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Ein spannender Liebesroman im sommerlichen Stockholm um zwei Freundinnen, einen Mord und einen Hund Paula Gustavson verlebt ihr Wunschwochenende. Punkt drei ihrer geheimen to-do-Liste ist dran: Einen Roman lesen, an einem Stück. Ihre Ehe vergessen, das möchte sie. Sie landet im romantischen Cap Mondrian. Einer Miniaturausgabe von Stockholm. Ihr begegnet die warmherzige Kochbuchautorin Tea Sommerda. Ein exquisiter Keks soll her. Sie ist genervt. Zufällig trifft sie auf ihre alte Freundin Hilda Frey, eine exzentrische Unternehmerin. Einst beste Freundinnen, wenn nicht ein Missverständnis zwischen ihnen Stünde. Ein Verdacht von Hilda, der ihren Mann Torston und Tea betrifft. War es eine Affaire? Beide Freundinnen versuchen einen Neuanfang. Die Emotionen überschlagen sich, als der Mord an Torston passiert. Teas Liebhaber, Kommissar Rufus Vogl mischt in den Turbulenzen kräftig mit...Und da gibt es noch die geheime Rezeptur......
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Seitenzahl: 490
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Ingrid Magellan
Freundinnen und der Segelmord
Ein Azurseeroman
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Inhaltsverzeichnis
Titel
1: Prolog – To-do-Liste
2:Hoffnungsvolle Zukunft
3: Misslungene Backlust
4: Gepardenlogik
5: Zusammenprall der Mohnblüten
6: Der Schreck
7: Gedankenspiele
8:Heikel! Heikel!
9: Seelenstriptease
10: Die Regatta
11: Brisante Entdeckung
12: Überraschungsgast
13: Vertrauenskrisen
14: Das Verhör
15: Die Beute
16:Interessante Neuigkeiten
17:Hundefiguren
18: Der Segelmann
19: Die Gartenparty
20: Der Fund
21: Weibliche Intuition
22: Der rosa Zettel
23: Nichts sehen, nichts wissen,nichts hören
24: Die Geburt des Superkeks
25: Die Mülltonne
26: Das süße Präsent
27: Das Rosenfest
28: Ganz spezielle Tatsachen
29: Hundeleckerli
30: Miese Bankauszüge
31: „Rot“
32: Friede und Harmonie
33: Alles ans Licht
34: Die Jolle
35: Die Wette
36: Zukunft
37: Epilog- Was es alles gibt
Impressum neobooks
Es war wieder einmal soweit. Paula Gustavson atmete erleichtert auf. Die viel beschäftigte Möbelrestauratorin startete vergnügt in ihr alljährliches Wunschwochenende. Es bedeutete zwei Tage Zeit für sich. Sie konnte alles machen, wonach sie Lust hatte. Sie hatte vor, in der Stadtwohnung in der Stockholmer Altstadt zu bleiben. Ihr Mann Knut war schon voraus ins Ferienhaus gefahren. Er wollte das Segelboot für den anstehenden Urlaubstörn startklar machen. Ihr Sohn Carl besuchte über das Wochenende einen Freund.
Für die persönliche Auszeit kam ihr ein Herzenswunsch in den Sinn. Er betraf ihre geheime To-do-Liste. Sie hatte sie zu Beginn des Jahres aufgestellt. Es waren darin alle Dinge vermerkt, von denen nur sie wußte und die sie umbedingt erledigen wollte. Punkt drei gefiel ihr besonders. Einen ganzen Tag auf dem Sofa herumtrödeln, mit einem Buch in der Hand. Das Buch in einem Rutsch lesen, von der ersten bis zur letzten Zeile, Kapitel für Kapitel, ohne Störfeuer von außen. Kein Telefongeklingel, keine Termine im Studio, keine Familiendiskussionen mit Mann und Sohn oder sonstigen Dinge, die den Alltag zwangsläufig stressten. Na, ja, vielleicht gäbe es die eine oder andere Pause für einen Moment im Bad oder für einen Snack in der Küche. Höchstens.
Für ihre Mammutlesestunden hatte sie sich einen Roman ausgesucht, der in Cap Mondrian spielt. Nach einem kurzen ersten Eindruck hatte der Ort frappierende Ähnlichkeit mit Stockholm, nur daß er beschaulicher war. Sie war gespannt. Vielleicht half ihr das Buch in einer persönlichen Angelegenheit weiter. Darüber dachte sie nach. Das Lesen schenkte ihr erst einmal Zeit, einen inneren Abstand. Seit der gestrigen Sommerparty blitzten in ihrem Kopf eifersüchtig machende Bilder auf. Sie kreisten um ihre beste Freundin. Wie fand sie ihren Mann Knut tatsächlich? Ihrer Meinung nach hatte sie ihm zu heiß in die Augen geblickt. Sie zog den hellblauen Kaftan über, der ihre 40-jährige schlanke Figur verbarg, aber unvergleichlich bequem war. Perfekt für die ausdauernde Sitzrunde. Mit einer Haarklammer steckte sie die Haarsträhnen aus dem Gesicht. Dann postierte sie den Porzellanbecher mit Kaffee und die Lieblingsschokolade „Vollmilch mit Ingwer“ auf dem Sofatisch. Das Handy schaltete sie aus. Alles war vorbereitet. Mehr brauchte sie nicht. Der ersehnte Augenblick war da. Sie machte es sich in den Sofakissen bequem. Ein klein wenig nervös schlug sie das erste Kapitel auf. Die Reise in die Fantasiewelt begann.ihre Pupillen in den blauen Gletscheraugen begannen über die Zeilen zu wandern.
>Cap Mondrian, Daily News Radio, Kanal Zero. Hallo! Guten Morgen,liebe Mitbewohner in unserer schönen Stadt! Aufgewacht ihr Schlafmützen! Sie hören den frühen aktuellen Wetterbericht. Um 6 Uhr.< Die männliche Stimme aus dem Radio klang müde und verschlafen aber keinesfalls frisch und munter für einen Radiomoderator des Frühstücksprogramms.
>Sie erleben einen Traumsommermonat mit einem lang anhaltenden Hoch. Alles deutet auf eine stabile Wetterlage mit warmen Sommertagen hin. Der Wind frischt täglich auf, angefangen von der sanften Mondrian Brise bis zur idealen Stärke für das Segeln auf unserem Azursee. Für die heutige Regatta – gesellschaftlicher Höhepunkt des Segelclubs – bläst der Wind nachmittags voraussichtlich in einer Stärke von 4-5 der Beaufort Scala. Die Lufttemperatur wird bei 20 Grad Celcius bis 25 Grad Celcius liegen, bei einer Wassertemperatur von runden 19 Grad in unserem blauen See. Genießen Sie die Zeit in unserer romantischen, bunten Stadt, auch wenn Ihnen das Leben ein Bein stellt und Sie straucheln läßt. Das Leben wird sie wieder mit Wünschen, Hoffnungen, Widrigkeiten oder auch himmlischen Glücksmomenten konfrontieren, egal ob Sie leidenschaftlicher Segler, Hundeliebhaber, Rosenliebhaber oder Jogger sind oder einer anderen Passion nachgehen. Das ist die aktuellste und beste Wettervorhersage die es für diesen Monat gibt.<
Tea Sommerda brustete vor sich hin: „Bei dem Wetter freue ich mich auf meine gute Laune und meine neue cremefarbene Spitzenunterwäsche. Von wegen ein Bein stellen! Der Zero Wetterfrosch sollte seinen Mund halten, anstatt banale Sprüche in den Äther zu schicken. Sie klingen schlimmer als bei einem drittklassigen Astrologen. Außerdem hat er Tortenliebhaber vergessen. Das nehme ich ihm übel! Und das alles morgens zum Frühstück, wenn der Körper erst langsam sein Aktionspotential einschaltet.“ Tea redete laut darauflos, wie so oft, wenn sie allein war. Sie kuschelte sich in ihren lilafarbenen Seidenmorgenmantel und trank einen Schluck Kaffee. Was sie noch nicht wußte: In den nächsten Tagen erlebte sie Spektakuläres.Einige Überraschungseier in Form von unerwarteten Ereignissen fielen in ihr weich gepolstertes Leben. Sie würde viel Geschick und Energie brauchen, um die damit verbundenen Aha-Effekte zu meistern. Besonders Menschen, die ihr nahe standen waren die Ursache oder darin verwickelt.
