Freude pur! - Friederike von Buchner - E-Book

Freude pur! E-Book

Friederike von Buchner

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Beschreibung

Diese Bergroman-Serie stillt die Sehnsucht des modernen Stadtbewohners nach einer Welt voller Liebe und Gefühle, nach Heimat und natürlichem Leben in einer verzaubernden Gebirgswelt. Auf sehr spezielle, romantische Weise findet Toni, der Hüttenwirt seine große Liebe in einer bezaubernden Frau, die aus einer völlig anderen Umgebung stammt als der markante Mann der Berge. Sie lernt durch ihn Schönheit und Idylle seiner Heimat kennen und lieben. Gemeinsam eröffnen die beiden allen Besuchern die Werte und Besonderheiten ihres Lebens auf der Alm. Romantik, Beschaulichkeit, dramatische Spannung und feinsinnige Gespräche: Das ist die Welt von Toni, dem Hüttenwirt, der sich niemand entziehen kann. Tassilo Graf von Teufen-Thurmann saß allein in der Schlossküche am Tisch. Die Morgensonne fiel durch die offenen großen Türen, die in den Garten führten. Er griff nach der Zeitung und blätterte sie lustlos durch. Immer wieder schaute er zur Wanduhr. Es war kurz vor halb sieben Uhr. Endlich hörte er Zensis kleines Auto. Er kannte das Motorengeräusch gut. Dann schlugen zwei Autotüren zu. Augenblicke später kam Zensi herein. Sie begrüßten sich herzlich. Demonstrativ blickte Tassilo auf seine Armbanduhr. »Dir hat es wohl zu lange gedauert?«, sagte Zensi. »Bella sollte um sechs Uhr nüchtern in der Praxis zur Blutabnahme. Martin wollte sie als Erste drannehmen. Aber es ging jemandem nicht gut. Sascha hatte heute Nacht einen Notfall auf der Bettenstation aufgenommen. Der Moorhuber hatte was mit der Galle. Deshalb machten Sascha und Martin zuerst Visite.« »Du kennst mich, ich bin an unser morgendliches Ritual gewöhnt.

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Seitenzahl: 122

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Toni der Hüttenwirt Extra – 78 –Freude pur!

Mit dieser Überraschung hatte keiner gerechnet

Friederike von Buchner

Tassilo Graf von Teufen-Thurmann saß allein in der Schlossküche am Tisch. Die Morgensonne fiel durch die offenen großen Türen, die in den Garten führten. Er griff nach der Zeitung und blätterte sie lustlos durch. Immer wieder schaute er zur Wanduhr. Es war kurz vor halb sieben Uhr.

Endlich hörte er Zensis kleines Auto. Er kannte das Motorengeräusch gut. Dann schlugen zwei Autotüren zu.

Augenblicke später kam Zensi herein.

Sie begrüßten sich herzlich. Demonstrativ blickte Tassilo auf seine Armbanduhr.

»Dir hat es wohl zu lange gedauert?«, sagte Zensi. »Bella sollte um sechs Uhr nüchtern in der Praxis zur Blutabnahme. Martin wollte sie als Erste drannehmen. Aber es ging jemandem nicht gut. Sascha hatte heute Nacht einen Notfall auf der Bettenstation aufgenommen. Der Moorhuber hatte was mit der Galle. Deshalb machten Sascha und Martin zuerst Visite.«

»Du kennst mich, ich bin an unser morgendliches Ritual gewöhnt. Mir fehlt etwas, wenn wir nicht unseren frühen Kaffee zusammen trinken.«

Zensi schmunzelte.

»Tassilo, jetzt hast du den gleichen Gesichtsausdruck drauf, den du schon als kleiner Bub hattest, wenn etwas nicht nach deinem Kopf ging.«

»Mei, ich bin nicht ärgerlich.«

Zensi legte ihr Schultertuch ab und legte es längs zusammen. Dann hängte sie es über die Lehne ihres Stuhles.

