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Okay, ihr Klappentext-Streber. Glaubt ihr jetzt ernsthaft, ich habe 38 Kapitel qualvoll aufs Papier erbrochen, um dann in ein, zwei Sätzen, den ganzen Quark zu spoilern? Nur damit ihr Lascheks dann im Online-Shop großkotzig den Schinken wegklicken könnt und einen Kometen-Satz raushauen, wie in etwa: "Hmm, na ja, die Story von nem Schizo, der mit seinem Kochlöffel quatscht, die Weltformel mit ner Pizza Capricciosa verwechselt und ständig von James Bond in kurzen Hosen träumt? Und von der seltsamen Nachbarin, die permanent seinen Tempranillo wegballert? Ich weiß nicht so recht. Ich nehme doch lieber das neue von Rosamunde Pilcher." Einen Scheißdreck werde ich tun. Lest halt. Könnt doch lesen, oder? Na bitte, was macht ihr sonst hier? Und angefingert habt ihrs eh schon. Also gedanklich. Ist ja alles virtuell hier. Von daher, Zeit für euch, mal was Richtiges und so. Dann los, ich hab nicht den ganzen Tag Zeit mit euch im Internet zu gammeln. Klickt jetzt da auf "Bestellen" oder wie das dann heißt, und ab dafür. Oder kauft die Printausgabe, gibts nämlich auch, von wegen der Haptik. Auf gehts, ich hab viel vor. Wegen untenrum und so. Wie? Kapiert ihr jetzt nicht? Wird schon. Versprochen. Kannste dir nämlich nicht ausdenken.
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Seitenzahl: 553
Veröffentlichungsjahr: 2022
sonicsuperfish
Freitag!
Impressum
Texte: © 2022 Copyright by sonicsuperfish
Umschlag: © 2022 Copyright by sonicsuperfish
Verantwortlich für den Inhalt:
Stefan Stamm
Brunhildestr.24
68199 Mannheim
www.sonicsuperfish.net
Cover Art: sonicsuperfish und Christian Wahl,
who shall not be mentioned
Druck: neobooks - ein Service der Neopubli GmbH, Berlin
sonicsuperfish
Freitag!
Roman
Okay, ihr Klappentext-Streber, glaubt ihr jetzt ernsthaft, ich habe hier 576 Seiten qualvoll aufs Papier erbrochen, um dann auf dem Umschlag in ein, zwei Sätzen den ganzen Quark zu spoilern? Nur damit ihr Lascheks dann im Buchladen großkotzig den Schinken zur Seite legen könnt und einen Kometen-Satz raushauen, wie in etwa: „Hmm, na ja, die Story von nem Schizo, der mit seinem Kochlöffel quatscht? Ich weiß nicht so recht. Ich nehme doch lieber das neue von Rosamunde Pilcher. Können sie es mir nett einpacken?“ Einen Scheißdreck werde ich tun. Lest halt. Könnt doch lesen, oder? Na bitte, was macht ihr sonst hier? Und angefingert habt ihrs eh schon. Wie, ihr seid gar nicht im Buchladen, ist doch n Ebook! Ich habs gewußt, ihr seid Streber. Dann los, ich hab nicht ewig Zeit. Hab viel vor. Wegen untenrum und so. Wie? Kapiert ihr jetzt nicht? Wird schon. Versprochen. Kannste dir nämlich nicht ausdenken.
„Danke Ihr Lascheks, dass Ihr das Buch gekauft habt. Könnt dann auch anfangen zu lesen. Ich hab noch mehr zu tun, als hier zu gammeln.“
Freitag.
Für Natalie und ihren Kochlöffel. Nur, falls jemand fragt. Und die Tippfehler könnt ihr behalten. Hab jetzt keinen Bock mehr auf den Quark. Reicht.
Inhalt
Kapitel 1 Donnerstag
Kapitel 2 Freitag
Kapitel 3 Carbonara
Kapitel 4 Draculas Makler
Kapitel 5 Natalie
Kapitel 6 Die Sportschau
Kapitel 7 Fenster zum Hof
Kapitel 8 Schneewittchen
Kapitel 9 Bunte Mappe Kasachstan
Kapitel 10 Der Eisbär
Kapitel 11 Quarkmaske
Kapitel 12 Fargesia Murielae
Kapitel 13 Der Treppenliftbeauftragte
Kapitel 14 Sigrid Service
Kapitel 15 Bolo Iberico
Kapitel 16 Helen Mirren
Kapitel 17 Finch Hatton ohne Bindestrich
Kapitel 18 Savoy Truffle
Kapitel 19 Sara ohne h
Kapitel 20 Nexus 6
Kapitel 21 Ich kaufe ein E und will lösen
Kapitel 22 She can’t change me
Kapitel 23 Scrabble
Kapitel 24 Buddha says relax
Kapitel 25 Schrecken ohne Namen
Kapitel 26 Krösus der Schmächtige
Kapitel 27 Hey, Mr. Tambourine Man
Kapitel 28 Kokodema Pilea
Kapitel 29 What goes in, must come out
Kapitel 30 Der Apache-Kafka-Käfer
Kapitel 31 Dein Leben ist eine Tüte
Kapitel 32 Moneypenny
Kapitel 33 Herbstwald Nr. 432
Kapitel 34 Only Blue
Kapitel 35 Boom, Boom
Kapitel 36 Halbe Treppe rauf
Kapitel 37 Halbe Treppe runter
Kapitel 38 Epilog
Donnerstag. Einleuchtend und folgerichtig. Weshalb? Interessiert euch auch, sehe ich sofort, und deshalb bin ich in der Sache mal investigativ tätig geworden. Es liegt in weiten Teilen daran, dass gestern Mittwoch war. Und ob das so ist, weil es sich über die Jahre bewährt hat, oder einfach nur, weil wer zu faul ist, das mal neu durch zudenken, keine Ahnung. Ich glaube, das war auch schon immer so, wenigstens die letzten 40 Jahre. Mir ist es nämlich noch nie passiert, dass mal nach Mittwoch nicht Donnerstag war. Und mir ist echt schon viel passiert. Mein Ernst. Ich beobachte das jedenfalls schon seit einiger Zeit. Kann Zufall sein. Wenigstens für die, die an Zufälle glauben. Ich glaube, es hat sich bestimmt wer was bei gedacht. Und solange ich nichts anderes höre, gehe ich einfach davon aus; erst Mittwoch, dann Donnerstag. Soweit ich mich daran erinnern kann. Bewusst. Halbwegs. Im Rahmen meiner Möglichkeiten. Und die sind so schlecht nicht. Stabil würde ich sagen. Andererseits ist das aber auch einigermaßen erwartbar, da schlafen dir die Füße ein. Also bei mir. Immer gleich. Woche für Woche. Mittwoch, Donnerstag. Das kann auch hart an die Nerven gehen. Man könnte ja auch ab und zu tauschen. Oder auslosen. Immer am Abend vorher wird dann, nach der Tagesschau, aus einer großen Trommel, so eine aus Glas, ne Kugel gezogen. Mit dem Wochentag drin. Und der Tag, der gezogen wird, der ist dann am nächsten Tag der Tag. Könnt ihr mir folgen? So wie Lotto. Gut, am sechsten Tag ist es dann langweilig, da weißt du ja, was noch übriggeblieben ist, aber sonst, sehr charmant, die Idee. Letztlich wird da sowieso nix draus. Aus so was wird nie was. Viel zu kreativ. Und was meinste, was die Leute da sagen. Die kriegen ja schon existentielle Blähungen, wenn zweimal im Jahr die Uhr umgestellt wird. Keine Chance.
Bei vielen ist der Donnerstag dann auch schon so ein kleiner Höhepunkt. Der letzte helle Stern im schwarzen Loch der Belanglosigkeit. Donnerstag. Na sauber. Der Tag der After-Work-Parties. Kopfschüttel. Wann denn dann, wenn nicht after Work? Während der Arbeit? Wohl kaum. During-Work-Parties, oder was? Klingt auch Scheiße. Wenn man sonst nix hat, zum drauf freuen, bitte. Ist dann aber schon erbärmlich; irgendwie. Wer bitte freut sich auf Donnerstag? Und dann lost auch noch einer abends für den nächsten Tag den, meinetwegen, Montag aus. Wo sich doch jeder schon auf Freitag gefreut hat, und dabei haben sie alle vergessen, dass der Freitag schon raus war aus der Verlosung, ja, und zwar montags. Und weil das total behämmert ist und keine Sau da mitkommt, macht das dann auch keiner. Kommst du ja auch durcheinander. Dann bleibt das eben so. War nur ne Idee.
Allein der Gedanke. Meine Existenz ist von Montag bis Donnerstagmittag unerträglich, aber so ab 17 Uhr gehts dann halbwegs? Grundgütiger. Heißt aber auch, wenn du mit 65 in die Grube einfährst, schön ausgestreckt im Zinksarg, musste nochmal wenigstens dreieinhalb Siebtel von den letzten 45 Jahren weg rechnen. Die, die rechnen können. Und die, die immer montags in den Puff gehen, können dann von mir aus nochmal pro Woche ne gute Stunde wieder drauf packen. So insgesamt, mit hinfahren, und hinterher noch son Siegerbier um die Ecke. Außer im Puff war langweilig. Zählt dann nicht. Mir ist übrigens auch langweilig. Friday on my mind. Mittwoch will sich einfach nicht verpissen, der Donnerstag lurcht sich so durch. Ich wollte das nie, Donnerstag schon auf Freitag warten, damits dann endlich Samstag ist. Ist wie auf die Rente warten und dann direkt, nach der zwanghaften Verabschiedung in der Firma, am nächsten Morgen nicht mehr aufwachen. For he’s a jolly good fellow. Du dachtest das ’s steht für is. Nöö. Was. War. Du warst ein jolly good fellow. Ab da bist du nur noch ein fellow, der auf den Kollegen mit der Sense wartet. Wer da noch jolly ist, Respekt. Er war ein lustiger Kauz. Which nobody can’t deny. Würde an dem Tag keiner tun. Die wollen ans Buffet ran. Wenn es eines gibt. Hängt dann von dir ab. Ob du den ganzen Schnappern, die dich jahrelang genervt haben, an deinem letzten Tag auch noch Würstchen und Sekt spendieren willst, oder besser noch, Antipasti, obwohl die meisten das für eine Zahnreinigungscreme halten. Dein Bier. Das gibt es dann auch. Dazu Brezeln, das geht immer. Und hoffentlich ein paar Tränchen.
