Fremde im Dorf - Maria Uleer - E-Book

Fremde im Dorf E-Book

Maria Uleer

0,0

Beschreibung

1958: Lene ist gerade 15 Jahre alt, in ihrer Familie und im Heimatdorf herrscht die für die Zeit übliche Strenge. Die Großmutter regiert nicht nur den Hof, sondern auch Lenes Leben mit eiserner Hand. Doch plötzlich ist nichts mehr wie es war: Die ersten italienischen Gastarbeiter erscheinen im Ort. Während Lene nach Veränderung und neuen Eindrücken lechzt, werden die Fremden von der Dorfgemeinschaft beargwöhnt und verleumdet. Dann geschieht etwas Ungeheuerliches und Lene muss eine folgenschwere Entscheidung treffen…

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 496

Veröffentlichungsjahr: 2013

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Maria Uleer

Fremde im Dorf

Roman über das Landleben der 50er Jahre

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Impressum

1

Die letzten Gäste verabschiedeten sich.

„Wenn ihr Hilfe braucht, sagt Bescheid; ich komme sofort, oder ich schicke euch Emma.“ Mit diesen Worten klemmte sich Tante Johanna ihren kleinen schwarzen Hut mit dem Gummiband unter dem Haarknoten fest, vergewisserte sich, ob Gebetbuch und Portemonnaie in der Handtasche waren, und verließ mit ihrem Mann das Haus.

Kalte Luft zog von draußen in die Küche. Lene schloss schnell die Tür und schob dann ein Stück Holz in den Herd, damit die Glut nicht erlosch. Müde ließ sie sich auf die Küchenbank fallen. Auf dem Tisch standen leere Kuchenbleche; im Steinwaschbecken türmte sich das Kaffeegeschirr, das die beiden Schwestern in die Küche getragen hatten, als die ersten Gäste aufbrachen. Als Lene einen Stuhl zur Seite schob, um ihre Beine ausstrecken zu können, entdeckte sie auf dem Boden einen Totenzettel, der einem Besucher aus der Manteltasche oder dem Gebetbuch gefallen sein musste.

Zur Erinnerung an Katharina Bünting, geb. Drews geb. am 1o. November 1915 – gest. am 16. Januar 1958 Nach kurzer, schwerer Krankheit nahm Gott sie viel zu früh zu sich. Herr, Dein Wille geschehe!

Lene und Martha hatten sich gegen den letzten Satz gesträubt, aber der Vater und die Großmutter hatten darauf bestanden. Auch wenn die Mutter sich klaglos in ihr Schicksal gefügt hatte und schließlich still gestorben war, wollten die beiden Mädchen diesem ungerechten Gott nicht auch noch beipflichten, der willkürlich über Leben und Tod zu bestimmen schien.

Aus dem Wohnzimmer drang das Klirren von Gläsern. Lene stand auf, nahm mit dem Feuerhaken zwei Ringe aus der blank geschmirgelten Herdplatte und setzte einen zweiten Kessel Wasser auf. Als Martha mit einem Tablett voller Schnaps- und Biergläser in der Tür erschien, rief Lene: „Bring mir bloß nicht noch mehr. Wir müssen erst mal hier Platz schaffen.“

Sie schüttete das heiße Wasser ins Spülbecken, mischte es mit kaltem Wasser, bis es die richtige Temperatur erreicht hatte, und begann, achtlos die Kaffeetassen abzuwaschen.

„Sei vorsichtig“, entfuhr es Martha erschrocken, „die mit dem Goldrand gehören doch Ida. Traust du dich vielleicht, ihr eine angestoßene Tasse zurückzubringen?“

„Ida“, fuhr Lene auf, „die hat überhaupt keinen Grund, sich aufzuregen. Haben wir etwa alle Teller nach der Hochzeit ihres geliebten Ulrich zurückbekommen? Löffel haben auch gefehlt, aber niemand hat sich bei ihr beschwert. Gott sei Dank ist sie schon nach Hause gegangen, sonst würde sie hier immer noch herummeckern!“ Trotzdem stellte Lene das Geschirr jetzt vorsichtiger ab.

Unter den Mädchen gab es eine feste Aufgabenverteilung: Lene spülte, Martha trocknete ab. Lene räumte das Geschirr ein, Martha schmirgelte den Herd. Letzteres allerdings erst, seitdem die Mutter krank geworden war. Undenkbar, dass die beiden Brüder beim Abwasch halfen, denn Mädchen gehörten in die Küche und Jungen auf den Hof. So einfach war das.

Der Vater hatte seinen Platz im Wohnzimmer seit dem Mittagessen nicht verlassen. Auf dem Sofa hinter dem zu hohen Tisch zwischen den beiden Großtanten nahm man ihn kaum wahr. Die hatten sich Sofakissen unter den Hintern geschoben, um besser an die Schüsseln zu gelangen.

Das Esszimmer war für die große Verwandtschaft zu klein. Außerdem konnte es nicht geheizt werden. Deshalb hatten die Älteren im Wohnzimmer Platz genommen. Das wiederum hatte dazu geführt, dass Tante Hilde, der man mit ihren 40 Jahren niedrige Temperaturen im Zimmer glaubte, zumuten zu dürfen, aus Protest während des Essens ihren Mantel nicht ausgezogen hatte. „Ich habe wegen einer Blasenentzündung eine Woche im Bett gelegen und will nicht schon wieder krank werden“, rief sie angriffslustig in die schwarz gekleidete Runde.

Die Gäste sahen verlegen auf ihre Teller, denn über solche Krankheiten sprach man nicht im Beisein von Männern, schon gar nicht vor dem Essen, wenn die Ergriffenheit, die eine Beerdigung mit sich brachte, noch nicht durch ein Gläschen Schnaps gelockert war. Aber Tante Hilde war ohnehin das schwarze Schaf der Familie. Und da ihr loses Mundwerk bekannt und gefürchtet war, zog man es am Tisch vor, sich auf die soeben servierte Suppe zu konzentrieren. Nur Paul Lübbers, Vaters Cousin, der Hilde gegenübersaß, fragte laut, ob sie nicht vorsichtshalber noch ihre Handschuhe anziehen wolle. Und mit der Suppe solle sie aufpassen; die sei auch ziemlich kalt, wie er gerade festgestellt hätte.

Erschrecken, aber auch erwartungsvolle Neugier zeichnete sich in den Mienen der Anwesenden ab. Alle warteten gespannt auf eine Reaktion, nicht von Tante Hilde, sondern von Ida Göstemeyer, die mit der Suppenschüssel hinter Paul Lübbers stand. Als Nachbarin gehörte es zu Idas Aufgaben, auf Familienfeierlichkeiten beim Kochen und Servieren zu helfen, eine Verpflichtung, der sie nur zu gern nachkam, da sich dabei ihr Fundus an Klatsch und Tratsch zumindest verdoppelte. Nun aber fühlte sie sich in ihrer Ehre angegriffen, stellte die Schüssel vor Paul auf den Tisch, stemmte angriffslustig die Hände in die ausladenden Hüften und zischte erbost: „In diesem Hause ist es gar nicht möglich, eine Suppe warm zu halten. In der Küche kann man sich ja kaum drehen. Und der Herd ist ein Vorkriegsmodell. Ich weiß nicht, wie Kathrina es bei diesem Zustand hier aushalten konnte. Hoffentlich geht es ihr da oben besser.“

Betretene Stille trat ein.

„Falsche Schlange“, dachte Lene, ihr schossen die Tränen in die Augen. Aber sie hatte bisher nicht geweint und würde es auch jetzt nicht tun. Schon gar nicht wegen einer Bemerkung von Ida. Dieser Tag musste durchgestanden werden. Nach dem Kaffee würden die Gäste gehen; dann war es endlich vorbei. Lene stand irgendwie neben sich; so als sei sie es gar nicht selbst, die da servierte und sogar ein Lächeln zustande brachte, als die beiden Großonkel aus Rheine nach dem dritten Korn anfingen, Anekdoten zu erzählen. Was gingen sie diese Personen an, die da schwarz aufgereiht wie die Krähen nebeneinandersaßen und den Anlass ihres Kommens schon vergessen hatten? Dabei war Tante Johannas Angebot, Emma zu schicken, wenn Hilfe nötig sein sollte, sicher aufrichtig gewesen. Johanna war in den letzten Wochen regelmäßig mit dem Fahrrad vorbeigekommen, um nach dem Rechten zu sehen. Jedes Mal hatte sie ein Glas Marmelade, eingelegten Kürbis oder Reste vom Sonntagskuchen mitgebracht. „Damit du wieder zu Kräften kommst, Katharina“, hatte sie gesagt. Die Mutter hatte sich leise bedankt, aber zum Schluss kaum noch den Kopf heben können. Je schwächer sie wurde, desto mehr Essbares holte Tante Johanna aus ihrer dunkelbraunen Einkaufstasche. Fast trotzig legte sie die gesunden, liebevoll zubereiteten Naschereien auf den Nachttisch, flößte der Mutter eine lauwarme Brühe ein, obwohl sie wusste, dass sie damit den Lauf der Dinge nicht ändern konnte. Die Mutter wurde stiller und stiller, rang um Atem, bis sie schließlich das Bewusstsein verlor und starb.

