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Fremde Feuer: Feuerflüstern E-Book

Colette Picard

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Beschreibung

Sind Mut, Hoffnung und Liebe in dunklen Zeiten möglich? London 1941: Bei einer Tanzveranstaltung begegnen sich die Exil-Französin Caroline und der englische Ingenieur Andrew. Kurz darauf verlieren sie einander wieder aus den Augen. Während Caroline die Ausbildung zur Lazarettschwester wenig liegt, setzt Andrew die Kampfflugzeuge der Royal Air Force instand. Unterdessen koordiniert Charles-Henri Leroux als Offizier des Freien Frankreichs die Operationen von Résistancegruppen in der von der Wehrmacht besetzten Heimat. Um der Enge und den Zwängen ihrer Familie zu entkommen, tritt Caroline eine Stelle als Funkerin in der Abteilung R an und erweist sich als besonders begabt und gelehrig. Ausgerechnet als Caroline beginnt, heimliche Gefühle für Charles zu entwickeln, begegnet ihr unerwartet Andrew wieder. Schließlich wird sie für einen riskanten Einsatz hinter feindlichen Linien in Frankreich ausgewählt, bei dem auch der britische Geheimdienst MI6 die Strippen zieht …

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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XIX.
Die Geschichte dieses Romans
Die Autorin

 

 

Fremde Feuer

Teil 1: Feuerflüstern

 

 

Colette Picard

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fremde Feuer: Feuerflüstern

Historischer Roman

Copyright: Colette Picard, 2023

Cover: Renée Rott, Dream Design Cover and Art

Colette Picard, c/o Emma Sonnenscheins-Impressumsservice, Auenstr. 37, 85649 Brunnthal

Instagram: autorin_colettepicard

Blog/Website: https://www.autorincolettepicard.wordpress.com

 

Hinweis an meine Leser*innen

 

Dieser Roman enthält die Darstellung expliziter Szenen, Age Gap, Rauchen, Alkoholkonsum, Traumata sowie Kriegsereignissen.

Caroline, Charles und Andrew sind Kinder ihrer Zeit und denken, handeln und sprechen als solche. Da Fremde Feuer und seine Protagonist*innen möglichst realistisch den Alltag im Großbritannien während des 2. Weltkriegs sowie der französischen Exilgemeinde darstellen soll, kann von ihnen nicht der Wissensstand des 21. Jahrhunderts erwartet werden. Ebenso wenig können hohe moralische Erwartungen an die Figuren dieses Romans gestellt werden.

Sämtliche Texte, sowie das Cover des Buches sind urheberrechtlich geschützt. Ähnlichkeiten mit Romanfiguren und real existierenden Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt, bis auf die historischen Persönlichkeiten. Bei einem Roman handelt es sich allerdings auch um ein fiktionales Werk.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Selbst die stärkste Frau hat eine Schwäche – ihre Liebe

 

 

Die Franzosen

 

Edouard Guichard Diplomat der Exilregierung

Anne seine Frau

Caroline seine Töchter

Margot

 

Colonel Charles-Henri Leroux Leiter der Abteilung R

Iseult seine Frau

François seine Kinder

Fleur

 

Die Dubarys

Jacqueline Matriarchin

Hervé ihr Sohn

 

Die Forces Françaises Libres (FFL)

Colonel Laurent Fabray Leroux‘ Stellvertreter

Lieutenant Arnaud Peyrac Ausbilder der FFL

Corporal Franck Morel Funker der Abteilung R

Eliane de Bourges Funkerin der Abteilung R

 

Die Engländer

Andrew Bradshaw

Ingenieur bei der Royal Air Force (RAF)

Peter Adkins sein Kamerad

 

Geoffrey Thompson Offizier des MI6

Sir Brian Campbell Sekretär des

Kriegsministeriums

Major Colin Farrell

 

Sally Dempsey Carolines Freundinnen

Imogen Woods

 

Gloria Finchley Tochter eines Stahlmagnaten und Reporterin bei der Times

Verdun, November 1916: Pas de Gloire –

Kein Ruhm

 

Im östlichen Himmel schimmerten die Wolken rot. Als hätte sie nicht die aufgehende Sonne durchtränkt, sondern der blutige Schlamm. Lieutenant Charles-Henri Leroux kauerte neben den Männern seiner Einheit hinter dem Erdwall des Schützengrabens. Über der anderen Seite, jenseits der Krater, des Stacheldrahtzauns und der gespaltenen Bäume, stiegen Dunstschleier der Sonne entgegen. Gleichzeitig hauchte die Erde den Gestank des Todes und der entladenen Munition aus.

Ein greller Pfiff durchschnitt die Luft und eine Detonation folgte in Charles‘ unmittelbarer Nähe. Erdbrocken fielen über den Rand des Schützengrabens und prasselten auf seinen Helm. Krächzend stoben die Krähen auf und schwirrten als schwarze Schatten über ihn hinweg.

»Die Deutschen haben das Feuer eröffnet!«, hörte er den Kommandeur schreien. »Erwidert das Feuer! An die Geschütze!«

Der Befehl galt nicht Charles. Hinter ihm rannten Soldaten vorbei, beeilten sich, an die Kanonen zu gelangen. Erneut schlug eine Haubitze dicht vor der französischen Stellung ein. Stimmengewirr und hektische Befehle vermischten sich mit Gewehrsalven.

»Laden! Feuer!«

Donnernd entluden sich die Rohre der Geschütze, der Rückstoß fuhr Charles in die Knochen.

»Lieutenant Leroux!«, kam die Stimme des Kommandeurs über den Lärm hinweg bei ihm an.

Charles wandte sich um. Dabei sah er in die Gesichter seiner Soldaten. Sie waren allesamt junge Männer, Bürgerliche aus den Städten wie Bauernsöhne aus Aquitanien oder der Gascogne. Oder wie er aus dem Pas-de-Calais. Manche waren gerade einmal siebzehn, achtzehn Jahre alt. Die Angst machte ihre Wangen fahl und ihre Augen groß.

Im Schutz des Erdwalls lief Charles zum Kommandeur, der sich im Unterstand mit zwei anderen Offizieren an einem Tisch unter durchweichten Sandsäcken verschanzt hatte. Charles war bewusst, in welcher Aufmachung er seinem Vorgesetzten gegenübertrat. Seine Gamaschen waren dreckig und starr von vertrocknetem Schlamm, die Hose und der Feldmantel sahen nicht besser aus. Doch alle, die in der vorderen Reihe standen und die Stellung hielten, waren in diesem Zustand.

»Mon Colonel!« Er salutierte, bemerkte die Erdkrumen auf der Karte mit den Frontlinien.

»Bereiten Sie mit Ihrer Einheit den Sturm der deutschen Stellung vor!«

»Zu Befehl!« Charles trat ab, eilte zu seinen Männern zurück. »Vorwärts! Marsch!«

Die Pistole in der Hand, neben ihm der Fähnrich mit der Trikolore, erklomm er den Wall, setzte sich darüber hinweg und gab dem Trupp hinter ihm ein Zeichen.

»Für Frankreich!«, rief er den Soldaten zu.

»Vive la France! Es lebe Frankreich!«, erwiderten sie den Schlachtruf.

Ich werde sie in den sicheren Tod führen. Dabei renne ich selbst ins Sperrfeuer der Deutschen, bedachte Charles bitter.

Mit aufgepflanzten Bajonetten folgten ihm die jungen Männer. Bald waren sie gleichauf, gaben ihm Deckung. Das Stacheldrahtgewirr baute sich vor Charles und seinem Trupp auf. Schemenhaft und plötzlich klar erkannte er einen toten Körper darin. Sie haben in der Feuerpause die Verwundeten geborgen, nicht die Gefallenen. Neben sich hörte er den atemlosen Schrei einer seiner Soldaten. Das ist keine gewöhnliche Welt, mein Junge. Das ist die Welt der Toten. Charles blieb keine Zeit, innezuhalten. Mit einem Seitenblick registrierte er, dass der Gefallene einer der Deutschen war, die gestern den Angriff versucht hatten. Er trug keine Stiefel mehr und von seinem Gesicht ließ sich nichts weiter erkennen als ein Loch, das einmal ein Mund war.

Zwischen dem Toten und dem verknäuelten Stacheldraht war eine Schneise entstanden. Im Hintergrund dröhnten die Geschütze der eigenen Stellung, die Deutschen erwiderten mit ihren Kanonen das Feuer.

»In Deckung!« Charles warf sich auf den wüsten, aufgerissenen Boden. In der Ferne, hinter Sandsäcken, erkannte er die Pickelhauben der deutschen Schützen.

Sinnlos, in Deckung zu gehen … Wohin? Kein Baum, kein Strauch, nicht einmal Gras, sondern nur ein glitschiges, karges Etwas, das mehr an Mondkrater erinnerte als an Irdisches. Wie ein Schatten stürzte die Haubitze nieder, pfiff, schlug krachend ein und ließ die Mondlandschaft erbeben. Schlammbrocken bedeckten Charles, während er die andere Hand schützend auf seinen Kopf legte. In der Rechten lag der rutschige Griff seiner Pistole. Jetzt klatschte das Sperrfeuer aus den deutschen Maschinengewehren, mähte jeden Mann nieder, der versäumt hatte, sich in den Morast zu ducken. Unmittelbar vor Charles zerrte ein Schrei an ihm, als zog jemand einen glühenden Draht durch sein Ohr. Er wischte den Schlamm aus seinen Augen, schob den Helm aus der Stirn und sah auf. Der Fähnrich krümmte sich, presste die Hände auf seinen Bauch. Als wollte er sein Sterben aufhalten, schob er seine Eingeweide zurück. Flehend sah er dabei Charles an, doch der konnte nichts für ihn tun. Ihm war klar, er könnte jetzt an Stelle des Fähnrichs ausbluten und langsam krepieren.

»Vorwärts! Bleibt dicht auf dem Boden!«, schrie Charles stattdessen – das reinste Selbstmordkommando!