Der bekannte Kochbuchverlag „Fritzen & Kötter“ saß in einem modernen weißen Bauhauskubus mit 10 Stockwerken am Rande von Cap Mondrian. Die großen Glasflächen der Panoramafenster fingen das klare Licht des Morgens ein. Vom 10. Stockwerk blickte man geradeaus über die Dächer der Stadt auf den See. Die Aussicht war phänomenal. Der Bau war nach streng ökologischen Gesichtspunkten entwickelt, um Heizungsenergie einzusparen.
Tea Sommerda, gerade 40 Jahre alt geworden, warf ihre aschblonden schulterlangen Haare zurück, als sie aus dem Fahrstuhl in der 10. Etage stieg. Sie war Kochbuchautorin, um genau zu sein Spezialistin für Süßes. Ihre Torten, Patisserie und Desserts schmeckten umwerfend. Gern sagte sie von sich, sie sei leidenschaftliche Bäckerin. Flink überquerte sie den Flur, klopfte an der Türe mit dem Schild Sven Fritzen und rauschte in das Zimmer. Sie zeigte ihre langen Beine, die sich unter dem kurzen aber nicht zu kurzen Rock abzeichneten und streckte ihren Rücken. Auf zum Gefecht sagte ihr ganzer Körper, ebenso hießen die Gedanken in ihrem Kopf.
>Hallo, Tea, prima, daß unser Treffen so schnell geklappt hat. Du bist eben flexibel<, ertönte es gönnerhaft aus dem Munde von Sven. Sven Fritzen gehörte der Verlag zur Hälfte. Er war ein 1,75 m großer Mittfünfziger mit Bauchansatz, blankem, wohlgeformten Kopf und Joggingambitionen. Er kombinierte daher gerne eine Jogginghose mit einem gestreiften Hemd. Grußlos wandte er sich Tea zu, als er hinter seinem Glasschreibtisch hervorkam. >Setzen wir uns am besten gleich dort drüben hin. Ich habe es eilig. Ich möchte zum Punkt kommen. Ich brauche deine Rezepte für die Sommerkuchen dringend. Das heißt sofort.< Jetzt sah er Tea nach seinem ihm eigenen Wortschwall aus wäßrigen blauen Augen an. >Es ist einfach so:Wir haben unsere Druckerei gewechselt. Aus Termingründen läuft der Andruck früher und der Text muß rein. Ich hoffe, du kannst das managen.< Um dem Ganzen Nachdruck zu verleihen seufzte er hörbar auf. Tea saß kerzengerade in ihrem Sessel. Angespannt hatte sie zugehört. Ihr Zeitplan käme ganz schön durcheinander. Sie brauchte das Kochbuch mit den Kuchenrezepten aber dringend, denn es füllte ihr leeres Haushaltskonto beträchtlich auf. Bleibe sachlich und mache ihm ein Angebot, sagte sie zu sich selbst. >Welche Rezepte stehen am Anfang? Du planst doch sicher die Reihenfolge und das Layout<, sagte sie zu ihm. >Gutes Argument. Die Sommerkuchenrezepte sind von Anfang bis Mitte des Buches platziert<, meinte er. >Die Desserts und das Kleingebäck folgen. < Tea feilschte nicht herum. >O.K. Das bekomme ich mit den Rezepten hin, die meisten sind entwickelt. Du erhieltst einige vorab per Mail. Nur mit dem Probebacken bin ich noch hinterher.< Sven marschierte quer durch das repräsentativ eingerichtete Zimmer zu seinem Glasschreibtisch und griff sich mehrere Computerausdrucke. Mit rosa Papierseiten, die fächerförmig in der Hand lagen, kam er zurück. Akribisch ordnete er die Seiten auf dem Tisch zu einem Viereck. Erleichtert lehnte sich Tea in dem schwarzen Ledersessel zurück. Mit ihren langen Fingern schob sie ihre Konzeptblätter in die Mappe zurück. Sie hatte eine Auseinandersetzung mit Sven über den gesamten Inhalt des Kochbuchs befürchtet. Offensichtlich bewertete ihr Kopf die Signale von Sven neulich am Telefon anders als es der Realität entsprach.
>Wann schaffst du es? Je früher desto besser<, fragte Sven knapp. Mit der Hand strich er sich nachdenklich über den Kopf. >Bis Monatsende dürften wohl alle Kuchen im Ofen sein. Die eine oder andere Rezeptur gehört sicher verfeinert. Das ist Routine. Der Text steht dann im Wesentlichen<, entgegnete Tea diplomatisch. >Dann ist das fix<, antwortete der Verlagsmanager. Tea dachte, sie wären fertig und wollte aufstehen. Schließlich bekam sie heute keinen Espresso von ihm wie sonst. >Bitte, bleibe noch einen Moment sitzen. Es gibt noch eine wichtige Sache, die ich mit dir besprechen möchte. In ein paar Monaten haben wir Weihnachten. Es geht um unser Weihnachts- und Adventsbackbuch.< >Du denkst schon an Weihnachten. Ist dir zu heiß?<Sven verdrehte seine Augen theatralisch und klopfte mit den Fingern auf den Tisch. >Megaheiß wird mir, wenn ich daran denke. < >Vielleicht solltest du ein Bad im See nehmen<, entgegnete Tea unbeeindruckt. >Weihnachten heißt Gebäckhimmel. Es wird gebacken ohne Ende. Wir brauchen dringend einen Knaller für den Rezeptteil des neuen Weihnachtsbandes. Einen Aufreißer für dasAdventsmarketing. < >Hm, Knaller? Worauf willst du genau hinaus?< >Also Tea. Ich dachte du springst in die Luft! Vor Begeisterung. Und Ideen sprudeln aus dir heraus.< >Ach, jetzt verstehe ich. Den Knaller, den soll ich liefern.< >So habe ich das angedacht. Mir schwebt vor, du erfindest einen ganz außergewöhnlich, geschmacklich einzigartigen Weihnachtskeks. Er soll das Herzstück werden im Adventstitel.< Sven dozierte lauthals vor sich hin. >Verstehst du, ein herausragender Keks aus der Menge der konventionellen Gebäckteile. Ein himmlischer Keks vom Weihnachtsmann. Er macht unseren Band zum Bestseller!< Tea kam aus dem Staunen nicht heraus. Von einem Weihnachtsbuch wußte sie bislang nichts.
>Ich liebe Weihnachtsgebäck< rief sie aus. > Der Keks entsteht zuerst im Mund.Ich muss ihn schmecken . In der Nase, ich muss ihn riechen. Dann im Kopf.In alten Kochbüchern gibt es fantasievolle Anregungen, meist in alten Rezepten. Dort gibt es alte Rezepturen, die wieder zu entdecken sind.< >Nichts Altes. Ein ganz neues Produkt muß es sein, es muss Kenner überzeugen. Ein kulinarischer Leckerbissen. Streng dich an. Denke jetzt schon darüber nach und fange an<, insistierte Sven. >Mich anstrengen? Was mache ich denn sonst? Was denkst du dir eigentlich? Ich kupfere doch nicht einfach Rezepte ab, sondern mache alles selbst.< Tea warf Sven wütende Blicke zu. > Die Kuchen kullern doch nicht per Knopfdruck aus dem Backofen.< >Sei nicht so empfindlich. Bitte. Ich stehe extrem unter Druck. Die Konkurrenz schlägt immer schärfer zu. < Sven formte mit beiden Händen einen Kreis. Die Geste hatte etwas Beschwichtigendes ansich aber Tea ignorierte sie.