Ich mach das nicht. Warum auch? Wie, Respekt und so? Was und so? Ich setz mich gediegen gegenüber in die Kneipe, lass mich volllaufen und glotz denen die ganze Zeit in die Bürofenster. So siehts aus. Oder ich bin halt irgendwann einfach nicht mehr da. Und es merkt keiner. Und dann? Der letzte Akkord vom feierlichen Gesinge ist noch nicht ganz verklungen, da steht zu Hause auch schon der Doktor mit dem betroffenen Gesicht und stellt den Schein aus. Auch so eine Art Krankmeldung, so ein Totenschein. Halt für sehr Kranke. Und für sehr, sehr lange. Timing. Wichtig!
Nur den Freitag im Kopf. Die Anderen vertrödeln den dann an der Kaffeemaschine, den Freitag. Dann zum Drucker, Kantine und zurück, und erzählen dann, wie öde die Afterdingens-Sause war, aber die Frau Müllermeierschmidt, weißt schon, die Rothaarige, die wäre ja auch so, uiuiui, und boxen sich dabei in die Seite. Was für Lascheks. Und jetzt? Virus. Lockdown. Kurzarbeit. Nicht mal mehr peinlicher Büro-Sexismus geht. Willkommen im einundzwanzigsten Jahrhundert. Und vertrödeln musst du nix mehr, das macht die Zeit von ganz alleine. Kein Unterschied zwischen Dienstag und, na, zum Beispiel, Sonntag? Okay, Freitag gibts Fisch. Außer bei meiner Mutter früher, als die noch gelebt hat. Klar, danach auch nicht, weil wenn sie nicht mehr lebt, gibts freitags sowieso keinen Fisch. Also bei ihr. Nicht mal Knäckebrot. Da war das am Mittwoch. Also mit dem Fisch, nicht mit dem Knäckebrot. Weil der Tengelmann bei ihr um die Ecke, hat immer mittwochs die Werbung für Fisch rausgehauen. Deshalb war der Freitag bei meiner Mutter der Mittwoch. Früher haben wir den Wochentag auch am Fernsehprogramm erkannt, da gabs dann den Kommissar um viertel nach acht. Aber jetzt? Erbärmlich und grau. Kochsendungen und Ratespielchen, wohin du schaust. Auf allen Kanälen Belanglosigkeit. Rund um die Uhr. Und Ärzte. Und Virologen. Und Polemiker. Und Sondersendungen. Und Polit-Talkshows mit dem dicken Altmaier und Karl Lauterbach. Dann lieber Internet. Für Katzenvideos und Try-not-to-laugh-challenges auf Youtube musst du nicht mal im Programm nachlesen. Auch nicht zappen. Nur glotzen. Boredom on demand. In Dauerschleife. Früher hatten wir noch das gute, alte Fernsehheft, hab ich immer mit feuchten Fingern aus dem Briefkasten gefrickelt, freitags nach der Schule, und dann voll aufgeregt mit aufs Klo genommen und geblättert bis zur Thrombose. Heute? Papiermüll. Wenn alles zu jeder Zeit verfügbar ist, wer braucht das dann noch? Kennt ihr wen, der noch son Heft zu Hause hat? So richtig gedruckt, mit belanglosen Artikeln über C-Promis, um den Anschein redaktioneller Arbeit zu erwecken? Und Rätselseiten mit Kreuzworträtsel? Unnötiges Produkt mit 12 Buchstaben? Programmheft! Also ich kenne keinen, der so was noch hat. Maximal als App. Als ich damals das Abo einstampfen wollte, haben sie mir als Bonus den Jahrespreis angeboten. Nur damit das weiter aus dem Briefschlitz ragt, wie die untergehende Titanic, alle 14 Tage. Kometen-Metapher. Und Ökonom, der ich bin, habe ich dann das Altpapier auf lau abonniert. Die Hefte lagen einfach nur rum, vollkommen nutzlos. So wie ich gerade auch. Und viele andere. Und so Zeitschriften, die liegen nicht mal mehr beim Zahnarzt aus. Virenschleuder Nummer eins. Ich kenne einen, der hat immer die „Bunte Mappe“ ausgefahren. Hat gut verdient. Jens hieß der. Jens Rappe. „Der Rappe von der Lesemappe.“ So hat er immer die Sprechstundenhilfen angequatscht. Gott, ist das schlecht. Senf, ein anderer Kumpel, der hieß so, weil er immer Unmengen an Senf verkleckert hat, bei der Bratwurst am Röstmobil, der konnte sich glatt alle 20 Minuten umziehen, jedenfalls, bevor ich den Faden verliere, der hat dann immer hintenrum geflüstert, „die dumme Sau von der Bild der Frau“. Rappe von der Lesemappe. Was ein Laschek. Später hat er dann in der Nachbarschaft Fenster geputzt. Und noch besser verdient. Weil, im Sommer hat er dann sein T-Shirt ausgezogen. Mein Ernst. Oder seiner, genau genommen. Wie in so ner schlechten Werbung. Der Fensterputzer ist fast nackend und die Bürohühner rappeln sich vor Extase in den Slip, während er braune Brause trinkt. Und ob am Ende die Fenster streifenfrei sind, interessiert außer mir wohl niemanden. So dachte sich das auch mein Kumpel. Er sorgt für Durchblick und Sauberkeit, während die „Bunte Mappe“ im Siechtum liegt. Der Rappe. Von der Lesemappe. Wahnsinn.
Das war ja früher schon eklig, wenn dann die Rentner beim Doc so die Seiten umgeblättert haben, und wenn die Zeitschrift neu war, haben die dann immer ihre Finger abgeleckt, damit sie das Papier zu fassen kriegen. Ein Wunder, dass wir das erst jetzt haben, mit diesem Virus. Im Wartezimmer die Hörzu ablecken. Schlimmer als Pangolin im Brotteig. Unfassbar. Schöne Headline jedenfalls: „Der Tod kam mit der Lesemappe“. Und wieso heißt eine Fernsehzeitung „Hörzu“? „Schau hin!“, wäre ja wohl besser. Nicht ganz so griffig als Name, geb ich zu. Okay, Fernsehen hat sich dann ja auch bald erledigt, denke ich, ist doch eh nur noch so semi, Randerscheinung, wenn ihr mich fragt. Tut ihr aber nicht. Mich fragen, meine ich. Netflix hoch und runter will aber auch keiner. Jedenfalls keiner, den ich kenne. Und irgendwie finde ich das auch traurig. „Hier, Käseblatt, ausgedient, du wirst nicht mehr gebraucht! Wir machen das jetzt alles mit diesem Internet, da müssen wir wenigstens keine Bäume abholzen.“ Ein netter Gedanke. Sag jetzt bloß keiner ‚nachhaltig‘, sonst ist das hier vorbei, bevor es richtig angefangen hat. Mein Ernst. Dann hör ich direkt auf zu erzählen.
„Von wegen nachhaltig. Alleine Internet- und Computernutzung in Deutschland verursachen so viel CO2-Emissionen wie ganz Kroatien. So circa 24 Millionen Tonnen CO2 im Jahr.“ Das ist aber mal ein dickes Brett. Allerdings, ich hab das grade nicht gesagt. Normalerweise pfeift es ja mächtig laut in meinem Schädel, Berufskrankheit, zu lange auf zu lauten Bühnen und so, momentan gerade nicht, klar. Wie die Lesemappe. Dafür spricht aber wer. In meinem Kopf. Für mich egal. Macht keinen Unterschied. Obs jetzt pfeift oder spricht. Scheint aber neu zu sein. Weil außer mir wohnt hier auch niemand. Ich bin alleine, schon länger, sonst würde ich wohl kaum Selbstgespräche führen. Und! Wenn hier jemand wäre, könnte ich ihn ja sehen. Die Wohnung ist zwar groß, aber Einraum, das Badezimmer ausgenommen, das wäre dann auch ziemlich blöd, und obendrein unpraktisch, wenn Besuch da ist. Seht ihr selbst, oder? Aber momentan scheidet das ja aus. Besuch meine ich. Zwei Menschen aus zwei Haushalten und Kinder unter 14 zählen nicht? Sind das jetzt keine Menschen oder sind die komplett resistent? Gegen Vernunft vielleicht, yoah, aber gegen ein Virus? Anderes Thema. Mathe war ja noch nie mein Ding. Aber was sollte ein 12-Jähriger bei mir? Rotwein trinken? Meine Selbstgespräche verfolgen, bis die Polizei mit dem Jugendamt an der Tür bimmelt. Nee, lass mal, da bleib ich lieber alleine. In guter Gesellschaft bin ich dabei allemal.
