Freundeführer - Mausi Horn - E-Book

Freundeführer E-Book

Mausi Horn

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Beschreibung

Sehnen Sie sich nach Schnulzen, Schmonzetten, heile Welt Geschichten? Falls ja, sind Sie hier falsch. Die 48-jährige introvertierte Barbara gerät durch Zufall in ein sogenanntes Partnervermittlungsportal. Ihr bisheriges nach außen idyllisches Familienleben, mit Ehemann und zwei minderjährigen Kindern, kommt infolgedessen völlig vom Kurs ab. Ob sie ihre Peiniger ausschalten darf, fragt sie sich eines Tages nicht mehr. Sie beginnt zu handeln. Und doch kommt alles anders als gedacht. Gesellschaftlich tabuisierte Grauzonen diverser Charaktere werden beleuchtet. Frei erzählt, zum Teil basierend auf wahren Begebenheiten. Provokant - ungeschönt beklemmend - polarisierend WARNING: For adults only! - oder - wer noch nicht ahnt, worauf er sich mit dieser Geschichte einlässt ...

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Seitenzahl: 248

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Die Autorin

Mausi Horn, gegen Mitte der 1960er Jahre in Emsdetten geboren, ist aufgewachsen in einem Ortsteil von Rheine, einem landwirtschaftlich geprägten Dorf mit circa 2000 Einwohnern. Nach dem Realschulabschluss begann sie eine Ausbildung zur Einzelhandelsfachverkäuferin im Bereich Textil. Neun Jahre nach dem ersten Schulabschluss besuchte sie ein Abendgymnasium, wo sie drei Jahre später das Abitur mit der Note 1,8 bestand. Anschließend studierte sie für das Lehramt der Sekundarstufen I und II an der WWU Münster. Derzeit ist sie im Online-Handel tätig.

Horn hat einen volljährigen Sohn, der mit ihr zusammen im Münsterland lebt.

Vorliegender Entwicklungsroman, welcher sich hauptsächlich um die ambivalente Negativheldin Barbara rankt, ist ihr Erstlingswerk.

„Der Mensch ist von Natur aus böse!“

(Thomas Hobbes)

Inhaltsverzeichnis

Seine Hochwohlgeboren

Erste Fahrt zu Frank

Jörgs Ende

Letzte Fahrt zu Frank

Die bordeauxrote Ledercouch ist kalt. Es riecht muffig.

So ein modriger Geruch, wie er entsteht, wenn ein großes alleinstehendes Zweifamilienhaus, verblendet mit gelben Ziegelsteinen, wie es für die Bauphase der 1970er bzw. -80er Jahre typisch ist, nur wenig bewohnt und äußerst spärlich beheizt wird. Der Bewohner, der als einziger von der ursprünglichen Bauern-Großfamilie übrig geblieben ist, ist überzeugt, ein männlicher Mann zu sein. Daher bleiben die Heizkörper unterkühlt, während er seinem viel zu gut bezahlten Job nachgeht.

Er ist Filialleiter in einem bundesweit etablierten bedeutungsvollen Betrieb, in dem Naturkosmetik hergestellt wird. Apotheken, Drogerien, Supermärkte rufen die Produkte im Anschluss ab.

Viel zu gut bezahlt, weil er sich seine ach so stressige Arbeitszeit häufig mit dem Surfen in Internetportalen vertreibt, um eine potentielle neue Lebenspartnerin zu finden. Private Mails und Kurznachrichten werden währenddessen ebenfalls erledigt. All das toleriert wissentlich die Arbeitgeberin.

Seit neun Jahren ist Frank, besagter Filialleiter, geschieden und auf der Suche. Dieses Faktum hätte mir anders zu denken geben müssen!

Leo, ein in die Jahre gekommener russischer Terrier-Rüde, liegt auf meinen Füßen. Er mag mich seit unserer ersten Begegnung. Kurz und gefühllos streichle ich sein grauschwarzes Fell, das seit zahllosen Tagen nicht mehr gebürstet wurde. Unter den Modergeruch der feuchten schlecht gelüfteten Wohnung mischt sich sein Hundegestank. Frank geht nicht sehr pfleglich mit ihm um.

Aus dem Maul dringt ein schier unerträglicher Geruch aus schwefelhaltigen Faulgasen.

Bakterien und Enzyme leisten ganze Arbeit mit den Speiseresten auf seiner Zunge und zwischen den Zähnen.

Ich sitze im Dunkeln und warte.

Meine frostigen Hände vergrabe ich tief in den großen Taschen meiner weichen seidig schimmernden jeansblauen Levi‘s-Daunenjacke. Die Finger der rechten Hand ertasten etwas eisig Metallisches, zum Teil mit angerautem Kunststoff abgesetzt. Reflexartig umschließt meine Hand den Gegenstand.

Erstaunt bin ich über meine innere Ruhe und Gelassenheit. Seit meiner frühesten Kindheit war ich nicht mehr so sehr mit mir selbst im Einklang. Diese Ausgeglichenheit, die an Gleichgültigkeit grenzt, ist purer Genuss. Ein Zustand, wie man ihn üblicherweise unter Drogeneinfluss erlangt.

Stocknüchtern bin ich und so klar und zielgerichtet in meinem Denken und Handeln wie nie zuvor in meinem Leben.