Der Krebs, viel zu spät erkannt, war von Familie, Verwandtschaft und Nachbarschaft als unheimlicher Feind betrachtet worden, von dem man am besten nicht sprach, und wenn, dann nur hinter vorgehaltener Hand. Niemand hatte genaue Kenntnis über den Verlauf der Krankheit, aber alle wussten, dass nur ein Wunder Heilung bringen konnte. Ida Göstemeyer allerdings verstieg sich zu der Behauptung, dass gerade diese Krankheit häufig eine Strafe Gottes für begangenes Unrecht sei, für eine bekannte oder verheimlichte Sünde. „Womit ich aber nicht im Geringsten sagen will, dass das bei Katharina der Fall sein könnte.“

Lene und Martha begannen damit, die Stühle aus dem Wohnzimmer in den Flur zu stellen, damit die Brüder sie abends zur Nachbarin zurücktragen konnten. Bei der entstehenden Unruhe stand der Vater auf, legte noch zwei Briketts in den Ofen und verließ wortlos das Zimmer. Er zog das rechte Bein stärker nach als sonst. Sein schwarzer Anzug, der vor Ulrich Göstemeyers Hochzeit noch am Hosenbund hatte ausgelassen werden müssen, war ihm jetzt viel zu weit. Richtig verloren wirkte er darin. Noch dazu hatte ihm Kurtchen die Haare an den Seiten zu kurz geschnitten, so dass sein schmales Gesicht fast in den Schulterpolstern des Anzugs verschwand.

Als der Vater kurz darauf in alter Manchesterhose und dunkelblauem Kittel zurückkam, schaute er Martha nur kurz an: „Du weißt, dass gleich die Kühe gemolken werden müssen; Hermann hilft dir dabei. Und du, Lene, kümmerst dich um Oma.“ Dann ging er in seinen groben Wollsocken vor die Küchentür, um die Holzschuhe anzuziehen.

Beim Anblick des Vaters in seiner gewohnten Arbeitskleidung dachte Lene: „Gott sei Dank, es ist vorbei“, und ging zum Schlafzimmer der Großmutter, das diese den ganzen Tag nicht verlassen hatte. Ohne anzuklopfen, trat sie ein. Da die Großmutter strikt verboten hatte, das Fenster zu öffnen, solange sie im Zimmer war, strömte Lene wie immer ein leicht modriger Geruch entgegen.

„Ihr habt mich aber lange warten lassen“, tönte es mürrisch aus einem Berg dicker Federkissen. „Hilf mir sofort aus dem Bett, und setz mich auf meinen Stuhl.“

„Ja, Oma.“ Lene nahm den Deckel aus dem Sitz des Holzlehnstuhls, der extra für die Großmutter vom Schreiner angefertigt und mit Rollen versehen worden war, zog den Nachttopf unter dem Bett hervor und schob ihn in den Stuhl. Dann deckte sie das klamme Oberbett auf und schaute mit Widerwillen auf die unförmige Gestalt der Großmutter. Sie wusste, wenn sie zufasste, würden ihre Hände keinen Halt finden in diesem massigen Körper. Schon streckten sich ihr zwei Arme entgegen, und Lene beugte sich vor, um die Großmutter von der Bettkante auf den Stuhl zu setzen und gleichzeitig das Leinennachthemd hochzuziehen.

„Wenn sie wollte, könnte sie das auch allein“, dachte Lene, „aber sie will einfach nicht.“

Als die Großmutter merkte, dass die Enkelin sich abwandte, so als könne sie den Anblick der nackten Oberschenkel nicht ertragen, knurrte sie: „Bis ich fertig bin, kannst du mir einen neuen Backstein aus dem Ofen holen. Der alte ist ganz kalt. Ich hole mir hier noch den Tod.“

„So schnell stirbst du nicht, Oma.“

„Das geht schneller, als du denkst, das hast du ja bei deiner Mutter gesehen.“

Darüber wollte Lene am allerwenigsten mit der Großmutter reden. Deshalb zog sie es vor, den kalten braunen Stein in der Küche mit einem anderen, gut durchwärmten auszutauschen. Vorsichtig umwickelte sie ihn mit einem Handtuch und schob ihn wortlos unter das schwere Federbett. Als sie die Kissen aufschüttelte, murmelte die Großmutter leise, aber verständlich: „Du hast von allen am meisten Ähnlichkeit mit deiner Mutter.“

„Was für ein dummes Zeug sie redet“, dachte Lene. Jeder sah doch, dass sie mit ihren dunklen Haaren und dunklen Augen mehr dem Vater als der Mutter ähnelte. Und dass sie eher schweigsam als gesprächig war, hatte sie auch mit dem Vater gemeinsam. Also was wollte die Großmutter? Wahrscheinlich mochte sie die Enkelin ebenso wenig, wie sie ihre Schwiegertochter gemocht hatte.

„Nimm endlich den Nachttopf unter meinem Stuhl weg, und hilf mir wieder ins Bett; ich hole mir ja den Tod bei dieser Kälte.“

„Das hast du eben schon mal gesagt“, wollte Lene entgegnen, schwieg aber und dachte: „Ich könnte sie einfach eine Stunde in ihrem hochgezogenen Nachthemd mit ihrem wabbeligen weißen Fleisch auf dem Toilettenstuhl sitzen lassen; vielleicht behielte sie dann recht mit ihrer ewigen Drohung, bald zu sterben.“ Sie half der Großmutter auf die Füße, zog das steife, zerknitterte Leinennachthemd wieder nach unten und setzte sie auf die Bettkante. In diesem Augenblick klopfte es an die Tür. Lene und die Großmutter sahen sich erstaunt an, denn im Hause Bünting betrat man ein Zimmer, ohne anzuklopfen.

„Entschuldigung. Richard sagte, ich finde dich hier. Ich dachte, du willst vielleicht etwas an die frische Luft, bevor es dunkel ist“, rief eine helle sorglose Stimme. Im Türrahmen stand ein schlankes Mädchen in grasgrünem Mantel, das sich mit der hochtoupierten Frisur, an einer Seite die Haare kühn hinter das Ohr gesteckt, in diese bäuerliche Umgebung verirrt zu haben schien. Zita. Was wollte sie um Himmels willen an diesem unpassenden Tag hier? Noch dazu im Zimmer der Großmutter. Zita trat nervös von einem Fuß auf den anderen, als hätte sie keinerlei Zeit zu vergeuden.

Die Großmutter blickte mit hochgezogenen Brauen in ihre Richtung, doch bevor sie ihren Unmut äußern konnte, sagte Lene schnell: „Ich bin gleich so weit. Ich mache nur noch Oma für die Nacht fertig, dann komme ich.“

Damit hatte sie ihrer Freundin eigentlich andeuten wollen, im Flur zu warten, aber Zita war schon auf die Großmutter zugegangen, streckte ihr die Hand entgegen und drückte ihr mit freundlicher, aber nicht übertrieben mitfühlender Stimme ihr Beileid zum Tod von Lenes Mutter aus. Die Großmutter schien Zitas Worte nicht zu hören, sondern beargwöhnte stattdessen die ausgestreckte Hand mit den lackierten Fingernägeln, für sie Werkzeuge des Bösen, vor denen man sich in Acht nehmen musste.

Lene legte so unauffällig wie möglich den Deckel auf den Toilettenstuhl. In Zitas Gegenwart kam ihr die Großmutter noch unförmiger, der Schlafzimmergeruch noch muffiger und die Einrichtung mit den alten Ehebetten, dem riesigen Eichenschrank und der gesprungenen Waschschüssel noch schäbiger vor. Sie war in Versuchung, das abgetretene Schaffell unauffällig unter das Bett zu schieben, ließ es dann aber doch liegen.

„Georg und Ludger warten draußen auf der Straße“, zischte Zita ihr ins Ohr. Lene nickte leicht: „Ich bin gleich fertig.“

„Du willst doch nicht am Tag der Beerdigung deiner Mutter aus dem Haus“, empörte sich die Großmutter, die außer dem Wort „Straße“ nichts verstanden hatte, aber sehr wohl spürte, dass hier etwas besprochen wurde, das sie besser verhindern sollte. „Außerdem warte ich noch auf meinen Kamillentee.“

„Den bekommst du schon“, antwortete Lene, ohne auf die erste Bemerkung einzugehen.

Im Flur band sie schnell die Schürze ab, bedeutete Zita mit einer Handbewegung, still zu sein, warf sich den von Tante Johanna geliehenen schwarzen Mantel über und zog die Haustür so leise wie möglich hinter sich zu. Draußen sog sie die klare, kalte Luft ein und knöpfte erst dann langsam den Mantel zu.

Warum ging sie einfach mit, wenn Zita sie darum bat? Sie hatte nicht eine Sekunde lang überlegt, sondern war ihr wie selbstverständlich gefolgt. Nicht einmal den Nachttopf hatte sie geleert, weil sie sich zu sehr vor Zita genierte. Im Grunde hatte die Großmutter recht. Es war der Beerdigungstag ihrer Mutter, und es war unpassend, sich an diesem Tag mit jungen Männern auf der Straße zu treffen. Andererseits, was ging es die Großmutter an?

Eigentlich war an Georg und Ludger nichts Besonderes. Ihr einziger Pluspunkt war der, dass sie aus dem Nachbardorf kamen, drei Jahre älter waren als Lene und Zita und im Einerlei des Dorfalltags für etwas Abwechslung sorgten.

Lene fühlte sich unwohl in ihren schwarzen Strümpfen und dem geliehenen Mantel. „Für die paar Wochen, die es noch kalt ist, lohnt es sich nicht, einen schwarzen Wintermantel zu kaufen“, hatte Tante Johanna gemeint und auch gleich noch einen schwarzen Pullover und eine grauschwarz gestreifte Schürze aus der Tasche gezogen.