Ich stelle mich jetzt übrigens nicht vor. Nur falls ihr das erwartet. Das ist voll abgenutzt. Und in den meisten Büchern dann auch total weinerlich. Wenn ihr so was wollt, dann hört am besten gleich auf zu lesen und legt das Buch wieder weg. So was gibts hier nicht. Könnt ihr vergessen. Lieber mal warten, wie sich das entwickelt. Locker bleiben, weiterlesen. Meine Meinung. Wird noch. Versprochen. Nur so viel vorab. War mal Toningenieur, Veranstaltungsbranche. Schiffschaukelbremser. Und jetzt Kurzarbeit. Betroffen? Na meinetwegen, vollkommen zurecht. Hilft aber nix.
Warum bin ich das geworden? Aus Mangel an Alternativen, oder doch, weil ich an die kosmische Energie der Musik geglaubt habe? Glaubst du an diesen Rock'n'Roll? Kann er deine sterbliche Seele retten?Zu spät, schätze ich. Für meine Seele jedenfalls. Zu spät. Musik wird niemanden retten, nicht, wenn wir ihre Magie zerstören, in dem wir sie Stunde um Stunde aus den Lautsprechern unserer heiligen Shopping-Malls triefen lassen, sie ständig mit uns rumschleppen und uns befiedeln lassen, wo immer wir auch sind. Sogar auf dem Klo. Kollegen von mir, den hat mal auf Job eine gefragt, was er denn so privat hört. Wollte sich ranwanzen, damit sie ins Künstlerbuffet fingern kann. Da hat er nur gesagt, er hasst Musik und geht lieber in den Wald, den Vögeln zuhören. Leider hat sie das mit den Vögeln als Anspielung fehlinterpretiert und ist ihm den ganzen Abend nachgeschlappt. Als wir dann verschwitzt nachts um zwei im LKW die Kisten eingeladen haben, war sie aber dann plötzlich doch weg. Wer vögelt schon gerne einen, der nach zwanzig Stunden Arbeit wie ein Iltis ausdünstet? Eben. Merkt ihr selbst. Der Tag, an dem die Musik gestorben ist. Lange her. Und mag sie dem ein oder anderen noch etwas bedeutet haben, gänzlich verwest ist sie schon ziemlich lange. Niemand wird in 100 Jahren etwas mit der Zahl 33 1/3 anfangen können. Ist die Kultur das Spiegelbild einer Gesellschaft, dann ist unser Spiegel wohl gerade endgültig zersprungen.
Wie bei einer ehemaligen Nachbarin. Heulkrampf im Hausflur, da war sie schon Ende 50. Ich so die Treppe runter und an ihrer Wohnungstür vorbei, da kommt sie rausgeschossen wie ein Tasmanischer Teufel und schreit, „sieben Jahre keinen Sex mehr, Ahhhh“. Ihr Mann ballt hinter ihrem Rücken schon die Faust, Motto, endlich Ruhe, und ich stehe da wie ein Leasing-Rückläufer. Stellt sich raus, ihr Badezimmerminihandspiegel, sorry, schreibt man eventuell auch getrennt, ist ihr runtergefallen. Hat sich dann aber beruhigt. Nach drei Tagen. Die Nachbarin, nicht der Spiegel. War lange vor der Pandemie. Nach All-you-can-eat, oder All-you-can-hear, und Flatrate-Saufen, wird im pseudo-kulturellen Verdauungstrakt ohnehin alles zu einer grauen Masse vermengt, und am Ende ist es egal, was du oben reinsteckst. Unten kommt immer das gleiche raus. Alles für jeden und viel davon. Mann, bin ich heute wieder gut drauf. Sagenhaft. Das wird bestimmt noch lustig. Wetten? Unsere Branche ist ja schon so was wie Bielefeld. Weiß ja keiner wirklich, dass es das gibt. In echt. Ich lasse kein Klischee aus, habt ihr gemerkt. Gut. Und bei uns denken die, wir machen das alles so nebenher, als Hobby. Hat mal einer gefragt, son Knecht, Elektriker, Hausmeister, Fahrstuhlschubser, egal, von irgendeiner Halle oder so was, auf Tour. Der meinte zum Kollegen, „und was machen sie so, wenn sie nicht die Lichtorgel bedienen?“ Alter. Lichtorgel. Kometen-Begriff. Die schönsten Wörter des 18. Jahrhunderts. Heute: die Lichtorgel. Kannste so ne Sendung machen, wie die mit den 100 besten Gemälden. Fünf Minuten plaudern über alte Schinken. Spannend. Jedenfalls, der Kollege hat ihm dann erklärt, er sei eigentlich bei einer Spezialeinheit und gerade von Einsatz zurück, von wo könne er nicht sagen, das sei top-secret, und der Psychologe hätte ihm vor Jahren schon geraten, in den Pausen sich von dem ganzen Töten mit was Kreativem abzulenken, wie zum Beispiel an der Lichtorgel stehen. Der Logik-Patzer ist außer mir keinem aufgefallen. Hätte der wirklich so eine Kometen-Killer-Ausbildung gehabt, hätte er den Laschek bestimmt direkt weggeputzt. Mit einem Teelöffel zum Beispiel. Das konnte der. Ernsthaft. Ich saß mit dem früher oft beim Frühstück, so auf Jobs, im Hotel, weil wir beide immer früh aufgewacht sind. Da haben wir dann so semi-romantisch über alles Mögliche gequatscht. Sonnenaufgänge, muffige Servicekräfte, Tee, Wurst, Krieg, Töten, einfach alles. Und immer, wenn er einen Löffel in der Hand hatte, hat bei mir der Kaffee mitten im Hals erst mal Pause gemacht und gewartet, ob es überhaupt nach unten weitergeht, oder er gleich den Seitenausgang nehmen muss und auf den Boden von Speisesaal zum Liegen kommt. Also der Kaffee. Hätte mich aber nie, nee, der nicht. Einer der nettesten Typen, die mir über den Weg gelaufen sind. Na, wenigstens hatte der Hallenfutzi endlich mal wieder was für Zuhause zum Erzählen. Ein Job wie Bielefeld. Da fällt mir immer mein TwoNightStand ein. In Bielefeld. Ist jetzt auch nix zum Angeben, wollte es nur nicht unterschlagen, bevor wieder einer mault. Vielleicht komme ich da später nochmal darauf zu sprechen. Nagelt mich aber bitte nicht darauf fest. Kometen-Wortspiel, bemerkt? Egal, weiter jetzt. Zurück zum Thema. Ich würde Wochentagen ja keine Namen geben. Nummern vielleicht, oder wie die Bulgaren, da gibts den Sonntag und der Montag ist der Tag nach dem Sonntag. Klar ist er hier auch, außer wir würden das mit dem Losen machen, aber ich meine, er heißt da auch so. Und Donnerstag ist einfach der vierte Tag. Fertig. Wie jetzt? Nicht verstanden? Dann seid ihr eventuell zu dumm. So einfach ist das. Lest halt mal n Buch. Okay, macht ihr ja gerade. Fangt vielleicht vorher mal mit was Einfacherem an. Mandalas. Oder die Raupe Nimmersatt. Nein, nicht Mandela, Mandala. So zum Ausmalen. Kennt ihr nicht? Egal, macht einfach, wie ihr denkt. Ihr denkt doch hin und wieder mal? Geht mich jetzt auch nichts an. Ich erzähl einfach weiter.
Noch besser wären Farben. Für die Tage meine ich. Allerdings ist die Idee momentan eher nicht so Kometen-geil. Montag bis Donnerstag sind dann ja grau, Freitag und Samstag maximal hellgrau. Wenns gut läuft. Bei Sonntag bin ich mir nicht sicher. Wäre bei mir direkt schwarz. Ich hasse Sonntage. Schon immer. Besuche bei Verwandten, die ich nicht leiden kann, Spaziergang aufm Friedhof, was so ziemlich dasselbe ist, nur dass da dann die Verwandten dort, das nicht mitkriegen und auch nix sagen. Weil, klar, warum. Und den ganzen Tag Sport im Fernsehen. Springreiten, Ski-Langlauf, Tennis, Golf, Turnen, Rhönrad fahren, Baumstämmewerfen, Golf, was weiß ich, was die damals alles übertragen haben. Und egal was, bei uns wurde geglotzt. Wir haben dann auch auf dem Schulrasen eine Zeit lang gegolft, so nennt man das. Kumpel hatte vom Taschengeld ein gebrauchtes Set geschnappt, mit Eisen und Holz und so. Und Bällen. Und mit einem davon hab ich dann irgendwann mal fast einen umgebracht.
Sonntagskicker. Auf unserem Court. So nennt man das. Die wollten einfach nicht verschwinden. Und wer nicht hören will, und so. Da habe ich dann salopp mit dem fetten Holz einen Abschlag gemacht. Sollte meilenweit über die Trottel drüber rauschen. Eher ein Problem für die Flugsicherung. Theoretisch. Kam dann halt sehr flach. Direkt am Ohr von dem Spitzbuben vorbei. Der kommt dann original zweihundert Meter weit zu uns angestiefelt, holt kurz Luft für eine diskrete Ansage und fällt dann direkt nach hinten um. Sein Team hat ihn dann zusammengekehrt und heim gebracht. Glück gehabt. Er. Und ich. Jugendknast statt Abitur, ein Roman von…, das wäre es gewesen. Danach habe ich nie mehr Golf geschaut. Und gespielt auch nicht. Wieso ich so was noch weiß? Ich speichere sinnlose Ereignisse und sinnlose Fakten. Immer rein damit, bis es oben wieder rauskommt. Was es selten tut. Scheint ne Menge Platz zu sein. Gegen das Vergessen. Zurück zu den Wochentagen. Wer hat sich die überhaupt ausgedacht? „Oh Mann, dein Ernst. Germanen vermutlich, so mit Himmelskörpern und Gottheiten. Sonne und Mond für Sonntag und Montag. So was kann man wissen, in deinem Alter und deinem Anspruch, halbwegs gebildet zu sein.“ War ich wieder nicht. Definitiv.