Warum erst jetzt?

Andächtig streife ich die nachtblauen dünnen ledernen Fingerhandschuhe aus der linken Jackentasche über meine Hände.

Meine Gedanken tragen mich zu dem Punkt, als alles begann, Anfang April, vor fast auf den Tag genau zehn Monaten.

Die letzten 10 Minuten Freikampf haben mich unvorstellbar fertig gemacht. Der Schweiß strömt aus jeder einzelnen Pore. Mein Kopf ist ein roter heißer Dampfkessel kurz vorm Bersten. Eigentlich müsste jetzt ein Notventil öffnen und laut Alarm pfeifen.

Auf dem Rücken über der Wirbelsäule spüre ich, wie sich ein kleines Rinnsal bildet und sich kitzelnd seinen Weg hinunter in die Ritze zwischen den Pobacken bahnt, bis es am Schließmuskel meines Anus' stoppt.

Ich nehme meine Sporttasche mit den verschwitzten Safeties drin, gehe barfuß mit ausgepowerten bleiernen Beinen zum Ausgang, drehe mich um, bleibe stehen, lege meine rechte Hand aufs Herz, die nackten Füße parallel dicht beisammen auf dem Linoleumboden und verbeuge mich vor den drei Fahnen, bevor ich zeitnah mit meinen Trainingspartnern den Dojang verlasse. Eine Flagge symbolisiert Südkorea, wo Taekwondo entwickelt wurde, eine Deutschlandflagge zeigt unseren Standort. Die dritte Fahne, erhöht in der Mitte, steht für unsere Kampfsportschule. Mit dieser Verneigung schwört jeder Taekwondoin, die erlernten Angriffs- und Abwehrtechniken außerhalb des Trainingsraumes niemals grundlos anzuwenden oder zu missbrauchen.

Vor den Duschen herrscht großer Andrang. Den speziell gebundenen Knoten meines rot-schwarzen Gürtels löse ich, streife mir zuerst das Oberteil, dann die Hose des weißen Doboks ab. Der weiße Sport-BH ist triefend schweißnass, genau wie der Slip.

Endlich ist eine Dusche frei. Das lauwarme Wasser dringt durch die Haare auf die Kopfhaut, ergreift den gesamten Körper. Es macht die Strapazen vergessen. Ich schließe die Augen und genieße diese Wohltat.

Herrmann thront wie immer souverän in seinem Chefsessel hinter dem großen hölzernen Schreibtisch im Aufenthaltsraum seiner Taekwondo-Schule. Der Schreibtisch ist sein Gesellenstück. Nach dem Abitur hatte er eine Ausbildung zum Tischler absolviert, vor weit mehr als zwanzig Jahren. Für jemanden, der eine asiatische Kampfsportart lehrt, weist Herrmann eine passende Körperhöhe von 171 cm auf.

Er trägt heute seinen besonderen Kampfanzug mit einigen nationalen und internationalen Auszeichnungen, die sich gut sichtbar als Aufnäher im Schulterbereich rechts und links neben dem schwarzen Kragen befinden.

Seit ungefähr sechs Jahren kennen wir uns.

Damals hatte ich für meine Zwillinge Paul & Paula, als sie in der dritten Grundschulklasse waren, eine sinnvolle sportliche Freizeitaktivität gesucht. Ihr bisheriger Sport, Schwimmen im Verein, weckte bei ihnen nicht länger die nötige Begeisterung.

Direkt nach dem ersten Probetraining in der Kampfsport-Kindergruppe waren sie fasziniert. Ihnen wurde der Weg gezeigt, jemand schien zu wissen, worauf es im Leben ankommt. Die strenge Disziplin und das unbedingte Einhalten klarer Regeln bildeten einen Gegenpol zu ihrem sonst eher zügellosen, ungestümen Wesen.

Mein Mann Jörg hatte mich ein paar Mal begleitet, um durch die riesigen Panoramascheiben beim Training unserer Kinder zuzuschauen. Irgendwann bemerkte Herrmann, dass Jörg und ich selbst begeistert waren von dieser Kampfsportart. Er lud uns zu einem unverbindlichen Probetraining für Erwachsene ein. Nach anfänglichem Zögern stimmte ich zu. Vier Trainingsstunden später waren auch wir infiziert.

Herrmann ist Träger des vierten Dan und mehrfacher Weltmeister im Bruchtest. Seine Spezialdisziplin besteht darin, mit einem Yob-Chagi große freistehende Hohlziegel zu durchtreten. Dazu steht man so, dass die Ferse des Standbeinfußes zum Ziel zeigt. Der andere Fuß wird dermaßen angespannt, dass die Zehen extrem nach oben biegen, um so die Fußkante zu straffen. So gespannt, wird der Fuß erst blitzschnell zum Knie des Standbeins gezogen und vom Knie aus ohne Unterbrechung mit der äußeren Längsseite Richtung Ziel getreten. Konzentration und Geschwindigkeit sind hierbei entscheidend, damit der Stein gespalten wird.