Mit einem Ruck stieß er sich aus dem Morast ab, balancierte sich auf die Knie. Langsam rutschte er vor, bis die Pickelhauben in Reichweite waren. Er schoss, um ihn herum klatschten die Salven, hinter ihm und vor ihm röhrten die Geschütze. In den Atempausen der Kanonenrohre vernahm er das Jammern und Schreien der Verwundeten. Kurz wandte er den Kopf um. Von seiner Einheit waren nicht mehr viele übriggeblieben. Hinter sich hörte er die schmatzenden Schritte, Dutzende von Stiefelpaaren, gebrüllte Befehle, bis sie heiser bei ihm ankamen: Vorwärts! Lauft, ihr Muttersöhnchen! Habt ihr etwa Schiss vor dem Boche? Wieder das Sperrfeuer. Schreie. Dicht vor den Befestigungen der Deutschen schlug eine Haubitze ein. Wieder zerriss Munition Menschen und schlug eine tiefe Furche in aufgeschüttete Erde.

»Los, Leroux!«, übertönte der Befehl des Offiziers das Getöse und die Schmerzensschreie. Der Offizier kauerte neben Charles, umfasste seine Schulter. »Brechen wir durch! Rufen Sie Ihre Männer zusammen!«

»Vorwärts! Marsch!« Charles gab mit der Pistole in der Hand das Zeichen. Er sah sich um und zählte. »Es sind nur noch sechs … Mit sechs Männern, mon Commandant?«

»Ja, mit sechs Männern! Das ist ein Befehl!«

Aus dem Himmel fiel ein schwarzer Schatten. Den Einschlag des Geschosses erwartend, zog Charles die Schultern ein, umklammerte den Griff der Pistole mit beiden Händen. Unter ihm wackelte die Erde. Sie bewegte sich, riss ihn mit in ein tiefes Loch. Die explodierte Munition versprühte roten Nieselregen auf ihn. Ich bin tot … Wenn ich in die Hölle kommen sollte, erkläre ich dem Teufel, dass ich gerade dort war …

Ein brennender Schmerz im linken Oberarm holte Charles zurück. Der Kinnriemen seines Helms schnitt in die Haut. Er bewegte jeden einzelnen Finger, den rechten Arm, die Beine. Erschrocken befühlte Charles sein Gesicht, seinen Kopf, dann löste er den Lederriemen und nahm den Helm ab. Seine Haare, seine Stirn, seine Wangen, alles dort, wo es sein sollte. Aber etwas musste fehlen, denn der Schmerz raste von seinen Schultern abwärts, ins Rückenmark und breitete sich in seinem Unterleib aus. Als er seine linke Schulter und den Oberarm abtastete, fasste er in eine blutende Masse.

Ihm wurde schwummrig, gleichzeitig pochte sein Herz so heftig, dass er fürchtete, sein Brustkorb würde zerspringen. Mit aller Kraft versuchte Charles, seine schweren Augenlider offen zu halten. Vielleicht würde er nie wieder aufwachen, wenn sie zufielen. Doch gegen die Schwärze, die ihn einhüllte, kam er nicht mehr an. Er sank in eine weiche Schwerelosigkeit, die ihn umgab wie eine beschützende Decke. Vielleicht fühlte es sich angenehm und tröstend an wie im eigenen Bett, wenn man starb und dem Gemetzel und den Schmerzen einfach entschwebte. Warum aber schlotterte er vor Kälte, wenn er sich warm und geborgen fühlen sollte?

 

Stille breitete sich mit dem kalten Nebel aus. Als Charles wieder zu sich kam, blickte er über einen Kraterrand hoch in einen fahlgrauen Himmel. Weiße Flocken rieselten auf ihn herab. Das Schneetreiben wurde heftiger. Er sah darin Julies Gesicht, seiner geliebten Julie. Sie trug ein Hochzeitskleid, Orangenblüten schmückten ihr Haar. Warte auf mich! Selbst der unversehrte Arm fühlte sich starr an. Sie entschwand. Immer dichter fielen die Schneeflocken, bedeckten ihn.

Plötzlich hörte Charles Stimmen. Jemand schien in der Nähe zu sein. Er lauschte nach ihrem Klang, nach vertrauten Worten. Wenn es die Deutschen waren, stellte er sich besser tot, was ihm keine Mühe bereitete, denn er war bereits halbtot. Lieber verreckte er in diesem Loch und in der Kälte, bevor er in Gefangenschaft geriet.

»Es gibt kaum noch Überlebende.« Ein Landsmann! »Für ihn hier können wir auch nichts mehr machen.«

Der Lebenswille kehrte zu Charles zurück. Schwerfällig bewegte er seinen rechten Arm, richtete sich auf und lehnte den Rücken gegen die kalte Erde. Waren es Sanitäter? Ein anderer Trupp Soldaten?

»Hier!«, schrie er, und es strengte ihn an. »Ich bin hier!«

Niemand antwortete. Das Schweigen wurde zur quälenden Ewigkeit.

»Hören sie mich?«, rief Charles. Seine Stimme brach, wieder flammte der Schmerz auf. Mit jeder Bewegung. Der Stoff seines Hemds und seiner Jacke riss an seiner Haut.

»Wo sind Sie?«, entgegnete die Stimme.

»Ich bin in diesem Loch!«

Charles vernahm Schritte und das langsame Getrappel von Maultierhufen. Durch den Vorhang aus Schneeflocken beugten sich zwei Gesichter zu ihm herab. Es waren Sanitäter.

»Bewegen Sie sich nicht, wir holen Sie«, sagte der erste. »Bring die Bahre, der Mann scheint schwer verwundet zu sein.«

Eine Lazarettschwester half, die Bahre in den Krater zu senken. In ihrer Robe wirkte sie wie ein Gespenst, wie eins mit dem Himmel und dem Schnee. Kräftige Hände hievten Charles auf die Bahre. Erneut durchfuhr ihn der Schmerz.

»Es hat ihn schlimm am Arm erwischt«, hörte er einen der Sanitäter sagen. »Bringen wir ihn ins Feldlazarett.«

Behutsam trugen die beiden Männer Charles aus dem Krater. Die Schwester fragte ihn nach seinem Namen, dem Dienstrang und dem Regiment.

Im Namen Frankreichs … im Namen des Kaisers, Gottes? In wessen Namen und wozu? Wer weiß das noch?

I.

London, Juni 1941

 

Auf der kleinen Bühne spielte eine Band In the Mood. Röcke flatterten, Goldlitzen an Uniformen schimmerten und rot geschminkte Lippen strahlten, erwiderten die glühenden Blicke. Sonnenlicht durchflutete die Glaskuppel, schillerte rubinrot und smaragdgrün auf dem Parkett. Vor und zurück, Carolines Schritte folgten der schwungvollen Musik, während der Flight Engineer sie führte. Seine blauen Augen funkelten mehr vor Vergnügen als vor Begierde. Nur ein unverbindlicher Tanz, um den er Caroline freundlich gebeten und sich als Andrew vorgestellt hatte. Eine jungenhafte Ironie sprühte aus seinem Grinsen, als das Mittelstück die Melodie gedämpfter, fast schon zärtlich wiedergab. Leichter Sommerschweiß, vermischt mit einem würzigen Aftershave, strich in Carolines Nase. Mit sanftem Druck umfasste Andrew ihre Taille und zog sie näher an sich.

»Caroline ist Ihr Name?«, fragte er. »Sie haben einen netten Akzent. Sind Sie Französin?«

Sprüche wie diese ärgerten sie. Wenn dieser Gentleman in ihr nur ein Ding mit lockerer Moral sah … Flüchtig warf sie den Kopf über ihre Schulter und tauschte mit Sally einen Blick, die mit Andrews Kameraden tanzte.

»Und als solche nicht Ihr Flirt, Mister …«, versetzte Caroline, lächelte reserviert.

»Bradshaw«, erinnerte er sie schelmisch grinsend. »Ich wollte lediglich mit Ihnen tanzen, denn in trüben Zeiten wie diesen brauchen wir alle ein wenig Aufmunterung.«

Da ihr Andrew nicht völlig unsympathisch war, schenkte sie ihm ein offeneres Lächeln. »Das ist wohl wahr«, stimmte sie ihm zu.

»Was machen Sie in England, Miss Caroline?«, fragte er.

Ihr Lächeln wurde schmaler. Nachdenklich senkte sie ihre Lider. »Seit einem Jahr lebe ich mit meinen Eltern und meiner Schwester im Exil. Die Deutschen haben meine Heimat besetzt«, antwortete Caroline.

»Verstehe«, sagte Andrew mitfühlend, vermittelte ihr den Eindruck, dass er sie gerne tröstend in die Arme schließen wollte. »Es ist bestimmt nicht leicht, alles zurücklassen zu müssen und anderswo neu zu beginnen.«

»Ich komme zurecht«, versicherte Caroline tapfer. »Wie Sie sehen, habe ich Anschluss gefunden. Sally und Imogen wurden meine Freundinnen. Wir sind Schwesternschülerinnen und werden nach unserer Ausbildung eingesetzt.«

»Plötzlich sind wir alle Soldaten«, entgegnete Andrew.

Als sich die Trompete erhob und die Melodie erneut anschwoll, schob er Caroline energisch zurück. Sogleich fing er sie wieder ein, um sie um ihre Achse herum zu drehen. Eingesponnen in den Armen eines fast Fremden spürte Caroline den Rhythmus, wurde eins damit und entschwebte für einen Moment allem: Dem Krieg, ihren Eltern und ihrer Ausbildung.

Schmetternd steigerten sich die Bläser zum Finale. Caroline holte Atem, lachte ausgelassen. Andrews Hand glitt von ihrer Taille, respektvoll trat er einen Schritt zurück. Sally zwinkerte ihr zu, während ihre Hand auffordernd auf der Schulter ihres Tanzpartners ruhte.

