, brauchte sie einen Moment, um sich zu orientieren. Sie war mit Martins Auto nicht wie geplant nach Münster, sondern bis nach Hamburg gefahren. Und hier saß sie nun und wusste nicht, warum überhaupt und was sie nun hier machen sollte. Es war Montagabend, draußen war es bereits dunkel und sie kannte niemanden in dieser Stadt. Martin hatte ihr öfter von einem Club auf St. Pauli erzählt, in dem es vor allem am Montagabend richtig abgehen sollte. Was hatte er da geschwärmt: »In Hamburg kann man sogar am Montag feiern gehen, wenn man will. Im Moon Club ist da die Hölle los.« Sie nahm ihr Smartphone zur Hand und suchte nach diesem Moon Club, dessen Homepage sie auch gleich fand. Der Laden befand sich in einer Straße namens Hamburger Berg, die, wie sie schnell herausfand, direkt von der Reeperbahn abging. Wenn es Martin dort so gut gefallen hatte, sollte sie sich das vielleicht einfach mal angucken. Ob Svenja auch dort war? Sollte sie Martins Hamburger Freundin nun doch endlich kennenlernen? Warum hatte sie sich bloß nie ein Foto von ihr zeigen lassen? Selbst den Nachnamen kannte sie nicht. Geschweige denn wusste Sascha, wo sie wohnte oder arbeitete. Martin hatte ihr immer wieder gesagt, wie toll Svenja sei und wie glücklich sie ihn machen würde. Im Grunde genommen hatte sich Sascha nie für sie interessiert und Martin auch nicht weiter nach ihr gefragt. Insgeheim war sie eifersüchtig auf Svenja gewesen.

Die junge Frau, die da drüben sitzt, dachte Robert, die hat was. Was sie hatte, konnte er allerdings nicht sagen. Sie saß so, dass er sie nur von der Seite sehen konnte. Ihre dunklen, langen Haare verdeckten ihr Gesicht. Irgendwie zuckte sie manchmal zusammen. Plötzlich ging der Teddybär auf die junge Frau zu und setzte sich an ihren Tisch. Er redete ruhig mit ihr, vertraut. Die Musik im Laden wurde wieder lauter. Es war irgendein klassisches Konzert mit viel Klavier. Robert hätte schon vorher, als es noch ruhiger gewesen war, nichts von ihrem Gespräch mitbekommen können. Jetzt war es aussichtslos. Die innere Unruhe kam zurück und er schaute aus dem Fenster. Die Autos, die draußen auf der Osterstraße wie kleine Käfer hin- und herfuhren und ein- und ausparkten, zogen ihn in ihren Bann. Er war ein Tagträumer. Wie sollte es auch anders sein, jetzt da er keinen Job mehr hatte, dem er tagsüber nachgehen konnte. Da durfte er schon mal träumen. Stopp! Heute musste er abends arbeiten und vorher war noch einiges zu erledigen. Die Hemden wollten zur Reinigung gebracht werden, der Kühlschrank für morgen aufgefüllt und sein Körper wollte auch noch etwas gepflegt werden.

Robert beschloss, sich den Pflichten des Alltags zu stellen, um sich danach noch ein wenig auszuruhen. Er zahlte und verließ das Café. Eine seltsame Stimmung überkam ihn, als er die Tür zur Straße öffnete und das Klavier samt Streichern und Orchester hinter sich ließ, um in die lauten Mittagsgeräusche einer mondänen Stadt abzutauchen.

Ein leichter Nieselregen ging nieder, als sie gegen zehn aus dem Bus trat. Trotzdem war es noch angenehm mild. Spätsommer in Hamburg. Sascha zog den Reißverschluss ihrer Jacke hoch, schloss den Wagen ab und machte sich auf in Richtung Reeperbahn. Diese wirkte am Abend deutlich aufregender und weit weniger trostlos als bei Tage. Trotzdem waren die Straßen ziemlich ausgestorben und es machte nicht den Anschein, als dass hier an einem Montag groß gefeiert würde. Nach einiger Zeit fand sie den Hamburger Berg und ihr Blick fiel auf eine Bar namens Karlssons. Auch von der hatte ihr Martin erzählt. Hatte er hier nicht Svenja kennengelernt? Und war das nicht die Bar, in der er dieses Mexikaner-Zeug trank, das ihm so gut geschmeckt hatte? Ja, natürlich, jetzt fiel es ihr wieder ein. Heute aber war das Karlssons geschlossen. Also ging sie weiter und fand kurz darauf den Moon Club.