Lene zog Zita am Ärmel: „Ich bleibe aber nicht lang.“

„Und warum nicht?“

„Weil sie mich zu Hause brauchen.“

„So ein Unsinn. Du hast doch schon den ganzen Tag gearbeitet. Jetzt werden sie wohl mal auf dich verzichten können.“

Das Gartentor quietschte – in Lenes Ohren zu laut –, als Zita es öffnete. Es durfte auf gar keinen Fall jetzt auch noch ins Schloss fallen. Im Halbdunkel standen Georg und Ludger lässig an ihre Fahrräder gelehnt, eine Zigarette in der Hand.

„Na, Lene, wie geht’s?“

„Danke, und euch?“

Jetzt bloß nicht über die Beerdigung reden, das ging hier niemanden etwas an. Aber die Gefahr bestand schon nicht mehr, da Zita Georgs karierte James-Dean-Jacke geöffnet hatte und sich jammernd, wie kalt es doch sei, an ihn drückte. Wie selbstverständlich legte Georg einen Arm um sie.

Lene schaute vorsichtig, ob sie weit genug vom Licht des Wohnzimmerfensters entfernt standen. Die Großmutter würde vielleicht nach ihrem Kamillentee rufen, würde Martha oder Richard erzählen, Lene sei mit dieser Zita weggegangen, diesem unmöglichen Mädchen mit Männerhosen und Zigeunerohrringen. Das war doch kein Umgang für Lene. Und dass Zita sich überhaupt traute, am heutigen Tag in diesem Zirkusaufzug daherzukommen. Das Mädchen war einfach dreist.

Ein Radfahrer fuhr an ihnen vorbei und tauchte ihre Gesichter für kurze Zeit ins Licht. Musste Zita unbedingt hier auf der Straße unter Georgs Jacke kriechen und sich seinen Schal um den Hals wickeln? Es war sinnlos, darüber nachzudenken, denn Zita tat ohnehin nur das, was ihr gerade einfiel.

„Habt ihr Lust, am Sonntag mit uns ins Theater zu gehen? Die Kolpinggruppe führt bei uns zum letzten Mal „Die drei Junggesellen“ auf. Alle sagen, es sei zum Totlachen, wie die Männer da zur Hochzeit überlistet werden.“ Georg schien sich schon beim Gedanken an die Vorstellung zu amüsieren.

Lene schaute zuerst Georg und dann Ludger an, der bis jetzt nichts gesagt hatte, sondern sich schweigend an seiner Zigarette festhielt. Die beiden mussten doch wissen, dass für das nächste halbe Jahr jegliche öffentliche Unterhaltung für sie tabu war.

„Ich glaube, du spinnst“, hörte sie Zitas Stimme dicht unter Georgs Kopf. „Ich gehe doch nicht in so ein Bauerntheater. Da müsste ich schon selbst eine Hauptrolle spielen wie zum Beispiel die Maria Magdalena Weihnachten bei uns im Saal. Die Rolle hätte mir gefallen.“

„Also warst du doch in einem Bauerntheater.“

„Nur weil ich hier im Dorf alle Mitspieler kenne. Wenn Kurtchen den Eifersüchtigen spielt, dann biegst du dich vor Lachen, auch wenn du eigentlich weinen solltest. Aber Dorftheater woanders, nein danke.“

„War ja nur ein Vorschlag von mir“, meinte Georg einlenkend. „Wir können natürlich auch was anderes unternehmen. Kino vielleicht.“

Lene schaute unruhig zum Wohnzimmerfenster. „Besprecht das mit Zita“, sagte sie. „Ich muss wieder rein, sonst vermissen sie mich.“

„Tschüss, Lenchen, bis morgen“, klang Zitas Stimme fröstelnd, aber nicht sonderlich betrübt aus Georgs Jacke.

Die Haustür mit den umlaufenden Milchglasscheiben war tagsüber nie verschlossen, so dass jeder unbemerkt ins Haus kommen konnte. Aber kaum jemand benutzte diesen Eingang, denn die meisten Besucher kamen direkt durch die Küchentür am anderen Ende des Hauses, da das Leben sich tagsüber in der Küche abspielte. Lene drückte vorsichtig die Tür auf. Im Flur war es dunkel, bis auf das schwache Öllämpchen unter dem Bild der schmerzensreichen Gottesmutter, deren Antlitz im roten Dämmerlicht noch leidender aussah als tagsüber. Als Lene gerade den Mantel aufhängen wollte, hörte sie die Großmutter stöhnen: „Lene, bist du’s? So hilf mir doch; wo bleibst du denn?“

Das war nicht der Tonfall, in dem die Großmutter normalerweise nach Aufmerksamkeit verlangte. Lene warf den Mantel über den Garderobenhaken und rannte ins Schlafzimmer, wo sie die Großmutter zusammengekrümmt, soweit ihre Körpermasse dies zuließ, auf dem Schaffell neben dem Bett fand. Das Nachthemd war hochgerutscht und zeigte ihre weißen fleischigen Schenkel. Die kleinen Füße, die wenig zu der Leibesfülle passen wollten, steckten in selbstgestrickten Bettsöckchen, ein Bild, das auf einen Außenstehenden vielleicht amüsant gewirkt hätte, Lene aber daran erinnerte, dass die Großmutter zwar die Autoritätsperson im Haus spielte, selbst aber nicht in der Lage war, die Söckchen anzuziehen.

War die Großmutter früher vielleicht auch einmal schlank gewesen? Schnell zog Lene das Nachthemd über die nackten Beine.

„Was ist passiert, Oma?“

„Das siehst du doch, ich bin hingefallen. Hilf mir lieber hoch, anstatt Fragen zu stellen.“

„Warte, ich hole Martha, zu zweit ist es einfacher.“

Lene fand ihre Schwester im Kuhstall. Die Kühe, in Reih und Glied angekettet, warteten geduldig auf die Ration Futter, die Hermann ihnen gleich geben würde. Martha goss einen Eimer frisch gemolkener Milch in eine der Milchkannen. Wie warm und lebendig es hier roch, ganz anders als im Zimmer der Großmutter.

„Martha“, rief Lene, „Oma hat wohl beschlossen aufzustehen, jetzt, wo die Beerdigung vorbei ist.“

Sofort stellte Martha den Eimer ab und lief mit ihrer Schwester ins Wohnhaus zum Zimmer der Großmutter. Diese hatte es inzwischen geschafft, sich halb aufzurichten und gegen das Bett zu lehnen.

„Ich hole mir ja den Tod. Wo wart ihr denn die ganze Zeit?“ Martha warf einen fragenden Blick auf Lene. Wortlos hoben sie die Großmutter aufs Bett, dessen altersschwache Sprungfedern unter dem Gewicht bis auf das Holzbrett zusammengedrückt wurden. Bald würden Hermann oder der Vater mit anfassen müssen, ob es der Großmutter passte oder nicht.

„Und was ist mit meinem Kamillentee und Zwieback?“

Wie hatte es die Mutter geschafft, ohne zu jammern, mit dieser Frau auszukommen? Gedankenverloren deckte Lene den Tisch in der Küche. Hermann und Richard hatten Stühle, Geschirr und die großen Töpfe zu Göstemeyers zurückgebracht, so dass Martha Platz hatte, die Suppe vom Mittag aufzuwärmen. Sie musste sich beeilen, denn pünktlich um sieben würde sich die Familie wie jeden Tag um den Tisch versammeln, der Vater am Tischende, Hermann und Richard auf der Bank an der Wand, die Großmutter am anderen Tischende, die Mädchen – und bis vor kurzem die Mutter – vor dem Tisch, um schneller das Essen vom Herd holen oder das Geschirr abräumen zu können.

Seit dem Tod der Mutter hatte die Großmutter das Schlafzimmer nicht mehr verlassen, so dass der Vater mit seinen Kindern an dem langen Tisch wie eine unvollständige Gruppe wirkte, die noch auf sich verspätende Personen wartete. Schließlich sprach Martha das Tischgebet: „Aller Augen warten auf dich, oh Herr“, dann das „Vaterunser“ und zum Schluss ein „Gegrüßet seist du, Maria“. Schweigend wurde die Mahlzeit eingenommen; man hörte nur das Klappern der Suppenlöffel und das Schieben der Schüssel von einem zum andern auf der Holzplatte. Was hätte man sich sagen sollen? Es gab nichts zu besprechen. Auch wenn der Tod der Mutter jeden Einzelnen am Tisch im Innersten getroffen hatte, Gefühle machte man mit sich selbst ab, man sprach nicht darüber.

Zwischen Lene und Martha waren Worte ohnehin überflüssig, denn schließlich hatten sie bis auf wenige Ausnahmen jede Nacht im gemeinsamen Schlafzimmer verbracht. Richard hingegen lebte in einer Welt, die den Schwestern nicht zugänglich war. Er lieh sich sonntags nach der Messe einen Stapel Bücher in der Pfarrbibliothek aus und verkroch sich damit in eine ruhige Ecke des Hauses. Die Mutter hatte ihren Jüngsten stets in Schutz genommen, wenn die Großmutter ihn aufforderte, statt zu lesen doch lieber seinen Hintern zu bewegen und den Männern auf dem Hof zu helfen. „Du siehst doch, dass der Junge nicht kräftig genug ist. Was wir brauchen, ist ein Knecht, der Andreas hilft“, hatte sie stets erwidert. Schon lange hatte sie ihrem Mann vorgeschlagen, einen Gehilfen auf den Hof zu holen, da er immer stärker sein rechtes Bein nachzog und die Arbeit ihm an manchen Tagen so schwerfiel, dass er sich setzen musste, nur um das schmerzende Knie zu entlasten. Aber der Vater hatte sich hartnäckig mit dem Hinweis geweigert, Hermann, der Älteste, sei ihm Hilfe genug.