Vorne auf der Bühne, zwischen den Fächern von Topfpalmen, trat der Trompeter ans Mikrofon und verkündete: »Nach diesem beschwingten Stück machen wir eine kleine Pause. Zeit, Ihre Getränke nachfüllen zu lassen, Ladies und Gentlemen. Danach geht unser Tanztee weiter.«

Unschlüssig blieb Caroline stehen, beobachtete, wie sich Sallys Tänzer von ihr löste. Erforschend blickte Caroline Andrew an, dann schritt sie über das Parkett auf den Tisch zu. Er setzte sich neben sie, hob sein Glas Limonade, während sie mit ihrem Pimm’s einen Toast andeutete.

»Cheers!«, rief Andrew, prostete auch Imogen zu.

Die bemühte sich um einen zuversichtlicheren Gesichtsausdruck. Caroline hatte die Abwesenheit in den braunen Augen ihrer Freundin bemerkt. Mit der Begründung, dass ihr Liebster wieder in die Armee eingezogen war und sich in einem Manöver befand, hatte sie Andrews Aufforderung zum Tanz abgelehnt. Sich mit der Hand Luft zufächelnd kehrte Sally an den Tisch zurück. Vor Anstrengung glühten ihre Wangen, leuchteten beinahe so rot wie ihre Haare. Sie richtete sich das Hütchen, das ein wenig verrutscht auf ihren kupferfarbenen Wellen thronte.

»Eine Pause ist jetzt nicht schlecht«, keuchte sie, nippte an ihrem Pimm’s und sah ihren Tänzer auffordernd aus dem Augenwinkel an.

Doch der trommelte nervös mit den Fingerspitzen auf die Glasplatte des Bambustisches, während er dasaß, als wäre er auf dem Sprung. Schließlich linste er auf das Ziffernblatt seiner Armbanduhr und wandte sich an Andrew: »Wir müssen los.«

»Das ist aber schade!«, stieß Sally aus.

Andrew bedeutete Caroline mit einem Blick, dass er gerne noch geblieben wäre. Er leerte sein Glas, erhob sich, strich den Schoß seiner Uniform glatt und deutete eine förmliche Verbeugung an.

»Mademoiselle Caroline, es war mir eine Ehre«, verabschiedete er sich von ihr, setzte seine Royal Air Force-Kappe auf. »Ladies, vielleicht sieht man sich einmal wieder.«

Sally fischte ein Gurkenstück aus ihrem Glas Pimm’s, sah den beiden Männern hinterher, wie sie hinter Palmenfächern in Richtung Tür verschwanden.

»Da gehen sie nun hin. Einen von ihnen hätten wir nach der Telefonnummer fragen sollen«, seufzte sie, beugte sich zu Caroline vor. »Wäre der nichts für dich gewesen?«

Wie ein dämpfender Schleier legte sich der Alkohol auf ihre Gedanken. Obwohl wegen der Rationierungen nur ein kleiner Schuss Pimm’s im Getränk war, spürte sie, dass sie am Nachmittag davon müde wurde.

»Ihr kennt meine Eltern, vor allem meine Mutter nicht«, erklärte Caroline. Bei dem Gedanken, dass der Nachmittag enden und sie wieder nach Hause zurückkehren würde, zog sich ihre Brust zusammen. »Gleich nach unserer Ankunft in London hat sie mir klar gemacht, dass mich bloß mit keinem Engländer einlassen soll. Nun drängt sie mich, endlich zu heiraten, aber standesgemäß und am liebsten einen Adeligen mit Namen und Beziehungen.«

»Was bringt ihr das, wenn Frankreich – verzeih – verloren ist?«, entgegnete Imogen kopfschüttelnd.

»Wohl nichts«, antwortete Caroline schulterzuckend. »Sie lebt in ihrer alten Welt und meint, deren Regeln würden auch hier und jetzt noch gelten. Aber ich möchte nicht danach leben. Lieber gehe ich an die Front, als mich in einer lieblosen Ehe einsperren zu lassen.«

Sally umschloss ihr Handgelenk, streichelte Carolines Unterarm. »Wir sorgen schon dafür, dass du keinen der Kandidaten heiraten musst«, ermutigte Sally sie.

Schön wär’s, dachte Caroline, nahm einen weiteren Schluck von dem Gemisch aus Pimm’s, Ingwerlimonade und viel geschmolzenem Eiswasser.

»Gehen wir auch«, entschied Sally, stellte ihr leeres Glas ab und erhob sich.

 

 

 

 

Obwohl ihm die Nachtschicht und die wenigen Stunden Schlaf noch in den Knochen steckten, nahm Andrew mit schnellen Schritten die Stufen nach unten. Dabei schloss er die Knöpfe seiner Uniform. Durch die bunten Rauten im Bleiglas floss das Morgenlicht. Aus der Küche hallte das Klappern von Geschirr. Die Vermieterin, Mrs Roberts, spülte die Tassen und Teller. Es roch noch immer nach Fried Up, dem Frühstück aus gebratenem Speck, Würstchen und Eier..

»Auf Wiedersehen, Mrs Roberts«, sagte Andrew, als er das Haus verließ.

»Auf Wiedersehen, Mr Bradshaw«, erwiderte sie. Doch er zog bereits die Tür hinter sich zu.

Draußen auf dem Gehsteig hörte Andrew das schwadronierende Cockney seiner Vermieterin nicht mehr. Sie bewunderte ihn, den Ingenieur bei Rolls Royce in Derby, der seit Kriegsbeginn im Rang eines Flight Engineers die Bristols und Spitfires der Royal Air Force instand hielt. Ausgerechnet eine Frau mit fünfzig Jahren erwies sich als seine glühendste Verehrerin.

Kopfschüttelnd und gleichzeitig grinsend drehte Andrew die Kappe mit den Insignien der britischen Krone in der Hand. Er fuhr durch seine dichten dunkelblonden Haare, zögerte, die Kappe aufzusetzen. Seine Gedanken verirrten sich zum vorherigen Nachmittag und zu der hübschen Französin, mit der er getanzt hatte. Karamellfarbene Haare, dunkle, ausdrucksstarke Augen, vornehm geschwungene Brauen und wohlgeformte Lippen. Caroline … Aber er wusste, er würde sie nie wieder sehen, denn London war groß und die Wahrscheinlichkeit gering. Peter ließ auf sich warten und die Zeit auf dem Ziffernblatt der Armbanduhr wurde knapper, um aus der Stadt heraus auf die Basis zu fahren.

Helle Kinderstimmen erschollen. Sie glichen einem munteren Bienenschwarm. Andrew wandte sich in die Richtung, aus der sich eine Gruppe Mädchen und Jungen, eine Vorschulklasse, am Briefkasten vorbeidrückte. Die mahnenden Stimmen der Lehrerinnen übertönten das übermütige Geplapper. Große Augen richteten sich zu Andrew auf. Die Bewunderung der Jungen, die mit Soldaten und Pferden spielten, und das Staunen der Mädchen, die zwischen Puppenhäusern und kleinen Teetassen ihre Prinzessinnenträume lebten. Er lächelte einem Mädchen mit braunen Zöpfen zu, das ausweichend auf das Pflaster starrte. Sein Lächeln blieb am Gesicht einer der Lehrerinnen haften. Sie fing es auf und erwiderte es schüchtern.

So ist es mit den Frauen, sprach sich Andrew zu, sobald du die Uniform trägst, schenken sie dir Beachtung. Dein nördlicher Akzent wird nebensächlich. Du kannst sie fragen, ob sie mit dir ausgehen und sie werden es tun. Doch es hält nicht für lange.

Die Lehrerin richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Kinder, auf die sie aufpassen sollte. Sie rief ihnen zu, ordentlich in Zweierreihen zu bleiben. Sogleich formierte sich die Gruppe wieder, eine kleine Rangelei, weil ein Mädchen nicht neben einem Jungen gehen wollte, und das strenge Wort der anderen Lehrerin. Andrew hing ihnen nach, bis sie die Seitenstraße überquerten und die Stämme der Stadtbäume sie verdeckten.

Ein Jeep fuhr vor und hielt an. Peter Adkins, Andrews Kamerad, beugte sich über den Beifahrersitz und riss die Tür auf.

»Komm schon, steig ein!«, rief er.

Andrew setzte sich und legte die Kappe auf den Schoß. »Jetzt hast du’s wieder mal eilig.«

»Wollte nicht anspringen«, erklärte Peter. »Ist aber Glück, dass es nicht zu lange gedauert hat. Wir kommen rechtzeitig auf der Basis an.«

»Die Maschinen für unsere Piloten durchchecken, bevor sie die Aufklärungsflüge über Frankreich machen. Heute Nachmittag ist nichts mit Tanztee und Mädels kennenlernen«, seufzte Andrew. »Wenn du mich fragst, wäre es an der Zeit, etwas für die Deutschen mit an Bord zu packen und ihnen endlich den Blitz heimzahlen.«

Ein Polizist regelte den Verkehr an der Kreuzung. Mit ausgestrecktem Arm gebot er Peter, anzuhalten. Über die Querstraße rollte ein roter Doppeldeckerbus. Noch immer waren die Gebäude, die deutsche Luftangriffe verwüstet hatten, eingerüstet und Schuttberge türmten sich auf. Ganze Lücken klafften in Fassaden, und Andrew erinnerte der Anblick jedes Mal wieder an die Sirenen, die Flucht in die nahegelegene U-Bahnstation und die Detonationen an der Oberfläche.

Der Zeitungsjunge, der auf dem Gehsteig die neuesten Meldungen ausrief, trat an Peters Fenster.

»Damaskus ist an die Alliierten gefallen!«, wiederholte der Junge, etwa sechzehn Jahre, die Nachricht des Tages. »Sir, wollen Sie eine Zeitung? Die Herald Tribune, oder die Times?«

»Danke, Junge«, lehnte Peter freundlich ab. »Aber das habe ich heute schon im Radio gehört.«

»Immerhin haben wir uns Damaskus geholt, während sich dieser Rommel in Nordafrika hält. Mein Bruder kämpft dort unten«, sagte Andrew. »Genau das meine ich, Pete. Was machen wir? Schicken ein paar von unseren Jungs über den Kanal, damit sie in Frankreich die Stellungen der Deutschen auskundschaften, anstelle sie zu bombardieren.«

»Wir sind nur Ingenieure, und keine Kriegsherren«, entgegnete Peter, legte den schwerfälligen Gang ein.

