Freiung - Andrea Voggenreiter - E-Book

Freiung E-Book

Andrea Voggenreiter

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Beschreibung

Überfälle. Verfolgung. Teufelsaustreibung. Pest. Nacktes Überleben. Die Erfahrungen einer Sklavin im Nordwald um 1350. Der Aufbau einer Siedlung in Wolfstein ist gefährlich und grausam. Die Hoffnung auf ein anderes Leben siegt. Immer wieder.

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Seitenzahl: 276

Veröffentlichungsjahr: 2023

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edition Lichtland

© edition Lichtland

Umschlagbild:Ausschnitt aus: Schloss Wolfstein,Aquarell von Alexander Erhard d. Ä. (um 1850),Bild-Archiv Karl-Heinz Paulus

Grafische Gestaltung und Satz:Edith Döringer, Melanie Lehner

Verlag:edition Lichtland, Stadtplatz 6, 94078 FreyungDeutschland

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt.Jede Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlags zulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

1. Auflage 2023

ISBN: 978-3-947171-53-8

ISBN der gebundenen Ausgabe: 978-3-947171-54-5

www.lichtland.eu

ANDREAVOGGENREITER

FREIUNG

EINE JUNGE FRAUÜBERLEBT

INHALT

TEIL 1

BÖHMERWEG, FRÜHLING 1347

PASSAU, EINIGE TAGE ZUVOR

PETSCHAU, BÖHMEN, WINTERENDE 1347

PASSAU, FRÜHLING 1347

FREIUNG, FRÜHLING 1347

TEIL 2

FREIUNG, SOMMER 1347

FREIUNG, HERBST 1347

FREIUNG, WINTER 1347

TEIL 3

FREIUNG, FRÜHLING 1348

PRUSSENLAND, 1234

PASSAU, SOMMER 1348

FREIUNG, SOMMER 1348

TEIL 4

BUCHBERGER LEITE, SOMMER 1348

BUCHBERGER LEITE, WINTER 1348

FREIUNG, FRÜHLING 1349

EPILOG

TEIL1

BÖHMERWEG, FRÜHLING 1347

„Heda! Sofort anhalten!“

Gisel fuhr vor Schreck zusammen. Beinahe wäre sie gegen Lorenz geprallt, der abrupt stehen geblieben war. Sie hatte die ganze Zeit dem dumpfen Hufschlag der vier Pferde mit ihren Reitern und der drei Maultiere sowie dem leisen Pfeifen von Lorenz gelauscht. Den Blick hatte sie dabei immer auf Lorenz Lederstiefel geheftet. Sie waren nur zu sechst. Die anderen Siedler würden sie erst auf Schloss Wolfstein treffen und die anwesenden Männer waren wenig gesprächig. So gab es keinen, mit dem sie über ihre ungewisse Zukunft hätte reden können – wie die neue Heimat wohl aussah, wie sie wohnen würden, wer die anderen Siedler waren. Also hatte sie ihren Gedanken nachgehangen. Doch jetzt waren Mensch und Tier schlagartig verstummt.

Zwei abgerissene Gestalten versperrten den Weg, die Mützen tief in die Gesichter gezogen, die Haare fettig auf die Schultern herabhängend, jeder eine Hellebarde in der Hand. Gisel schluckte. Die schrecklichen Beschreibungen von Räubern in Schwester Hildegards Märchen und Erzählungen trafen auf diese Männer zu. Ihre Brust verkrampfte sich zu einem harten Klumpen.

Sie blickte sich um. Verschwunden war das junge Grün der Wiesen mit Gänseblümchen, Veilchen und Schlüsselblumen, der munter gluckernde Bach, der blaue Himmel mit seinen Schäfchenwolken. Aus dem breiten, flach getretenen Hohlweg war ein steiler, schmaler Steig über Wurzeln, Stein und Fels geworden, der das Vorankommen sehr erschwerte. Ein Säumer, der mit seinem Lasttier Waren von Passau über den Böhmerwald in die Länder der Slawen transportierte, hätte hier kaum noch neben seinem Pferd hergehen können, so eng war der Pfad jetzt. Wenn es nur nicht so düster gewesen wäre! Alles Sonnenlicht wurde von dem ausladenden Astwerk der Tannen und Fichten über ihr verschluckt.

Gisel roch die Nadeln und das Moos, spürte feuchte Kühle auf ihrer Haut. Still war es jetzt, und sie konnte ihren eigenen Atem hören. Irgendwo rief ein Käuzchen. Die Pferde stampften unruhig auf dem Boden. Das Eisen der Rüstungen klirrte leise bei jeder Bewegung der Reiter. Lorenz keuchte.

Die beiden Gestalten, die dem Lokator als Führer des Trosses gegenüberstanden, waren so finster wie der Wald. Sie nahmen Seite an Seite die ganze Breite des Pfades ein. Rechts davon führte eine mit Gestrüpp bewachsene Böschung hinauf zu den mächtigen Baumstämmen. Auf der linken Seite rollten losgetretene Steine vom Pfad in den schroffen Abgrund, klackten ein paar Mal gegen den Felsen und platschten schließlich weit unten ins Wasser.