Beim Arzt würde jetzt jemand sagen, „Herr Doktor, ich höre Stimmen“. Echt? Mehrere? Das ist dann schon Premium. Man hört nämlich nur eine Stimme, denke ich jedenfalls. So ist das bei mir grade auch. Eine Stimme. Eine. Nicht mehrere. Ist doch Quatsch. Wieso heißt das so? Vielleicht, wenn wer singt, dann so mehrstimmig, oder Kanon. Herr Doktor, ich höre einen Chor. Quatsch. Find ich übrigens furchtbar, das Durcheinandergejaule, also Kanon. Geht gar nicht. Was soll das? Okay, anderes Thema. Ich jedenfalls höre eine Stimme, eine, bleibt jetzt so, und ich könnte schwören, dass es der Kochlöffel ist. Da redet niemand drüber, über die ganzen Singles, die in ihrer Isolation anfangen mit Küchengeräten zu plaudern. Pflegepersonal, ja, müssen wir drüber reden, Senioren, klar. Spinner mit Verschwörungstheorien. Logisch. Alleinerziehende Mütter. Unbedingt. Aber über so was wie mich, da redet keine Sau drüber. Markus Lanz, Redaktionssitzung: „Hey, schon gehört, da gibts nen Typen, der ist voll durchgeknallt. Der sitzt in seiner Bude und spricht mit seinem Kochlöffel. Gibt bestimmt viele einsame Irre. Wäre das nicht mal ein Thema für eine Sendung?“ Schweigen. Langes Schweigen. Also ehrlich jetzt, sehr langes Schweigen. „Und wen laden wir als Talkgäste ein? Kevin allein Zuhaus? Ohne mich. Die ganzen Loonies, die sich hier sonst den Arsch auf unserem Mobiliar platt sitzen, reichen mir vollkommen. Oder willst du die Sendung machen? Und wie soll die dann heißen, Konrad? Konrad kanns?“ Lanz kocht. Er verdreht die Augen und nestelt an seinem Skript. Konrad hat die Anspielung offenbar verstanden und saugt nervös an seiner Tasse, die seit Stunden leer ist. Eine Morgenmagazin-Tasse. Der Schriftzug wirkt wie eine dunkle Bedrohung. Wieder zurück in die MoMa Redaktion. Sendebeginn mitten in der Nacht. Übermüdete Moderatoren und Gäste, die sich nicht entscheiden können, ob sie nur müde, belanglos oder beides sein wollen. Und vor allem ganz viele Menschen, die glauben, man müsse in Extremsituationen unbedingt so tun, als sei man super gelaunt und dazu bis zu den Scheiß-Ohren strahlen wie ein Honigkuchenpferd. Und wieso überhaupt Honigkuchenpferd? Was soll das sein? Wir hatten stinknormale Lebkuchen aus Nürnberg. Da war kein Pferd dabei. Nicht mal, im Winter, ein Rentier. Honigkuchenrentier, oder was? Und alles im großen Pappkarton, mindestens drei Kilo Süßkram. Zu Weihnachten und zu Ostern. Ohne Reue. Das waren Zeiten. Leck mich fett. Da haben wir gegrinst, wenn der Paketbote gebimmelt hat. Wie Honigkuchenrentiere.
Bei uns gabs übrigens mal ein Lanz-Krankenhaus. Das hatte mit dem Moderator nix zu tun. Heute sind da Wohnblocks, so die teuren und schicken, die dann auch nicht Wohnblocks heißen, sondern Quartiere. Blocks sind für Asis, Quartiere für Akademiker. Kostet dann locker 10fach. Eigentlich einfach zu merken. Auf jeden Fall hatte ich da mal einen Arzttermin, im Lanz-Krankenhaus, dachte ich jedenfalls. Ich also hingefahren, geparkt und Geld in den Parkschein-Automaten geworfen. Das Maximum, man weiß ja, wie lange so was dauern kann. Am Haupteingang habe ich dann bemerkt, dass das Krankenhaus gar nicht mehr existiert. Nur noch seine sterbliche Hülle. Sehr metaphorisch. Da hing dann ein Zettel, auf dem stand, dass es die Woche drauf gesprengt wird. Im Sinne von pulverisiert. Aber Hauptsache der Parkschein-Automat funktioniert noch. Da ist jetzt übrigens ein Bäcker, wo der Automat war. Muss mal nachsehen, in der Backstube, ob der da noch steht. Obwohl, Backstube, gibts ja nicht mehr. Müsste dann Aufbackbackstube heißen. Hatte mich auf jeden Fall schon gewundert. Der ganze Parkplatz nur für mich. Und ich denke noch so, hmmm, cool, möglicherweise ist ja keine Besuchszeit. Ich bin wohl etwas naiv in solchen Dingen. Egal jetzt. In Wahrheit hatte ich einfach die Krankenhäuser verwechselt. Das andere ist direkt drei Straßen weiter.
Und heißt ganz anders. Vermutlich auch der Grund für die Sprengung. Also nicht, dass es anders heißt, aber wer braucht bitteschön zwei Krankenhäuser direkt nebeneinander. Eben. Stadtplaner müsste man sein. Da kannst du dir solche Patzer leisten. Das, wo ich geboren bin, war auch nicht weit weg. Macht dann drei. Wurde dann auch gesprengt. Oder abgetragen. Bei Burgen heißt das dann geschleift. Wie Eltern ihre Kinder. Schleifen die dann auch irgendwo hin. Jedenfalls ist da jetzt ein Park. Wo sie das Krankenhaus geschleift haben. Da kann man dann wenigstens auch die Kinder hinschleifen. Ohne Parkschein. Obwohls ein Park ist. Hab ich natürlich keinem erzählt, die Geschichte mit dem, ich muss das Wort jetzt nicht nochmal sagen. Es schmerzt. Ist jetzt auch sicher nichts zum Angeben. Nicht direkt jedenfalls. Gesehen hat mich hoffentlich auch keiner, damals. Und wenn. Am Ende habe ich noch jemanden maximal verwirrt. Stell dir vor, da geht so ein Rentner Gassi, mit seiner Flugratte, und sieht mich, wie ich da Münzen in den Automaten werfe. Er so Modell Blockwart und er schaut mir nach, wie ich zum Haupteingang gehe. Dann kläfft sein Köter einen rolligen Bullterrier an oder ne Mutti aufm Fahrrad, und der Rentner passt nicht mehr auf, und sieht nicht, wie ich wieder ins Auto steige und genervt abschiebe. Denkt halt, ich bin reingegangen, obwohl ja zu ist. Zu Hause erzählt er das dann seiner Frau und geht komplett steil.
„Da steckt bestimmt die Mafia dahinter, der Typ hatte einen gelben Fiat 128, wer sonst fährt so ne Scheißkarre?“ So weit, so gut. Ich hatte wirklich so eine Scheißkarre. Ungelogen. Und ich fand die toll. Die Scheißkarre. Die war gelb, die Karre und ich hatte damals mehr kaputte Kupplungsseile als Freundinnen. Anderes Thema. Und der Opa so, „die machen da Sonderbehandlungen. Zeugenschutzprogramme. Oder noch besser. Da werden die Familienmitglieder umoperiert und bekommen eine neue Identität. Genau!“. Seine Frau guckt gequält und denkt, Mann, Mann, Mann. Nachher muss ich im Geräteschuppen nachschauen, ob da noch diese Flasche ohne Etikett steht, die mit dem Pflanzenschutzmittel. Vielleicht nimmt er ab und zu einen Schluck. Obwohl. Lass mal Mathilde, sie heißt nämlich Mathilde, jedenfalls in meiner Fantasie, das passt schon so, denkt dann die Mathilde, in der Hoffnung auf Erlösung. Lass nippen, den Fred. Amen. Zurück zum Wesentlichen.
Pastasoße umrühren. Ich habe jetzt fast Angst vor dem Kochlöffel. Irgendwas stimmt mit dem nicht. Dabei sieht er ganz normal aus. Wie ein Kochlöffel eben aussieht. Kopf, Arme, Beine. Ich habe auch den Eindruck, er hat vorhin sein Gesicht verzogen, als ich die Zwiebeln und den Knoblauch umgerührt habe. Aber wo zum Henker hat ein Kochlöffel sein Gesicht? Vorne, hinten, oben, unten? Klar, am Kopf. Vielleicht sind das die Vorboten von Burnout. Hatte ich ja schon mal. Aber wer bitte kriegt schon nen Burnout in der Kurzarbeit. Das wäre ja mal wieder eine echte Benchmark.
„Hey Markus, der Typ mit dem Kochlöffel, von dem ich in der letzten Redaktionssitzung erzählt habe.“ Konrad sondiert erst mal die Stimmung mit einer kurzen, dramaturgischen Pause. „Ja? Hat er seinem Kochlöffel jetzt einen Namen gegeben?“ Konrad lächelt verlegen. Er fasst sich ein Herz. „Nee, so bekloppt ist jetzt ja auch keiner. Nein, der ist in 100 % Kurzarbeit, Veranstaltungsbranche und so.“ „Bitte nicht schon wieder eine Sendung über Schiffschaukelbremser, okay?“ „Nein, um Gottes willen. Halt dich fest, der Typ hat nen Burnout gekriegt. Kannste dir nicht ausdenken. Sitzt den ganzen Tag zu Hause rum, spielt an der Schnur und quatscht mit seinem Kochlöffel. Und damit ist er dann auch noch überfordert. Krass, oder?“ Markus Lanz wendet sich ab und richtet im Gehen noch einmal das Wort an seinen Redakteur. „Super Konrad. Echt super. Tolle Geschichte. Mehr davon. Das Morgenmagazin braucht solche Stories. Wär das nichts für dich?“ Beide gehen in entgegengesetzte Richtungen ab. Konrad ist leichenblass. Wie Einer, der morgens sehr früh raus muss.