Der Polizist winkte. Peter fuhr an und über die Kreuzung.

»Wir sind nur Ingenieure«, wiederholte Andrew resigniert.

 

In der Ferne, wo die Straße an der Basis endete, erkannte Andrew durch die offenstehenden Tore des Hangars das metallische Gleißen der Sonne auf einem Auto. Er stand im Overall auf der Tragfläche einer Whitley, die Klappe geöffnet und die Elektronik freigelegt. Ein anderer Ingenieur kontrollierte die Instrumente im Cockpit. Das Auto fuhr näher auf die Kontrolle zu. Der Wachtposten verlangte Papiere, prüfte sie, reichte sie zurück und öffnete den Schlagbaum.

Ein französischer Oberst in Uniform der Forces Françaises Libres stieg aus dem Bentley. Gefolgt von zwei Männern in Zivil und einem Lieutenant der RAF betrat er den Hangar.

»Flight Engineer, Sir?«, sprach der Lieutenant Andrew an und salutierte ihm, wie auch dem Kollegen, der aus dem Cockpit kletterte. »Ist die Maschine bis heute Abend bereit?«

Andrew ließ sich von der Tragfläche gleiten. Mit einem Satz kam er auf dem Boden auf, wandte sich nach dem Flugzeug um. »Sicher. Ich brauche ungefähr eine, anderthalb Stunden, bis die Propeller getestet werden können.«

Er musterte den Oberst, den er zum ersten Mal sah. Schwarze Haare, schwarzer gepflegter Schnauzbart. So stellte er sich einen Franzosen vor. Auch wenn sie nicht die gleiche Sprache sprachen, die stille Freude über die Eroberung Damaskus‘ leuchtete aus beiden Gesichtern. An der Brust des Obersts bemerkte Andrew die aufgeriebenen Fäden im Drillichstoff. Der Franzose hatte die Orden, die ihm sein Land einst verliehen hatte, abgenommen und sie durch ein silberfarbenes Lothringer Kreuz ersetzt. An seiner Seite stand ein Unteroffizier, die Garnisonskappe leicht in die kantige Stirn gezogen, die Hände auf dem Rücken verschränkt.

Einer der Zivilisten übersetzte, dabei strich sich der Oberst nachdenklich über das Kinn. Auch er sah Andrew an.

»Dites-lui que je suis colonel Leroux et demandez comment il s’appelle«, wandte sich der Oberst an den Zivilisten, ohne Andrew aus den Augen zu lassen.

»Flight Engineer Andrew Bradshaw«, stellte er sich vor.

Offenbar hatte Oberst Leroux das Kommando neu übernommen. Für Andrew war der Besuch allerdings nicht überraschend. Seit dem vergangenen Jahr kamen regelmäßig französische Soldaten und Offiziere auf die Basis, auch Zivilisten, die an den Waffen und im Nahkampf ausgebildet wurden. Genauso wie die Polen, die sich als ausgezeichnete Piloten erwiesen. Alle verlorenen Völker Europas, wie er sie nannte, vereinten sich in England.

Der Zivilist übersetzte Andrew Leroux‘ Befehl. Demnach sollte der andere Mann über Frankreich hinter den deutschen Linien abspringen. Mehr brauchte Andrew wohl nicht zu erfahren, wenn er verstand, warum. Aus seinem englischen Exil organisierte Général de Gaulle den Widerstand gegen die Besatzer, und die Résistance erhielt Unterstützung in Form von Waffen und Sprengstoff.

»Sérgeant Peyrac …«, wandte sich Leroux an den Unteroffizier.

»Sie drehen wieder irgendwelche Dinge mit der Résistance«, raunte Andrew seinem Kollegen zu. »Sabotageakte gegen die Deutschen. Und liefern der Résistance Waffen.«

Sofort verstummte Andrew, als der ungeduldige Blick des Obersts ihn traf. Die übersetzte Frage, wann das Flugzeug fertig gewartet sei, hatte er nur beiläufig aufgeschnappt. Doch er erinnerte sich und gab ihm Antwort.

»Danke, Flight Engineer«, sagte Leroux mit schwerem Akzent, hob das Kinn und wandte sich an seine Gefolgschaft. Die Franzosen palaverten, bis der Oberst befahl: »Allez-y!«

Andrew schaute dem Oberst und der Gruppe hinterher, als sie sich abwandten und den Weg zum Casino einschlugen.

II.

 

In den Fluren des Krankenhauses roch es nach scharfen Desinfektionsmitteln, Jod und Bohnerwachs. Caroline folgte Doctor Sutton und der Stationsschwester Mrs Allsop, neben ihr liefen Sally und Imogen her. Sie trugen wie sie die Hauben und die Kluft der Schwesterschülerinnen. Sally schob einen Wagen mit Verbandszeug und Medikamenten, während Caroline ein Klemmbrett an ihren Körper gepresst hielt. Sehnsüchtig schielte sie zur Uhr, die am Ende des Flurs hing. Viertel vor sechs, bald Feierabend. Der Arzt klopfte kurz an einem Krankenzimmer, dann drückte er energisch die Tür auf.

»Wie geht es Ihnen, Madam?«, erkundigte er sich bei einer Dame in ihren Vierzigern.

»Ich habe starke Schmerzen, wenn ich mich aufsetzen will«, antwortete die Patientin.

»Das ist völlig normal, Madam«, beschwichtigte sie Doctor Sutton. »Sie wurden erst gestern operiert.«

Imogen entfernte die Bettpfanne. Als sie sie heraustrug, zog Caroline die Nase hoch. Daraufhin verpasste ihr Sally einen leichten Tritt gegen den Knöchel. Er tat nicht weh, doch erinnerte Caroline daran, nicht mehr Aufmerksamkeit zu erregen als nötig. Nimm dich zusammen, bedeutete das, was ihr schwerfiel. Der musternde Blick ihrer Freundin traf sie genauso wie der Tritt. Sally forderte sie auf, sich dem Krankenbett zu nähern. Denn Caroline ließ sich vom Lächeln der anderen Patientin ablenken, die den Vorhang ihres Betts zurückgezogen hatte. Schuldbewusst stellte sie sich neben Sally. Die Tür klappte wieder zu.

»Haben Sie sich die Hände desinfiziert, Miss Woods?«, fragte Mrs Allsop.

Imogen nickte. Ihr schmales, sommersprossiges Gesicht und die dunklen Brauen bekamen einen ernsten Ausdruck. Der Doctor wandte sich ihr und den beiden anderen Schwesternschülerinnen zu: »Mrs Allsop wird Ihnen nochmals zeigen, wie Sie den Verband der Patientin wechseln.«

Caroline nahm den Bleistift und setzte ihn auf dem Klemmbrett an.

»Miss Guichard, Sie sollten inzwischen auf Ihre Notizen verzichten. Wie lange sind Sie bereits hier?«

»Seit vergangenem Herbst, Sir«, antwortete sie und versuchte, ihren französischen Akzent zu unterdrücken.

»Dann können Sie ja Mrs Allsop helfen, den Verband abzunehmen«, beschloss er.

Mitfühlend sah Sally zu Caroline. Der Doctor ließ sie immer wieder spüren, dass er sie nicht sonderlich ernst nahm. Eine junge Französin, eine Exilantin, die Kriegsdienst für ihr Freies Frankreich als Lazarettschwester leisten wollte. Und sie gab ihm jeden Grund, indem sie wie jetzt den Verband mit zaghaften Händen löste und ihren Mund voller Ekel verzog – ob sie wollte, oder nicht. Mrs Allsops Blicke verunsicherten Caroline noch mehr. Lage um Lage des Verbands gab den vom Jod rotbraun gefärbten Bauch der Frau frei. Beim letzten Luftangriff hatten sich Splitter in ihren Leib gebohrt, die durch eine Operation entfernt worden waren.

»Nehmen Sie einen Lappen und reinigen Sie die Haut«, befahl Mrs Allsop, beruhigte die Dame: »Miss Caroline lernt noch.«

Zögerlich suchte Caroline die Waschschüssel auf dem Wagen. Sally reichte ihr schnell einen Lappen.

»Verstehen Sie, was Mrs Allsop sagt, Miss Guichard?«, fragte Doctor Sutton.

»Ja, sicher«, antwortete Caroline.

Der Ton, in dem er mit ihr sprach, brachte sie erneut auf. Sie mahnte sich, gefasst zu bleiben. Ihre Bewegungen wurden sanfter, als sie die Haut um die Wunde der Patientin wusch. Der tiefe verkrustete Schnitt und die groben Fäden ließen Caroline erschaudern. Doch die Dame konnte nichts dafür. Sie sah Caroline verständnisvoll an.

 

»Endlich ist dieser Tag vorbei«, seufzte Sally und stieß das Portal auf.

»Das kann man sagen. Ausgerechnet heute ist unser Nationalfeiertag.« Caroline hängte neben ihrer Handtasche die Büchse mit der Gasmaske um die Schulter.

»Ah, stimmt!«, erinnerte sich Imogen. »Fand nicht vergangenes Jahr eine Parade statt?«

Bekräftigend nickte Caroline. Im Jahr zuvor hatte sie gerade Freundschaft mit ihr und Sally geschlossen, und da sie entweder frei oder einen anderen Schichtbeginn hatten, waren sie gemeinsam zum Piccadilly Circus gegangen. Die Empathie, mit der ihre neuen Freundinnen die Trikoloren aus Papier geschwenkt hatten, während die Soldaten des Freien Frankreich an ihnen vorbeimarschiert waren, hatte Caroline tief bewegt. Und beeindruckt.

»Heute waren wir zum Dienst verdonnert. Ob mir als Französin der 14. Juli wichtig wäre, interessiert Doctor Sutton nicht«, seufzte sie, grinste gequält.