Eine der beiden Gestalten schien der Anführer zu sein. Er ging zwei Schritte auf Elias zu und ergriff das Zaumzeug des Pferdes. Der Mann war von stämmigem Wuchs, trug ein zerlumptes Wams und einen verwilderten Bart. Erstaunt stellte Gisel fest, dass auch der Lokator, der seinen tänzelnden Schimmel zu beruhigen suchte, einen Zug von Wildheit an sich hatte, der dem des Räuberanführers vor ihm nicht unähnlich war. Allerdings konnte Gisel nicht benennen, woran das lag. Denn der Lokator war ein Edelmann, sein Bart war ordentlich gestutzt, und er war größer von Statur und besser genährt. Vielleicht lag es an der Kleidung, die er trug, oder an seiner Rüstung: ein Kettenhemd mit einem Pelzüberwurf, ein spitzer Helm und gestreifte Beinlinge. Diese Kombination war für Gisel ungewohnt und unterschied sich von der Montur der beiden Ritter hinter ihr, die den Tross begleiteten.

„Was wollt ihr?“, fragte der Lokator lauernd.

Der Anführer grinste breit und entblößte seine verfaulten Zähne. „Alles, was ihr habt!“

Die Ritter, die die drei Lasttiere sicherten, zogen ihre Schwerter.

„Die würde ich schön stecken lassen.“ Der Räuberhäuptling tat einen Pfiff. Rechts oberhalb von Gisel raschelte es im Unterholz. Unvermittelt kamen an der Flanke des Trosses ein Dutzend Männer zwischen den Bäumen und Sträuchern hervor. Ihre Kleidung bestand aus Lumpen. Ihre Gesichter waren schmutzverschmiert, ihre Körper ausgemergelt. In den Händen hielten sie Äxte und Knüppel. Der Anführer nickte zufrieden und ließ seinen Blick über den Tross schweifen, bis er bei Gisel hängenblieb.

„Oh, ein hübsches Fräulein habt ihr dabei.“

Gisel war angewidert vom Anblick der abgerissenen Gestalten, traute sich aber kaum zu atmen. Ihre Schläfen pochten.

„Wir befreien Euch von Eurem Gepäck und nehmen das Mädchen mit.“ Er deutete auf Gisel.

„Da müsst ihr aber erst an uns vorbei!“, knurrte Elias und umschloss mit den Fingern seinen Schwertknauf.

„Oh, das ist gar nicht nötig! Hans?“

Ein grobschlächtiger Mann löste sich aus der Gruppe, die rechts von ihnen zwischen den Bäumen erschienen war, und rutschte so flink den Abhang hinab, dass Steine und Erdbrocken nur so prasselten. Ehe Gisel sich versah, war er bei ihr und packte sie. Sein Arm legte sich wie ein Schraubstock von hinten um ihre Brust. Sie fühlte den kalten Stahl an ihrer Kehle. Der Atem des Mannes stank nach Fäule. Sie konnte sein Gesicht nicht sehen, doch die Stoppeln seines Bartes kratzten an ihrer Wange.

„Keine Bewegung!“, schrie der Räuberhäuptling. „Sonst ist sie hin!“

Gisel wurde übel. „Lorenz!“

Lorenz machte vor Schreck einen Satz zur Seite und knickte dabei um. Im Fallen sah er ihr direkt ins Gesicht, seine grünen Augen geweitet vor Angst. Sein Sack landete mit dumpfem Poltern neben ihm. Lorenz blieb liegen und hielt sich stöhnend den Knöchel. Es war, als würde er hinter seinen Habseligkeiten Schutz suchen.

Hans lachte laut auf. „Einen treuen Beschützer hast du dir da ausgesucht!“ Er spuckte vor Lorenz auf die Erde.

Der Anführer stieß erneut einen Pfiff aus. Sogleich machten sich die anderen Räuber über die Lasttiere her. Gisel hörte, wie sie hinter ihr Taschen und Kisten durchwühlten. Sehen konnte sie nichts, denn ihr Peiniger hielt sie immer noch von hinten fest, damit sie den Kopf nicht drehen konnte. Sie krallte ihre Finger tief in seinen speckigen Rock und hörte seinen rasselnden Atem dicht an ihrem Ohr.

„An die Waffen!“ Elias‘ Stimme klang heiser, als er sein Schwert zog. Sein Gehilfe tat es ihm gleich und zusammen stürzten sie sich auf die Räuber vor ihnen. Diese parierten mit ihren Hellebarden, drehten und duckten sich unter den Schwertstreichen weg. Elias drang auf den einen ein, sein Gehilfe auf den anderen. Auch sie waren wendig, und das Hin und Her des Kampfes schien wie ein Spiel gleicher Kräfte. Hinter Gisel klirrten ebenfalls Klingen, knirschten Schritte über den Boden, erklangen Schreie, Gekeuche und dumpfe Schläge. Die Lasttiere scheuten und stampften unruhig mit den Hufen auf den steinigen Untergrund.

Der Stahl drückte hart gegen Gisels Kehle, und Hans begann, sie zur Böschung zu zerren. Nein, unter keinen Umständen würde sie mit diesen Männern gehen! Eher würde sie sich umbringen lassen! Gerade hatte sie ihre Freiheit erlangt, und jetzt sollte sie sie wieder verlieren? Sie biss dem Mistkerl in den Arm. Der schrie auf und lockerte seinen Griff. Gisel wand sich aus seiner Umklammerung und versuchte instinktiv, in Richtung Böschung zu fliehen, doch grobe Hände packten sie fest von hinten und rissen sie herum. Sie blickte in das wutverzerrte Gesicht von Hans. Der gab ihr eine schallende Ohrfeige, sodass sie taumelte. Der durchdringende Schmerz entfesselte blanke Wut in ihr. Wie wild schlug und trat sie um sich, blind dafür, was weiter um sie herum geschah.