Zwölf Euro sind ein stolzer Preis für einen Montagsclub, dachte Sascha, als sie an der Kasse den Eintritt zahlen musste. Aber es würde sich ja lohnen, wenn sie Martins Erzählungen Glauben schenken konnte. Es ging eine Etage tiefer in den Untergrund durch ein Treppenhaus und einen schmalen Gang, alles mit Schwarzlicht beleuchtet. Und plötzlich stand sie in einem großen Kellersaal. Die Musik war ohrenbetäubend. Wie nannte man diesen Sound? War das noch House? Drum and Bass? Minimal Electro? Sascha wünschte sich Rachmaninow herbei. Aber gut, sie hatte natürlich nicht damit gerechnet, hier Musik des einzig wahren Komponisten zu hören. Sie kam sich mit einem Mal sehr provinziell vor, in ihrem Anorak mit den Trecking-Boots, überhaupt keine Ahnung, was das hier für Musik war, die ihr brutal laut in den Ohren dröhnte. So was gefiel Martin? Sascha fiel Martins Song »Surfen auf dem Möhnesee« ein. Was war das doch für eine Schnapsidee gewesen. Eine erfolgreiche Schnapsidee. Ihr großer Bruder war von jetzt auf gleich ein Popstar. Zumindest im Sauerland und auch ein wenig darüber hinaus. Keine Zelt- oder Großraumdisco, die Martins Party-Hit nicht mehrmals am Abend spielte. Und niemand hatte sich daran gestört, dass es eine billige, ziemlich stumpfe und einfache Retorten-Nummer war, die völlig ohne künstlerischen Anspruch oder jegliches Niveau auskam. Aber sie machte Spaß. Es ließ sich herrlich dazu abfeiern. Konnte man das zu der Musik im Moon Club auch? Bisher standen die Leute alle eher cool und reserviert um die Tanzfläche herum und hielten sich an ihren Getränken fest. Sie guckte sich die Etiketten auf den Flaschen an und kam sich erneut hinterwäldlerisch vor. War das Bier? Energy-Drinks? Bionaden? Niemand trank hier wie bei Sascha zu Hause Krombacher, Cola oder Mumm Sekt. Das gehörte dann wohl zum aufregenden Nachtleben in der großen Stadt.

Sie beschloss, sich ein Club Mate mit Wodka zu bestellen. Was immer das sein sollte. Es schien hier ziemlich populär zu sein. Warum, das konnte sie sich nach den ersten Schlucken allerdings nicht erklären. Das Zeug schmeckte wie abgestandener Kräutertee mit Fusel. Und kostete acht Euro. Immerhin gab der Drink in ihrer Hand Sascha das Gefühl, ein klein wenig dazuzugehören. Doch je länger Sascha mit ihrer Club Mate am Rand der Tanzfläche stand, desto verlorener kam sie sich vor. Auch wenn inzwischen immer mehr Gäste zu tanzen anfingen und die Stimmung ausgelassener wurde, so wurde sie davon nicht erfasst. Im Gegenteil.

Die Leute hier wirkten oberflächlich und arrogant, niemand schien Notiz von ihr zu nehmen. Sah man ihr die Landpomeranze selbst in diesem Blitzlichtgewitter sofort an? Sie dachte an Svenja. War sie heute Abend auch hier? Gehörte sie zu den tanzenden und immer lächelnden Frauen, die Sascha neidvoll beobachtete? Wenn sie doch nur wüsste, wie Svenja aussah. Aber würde die sich überhaupt für Sascha interessieren? Die kleine Schwester ihres Freundes aus dem Sauerland? Sascha beschloss, es hier und heute nicht mehr herauszufinden. Das war nicht ihre Welt, kein Ort für sie, um Menschen kennenzulernen. Also trank sie ihr komisches Mate-Getränk aus, zog ihre Jacke an und verließ den Moon Club.