Jetzt unterbrach er plötzlich die Stille beim Essen: „Ich habe heute Nachmittag mit Paul Lübbers gesprochen. Er konnte einen Teil seines Ackers als Bauland zu einem guten Preis verkaufen und hat jetzt einen jungen Mann zu viel auf dem Hof. Und weil Hermann im März nach Warendorf auf die Landwirtschaftsschule geht, arbeitet Pauls Knecht ab dann bei uns.“ Die Kinder schauten ihren Vater an, als hätten sie ihn nicht recht verstanden. Schon lange hatte er nicht mehr so viel geredet. Und dann diese Neuigkeit an diesem ohnehin außergewöhnlichen Tag.

Alle am Tisch wussten, dass die Entscheidung feststand und der Vater keine lästigen Fragen erwartete, aber dieser plötzliche Entschluss verlangte doch nach einigen Erklärungen. „Wie alt ist er?“ „Woher kommt er?“ „Wo soll er schlafen?“ „Können wir uns den leisten?“ Die letzte Frage kam von Martha, die vom Vater während der Krankheit der Mutter das nötige Geld für den Haushalt bekommen hatte. Hermann wollte wissen, wie lange der zukünftige Gehilfe schon bei Paul Lübbers arbeitete, denn er hatte noch nichts von ihm gehört, und in Lütkenstede kannte schließlich jeder jeden.

„Er heißt Helmut, kommt aus Schapen, ist neunzehn Jahre alt und arbeitet erst seit kurzem bei Paul. Vorher hat er in einem Reitstall in Fürstenau die Pferde versorgt“, antwortete der Vater in einem Ton, der klarmachte, dass damit alles Wichtige gesagt war.

„Hoffentlich ist er dann hartes Arbeiten gewöhnt“, zweifelte Hermann, denn einen Pferdenarr konnten sie nicht gebrauchen. Auf dem Hof gab es nur zwei Ackerpferde, und ein Reitpferd war Luxus für die Büntings.

„Paul war zufrieden mit ihm“, beruhigte ihn der Vater. Aber Hermann schien nicht ganz überzeugt zu sein. Dass der nur so kurz bei Lübbers gearbeitet hatte und Paul ihn schon wieder loswerden wollte, sprach nicht unbedingt für ihn. Es konnte natürlich auch an Paul liegen, denn der war nicht gerade als umgänglicher Arbeitgeber bekannt.

„Und wo soll er schlafen?“, fragte Martha. Dieses Problem schien für den Vater zweitrangig zu sein. Nach dem Krieg war das Haus viel voller gewesen, Vaters Bruder Ludwig, seine Schwester Helene, die Großeltern, dann noch Onkel Gustav, der Bruder des Großvaters und Frau Nietsche, die Flüchtlingsfrau aus Schlesien. Alle hatten sie Platz gefunden, die Kinder schliefen jeweils zu zweit in einem Bett, verteilt auf die Zimmer der Erwachsenen. Ludwigs Zimmer gehörte nach dessen Heirat endlich Hermann und Richard allein, Martha und Lene teilten sich Tante Helenes Zimmer. So blieb für den neuen Gehilfen nur das von Onkel Gustav auf dem Dachboden. Nach dessen Tod hatte Richard sein Bett bekommen, und das wollte er unter keinen Umständen wieder hergeben.

„Dann müssen wir eben Opas Bett aus Omas Zimmer holen.“

Erschrocken sahen die Mädchen ihren Vater an. Das würde die Großmutter nie erlauben.

„Nächste Woche baut ihr das Bett oben auf und richtet das Zimmer her.“ Der Vater legte die Gabel auf den Teller und versank wieder in sein abwesendes Schweigen.

Als Lene endlich der Großmutter ihren Zwieback und den täglichen Kamillentee brachte, ritt sie plötzlich der Teufel: „Oma, im März bekommen wir einen Gehilfen.“

„Was sagst du da?“

„Dass Papa endlich Hilfe auf dem Hof bekommt.“

„Wer hat das beschlossen? Hat deine Mutter sich noch nach ihrem Tode durchgesetzt? Wer ist es denn?“

Lene erzählte, was sie wusste.

„Und das jetzt, wo ihr Mädchen allein im Haus seid und ich das Zimmer bald nicht mehr verlassen kann. Darüber hat sich dein Vater wohl keine Gedanken gemacht. Und gerade heute, am Beerdigungstag deiner Mutter, kommt ihm die Idee, einen fremden Mann ins Haus zu holen. Das soll einer verstehen. Wo soll der denn schlafen?“

„Auf dem Dachboden.“

„Da steht doch kein Bett mehr.“

„Wir nehmen Opas Bett, hat Papa gesagt.“

Lene nahm schnell das Herz-Jesu-Bild von der Wand und rieb den Fliegendreck, der sich auf dem flammenden Herz festgesetzt hatte, mit Spucke und Taschentuch weg.

„Das war Kathrinas Idee“, brauste die Großmutter auf, „sag deinem Vater, das Bett bleibt hier.“

Lene zog es vor, nichts darauf zu erwidern, sondern fragte stattdessen: „Willst du morgen früh aufstehen, oder bleibst du weiter im Bett?“ Aufstehen bedeutete, den Wecker eine halbe Stunde früher stellen, die Großmutter waschen, anziehen, sie auf den schweren Stuhl mit Rädern setzen und in die Küche schieben, wo sie dann bis zum Mittagsschlaf sitzen blieb. Hoffentlich wollte sie im Bett bleiben.

„Aufstehen. Einer muss ja die Übersicht im Haus behalten.“

2

Lene und Richard verließen morgens gemeinsam das Haus, um zur Bushaltestelle zu gehen. Für Hermann und Martha, die beiden Ältesten, hatte es nicht zur Diskussion gestanden, dass sie eine weiterführende Schule besuchten. Ihre Hilfe wurde zu Hause gebraucht, aber bei Lene und Richard hatte die Mutter durchgesetzt, dass sie auf die Mittelschule gingen, auch wenn die Großmutter das für verschwendete Zeit hielt, waren doch bisher alle Büntings mit einem Volksschulabschluss zufrieden gewesen.

An der schwach erleuchteten Haltestelle stach von weitem ein farbiger Punkt unter den winterlich vermummten Gestalten ins Auge. Das konnte nur Zita mit ihrem roten Schultertuch sein. Als einziges Mädchen im Dorf besaß sie enge Nietenhosen, die sie heute zum ersten Mal in die Schule ausführte. Zita war sich sehr wohl darüber im Klaren, dass sie am katholischen Mädchengymnasium nicht geduldet waren, aber sie musste es einfach ausprobieren.

„Lenette, gut, dass du endlich da bist. Für Sonntag habe ich mit den beiden verabredet, dass wir ins Rex fahren.“ Zita legte ihren Arm um Lene. „Weißt du, Lenchen, ich muss endlich Sophia Loren sehen.“ Lene entzog sich erschreckt der Umarmung. Taschengeld wurde zu Hause als überflüssig angesehen, und nicht nur der Film, auch der Bus in die Stadt müsste bezahlt werden, denn die Wochenkarte für die Schule galt nur werktags. Dazu kam, dass niemand im Haus von diesem Ausflug erfahren durfte, da es unmöglich war, eine Woche nach dem Tod der Mutter ins Kino zu gehen. Andererseits gab es im Dorf nur einmal im Monat einen Filmabend im Saal der Gaststätte Bülter. Hier zeigte die Pfarrgemeinde für 50 Pfennig „Das Lied der Bernadette“ oder „Das Wunder von Fatima“ –, dagegen hatten natürlich weder die Eltern noch die Großmutter etwas einzuwenden.

„Ich weiß nicht, ob ich mitkommen kann.“

„Wieso denn nicht? Mit Georg und Ludger allein macht es mir keinen Spaß.“

Lene wollte ihre Gründe nicht nennen. Bei Doktor Weyers bekam sie drei Mark, wenn sie die Kinder beaufsichtigte, und hin und wieder brachte sie Ida Göstemeyers Strümpfe nach der Schule zum Laufmaschenaufnehmen. Doch das wurde nur unregelmäßig entlohnt. Es fehlte einfach eine zuverlässige Einnahmequelle. Dankbar sah Lene dem Bus entgegen, der in diesem Augenblick über die Brücke gerattert kam und ihr die Antwort auf Zitas Frage ersparte.

Fräulein Pieper, die Klassenlehrerin, streckte die Hand aus und sprach Lene nochmals ihr Beileid aus, obwohl sie schon eine Kondolenzkarte an die Familie geschickt hatte. Sie redete von einem Schicksalsschlag und dass man nicht den Mut verlieren dürfe. Gott sei Dank legte sie nicht tröstend den Arm um Lene, sondern begnügte sich mit einem anteilnehmenden Tonfall.