Ich nehme mir einen Klappstuhl aus dem Zuschauerraum und setze mich zu Herrmann an den Schreibtisch. Außerhalb des Dojang hat sich ein sehr freundschaftliches Verhältnis zwischen uns entwickelt. Er erzählt mir, dass er nun eine neue Frau suchen wolle, da seine Beatrice ihn und die drei Jungs vor fünf Monaten endgültig verlassen habe, nach fast 19 Jahren Ehe, wegen eines anderen Mannes.

Zunächst geschockt frage ich ihn, wie er das anstellen wolle mit der neuen Frau, es gibt schließlich keinen Supermarkt, in dem man eine kaufen könne oder so. Kurz und knapp schildert er mir, dass dank Internet genügend Angebote vorhanden seien.

Naive Neugier keimt in mir.

Zuhause angekommen, stelle ich meine Trainingstasche mit den total verschwitzten Safeties samt Dobok mitten auf den grau-weißen Steinfliesen im Wohnzimmer ab, setze mich auf einen mit schwarzem Kunstleder bezogenen Schwingstuhl an den großen rechteckigen Esstisch aus Massivholzbuche und fahre mein Notebook hoch. Im Haus ist alles ruhig. Jörg und die Kinder scheinen schon zu schlafen. Ich klicke mich auf das so bezeichnete Partnervermittlungsportal FREUNDEFÜHRER, in dem Herrmann sich angemeldet hat. Unbedingt möchte ich ihn finden und sehen, wie er sich dort präsentiert.

Hm, zunächst muss ich mich selbst registrieren und mir ein Pseudonym ausdenken. Okay, ja, also, wie wäre es mit „rhabarber“, weil ich ja Barbara heiße? – Shit, gibt’s schon. Dislike. Ich probiere aus. Gut, „rhabarber0815“ ist noch frei. Perfekt.

Circa eine dreiviertel Stunde später habe ich mein komplettes Profil erstellt und die meisten der ominösen 25 Fragen beantwortet, einschließlich höchstakademischem psychologischem Beziehungstest, der mir ausweist, wie ich emotional gestrickt bin und wie mein potentieller Partner drauf sein muss, damit es mit der wahren großen ewigen Liebe klappt.

Ja, Leute, diesen Schwachsinn will ich doch gar nicht. Ich möchte nur Herrmann finden! Hilfreich wäre nun, sein Pseudonym zu kennen. Scheidet aus, weil ich weder indiskret noch wissend genug war, ihn danach zu fragen.

Die obere Leiste sticht ins Auge: Partnerroulette. Aha, was ist das denn? Angeklickt – es erscheinen unzählige Fotos von Suchenden, auch Frauen. Wie bekomme ich zumindest die weibliche Klientel da raus?

Rechts lässt sich mit ein paar Häkchen elegant die Suche eingrenzen, auch nach örtlicher Reichweite. Sooooo, dann rotiere ich weiter durch die angebotenen Fotos, und das, obwohl ich selbst gar keins hochgeladen habe. Klick, klick, klick ... freundlicher Hinweis, dass ich doch überlegen solle, ob eventuell nicht doch schon ein geeigneter Kandidat unter den präsentierten gewesen sein könnte, aber nein, einfach weg gedrückt, weiter geht’s ... und ... siehe da, da ist er ja!

Ja, echt jetzt, das ist Herrmann, einfach unglaublich. So leicht, ihn zu finden.

Wie preist er sich denn der virtuellen Damenwelt hier an?

Beeindruckendes Profilfoto. Er sitzt im Spagat unangestrengt locker auf einem Brückengeländer und trägt seinen weißen Dobok mit dem schwarzen Gürtel. Für meinen Geschmack etwas zu dick aufgetragen. Sein Motto besteht überwiegend aus einer Aneinanderreihung verschiedener Zitate aus seinen Lieblingskinofilmen, die er aber zum Teil noch mit eigenen Worten aufgreift und näher erläutert. Weiter vertiefe ich mich in seine Antworten auf die 25 Fragen nach Traumfrau, Persönlichkeit, Hobbys, Umfeld ...

Plötzlich blinkt es oben links wie wild. Drei Chat-Anfragen. Für mich? Kerle, ich will nichts von euch, will nur gucken und dann bin ich hier wieder raus und tschüss. Könnt ihr alle nicht lesen, Status: verheiratet! Ups, number four. Jetzt bin ich richtig neugierig. Klicke den ersten an. Er nennt sich „zarte_hände“. Er schreibt „hallo du nah auch so späht noch unterwegs“. Am liebsten würde ich ihn fragen, ob er schon mal etwas von Orthographie und Syntax gehört respektive gelesen hat.

Dessen ungeachtet spüre ich eine leichte Erregung in mir. Wahrscheinlich der Reiz des Unbekannten.

Ich: „Nö, bin nicht unterwegs, sitze zuhaus an meinem Notebook.“

Er: „was suchst“.

„Ähm, eigentlich nichts, hab nur mal geschaut.“

„wonach genau bist verheiratet“

Ist das nun eine Frage oder späte Erkenntnis seinerseits?

„Du doch auch, wonach suchst du denn hier?“

„keine briffreundin“

„Sondern?“

„eine die gerne frau ist“

„Was verstehst du darunter?“

„trägst gerne sommerkleider und highheels“

„Äh, nee, ich bevorzuge eher Jeans und bequeme Schuhe.“

„zeig mal foto bist schlank oder fett“

„Sei mir nicht böse, aber ich denke, wir beenden das Ganze hier jetzt. Viel Erfolg bei deiner weiteren Suche.“

„bin nie böse hast skype oder sms dann schick ich dir fotos heise jürgen und du“

Ich drücke ihn weg. Er gibt nicht auf und blinkt mich weiter an.