Plötzlich erklang ein widerliches Schmatzen. Einen Augenblick später ließen die Hände des Räubers von ihr ab und sanken herab. Er sackte in sich zusammen. Blut rann aus einer klaffenden Wunde in seinem Schädel. Panisch blickte Gisel sich um, doch sie sah nur noch große schwarze Flecken. In ihren Ohren wuchs ein grelles Pfeifen zu unerträglicher Lautstärke an. Ihre Knie gehorchten nicht mehr und gaben nach. Völlige Dunkelheit übermannte sie.

„Gisel! Gisel!“

Sie spürte, wie jemand ihre Wangen tätschelte. Die tiefe, sanfte Stimme drang von weiter Ferne an Gisels Ohr. Sie verharrte einen Moment, ehe sie die Lider aufschlug. Vor Schreck zuckte sie zusammen. Das Gesicht des Lokators war ganz nahe über ihr. Seine Augen waren geweitet, seine Lippen schmal. Er schien besorgt.

Gisel raffte sich auf. Dort, wo der Stahl gegen ihren Hals gedrückt und Hans‘ Finger sich in ihre Haut gegraben hatten, zog und schmerzte es unangenehm. Doch schlimmere Verletzungen hatte sie nicht. Neben ihr lag die Leiche von Hans, widerwärtig zugerichtet. Blut quoll ihm aus mehreren tiefen Wunden in der Brust. Die Augen glotzten gebrochen in den Himmel, Schaumbläschen hatten sich vor seinem Mund gebildet. Sein Körper dampfte noch. Gisel konnte nicht lange besinnungslos gewesen sein.

„Ist dir was passiert?“, fragte der Lokator. Er reichte ihr den Arm und half ihr beim Aufstehen.

Benommen schüttelte Gisel den Kopf. Sie sah sich um. Bei den Lasttieren lagen vier weitere Räuber. Einer von ihnen stöhnte noch und hielt sich seinen Bauch, aus dem das Gedärm hervorquoll. Einer der Ritter ging neben ihm in die Hocke und schlitzte ihm mit seinem Schwert die Kehle auf. Blut spritzte in einer schnell versiegenden Fontäne. Der Mann wand sich im Todeskampf und sein Gurgeln und Röcheln gingen Gisel durch Mark und Bein.

Auf dem Weg voraus lagen der Räuberanführer und sein Kumpan niedergestreckt auf dem Boden. Ein großer Schrecken durchfuhr Gisel, als sie Lorenz unter dem Anführer liegen sah.

„Lorenz?“ Sie stürzte zu ihm, packte seine freiliegende Hand, befühlte seine Brust. War er noch am Leben?

Lorenz blinzelte. „Gisel! Ist es vorbei?“ Er kam unter der Leiche hervorgekrochen und stellte sich auf wackelige Beine. Sein Gesicht war kreidebleich.

Gisel atmete auf. Ihm war nichts passiert!

Der Lokator ging zu Lorenz, klopfte ihm auf die Schulter. „Die überfallen keinen mehr, nicht wahr?“

Lorenz nickte, seine Mundwinkel nach unten gezogen, die Schultern schlaff herabhängend. Wie mutlos er neben dem Lokator aussah, der jetzt das Blut mit einer Handvoll Moos von seinem Schwert rieb. Auch Elias‘ Kettenhemd hatte ein paar Spritzer abbekommen. Dennoch schien ihm die Abwehr des Überfalls keine Mühe bereitet zu haben.

„Sammelt unser Gepäck wieder ein! Wir müssen zügig weiter, sonst erreichen wir die Burg nicht vor Sonnenuntergang!“, ordnete er an. Er leitete die Unternehmung zur Besiedlung der Freiung nahe Burg Wolfstein und war daher für den Tross verantwortlich. „Viel dürften diese Halunken bei ihrer Flucht ohnehin nicht mitgenommen haben. Ihre Kumpane da sind gefallen wie die Fliegen.“

Der Gehilfe des Lokators und die Ritter befolgten den Befehl und sammelten die umherliegenden Kisten und Säcke ein. Mehrere davon waren beschädigt. Äxte und Hämmer waren herausgefallen; Getreide lag verstreut auf dem Waldweg. Lorenz hastete zwischen den anderen Männern herum und versuchte sich ebenfalls nützlich zu machen.

Wie angewurzelt blieb Gisel stehen und sah ihren Begleitern mit offenem Mund zu. Sie schauderte, als sie den Blick über die Leichen mit ihren verzerrten Mündern und verdrehten Augen schweifen ließ. Jetzt hätte sie eine Umarmung von Lorenz gut gebrauchen können, eine warme Geste, damit sie sich nicht so verloren fühlte. Doch Lorenz vermied es, sie anzusehen, vermied sogar ihre Nähe.

„Geht es dir wirklich gut?“

Gisel fuhr hoch. Die gütigen, braunen Augen des Lokators musterten sie. Nein, darin lag nichts Wildes. Wie war sie nur auf den Vergleich mit dem Räuberanführer gekommen? Elias lächelte sie an. Ihr Herz machte einen Sprung. Als er sich abwandte, schlug sie die Hände vors Gesicht. Seit gestern war sie eine verheiratete Frau. Vor Gott hatte sie Treue geschworen. Fort mit den verwerflichen Gedanken!

Der Tross war bereit zur Weiterreise. Den Männern und Gisel war nichts passiert, die geflohenen Räuber hatten Lebensmittel und einige Geräte der Siedler mitnehmen können.