»Also, dass du schlechte Laune hast, das lasse ich mir nicht nehmen. Es ist ja auch kein Wunder, wenn du dir nur Pulverkaffee gemacht hast«, sagte Zensi. »Du brauchst am frühen Morgen einen aufgebrühten Kaffee. Warum hast du dir nicht selbst einen gemacht? Du musst doch nur Kaffeepulver mahlen und davon in die Kanne geben. Anschließend gießt du kochendes Wasser drüber. Du weißt doch, wie es geht.«

Zensi nahm Tassilos fast noch vollen Kaffeebecher und goss ihn aus.

»Weg mit der Brühe!«, sagte Zensi.

Sie gab in die mechanische Kaffeemühle eine Handvoll Kaffeebohnen und reichte sie Tassilo.

»Mahlen!«, sagte die knapp.

Nach dem ersten Schluck guten Kaffees hellte sich Tassilos Stimmung merklich auf. Er lächelte.

»Das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht«, bemerkte er.

»Ja, du bist ein Gewohnheitsmensch, mein lieber Tassilo«, schmunzelte Zensi. »Dabei spielt der Kaffee keine große Rolle. Dich hat einfach gestört, dass ich nicht da war. Gib es zu!«

Tassilo konnte ein verlegenes Lächeln nicht unterdrücken.

»Ja, ich gebe es zu. Seit ich denken kann, habe ich früh am Morgen mit dir hier am Tisch gesessen. Als kleiner Bub hast du mir heiße Schokolade gemacht. Kaffee bekam ich erst später. Dieses Ritual gehört zu meinem Leben.«

»Ach, mein Bub!«, sagte Zensi leise.

Für einen Augenblick liefen die Erinnerungen wie ein Film vor ihrem geistigen Auge ab. Sie begannen mit dem Tag, als sie als junges Madl ins Schloss geholt wurde, um für das Baby zu sorgen. Damals hatte sie gerade die Schule beendet. Die Jahrzehnte vergingen schnell. Sie erfuhr erst Jahre später, dass der kleine Graf Tassilo ihr wesentlich jüngerer Vetter ist. Viele Jahre bewahrte sie dieses Geheimnis, bis es entdeckt wurde. Zensi Leben veränderte sich sehr, als sie Gräfin Vinzenzia wurde. Tassilo bestand nämlich darauf, dass sie sich auch wie eine Gräfin verhielt. Die Veränderungen waren groß. Inzwischen hatte sie sich daran gewöhnt, dass sie im Seitenflügel im Erdgeschoß des Schlosses eine große Wohnung hatte. Sie hatte auch ihren Frieden gemacht mit Tassilo Geschenken, dem Klavier und dem kleinen Auto.

Auch ihre Beziehung zueinander hatte sich verändert. Sie war noch inniger geworden. Schon vorher war Zensi die graue Eminenz im Schloss gewesen, die alles lenkte und in jeder Beziehung dafür sorgte, dass es allen gut ging. Das waren Tassilos Frau Otti, sein Adoptivsohn Tom, seine Frau Julia und ihr gemeinsamer Sohn Tim. Tim war jetzt schon erwachsen und lebte mit seiner Freundin Jenny zusammen. Die beiden passten gut zusammen. Sie teilten die Liebe zur Musik. Tassilo konnte sicher sein, dass Tim und Jenny die von ihm aufgebaute Musikproduktionsfirma mit Erfolg weiterführen würden.

»Zensi, wo bist du mit deinen Gedanken oder willst du meine Frage nicht beantworten?«, sagte Tassilo laut.

Sie erschrak.

»Entschuldige, ich war in Gedanken. Was hast du gefragt?«

»Ich habe gefragt, wie es bei Martin war. Ist er mit Bellas Befinden zufrieden? Ich finde, sie hat sich großartig erholt.«

»Ja, sie hat auch mehrere Kilos zugenommen. Das war auch dringend notwendig. Das Madl war fast magersüchtig«, antwortete Zensi. »Martin hat ihr Blut abgenommen für ein großes Blutbild. Er ist mit ihrem Gewicht jetzt zufrieden. Er hat ihr noch einmal ins Gewissen geredet, dass sie nie mehr am Essen sparen solle. Wenn man zu wenig auf den Rippen hat, kommt der Hormonhaushalt durcheinander. Er hat ihr alles noch einmal erklärt. Bella war sehr vernünftig. Sie hat eingesehen, dass sie normalgewichtig sein muss, damit ihr Kinderwunsch in Erfüllung geht.«

»Das ist gut. Bella ist ein liebes Madl. Sie ist fleißig und freundlich. Vor allem hat sie Humor. Ja, sie passt hierher«, sagte Tassilo.