Sie, sowie Sally und Imogen, traten nun in ihren Schwesternuniformen auf die Straße. Ohnehin trug fast ganz Großbritannien in diesen Zeiten Uniform. Von den Soldaten, die aus allen Teilen des Commonwealth auf die Insel gekommen waren, bis hin zu den Luftwaffenhelferinnen der WAAF zeigten sie, dass sie sich im Krieg befanden und jeder seinen Dienst leistete.

Behäbig setzte Sally ihre Schritte über das Pflaster des Gehsteigs. »Doctor Sutton hat dich ziemlich auf dem Kicker«, bemerkte sie.

»Verstehen Sie, was Mrs Allsop sagt, Miss Guichard?«, imitierte Caroline den Doctor. »Nein, überhaupt nicht!«

Herzhaft lachten Imogen und Sally auf.

»So lustig ist das nicht!«, protestierte Caroline. »Ich bin die einzige in meiner Familie, die Englisch spricht.«

»Nimm’s dir nicht zu Herzen, Caro«, sagte Imogen.

Verdrossen verzog den Caroline Mund. »Ich gebe nicht auf. Ich will die Ausbildung zu Ende bringen«, versicherte sie. »Wenn der Krieg vorbei ist, kann ich endlich Psychologie studieren.«

Sallys Hand strich über ihren Rücken. »Es ist dein Traum, nicht wahr?«

»Für seine Träume muss man wohl einiges schlucken.«

»Scheint so.«

»Kommt ihr?«, drängte Imogen.

Die Sonne stand über den Häuserzeilen und warf sie als lange Schatten auf die Straße. Im Vorbeigehen betrachtete Caroline wie immer das Plakat, das einen deutschen Soldaten aus dem vorherigen Krieg zeigte, und davor einen in Wehrmachtsuniform. Wir haben siezuvor geschlagen. Wir werden sie wieder schlagen. Sie kannte es. Trotzdem schenkte sie ihm mehr Beachtung als ihre Freundinnen. Scheinbar unbeschwert schlenderten sie an den Eisenzäunen vor Souterrainwohnungen vorbei. Ihnen kam eine Frau entgegen, einen Turban um ihre Haare geschlungen, an der einen Hand ein kleines Mädchen, in der anderen ein Einkaufsnetz. Caroline wandte sich nach ihr um. Auch sie trug die Brotration nach Hause. Die Stimmen ihrer Freundinnen klangen in Carolines Ohren. Sie sah wieder geradeaus. Vor ihnen lag die U-Bahnstation. Shelter stand darüber, was bedeutete, dass der Schacht als Luftschutzbunker diente.

Caroline holte auf den Treppen auf. Der Luftzug, der ihr ins Gesicht wirbelte, roch metallisch. Eine Bahn fuhr in die entgegengesetzte Richtung, bevor ihre einrollte. Die Türen sprangen auf. Nur wenige Menschen stiegen aus. Der Waggon war nahezu leer. Imogen und Sally nahmen Caroline in ihre Mitte, als sie sich auf die Holzbank setzten. Krachend schlug die Tür zu und der Zug ruckelte an.

»Wollen wir wieder mal in die Wochenschau gehen?«, fragte Imogen und hob wegen der Fahrgeräusche ihre Stimme.

»Aber sicher«, erklärte Caroline.

Sally nickte. Die Aussicht auf ein wenig Abwechslung stimmte Caroline fröhlicher. Ihre beiden Freundinnen, die sich eine Wohnung teilten, boten ihr kleinere Ausfluchten aus ihrem Alltag.

Als die Bahn vor der Waterloo Station abbremste, stand Caroline auf. Dort musste sie umsteigen. Bevor sie den Zug verließ, winkte sie Sally und Imogen zum Abschied zu. Hier war der Bahnsteig um diese Zeit voller. Männer mittleren Alters kamen von der Arbeit, Frauen, die ihre Einkäufe erledigt hatten, warteten und stiegen ein. Eine Gruppe Soldaten auf Ausgang beäugte Caroline, doch sie wandte ihnen den Rücken zu. Aus ihren Gesprächen vernahm sie, dass sie den Fall Damaskus‘ als einen Sieg feierten. Sie sprachen von Hitlers Ende, das bald kommen würde.

Wäre es nur wahr, dachte Caroline und schweifte ab. Sie versetzte sich zurück nach Frankreich, an das Haus in Arpajon, einer Kleinstadt vor den Toren Paris‘. Ruhig war es dort gewesen, beschaulich, und niemand hatte geglaubt, dass der Krieg einmal über ihre Heimat hinwegfegen würde. Obwohl sich schleichend die Stimmung im Land gewandelt hatte. Caroline hatte gespürt, wie viel Abneigung das Volk gegen die gewählten Politiker hegte und wie wenig Verständnis für die Demokratie aufgebracht wurde. Sie hatte gespürt und gehört, wonach sie sich sehnten: Nach einem starken Führer, der endlich mit den korrupten Eliten aufräumte und der Quasselbude Assemblée Nationale das Maul stopfte. Trotzdem, ihr Vater wollte nicht so recht daran glauben, dass es so kommen würde. Niemand hatte Frankreich jemals bezwungen. Bis auf die Deutschen, damals, vor einem Jahr. Carolines Vater hatte bis zum Schluss nicht glauben wollen, dass Maréchal Pétain kapitulieren würde. Ausgerechnet der Held von Verdun! Er wurde nichts anderes als Hitlers Marionette im kleinen Marionettenstaat Vichy. Arbeit, Heimat, Familie ersetzten die Werte Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Schmerzhaft hatte Caroline begriffen, dass ihre Zukunft unterbrochen war. Schließlich hatte ihr Vater gesagt, packt, wir folgen de Gaulles Aufruf, wir müssen nach England. Ihre Mutter hatte sich geweigert, doch das Wort ihres Vaters galt. Caroline fügte sich und nahm ihre weinende Schwester Margot an der Hand. Die Straßen waren von Zehntausenden von Flüchtenden verstopft. Komm, beiß die Zähne zusammen! Wenn Caroline an Heimweh litt, zeigte sie es nicht, sondern lächelte mit zusammengebissenen Zähnen. Sich nichts anmerken lassen, nicht klagen. Sie versuchte, ihren Akzent zu unterdrücken und ein astreines Englisch zu sprechen. Wie sehr sie aber das Frankreich vermisste, das sie einst kannte, wurde ihr heute erneut bewusst. Solange Caroline im Krankenhaus gearbeitet hatte, hatte sie versucht, die Fête Nationale zu verdrängen. Jetzt aber drohte die Traurigkeit sie einzuhüllen. Dank Sally und Imogen erwies sich England als freundliche Heimat auf Zeit, und sie wollte sich dankbar zeigen.

Unsanft riss das Quietschen der Bremsen Caroline aus ihren Gedanken. Die U-Bahn hielt vor ihr an. Mit einer galanten Handbewegung ließ ihr ein Soldat den Vortritt. Sie bedankte sich mit einem Nicken und ging in den vorderen Teil des Waggons.

 

Als Caroline die Wohnung betrat, empfing sie dieses Mal eine aufgeregte, fast heitere Stimmung. Anders als sonst, denn Anne, ihre Mutter, legte sich tagsüber und an den Wochenenden aufs Sofa oder verzog sich ins Schlafzimmer. Sie erklärte es mit Kopfschmerzen und Müdigkeit. Ihr Vater sagte ihr und Margot, sie wäre in Wirklichkeit noch immer von der Flucht traumatisiert. Ohnehin gab es für Caroline zu Hause nur wenig Grund zur Freude. Ihre Eltern leisteten sich hier kein Dienstmädchen mehr. Mit der Irin waren sie nicht zufrieden gewesen, da sie Annes Anweisungen ohne Carolines Übersetzung nicht verstanden und auch nicht so gekocht hatte, wie es den Eltern geschmeckt hätte. So blieben der Haushalt, das Kochen und die Einkäufe an Caroline und Margot hängen. Mehr an Caroline, denn sie war die Ältere und beherrschte die englische Sprache. Sie biss selbst dann die Zähne zusammen, wenn sie müde und erschöpft aus dem Krankenhaus zurückkehrte, und die Arbeit zu Hause wartete.

»Da bist du ja endlich!«, rief Edouard Guichard aus, lief Caroline entgegen. »Komm, zieh dich um. Wir gehen zur Siegesfeier. Wie schade, dass du heute Vormittag die Parade verpasst hast!«

Er trug seinen besseren Anzug, den er sonst für die Sonntagsmesse und für besondere Anlässe aus dem Schrank holte. Früher hatte er mehrere schöne Anzüge besessen, doch die Familie hatte fast alles zurückgelassen. Anne saß im Wohnzimmer, vornehm angezogen in ihrem Seidenkleid, und der Hitze zum Trotz hatte sie die Pelzstola um die Schultern gepackt. Caroline freute es, ihre Mutter wieder einmal so zu sehen und sie hoffte, dass sie sich besser fühlte. Margot stand auf, dabei raschelte das zarte hellblaue Kleid. Es kam Caroline bekannt vor, gehörte es ihr. Mit ihren siebzehn Jahren war Margot stolz, ein Kleid mit Trägern anziehen zu dürfen, und in ihrem Ausschnitt steckten cremefarbene Seidenrosen. Doch da sie schmaler und zierlicher als Caroline war, rutschten die Träger ständig von ihren Schultern.

»Du siehst aus wie ein Vögelchen mit herabhängenden Flügeln«, lachte Caroline und schob sie in das gemeinsame Zimmer.

»Flatter, flatter, flatter!« Margot bewegte ihre Arme auf und ab.

»Was soll ich eigentlich …?« Überrascht nahm Caroline die violette Robe von ihrem Bett.

Sie erinnerte sich, dass ihre Mutter dieses Kleid bei der Flucht eingepackt hatte, sie wolle es an keiner deutschen Walküre sehen, hatte sie gesagt. Ehrfürchtig strich Caroline über die Einsätze aus schwarzer Calaiser Spitze und konnte sich nur wie aus dem Nebel an das letzte Mal erinnern, als sie es an ihrer Mutter gesehen hatte.