Als der Unterricht endlich begann, schlug Lene erlöst ihr Buch auf. Sie hatte lange überlegt, was sie anziehen sollte. Ganz in schwarz wollte sie auf keinen Fall in der Klasse erscheinen, obwohl es für die Großmutter eine Selbstverständlichkeit war, dass die Kinder mindestens ein halbes Jahr lang Trauerkleidung trugen. Mindestens. Also war Lene morgens zuerst im Schwarz des Vortags in der Küche erschienen, um sich im letzten Moment den dunkelblauen Pullover und einen dunkel karierten Faltenrock anzuziehen. Ein Sakrileg, wie sie sehr wohl wusste. Widerwillig hatte sie Tante Johannas Mantel übergeworfen, gegen den es keinen Sinn hatte zu rebellieren, denn auch die Dorfbewohner würden sie genau be-obachten und jedes Abweichen von den ungeschriebenen Gesetzen nicht nur untereinander kommentieren, sondern den Vater oder Martha bei nächster Gelegenheit fragen, ob sie sich keine Trauerkleidung leisten könnten.

„Was haben sie zu deiner Hose gesagt?“, war Lenes erste Frage, als Zita sich mittags auf den für sie frei gehaltenen Platz in der letzten Reihe des Busses fallen ließ.

„Kannst du dir doch denken. Wenn ich darauf bestehe, die Nietenhosen zu tragen, soll ich einen Rock darüber ziehen; stell dir das mal vor.“

Lene lachte. „Und jetzt?“

„Morgen zieh ich erst mal meine Lastexhose an. Die ist genau so eng, aber eben keine Nietenhose.“

„Das Dumme ist nur, dass deine Noten im Augenblick zu schlecht sind. Da warten sie doch nur darauf, dir eins auszuwischen und dich nicht zu versetzen.“

„Du hast es mal wieder kapiert, Lenny. Kannst du mir deshalb heute Nachmittag beim Deutschaufsatz helfen? Die Altenehr lässt mich sicher morgen vorlesen.“

Auch wenn Lene es nicht mochte, wenn Zita sie „Lenny“, „Lenchen“ oder, noch schlimmer, „Lenette“ nannte, freute sie sich insgeheim, dass sie, die Realschülerin, der Gymnasiastin in einigen Fächern überlegen war. Das war ausgleichende Gerechtigkeit für vieles andere. Müde von den Ereignissen der vergangenen Tage, legte sie den Kopf an die beschlagene Fensterscheibe. Der Postbus holperte über die schmale Obstbaumallee und spuckte an jeder kleineren Häuseransammlung ein oder zwei Fahrgäste in die nasse Kälte aus. Vorsichtig sprangen sie am Straßenrand aufs Gras, wo sie warteten, bis der Fahrer Gas gab, der stinkende schwarze Rauch sich aufgelöst hatte und der knatternde Bus in sicherer Entfernung war, um niemanden vollzuspritzen. Es war Tauwetter. Die Wolken hingen tief über den Feldern, von denen hin und wieder eine Schar Nebelkrähen aufstob und die lähmende Stille unterbrach, die noch bis März anhalten würde, bis die Felder neu bestellt wurden.

Richard ging wie immer schweigend neben seiner Schwester nach Hause. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Die Großmutter hatte am Morgen das Bett wieder verlassen, aber sie würde bis drei Uhr ihren Mittagsschlaf halten; da konnte Lene sich schnell umziehen, bevor sie sich das warm gehaltene Essen vom Herd holte. Sie öffnete die schmale Küchentür, froh, die feuchte, alles durchdringende Kälte gegen den warmen Essensgeruch, der ihr entgegenströmte, einzutauschen. Hungrig knöpfte Lene den Mantel auf, um im gleichen Moment vor Schreck zu erstarren: Die Großmutter saß am Tischende und schlug die Augen auf. Hatte Martha keine Zeit gefunden, sie ins Bett zu bringen? Lene hielt sofort den Mantel zu, um Rock und Pullover zu verdecken. Zu spät.

„Auch das noch, Lene. Hast du denn gar kein Gefühl für Anstand? Richard, hol sofort deinen Vater aus der Scheune. Er soll sehen, was hier vor sich geht.“

Die Großmutter sagte nichts weiter. Sie saß aufrecht und bewegungslos in ihrem Lehnstuhl, die grauen Haare wie immer streng in der Mitte gescheitelt, den geflochtenen Zopf zu einem Dutt zusammengesteckt, die Lippen zu einem Strich zusammengekniffen. Die Falten der schwarzen Bluse drohten über der Leibesfülle aufzuplatzen, aber die Stangen des Korsetts schienen den Oberkörper in Schach zu halten. Ein Wunder, dass die Knöpfe nicht aus den Knopflöchern sprangen.

Als der Vater endlich hinter Richard die Küche betrat, drehte die Großmutter mit einem so kräftigen Stoß ihren Stuhl herum, dass die Metallräder auf dem Steinboden quietschten.

„Heute Mittag war Ida Göstemeyer da. Es fehlen zwei von ihren Tassen mit Goldrand. Martha kann sie nirgends finden, aber vielleicht weiß Lene, wo sie geblieben sind.“

Der Vater zog die Augenbrauen zusammen, verärgert darüber, dass man ihn wegen so einer Lappalie bei seiner Arbeit störte.

„Aber Ida meint, wir brauchten Lene gar nicht zu fragen, denn sie hätte Besseres zu tun, als sich um geliehenes Geschirr zu kümmern. Am Beerdigungstag ihrer Mutter trifft sie sich mit irgendwelchen dahergelaufenen Jungen auf der Straße. Dazu mit dieser Zita, die sowieso keinen guten Einfluss auf sie hat. Will sie die ganze Familie in Verruf bringen? Und sieh dir an, wie sie in die Schule gegangen ist. Nicht mal am ersten Tag trägt sie Schwarz.“

Der Vater fühlte sich merklich unwohl. Für Probleme mit den Kindern war immer seine Frau zuständig gewesen.

„Andreas, du kannst das nicht einfach durchgehen lassen. Die Nachbarn zerreißen sich bestimmt schon das Maul.“

Sichtlich überfordert sagte der Vater nur: „Zieh dich um, Lene; wir sprechen noch darüber“, und verließ die Küche.

Enttäuscht, dass das alles gewesen sein sollte, warf Richard seine Schulsachen auf die Bank und holte sich Teller und Besteck. Die Töpfe standen am Herdrand, wo der Rotkohl und der Schweinebraten vom Vortag allmählich trocken wurden. Noch einmal würden sich die Reste nicht aufwärmen lassen.

Als Lene in die Küche zurückkam mit schwarzem Pullover, schwarzem Rock und schwarzgrau gestreifter Schürze, grinste Richard: „Schick, neueste Mode aus Tante Johannas Schrank, was?“

„Halt die Klappe, und kümmere dich um deinen eigenen Kram.“

„Lene, hör auf zu zanken; deine Mutter ist erst gestern beerdigt worden“, schimpfte die Großmutter und sorgte damit schlagartig für Ruhe.

Nach dem Kaffee erklärte Lene Martha in einem unbeobachteten Augenblick, dass sie für eine Stunde zu Zita führe, um ihr bei den Deutschaufgaben zu helfen. Martha war nicht gerade begeistert. „Aber sei pünktlich zurück, ich schaff das abends nicht allein.“

Lene beruhigte sie, zog den Mantel an und holte sich eins der alten Fahrräder ohne Bremse und ohne Licht aus dem Schuppen, um zu Zita zu fahren.

Der Weg war ungepflastert und entsprechend matschig. Wollte man den Pfützen ausweichen, lief man Gefahr, sich die Strümpfe in den Brombeerranken zu zerreißen. Aber bei Tageslicht nahm Lene immer den kürzeren Feldweg, um keine Zeit zu verlieren.

In einem Gebüsch rechts des Weges duckten sich die beiden Flüchtlingsbaracken mit geteerter Dachpappe, die auf die Dorfkinder eine unerklärliche Faszination ausübten. Abends waren sie der heimliche Anziehungspunkt, um durch die Fenster in die ärmlich ausgestatteten engen Räume zu spähen oder von weitem einen Stein auf die Scheiben zu werfen. Schnell fuhr Lene vorbei, denn Erwin Stachowiak, der mit Richard in die Volksschule gegangen war, besaß seit einiger Zeit einen Hund, der wahllos alles biss, das sich vor der Haustür bewegte. Lene verspürte wenig Lust, von ihm erwischt zu werden.

Sie war froh, als sie die Einfahrt zum Gehöft der Ostenhoffs erreichte, die wie bei den meisten Bauern von alten Eichen gesäumt war, nur dass niemand im Dorf so eine lange Auffahrt hatte wie Zitas Eltern. Sie führte direkt auf das mächtige Hoftor zu, das sich in frisch gestrichenem Grün von dem roten münsterländischen Backstein abhob. Das zweistöckige neue Wohnhaus lag getrennt von den Viehställen, anders als bei Lenes Familie, wo Mensch und Tier seit jeher unter einem Dach lebten. Lene stellte das Fahrrad an den Gartenzaun und klingelte. Hier war es eine Selbstverständlichkeit, dass nicht jeder durch die Küchentür kam und direkt im Raum stand. Hier achtete die Klingel auf Abstand.

„Komm schnell hoch in mein Zimmer, hier unten ist es zu kalt“, rief Zita.

Doch Lene ließ sich gerne Zeit in der großen Diele mit den ausgestopften Tieren und den Geweihen an den Wänden. Fuchs, Fasan, Auerhahn und ein Wildschweinkopf hingen friedlich vereint neben mehreren Reihen Gehörn von Rehen und Hirschen. Über dem Kamin hing ein überdimensionales Ölgemälde, eine Wildschweinjagd im Winter. „Nachts möchte ich nicht unbedingt ohne Licht hier vorbeigehen“, dachte Lene.