»Richtig, seit einer Woche steht sie als Haushälterin unserem Haushalt vor. Ich bin mehr als beeindruckt, Tassilo. Sie macht ihre Sache außerordentlich gut.«

»Dann bist du entlastet, Zensi. Ich habe beobachtet, dass du wirklich losgelassen hast.«

Zensi seufzte.

»Ja, das habe ich. Du hast mich überzeugt, Tassilo. Es ist immer so, dass man denkt, ohne einem geht es nicht. Ich habe dem Haushalt so lange vorgestanden, dass ich es mir nicht vorstellen konnte, dass mich irgendwer ablösen könnte. Aber als ich Bella kennenlernte, war mir sofort klar, das Madl ist richtig. Sie erinnert mich ein bisserl an mich selbst, als ich jung war. Damals hat mich deine Mutter gebeten, dem Haushalt vorzustehen. Ich war im Anfang genauso unsicher wie Bella, obwohl ich schon viele Jahren im Schloss lebte und verschiedene Aufgaben übernommen hatte, nachdem du mich nicht mehr brauchtest.«

Tassilo lächelte.

»Du warst immer mein guter Geist, Zensi.«

Sie lächelte und sagte: »Ich hoffe, Bella bleibt lange hier. Alle, die wir beschäftigt hatten, gingen bald, weil sie heirateten, zum Beispiel.«

»Nun, ich denke, Bella wird auch bald heiraten. Sie und Bernd wollten doch heiraten wegen der Schwangerschaft. Doch das war ein Fehlalarm. Was ist jetzt mit ihren Heiratsplänen?«, wollte Tassilo wissen.

Zensi zuckte mit den Schultern.

»Bella hat in den letzten Wochen kein Wort darüber verloren. Ich weiß nicht, welche Pläne die beiden haben. Sie sind zufrieden, wie ihr Leben im Augenblick läuft. Bernd hat die Stelle als Schmied und Hufschmied auf dem Reiterhof. Bella arbeitet hier. Wir haben ihnen das alte Gärtnerhaus überlassen. Nett haben sie es eingerichtet. Eigentlich ist so, wie es bei einem Ehepaar sein sollte. Ich weiß wirklich nicht, wie sie zum Thema Heirat stehen, Tassilo.«

»Aber du machst dir Gedanken darüber. Dir gefällt es nicht, dass die beiden in wilder Ehe leben. Gib es zu, Zensi!«

Zensi seufzte.

»Tassilo, ich gebe nur zu, dass ich mich in diesen Dingen in der modernen Zeit schwertue. Ich bin dazu zu traditionell. Ich will Bella und Bernd deswegen nicht verurteilen. Denn dann müsste ich auch einen Groll gegen Tim und Jenny hegen. Wie denkst du darüber, dass dein Enkel mit Jenny in wilder Ehe lebt?«

Tassilo schmunzelte.

»Mit Tim und Jenny ist es etwas anderes. Sie waren noch in der Schule, als sie sich verliebten. Die beiden haben uns alle überrumpelt. Erinnerst du dich, als Tim eines Abends nach dem Abendessen erklärte, Jenny werde jetzt öfters hier übernachten. Eigentlich sei das als Übergang, als eine Art Probezeit gedacht, bevor Jenny hier einzieht. Es sei einfach praktischer, da sie dann mehr Zeit hätten zum Musizieren.«

»Ich erinnere mich gut, Tassilo. Und es ging gut mit den beiden. Jenny hatte einen positiven Einfluss auf Tim. Sie hat darauf geachtet, dass er für sein Abitur lernte. Richtig herangenommen hatte sie ihn und der Erfolg gab ihr recht. Ich hätte nie gedacht, dass Tim sich Jenny so …, ich will sagen, anpassen würde.«