Im Karlssons trafen sich hauptsächlich Hamburger Studenten. Ab und an verliefen sich ein paar Touristen, doch eigentlich war man unter sich. Zumindest unter der Woche. Als Robert angefangen hatte, dort aufzulegen, stellte sich das als kleiner Erfolg heraus. Zumindest kamen seine Ex-Kollegen vom NDR vorbei, also durfte er unregelmäßig weiter auflegen. Denn der Dienstag war vorher genauso schlecht besucht gewesen wie der Montag. Am Montag war das Karlssons geschlossen. Doch auch der kleine Erfolg hatte seine Zeit und nach ein paar Abenden war Robert wieder alleine mit den wenigen Stammgästen und Karlsson, dem Wirt. Das mit dem Plattenauflegen schien wohl doch nicht der ganz große Wurf zu sein, zumindest war es keine Alternative für einen richtigen Job. Die Ausbildung hatte er in der Tasche. Die Idee, im Medienbereich zu arbeiten, im Kopf. Als er auf der Suche nach Jobs eine Stellenanzeige des in Hamburg ansässigen Musiklabels Warner fand, in der ein Buchhalter gesucht wurde, musste er es versuchen. Das Geld war knapp geworden und er sah eine Chance, ins Musikbusiness zu rutschen. Vielleicht ergab sich ja die Möglichkeit, als Quereinsteiger irgendwann innerhalb der Firma zu wechseln. Also bewarb er sich und wurde sogar angenommen. Mit dem neuen Job kamen auch neue Leute ins Karlssons. Robert hatte eine recht überzeugende Art, wenn er in Begeisterung geriet, und das hatte die neuen Kollegen bei Warner dazu gebracht, ihn an seinen Country-Trash-Abenden zu besuchen. Er hatte es sogar geschafft, die Aftershow-Party eines australischen Künstlers ins Karlssons zu holen. Plattenfirmen sind immer auf der Suche nach ausgefallenen Locations für ihre Partys. Die Party war ein voller Erfolg für die Kneipe und Robert durfte nun jeden Dienstag auflegen. Ein, zwei Mal berichteten sogar die lokalen Medien über seine Abende, und so kamen auch Leute, die es ansonsten nicht hierher verschlagen hätte. Doch irgendwann kamen auch die die neuen Kollegen nicht mehr und die Vorstädter wollte keiner hier haben. Man saß also wieder in vertrauter Runde und lauschte der immer noch gewöhnungsbedürftigen Musik aus Roberts Plattensammlung.

So auch an diesem Dienstag. Die Hemden hatte er zur Reinigung gebracht, den Einkauf verschoben. Er hatte sich noch eine Runde Schlaf gegönnt, um den unerfreulichen Morgen zu vergessen. Marie hatte sich immer noch nicht gemeldet und Robert wollte den bisherigen Tag hinter sich lassen, als er sich mit dem Laptop unter dem Arm in Richtung Kiez aufgemacht hatte. Schon länger hatte die alternative Musik deutlich mehr Raum in Roberts DJ-Set bekommen und so spielte er auch heute Abend wenig Country. Ihm war mehr nach schwerfälliger, melancholischer Musik zumute.

Es waren nur wenige Stammgäste im Laden, als die Tür aufging und der Teddybär, den Robert am Morgen im Chez Charles gesehen hatte, zusammen mit einigen Freunden zur Tür hereinkam. Er wollte den Morgen doch vergessen, dachte er. Und zack war Marie wieder präsent. Warum nur hatte sie sich nicht gemeldet? Er versuchte, den Gedanken zu verdrängen. Nach ein paar Minuten ertappte er sich dabei, wie er über sein Leben und seine Beziehungen nachdachte. Beziehungen, die meist von kurzer Dauer und wenig entfesselt gewesen waren. Romantik. Zügellosigkeit. Danach sehnte er sich. Seelenverwandtschaft. Jemanden finden, dem man in die Augen schauen kann, um dahinter Horizonte zu entdecken, Universen, Weiten.