Fast wäre jetzt die Arrabiata angebrannt. Ich rühre um, ziehe den Topf von der Herdplatte und lege den Kochlöffel beiseite. Er sagt erst mal nichts. Glück gehabt. Vielleicht ist er aber nur beleidigt. Oder er mag keine scharfe Soße. Hats am Magen. Das wäre extremst blöd, bei dem Job. Oder ich bin tatsächlich komplett bekloppt. Oder beides. Dem Kochlöffel einen Namen geben. Kopfschüttel. Andererseits geben Menschen ihren Hunden und Katzen auch Namen, also die, die welche haben. Mietzi und Mikesch und Wuffi geht ja noch so grade eben durch, aber es gibt auch Leute, die nennen den Hund wie ihren Erbonkel. Konrad. Oder Trudi. Anastasia. Gut, kein Erbonkel heißt Anastasia, aber es sind Lebewesen. Die Eichhörnchen auf den Baum vor meinem Fenster nenne ich ja aber auch nicht Robert. Oder Paul. Ich kann die ja nicht mal auseinanderhalten. Da sagst du dann tagelang zu Robert einfach Paul, dabei liegt der Paul schon lange unterm SUV vom Zahnarzt gegenüber und es ist Robert, der dir aufs Balkongeländer kackt. Wie ne Verwandte von mir. Die lag jetzt nicht unter nem SUV, hat mir auch nicht aufs Balkongeländer, also echt jetzt, Leute, aber sie hat mich auch noch Jahre nach dem Tod meines Vaters beharrlich mit seinem Namen angesprochen. Also den Vornamen meine ich, der Nachname war ja eh derselbe. Habt ihr? Okay, weiter.
Am Ende habe ich sogar völlig normal drauf reagiert. Für mich war das egal und sie hat sich gefreut. Und ob du jetzt ein Haustier hast, eine Frau, einen Erbonkel, Stofftiere oder einen Kochlöffel, ist im Grunde Piepenhagen. Ich halte ihn übrigens gerade in der Hand und spreche ihn an. Ihn! Für mich okay. Muss jetzt nicht jeder wissen, aber ist auch nicht weiter schlimm. Solange es nicht zur Gewohnheit wird. Ich kannte eine, im Pflegeheim, Zivildienst und so, die hat mit den Geranien Französisch gesprochen. Und ständig musste einer die Geschenke wegräumen. Da waren aber nie Geschenke. Und auch keine Geranien. Kannst du dir nicht ausdenken. Zum Glück ist morgen Freitag. Da wirds hellgrau.
Freitag. 6:30 Uhr. Wunderschön. Bisschen früh vielleicht, aber halt wie immer. Der Chianti und die wasweißichwievielte Wiederholung von „Some like it hot“, in die ich kurz nach Mitternacht reingeraten bin, haben es also nicht geschafft, mich dauerhaft in den Schlaf zu boxen. Saxofonspieler. Und Kontrabass. Toll. Meine Nacht ist vorbei, bevor sie überhaupt angefangen hat. Wie beinahe jede Nacht. Draußen ist es echt richtig dunkel und nur im Vorderhaus brennt Licht im Badezimmer im zweiten Stock, weil der Nachbar offensichtlich mal wieder seine Blase nicht länger kontrollieren kann.
Hätte ich lieber nicht sagen sollen, weil mein Licht im Klo ist auch gleich an. Normal in meinem Alter. Zurück zum Thema. Wir hatten doch eins? Richtig. Filme. Es gibt einfach Filme, die kenne ich auswendig, vorwärts wie rückwärts, bis ins kleinste Detail, und trotzdem kann ich nicht ausschalten und ins Bett gehen, wenn ich durch Zufall reinzappe. Oder rein zappe. Egal um welche Uhrzeit. „1,2,3“ gehört dazu, „Breakfast at Tiffanys“, „Jenseits von Afrika.“ Die Liste ist unendlich. Da mache ich mir nichts vor. Und nein, ich schaue nicht deshalb, weil ich hoffe, dass es auch mal anders ausgeht. Und auch nicht, weil ich Kenner, Cineast oder, noch schlimmer, Experte bin. Cineast, Weinkenner und Whiskyexperte. Danke nein. Nur, weil bei mir immer n Haufen Flaschen rumstehen. Ich trink die halt, was auch sonst? Abstauben? Qualität definiert sich dann eben über die Menge. Und warum sollte ich nur dran nippen, wenns lecker ist? Merkt ihr selbst, oder?Bei Frauen geht das übrigens genau andersrum. Mein Eindruck. Da ist ein Kenner doch einer, der was mit fast jeder hat oder mal gehabt hat. Also Quantität, richtig? Die Betten hoch und runter. Du sagst doch nicht zu einem, er ist Frauenkenner, weil er eine ein oder zweimal am Händchen gehalten hat und die dann abends nach Hause schickt. Also nur nippt, quasi. Der wäre dann eher so was wie ein Idiot. Heutzutage. Für die Meisten. Oder Gentleman, obwohl der Begriff ja definitiv mit Bond belegt ist. James Bond. Und 007 schickt wohl eher keine Frau nach Hause. Außer M vielleicht. Das ist dann aber eher was Mütterliches. Leicht ödipal. Natürlich nur in den Filmen, wo M. auch eine Frau ist. Jedenfalls, bei dem Begriff gehen wir doch von ganz anderen Aspekten aus. Und ein Gegenstück gibt es auch nicht. Weibliches Pendant. Nicht zu verwechseln mit Pedant. Oder habt ihr schon von einer Männerkennerin gehört? Eben. Aber wieso nicht? Ist das dann unschicklich? Kurz auf den Kalender geschaut. 2020. Und trotzdem wäre für euch eine Frau mit vielen Erfahrungen in der Disziplin Männer, eher eine…, nee, sage ich jetzt nicht, als eine Kennerin oder Expertin. Ich kann auch Gendersternchen, wenns sein muss. Dann platzt euch sowieso der Kragen. Also, wer mal so schlau war und nach hinten geblättert hat, bevor er, sie, es sich das hier antut, dem, der, das sollte aufgefallen sein, dass hier ne Menge Seiten abzuarbeiten sind. Ihr müsst vielleicht nur lesen, aber ich muss das die ganze Zeit erklären. Auch das strengt an. Deshalb: Keine Genderdebatte. Nächstes Mal vielleicht. Wir haben andere Schwerpunktthemen. Experten zum Beispiel. Beim Wein und Whiskykenner wird nur gegurgelt, in ganz geringer Menge. Das ist dann wie früh nach Hause bringen. Und am Ende rausgerotzt, in so einen Napf. Das ist vielleicht ekelhaft. Der Kenner schweigt und genießt. Von wegen. Er spuckt.
Gurgelt so lange mit dem Zeug im Mund rum, bis es mit seinem eigenen Kodder so vergoren ist, dass es die Konsistenz von Haferschleim hat und auch so schmeckt. Und dabei träumt man dann von Schottland, oder wie? Spuck da mal Whisky in den Napf, da ist dann direkt großes Rollen angesagt. Auf dem Boden. Käm da keiner drauf. Machen die höchstens für Touristen, schätze ich. 18 Jahre reifen, damit du das dann nach 20 Sekunden Gurgeln rausrotzen. Is klar. Mit Kamillentee kannst das machen. Gerne. Meinetwegen. Aber bitte zu Hause bei dir. Hier wird getrunken. Ich hoffe, das ist jetzt angekommen. Anderes Thema.
Experten. Es gibt ja durchaus Fachgebiete, da findest du keinen, Experten meine ich, wenigstens keinen mit praktischer Erfahrung. Höchstens, wenn du Glück hast, einen mit theoretischem Halbwissen. Zum Beispiel den gepflegten Suizid. Diejenigen, die da eine ansehnliche Erfolgsquote vorweisen können, die kannst du ja nicht mehr fragen. Okay, kannst du theoretisch schon, nur Antworten wirst du halt schwerlich bekommen. Einzige Chance ist hier dann, sich über die Fails von denen weiterzubilden, die eben gescheitert sind. Aber ernsthaft jetzt, schaust du dir, sagen wir mal, du möchtest einen rheinischen Sauerbraten zubereiten, ein Youtube Video an, mit dem Titel „Fünfzig Wege einen Braten zu ruinieren“? Wohl eher nicht. Lernen von den Guten, nicht von den Stümpern. Aber wie gesagt, in oben erwähntem Fachbereich sind die Spezialisten äußerst dünn gesät. So ein Schwachkopf, den ich mal kannte, entfernt, muss ich dazu sagen, zum Glück, der hat mal seine eigene Katze ersäuft, mit der Begründung, er habe wissen wollen, wie sich das so anfühlt. Oder wie man neuerdings so schön sagt, was das mit ihm macht. Unfassbar, was ein Spinner. Über Umwege habe ich dann seine Strat für wenig Geld erstanden. Ist eine Gitarre, ihr wisst schon, 70er Jahre Modell, richtig was wert. Er hat das Geld vermutlich für Katzen gebraucht, Versuchsreihe starten. Ich bin allerdings fast sicher, dass es fürs Saufen war. Was soll einer, der testweise Katzen ertränkt, auch anderes machen, mit seiner erbärmlichen Existenz. Mir wars am Ende egal. Es war nicht die erste Gitarre, die ich so geschnappt habe. Eigentlich fast alle. Im Grunde. Irgendeiner muss immer irgendwas verscherbeln. Und da bin ich dann im Spiel.