Sie folgte ihrer Freundin zur Treppe, nicht ohne vorher einen Blick in den von einem Geweih umrahmten Spiegel zu werfen. Sie war fast erstaunt, sich selbst zu sehen, so unscheinbar und farblos kam sie sich vor. Ein dünnes Mädchen mit eckigen Schultern, mit zu viel Busen und einer langweiligen, seitlich gescheitelten Kurzhaarfrisur, die Kurtchens weiche Hände gerade mal 15 Minuten Schneidezeit gekostet hatte. Die schwarze Kleidung unterstrich die Blässe des Gesichts, die ernsten Augen schienen alles in Frage zu stellen.

Als Zita neben sie trat und den Arm um sie legte, kamen sogleich Farbe und Bewegung ins Spiegelbild.

„Sind wir nicht ein tolles Paar?“, lachte sie und zog Lene an sich.

„Lass uns lieber deinen Aufsatz schreiben“, erwiderte Lene schnell und wandte sich zur Treppe. Sie wollte sich nicht anmerken lassen, wie unangenehm es ihr war, wenn Zita sie so eng an sich drückte und ein Busen den anderen berührte. In Lenes Familie waren Zärtlichkeiten nicht üblich, so dass sie jedes Mal zusammenzuckte, wenn Zita sie stürmisch umarmte oder auf die Wange küsste.

Wie immer ließ Lene ihren Blick bewundernd durch Zitas Zimmer gleiten. Die Wände waren bis in die Ecken voll geklebt mit Filmplakaten, Fotos und Zeitungsausschnitten von Lieselotte Pulver, Elvis Presley und Caterina Valente. Auf dem Schreibtisch stapelten sich Schallplattenhüllen, deren Inhalt achtlos in die Sofaecke geschoben war, Autogrammkarten, zwei Chiantiflaschen mit Tropfkerzen.

„Wollen wir Margot Eskens hören, Cindy, oh Cindy? Das macht mich so schön traurig“, rief Zita. „Wenn ich nur wüsste, wo die Platte steckt.“

Während sie auf dem Sofa die Platten von einer Seite auf die andere sortierte, versuchte Lene, eine freie Fläche auf dem Schreibtisch zu schaffen. Ihr Blick glitt durch das Fenster in den Garten, wo die geometrisch angelegten Beete mit ihren Buchsbaumumrandungen einen stummen Kontrast zu dem Chaos in Zitas Zimmer bildeten.

„Ich hätte gern einen Schreibtisch mit so einem Blick in die Ferne“, sagte Lene und dachte daran, wie sie und Richard die Hausaufgaben am Küchentisch machten.

„Was interessiert mich ein Blick in die Ferne, wenn es nichts zu sehen gibt? Ich würde zehnmal lieber in der Stadt wohnen. Hier gehst du doch ein vor Langeweile, wenn du nicht selbst für Unterhaltung sorgst“, entgegnete Zita und legte die Platte auf. Als Margot Eskens’ Stimme erklang, seufzten die Mädchen auf. „Cindy, oh Cindy, dein Herz muss traurig sein. Der Mann, den du geliebt, ließ dich allein.“

Wohlig lehnten sie sich zurück und lauschten. Zita streifte die Schuhe ab, streckte die Beine aus und schloss die Augen. Wenn Lene jetzt nicht an den Grund ihres Kommens erinnerte, würde der Aufsatz nie fertig werden. „Wie heißt das Thema?“

„Ach, Lenny, das hat doch Zeit. ‚Sollten Frauen Hosen tragen?’ Als gäbe es da überhaupt etwas zu überlegen. Am liebsten schriebe ich direkt, dass nur eine altmodische Mädchenschule so eine blöde Frage stellen kann.“

„Kannst du dir nicht leisten, also lass uns anfangen“, erwiderte Lene und zog sich einen Hocker an den Schreibtisch. In kürzester Zeit hatten die Mädchen eine Liste mit Argumenten für das Hosentragen zusammengestellt. Die Musik beflügelte sie zu immer neuen Ideen: „Und jetzt schreibe ich noch, dass alte Frauen in engen Hosen natürlich keine sexy Figur machen und deshalb auch nicht möchten, dass junge Mädchen sie tragen. Und zweitens, dass Menschen, die gegen die neue Mode wettern, geistig unflexibel sind.“

Lene schaute Zita entgeistert an: „Oh Gott. Das kannst du denken, aber doch nicht schreiben.“

„Und ob ich das kann. Ich stelle mir vor, wie ich diese Sätze vorlese und dabei den Po rausstrecke, so dass der Stoff schön spannt.“

„Du spinnst wirklich.“

„Weißt du, Lenchen, wenn ich den Schulkram hinter mich gebracht habe, stellen wir uns an den Bahnhof und fahren nach Napoli oder Roma oder Venezia. Vorher werden wir wohl mit den drei Italienern vorliebnehmen müssen, die neuerdings bei Reeker in der Maschinenfabrik arbeiten. Ich habe sie Sonntag in der Kirche im Hochamt gesehen. Ich sage dir, der Jüngste ist ein Gedicht.“

Da Lene wie immer die Acht-Uhr-Messe besucht hatte, war ihr dieser Genuss entgangen, so dass sie mit Hermanns Bericht hatte vorliebnehmen müssen. Aber vielleicht kamen die jungen Männer ja am nächsten Sonntag wieder ins Hochamt. Sie würde für die Großmutter einen Grund erfinden, warum sie in die spätere Messe gehen wollte.

Zita schwärmte weiter von den Fremdarbeitern, bis Lene ihr den Füllhalter hinhielt und diktierte: „In den Städten sieht man immer häufiger Mädchen, die statt Röcken Hosen tragen.“ Zita ließ sich Zeit beim Schreiben und malte genüsslich statt eines Punktes auf jedes i einen Kringel.

„Warum machst du keinen normalen i-Punkt?“

„Warum bist du immer so vernünftig, Lenette?“

Auf dem Heimweg summte Lene die Melodie der letzten Platte, stellte sich die Italiener vor, fremd und geheimnisvoll, und dachte an den neuen Gehilfen, der im März bei ihnen einziehen würde. Eigentlich war es keine schlechte Idee von der Mutter gewesen, Hilfe für den Vater zu fordern. Lene verstummte abrupt, als ihr bewusst wurde, dass die Mutter nicht da war, wenn sie heimkam. Wie konnte sie einen Tag nach der Beerdigung bei Zita Schlager hören? Die verdrängten Bilder stiegen in ihr hoch. Lene sah die Mutter vor sich, wie sie immer stiller geworden war, immer leichter, bis die Schwestern kaum noch ein Gegengewicht spürten, wenn sie sie im Bett lagerten. Dann das Ringen um Atem, vor dem Lene am liebsten feige aus dem Zimmer geflohen wäre, nur um dieser schrecklichen Krankheit zu entfliehen.

Plötzlich beschlich Lene das beklemmende Gefühl, schon mit sechzehn etwas versäumt zu haben, das sich nicht mehr einholen ließ. Was wusste sie eigentlich von der Mutter? Nichts, was über das tägliche Zusammenleben hinausging. Tränen, so lange zurückgehalten, schossen ihr in die Augen. Halbblind fuhr sie über den nassen Sandweg, riss sich an den Dornen den Mantel auf und schob schließlich laut schluchzend das Fahrrad durch die anbrechende Dunkelheit nach Hause. Der tiefe Kummer und die Angespanntheit der letzten Tage und Wochen bahnten sich in einem Sturzbach den Weg über die Wangen in den Rollkragen des ungeliebten schwarzen Pullovers.

„Wurde auch Zeit, dass du den Tisch deckst“, brummte die Großmutter missmutig. Lene schnitt grobe Leberwurst und Blutwurst in Scheiben und briet sie in einer gusseisernen Pfanne, während die Großmutter ihren Bewegungen kritisch folgte. „Lene, nimm den Feuerhaken, und leg einen Ring mehr unter die Pfanne, es brennt ja alles an bei der Hitze.“

„Ich stehe hier nicht zum ersten Mal“, gab Lene kurz angebunden zurück und wendete die Wurstscheiben. „Du wartest ja nur darauf, dass ich etwas falsch mache, damit du mich wieder anschwärzen kannst.“ Doch schon bevor sie den Satz zu Ende gesprochen hatte, meldete sich ihr schlechtes Gewissen, dass sie die alte Frau so heftig anfuhr.

„Du nimmst dir zu viel heraus“, schimpfte die Großmutter. „Aber von wem solltest du es besser gelernt haben?“

In diesem Moment betrat der Vater die Küche. Die beiden Streithähne verstummten auf der Stelle. Der Vater stützte sich beim Hinsetzen an der Tischkante ab, und mit einem Seufzer streckte er das rechte Bein von sich. Hinter seiner Stirn schien sich etwas zusammenzubrauen, das es angeraten sein ließ, den Mund zu halten. Als Lene die gebratenen Wurstscheiben auf die Teller verteilte und dabei Fett auf ihre Schürze tropfen ließ, zog die Großmutter nur tadelnd die Augenbrauen hoch.