Die Kälte saß Sascha tief in den Knochen. Die Standheizung des VW-Busses hatte diesen zwar gestern Nacht recht schnell erwärmt. Genauso schnell kühlte er sich aber auch wieder ab, nachdem Sascha die Heizung ausgeschaltet hatte, um die Autobatterie zu schonen. Kurz danach fielen ihr die Augen zu. Die Scheiben waren von innen beschlagen, draußen war die Luft diesig, ein leichter Wind wehte durch die Baumkronen rings um die Glacischaussee. Jetzt eine Zigarette, schoss es Sascha durch den Kopf. Das würde sie ein wenig wärmen und auch das Zittern würde nachlassen. In ihrer Jackentasche fand sie eine angebrochene Schachtel Kippen, allerdings kein Feuerzeug. Ihr fiel ein, dass sie gestern Nacht auf dem Weg zurück zum Bus einem jungen Mann Feuer gegeben hatte. Hatte er ihr das Feuerzeug wieder zurückgegeben? Jedenfalls hatte sie jetzt keines mehr. Also öffnete sie das Handschuhfach, um zu sehen, ob sie hier fündig würde. Und siehe da, zwischen Straßenkarten, Eiskratzer, Taschentüchern und Kaugummiverpackungen fiel ihr ein Streichholzbriefchen in die Hand. Sie stieg aus dem Bus, streckte und reckte sich einmal kräftig durch und zündete sich eine Zigarette an. Während sie genussvoll den Rauch inhalierte, las sie den Aufdruck auf dem Briefchen. »Chez Charles – Dein Stück Frankreich in Eimsbüttel« war da zu lesen. Sie schaltete ihr Smartphone ein, um nach dem Weg zu schauen. Es zeigte drei verpasste Anrufe an. Alle kamen von ihrer Mutter aus Föckinghausen. Sascha hatte noch gar nicht Bescheid gegeben, dass sie nicht nach Münster, sondern nach Hamburg gefahren war. Das würde sie noch tun müssen, aber nicht jetzt. Wenn es etwas Dringendes wäre, hätte ihre Mutter eine Nachricht hinterlassen können. Ansonsten brauchte Sascha Abstand. Von Föckinghausen. Von zu Hause. Von ihren Eltern.

Eigentlich war Sascha überhaupt nicht danach zumute, alleine in einem Café zu sitzen. Aber sie hatte einen heißen Kaffee dringend nötig. Die Nacht im Van steckte ihr gehörig in den Knochen. Und vielleicht würde sie hier ja auf Svenja treffen. Svenja, von der sie doch eigentlich gar nichts wusste. Je mehr Sascha über sie nachdachte, desto neugieriger wurde sie auf diese Frau. Was war es, das Martin so an ihr faszinierte, dass er immer wieder an so vielen Wochenenden zu ihr nach Hamburg gefahren war? Früher war Martin immer greifbar gewesen, war stets für seine kleine Schwester da, wenn sie ihn brauchte oder auch einfach nur nicht allein sein wollte. Martin war immer gut informiert, wo man am Wochenende feiern gehen konnte, war auf unzähligen Partys eingeladen, kannte Hinz und Kunz im Sauerland. Und nie gab es ein Problem, wenn er Sascha im Schlepptau hatte. Ihr gefiel das sehr. Neben ihrem Bruder fühlte sie sich sicher und akzeptiert. Er gab ihr ein Gefühl von Geborgenheit, das sie sonst selten verspürte. Ihre Eltern konnten oder wollten ihr dieses Gefühl nie geben. Für ihren Vater Karl gab es immer nur sein Sägewerk in Bestwig. Da war er der Boss, da tanzten alle Angestellten nach seiner Pfeife. Und zu Hause hatte es gefälligst genauso zu laufen. Etwas anderes ließ der Alte nicht zu. Dieses autoritäre Eltern-Kind-Verhältnis hatte er bereits von seinem Vater eingebläut bekommen. Nun gab er es an seine Kinder weiter. Doch diese wollten da einfach nie so mitspielen, wie er sich das vorgestellt hatte. Martin war ein Freigeist, nahm sich stets den nötigen Raum für sich, seine Freunde und seine Hobbys. Das führte oft zu Streit zwischen den beiden. Immerhin arbeitete Martin beim Vater im Sägewerk, hatte dort schon seine Ausbildung gemacht und ließ Karl in dem Glauben, er würde später mal in dessen Fußstapfen treten und das Werk übernehmen. Doch im Vertrauen hatte er Sascha erzählt, dass er sich da alles andere als sicher sei. Aufgrund der dominanten und herrischen Art von Karl würde er dieses Thema aber lieber aussparen und seinen alten Herrn im Glauben lassen, alles sei in Ordnung und die Familientradition würde gewahrt bleiben. Überhaupt Traditionen. Das schien Sascha immer das Wichtigste für ihren Vater gewesen zu sein. Egal ob im Schützenverein oder bei der freiwilligen Feuerwehr. Als ehrbarer Bürger von Föckinghausen gehörte es sich, in all diesen Verbänden Mitglied zu sein. Ganz zu schweigen vom Ortsverband der CDU und dem Engagement in der katholischen Kirche.

All das wurde Sascha und Martin von klein auf eingetrichtert, gehörte zu einem anständigen und normalen Leben dazu.