Was mir auch oft passiert ist, dass ich bei Filmen, die ich jetzt schon echt oft gesehen habe, einfach wieder vergesse, wie die ausgehen. Das Ende zum Beispiel. Klar, in der Mitte gehen die ja auch nicht aus. Gut, einzelne Szenen vergesse ich auch gerne. Die auch schon mal mittendrin. Da bin ich dann völlig überrascht und denke so, ach, schau einer an, aus dem Film ist das? „Fenster zum Hof“ zum Beispiel, von Hitchcock. Ich kann das noch so oft anschauen, den Schluss vergesse ich jedes Mal wieder. Ich kanns nur vermuten, aber ich denke, der Typ von Gegenüber hat wirklich seine Frau im Garten vergraben. Sicher bin ich mir allerdings nicht. Ich muss ihn wohl nochmal anschauen. Also den Film, nicht den Garten. Möglicherweise hat er einen Grund, wenn er das jedes Mal wieder macht. Aber warum lässt er sich dann immer wieder dabei erwischen? Er wird doch erwischt? Siehste.
Blöd ist das dann schon, aber doch auch irgendwie schön, auf der anderen Seite. So viele Filme, die ich einfach immer wieder schauen kann, als wäre es das erste Mal. Nur so zur Not, falls mir mal langweilig sein sollte. Sieht zwar nicht danach aus, aber falls. Obwohl? Lockdown. Möglich.
Immer noch dunkel draußen. Ich schlurfe zur Kaffeemaschine und haue ein Pad in den Siebträger. Also nicht dieser Alukapseldreck für fett Asche, nee, ganz normale Pads. Stofftüte. Brauchste keinen George Clooney für oder Frau Sommer. Total entspannte Methode. Kein Gezuchtel mehr mit Kaffeemühlen und Bohnen, keine Sauerei und Geputze hinterher, einfach Beutel rein und fertig. Also auch kein Kaffeekenner. Tut mir leid. Ich bin zu faul. Das ist schon alles. Ich habe mal gelesen, man sollte keine Zeit dafür verwenden, besser zu werden in Dingen, die man ohnehin nicht besonders gut kann. Lieber Zeit investieren in deine bereits vorhandenen Skills. Und ich bin faul. Und werde besser. Auch was Schönes. Wenn ihr mich fragt.
Es wird langsam hell und es wäre gut zu wissen, was der Tag so mit mir vorhat. Vermutlich nix, wie immer. Die Position E-Mails checken hat sich ja seit einiger Zeit ziemlich erledigt. Der Firmenaccount ist eher so, wie eine verlassene Westernstadt, wo sie beim Film immer diese Strohkugeln mit der Windmaschine durchjagen. Das ist die Benchmark für Einsamkeit, oder wie es jetzt in Zeiten der Pandemie plötzlich heißt, ‚Goldstandard‘. Ist das schon irgendjemand mal aufgefallen? Da sind Begriffe jahrelang alltagstauglich und gesetzt, und irgendwann, ohne Grund und aus heiterem Himmel, heißt das plötzlich anders. Und obendrein kommt man sich dann total depp vor, wenn man weiterhin das alte Wort verwendet. ‚Belarus‘! Seit wann ist das jetzt nicht mehr Weißrussland, sondern Belarus? Und vor allem wieso? Vakzine waren früher Impfstoffe. War das jetzt falsch oder abwertend, dann ist das ja okay, aber einfach so, weils vielleicht schlauer klingt? Im Grunde ist mir das egal, von mir aus, lass machen, aber manchmal nervt das zu Tode. Im Grunde. Auch so was. Verwende ich immer dann, wenn ich merke, dass ich eigentlich ‚eigentlich‘ sagen will, aber weiß, dass dann irgendein Klugscheißer, ja, in dem Fall meine ich euch, völlig richtig, in der Runde die Nase hochzieht, wenn du so ein Wort verwendest. „Eigentlich ist kein Hauptwort.“ Ach? Dümmlicher Spruch. Nein, klar ist das kein Hauptwort, auch kein Tun-Wort. Tun-Wort, geil, oder? Man verwendet ‚eigentlich‘ immer dann, wenn man sich nicht ganz sicher ob der eigenen Aussage ist. Beziehungsweise, im Sinne von nebenbei, oder auch verstärkt oder relativiert, besonders in Fragesätzen, um eine gewisse Anteilnahme zu zeigen, oder eine vorwurfsvolle Äußerung zu unterstreichen. Steht so im Internet. Könnt ihr selber googeln. Oder so was wie: „Bist du eigentlich bekloppt?“ Da ist völlig klar, was man meint, nämlich, dass man den Anderen für bekloppt hält. Damit der einem aber nicht direkt das Esszimmer umwidmet, relativiert man das Ganze in Form einer Frage, mit dem Zusatz ‚eigentlich‘. Motto, ich wollte nur mal nachfragen, ob du bekloppt bist. War mir nicht sicher. Sag selbst.
Mittlerweile hat sich ‚eigentlich‘ dahingehend durchgesetzt, dass man Scheiße reden kann, ohne dafür so richtig belangt zu werden. „Ich bin ja eigentlich kein Nazi, aber …“ „Ich bin ja eigentlich kein Rassist, aber …“ „Ich esse ja eigentlich kein Fleisch, aber.“ Was, aber? Wildschwein dann schon? Oder Wombat? Wenn dem so ist, dann isst du Fleisch und nicht eigentlich nicht. Hauptsache schwammig, bloß keine Stellung beziehen. Aus Angst vor der Ablehnung, oder sich unbeliebt zu machen. „Ich esse für mein Leben gerne Wildschwein!“ „Echt jetzt, finde ich total doof, ich bin Vegetarierin.“ „Ja, okay, deine Sache. Ich esse Wildschwein. Wollen wir trotzdem ficken?“ So in der Art muss das gehen. Nicht immer alle Optionen offenhalten. All in. Wer will denn mit so einem? Okay, die Meisten, vermutlich. Auch egal. Ich nicht, jedenfalls. Ich bin da anders drauf. Und ich esse auch kein Wombat. Aus Prinzip. Ist eh viel zu teuer.
„Die Strohkugeln heißen übrigens Steppenläufer oder auch Tumble Weed.“ Ich schaue instinktiv nach draußen. Die Fenster sind zu, is kalt draußen, und der Nachbar hat sich längst entleert, das Licht im Bad ist aus. Ist vermutlich auch schon auf dem Friedhof. Also seine Frau besuchen, oder halt ihr Grab. War ne nette. Vielleicht ist er aber schon länger dauerhaft bei seiner Frau und das waren die Handwerker zum Wohnung aufhübschen heute früh. Hab ihn lange nicht gesehen. Wenn also sonst auch keiner hier ist, dann führe ich Selbstgespräche, ohne es zu merken. Mit verteilten Rollen. Und laut. Premium Schizo. Gut, gemerkt habe ich das jetzt ja. Wir reden ja drüber. Schätze aber leider zu spät. Wo war ich doch gleich?
Tumbleweed. Yoah. Von mir aus. Und ein abgeranzter Hund muss noch quer über die Straße laufen. Bei Italowestern liegt meistens noch ein Pedro mit Sombrero und Wolldecke irgendwo am Bildrand. Bei 45°C mit ner Wolldecke. Da ist es dann so einsam in Tombstone, dass man eine Wolldecke überziehen muss. Ponchos gegen soziale Kälte. Und ja, bevor jetzt einer wieder anfängt zu googeln, Tombstone gibt es wirklich. In Arizona. Heute stehen da so ein paar Galgen rum und die spielen dann immer eine Schießerei nach. Das ist dann Kultur.
Na ja, Neuschwanstein ist jetzt auch nicht viel besser. Einem Bekloppten zu huldigen, der sich ersäuft hat und obendrein einen grauenhaften Geschmack hatte. Könntest du auch einem alten Bekannten von mir huldigen. Dem Levan. Kasache. Nannte sich Rolf. Russlanddeutscher. Autoschrauber. Durfte mit Sonderrechten hier her. Netter Kerl. War in Kasachstan auch ein super Tecki, aber leider gabs hier dann halt keine Autos mehr, die er hätte schrauben können. Nur noch computergesteuert und Firlefanz. Kannte er so nicht. Ist er dann zu Hause geblieben und hat sich mit einer üppigen Stütze durchgeschlagen. Keiner hat ihn hier gebraucht. Wie die Programmzeitschrift. Nur ohne C-Promis. Bis er dann irgendwann leicht einen an der Waffel hatte. Hat permanent was zusammengebaut, um die Zeit totzuschlagen. Wer bastelt, sündigt nicht. Derart. Sessel, Küchentisch, so was. Geschmacklich eher eine Mischung Kasachstan und mittleres Kraichgau. Stil Heimatmuseum. Eingerichtet wie Bubbles im Neverland. Der Affe von Michael Jackson. Was ist eigentlich aus dem geworden? Bestimmt schon tot.
„Bubbles lebt in so ner Art Altersheim für Schimpansen und ist mittlerweile 34 Jahre alt.“ Ich lege mich jetzt fest. Ich bin ein echt cooler Schizo. Angenehm und gebildet. Mit Hang zum Boulevard. Und ich quatsche mir selbst dazwischen. Das ist seltsam. Vermutlich weht jetzt gleich ein Steppenläufer durch die Wohnung. Und in der Ecke, an den Marshall Halfstack gelehnt, das ist ein Gitarrenverstärker, sitzt ein Mexikaner mit Wolldecke und spielt Mundharmonika. Vielleicht ist das ja der Grund, warum es in diesen Westernstädten so einsam ist. Weil da immer irgendwer grauenhaft Mundharmonika spielt. So Asterix-mäßig, wenn dieser Vogel da anfängt zu leiern. Nur würden die in Tombstone den Falschspieler vermutlich direkt erschießen. Oder aufhängen. Je nach Tagesform. Erstaunlich auch! Aufgepasst!