Das Gezwitscher Bleuets, ihres Wellensittichs, holte sie wieder zurück. Bleuet, wie die Kornblume. So blau war auch sein Gefieder. Caroline fiel wieder ein, dass sie die Stecknadeln aus ihrem Schminktisch nehmen wollte.

»Halt still, Vögelchen.« Vor dem Spiegel steckte sie Margot die Träger fest.

Verzückt betrachtete sich Margot, befühlte ihre Frisur. Zum ersten Mal trug sie keinen Zopf mehr, sondern eine aufwändig gewickelte Rolle im Nacken.

»Ich erkenne mich nicht wieder!«, rief sie, strahlte dabei übers ganze Gesicht.

Lächelnd wandte ihr Caroline den Rücken zu und begann, die Schwesternuniform abzulegen. Margot stellte ihr die Schuhe hin, während sie sich vor den Schminktisch setzte. Bleuet landete auf ihre Schulter.

»Du weißt schon, dass der heutige Abend wichtig ist«, sagte Margot geschäftig.

Zunächst genoss Caroline die Zuneigung des zutraulichen Vogels, doch dann wurde ihr bewusst, für wen dieser Abend von Bedeutung war. Wohl für ihre Mutter, die in der Exilgemeinde einen künftigen Ehemann für sie ausspähte. Umso mehr bereute Caroline, dass sie neulich Nachmittag den Engländer nicht gefragt hatte, ob man sich wieder treffen wolle. Sie verfluchte ihre Erziehung, die ihr als Frau verbot, einem Mann einen derartigen Vorschlag zu unterbreiten. Trotzdem, vielleicht erwies sich dieser Andrew als jemand, mit dem sie gerne Zeit verbringen würde, und aus Verabredungen erwuchs Liebe? Resigniert wischte sie ihre kühnen Träume beiseite. In der Realität hatte sie die Chance verpasst, und das Schicksal musste mitspielen, damit sie eine zweite bekam.

»Weißt du auch, um was es geht?« Caroline holte den Flakon roten Nagellack aus der Schublade und tunkte den Pinsel ein, um die Farbe aufzunehmen. Unterdessen spielte Bleuet mit dem Schnabel an ihren Haaren. Hoffentlich gab es einen weiteren Grund als die Wahl einer guten Partie. »Gemeinsam mit den Engländern haben wir Damaskus eingenommen. Dort sind die Deutschen geschlagen. Wenn es so weitergeht, werden die Alliierten voranmarschieren. Irgendwann werden wir sie besiegen, Margot, irgendwann. Und dann werden wir heimkehren.« Sie steckte die Schildpattkämme in die Seitenpartien.

Margot nickte und machte große Augen. »Natürlich.«

Damit der Lack schneller trocknete, wedelte Caroline mit den Händen. Mit einem Flügelschlag hob Bleuet ab, um laut schnarrend durch das Zimmer zu kreisen. Belustigt kicherte Margot, versuchte, den umherschwirrenden Vogel einzufangen. Schließlich krallte er sich an der Gardine fest, um mit schräg gelegtem Köpfchen zu spähen, ob der Aufruhr vorüber war.

»Darf ich deinen Nagellack benutzen?«, rief Margot aus.

»Meinetwegen«, entgegnete Caroline, spreizte ihre Finger auf der Tischplatte.

»Was wird Maman dazu sagen?«, erinnerte Margot, doch sie war bereits flink dabei, ihre Nägel zu lackieren.

»Ich weiß es nicht«, erwiderte Caroline, seufzte gedehnt. Eine Weile beobachtete sie Bleuet, der mit Hilfe seines Schnabels die Gardine erklomm. Schließlich trug sie den Lippenstift auf und nahm das Kleid aus den Händen ihrer Schwester entgegen. »Hilf mir bitte, es zu schließen.« Sie holte Luft und sagte: »Du wirst sehen, von jetzt an wendet sich alles zum Besseren. Irgendwann ist auch dieser Krieg vorbei und wir sind wieder in Frankreich.«

Sie bot Bleuet ihren Finger an, damit er aufstieg, und setzte ihn in den Käfig. Dann schlüpfte sie in die Schuhe, sprühte einen Tropfen ihres wertvollen Guerlain-Parfüms auf und war bereit, zu gehen.

 

Im Ballsaal des Carlton Terrace brannten die Lichter hinter zugezogenen Vorhängen. Zwischen Fächerpalmen, Teppichen und Plüschmöbeln trafen die Offiziere des Freien Frankreichs, einige Briten, sowie Polen und Tschechen, und die Guichards aufeinander. Gläser klirrten, während livrierte Kellner Tabletts herumtrugen. Caroline beobachtete die Männer in Uniformen und in Zivil, ihre Frauen verlegen neben ihnen, bis sie sich in Grüppchen zusammengesellten, und richtete die Stola über ihren Schultern. Sie hatte Hunger, und zum ersten Mal seit längerer Zeit schien etwas mehr aufgetischt zu werden als Rationen und Glücksfunde. Der verlockende Duft aus der Küche vermischte sich mit Tabakqualm und den schweren Parfüms der Frauen. Am anderen Ende des Saals hing die Trikolore mit dem Lothringer Kreuz über einem Podium.

Anne reckte sich und suchte in der Menge nach Bekannten. »Die Dubarys sind wohl noch nicht da«, stellte sie fest. »Am besten, wir warten hier auf sie.«

»Wir werden sie kaum verfehlen«, entgegnete Edouard.

Er wandte sich um, Caroline mit ihm. »Monsieur le Colonel«, begrüßte er den Oberst, der gerade mit seiner Frau den Saal betrat. »Darf ich vorstellen, das sind meine Töchter Caroline und Margot. Meine Frau Anne.«

»Colonel Charles-Henri Leroux«, stellte er sich vor, dabei zuckte sein gepflegter schwarzer Moustache. »Meine Frau Iseult.«

Während Margot linkisch einen Hofknicks machte, tat Caroline nichts dergleichen. Sie stand vor dem Colonel, neigte leicht den Kopf. Vornehm deutete er bei ihr einen Handkuss an. Er war groß und stattlich. Iseult Leroux nickte ihnen freundlich zu.

»Ich habe Ihre Frau und Ihre Töchter bereits in der Kirche gesehen«, bemerkte er Edouard gegenüber.

»Colonel Leroux koordiniert die Aktivitäten unserer Verbände in Frankreich«, erklärte er.

»Das klingt bemerkenswert und mutig«, sagte Caroline.

»Mademoiselle, es verlangt unseren tapferen Männern größten Mut ab, den Feind in unserem Land und in den Kolonien zu schwächen«, entgegnete Leroux und umfasste die Armbeuge seiner Frau. Sein Schnauzbart hob sich mit einem sanften Lächeln. »Betrachten Sie es wie eine führende, schützende Hand, die die Aktivitäten leitet. Interessieren Sie sich für den Widerstand und die Arbeit unserer Regierung?«

»Ich denke, das sollte jede Französin und jeder Franzose tun«, antwortete Caroline.

»So ist es. Monsieur Guichard, wir begegnen uns gewiss später.«

Bevor er sich mit seiner Frau einer Gruppe anderer Offiziere zuwandte, die Général de Gaulles hünenhafte Statur überragte, bemerkte Caroline das goldene Posament, das auf Iseult Leroux‘ freien Rücken fiel. Sie nahm eine hagere rothaarige Frau wahr, die ohne Begleitung zwischen den Offizieren stand. Dann erkannte sie, dass Margots Träger lose um ihre knochige Schulter hing.

»Flatter, flatter«, flüsterte Caroline, hielt ihre Schwester auf. »Du hast die Nadel verloren.« Behände schlug Caroline eine kleine Schlaufe in den Träger, zurrte sie zu einem straffen Knoten.

»Hier sind sie endlich!« Die Stimme ihrer Mutter erhob sich, klang erfreut.

Jacqueline Dubary, die schwarzen Haare aufwendig zu Pompadours hochgesteckt, küsste Anne auf die Wangen.

»Oh, Caroline!«, rief Jacqueline und drückte ihre Hände, zog sie an sich und begrüßte sie ebenfalls mit den obligatorischen Küsschen.

Ein wenig zu überschwänglich, wie Caroline fand. Dann schob Jacqueline ihren Sohn Hervé vor. Ein junger Mann mit schwarzglänzenden Haaren, und ebenfalls hochgewachsen. Er stand aufrecht, straffte die Schultern. Ein weiches Lächeln umspielte seine Lippen.

»Es freut mich, dich wiederzusehen, Caroline«, sagte er und beugte sich über ihre Hand.

Ein Kellner bot Champagnergläser an. Hervés Lächeln wurde selbstsicher, als er Caroline ein Glas reichte.

»Auf unseren Sieg in Damaskus«, stieß Edouard mit den Dubarys an. »Neben Kamerun haben wir weiteres Territorium, auf das sich das Freie Frankreich stützen kann.«

Der Champagner perlte Carolines Kehle herunter. Sie spürte, dass er ihr schnell zu Kopf stieg. »Sind das noch die Vorräte?«, fragte sie belustigt.

»Gab es seitdem viele Gelegenheiten, Champagner zu trinken?«, entgegnete Hervé. »Solange es kein englischer Wein ist. Sie glauben, sie könnten Wein machen, weil er hier wächst. Doch glaub mir, er schmeckt einfach nur grässlich wie Essigwasser.«

Caroline lachte und sagte augenzwinkernd: »Lass doch etwas Gutes an unseren englischen Freunden!«

»Die beiden scheinen sich ausgezeichnet zu verstehen«, sagte Jacqueline mit gesenkter Stimme zu Anne. »Sie sollten sich bei Tisch aneinandersetzen.«

Anne nickte und zog die Augenbraue in Richtung Caroline hoch. Sie beobachtete jede Geste und jede Bewegung. Die leeren Gläser fanden ihre Plätze zurück auf dem Tablett.

»Setzen wir uns doch«, beschloss Julien Dubary.