»Das stimmt. Tim hat von Jenny Disziplin gelernt. Sie tat ihm gut. So sind die jungen Leute heute, sie testen sich, bevor sie vor den Traualtar treten. Übrigens, es gibt mehr dieser modernen Lebensperspektiven. Franziska, die Adoptivtochter von Toni und Anna, lebt schon einige Jahre mit Lukas Meininger in Norddeutschland. Er ist dort Verwalter in einem landwirtschaftlichen Betrieb mit Gestüt. Franziska arbeitet ebenfalls dort. Sie ist mehr Haushälterin der alten Besitzerin und leistet ihr auch Gesellschaft.«

»Das stimmt, Tassilo, aber Toni und Anna sind darüber nicht sehr glücklich. Die beiden schmieden keine Heiratspläne. Franziskas Bruder Sebastian ist verheiratet, Sophie ist hochschwanger. Tonis Tochter aus Norwegen ist verheiratet. Nur Franziska tanzt aus der Reihe. Ella Waldner hat mir erzählt, dass Franziska böse wird, wenn sie zu Besuch kommt, denn dann sprechen Toni und Anna jedes Mal das Thema Hochzeit an. Ella Waldner weiß es von Alois. Alois und Addi versuchen dann, die Wogen zu glätten.«

»Das wusste ich nicht. Ich dachte, Toni und Anna verstehen sich so gut mit den Kindern«, wunderte sich Tassilo.

»Das tun sie auch. Aber dass Lukas und Franziska eine Heirat ablehnen, gefällt ihnen ganz und gar nicht. Nun gut, eigentlich lehnen sie eine Heirat nicht direkt ab, sie wollen nur noch damit warten. Toni ist ein Familienmensch und Anna eine Glucke. Sie hätte ihr Madl gern unter der Haube.«

»Und was sagen die Meiningers dazu, Lukas Eltern?«, fragte Tassilo.

Zensi zuckte mit den Schultern.

»Wie Lukas Eltern darüber denken, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass der Pachtvertrag für den Bichler Hof verlängert wurde. Klar ist nur, dass Franziska ihn später einmal weiterführen wird. Denn er war ihre Heimat, bevor ihre Eltern verunglückten und sie und ihr Bruder Waisen wurden. Franziska und Sebastian haben sich verständigt. Franziska wird später den Hof übernehmen und weiterführen.«

»Wie lange ist das jetzt schon her mit dem Unfall am Fuß des Höllentors?«, überlegte Tassilo laut.

»Es werden bald zwanzig Jahre. Sebastian war damals zwölf und Franziska neun Jahre alt, als Toni und Anna sie adoptiert haben.«

»Mei, Zensi, wie die Zeit vergeht«, seufzte Tassilo.

»Das stimmt. Wir beide werden auch nicht jünger, auch wenn ich mein Alter nicht spüre. Im Kopf bin ich immer noch das junge Madl von damals. Dass ich älter geworden bin, fällt mir nur auf, wenn ich feststelle, dass vieles heute so locker ist. Es gibt weniger Traditionen. Dabei sind Traditionen das, was alles zusammenhält. Klar gibt es immer einen Wandel. Dagegen habe ich nichts. Aber nicht alles Alte ist schlecht und nicht alles Neue ist gut.«

»Wie sagt man: ›Tradition ist nicht das Festhalten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme.‹ Es ist nicht immer schlecht, wenn sich die Tradition wandelt.«, sagte Tassilo.

»Ich weiß, was du meinst. Trotzdem habe ich gehofft, dass Bella und Bernd heiraten. Sie schmieden so gar keine Hochzeitspläne.«

»Vielleicht haben sie es doch vor, Zensi? Hast du Bella gefragt?«, fragte Tassilo.

Zensi schüttelte den Kopf.