Der Vater presste die Lippen zusammen, rieb unentschlossen die schwieligen Hände aneinander, legte sie unters Kinn und rieb sie erneut. Schließlich schob er seinen Teller zur Seite und nickte, als habe er sich zu einem Entschluss durchgerungen, der ihn nur zwischen zwei Übeln wählen ließ: „Oma hat recht; wir brauchen im Hause jemanden, der für Ordnung sorgt. Lene und Martha können nicht den ganzen Haushalt allein machen, vor allem nicht, wenn im März der neue Knecht kommt. Und da wir uns eine Haushälterin nicht leisten können, ist es wohl das Beste, wir nehmen Tante Johannas Angebot an, und lassen tagsüber Emma zu uns kommen.“

Hermann setzte sich ruckartig auf, Richard ließ die Gabel fallen. Schweigen wurde zur beklommenen Stille. Damit hatte niemand gerechnet. Was war in den Vater gefahren, dass er so plötzlich zwei fremde Personen ins Haus holte? War der Streit zwischen der Großmutter und Lene schuld, dass sich jetzt Emma in den Haushalt einmischen sollte? Und Emma würde sich einmischen, das stand fest. Vielleicht glaubte der Vater, der sich unter fremden Menschen unwohl fühlte, auf diese Weise wieder Ordnung in die Familie bringen zu können.

„Martha, fahr mich auf mein Zimmer“, befahl die Großmutter. Das bedeutete, dass sie die nächsten Tage wieder im Bett verbringen würde.

Zwei Tage später kam Emma Hagemann bei strömendem Regen auf den Hof gefahren. Mit aufgespanntem Schirm in der linken Hand, die rechte fest am Lenker, wich sie sicher den Pfützen aus. Auf dem Gepäckträger war die braune Kunstledertasche festgeklemmt, in der Tante Johanna immer etwas für die Mutter mitgebracht hatte. „Wo ist der Fahrradschuppen?“, fragte sie den Vater unvermittelt, stellte das alte Fahrrad unter und ging zielstrebig über die Tenne zwischen den Pferden und den Kühen hindurch zur Küche, als sei ihr der Weg seit jeher bekannt. „Wo kann ich Mantel und Schirm ablegen?“, begrüßte sie Martha. Dann nahm sie ihre Plastikhaube vom Kopf, faltete sie sorgfältig zusammen und folgte Martha in den Flur.

Emma Hagemann war ungefähr 60 Jahre alt. Sie gehörte zu den vielen Frauen, die, wie es im Dorf hieß, keinen Mann abbekommen hatten und deswegen auf dem elterlichen Hof wohnen blieben. Ohne Ausbildung und ohne festes Einkommen waren sie preiswerte Arbeitskräfte, die von den Hoferben nach Lust und Laune eingesetzt werden konnten, was sich allerdings bei Emma als nicht so einfach erwies.

Als ältestes von sechs Kindern hatte sie miterlebt, wie ihr Bruder selbstverständlich den Hof übernahm. Die beiden jüngeren Brüder wurden zum Wehrdienst eingezogen. Heinrich war gefallen, während August zwar nach Hause gekommen war, aber seitdem die Welt nicht mehr verstand. Von den Nachbarskindern wurde er nur als „dummer August“ verlacht, der abends bei den umliegenden Höfen durch die Fensterscheiben schaute und erschreckt davonlief, wenn man ihn bemerkte.

Die beiden Schwestern waren ins Kloster gegangen, als zu befürchten stand, dass kein Mann um ihre Hand anhalten würde, aber Emma selbst hatte diese Lösung nie für sich in Betracht gezogen.

„Möchtest du vielleicht erst mal eine Tasse Kaffee?“, fragte Martha, die nicht so recht wusste, wie sie Emma begegnen sollte.

„Ich trinke morgens noch keinen Kaffee. Lass uns gleich mit der Arbeit anfangen. Wo ist denn Oma?“

„Im Bett.“

„Wieso im Bett? Am helllichten Tag! Fehlt ihr was?“

„Ich weiß nicht“, antwortete Martha unsicher. „Jedenfalls wollte sie heute Morgen nicht aufstehen.“ Entschlossen sagte Emma: „Dann will ich doch mal nach ihr sehen“, und ließ sich das Schlafzimmer zeigen. Als auf ihr kurzes energisches Klopfen niemand reagierte, öffnete sie die Tür und fand die Großmutter aufrecht im Bett sitzend, ein Kopfkissen und das bestickte Paradekissen im Rücken, die Westfalen Nachrichten auf der Bettdecke ausgebreitet.

„Tag, Oma. Geht es dir nicht gut?“ Die Großmutter gab keine Antwort. „Oma“, wiederholte Emma resolut, „fehlt dir was?“ Die Großmutter tat, als ob sie nichts hörte, und sah weiter in die Zeitung. Emma ließ sich nicht einschüchtern: „Wenn du was brauchst, musst du rufen. Ich bin ab jetzt jeden Tag da.“ Damit wandte sie sich zur Tür. Doch kurz bevor Emma das Zimmer verließ, schleuderte die Großmutter ihr hinterher: „Ich brauche nichts; und wenn doch, kommt Martha. Und außerdem: Ich bin nicht deine Oma.“

Unbeeindruckt zog Emma die Tür hinter sich zu: „Sie ist kerngesund; aber es passt ihr wohl nicht, dass ich zu euch komme. Wart’s nur ab, das wird sich legen. Notfalls lassen wir sie mal einen Tag hungern.“ Erschreckt drehte Martha sich um. Ob der Vater sich das so vorgestellt hatte?

Lene und Richard gingen an diesem Tag nicht schweigend von der Bushaltestelle nach Hause, sondern beratschlagten, wie sie der unerwünschten Person, die der Vater ihnen ins Haus geholt hatte, begegnen sollten. Emma war im Dorf gefürchtet, weil sie Dinge direkt beim Namen nannte, auch wenn sie wenig schmeichelhaft waren. Lene und Richard hatten das während ihrer Besuche bei Tante Johanna oft genug zu spüren bekommen.

„Ich lasse mir jedenfalls nichts von ihr gefallen“, sagte Richard betont selbstbewusst.

Als die beiden die Küche betraten, war zu ihrem Erstaunen niemand da. Sie trauten sich nicht, nach Martha zu rufen, da die Großmutter sicher schlief und niemand das Risiko eingehen wollte, sie aufzuwecken. Durch die offen stehende Tür des Esszimmers, das nun wieder ungenutzt auf den nächsten Anlass für ein Familientreffen wartete, gingen sie leise ins Wohnzimmer und blieben bei dem seltsamen Anblick, der sich ihnen bot, erschreckt stehen. Emma lag ausgestreckt auf dem Sofa, die Hände über der Brust gefaltet, das von Martha bestickte Kissen im Nacken, zwei weitere Kissen auf Füßen und Bauch. Die Schürze hatte sie über die Knie gelegt, um auch diese vor der Kälte des Zimmers zu schützen. Als Richard Lene anstieß und leise das Schnarchen nachahmte, sprang Emma sogleich auf: „Ach, ihr seid schon da. Dann aber sofort ab in die Küche.“

In kürzester Zeit stand das Essen auf dem Tisch: Mettwurst, Möhren, Kartoffeln. Richard, der weder Möhren noch Mettwurst mochte, war so beeindruckt, das Essen auf dem Teller serviert zu bekommen, dass er vergaß zu protestieren.

„Und danach direkt an die Hausaufgaben“, sagte Emma so selbstverständlich, als habe sie jahrelang Kinder erzogen und gelernt, dass ihnen mit freundlicher Bitte nicht beizukommen war. Richard und Lene verzichteten auf ein Widerwort. Wer wusste, was noch kommen würde?

„Wann wird das Wohnzimmer bei euch geheizt?“

„Vor dem Abendessen“, sagten Richard und Lene wie aus einem Munde, froh, dass es um solch eine leicht zu beantwortende Frage ging.

„Dann werden wir das ab heute ändern, damit ich mich nach dem Mittagessen kurz hinlegen kann, bevor ihr aus der Schule kommt. Und nachmittags kann Oma sich da aufhalten, denn sie ist wohl kaum den ganzen Tag in der Küche zu ertragen. Da ist Streit so sicher wie das Amen in der Kirche.“

Nur gut, dass es im Haus kein freies Bett mehr gab; so musste Emma bei Anbruch der Dunkelheit heimfahren, und wenigstens der Abend blieb ohne fremde Aufsicht.

In diesem Augenblick kam Martha von draußen herein, mit geröteten Wangen und außer Atem. Lene wunderte sich, wo sie um diese Zeit, trotz des Regens ohne Mantel, gewesen sein mochte.

„Wo kommst du denn her?“, fragte Richard vorwurfsvoll, als müsse Martha selbstverständlich zu Hause sein, wenn er aus der Schule kam.

„Ich war kurz bei Göstemeyers, Bohnenkaffee holen für Emma.“

Seltsam. Es musste doch noch genügend Bohnenkaffee von der Beerdigung übrig sein. Doch dann schaltete Lene blitzschnell. Die Großmutter und Emma schliefen, Ida Göstemeyer hielt auch regelmäßig ihren Mittagsschlaf, der Vater und Hermann reparierten den Traktor in der Scheune. Das war für Martha die Gelegenheit, schnell unter einem Vorwand bei den Nachbarn vorbeizuschauen in der Hoffnung, Norbert ohne seine Mutter anzutreffen.

Idas zweitältester Sohn hatte sich bei Reeker die linke Hand in der Maschine gequetscht und wartete nun ungeduldig darauf, wieder zur Arbeit gehen zu können. Aber Doktor Weyers hatte gesagt, ein paar Tage müsse er noch zu Hause bleiben.