Gisel heftete ihren Blick wieder auf die Lederstiefel von Lorenz vor sich. Seine Schritte schlurften, sein Kopf war eingezogen. Die Hufe der Pferde klapperten laut auf dem felsigen Untergrund.

PASSAU, EINIGE TAGE ZUVOR

Gisel trat aus dem Kreuzgang heraus in den Kräutergarten. Der war gerade so groß, dass eine in der Mitte gepflanzte Eiche ihre Äste ausbreiten konnte. Die Blätter des Baumes hatten die hellgrüne Farbe des Frühlings angenommen und raschelten leise im Wind. Darüber tünchte die aufgehende Sonne die Wolken in ein sattes Orangerot. Zwischen den Mauern des Kreuzganges mit seinen schmalen, hohen Rundbogenfenstern waren vier mal vier kleine Beete angelegt. In jedem der sechzehn Quadrate wuchsen verschiedene Kräuter wie Salbei, Beinwell und Fenchel, die einen intensiven Geruch verbreiteten. Faustgroße Steine umrandeten die Beete, zwischen ihnen verlief ein Raster aus Kiespfaden. Eine Amsel hüpfte über das feuchte Gras unter der Eiche und pickte nach einem Wurm.

Vor einem Beet kniete Gisel nieder. Zwischen den Blättern der Schwertlilien mit ihren langen, violett-grünen Blütenknospen blitzten in den ersten Sonnenstrahlen die silbernen Tautröpfchen auf einem Spinnennetz. Ein frischer Wind hauchte über Gisels Wangen und spielte sanft mit den Bändern ihrer Haube.

Während sie mit den Fingern in der Erde scharrte, hastete ein schwarzer Käfer davon. Leise summte Gisel vor sich hin.

„Frühlingszeit bannet Leid

Fröhlichkeit ist gebreit‘

über Berg und Tal und grüne Auen

An dem Rain Blümelein

groß und klein, neu erschein‘n

weiße rote gelbe samt den blauen.“

Die wenigen Augenblicke des Sonnenaufganges gehörten Gisel, hier im Garten, allein. Sie sah nach dem Rechten, jätete Unkraut, sammelte Schädlinge ein und schnitt die Kräuter, die später zum Kochen verwendet wurden. Dabei überkam sie ein Hauch von Freiheit in diesem friedlichen Paradies inmitten der lärmenden, stinkenden, grauen Stadt Passau, deren Silhouette sich hinter den Mauern des Klosters Niedernburg erhob. Gisel holte tief Luft, um Kraft zu schöpfen.

Ihre Tage verbrachte sie überwiegend in den spärlich beleuchteten, nach Moder und Staub riechenden Räumen des Klosters. Sie richtete die Betten der zehn Nonnen, leerte ihre Nachttöpfe aus, putzte Rüben und weiße Karotten, rupfte Hühner, räumte das Geschirr von den Tischen und reinigte mit dem Besen den Boden. Die Benediktinerinnen trugen ihr alles auf, was sie nicht selbst verrichten wollten. Und als letzte verbliebene Leibeigene musste sie gehorchen und tun, was die Schwestern befahlen. So verlief ihr Leben, tagein, tagaus, seit sie sich erinnern konnte, mindestens schon fünfzehn ihrer ungefähr dreiundzwanzig Jahre. Dabei gab es immer weniger Leibeigene in der Stadt, weil freies Gesinde nach Passau strömte und die alten Abhängigkeiten sich auflösten.

Zumeist in den späteren Stunden des Tages, kurz vor der Vesper, begutachtete Schwester Hildegard mit Gisel den Kräutergarten, schnitt die Pflanzen zurück oder trug Gisel auf, was sie am Morgen des nächsten Tages zu tun hatte. Dabei vermittelte ihr die Nonne all ihr Wissen über Kräuter. Nicht umsonst hatte die Ordensschwester den Namen ihres Vorbildes, Hildegard von Bingen, gewählt, einer Benediktinerin, deren unvorstellbares Wissen über Pflanzen und Krankheiten die letzten eineinhalb Jahrhunderte überdauert hatte. Der energische Ausdruck einer klugen Frau lag auf Schwester Hildegards Gesicht.

Der Garten und die Gespräche über Kräuter waren die einzige angenehme Abwechslung im tristen Alltag. Jedes einzelne Wort der Schwester sog Gisel dabei in sich auf.

Liebevoll zupfte Gisel welke Blätter von den Schwertlilien. Im Herbst hatte sie die Blumen unter Schwester Hildegards Anweisung gepflanzt. Nun brauchten sie nicht mehr lange bis zur Blüte.

„Gertraude nützt dem Gärtner fein, wenn sie kommt mit Sonnenschein“, wiederholte Gisel die Weisheit, die sie Schwester Hildegard am Vortag gelehrt hatte. Eine rote Locke löste sich unter ihrer Haube und fiel nach vorne.

„Gisel! Gisel! Wo steckt nur dieses schreckliche Mädchen!“

Gisel erschrak, als sie die schrille Stimme von Schwester Elisabeth, der Dechantin, vernahm.

Eine alte, hagere Frau in Ordenstracht stand an eine Steinsäule des Kreuzgangs gestützt und starrte zu Gisel herüber.

Der Drache! Um Gottes Willen! Gisel hatte ganz vergessen, dass sie sich bei Tagesanbruch bei der Dechantin melden sollte! Der Bischof würde zu Besuch kommen, und das ganze Haus war in Aufruhr!