»Nein, ich wollte das Thema erst ansprechen, wenn es Bella gesundheitlich wieder gut geht. Sie war wirklich schwach und ihre Blutwerte waren sehr schlecht. Dazu kam, dass sie sich schämte. Ich habe einen Verdacht.«

»So welchen, Zensi? Sag schon!«

»Ich habe den Verdacht, dass Bella vorläufig nicht heiraten will. Sie will erst heiraten, wenn sie wieder schwanger ist oder wenn das Kindl dann auf der Welt ist.«

»Das ist doch Unsinn!«, platzte Tassilo heraus. »Bildet sie sich ein, sie würde nie Kinder haben können?«

Zensi legte die Stirn in Falten.

»Ich vermute so etwas. Es ist mehr ein Bauchgefühl.«

»Nun, ich schätze deine Ahnungen, will ich mal sagen. Aber was könnte dahinterstecken? Denkt sie, die Liebe zwischen ihr und Bernd sei davon abhängig, ob sie ein Kind bekommt?«

Zensi zuckte mit den Schultern.

Sie sahen sich ernst an.

»Zensi, du weißt, wie das bei Otti und mir gewesen ist. Ich habe sie geliebt und wir haben geheiratet. Unsere Ehe blieb kinderlos. Doch unsere Liebe endete nie. Wir litten gelegentlich darunter, dass wir keine Kinder hatten. Doch dann wuchs Tom bei uns auf. Seine alleinerziehende Mutter war eine vielbeschäftigte Künstlerin und hatte ihn ins Internat gegeben. Er war dort sehr unglücklich. Es kommt vor, dass sich begabte und erfolgreiche Künstlerinnen nur auf ihre Karriere konzentrieren. Sie mochte Tom und wollte nur das Beste für ihn. Sie war erleichtert, als Otti und ich Tom als Ziehsohn aufnahmen. Tom hat sich viel Zeit gelassen, bis er zustimmte, dass wir ihn adoptieren. Erst nach seiner Heirat mit Julia wurde er unser Bub. Im anderen Fall hätten wir sehen müssen, wie es eines Tages mit den Grafen von Teufen-Thurmann weitergeht.«

»Ich weiß, Tassilo, ich habe alles miterlebt. Früher wurde Druck auf die Madln ausgeübt. Hatte sich der Hoferbe verliebt, dann hatte das Madl die Aufgabe, die nächste Generation zu sichern. Je größer der Hof war, desto höher der Druck. Eine Schwiegertochter, die keinen Erben in die Welt setzte, hatte einen schweren Stand. Sie war wertlos, hart gesagt. Für die Burschen war es auch nicht leicht. Sie konnten sich nicht einfach verlieben und heiraten. Sie mussten sicher sein, dass das Madl Nachwuchs bekommen würde. Schlimm war das damals mit der Doppelmoral. Liebe vor der Ehe galt als schwere Sünde. Aber jeder drückte ein Auge zu, wenn zum Fensterln die Leiter am Haus stand. Eine schwangere Braut war erwünscht. Zum Glück sind diese Zeiten vorbei. Aber ich weiß nicht, was in Bellas Kopf herumschwirrt.«

Sie nippten an ihrem Kaffee.

»Ich habe Bernd Winkler nur kurz kennengelernt«, sagte Tassilo. »Ich denke, er liebt Bella. Er ist ein fleißiger bodenständiger ehrlicher Bursche.«

»Das stimmt. Bella geht Bernd über alles. Er trägt sie auf Händen. Dabei hat er Krach mit seinen Eltern. Denen ist Bella nicht gut genug.«

»Ich weiß, du hast es mir erzählt. Er ist deswegen aus dem Familienbetrieb ausgeschieden.«

»Ich frage dich, Tassilo, könnte es nicht sein, dass Bella inzwischen von sich selbst eine schlechte Meinung hat oder immer noch? Sie hat die Kurse im Institut Villa Lohe gemacht und mit Auszeichnung bestanden. Sie müsste stolz auf sich sein. Vielleicht ist an die Stelle der Minderwertigkeitsgefühle, die sie früher hatte, jetzt die Angst getreten, sie könnte keine Kinder bekommen?«