Allmählich füllten sich die Tische. Eine andächtige Ruhe kehrte ein, als jemand ankündigte, Général de Gaulle würde eine Ansprache halten. Geräuschvoll schabten Stühle über das Parkett, der Saal erhob sich mit einem Rascheln und stimmte die Marsellaise an. Danach erklang entschlossen Le Chant des Partisans, die inoffizielle Hymne des Freien Frankreichs. Als der letzte Ton verhallte, setzte sich Caroline wieder. Ein Reporter des BBC beeilte sich, das Kabel für sein Mikrofon so weit herzuziehen, wie es möglich war. Sie lehnte sich zurück, kreuzte die Hände auf dem Schoß und hörte den anfeuernden und ermutigenden Worten des Générals zu. Am Ende applaudierte sie ihm. Caroline bemerkte, dass Hervé sie von der Seite fixierte. Vermutlich erwartete er, dass sie zu den Frauen gehörte, die gelangweilt mit den Perlenstickereien auf ihren Handtaschen spielten, sobald sich die Gespräche um Politik drehten. Themen, über die Männer ausgiebig schwadronierten, interessierten sie durchaus.

»Eine treffende Rede«, bemerkte Edouard Guichard.

»Ja, wirklich ermutigend und äußerst selbstbewusst«, stimmte ihm Caroline zu, während sie die Hände wieder ineinander legte.

»Interessant«, sagte Hervé. »Ich meine, dass du so aufmerksam zugehört hast.«

»Das …«, hob Caroline an. »Ich lese die Zeitungen, vor allem die englischen. Ich höre die Ansprachen des Générals im Radio. Hin und wieder gehe ich in die Wochenschau. Es gibt aber auch noch andere Dinge als den Krieg und die Politik, die mich interessieren. Glücklicherweise.«

Anne guckte von der Suppe auf, die ihr gerade serviert wurde. Es war ein Blick, den Caroline zu gut kannte. Ermahnend und zurechtweisend. Doch sie erwiderte ihrer Mutter einen anderen Blick, der ihr bedeutete, sie würde sich nicht zurückhalten. Nicht mehr und nie wieder.

»Beispielsweise lese ich Bücher über Psychologie«, fuhr Caroline fort. »Ich habe mir in der Bibliothek des Krankenhauses, in dem ich arbeite, welche ausgeliehen. Wenn man weiß, wie und warum sich Menschen auf die eine oder andere Weise, die uns merkwürdig vorkommt, verhalten, versteht man sie besser.«

»Caroline, ich glaube, du langweilst Hervé«, versetzte Anne.

»Keinesfalls«, entgegnete er. »Es erstaunt mich, dass du als Krankenschwester arbeitest. Das stimmt doch, oder?«

»Ich leiste meinen Kriegsdienst«, erklärte Caroline. »Und du?«

Hervé lachte auf, während Anne sie warnend ansah.

»Wenn mich mein Land braucht, werde ich mich melden«, antwortete er. »Aber was fasziniert dich an den verkorksten Seelen anderer Menschen?«

»Ich mag Menschen«, erklärte Caroline. »Und ich will ihnen helfen. Die Wiener Schule nach Siegmund Freud zum Beispiel …«

»Soviel ich weiß, gibt es noch keine Frau, die im Fachgebiet Psychologie tätig ist«, unterbrach Jacqueline die Unterhaltung, kräuselte überheblich die Lippen. »Es ist lediglich dein Interesse, Caroline, nicht deine Ausbildung.«

Mit jedem Wort und jeder Geste, die von ihrer Mutter und Jacqueline kam, wurde Caroline immer klarer, dass sie mit Hervé verkuppelt werden sollte. Jetzt kapierte sie endgültig, warum Anne ihr diese Robe hingelegt hatte. Caroline wandte sich um, sah die Paare an, die an den Tischen saßen. Frauen, die in sich selbst zurückgezogen lebten und Männer, die sie lediglich als Gefährtinnen betrachteten und Geliebten ihre wahren Gefühle schenkten. In ihrer Schicht war es üblich, dass man für Geld, Namen und Titel heiratete. Caroline entdeckte sich selbst unter diesen Frauen, die ihre Fassade mit schönen Frisuren, prächtigen Roben und funkelndem Schmuck wahrten, doch ihre Sehnsüchte und Träume längst begraben hatten. Ihr schauderte. Es kam ihr so vor, als wollte ihr jemand Ketten um Hände und Füße legen, und sie versuchte verzweifelt zu schreien. Niemand würde sie hören und niemand ihr die Ketten abnehmen. Sie brachte den Löffel Suppe kaum herunter.

Der Nachgeschmack von Metall lag auf Carolines Zunge. Aus dem Augenwinkel schielte sie zu ihren Eltern und zu Hervé. Besser, sie wahrte den Schein und hielt sich für den Rest des Abends zurück. Die Schwere ihrer Erziehung lag auf ihr. Hervé lächelte ihr zu. Gewiss, er war ein gutaussehender Mann Mitte Zwanzig. Doch er vermochte nicht, etwas in Caroline zu berühren. Mehr als in ihm einen Gefährten zu sehen würde sie nicht für ihn aufbringen. Und trotzdem begannen sich ihre Gedanken neu zu ordnen und suchten nach einem einfacheren Weg. Vielleicht sollte sie ihn besser kennenlernen. Vielleicht würde nichts so schlimm, wie sie es sich ausmalte, wenn sie sich ihrem Schicksal fügte.

Plötzlich erschauderte sie. Bei dem Gedanken, dass Hervé ihr spätestens bei der Hochzeit die Jungfräulichkeit nehmen würde, verschlug es Caroline den Atem und ihr Unterleib krampfte sich zusammen.

»Fehlt dir etwas?«, raunte Anne ihr streng zu.

»Nein«, antwortete Caroline.

»Dann benimm dich gefälligst und veranstalte kein Theater«, mahnte Anne, ohne sie dabei anzublicken. »Schließlich sind wir nicht am Versailler Hof des Sonnenkönigs.«

Peter leerte sein Bierglas und stellte es auf den Tresen des Pubs zurück. Die feucht-fröhliche Stimmung löste sich auf, als der Wirt die Sperrstunde verkündete. Peter legte die Hand auf die Schulter einer üppigen Blondine und nickte Andrew zu.

»Kommt«, forderte Peter ihn und seine Begleiterin auf. »Lasst uns weiterziehen.«

Höflich bot Andrew der anderen jungen Frau, in deren Stirn sich eine Locke rollte, seinen Arm an. Holly, hatte sie gesagt, dass sie hieß. Und die andere Linda. Peter hob den schweren Samtvorhang, in dem sich Rauch und Staub eines Jahres abgesetzt hatten und öffnete die Tür. In der Luft lasteten die Schwaden der Kohleöfen und der verzagte englische Sommer. Der Hauch des zuvor niedergegangenen Regenschauers tat Andrew immerhin besser als der abgestandene, verrauchte Geruch des Pubs. Es war dunkel in Londons Straßen, nur wenige spärlich beleuchtete Fenster säumten die Häuserreihen. So, als fürchtete sich England in der Nacht. Eine Hausecke weiter stand der Jeep. Peter ließ die Frauen hinten einsteigen. Er startete den Motor und legte den Gang ein.

Inmitten der düsteren Stadt blinkten die Werbereklamen am Piccadilly Circus so hell wie die Sonne und zogen Andrews Aufmerksamkeit auf sich. Gordon’s Gin und Votrix Wermouth. In einem Bus, der um die bunt leuchtende Ecke fuhr, befanden sich nur wenige Seelen. Die anderen, Seelen wie er und Peter, und ihre Begleiterinnen, tropften aus und in die Nachtclubs und Kabaretts.

Peter spähte den Club aus, der im Souterrain lag, und fuhr weiter. »Ich nehme die nächste Seitenstraße, dann gehen wir hier rein«, erklärte er. »Oder hat jemand von euch einen besseren Vorschlag?«

Vom Rücksitz kam das Gekicher der beiden Frauen und Andrew antwortete: »Nein.«

Der Jeep bog eine Straße weiter ab. Fast genau an der Ecke legte Peter die Bremse ein. Er half Linda und Holly heraus. Die beiden gesellten sich sofort an die Seiten ihrer Begleiter.

»Oh, es ist aufregend, mit den Gentlemen der Royal Air Force einen Nachtclub zu besuchen!«, trällerte Linda und hielt die Krempe ihres Hutes fest.

Andrew vermutete mit einem Blick auf Holly, dass die sich nicht so wohl fühlte wie ihre Freundin. Sie wirkte weniger draufgängerisch, sondern eher schüchtern und zurückhaltend. Während Linda Peters Arm annahm und ihn mit ihrer ausladenden Hüfte anstieß, nestelte sie unbeholfen an ihren Handschuhen. Bereits im Vorneherein schien sie Andrew damit anzudeuten, dass er keinen Annäherungsversuch unternehmen sollte. Unter Lindas glucksendem Lachen traten er die Stufen ins Souterrain hinunter, dem Klang von Klarinetten, Saxophonen und Trompeten entgegen, zum Rhythmus des Schlagzeugs und der Stimme der Sängerin, hinein in das schummrige Licht von Kerzen und Lampen auf runden Tischen. Gelächter und Gläserklirren übertönten den Gesang der glockenreinen Stimme auf der Bühne.

»Nehmen wir diesen Tisch?«, schlug Andrew vor und nickte in Richtung Bühne, wo noch Plätze frei waren.

Er ging voraus, Holly trottete neben ihm her, Peter und Linda folgten ihm. Die Sängerin hatte Andrew entdeckt und sandte ihm ein blitzendes Grinsen aus dunkelrot geschminkten Lippen entgegen. Er rückte für Holly den Stuhl zurück. Im Bühnenlicht wirkte das pfirsichfarbene Kleid am Körper der Sängerin, als wäre sie nackt. Die silbernen Stäbchenperlen auf ihrem Busen raschelten zum Schlagzeug.

Peter orderte Drinks mit Gin, und als sie der Kellner servierte, prostete er Linda zu. Auf der Bühne stimmte die Sängerin We’ll Meet Again an.