Gottfried von Weißeneck war im wahrsten Sinne des Wortes der Brotgeber der Nonnen, aber ein unzuverlässiger. Das Kloster schwelgte nicht mehr in dem Reichtum von einst: Das Gemäuer zerfiel, die Nonnen waren bis auf die Knochen abgemagert, und die Dechantin mit ihrer launischen Art schaffte es nicht, den Würdenträger um den Finger zu wickeln. Niemand konnte wissen, ob Gottfried den Nonnen nach seinem Besuch gewogener sein würde. Dabei hing so viel davon ab! Denn der Bischof sollte die Schulden begleichen, die sich für die Renovierung des Klosters angehäuft hatten, und zudem mehr Geld für den Lebensunterhalt der Nonnen zur Verfügung stellen.

Gisels Herz hämmerte bis zum Hals. Sie richtete sich auf, klopfte sich die Erde von den Händen, schob sich die Locke unter die Haube und strich die Schürze über ihrem braunen Wollkleid glatt. Einen Tadel wegen nachlässigen Aussehens wollte sie nicht zusätzlich provozieren. Sie eilte mit einem beklommenen Gefühl im Bauch zu der Alten, die immer noch an die Säule gelehnt dastand. Die Furchen auf ihrem Gesicht gruben sich vor Wut noch tiefer ein, ihre hinterhältigen Augen waren zusammengekniffen.

Gisel zog den Kopf ein. „Verzeiht, Schwester Elisabeth, ich habe ganz vergessen …“

Eine Ohrfeige klatschte auf ihre Wange und schnitt ihr das Wort ab. „Verzeihen kann dir Gott alleine, du rabenschwarzes Luder! Viel zu gütig sind wir hier mit dir! Du brauchst wohl längst wieder eine Tracht Prügel, die dir die Flausen austreibt!“

Gisel hielt sich die pochende Wange und senkte den Kopf. „Ja, Schwester Dechantin!“ Ihre Unterlippe zitterte. Ihr Inneres krampfte. Wie sehr sie den Anblick dieses widerlichen alten Drachens hasste!

Schwester Elisabeth wandte sich ohne ein weiteres Wort um und trat zurück in das Zwielicht des Kreuzgangs.

Ehe Gisel der schmächtigen Gestalt folgte, warf sie einen Blick zurück in den Kräutergarten. Sog ein, wie er dalag, im Schutz der Eiche, im hellen Schein der Morgensonne. Nachher, beim Töpfe schrubben, Wäsche waschen oder Boden wienern, würde sie sich eben dieses Bild in Erinnerung rufen. Wenn sie wieder übermäßig streng gescholten wurde, würde sie der Gedanke an dieses kleine Stückchen Freiheit inmitten ihres deprimierenden Gefängnisses beruhigen.

Eine Wolke schob sich vor die Sonne und raubte dem Garten seine leuchtenden Farben. Milder Regen setzte ein. In der Ferne donnerte es. Gisels Herz schnürte sich zusammen.

Schwester Elisabeth packte sie am Arm und zerrte sie über den Kreuzgang zum Kapitelsaal.

„Da! Staub und Dreck! Pfui!“ Schwester Elisabeth fuhr mit dem Finger über das Pult aus Walnussholz, das an einer Schmalseite des Kapitelsaals platziert war.

Der Wind trug Vogelgezwitscher von der Eiche im Innenhof durch die großen Fenster herein. Drei Pfeiler stützten das Gewölbe, das mit bunten Bildern aus dem Leben Jesu und mit Blumenranken bemalt war. Holzbänke standen an der Außenmauer, in die nur ein kleines Rundbogenfenster eingelassen war. Auf einer der Schmalseiten schmückten ein paar Äste mit Weidenkätzchen in einer vergoldeten Vase den steinernen Altar, aber die Blüten verdorrten schon. Auf einem Metallständer brannten Kerzen. In einer Ecke tropfte Wasser von der Decke über den Stein, dort war die Wand moosig grün verfärbt. Trotz der Renovierungsarbeiten und der guten Durchlüftung roch es nach Moder.

Schwester Elisabeth packte Gisel an den Schultern und schüttelte sie. „Für den Bischof muss alles glänzen! Hast du verstanden? Und dass du ja den Kreuzgang putzt, und die Latrinen natürlich! Bis zur Mittagsstunde musst du fertig sein!“

Gisel ließ sich beuteln wie ein nasser Sack. Schweigend nickte sie. Schwester Elisabeth ging und Gisel schickte ihr einen bitterbösen Blick hinterher.

„Alter Drache!“, fauchte sie. Dann holte sie einen Eimer mit Wasser und stellte ihn in der Mitte des Kapitelsaals ab. Sie sah sich um.

Es würde einige Zeit dauern, den Staub und Schmutz von den Möbeln, aus den Nischen und von den Steinplatten auf dem Boden zu entfernen. Zudem musste sie die Kerzenständer, Kelche und Metallbeschläge polieren. Sie musste gründlich sein, damit die Dechantin sie nicht wegen Schlamperei angiftete. Beim letzten Mal hatte Schwester Elisabeth Fingerabdrücke auf dem Messingkelch entdeckt, der auf dem Altar stand. Sie hatte Gisel daraufhin gezwungen, den Kapitelsaal ein zweites Mal zu reinigen und bis tief in die Nacht hinein in der Kirche kniend Rosenkränze zu beten. Schließlich war Schwester Hildegard gekommen und hatte sie befreit.