Oh no, es sind inzwischen sieben. Alles, obwohl ich kein Foto im Profil habe, nicht einmal ein verdecktes, wie es für den ultimativen Erfolg empfohlen wird.

Das Blinken macht mich nervös. Andererseits fühle ich mich begehrt wie seit Jahren nicht mehr. Ein Hauch von Euphorie mischt sich unter meine Emotionen. Ich muss ausprobieren, was geschieht, wenn ich ein Foto hochlade, welche Wirkung es auf die Männerwelt hat.

Die Festplatte durchsuche ich. Hm, entscheide mich für drei.

Eins zeigt mich mit 16, wunderschönes, sehr leicht gewelltes rückenlanges glänzendes mittelbraunes Haar mit leichtem Rotschimmer.

Das hatte ich damals für Jörg bei einem Profifotographen machen lassen. Jörg wollte es gerne, weil er zu dem Zeitpunkt als frisch gebackener Zeitsoldat in imponierender Uniform bei den Heeresfliegern stationiert war.

Früher dachte ich rein romantisch, er wollte mich immer bei sich haben und an mich denken, wenn er von zu Hause weg war. Heute weiß ich, er brauchte es nur, um vor seinen Kameraden nicht als Einziger ohne Freundin dazustehen. Sonst wäre er in der Kaserne weiter gemobbt worden.

Einer seiner Dienstkollegen ließ es mich wissen während unserer Hochzeitsfeier, als wir lange zusammen getanzt haben.

Das zweite ist von meinem Perso, ca. 42 bin ich auf der Ablichtung, also ungefähr sechs Jahre alt, das Foto. Mega kurze Haare, dezent gelgestyled, blauschwarz gefärbt. Hübsches schelmisches Lächeln. Schöne volle kräftig naturrote Kusslippen. Lippenstift benutze ich nie, besitze nicht mal einen.

Als drittes ein Selfie, aktuell, mit schulterlangen, glatt geföhnten glänzend dunkelbraunen Haaren.

Die Akutchatter sind auf fünf geschrumpft. Da entdecke ich im Mail-Postfach vier Textnachrichten. Gespannt öffne ich. Zwei sind von FREUNDEÜHRER, Willkommensgruß und Anleitungstipps für das Portal. Weitere von „Mr.Smiling“ und „Oliver_Mellors“.

Der Mister hat geschrieben:

„Einen wunderschönen guten Abend die Dame!

Gestatte mir, mich kurz vorzustellen. Mein Name ist Peter. Den Familienstand, Alter, meine Hobbys usw. kannst du aus dem Profil entnehmen. Du bist ebenfalls verheiratet. Haben wir die gleichen Absichten?

Dein Motto klingt vielsagend ‚Stets offen sein für neue Erkenntnisse‘.

Freue mich auf deine baldige Antwort!“

Ich antworte direkt:

„Hallo Peter,

vielen Dank für dein nettes Anschreiben.

Um ehrlich zu sein, bin ich nur aus reiner Neugierde hier, eigentlich beabsichtige ich nichts. Habe nur nach einem Freund geschaut. Was genau suchst du denn hier, anscheinend eine Affäre, oder?

LG aus Bevergern, Barbara.“

Ab damit.

Noch schnell nach Oliver schauen. Oh no, die Blinker blende ich einfach aus, aber im Postfach drei neue Nachrichten. Gibt's doch gar nicht. Hey Kerle, es ist mitten in der Woche, mitten in der Nacht. Was treibt ihr denn alle jobtechnisch?

Die meisten haben angekreuzt Unternehmer oder Angestellter. Gut, am besten, ich schaue der chronologischen Reihenfolge nach. Also Oliver: „Hallo Unbekannte, wie geht es dir?“

Aus unserem Schlafzimmer kommt Jörg die Treppe herunter. Wir sind seit 26 Jahren verheiratet. Leicht panisch klappe ich den Deckel meines Notebooks zu. Wie ein Teenie, der seinen ersten Liebesbrief heimlich zuhause liest und Mutti kommt ins Zimmer.

Jörgs Blick ist grimmig, er fragt, was ich hier noch triebe, mitten in der Nacht, er müsse schließlich um 4:30h wieder raus.

„Nur was im Netz nachschauen“, entgegne ich.

Ob ich das nicht morgen machen könne, wendet er ein. Mein gefühlter innerer PH-Wert schlägt von neutral in leicht sauer um. Ich sage nichts. Er kommt zu mir an den Tisch und möchte sehen, was ich so dringend mitten in der Nacht im Internet suche.

„Hallo? Wenn ich sonst nächtelang wach liege, interessieren dich meine Schlafstörungen auch nicht!“

„Dann leg dich jetzt ins Bett!“

„Entschuldige mal, in welchem Jahrhundert lebst du denn?“

Ungläubig und misstrauisch schaut er mich an, bleibt ein paar Sekunden lang auf einer Stelle stehen, dann verzieht er sich kopfschüttelnd.