Ida wusste nichts mit diesem Sohn anzufangen. Sie hatte in der Kirche Kerzen aufgestellt und gebetet, dass er nichts zurückbehielt, denn dann würde Reeker ihn nicht wieder einstellen. Und zwei Söhne auf dem Hof, da wusste man ja, wie das lief; erst recht, wenn man als Kriegerwitwe allein verantwortlich war. Nur gut, dass Ulrich bald den Hof übernahm, auch wenn die neue Schwiegertochter nicht gerade ein Lottogewinn war.

Ida wäre sofort aus dem Bett gesprungen, wenn sie geahnt hätte, dass Martha nicht nur wegen des Kaffees vorbeikam. Die Familie Bünting war nichts für die Familie Göstemeyer, weder was die Größe des Hofes noch was die Besitzer anging. Lene wusste zwar nicht, warum, schrieb es aber Idas Dünkel und ihrer Unzufriedenheit mit allem und jedem zu.

„Na, dann koch uns mal eine gute Tasse Kaffee, Martha.“ Emma band die Schürze fester und setzte sich an den Tisch. „Richard, die Mettwurst wird auch gegessen.“

„Ich esse nie Wurst, stimmt’s Lene?“

Emma fuhr auf: „Du isst nicht alles? Auch das wird sich jetzt ändern. Was du stehen lässt, bekommst du heute Abend wieder vorgesetzt. Also, wie sieht’s aus?“ Gehorsam schluckte Richard Stück für Stück ohne zu kauen hinunter.

Emma behielt recht. Nach drei Tagen wurde es der Großmutter im Bett zu langweilig, und sie forderte Martha auf, sie in ihren Stuhl zu setzen. Außerdem bemaß Emma die Essensportionen, die ins Schlafzimmer gebracht wurden, so knapp, dass die Großmutter am liebsten einen Nachschlag verlangt hätte. Aber das ließ ihr Stolz natürlich nicht zu.

Vor allem aber hatte die Großmutter bei angelehnter Tür gehört, dass Emma von Andreas verlangte, ein Schwein zu schlachten, solange es draußen kalt war. Emma hatte Keller und Räucherkammer inspiziert und festgestellt, dass die Fleisch- und Wurstvorräte nur bis ins Frühjahr reichten, da die Beerdigung ein unvorhergesehenes Loch in die Vorräte gerissen hatte.

Zum Ärger der Großmutter hatte Andreas sofort zugestimmt, ohne seine Mutter zuerst um Rat zu fragen.

Da der Landfunk wieder Frost ansagte, das passende Wetter für einen Schlachttermin, musste Lene zum Kleinbauer August Fligge fahren, der Milchfahrer für die Genossenschaft und auch Schlachter war. Lieber wäre es Lene gewesen, Richard hätte den Auftrag bekommen, denn Fligge war nicht nur unnahbar, um ihn kreisten auch die sonderbarsten Gerüchte. Als er ausgehungert aus dem Krieg zurückkehrte, wollte er zu Hause sofort eine Kuh schlachten, um endlich wieder einmal Fleisch zu essen. Aber seine Frau hatte sich mit Händen und Füßen gewehrt, da sie die Kuh für die Ernährung ihrer Kinder brauchte. Fligge hatte daraufhin seiner Frau mit dem Schlachtermesser gedroht, es ihr angeblich sogar an die Kehle gesetzt, wie Ida immer wieder hinter vorgehaltener Hand erzählte. „Kein Wunder, dass die Kinder den fremden Vater wieder aus dem Hause vertreiben wollten.“ Seitdem redete Fligge mit seiner Frau kein Wort mehr und mit seiner Umgebung nur das Allernötigste.

Da es kein großer Umweg war, beschloss Lene, auf dem Rückweg vom Schlachter kurz bei Zita vorbeizuschauen. Schon beim ersten Klingeln öffnete Zitas Mutter die Tür. „Ach Lene, das ist aber schade. Wir sind gerade im Aufbruch. Wir fahren zu meiner Schwester nach Köln. In dieser Jahreszeit hält man es ja hier in dem verlassenen Nest nicht aus.“

Lene starrte auf den kurzen, weiten Mantel mit Persianerkragen, die kleine Kappe, ebenfalls pelzbesetzt, die frech ins Gesicht gezogenen Locken. Mit den kirschrot geschminkten Lippen und dem Lederköfferchen, das griffbereit neben ihr stand, sah Frau Ostenhoff aus wie eine der Modedamen auf der Titelseite der Revue oder Quick. Nur dass der Hintergrund, die vielen Geweihe und ausgestopften Tiere nicht ganz dazu passen wollten. „Wo bleibst du denn, Zita?“, rief Frau Ostenhoff.

In dem Moment wurde die Schlagermusik im Obergeschoss unsanft abgestellt, und Zita kam die Treppe heruntergesprungen. „Lenchen, wir fahren nach Köln. Meine Mutter ist zwar keine gute Autofahrerin, aber um hier rauszukommen, nehme ich einiges auf mich.“

„Und die Schule? Morgen ist doch erst Samstag“, fragte Lene ungläubig.

„Wir haben Elternsprechtag.“ Zita senkte ihre Stimme: „Stimmt natürlich nicht. Aber sag es niemandem.“

„Und was ist mit dem Hochamt am Sonntag und den Italienern?“

„Verschieben wir auf die Woche drauf. Mein Favorit heißt übrigens Giovanni.“

„Und die beiden anderen Guido und Pietro.“

„Woher weißt du das denn?“, fragte Zita überrascht.

„Norbert Göstemeyer arbeitet auch bei Reeker. Er hat es Martha erzählt.“

„Komm, Zita, es wird Zeit“, drängte Frau Ostenhoff und nahm ihr Köfferchen unter den Arm. „Tschüss, Lene, bis nächste Woche.“ Damit gingen Mutter und Tochter auf den Hof, stiegen in den noch neu glänzenden VW und fuhren durch die Eichenallee davon.

Nachdenklich blickte Lene auch dann noch hinter ihnen her, als der Wagen längst nicht mehr zu sehen war.

Auf der letzten Klassenfahrt war sie drei Tage im Rheinland gewesen, Kölner Dom, Bonn und das Bundeshaus, eine Rheinfahrt zum Drachenfels. Sie erinnerte sich genau an den breiten Fluss, an einen kleinen Hund, der auf einem Lastkahn auf und ab lief, an die Frau des Kapitäns, die die Wäsche von der Leine nahm, und an einen Ausflugsdampfer, der mit seinen Rädern das Wasser in glitzernde Gischt verwandelte.

Und nun fuhr Zita einfach so nach Köln, nur weil es Mutter und Tochter hier im Dorf zu langweilig war.

3

Als Lene kurz vor zehn die Fingerspitzen ins kalte Weihwasserbecken tauchte und sich mit einem angedeuteten Kreuzzeichen zum Altar wandte, sah sie, dass die Gemeinde bereits vollzählig versammelt war. Das linke Mittelschiff hielten die Frauen besetzt, kniend oder sitzend, während die Männer auf der rechten Seite lieber ihre Knie schonten und stehend warteten, bis der Gottesdienst begann. Lene zog die Schultern nach vorn und ging so schnell, wie der dörfliche Maßstab es erlaubte, durch die schweigende Menge. Das Hochamt war etwas ganz anderes als die Acht-Uhr-Messe, die vornehmlich von Kindern und von den Erwachsenen besucht wurde, die ihre Sonntagspflicht möglichst schnell hinter sich bringen wollten. Im Hochamt ging es feierlich zu wie im Theater. Man sah, und man wurde gesehen. Das war das eigentliche Spektakel, während die Handlung am Altar und der Weihrauch am Ende nur die bekannte Kulisse bildeten.

Unauffällig hielt Lene nach Zita Ausschau. „Setz dich nicht zu weit nach vorn“, hatte Zita gesagt, „da sehen wir nichts.“ Hildchen Schöpker, mit frischer Dauerwelle und großzügig mit Kölnischwasser einparfümiert, rückte zur Seite und überließ Lene das Bankende. Zita würde wieder zu spät kommen und sich dann seelenruhig einen Aussichtsplatz in der Mitte suchen, anstatt sich schnell und leise in das halbleere Seitenschiff zu setzen, wie es sich für Zuspätkommende gehörte. Ida Göstemeyer hatte wiederholt von Zitas sonntäglichen Auftritten erzählt, und die Großmutter hatte gleich darauf auf den schlechten Einfluss hingewiesen, den dieses Mädchen doch auf Lene hatte. Aber natürlich hatte die Großmutter mit dem Vorwurf gewartet, bis die Nachbarin außer Hörweite war, denn Ida in Familienangelegenheiten einzubeziehen, daran war nicht zu denken.

Die Glocke an der Sakristeitür läutete; in betont langsamem Schritt bemühten sich die Messdiener, würdevoll vor Pfarrer Terbecke an den Altar zu gehen. Die Orgel setzte ein: „O Haupt voll Blut und Wunden“.

„Ach ja, Fastenzeit“, dachte Lene, stand auf und stimmte in die erste Strophe mit ein, als plötzlich eine Woge der Unruhe die Kirchengemeinde von der letzten bis zur ersten Reihe erfasste. Die Köpfe drehten sich zur Seite, ohne dass jemand im Gesang innehielt. Aber in den Augen spiegelte sich ein deutlich weltlicheres Interesse.

Nur Lene schaute geradeaus zum Altar, als ginge sie das alles nichts an.