„Sieh es ihr nach“, hatte Hildegard gesagt, „Elisabeth kann es nicht verwinden, dass sie nach dem Tod ihres Gatten ins Kloster abgeschoben worden ist.“

Benommen und übernächtigt wie Gisel nach der Beterei gewesen war, hatte sie ihre steifen Glieder kaum durchstrecken können. Der tote Gatte der Dechantin war ihr herzlich egal. Wahrscheinlich hatte sie ihn sogar selbst ins Grab gebracht. Geschah dem Drachen nur recht, dass er jetzt sein Dasein im Kloster fristen musste.

Gisel fing damit an, die Holzbänke zu polieren. Wie aufregend! Der Bischof kam ins Kloster! Sie hatte schon viele Geschichten über ihn gehört. Er gebot über die Diözese Passau und ihre Besitztümer – ein Mann von Welt, der im Ausland studiert hatte und das ganze Reich zu seinen Ritterturnieren einlud.

Was würde die Dechantin wohl mit dem Bischof besprechen? Es musste eine wichtige Angelegenheit sein, sonst würde er sich nicht die Mühe machen, herzukommen. Die Nonnen behandelte er ohnehin stiefmütterlich, obwohl er für sie verantwortlich war. Und jetzt hatte Gisel endlich einmal die Gelegenheit, ihn zu sehen! Das konnte sie sich nicht entgehen lassen! Sie musste nur einen Weg finden.

Gisel schob die Unterlippe vor und sah sich im Saal um. Ihr Blick fiel auf die Truhe in der Ecke, auf die eine Muttergottes mit ihrem Jesuskind gemalt war. Lorenz hatte sie angefertigt und sie stand erst seit einigen Tagen an ihrem Platz. Gisel ging hinüber und besah sie sich genauer. Das Schloss ließ sich öffnen, sodass sie den Deckel mühelos aufklappen und hineinspähen konnte. Na, wenn sie da nicht …

„Schon fertig mit der Arbeit?“

„Aua!“ Gisel schrak hoch und stieß sich den Kopf am Deckel. Sie raffte sich auf und blickte direkt in das Gesicht von Lorenz.

Lorenz war der Zimmermann, der öfter ins Kloster kam, um Aufträge zu erledigen. Grinsend sah er Gisel an. Seine grünen Augen stachen dabei aus dem schmalen, kantigen Gesicht. Die etwas abstehenden Ohren ließen ihn spitzbübisch erscheinen. Jetzt schien er um seine Worte verlegen und kratzte sich den kurzen Bart.

„Was tust du denn hier?“, fragte Gisel ärgerlich und rieb sich den Hinterkopf.

Lorenz grinste weiterhin verschmitzt. „Ich bringe neue Stühle für den Kapitelsaal. Auftrag der Dechantin. Und was tust du hier?“ Er deutete auf die Truhe.

„Nichts, was dich zu interessieren hätte!“ Gisel richtete sich die Haube.

„Wenn es mit dir zu tun hat, dann interessiert es mich immer!“, erwiderte Lorenz. „Gott hat dir nicht umsonst diese wilden roten Locken und die blauen Augen gegeben – deine Bestimmung ist es, die Männerwelt zu bezaubern.“

„Ach, red keinen Unsinn! Meine Bestimmung ist es, bis zu meinem Lebensende Böden zu wienern, Wäsche zu waschen und mich von den Nonnen herumkommandieren zu lassen.“ Gisel wandte sich wieder dem Kasten zu und kratzte sich am Kinn.

„Wenn es nach mir ginge, würde ich dich von der Stelle weg heiraten! Ich wäre stolz auf so eine bildhübsche Frau!“

„Es geht aber nicht nach dir, es geht nach dem Drachen Schwester Elisabeth!“, sagte sie und untersuchte weiter die Holztruhe, ohne Lorenz allzu viel Aufmerksamkeit zu widmen. Zum Glück war sie leer.

„Aber wir könnten uns doch heimlich treffen? Ich kann am Abend ins Kloster schleichen und wir küssen uns unter der Treppe.“

Gisel wirbelte zu Lorenz herum. „Bist du von Sinnen? Dafür schmoren wir auf ewig im Höllenfeuer!“

Sein Lächeln verschwand, doch er gab nicht auf. „Ich könnte bei der Dechantin um dich freien!“

Gisel schüttelte den Kopf, sodass sich wieder eine Haarsträhne löste. „Du hast doch gar nicht das Geld für eine Ehefrau und sie wird mich nicht gehen lassen – da hätte sie ja niemanden mehr, an dem sie ihren Ärger auslassen kann!“

Lorenz tat einen Schritt auf Gisel zu und berührte sanft die Haarsträhne. „Aber ich weiß nicht, was ich machen soll! Jedes Mal wenn ich dich sehe, bekomme ich sündige Gedanken!“

Gisel stieß ihn weg. „Lorenz! Wenn das jemand hört, bete ich Rosenkränze bis zum Umfallen!“

Just in dem Moment erschien Schwester Elisabeth im Torbogen. „Was wird das hier?“ Voller Misstrauen blickte sie von Lorenz zu Gisel. Die spürte die Röte in ihr Gesicht steigen.

Die Dechantin wandte sich im Befehlston an Lorenz. „Du kannst die Stühle draußen abstellen, wir tragen sie später herein und stellen sie da auf, wo wir sie brauchen.“

Sie bugsierte Lorenz nach draußen. Unter dem Torbogen drehte sie sich noch einmal um. „Und du, du unnütze Ziege, mach dich wieder an die Arbeit!“

Gisel zog den Kopf ein und beugte sich hinunter zum Eimer, um den Lappen herauszufischen.