Sichtlich genervt entgegnete sie: >Ich werde dir wie immer ein Versuchsexemplar Keks präsentieren.< Sven starrte sie irritiert an. >Es ist nicht wie gewöhnlich und wie immer.Der neue Weihnachtskeks muß einzigartig werden. Ein himmlisches Erlebnis.< Sven stand auf, ein Zeichen dafür, daß das Gespräch beendet war. Er war sichtlich in Eile. Er streckte Tea seine schlaffe Hand hin. Mit den Worten >Fröhliches Backen, Tea<, verabschiedete er sich.Tea verließ das Zimmer so schnell sie konnte. Überstanden dachte sie verärgert. Ich habe immer Superrezepte erfunden, Backen ist meine Leidenschaft, es ist mein kreativer Zufluchtsort. Was will dieser Sven Fritzen ?: Einen Knaller?Er wird seinen Knaller bekommen………………
Ach, wenn sie darüber doch mit Hilda Frey, ihrer alten Freundin, sprechen könnte! Inzwischen war viel Zeit vergangen.Es waren genaugenommen zwei lange Jahre. Sie hatten keinen Kontakt mehr seit dem amourösen Zwischenfall von Tea mit Hildas Mann. Es wäre wieder schön, sie zu treffen, mit ihr zusammen zu lachen, zu reden und Pläne zu schmieden. Obwohl es Tea bei dem Gedanken bange ums Herz wurde.
Hilda Frey, 45 Jahre alt und Torston Frey, 48 Jahre alt, bewohnten ein modernes Holzhaus mit zwei Stockwerken in der Waldstraße. Es war ein umwelttechnisches Vorzeigehaus, was den Holzbau betraf. Das Obergeschoß war holzverkleidet mit kleinen runden Fenstern. Eine breite Glasfront spendete der ersten Etage Licht. Auch das Wohnzimmer hatte zum Garten hin eine breite Glasfront. Im Inneren der Raume bestanden sämtliche Wände aus Holz. Dazu im Kontrast möblierte Hilda die Räume mit weißen, geradlinigen Möbeln. Neben dem rechteckigen Sofa mit weißem Leinenbezug standen Sessel im skandinavischen puristischen Stil. In den Vitrinen an der Wand stapelten sich Bücher und antike Porzellanhunde, die Hilda sammelte. Der Wohnraum öffnete sich zu einer großen Küche.
Torston Frey war die Treppe von der ersten Etage, auf der das Schlafzimmer lag, heruntergeschlichen. Er wollte Hilda nicht wecken. Bei einer Körpergröße von 1,90 m machte Torston einen imposanten Eindruck. Er reckte sein kantiges Kinn vor, wenn er aufgeregt war, wie heute am frühen Morgen. Seine blauen Veilchenaugen blickten noch eindringlicher als sonst. Die Segelpartie mit den zu erwartenden Winden ging ihm im Kopf herum. Er wollte bei der Regatta heute Morgen endlich einmal gewinnen. Er trug bereits seine blaue Seglerlatzhose und ein weißes T-Shirt. Um seinen Hals baumelte die Sonnenbrille an einem Halteband. Er wollte das Frühstück für sich und Hilda vorbereiten, was er immer machte, wenn er an einer Regatta teilnahm. Beim Frühstück wollte er eindringlich mit Hilda über das Hundeleckerli für „Lussodog“ reden. Der Gedanke daran machte ihn skeptisch. Ob der Augenblick, jetzt zum Frühstück, wohl der Richtige war?
Die moderne, weiß eingerichtete Küche lag auf der Südseite des Hauses. Bei schönem Wetter, wie heute leuchtete sie hell im Morgenlicht der Sonnenstrahlen. Der runde Tisch mit dem Frühstück sah appetitlich aus. In einer Glasschüssel würzte Torston sich eine Käsecreme mit Pfeffer, Paprika, Salz und Kräutern. Als weitere Zutaten für das Frühstück standen Rühreier, Obstsalat, Briekäse, Orangenmarmelade und Vollkornbaguette bereit. Die Kaffeemaschine zischte, als heißer Kaffee in die Tasse gluckerte. Beinahe hätte er sich den Finger an dem heißen Tassenrand verbrannt. Er fluchte und pustete auf seinen Zeigefinger.
>Super. Ich bestelle jeden Tag eine Regatta. Super, wie ich heute Morgen verwöhnt werde<, rief Hilda Frey, als sie in den Raum kam. Neben ihr stürmte ihr Hund Georgi, ein schwarz-weißer Jack Russell Terrier, zur Tür herein. Das schwarz-weiße Wollknäuel wirbelte durch den Raum und verschwand unter dem Tisch. Hilda gab dem weißen Raum einen Farbklecks. Ihre schlanke Figur umhüllte ein leuchtend grüner Leinenkimono mit dem Monogramm H.F. auf der Brusttasche. Ihre schwarzen kurzen Locken standen sternförmig um ihren Kopf mit den dunkel braunen Augen, der kleinen kurzen Nase in einem ovalen Gesicht. Sie zog den Kaffeeduft ein.
>Herrlich, so verwöhnt zu werden. Heißer Kaffee und Orangenmarmelade, und dazu aufgewärmtes Brot. Das ist perfektes morgentliches Frühstücksglück. Es darf jeden Tag Regatta sein! Ich sage es nochmals<, rief sie. >Schön, daß ich wenigstens etwas gut kann, Frühstück machen<, wandte Torston ein. >Was ist mit dir los? Du zweifelst an dir? Warum so bescheiden!< Hilda blickte verwundert auf ihren Mann. Sie fischte sich eine Scheibe Brot aus dem Korb, dazu Butter und Marmelade. Georgi zu ihren Füßen hob den Kopf und flehte sie erwartungsvoll an. Er hoffte auf einen süßen Happen. Sie holte tief Luft. >Es geht mal wieder um die Regatta, stimmt doch.Sie kreist in deinem Kopf herum. Du hast dir bestimmt Strategien für die heutigen Windverhältnisse ausgeklügelt, wie du den Kurs steuerst. Immer optimal mit dem Wind. Du kennst den heutigen Wetterbericht bestimmt in- und auswendig. Warum also diese Sorgen? Beim Segeln bin ich keine große Hilfe, wie du weißt. Du mußt dich mit deinem Partner Jens Wegener beraten.< Ihr Mann kam ihr rätselhaft vor. Hilda fing an, sich über sein Verhalten zu wundern. Sonst drückte seine Miene gespannte Vorfreude aus, wenn es um einen Segelwettbewerb ging. Heute war es anders. Torston schaute bekümmert aus seinen blauen Augen. Oder sollte es gar nicht ums Segeln gehen, sondern es hatte alles eine tiefergehende Ursache? >Was hast du? Was ist los?< Sie zögerte kurz. >Geht es um uns? Hat es mit unserer Ehe zu tun?<, fragte Hilda dann und fuhr fort: >Brot habe ich schon, erwartest du Spiele von mir? Den Zeitpunkt finde ich etwas unpassend.< Hilda hörte nicht auf zu reden. Ein Satz stand akkurater als der andere. >Unsere Ehe läuft eben wie sie läuft, mal geradeaus, mal mit Höhen, mal mit Tiefen.< Torston betrachtete seine Frau prüfend, kaute dann seinen Apfel ohne jeglichen Einwand. >Wir können uns nicht beklagen, nach 20jähriger Ehe, finde ich, abgesehen von deiner Aktion mit Tea von vor zwei Jahren…..< Torston streckte den Kopf vor. Ein Auftaktsignal für ihn. Er begann jetzt dazwischen zufunken. Er schnitt Hilda das Wort ab. >Immer deine Spitzen! Vergiß doch endlich das Zwischenspiel mit Tea. Deine Eifersuchtsfantasien. Da war nichts. Wir haben darüber oft genug gesprochen.Du glaubst mir einfach nicht. Unsere Ehe war damals arktisch, Hilda. Du vergißt das immer.Du hast mich überhaupt nicht mehr als deinen Mann wahrgenommen.< >O.K. O.K. Ich habe verstanden, Gras und Unkraut über die Vergangenheit.< Hildas leise Stimme deutete zaghafte Emotionen an.