Den Deckel drücke ich wieder hoch. Die FREUNDEFÜHRER sind noch da. Chatten mag nur noch einer.

Nebenbei fällt mir ein, ich werde gleich die Einstellungen so verändern, dass sich der Kennwortschutz aktiviert, sobald sich der Bildschirmschoner einschaltet oder das Notebook zugeklappt wird.

Weiter mit Olivers Text.

„Habe gesehen, du hast Fotos, öffnest mir deinen Privatbereich? Meinen habe ich dir aufgemacht. Vlg Andreas“

„Hallo Oliver, äh, Andreas, verstehe, dein Pseudo habe ich gegoogled, bist wohl auf der Suche nach Lady Chatterley? Meine Fotos kannst du drei Tage lang ansehen. Sie zeigen mich im Alter von 16, 42 und jetzt. Was treibst du denn so, wenn du hier in diesem Portal nicht unterwegs bist, wenn ich fragen darf?

Es grüßt Barbara aus Bevergern.“

Den PC fahre ich runter, hänge mein durchschwitztes Sportzeug zum Trocknen über die Leinen im Wäschekeller und lege mich schlafen.

Der Wecker klingelt gnadenlos um zehn nach sechs. Mein Mittelfinger drückt snooze. Erneutes Alarmieren folgt nach fünf Minuten. Nach dem siebten Alarmton quäle ich mich aus dem Bett.

Paul & Paula nutzen schon die Bäder unseres schnuckeligen Einfamilienhäuschens am Wäldchenrand in Bevergern, einem putzigen Kleinstädtchen nähe Rheine an der Ems. Eben weil der Ort so schön anmutet, insbesondere sein historischer Altstadtkern, wurde er mehrfach zum Bundesgolddorf gekürt.

Ein Bad mit großer Eckbadewanne und Dusche, alles in manhattangrau gehalten, befindet sich in der oberen Etage, wo Paul neben unserem Elternschlafgemach sein sehr geräumiges Zimmer hat.

Das zweite Bad mit Dusche und WC, in elegantem zeitlosem Weiß, ist im Keller, den Jörg und ich zusammen zu Wohnraumzwecken ausgebaut hatten, als unsere Zwillinge drei Jahre alt waren. Paula hat dort ihr eigenes Reich, bestehend aus einer knapp 22 qm großen Kombination aus Schlaf-, Wohn- und Arbeitsraum.

Wie üblich bereite ich ihnen in der Küche im Erdgeschoss das Frühstück für zu Hause zu. Ohne Frühstück verlässt hier niemand das Haus. Paulchen trinkt zu seinen Broten gerne frisch zubereiteten Kakao aus der Mikrowelle. Für Paulinchen nehme ich jeden Morgen zuerst den Multivitaminsaft vom Aldi aus dem Kühlschrank, damit er angenehme Zimmertemperatur annimmt. Ich schmiere und belege für sie Brote mit Käse, Geflügelsalami und dünn geschnittenen Gurken- und Tomatenscheiben für den mit Unterrichtsstunden vollgepackten G8-Schultag am größten Gymnasium in Rheine. Für Paula noch eine Banane in die Sandwichdose, Paul bekommt einen gewaschenen Apfel. Als kleines extra Leckerli erhalten heute beide je einen großen Schokoriegel dazu. Manchmal ist es ein Stück Kuchen, manchmal ein Müsliriegel ... Sie lieben es, dass ich diese Beilagen täglich variiere. Es ist für sie jedes Mal ähnlich spannend, wie das Öffnen eines Türchens im Adventskalender.

Gewöhnlich verlassen sie gegen sieben das Haus, fahren mit dem Linienbus nach Rheine, essen zu Mittag in der Schulkantine und sind zwischen 16:00 und 18:00 Uhr wieder zurück.

Nachdem sie zur Haustür raus sind, schnappe ich mir mein Notebook, vollkommen ungestylt im Pyjama, so, wie ich kurz nach sechs aus dem Bett gestiegen war.

Ich registriere drei weitere neue Nachrichten im Postfach. Zuerst muss ich die älteren beantworten, ich kann nicht anders, bin halt gründlich.

Oliver_Mellors hat getextet:

„Wow, Barbara, bist ne hübsche Erscheinung! Mit kurzen Haaren gefällst mir am besten. Ja, hast recht, ich suche meine Lady Chatterley. So wie du optisch rüber kommst, könnte das schon passen. Wie findest du mein Foto? Würde gern mit dir chatten. Wann treffe ich dich denn hier? Von Berufswegen bin ich Ingenieur in einem Betrieb in Ibbenbüren. Wir stellen Farben und Lacke her. Und du?

Küsschen, Andreas“

Die Komplimente schmeicheln mir wahnsinnig. Beim Lesen der Zeilen richte ich mich unbewusst auf und nehme eine gestraffte Haltung ein. Ich werde registriert. Er mag mich! Eigentlich dachte ich, für Frauen meines Alters sei der Zug längst abgefahren.

Gefühlt bin ich plötzlich die berühmt berüchtigten 10 Jahre jünger, mindestens.