„Ach, Schwester Dechantin“, hörte Gisel Lorenz draußen klagen.

„Wir haben dich nicht geholt, damit du unser Gesinde belästigst! Erledige deinen Auftrag und misch dich nicht in die Angelegenheiten des Klosters!“ Die Worte der Dechantin hallten im Kreuzgang wider.

Gisel blieb zurück und strich über die bemalte Oberfläche der Truhe. Verdammt noch mal, die bot sich doch geradezu an für den Besuch des Bischofs…

Am späten Nachmittag war Gisel endlich mit der Aufgabe fertig, die ihr Schwester Elisabeth zusätzlich aufgetragen hatte – das Unkraut zwischen den Fugen der Steinplatten im Kreuzgang zu entfernen. Sie rappelte sich auf und stemmte die Fäuste in den Rücken, der vom Knien schmerzte. Sie sah Schwester Hildegard im Garten die Petersilienpflänzchen prüfen. Gisel trat hinzu.

Ohne hochzusehen, begann die Nonne: „Die Triebe der Petersilie sind kräftig genug. Gut, dass wir sie in Töpfchen vorgezogen haben. Ich kann sie schon ernten.“ Sie schnitt mit einer Schere ein paar Stängel ab. Dann richtete sie sich auf. „In den Eingeweiden von Schwester Elisabeth sammeln sich wieder zu viele böse Säfte. Jetzt hat sie Herzleiden, und ich will ihr Abhilfe schaffen, bevor der Bischof kommt. Ich bereite ihr einen Petersilien-Honigwein, dann kommt sie über Nacht wieder zu Kräften.“

Gisel nickte. Sie kannte das Rezept. Sie hatte Schwester Hildegard schon oft über die Schulter geschaut, als sie den Sud zubereitet hatte. Die Petersilie wurde in Wein gekocht. Dann wurde der Sud mit Honig und Essig angereichert und die klare Flüssigkeit abgesiebt.

Eine Taube schreckte hoch und flatterte in den Himmel. Gisel blickte auf und seufzte. Sie sah dem Vogel nach. „So frei würde ich gerne sein.“

Schwester Hildegard schnitt einen Trieb ab und legte ihn an die Seite des Korbes. „Aber Kind, du brauchst doch keine Flügel, um frei zu sein!“

„Dann könnte ich aber aus dem Kloster fortfliegen. Sonst bin ich hier eine Gefangene bis an mein Lebensende.“

Schwester Hildegard erstarrte in ihrer Bewegung und blickte Gisel verwundert an. „Durch die Liebe Gottes bist du doch frei! Ob Bischof, Dechantin, Nonne oder Magd. Gott kennt keinen Unterschied. Du hast alle Freiheit, die Gemeinschaft in gegenseitiger Liebe und Achtung zu gestalten!“

Gisel schüttelte energisch den Kopf. „Für mich bedeutet Freiheit ein Garten ohne Mauern. Eine weite, grüne Wiese. Die gibt es nicht im Kloster. Alles ist eng und begrenzt. Aus den Klostermauern komme ich gerade mal zu Ostern und zu Weihnachten heraus!“

Die Nonne ging auf Gisel zu und nahm sie in den Arm. „Die Freiheit beginnt im Kopf, mein Kind. Nicht in irgendeinem Garten. Folge nicht den irdischen Bedürfnissen, sondern Gott. Ich schwöre dir, dann bist du frei!“

Gisel ließ sich in die weiche Umarmung der Schwester sinken. Sie biss sich auf die Unterlippe, um nicht zu weinen.

Nach Sonnenuntergang lag Gisel lang ausgestreckt unter der Treppe auf ihrem Strohsack. Sie war müde und ausgelaugt vom Tagwerk und schon schläfrig. Der Schein der Kerzen, die in Wandnischen im Treppenhaus aufgestellt waren, reichte für eine schwache Beleuchtung ihrer Schlafstätte. Auf einem Vorsprung unter den Stufen reihten sich ihre wenigen Habseligkeiten. Besonders wertvoll waren das kleine, schwarze Döschen und das bestickte Taschentuch. Beides hatte sie von ihrer Mutter geschenkt bekommen. Die Bohlenbretter der Treppe knarrten leise, als eine Schwester nach oben huschte. Dem Trippeln nach zu urteilen war es Schwester Agathe. Feiner Staub rieselte auf Gisels raue Wolldecke.

Freiheit. Wie verlockend das Wort doch klang. Wie eine unendlich weite Blumenwiese. Wie der Gang zur Messe im Dom an Ostern und an Weihnachten. Ein solches Gefühl hatte sie verspürt, wenn die Mutter sie als kleines Kind im Kreise gedreht hatte und sie sich vor Kichern nicht mehr hatte halten können.

Oben bimmelte eine Handglocke. Gisel rappelte sich hoch. War der Nachttopf von Schwester Theresa voll? Hatte Schwester Gertraud noch Hunger? Gisel gähnte und streckte sich. Dann schlug sie die Wolldecke zur Seite und machte sich auf den Weg über die Treppe zum Schlafsaal der Gemeinschaft.