>Verflixt noch einmal, es geht nicht um unsere Ehe<, räusperte sich Torston. >Worum geht es dann<, fragte Hilda, wieder ganz ernst. >Es geht um das Hundeleckerli, es geht um „Lussodog“<, murmelte Torston leise. >Was soll damit sein, mit meinem Online-Versandhandel für den Hundefreund?<, fragte Hilda sofort. Sie band den Gürtel ihres Kimonos enger. Ihre dunklen Augen zeigten sich tief schwarz. >Ich finde, du mutest dir zu viel zu, mit dem Marketing und den Finanzen für deinen Versandhandel für den Hundeliebhaber<, kam es von Torston. > Wieso? Dein Einwand greift voll daneben.Völlig unberechtigt. Mit dem Geld von dir komme ich prima hin. Ich muß lediglich noch einmal den Feinschliff am Konzept durchgehen<, antwortete Hilda ernst. >Wäre es nicht sinnvoller, den Verkauf mit einem Partner zu betreiben, der aus der Branche kommt?<, warf Torston ein. Er stand auf und lehnte sich an den Tisch. >Wen hast du im Sinn?<, fragte Tea direkt und kühl. >Ich denke an Mike Petrus. Mit ihm mache ich mit den Segeltauen seit Jahren gute Geschäfte. Meine Firma „Canvas“ hat immer von ihm profitiert. Er mischt jetzt auch im Tierfutterhandel mit<, sagte Torston eindringlich. Hilda warf die Hände in die Luft. Der Kaffeelöffel klirrte auf dem Tisch.
>Ich glaube es nicht. Jetzt ist die Katze aus dem Sack<, rief Hilda aufgebracht. Mit den Händen strich sie ihre Locken aus dem Gesicht. >Ausgerechnet Mike Petrus! Nur weil dein Segeltauhandel mit ihm gut läuft, ist er noch lange kein seriöser Geschäftsmann<, antwortete sie wütend. >Jetzt übertreibst du aber<, zischte Torston. >Ich denke nicht. Mike Petrus ist ein Windbeutel<,antwortete Hilda kurz und knapp. >Wieso?< >Vom Tierfutter habe ich gehört. Aber ich habe auch gehört, daß er den Händlern ganz schlechte Qualität zu einem überteuerten Preis angeboten hat. Seine Geschäftspraktiken sind undurchsichtig. Auch soll es bei ihm einen finanziellen Engpaß geben.< Hilda war sich sicher und antwortete bestimmt. >Wer hat dir das erzählt?<, fragte Torston ungläubig. >Aus welcher Quelle stammt das.< >Meine Ohren funktionieren. Mein Grafiker für das „Lussodog“-Design hat sich am Telefon über Mike Petrus beschwert. Ich habe es mitbekommen<, antwortete Hilda. >Das muß nicht stimmen<, wendete Torston ein. >Das stimmt. Im Segelclub wird über ihn gemunkelt. Du bist einfach zu leichtgläubig, Torston<, meinte Hilda. Und ernsthaft fuhr sie fort: >Außerdem will ich „Lussodog“ alleine managen. Die Idee stammt von mir. Und so will ich auch den Erfolg, möglichst viel Gewinn, alleine einfahren. Und Mike Petrus ist nur scharf auf die Geschäftsidee mit dem Hundeleckerli. Du hast ihm hoffentlich nicht davon erzählt ?< >Daß du ein interessantes Rezept für Hundeleckerli hast, habe ich ihm bereits erzählt<, gab Torston kleinlaut zu. Hilda schoß in die Höhe, knallte die Kaffeetasse auf den Tisch. Georgi, ihr Hund, ergriff vorsichtshalber die Flucht, stob unter dem Tisch hervor und stürmte aus dem Zimmer. >Bist du komplett wahnsinnig, Torston, du verrätst hier meine Geschäftsidee, ich kann es nicht glauben. Deswegen wieder die ganze Zermonie mit dem Frühstück. Diese Idee mit Petrus wolltest du mir möglichst schonend beibringen.< Hilda konnte sich nicht mehr beruhigen. >Meine Güte, Torston, was ist los mit dir? Ich kann es nicht anders sehen. Du hast deine wenigen Gehirnzellen letzte Woche komplett beim Pokern verzockt. So sieht es aus. Das wußte ich nicht.< Hilda war wieder so richtig in Fahrt und prustete los: >Weißt du was, „Lussodog“ ist meins. Es gehört ganz allein mir. Hoffentlich kentert dein Boot. Ein kaltes Bad im Azursee bringt dich wieder zur Vernunft. Ahoi, Ahoi.< Torston warf jetzt mit rauher Stimme ein: > Beruhige dich wieder. Mike Petrus weiß im Grunde nichts, außer ein paar oberflächlich angedeuteten Spekulationen. Und was soll das: Ahoi, Ahoi! Ich bin kein Hausbootkapitän.< >Was hat Mike Petrus dir geboten als Gegenleistung für „Lussodog“<, wendete Hilda verdächtig ruhig ein. >Ein besonderes Geschenk für dich, mindestens ein Preisnachlaß bei den Tauen, oder eine Segelreise in die Karibik?< Hilda drehte sich blitzschnell um, stand auf, der Stuhl kippte um und lief mit wehenden Stoffzipfeln aus dem Zimmer. Eine Duftwolke ihres neuen französischen Parfüms „Lemonde“ blieb in der Luft haften.
Torston rieb sich einige Sekunden die Augen in seinem verdatterten Gesicht. Daß es Aufruhr mit Hilda geben würde, war vorauszusehen. Aber so ein Donnerwetter! Er mußte sich wieder konzentrieren. Welchen Platz er bei der Regatta erkämpfen würde, entschied über geschäftliche Belange, sowohl bei einem Sieg als auch bei einem sonstigen Platz. Hilda lag gewissermaßen richtig, wenn auch in einem anderen Zusammenhang. Erst das eine, dann das andere, mit diesen Gedanken warf Torston den Matchsack über die Schulter, verließ das Haus und ließ die schwere Holztüre mit Wucht hinter sich ins Schloß fallen.
Von ihrem Besuch bei Sven Fritzen mußte sich Tea Sommerda erst einmal erholen. Sie fühlte sich verloren, wie sie in der Wohnhalle vor dem Fenster zum Garten stand und ihre Nasenspitze die Fensterscheibe berührte. Die dünnen Zweige und Blätter des Lindenbaums im Garten wiegten sich in der Brise, die zum Azursee wehte. Ideales Segelwetter bei einer Windstärke von 3-4 dachte sie, obwohl sie selbst kein Segelfan war. Es würde heute noch weiter auffrischen.
Dann kehrten ihre Gedanken zurück zu dem Gespräch mit Sven Fritzen. Warum behandelte er sie stets herablassend, wie ein kleines Schulmädchen? Warum ist es nicht möglich mit ihm ein ruhiges und sachliches Gespräch zu fuhren? Sie solle sich anstrengen, hatte er gesagt. Darüber ärgerte sie sich immer noch: Vielleicht liegt es gar nicht an mir, so ihre Erkenntnis, sondern an Sven Fritzen: Er ist einfach ein Idiot!