»Für die Gentlemen der Royal Air Force und ihre Mädchen«, verkündete sie.

Andrew wippte den Fuß zum Takt. Holly starrte verlegen in ihr Glas. Der Klarinettist legte sein Instrument ab und begleitete den Refrain. Hollys Fingernägel tippten gegen das Glas. Sie sah zu ihrer Freundin, sah zu Peter. Deren Schulter schmiegte sich an seine. Im gleichen Rhythmus wie das Lied, bewegten sie sich miteinander.

Andrew bewunderte und beneidete Peter dafür, dass er darauf einging. Oder dass er Frauen fand, die ihn mit ihrer übersprühenden Laune anstachelten. Insgeheim wünschte er sich, neben einer Linda zu sitzen, doch als er sie näher betrachtete, die Vorstellung an sich heranließ, umso abstoßender wurde dieses Bild. Frauen wie sie legten es auf Affären an, man musste sich nicht anstrengen. Allerdings blieben diese Bettgeschichten oberflächlich. Befangen lächelte er Holly zu. Sie nahm ihre Zigaretten aus der Handtasche und erwiderte ihm ein sparsames, aber freundliches Lächeln.

»Darf ich?«, fragte er und löste behutsam das Feuerzeug aus ihrer Hand.

Sie beugte sich vor, als seine Fingerkuppe über den Feuerstein strich. Die Flamme sengte das Papier und den Tabak an. Andrew atmete den Rauch ein.

»Rauchst du nicht?«, fragte Holly, um ein Gespräch bemüht.

»Nur hin und wieder.«

Andrew stützte den Arm auf die Stuhllehne, streckte seinen Rücken durch und sah sich im Nachtclub um. Am Nebentisch amüsierten sich zwei Damen in Gesellschaft eines älteren Gentlemans und nippten an ihren Gläsern. Strassohringe funkelten und schaukelten, als die eine Frau lachend den Kopf zurückwarf. Ein dunkelroter Kummerbund umspannte den Bauch des Gentlemans. Einzelne Paare wiegten sich zum Rhythmus auf der Tanzfläche. Männer in Uniformen, Frauen in Seidenkleidern. Sie sahen aus wie Sich Verabschiedende, die sich aneinanderklammerten, bevor der Marschbefehl sie trennte. Tränen schimmerten im schummrigen Licht, Seufzer lagen auf roten Lippen und die Sehnsucht berührte sich. Andrew kannte einen der Männer vom Sehen. Er war Corporal und auf der Basis stationiert. Über die Schulter seiner Begleiterin erkannte er Andrew und grüßte ihn mit einer Geste. Andrew winkte ihm lässig zu.

We’ll Meet Again, wir werden uns wieder treffen, ein Versprechen, eine Hoffnung, dass dem auch so würde. Caroline ... Mit ihr, war sich Andrew sicher, würde er einen unterhaltsameren Abend verbringen. Doch wo und wann würde man sich wieder begegnen? Das Lied endete und ein Aufseufzen erfüllte die Tanzfläche und die Bühne. Applaus. Einige Paare blieben, andere beschlossen, den Club zu verlassen und nach Hause zu gehen. Wer wusste schon, ob das Versprechen eines Liedes hielt und ob sich die Hoffnung als wahr erwies und diese Nacht nicht die letzte auf Erden wurde?

Hollys Zigarette zeichnete Kreise in die Luft. Auf der Bühne begann der Klarinettist auf eine schmissige Soloeinlage, während die Sängerin im Schatten der Bühne Wasser trank und eine Pause einlegte. Die Band nahm seine Melodie auf.

»Hey, Bradshaw!« Der Corporal stellte sich zwischen ihn und Peter, den er mit einem Handschlag begrüßte. »Adkins.«

Seine Begleiterin drängte sich an seine Seite. Sie grinste breit und ihre Augen glänzten.

»Heute auch noch auf Freigang und ein bisschen feiern?«, fragte der Corporal.

»Ja, und selbst?«, entgegnete Peter.

Der Corporal grinste und antwortete: »Bevor es in die lybische Wüste geht, muss man das Leben noch genießen. Habe den Marschbefehl bekommen. Morgen geht’s los.«

»Gegen Rommel kämpfen und ihn schlagen«, feuerte Andrew ihn an. »Mein Bruder John ist in Tobruk.«

»Wenn ich ihm begegne, werde ich ihn grüßen«, lachte der Corporal. »Wird nicht leicht sein, Rommel zu besiegen, aber es ist machbar. Man muss an den Sieg glauben. Wünscht uns Erfolg, ihr Techniker und Ingenieure!« Er zog seine Freundin an sich heran und klopfte Peter auf die Schulter. »Wir sehen uns wieder, wenn wir die Deutschen besiegt haben«, verabschiedete er sich und ging.

Als Holly fertiggeraucht hatte, fragte Andrew: »Hast du Lust, zu tanzen?«

Zustimmend nickend stand sie auf. Er führte sie auf die Tanzfläche. Behutsam umfasste er ihre Hüfte. Ihre Hand legte sich leicht auf seine Schulter. Beide lächelten einander verlegen an.

»Magst du diese Art von Musik?«, sprach er Holly an, um die gegenseitige Unsicherheit zu überwinden.

»Ja.«

Sein Arm führte sie nun entschlossener und fester. Sie gestattete es ihm.

»Ich höre sie auch gerne«, fuhr Andrew fort. »Zu Hause habe ich einige Platten mit amerikanischem Swing. Vor allem Glen Miller. Wusstest du, dass er zur Zeit der deutschen Angriffe in London war?«

»Natürlich, das stand doch in der Zeitung«, lachte Holly, taute auf. »Und der BBC hat seine Lieder in seiner Wehrmacht Hour gespielt.«

»Um den Deutschen ein wenig Kultur zurückzugeben«, entgegnete er. »Hitler hasst Swing. Er hasst alles, was schön ist. Armer Irrer.«

»Kann man sagen, ja, armer Irrer!«

Verstohlen spähte Andrew zum Tisch, überzeugt, dass Peter ihn und Holly beobachtete. Und um ihn später mit anzüglichen Bemerkungen aufzuziehen, sobald die Damen nicht hinhörten. Das tat Peter mit Vorliebe, wenn er angetrunken war. Andrew bekam mit, dass er sich über Linda beugte und sie küsste. Ihre Hand umklammerte sein Kinn und ihr Körper streckte sich ihm entgegen. Umso mehr würden Peters Sprüche ausarten. Auch Holly schien zu bemerken, dass sich die beiden am Tisch innig küssten. Sie zeigte sich amüsiert, wich aber Andrews Blicken aus. Dann hoben sich ihre Lider. Fragend schaute sie ihn an. Seine Hand wanderte ihren Rücken hinauf und verweilte zwischen ihren Schulterblättern. Ihre Schritte folgten der Melodie, während sie ihm zu verstehen gab, dass sie ihn mochte.

Zum Finale umfasste Andrew Hollys Hüften. Genauso lange wie die schwere Pause zwischen zwei Musikstücken hielt, hob er sie hoch, dann setzte er sie sanft auf dem Boden auf.

»Ich würde vorschlagen, wir trinken unsere Drinks aus, dann bringe ich dich nach Hause«, sagte er, zu Peter linsend. »Oder wolltest du noch bleiben und tanzen?«

Holly schüttelte den Kopf. »Nein, mir wäre es ganz Recht, wenn wir gehen. Morgen muss ich wieder pünktlich zur Arbeit erscheinen.«

»Das müssen wir alle. Alle, bis auf Peter«, spottete Andrew.

Er stand zwischen Peter und Linda und griff nach seinem Glas. Im Schein der Tischlampe schwenkte Andrew den Inhalt und stellte es zurück.

»Pete, die Ladies haben morgen einen Arbeitstag vor sich«, sagte er. »Anders als du, fauler Knochen. Lass uns gehen.«

»Na schön«, entgegnete Peter und leerte seinen Drink in einem Zug, Linda in seinem Arm.

Fordernd streckte Andrew die Hand aus.

»Was denn?«, schnaubte Peter genervt.

»Lass mich lieber fahren.«

»Gut.« Peter nestelte den Schlüssel aus seiner Tasche und reichte ihn Andrew. »Bringen wir die Ladies nach Hause. Sag dem netten Andrew, wo du wohnst, Linda.«

Er stemmte sich gegen den Tisch, erhob sich und half Linda auf. Andrew bot Holly seinen Arm an, winkte den Kellner her und gab ihm Trinkgeld.

Draußen umgaben sie die Gerüche und die Geräusche der Nacht. Sie klangen nach der lauten Musik gedämpft und anstelle der rauchigen Luft legte sich der Atem einer sich abkühlenden Stadt um sie.

Während sich Linda auf dem Rücksitz des Jeeps an Peters Schulter lehnte, saß Holly vorne bei Andrew. Soweit er ihren Gesichtsausdruck im Dunklen lesen konnte, sah er, dass ihr die Fahrt mit dem Jeep gefiel, stellte sie ein Abenteuer für sie dar.

»Ich schlage vor, ich bringe deine Begleiterin nach Hause, Pete«, wandte er sich um.

Linda nickte und beugte sich zu Andrew vor. »Nimm die zweite Kreuzung, dann sind wir da«, erklärte sie.

Über die leeren Straßen kam der Jeep schnell voran, so dass Andrew Linda bald vor einem backsteinernen Stadthaus absetzte. Es überraschte ihn nicht, dass Peter mit ihr ausstieg.

»Wir sehen uns übermorgen auf der Basis«, verabschiedete sich Peter, die Kappe in der einen Hand drehend, den anderen Arm um Linda.

Andrew erwiderte ihm einen Gruß mit zwei Fingern, bevor er die schwerfällige Gangschaltung einlegte.

»Wohnst du in der Nähe deiner Freundin?«, fragte er Holly.

»Ich wohne nicht weit von hier«, antwortete sie. »Holly ist nicht unbedingt meine beste Freundin, wir sind nur Kolleginnen.«

»Verstehe.« So wie Pete und ich, da haben wir noch etwas gemeinsam.