Die Särge im Wilden Westen sind ja, glaubt man den Filmen, alle von Hand vermessen. Da geht immer der Dorfschreiner hin, und hält sein bekacktes Bandmaß an den demnächst Toten, und gibt ihm damit direkt die Wettquote mit auf den Weg. Also der, der abgemessen wird, der stirbt. Das Handwerker-Orakel. Fragt auch nie einer, „sach mal, Schreiner, warum misst du nicht den Anderen da aus, gehts noch? Finde ich jetzt nicht besonders dufte. Ich bin doch schneller als der.“ Und der Schreiner denkt so, „Mann, was ne Luftpumpe, jetzt wollte ich endlich diesen wunderschönen Schrank für Richter Roosevelt fertig zimmern, mit den Intarsien aus Coyoten-Schambein, und jetzt? Muss ich schon wieder einen Sarg für so einen lumpigen Blödmann bauen? Und der ist auch noch 1,95 m, Sonderanfertigung. Und warum bauen wir nicht Särge von der Stange? Das würde vieles erleichtern.“ So Ikea Style? Okay, Ikea gibts da noch nicht, aber es sind ja eine Menge Schweden da hin ausgewandert. „Circa zwanzigtausend während der ersten Auswanderungswelle. Landflucht aufgrund massiv wachsender Einwohnerzahler in Schweden. Die Welle wurde dann durch den Sezessionskrieg gestoppt.“ Mittlerweile ist es mir echt egal, wer oder was da spricht, oder ob das in meinem Kopf ist, ich finde nur, er klingt ziemlich nach Klugscheißer. Zeit für einen Test. „Und wer bezahlt eigentlich die ganzen Särge in den Western? Ich meine, ein Fremder kommt in die Stadt, legt sich mit dem Dorfraudi an, wird vermessen, erschossen, keiner kennt ihn, aber der Zimmermann nagelt eine Kiste für ihn zusammen. Wer zum Henker zahlt das?“ „Der Killer vielleicht?“ Aha, Es antwortet, also ist Es. „Oder es existiert nur in deiner Einbildung? Kann ja auch sein?“ Es ist jedenfalls spitzfindig. Gut. Reicht erst mal.
„Ich gehe Einkaufen. Pancetta. Nudeln. Ei“, rufe ich in Richtung Küche, oder das, was ich so nenne, vermutlich weil das am meisten Sinn macht. Warum sollte ich dem Gitarrenverstärker oder dem Bett meinen Einkaufszettel zurufen? Und das mit dem Killer ist Quatsch. Warum sollte der den Sarg bezahlen? Kein Anreiz, Pistolero zu werden. Kann ins Geld gehen, wenn du gut bist und wenn ein paar Große dabei sind, oder Fette, so mit viel Sondermaß, haste am Monatsende keine Kohle mehr für die Bohnensuppe aus dem Blechteller, der beim Saloon am Biertisch festgenagelt ist, damit keiner das gute Stück mit nach Hause nimmt. „Schau Schatz, ich habe diesen wundervollen Blechteller mitgehen lassen, in Müllers Prügel- und Bohnenstube, vorne am Eck. Toll was?“ Nein. Nicht toll. Es quatscht wieder. Dazwischen.
„Willst du damit sagen, es gibt heute Carbonara? Dieses eklige, glibberige Zeug?“ Er, ich nenne ihn jetzt mal Er, solange ich nicht weiß, wer oder was Er, Sie, Es ist, also ihm passt mein Menü nicht. „Ich liebe Carbonara“, entgegne ich, „und mein Schizo-Ich geht es ja wohl nichts an, was ich koche, oder?“ Stille. „Oder willst du mitessen? Soll ich dann für zwei decken?“ Das sitzt. Ha. „Decken, was heißt decken? Du frisst doch die Carbonara wieder aus dem Napf. Ekelhaft. Dann kauf aber wenigstens keinen Tempranillo, bitte. Lieber mal was Französisches.“ Merke. Wenn du Stimmen hörst, die bitte sagen, sei nett zu ihnen. Aber nimm die Stimmen nicht mit zum Einkaufen. Das wird dann sehr seltsam. Da stehst du im Regal bei dem Wein, hinter dir die Kräcker, und andauernd musst du zur Seite, weil wer da durch will und die Spülmaschinentabs sucht. Bist folglich schon leicht angenervt von dem Gehoppse und führst Dialoge, ob denn der Chianti recht wäre, oder doch lieber Bordeaux. Die rufen doch direkt die 112 an, da lege ich mich fest. Ich wollte mal weißen Rioja, einfach so zum Probieren. Nirgends bekommen. Zuletzt bin ich dann zu diesem SpirituosenSuperSpezialladen und hatte da mächtig Hoffnungen investiert. Der Kollege war ja auch Kenner und Experte. Und wie ich ihn so frage, meint er, man müsste ja nicht nach Spanien, das Gute läge ja so nah, die Pfälzer, die machen einen tollen Riesling, und steigert sich voll rein. Was ich überhaupt mit Spaniern will, die ganze Klaviatur. Die komplette Jukebox. Wollte ich alles überhaupt nicht hören. Ich wollte, ach egal, hat jedenfalls keinen interessiert, was ich wollte. Tuts heute auch selten. Es gab dann keinen weißen Rioja, übrigens. Nicht mal Riesling. Wollte dem Dummschwätzer einfach kein Geld geben. Eine Art Rest-Stolz habe ich auch. Und ich komme ja auch nicht mit einem Kleinbus unterm Arm nach Hause, wenn ich Nähzeug kaufen wollte. Eben. Anderes Thema. Bin dann ohne Getränke ins Bett. Selten, das. Ich muss los. „Tschüss, bis später.“ Ihr kennt das, wenn man was macht und dann direkt weiß, wie idiotisch das war, so Homer-Simpson-Style. So geht mir das gerade. „Ja, tschüss auch, bis später.“ Ich sollte vorsichtig sein. Vielleicht kaufe ich mir einen Ball und lass ihn von Fed Ex schicken. Damit die Stimme ein Gesicht hat. Das male ich dann drauf, auf den Ball, und gebe ihm einen Namen. So wie Tom Hanks in diesem Film. Wie hieß der noch? Also der Ball, nicht der Film und auch nicht Tom Hanks. Der heißt einfach Tom Hanks. Schon immer. Also seit er Tom Hanks ist. Ab Geburt meinetwegen. Ihr seid echt begriffsstutzig, kann das sein?
Und ich? Ich habs nicht so mit Namen. Wenn ich dann den Ball habe, dann muss ich nur noch Feuer machen und mir auf die Brust trommeln. Freitag wäre möglich. Ich wüsste schon gerne wie dieser Ball in dem Film heißt, aber ich habe Angst vor der Antwort. Und vor allem, dass die nicht von mir kommt. Aber der weiß das. Der Kochlöffel. Bestimmt. Scheint ja einiges zu wissen. Freitag. Zugegeben, ein Ball mit Gesicht wäre mir lieber. Könnte wetten, der Ball heißt Freitag. Oder Kermit. Einer der Söhne von Teddy Roosevelt, dieser US-Präsi, hieß Kermit. Unnützes Wissen, ihr erinnert euch? Vermutlich ein stinknormaler Name in Prä-Muppets Zeiten. Aber stell dir vor, deine Eltern nennen dich Kermit. Und fünf bis sechs Jahre später kommst du in die Schule und die Muppets Show läuft im Ersten. Eine Sendung mit bekloppten Handpuppen. Und ihr Chef heißt Kermit. Kermit der Frosch. Dem ein Schwein hinterherläuft. Da bist du doch der absolute Depp und die ärmste Sau der ganzen Stadt. Mit dem Namen. Welches Mädchen will mit einem gehen, der Kermit heißt. Küss den Frosch. Nicht mal die Dicke mit den Mußgläsern. Nicht mal die. Namen. Kannst du dir nicht ausdenken. Miss Piggy. Genau. So hieß die Schweine-Puppe. Oder Puppensau. Wie ihr wollt.
In der Jugend beim Blau-Weiss hat einer bei uns gespielt, der hieß Jesus. Portugiese, Finne oder Spanier. Und bei irgendeinem Spiel, der Jesus so, grätscht voll den gegnerischen 10er um, roter Hartplatz mit Schotter, alles aufgerissen bis zum Kehlkopf. Unschön. Er kriegt die Gelbe und der Schiri fragt, „wie heißt du, Junge?“ Und Jesus so: „Jesus!“ Klar, was soll er auch sonst sagen? Adolf, wenn er Jesus heißt? Da ist der Jesus dann vom Platz geflogen. Glatt rot. Dachte der schwarze Mann, er wird verscheißert. Danach war nur noch Handgemenge. Ohne Ball. Jahre später, beim TSV, da haben wir den dann wieder gesehen, den Schiri. War dann schon ziemlich alt, und hat immer Abseits gepfiffen, wenn vorne einer durch war. Er hat halt immer ewig gebraucht hat, sich umzudrehen. Bis er dann sehen konnte, was passiert, hatte ich meistens schon Vorsprung bis nach Bagdad. War eben schneller als die Meisten, und das hat er dann abgepfiffen. Ich vermute, er hat das überhaupt gerne gemacht, weil er dann mit dem Arm so die Richtung zeigen konnte. Irgendwem, irgendeine Richtung zeigen. Entscheidungen fällen. Macht. Am Ende hatte ich sogar noch Mitleid. Ein alter Mann und stellt sich jeden Sonntag in den Matsch, bei jedem Wetter, lässt sich von wildfremden Antikörpern bepöbeln, nur um zu Hause mal rauszukommen und nicht die ganze Zeit von seiner Alten angemault zu werden. Alles für lau. Vielleicht, mit viel Glück ein Freibier, hinterher in der Sportlerkneipe. Oder halt Kloppe, wenns ganz dumm läuft. Das kanns ja auch nicht sein. Es lebe der Sport.