Das Weihnachtsprojekt mit dem neuen Rezept für einen Keks fand sie trotzdem interessant. Wie immer bei einem neuen Projekt gab sie ihm einen Namen. Ihr fiel „Spicy“ ein. Allmählich fühlte sie sich entspannter. Ihre alte Gelassenheit und ihr Optimismus kehrten zurück; zumindest äußerlich. Sie drehte sich einmal um ihre Achse. Im 2 m großen Wandspiegel an der Eingangsseite ihrer Wohnhalle betrachtete sie sich von allen Seiten. Ihr Businesskostüm vom Vormittag hatte sie abgelegt. Ein legeres Outfit mit weiter roter Hose und kurzer weißer Bluse umspielte ihre gut proportionierte, schlanke 40-jährige Figur bei einer Körpergröße von 1,70 m. Sie legte den schmalen Kopf mit der vielleicht etwas zu langen Nase und den grünen Augen in den Nacken. Ihre aschblonden Haare fielen ihr auf die Schultern. Selbstzufrieden fand sie sich durchaus attraktiv für ihr Alter. Nicht so übel, dachte sie.
Im Hintergrund hörte sie Gepolder und Möbelrücken. Ein Zeichen dafür, daß Frau Bergmann vom Housekeeping Service ihrer Reinigungsaufgabe nachging. Der Krach hörte sich nach erstem Stock an, was bedeutete, daß Parterre, Wohnbereich und Küche bereits fertig waren und blank blitzten.
Die Gründerzeitvilla hatten ihr Mann Manfred und sie vor 10 Jahren gekauft. Nach seinem Tod vor 4 Jahren bewohnte sie das geräumige Haus allein. Viel zu viel Platz für eine Person allein, dachte sie oft. Mit einem lässigen Einrichtungsstil gab sie dem ernsten Gebäude eine gewisse Leichtigkeit. Tea kombinierte ihr Chesterfield-Sofa mit einem Coachtisch im Shabbychic-Stil. Zu dem dunkelbraunen Leder des Sofas standen im Kontrast italienische Designersessel. Ein ausladender Wandschrank trennte die Wohnhalle von der Küche mit dem rechteckigen langen Eßtisch aus Walnußholz. Eine Wand der Küche war ungekachelt sondern tapeziert. Eine weiße Tapete mit Tellern in Delfter Blau-Weiß-Dekoren schmückte die Wand. Tea liebte das Muster. Es gab ihrer Küche ein frisches und romantisches Aussehen. Das war ein gewisses Wagnis wegen des Kochdampfs, was Tea nicht störte.
Ein plötzlicher Einfall von Tea machte Frau Bergmann zur Hauptperson. Gerade kam Frau Bergmann bepackt mit Staubsauger und Besen die Treppe herunter.
>Haben Sie 5 Minuten Zeit für mich, bitte, bitte<, fragte Tea die Reinigungsfrau, die immer hektische Betriebsamkeit ausstrahlte. >Ich muß meine Termine halten <, antwortete Frau Bergmann. Sie blieb auf der letzten Stufe der Treppe stehen. Neugierig und zögerlich zugleich wartete sie auf eine Reaktion von Tea.
>Mich interessiert ihre Meinung< , lockte Tea. >Wozu?< Frau Bergmann legte den Staubsauger ab und stellte sich breitbeinig vor Tea hin. >Zu Weihnachten, genaugenommen zu Weihnachtsgebäck, das ich neu erfinden, eh, ich meine backen möchte<, erklärte Tea. >Haben Sie sich nicht in der Zeit geirrt, wir haben Sommer, bis Dezember dauert es?<, antwortete die Reinigungsfrau ungläubig. >Reife Sommerfrüchte fallen nun vom Baum. Aprikosen, Äpfel und Birnen gibt es. Die Früchte schmecken saftig imObstkuchen.< >Ja stimmt schon. Aber im Dezember gibt es Weihnachtskekse<, machte Tea weiter. >Welches ist Ihr Lieblingskeks zur Adventszeit? Erzählen Sie es mir.< >Mein Lieblingskeks, zu Weihnachten, das ist ein Gewürzkuchen. Im Advent esse ich noch kein Gebäck<, sprudelte es wie auf Kommando aus Frau Bergmann heraus. >Wie schmeckt er, wie fühlt er sich auf der Zunge an, wie riecht er<, regte Tea den Eifer von Frau Bergmann an. Sie wollte unbedingt wissen, welche Empfindungen diese Frau mit einem solchen Gebäck verband, alles im Sinne des Projekts „Spicy“. >Natürlich mag ich einen solchen Keks knackig; er darf ruhig ein bißchen zwischen den Zähnen knirschen. Er soll würzig riechen und schmecken, eben so richtig mit vielen Weihnachtsgewürzen gebacken. Ein bißchen scharf, nicht zu süß soll er sein. Das ist mir lieber als diese Zuckerbatzen, die sonst als Keks angeboten werden.< Frau Bergmann atmete erst einmal durch, selbst überrascht von ihren Wünschen, die sie Tea gerade mitgeteilt hatte.
Tea war hoch zufrieden. Ihr Gesicht strahlte. Sie lächelte entspannt. Die ersten Ideen zu „Spicy“ hatte Frau Bergmann ihr gerade geliefert. Am Geschmack konnte sie herumprobieren und ihn verfeinern.Es gab eine Grundlage, auf der sich das Rezept entwickeln konnte. >Vielen herzlichen Dank für Ihre Rezeptideen, Frau Bergmann. Sie sind sehr hilfreich für mich<, antwortete Tea. >Das hat richtig Spaß gemacht. Eine gute Abwechselung zum Reinemachen. Wenn Sie noch einmal meine Meinung brauchen, ich bin dabei<, antwortete Frau Bergmann erfreut.< >Jetzt muß ich aber los. Bis nächste Woche.< Mit diesen Worten verschwand sie durch die Haustüre. Die Türe schloß mit einem satten Clack.
Tea drehte sich um. Sie schaute automatisch auf ihre Armbanduhr. Mit einem Schreck stellte sie fest, daß der Vormittag fast vorbei war. Es stand noch kein Versuchskuchen im Backofen. Sie mußte jetzt aufs Tempo drücken. Geradewegs marschierte sie in die Küche. Ihre Country-Küche war seit einem Monat neu eingebaut. So richtig daran gewöhnt hatte sie sich noch nicht. Der Küchenraum war großzügig bemessen. Hier hielt sie auch Kochpartys ab, zu denen sie von Zeit zu Zeit Freunde und Bekannte einlud.
Meist bereiteten sie ein Menü mit mehreren Gängen zu, gekrönt von einem opulenten Dessert und natürlich einer Torte.Mit ihren Händen strich sie unruhig an ihrer Hüfte und ihrem Bauch entlang. Sie stellte fest, daß ihre Hose locker an ihrer Hüfte saß. Ein Zeichen dafür, daß sie in den letzten Wochen ein paar Kilos verloren hatte. Das gefiel ihr, denn es war Badesaison in Cap Mondrian am Azursee. Sie wollte am Strand „bella figura“ machen! Nur weil man Kuchen backt, muß man nicht aussehen wie eine Tonne, ging es ihr durch den Kopf. Mit den sanften Rundungen ihres Körpers an Busen und Po war sie sehr zufrieden. Nicht ganz schlank, aber auch nicht dick.
Sie entschloß sich, das Rezept mit dem Aprikosenkuchen, die „Aprikosentarte TEA“ auszuprobieren. Dazu holte sie das Rezept. Mit schnellen Schritten eilte sie in ihr mit weißen Vintagemöbeln eingerichtetes Arbeitszimmer neben der Wohnhalle. Sie schaltete das Notebook ein. Nach wenigen Minuten vertiefte sie sich in die Zutatenliste des Backrezepts. Zurück in der Küche trat sie an die Kochinsel. Die großformatigen Fronten der Unterschränke hatten kleine Knäufe. Die Arbeitsflächen bestanden aus Keramik. Mit einem Ruck zog sie die Schubkästen auf. Sie holte sich die Backzutaten und Schüsseln hervor. Für den Teig benötigte sie : Mehl, Butter, Eigelb, Vanillezucker, Zucker und etwas Backpulver. Als Belag dazu kamen die Aprikosen mit dem raffiniert neuen Nußstreusel aus Mandeln, Walnüssen, Pinienkernen und Erdnusskernen. Die Aprikosen stammten aus einem streng biologisch bewirtschafteten Obstgarten am Rande der Stadt. Die Früchte lagen prall im Korb, sie dufteten aromatisch und süß.