Er misst vier Jahre weniger und ist 28 cm größer als ich. In Wanderklamotten mit wadenfreier Hose steht er auf einem massiven Felsgestein. Seitenscheitel, leicht gewelltes nach hinten gegeltes kurzes Haar, Kugelbauchansatz, trotz seiner beachtlichen Größe. Männer, die so standardmäßig aussehen, gehen bei mir gar nicht.

Wenigstens trägt er keine Sandalen mit weißen Tennissocken.

Der Chat blinkt, es sind vier. Aber, ups, Andreas ist einer davon. Leicht nervös nehme ich an.

„Hallo Lady:)))“

„Hi Andreas, vielen Dank für deine netten Komplimente! Du siehst auch gut aus. Dein Beruf beeindruckt mich. Ich war Lehrerin am Gymnasium. Seit meine beiden Kinder geboren sind, bin ich, ja, auch in unserer Zeit, als Hausfrau tätig.“

„Das ist schön, dann hast du viel Zeit“

„Das alte Klischee, aber Kinder, Haus, Garten etc. erledigen sich nicht von allein.“

„Wann hättest du denn Zeit für ein Date“

„Äh, das geht mir jetzt zu schnell, ehrlich gesagt.“

„Ich meine nur aufn Kaffee, zum Beschnuppern“

„Sei mir nicht böse, Andreas, darüber muss ich erst noch nachdenken, ok?“

Kurze Pause.

„Meine Frau ist auch Lehrerin. Was macht dein Mann“

„Er arbeitet als Betriebselektriker bei einem weltweit agierenden Produzenten für Fertiggerichte.“

„Ah, cool, den Global Player kenn ich. Welcher Standort“

„Eigentlich Rheine, hat aber ein großes Einsatzgebiet bis nach Hilter oder Emden. Ist viel unterwegs, hat Schichtdienst und macht häufig Überstunden. Die Anlagen müssen halt laufen. Hast du frei heute?“

„Nein, wieso“

Er schreibt weiter.

„Meine Arbeitszeit kann ich frei einteilen. Bin viel unterwegs zu Kunden und pendle zwischen den Filialen. Heute bin ich in Rheine, hättest du Zeit“

Offensichtlich ignoriert er einfach, was ich schreibe. Andererseits imponiert es mir, wenn Männer den Ton angeben und deutlich zeigen, was sie wollen.

„Tut mir leid, heute Nachmittag muss ich einkaufen.“

„Wo denn“

„In Rheine.“

„Sag mir wo, dann treffen wir uns ganz zufällig vor der Umkleide, ich gehe mit rein und helfe dir beim Anprobieren“

Das glaub ich jetzt nicht. Eine leichte Röte steigt mir ins Gesicht. Unverschämtheit.

„Ich kaufe Lebensmittel ein.“

„Wo“

„Beim ‚real,-‘ “

„Das passt, da gibt’s auch Umkleiden“

„Wofür hältst du mich eigentlich? Warum betrügst du deine Frau, liebst du sie nicht mehr?“

„Ich schätze und liebe meine Frau“

„Aber es läuft nichts mehr zwischen euch?“

„Wir haben ein geregeltes Liebesleben“

Schweigen.

„Ich rede nicht gerne über meine Frau“

„Okay, Andreas, eigentlich kennen wir uns überhaupt nicht, deshalb geht es mich auch nichts an.“

„Ich gebe dir meine Handynummer, rufst mich gleich an“

Nach ein paar Minuten Zögerns wähle ich die Tasten auf meinem roten Smartphone im Aluminiumgehäuse und erkenne mich selbst nicht wieder.

„Hallo Andreas, hier ist Barbara.“

„Du hast eine sehr schöne Stimme, Barbara.“

„Danke.“

Ich freue mich. So viele Komplimente habe ich seit gedacht hundert Jahren nicht mehr bekommen.

„Du, ich muss leider aufhören“, wendet Andreas prompt ein. „Mein nächster Kundentermin steht an. Kann ich dich wieder anrufen? Deine Nummer habe ich.“

„Ja, o. k. Das heißt, warte mal, nicht einfach so anrufen, sende mir vorher 'ne WA, ob es auskommt.“

„Hätte ich sowieso gemacht. Das Gleiche gilt umgekehrt für dich!“

„Geht klar, dann wünsche ich dir noch einen schönen Tag.“

„Danke, war mir ein Vergnügen mit einer so Hübschen. Tschüss.“

„Ciao“

Ohne Unterbrechung schaue ich wieder ins Portal. Stunden sind vergangen und ich sitze immer noch im Pyjama im Esszimmer.

Die Antwort von Peter alias Mr.Smiling überfliege ich. Er schreibt sehr getragen, so altmodisch elegant und übertrieben höflich. Gibt mir seine E-Mail-Adresse: „mannmitgefuehl@...“

Oh Mann, ob ich darauf eingehen werde – keine Ahnung. Kurzer Blick zum Live-Chat. Einer versucht es zum sechsten Mal. Ben_Jonathan. Laut Profil ist er 42, Single aus dem Kreis Steinfurt. Keine weiteren Angaben zu Hobbys, Beruf, Vorlieben, Interessen ...

Wie in einem leichten Rausch nehme ich an.

„Moin knackiges Gemüse!“, lese ich.

Das Lachen kann ich mir nicht verkneifen. Was ist das denn für einer?