Wilson, der Ball heißt Wilson. Freitag. War zu naheliegend. Pffff. Freitag. Und wenns so weit ist, ich meine, wenn sie mich dann abholen, oder am Ende noch ausm Rewe zerren, dann mit Schaum vor dem Mund. Volles Programm. Und ich zapple rum, an einen Ball oder Kochlöffel geklammert und schreie „Wilson, oder Freitag, Freitag“, dabei ist vielleicht Mittwoch und kein Mensch weiß, was ich eigentlich will. Dann, fast hätte ich den Faden verloren, dann erzählt das bitte keinem. Das ist würdelos. Den Looney vom Hinterhof, den haben sie gerade an allen Vieren aus dem Supermarkt getragen. Er stand im Weinregal mit einem Kochlöffel in der Hand und hat den angemotzt, wie Scheiße die Auswahl da wäre. Und der Löffel hat dann auch noch geantwortet. Nach zwanzig Minuten hat eine Kundin dann die Polizei angerufen. Der arme Kerl. Bestimmt ein Säufer. Das ist diese verdammte Isolation. Scheiß Virus. So was kannst du dir nicht ausdenken!
Übrigens, mir gehts gut. Den Umständen entsprechend. Falls wer fragt. Macht halt keiner. Und wenns mal nicht mehr so, sondern eher gar nicht mehr, möchte ich dann auch in eine ‚Art‘ Altersheim. Wie Bubbles. Nur nicht für Schimpansen. Obwohl. Lass überlegen. Ich denke drüber nach. Gerade gehts ja noch.
Ich singe. „Carbonara“. Und ekelhafte, braune Brause dazu. Simpel, sinnlos, einprägsam. Fand auch der Busfahrer, damals in der Schulfreizeit. Ein idiotisches Wort. Schulfreizeit. Was jetzt genau? Schule oder Freizeit? Ausschlussverfahren. Es sind Lehrer mit dabei. Damit wäre die Freizeit raus. Vor allem dann, wenn man nicht, wie die anderen Klassen, nach Prag, London oder Paris gekarrt wird, sondern wie wir, in den bayrischen Wald, auf den Ameisenhof. Der hieß so, weil die Zimmer sehr klein waren. Eine Miniatur-Wunder-Hölle. Ein Zimmer für zwölf. 10 Quadratmeter ohne Fenster. Kiosk einen Ort weiter. Grüße aus der Inzestei, habe ich damals auf die Postkarte an meine Eltern geschrieben. 50 Minuten den Berg runter. Bei 45° Gefälle, beziehungsweise Steigung. Aufm Rückweg dann. Und wir hatten für den Bus genau zwei Kassetten. Was eine Kassette ist? Okay, klar bin ich nicht total ausgelastet gerade, aber wenn ich jeden Kack erklären muss, werden wir hier nie fertig. Ich gebe einen Tipp. Ausgeschrieben hießen die Dinger Musik-Kassette. Dämmerts? Na bitte! Eine davon, also von den Musik-Kassetten, war ‚die Gute‘, so hat sie der Busfahrer genannt. Das war meine, mit Whitesnake, Who, Led Zeppelin. Derart. Die andere war eben ‚die Andere‘. Laut Busfahrer. „Hey Busfahrer, können wir ne Kassette hören?“ „Klar Jungs, die Gute oder die Andere?“ Wortlos reicht Schüler C. dem Kutscher ‚die Andere‘. Er schluckt, fängt sich wieder, reißt das Lenkrad seines Fahrzeuges geistesgegenwärtig herum und verhindert so den Tod von 41, meist minderjährigen, Passagieren in den Flammen. Nachdem sich die Aufregung gelegt hat, hört man die Stimme eines Mannes, der von einem Nudelgericht und seiner erst kürzlich gewonnen Erfahrung mit einem italienischen Fräulein sowie einem zuckrigen Kaltgetränk erzählt. Er lässt uns dabei glauben, es handelte sich hierbei um Gesang. Irgendeine Art von Hugo ist tot. Und hängt. Am Seil. Warum auch immer. Von mir aus. Abgehakt. Die anderen fanden das super. Ich wollte heim. Ich war in der Hölle. Oder Vorhölle. Musikalisch jedenfalls. Vergeben und nicht vergessen.
Ich habe Karohemden getragen, damals, wollte Bluesgitarre spielen und so sein wie Eric Clapton.Oder wenigstens wie Huckleberry Finn. Der spielt zwar nicht Gitarre, aber er hat definitiv den Blues. Hat beides nicht funktioniert. Vor allem nicht auf dem Ameisenhof oder im Bus. Selbst im bayrischen Wald trugen die Förster Sakkos in Pastellfarben mit Schulterpolstern.Leck mich fett, das war Körperverletzung. Wie viele Drogen muss man nehmen, um das zu ertragen? Ich hätte ja meinen Schwager in Kolumbien angebettelt, aber ich hatte keinen Schwager. Schon gar nicht in Kolumbien. Habe ich immer noch nicht. Ich bin erregt. Und klatschnass.
„Du singst? Dein Ernst? Was ist passiert? Hat dir Giovanna ein extra großes Stück Pancetta abgezwackt?“ Ich singe wirklich und der Kochlöffel, ich bin mir jetzt sicher, dass er das ist, der da quatscht, ist blendend gelaunt. Eines ist aber klar. Ich muss seine Existenz akzeptieren. Vorhin hielt ich das noch für bekloppt, aber ein Gesprächspartner kann ja momentan nicht schaden. Und wenn es nur ein Kochlöffel ist.
„Giovanna, wie du sie nennst, war heute nicht hinter ihrer Wursttheke. Und ich bin auch kein Kindergartenkind, dem man ein extra Stück Salami in die Hand drückt. Und außerdem habe ich mir den Pancetta gespart. Ich mache die Carbonara wie im Original. Mit stinknormalem Speck.“ „Woher willst du wissen, wie das Original gekocht wird? So alt biste auch nicht.“ Na, Food History, du Löffel. Er mag keine Carbonara, das ist ja jetzt nix Neues. Was nervt, ist dieses unentwegte Rumgehacke. Ich geh erst gar nicht darauf ein. „Ich habe Natalie gesehen, die Nachbarin vom Vorderhaus“. „Und? Was spricht sie so, die Natalie?“ Er ist dann doch genervt. Seltsame Stimmungsschwankungen. Haben Kochlöffel Hormone? Hormone aus Holz?
„Weiß auch nicht, was sie spricht, ich habe sie gesehen, nicht gesprochen.“ Schwarze Tollkirsche, ich lad’ dich jetzt zum Essen ein, Futtern, klar, auf gehts. Genau genommen nicht nur simpel, sondern eher reichlich idiotisch, der Song, aus heutiger Sicht sogar noch etwas mehr. Der Kochlöffel würde sich am Kopf kratzen, wenn er könnte. Und er hört schlecht. So viel ist sicher. Klar, ohne Ohren! „Super Rendezvous.“ Er ringt nach Luft. „Hast du sie von vorne oder von hinten gesehen? Du hast echt den Bogen raus, Casanova.“ Wie sollte auch ein Misanthrop verstehen, dass so etwas Simples, wie der Anblick einer netten Nachbarin, Euphorie auszulösen vermag.
„Wenn du es genau wissen willst, sie ist gerade mit dem Fahrrad die Straße hochgefahren, vermutlich zum Sport.“ Ich summe weiter „Carbonara“, während ich die Einkäufe auspacke. Ich bin mir sicher, sie rudert. Also rein sportlich. Schulterpartie und so. Massiv, aber ohne Polster.
„Ich denke“, sage ich, dem Kochlöffel frontal zugewandt, „du brauchst einen Namen. Wenn wir schon miteinander ähm, kommunizieren, möchte ich dich auch irgendwie persönlich ansprechen können. Was meinst du dazu?“ Ich hielt das bis eben für einen Geistesblitz der besonderen Art, bis jetzt. Ich will einfach nicht namenlos beleidigt werden. Grundrechte und so. Im Gesicht des Kochlöffels erkenne ich eine Mischung aus Enttäuschung, Ekel und Verzweiflung. Wie ein C-Promi, der gerade im Dschungelcamp in einen Bottich voller Kakerlaken getaucht ist. Oder noch schlimmer, im Spiegel seine eigene Fresse gesehen hat. Ich setze mein wohlwollend-fragendes ‚Alles-easy-Gesicht‘ auf und warte. Es passiert lange nichts und ich habe den Eindruck, mein hölzerner Kumpel ringt mit den Tränen. „Ich habe einen Namen“, entgegnet er mit erstickter Stimme. „Ach ja? Und der wäre?“ So was kann man ja nicht wissen, mal ehrlich. Sooo gut kenne ich ihn jetzt nicht. Apropos ‚Er‘. Am Ende ist ‚Er‘ noch eine Sie, oder divers? Wäre okay für mich. Mal was Anderes. „Ich heiße …“, er zögert. „Also ich heiße …“ Ich versuche ihn zu ermuntern. „Also mach jetzt, so Scheiße kann der Name ja nicht sein, oder?“ Die ersten Tränen laufen an den Stiel runter. Als Seelentröster oder Psychologe bin ich dann doch eher so semi. „Fackelmann Nero, spitz.“ Es ist still. „30 Zentimeter. Holz“. Verdammt still isses. Ich