Bei Anbruch des nächsten Tages, gleich nach dem Morgengebet, sollte der Bischof kommen. Natürlich ließ er auf sich warten. Das machte Schwester Elisabeth, die ohnehin mit dem falschen Fuß aufgestanden zu sein schien, nur giftiger und sie kommandierte Gisel gnadenlos herum. So auch jetzt, als die beiden durch den Kreuzgang zum Kapitelsaal eilten, Gisel einen Schritt hinter der Dechantin. Am Himmel hingen schwarze Wolken und es schüttete wie aus Kübeln. Eine Böe heulte auf und peitschte dicke Regentropfen durch einen Fensterbogen in den Kreuzgang. Der Guss durchnässte das Kleid der Ordensfrau. Gisel, die neben ihr ging, beobachtete die Dechantin. Die sprang erst vor Schreck einen Schritt zur Seite, fasste sich dann aber. Schwester Elisabeth setzte wieder ihre steinerne Miene auf, den Mund säuerlich verzogen.

Sie sog die Luft durch die Nase ein und hielt sie einen Moment an, bevor sie sie laut ausstieß. Dann deutete sie nach vorne. „Sieh nach, ob Wein und Wasser im Kapitelsaal bereitstehen, und räum den toten Vogel da aus dem Kreuzgang! Worauf wartest du denn?“ Genervt stöhnte sie auf, machte kehrt und stampfte in die andere Richtung davon.

Gisel frohlockte innerlich. Jetzt konnte sie in die Truhe kriechen, um das Gespräch mit dem Bischof anzuhören, und keiner würde etwas merken! Sie nahm den toten Vogel und warf ihn durch den offenen Bogen in den Kräutergarten, wo sie ihn später begraben konnte.

Im Kapitelsaal standen Trinkgefäße und bis zum Rand gefüllte Karaffen bereit. Gisel horchte kurz, eilte zur Truhe hinüber und öffnete den Deckel. Ein in Leder gebundenes Buch lag da auf dem Holzboden. Das hatte sie vorher noch nicht gesehen! Sie schob es ganz nach hinten in die Ecke und kroch in die Truhe. Es roch intensiv nach frischem Holz. Durch eine Ritze konnte sie genau zu dem Tisch blicken, an dem die Dechantin und der Bischof Platz nehmen würden. Durch das Fenster fiel nur das schwache, graue Licht des Regentages herein, aber eine Pendelleuchte erhellte den Raum ausreichend.

Schon hörte Gisel entfernte Stimmen. Sie hielt den Atem an.

„Wie aufmerksam, Euer Gnaden, dass Ihr Euch Zeit für uns und unsere Anliegen genommen habt.“ Das war der säuselnde Tonfall der Dechantin. „Bitte, hier herein. Ihr wart ja schon so lange nicht mehr da und kennt Euch sicherlich nicht mehr so gut aus!“, fügte sie mit einem spitzen Unterton hinzu.

„Es ist in der Tat eine Weile her, seit ich zuletzt dieses Gemäuer betreten habe.“ Gottfrieds Stimme klang tief und melodisch.

Die Dechantin betrat mit dem Bischof den Kapitelsaal. Gisel erschauderte beim Anblick des Geistlichen. Er sah prächtig aus, so als ob Gott selbst auf Erden wandelte. Der Bischof funkelte vor Gold und vor Edelsteinen! Er trug eine hohe, spitz zulaufende und mit Goldborten verzierte Mütze. In der Hand hielt er einen Stab, in den Ornamente geschnitzt waren. Gottfried trug drei Schichten von Kleidern, die bei jedem Schritt raschelten: ein weißes Untergewand, das bis zu den Knöcheln reichte, ein blaues, kürzeres, das von einer goldenen Borte umsäumt war, und darüber einen ärmellosen roten Überwurf aus schwerem Wollstoff, der viele Falten warf. Um seine Schultern lag ein goldenes Band, auf das drei Rosetten aufgestickt waren. In welche Ehrfurcht der Bischof allein durch seine Erscheinung seine Untertanen versetzen musste!

Als der Bischof näher trat, konnte Gisel sein Gesicht sehen. Es war rundlich und gut genährt, die Augen scharf, der Mund schmal.

„Hier herüber, Euer Gnaden!“ Die Dechantin eilte rechts zum Kopfende des Tisches und schob den Armlehnenstuhl, den Lorenz angefertigt hatte, nach hinten, damit der Bischof sich setzen konnte. Das Holz der Stuhlbeine quietschte auf dem Steinboden. Die Dechantin selbst nahm zur Rechten Gottfrieds Platz, sodass sie in Gisels Richtung schaute. Es sah grotesk aus, wie die abgemagerte Gestalt von Schwester Elisabeth in ihrer schwarzen Ordenstracht neben dem schillernden Bischof fast unterging, dessen Körper breit war wie ein Schrank. Gisel schätzte, dass allein der Anblick des wohlgenährten Kirchenmannes der Dechantin mächtig aufstieß. Die goldenen Zeiten der Abtei waren längst vorbei und der Bischof sorgte gerade einmal dafür, dass die Nonnen das Lebensnotwendige bekamen.

„Dechantin Elisabeth!“, begann Gottfried. „Ich muss schon sagen, die Renovierung des Klosters ist wirklich hervorragend gelungen! Endlich sind die Spuren von Bürgeraufstand und Zerfall beseitigt! Eure Nonnen können nun wieder ungestört den Dienst an Gott verrichten. Und dies ist alles geschehen unter Eurer Leitung. Welch eine organisatorische Leistung!“

Die Dechantin lächelte säuerlich. „Es freut michs sehr, dass Euch die neuen Räumlichkeiten gefallen. In der Tat ist jeder Pfennig wohl überlegt investiert.“