„Hi.“

„Hier ist der Sascha.“

„Barbara.“

„Barbara, ich schreib jetzt mal ohne Punkt und Komma weiter.“

„Von mir aus.“

„schon lange unterwegs hier und schon fündig geworden“

„Nein.“

„wie nein geht das etwas genauer“

„Ich suche hier eigentlich nichts. Wollte nur mal nach einem Freund schauen. Und du?“

„habe vernommen hier sollen heiße bunnies rum hüpfen ach auf deinem feld müsstest du es auch sehen können soeben frisch eingeloggt nennt sich zarterhase na was das wohl für eine ist“

„Nein, kann sie nicht sehen, habe die Frauen rausgefiltert.“

„was für ein bunny bist du“

„???“

„mein foto“

Ich klicke den Link an, damit sich sein Foto öffnet.

Das haut mich um. Er sieht meinem ersten festen Freund Arne wahnsinnig ähnlich. Braune Augen, so süß und engelsgleich, glänzendes volles mittellanges Haar, ganz leicht gewellt, dunkelbraun. Verboten gutaussehend. Neben ihm das halbe Gesicht eines brünetten, ca. acht Jahre alten Mädchens zu erkennen. Scheinbar stehen sie vor einem Luxusliner.

Meine Fotos schalte ich ihm ebenfalls frei.

„Krass, siehst du gut aus. Wieso ist so jemand wie du hier unterwegs? Du dürftest keine Schwierigkeiten haben, in deinem Umfeld eine Frau zu finden.“

Weder meine Frage beantwortet er noch gibt er einen Kommentar zu meinen Fotos ab.

„stehst du auf schokotürchen lecken und ns“

„Hä?“

Pause.

„fändest du es geil wenn ich dir dein schokotürchen lecken und deinen natursekt trinken würde“

Ich bin schockiert, fühle mich gleichzeitig geschmeichelt, dass er mich das fragt. Tief in meinem Innersten deute ich es als Kompliment.

„Sag mal, Sascha, gibt’s hier nur solche Säue wie dich?“

„kann ich nicht sagen bewege mich nur auf der damenseite“

Warum drücke ich ihn nicht einfach weg? Irgendetwas übt einen gewaltigen Reiz auf mich aus weiterzumachen. In meiner ländlich beschaulichen Kleinstadtwelt, in der ich aufgewachsen bin, habe ich dergleichen noch nicht erlebt und das mit 48 Lenzen.

„barbara ich habe jetzt zu tun bin gleich beim nächsten kunden gebe dir meine handynummer würde mich freuen von dir zu hören“

„Okay, ich werde es in Erwägung ziehen.“

„blbhg sascha“

„Ciao“

Seine Nummer speichere ich direkt in meinem Smartphone. Dabei bin ich mir selbst fremd. Bis vor ein paar Stunden hätte ich das alles für unmöglich gehalten.

Den Blick auf die Notebookuhr unterdrücke ich. Lieber wende ich mich erneut meinem Postfach zu. Viele Nachrichten, eine interessante: „Du warst auf meinem Profil;)“.

Ich mache auf.

„Hallo liebe Frau ohne Namen, ich heiße Frank. Dein Profil hat etwas Besonderes. Du bist verheiratet und Akademikerin…. Beides schließe ich für mich normalerweise aus.. Trotzdem hast du meine Aufmerksamkeit geweckt.. Warum warst du auf meinem Profil?..… Was möchtest du über mich wissen? Es grüßt Frank.“

Sein Profil rufe ich auf.

Zu der Frage, was ist Ihnen wichtig in einer Beziehung, steht daselbst: „Ehrlichkeit; gemeinsame Interessen; Treue, aber jeder muss dem Anderen seine Freiheit lassen; gute Gespräche; guter Sex:-); es muss kribbeln im Bauch, wenn ich sie sehe.. aber auch, wenn sie wieder weg ist.......“ Sein Familienstatus lautet: „geschieden, drei Kinder, keine Altlasten…….damit sind nicht die Kinder gemeint...“

„Hallo Frank, nett, dass du mir eine Nachricht sendest! Ob du es mir glaubst oder nicht, du bist der erste seriös erscheinende Mensch, der mir auf dem FREUNDEFÜHRER-Portal begegnet. Ich habe es schon so oft erklärt, eigentlich habe ich hier nur nach einem Bekannten geschaut und beabsichtige, mich wieder abzumelden. LG Barbara“

Ich sende Sascha eine SMS. „Hi:) hier hast du auch meine Nummer. Wofür steht eigentlich ,blbhg‘? LG Barbara“

Es klingelt an der Haustür.

Mitten am Tag im Pyjama kann ich nicht öffnen. Oder sollte ich erklären, ich sei krank? Nein, ich gehe nicht hin, die Tür bleibt zu. Noch zwei weitere Male läutet die Klingel. So penetrant unnachgiebig können nur meine Eltern von nebenan sein. Vorsichtig mache ich die massive Kiefernholz-Wohnzimmertür einen winzigen Spalt auf und luge zur dreieckigen Haustürscheibe. Bingo, mein Vater.

Er bimmelt noch ein viertes Mal.