Sie füllte die Teigzutaten in die Rührschüssel ihrer Küchenmaschine und schaltete sie ein. Sie beobachtete wie sich die einzelnen Bestandteile behutsam zu einer gleichförmigen Masse formten. Wie immer, wenn sie ein neues Rezept ausprobierte, war es still im Haus. In keinem Zimmer hörte man Musik. Tea konzentrierte sich fast schon meditativ auf den Akt des Kochens. Mit flinken Fingern entkernte sie die Aprikosen, steckte die Früchte in den Teig, der inzwischen ausgebreitet in der Backform lag. Den Nußstreusel streute sie akkurat über die Aprikosen. Jetzt nur noch backen, vorher die passende Backtemperatur einstellen, dabei keinen Fehler machen, dachte sich Tea. Sie freute sich auf das neue Kuchenstück. An ihrem Multifunktionsbackofen stellte sie die Temperatur ein. Die Backform verschwand flink im Backfach des Ofens.
Fertig ist der Kuchen, jetzt ist der beste Augenblick für eine Musestunde, ging es Tea durch den Kopf. Sie drückte die Taste an der Kaffeemaschine. Mit einer Tasse frischen Cappuccino spazierte sie zum Sofa, auf das sie sich entspannt in die Kissen setzte. Ganz zur Ruhe kam sie nicht. Erst heute morgen der Stress mit Sven Fritzen und jetzt begann sie in einer inneren Berg- und Talfahrt nachzudenken. Immer wenn sie einen neuen Backversuch startete, landeten ihre Gedanken bei Hilda Frey, die früher ihre beste Freundin war. In früheren Zeiten testete Hilda gerne ihre neuen Kuchenkreationen. Sie war immer gespannt, wie ihr Kuchen schmeckte. Jetzt mußte Tea alleine probieren. Die Gedanken in ihrem Kopf umkreisten ihr Verhältnis zu Hilda. Sie hatten sich seit zwei Jahren nicht mehr gesehen und gesprochen. Sie, Tea, war an allem schuld! Schließlich hatte sie mit Hildas Ehemann, Torston, einige Dates gehabt. Sie hatten heftig geflirtet. Wenn sie daran dachte, krampfte sich ihr Magen zusammen. Damals fühlte sie sich einsam und deprimiert. Torston bestätigte sie in ihrer Weiblichkeit. Sie war einem dringenden Bedürfnis nach emotionaler und körperlicher Nähe eines Mannes nachgekommen. Er gab ihr das Gefühl, eine begehrenswerte Frau zu sein.Sie kämpfte nicht dagegen an, sondern es gefiel ihr. Sie verhielt sich vollkommen egoistisch, mit keiner Sekunde dachte sie daran, daß Torston mit Hilda verheiratet war. Sie blendete es einfach aus. Sie hatte sich schuldig gemacht. Für Torston war sie nicht mehr als eine Abwechslung von einem langjährigen Eheleben.
Ihr Verhalten von damals war ihr heute fremd. Torston entsprach nicht mehr dem Typ Mann, den sie heute bevorzugte. Torston hatte ihr geschmeichelt. Er fing ihre weibliche Seite ein mit seinen Komplimenten, war aber ansonsten ziemlich dominant gewesen. Er braucht eine anpassungsfähige Frau, die nicht unbedingt eigenständig denkt, dachte sie. Wie Hilda mit ihm zusammenleben konnte, war ihr ein Rätsel. Es verwunderte sie immer mehr, je länger sie darüber nachdachte. Sie betrachtete sich als eigensinnige Frau, die gerne eigene Wege ging. Sie verdiente ihren Unterhalt mit der Kreation von neuen Tortenrezepten und wollte über ihre Finanzen selbst bestimmten. Da bevorzugte sie einen Mann wie Rufus Vogl. Ohne Mann zu leben war ihr schlicht zu langweilig. Rufus gefiel ihre Selbstständigkeit. Bis jetzt lief es ziemlich gut mit ihm.
Jetzt waren so viele Monate vergangen, in denen sie Hilda vermißt hatte. Würden sie jemals wieder miteinander sprechen? Vielleicht war es an der Zeit, einen Schritt auf Hilda zuzugehen? Nur wie sollte sie es machen, damit es einen Neuanfang gibt? Alle diese Gedanken machte sich Tea, wenn es um Hilda ging.
Sie schlenderte zurück in die Küche, ging zum Backofen, öffnete neugierig die Türe des Schachts und holte den Kuchen heraus. Ungläubig betrachtete Tea ihr Backwerk. Es entpuppte sich als ein rauchendes Schreckgespenst.Eine dunkle, fast schwarze Masse lag auf dem Kuchengitter. Teas Stimmung verfinsterte sich zusehens, denn heute war offensichtlich nicht ihr Glückstag.Es war ihr Fehler gewesen, raste es Tea durch den Kopf: Sie hatte die Backtemperatur des Teigs für den neuen Ofen falsch kalkuliert. Einfach nur einige Grade zu hoch auf dem Display eingestellt.
Für heute reichten Tea ihre Erlebnisse. Sie brauchte dringend Abstand zu ihrer Backorgie, die gründlich schief gelaufen war.Ein Wechsel der Perspektive mit einer anderen Umgebung würde ihr helfen. Sie entschloß sich einen Spaziergang zum Yachthafen zu machen. Das würde ihrer inneren Balance wieder auf die Sprünge helfen. Vorher zog sie ihr neues, weißes Sommerkleid mit dem Mohnblütenmuster an, bevor sie sich auf den Weg machte.
Nachdem Torston gegangen war, versuchte Hilda ihren Ärger in Luft aufzulösen. Wie immer, wenn sie erregt war, begann sie vom Wohnzimmer zum Arbeitszimmer zu laufen und wieder zurück. Die gleichmäßigen ruhigen Schritte, die sie dabei machte, senkten ihren Stresspegel. Nach zwei Stunden atmete sie auf. Sie betrachtete ihre weiße Inneneinrichtung mit einem zufriedenen Lächeln. In ihrem Arbeitszimmer in der Leseecke mit den hohen Regalen voller Tiermedizinbücher und Ratgeber für den Hundefreund setzte sie sich in ihren Lieblingssessel. Es war ein mit weißem Stoff überzogenes Oval eines skandinavischen Möbelherstellers.
Ihre Medizinliteratur erinnerte sie daran, ehemals einige Semester Tiermedizin studiert zu haben. Damals gab sie ihr Studium auf, als ihr Sohn Felix auf die Welt kam. Jetzt war Felix beim Studium in Wien. Sie hatte die beiden letzten Jahre genutzt, sich eine eigene Existenz aufzubauen: „Lussodog“, einen Online-Handel mit Zubehör für den Hundeliebhaber.
Ihr Kopf funktionierte wieder klar und rational, wie es ihrem Charakter entsprach. Sie wußte nicht, welches Geschäftstechtelmechtel zwischen Torston und Mike Petrus lief, aber es konnte ihr auch egal sein. Ihr Hundeleckerli stand jedenfalls nicht zur Diskussion. Sie besaß die Rezeptur dafür und wollte es als Spezialität über ihren Online-Handel verkaufen. Die Rezeptur stammte aus Hong Kong. Dort hatte sie Hilda einem Chinesen auf dem Markt in Kowloon abgekauft.
Sie erinnerte sich daran, wie sie nachmittags auf dem Markt umherschlenderte, vorbei an Tierkäfigen voller Hühner, Kaninchen und Vögel. Mittendrin stand der Chinese und pries sein Futter für Haustiere an. In viereckigen Körben unterbreitete er Trockenmischungen für Hunde und Katzen. Hilda steckte ihre Nase in die Körbe. Der Chinese sprach Hilda in perfektem Englisch an, was er damit erklärte, einige Jahre in England gelebt zu haben. Hilda war sofort von dem Hundefutter begeistert. Die Stücke hatten eine krosse Krume und rochen nach Kräutern. Sie erklärte ihm, sie könne das Trockenfutter nicht mit nach Europa nehmen. Doch wäre sie auf der Suche nach einem Hundeleckerli mit einem besonderen Geschmack. Kein Problem meinte er. Er nahm einen Stift und schrieb ihr einige Zutaten auf einen klebrigen Papierfetzen. Anhand ihres Wissens über Hundeernährung erkannte sie sofort die ideale Zusammensetzung für die Physiologie eines Hundes. Sie paßte perfekt in die Geschmacksvorliebe von Haushunden. Sie bedankte sich bei ihrem chinesischen Verkäufer, nachdem sie ihm 50 Dollar gegeben hatte. Der Chinese machte daraufhin eine tiefe Verbeugung vor ihr. Als sie zurück im Hotel bei Torston war, kommentierte dieser ihre Errungenschaft mit den Worten: „Was hast du dir wieder für einen Mist andrehen lassen.“
Ihre Idee mit dem Hundeleckerli machte ihr Torston nicht kaputt und erst recht nicht ein Mann wie Mike Petrus. Daß Torston immer wieder mit ihm Geschäfte machte, fand sie haarsträubend. Torston hielt ihre Idee angeblich für eine Laune, sprach aber mit Mike Petrus darüber. Seltsam dachte sie. Hatte Torston inzwischen eine Eingebung gehabt, wodurch sich seine Meinung änderte? Für Hundefutter wurden nach den Marktanalysen der Meinungsforscher jedenfalls Riesenbeträge pro Jahr ausgegeben. Hundebesitzern saß der Euro locker, wenn es um das leibliche Wohl ihrer Lieblinge ging. Hilda hatte die Wirtschaftsinformationen genau gelesen. Die Ausgaben für Hundefutter gingen jedes Jahr in die Milliarden Euro.
In solchen Momenten schweiften ihre Gedanken ab.Sie beschäftigten sich mit ihrem Privatleben. In den vergangenen Jahren war sie viel allein gewesen. Torston nahm ihre beruflichen Wünsche nicht ernst, für ihn waren es Spinnereien. Wie gerne hätte sie sich mit ihrem Projekt mit einer anderen Geschäftsfrau ausgetauscht? In diesem Zusammenhang erinnerte sie sich immer an Tea. Sie war bis vor zwei Jahren ihre beste Freundin gewesen. Mit ihr über Berufspläne zu sprechen, hatte immer Spaß gemacht. Tea stellte den emotionalen Gegenpart zu ihrer eigenen rationalen Seite dar. Tea äußerte sich einfühlsam zu anderen Menschen. Sie hatte Verständnis für deren Wesenszüge, wenn es auch Macken waren. Sie selbst dachte eher daran, welche Vorteile der andere bot oder welche sie ihm bieten konnte. Sie ergänzten sich prächtig, wenn es daran ging, über Probleme zu sprechen. Es kamen immer unterschiedliche Aspekte zur Sprache. So war nichts fest manifestiert. Es gab immer überraschende Lösungen. Und natürlich konnten sie richtig schön herumalbern.Wenn sie es sich ehrlich eingestand, vermißte sie Tea. Wenn da nur nicht der winzige spitze Stachel in ihrem Herzen steckten würde! : Teas verbrachte Liebesnacht mit Torston! Oder irrte sie sich da ganz gewaltig? War das alles nur ihre grundlose Eifersucht?Oder doch die Wahrheit?
Hilda mußte sich eingestehen, daß sie es war, die den Zustand ihrer Ehe negativ beeinflußt hatte. Aus dem gemeinsamen Leben mit Torston hatte sie sich zurückgezogen. Ihr Interesse lag bei ihren beruflichen Plänen. Ihr eheliches Zusammensein verlief teilnahmslos bis lustlos, wobei sie beide nur noch nebeneinander herlebten. Als sie Torston zusammen mit Tea im „Azuro“ entdeckte, war sie vollkommen bestürzt gewesen. Und Torston gab das Treffen mit Tea zu. Sie fühlte sich von ihm gedemütigt und von Tea hintergangen. Am meisten verwunderte sie aber das Gefühl, fürchterlich wütend auf Torston zu sein. Er hatte sich zwischen sie und Tea gestellt. Ihre anfängliche Wut auf Tea verflüchtigte sich innerhalb der vergangenen Jahre immer mehr. Sie wußte inzwischen überhaupt gar nicht mehr, ob sie noch wütend auf ihre Freundin war.
Ihre Ehe mit Torston scheiterte nicht, was daran lag, daß sie ihrem Mann verzeihen konnte. Sie erlebten das gegenseitige Miteinander frisch mit einem ehrlichen Austausch an Worten und Gefühlen. Torston bemühte sich um sie. Sie begannen wieder einander zu vertrauen. Vielleicht ist die Zeit gekommen. Es wäre schön, wieder einmal die Gesellschaft von Tea zu genießen? Tea schaute immer optimistisch in die Zukunft. Mit ihr machte es Spaß, alle Alltagsdinge zu bereden. Sie mußte unbedingt herausfinden, wie sich die Begegnung mit Tea anfühlte.
Hildas Gedankenspiele endeten als Georgi, ihr Hund, sich bemerkbar machte. Er begann um den Sessel zu tänzeln, wobei er die kalte Schnauze an ihre Beine drückte. Es war Zeit für einen Spaziergang mit dem Vierbeiner. Hilda wollte am Seeufer entlang laufen. Rasch lief sie in den ersten Stock, tauschte ihren grünen Kimono gegen ein mit roten Blüten gemustertes Sommerkleid und verließ mit dem bellenden Georgi das Haus.
Es war Freitag Nachmittag. Für Rufus Vogl, 38 Jahre alter Kriminalhauptkommissar des Morddezernats in Cap Mondrian, hatte das Wochende bereits begonnen. Er freute sich auf einen bequemen Relaxtag in seiner Wohnung. Gerade hatte er sich eine Kanne mit schwarzem Tee, Darjeeling First Flush, seine Lieblingssorte, aufgegossen. Inzwischen trug er seinen bevorzugten Freizeitdress : Einen himmelblauen Baumwollpyjama. Die Stofffarbe kontrastierte vorteilhaft mit seinem dunkel gebräunten Teint, dem Braun seiner Augen und den schwarzen Haaren, in denen bereits graue Strähnen hervorblitzten. Mit anderen Worten, Rufus sah ziemlich attraktiv aus.
Elegant bewegte er seinen 1.80 m großen, schlanken Körper durch die beiden Räume seiner Wohnung. Sie befand sich in einem blau angestrichenen Haus , in der Nähe des Dezernats, in der Tulpengasse. Rufus war in einem Mix aus Erbstücken seiner Familie, Billigmöbeln schwedischer Herkunft und Designklassikern aus Italien eingerichtet. Am liebsten hielt er sich in dem blau gestrichenen Schlafzimmer mit dem Atelierfenster auf. In der Mitte des Zimmers thronte ein 2 m breites Boxspringbett, voluminös gebaut mit zwei übereinander liegenden Matratzen. Es war die teuerste Investition in der Wohnungseinrichtung seit langem. Das Bett hatte mehrere Monatsgehälter gekostet. Für Rufus ein sich lohnender Luxus, denn er entspannte wunderbar auf seinem Polsterlager. Gegenüber dem Bett an der Wand befand sich der Flachbildschirm.
Gerade hatte es sich Rufus bequem gemacht. Er lag waagerecht ausgestreckt auf der gelben Leinendecke, trank Tee aus kleinen weißen Tassen und schaute an die Decke. Es war an der Zeit wieder einmal seinem liebsten Zeitvertreib nachzugehen. Er beabsichtigte sich das Video über das Leben eines Geparden in der Savanne anzusehen. Denn er mochte Tierfilme. Er drückte auf den Knopf.Einige Sekunden später lief die Raubkatze über den Bildschirm.