Da sagt mir der Klingelton meines Handys SMS-Eingang. „liebe barbara es bedeutet besonders liebe besonders heiße grüße schönen tag sascha“

Frank hat mir zwischenzeitlich erneut geschrieben, sehr ausführlich.

„Hallo Barbara, das würde ich sehr schade finden, wenn du dich schon wieder abmeldest........ Ich würde dich gerne näher kennen lernen!! Ich bin seit 9 Jahren geschieden.... Suche eine neue Partnerin für eine ernsthafte Beziehung.. Keine ONS! ….Wohne in Nordhorn, habe drei erwachsene Kinder.. Sohn Rico ist 27.... meine Tochter Chantal 20..Nora ist 19. Meine Ex habe ich geheiratet, als sie mit Rico schwanger war..... obwohl ich da schon wusste, dass sie nicht meine Traumfrau ist...das Leben spielt manchmal anders, sie hat mich mit der Schwangerschaft erpresst. ..Die Verantwortung habe ich übernommen. Wir waren 18 Jahre verheiratet. Zu meinen Jüngsten habe ich seit der Trennung keinen Kontakt mehr, dafür hat sie gesorgt... . Rico besucht mich manchmal.. Ich wohne in Nordhorn an der niederländischen Grenze. Freue mich, wieder von dir zu lesen!!

Erzähle mir von dir!!!! Machst du es? Weil du nur einfaches Mitglied bist, schreibe ich dir weitere Mails ohne Inhalt. So hast du genug Spielraum zum Antworten und brauchst dich nicht einzuschränken…. Lg Frank“

Eigentlich muss ich dringend hier aussteigen, sonst bekomme ich rein haushaltstechnisch nichts mehr geregelt. Eine innere Stimme signalisiert mir aber, du antwortest unverzüglich.

„Lieber Frank, da du einen offenen und ehrlichen Eindruck machst, nutze ich die Gelegenheit und berichte dir ein paar Fakten aus meinem Leben ...“

Mein Handy klingelt.

„Barbara Schulz.“

„Jaaaa halloho Barbara, hier ist der prickelnde Erotikservice von Graf Sascha zum Spitzenpreis von nur 5,99 € die Minute. Womit kann ich der gnädigen Frau dienlich sein?“

Zunächst stockt mir der Atem, dann fange ich an zu geiern. Er lacht mit, meine Reaktion gefällt ihm.

Stimmlich ist er nicht so toll aufgestellt wie optisch.

Klingt nach Raucher.

„Hi Sascha!“

„Störe ich gerade? Bist du allein oder ist Vati in der Nähe?“

„Ich wohne nicht bei meinen Eltern, hab ein eigenes Haus.“

„Nee, dein Gatte, wie heißt der?“

„Jörg – ach so meinst du das. Hab sturmfrei, meine Kinder sind noch in der Schule, aber nicht mehr lange. Und bei dir?“

„Na dann reicht es wohl nur für einen Quickie.“

Kurzes, leicht arrogantes Lachen dringt in mein Ohr.

„Sag mal, bist du immer so, wir kennen uns gar nicht.“

„Das versuche ich doch eben zu ändern.“

„In Ordnung, dann schieß mal los.“

„Bin unbewaffnet, aber gut, was willste wissen?“

„Wer ist das Mädchen neben dir auf dem Foto bei FREUNDEFÜHRER?“

„Meine Tochter Anna. Ist schon lang her, wir machten eine Kreuzfahrt durch die Emirate.“

„Bist du verheiratet?“

„Nee, nicht in diesem Leben. Anna wohnt mit jüngerem Stiefbruder bei ihrer Mutter. Jedes zweite Wochenende ist sie bei mir. Sie hat ein schönes eigenes Zimmer hier.“

Er simst mir ein Foto.

In der Mitte der weißen Wand ein antiker viertüriger Kleiderschrank, links ein dunkles Massivholzbett, augenscheinlich beides aus Ebenholz. Das Bettzeug mit edler heller Satinbettwäsche mit grazilem Blümchenmuster bezogen. Rechts neben dem Schrank ein großes Fenster, umrahmt von hauchdünnen Seidenschals, darunter ein geräumiger Schreibtisch mit Stahlgestell und Glasplatte, obenauf PC und Schreibutensilien. An der dem Schrank gegenüberliegenden Wand befindet sich ein modernes, klappbares Gästebett.

„Wir kochen meistens zusammen und kümmern uns um Annas Pony.“

„Hört sich gut an, wie heißt es und welche Rasse? Ach so, danke für das Foto, deine Tochter hat wirklich ein sehr schönes Zimmer bei dir. Wie alt ist sie, wenn ich fragen darf?“

„Ist ein Fellpony, heißt Bert, Anna ist 13, geht in die achte Klasse am Gymnasium.“

„Oah, echt jetzt? Meine Kinder, Paul und Paula, sind ein Jahr älter als deine Tochter, besuchen die neunte Klasse eines Gymnasiums in Rheine, das als das jüngste und gleichzeitig größte gilt.

Hab vor tausend Jahren mal Bio studiert in Dortmund. Da habe ich während eines Semesters über Fellponys referiert. Sie heißen ja nicht so, wegen ihres Langhaars vom Schopf bis zu den Fesseln, sondern weil sie aus der Hügellandschaft, den Fells, in Nordengland stammen.“