Er bewunderte die elastischen und eleganten Bewegungen mit denen die Wildkatze herumstreifte. Wenn sie schneller lief und das Tempo steigerte, setzte sie zu Sprüngen an. Ihr Körper flog langgestreckt wie ein Pfeil durch die Luft. Das gelbliche Fell mit den charakteristisch schwarzen Punkten glänzte im Sonnenlicht. Rufus beobachtete den Geparden, wie er langsamer wurde und schließlich unter einem Baum stehen blieb. Der Platz gefiel ihm. Er legte sich genau in die Mitte des Schattens, den der Baum warf. Der Gepard hob seinen majestätischen, runden Kopf. Er blickte ihm direkt in die Augen. An dieser Stelle hielt Rufus das Video an. Er wollte einmal feststellen, ob die Wildkatze mit ihm plaudern würde. So ein Dialog von Mann zu Mann. Es war eine männliche Wildkatze. Ein Versuch war es wert. Rufus hatte Glück, der Gepard hatte Lust dazu:
G: >Du suchst ein Gespräch mit mir. Nur Mut, lege los.<
R: >Wie geht es dir? Warst du heute schon auf der Jagd?<
G:>Ja. Ich bin durch die Büsche gehetzt, aber meine Beute diese junge Antilope entkam mir. Eine beschämende Aktion für mich. Das passiert mir, dem schnellsten Landsäugetier der Erde. Ich kann 120 km pro Stunde laufen. Ich bin eine Kleinkatze und laufe schneller als die Großkatzen Löwe, Leopard und Tiger.<
R:>Mach dir nichts daraus. Rückschläge gehören zum Leben. Morgen taucht hinter dem nächsten Busch wieder ein Beutetier auf. Dann kannst du Ehrgeiz zeigen<.
G: Schnurrt. >Was ist mit dir? Bist du auch auf der Jagd?< Schnurrt wieder, etwas lauter. Geparden schnurren beim Ein- und Ausatmen.Rufus war ganz glücklich, daß der Gepard auf ihn reagierte. Er goß sich eine weitere Tasse Tee ein.
R: >Ich mag Tee, für dich ist das wohl nichts. Ja, ich jage auch, wie du. Ich bin sozusagen ein professioneller Jäger. Ich bin hinter Verbrechern her. Bald geht es aufs Neue los. Ich gehe es im Job jedoch gerne langsam an, lasse die Dinge am Anfang der Ermittlungen in einem großen Rahmen laufen. So umkreist man den Verdächtigen in einem weiten Radius . Ich lasse meine Mitarbeiter gerne alleine machen. Es gibt auch Hetze, am Ende, wenn der Verbrecher entlarvt wird. Andererseits liebe ich die Geschwindigkeit wie du. Ich mag meinen alten roten Kombi gerne ausreizen, schnell fahren, dann fliegen die Bäume an der Straßenseite wie Schatten vorbei. Die Schnelligkeit gibt mir das Gefühl frei zu sein. Die Kollegen von der Verkehrskontrolle warnen mich immer vor Radarfallen. Ich möchte in der Savanne sein, mit dir umherjagen.<
G: >Stelle dir das nicht so einfach vor. Für uns Kleinkatzen ist der Lebensraum mit der Zeit immer kleiner geworden. Sehr viel Weideland und Jagdgebiet haben wir verloren. Es wurde als Agrarfläche für euch Menschen umgenutzt. Wo wir den Menschen näher kommen, werden wir gnadenlos gejagt und getötet. Heute gibt es von uns noch 12 000 Tiere. Die meisten von uns leben in den Schutzgebieten von Namibia. Früher jagten wir vom Mittelmeer bis hinunter nach Südafrika.Wir bevorzugen Savannen als Lebensraum, mögen keine Wüste und keinen Regenwald. Ich jage übrigens tagsüber, wie du, wenn ich Hunger habe.<
R: > Interessant, was du über dich erzählt hast. Du wirst doch wegen deines schönen Fells mit den markanten Punkten darauf gejagt? Für die Exotik im Wohnzimmer.<
G: Schnurrt zornig. >Ja, du triffst mich ins Herz. Mein Fell war in früheren Zeiten eine begehrte Jagdtrophäe.<
R: >Und wir Menschen haben dich früher gezähmt, soviel ich weiß.<
Rufus schüttelte das Kissen auf, legte seinen Kopf genau in die Mitte, damit er sich besser auf den Geparden konzentrieren konnte. Ihm wurde bewußt, daß es hier um eine intensive Zwiesprache ging.
G: >Ja, allerdings. Eine Geschichte haben wir auch. Wir sind leicht zu zähmen. Ihr Menschen habt uns bei der Hirschjagd als Jagdhelfer eingesetzt. Erst mußten wir das Wild zu Tode hetzten, dann griffen die Jäger ein. Das war schrecklich, denn wir hetzen nur, wenn wir Hunger haben und nicht zum Spaß.<
R: >Das sind abartige Erlebnisse, von denen du mir erzählst. Wir Menschen sind grausam mit dir umgegangen. Auch wenn du es nicht verstehst, ich bin auch abartig. Ich brauche jetzt etwas Süßes. Wir Menschen essen in unmöglichsten Momenten. Ich habe einfach Lust auf Schokoladengeschmack.< Rufus stand auf und holte sich aus dem Küchenschrank eine Tafel Zartbitterschokolade. Er riß die Verpackung auf , brach sich ein Stück der Süßigkeit ab, das er in den Mund steckte und mit Genuß lutschte. Anschließend nahm er den Geparden wieder ins Visier, indem er sich erneut auf dem Bett langmachte.
G: Schnurrt, schnurrt immer lauter. >Wenn wir Tiere schon Trophäen sind, bist du auch eine? Ich denke besonders an Frauen. Betrachten sie dich als eine?<
R: >Du meinst meine Rolle als Mann?<
G: >Ja, bist du nicht ein Frauenliebling? Ein Mann, der von den Frauen wegen seines begehrenswerten Äußeren gemocht und gejagt wird?<
R: >Daß ich gejagt werde, das finde ich gut. Es gefällt mir, etwas eitel bin ich schon.<
G:->Du willst gejagt werden. Du strengst dich also nicht an, eine Frau zu erobern?<
R: >Eine Frau erobern, das klingt nach Mittelalter. Warum darf ich für Frauen keine Jagdbeute sein. Es gefällt mir, wenn mich eine Frau anspricht und sich um mich bemüht. Und wenn du es genau wissen willst, ich mag es, wenn mir Frauen Komplimente machen. Es ist für mich eine tolle Bestätigung als Mann.<
G: >Du bist ein bequemer Langweiler. Im Job langsam unterwegs, nur mit dem Auto schnell, bei Frauen zurückhaltend. Ich kann mir nicht vorstellen, daß du alle Frauen damit begeisterst. Hast du denn keinen Jagdinstinkt?<
R: Schnaubt, er verschluckt sich an einem Bissen Schokolade. Es folgt ein Hustenanfall, der in lautes Lachen übergeht.
>Bei dir brauche ich Humor. Natürlich mag ich Frauen, aber nicht jede. Ich freue mich, wenn mich eine sexy Figur – ich meine Frau- ansieht.Eine Frau erobern, das ist immer so anstrengend. Ich bin etwas schüchtern Frauen gegenüber. Ich finde es toll, wie es meine Freundin Tea Sommerda macht. Sie ruft mich an, und manchmal kocht sie mir ohne große Worte mein augenblickliches Lieblingsessen, wie Radicchiorisotto, und dann Kalbsschnitzel mit Salbei. Ein Dessert gibt es bei einer Kochspezialistin wie Tea selbstverständlich auch. Ihre Apfeltartlets sind Genuß pur. Ich finde die gemeinsamen Abendessen toll. Hinterher schaut mir Tea in die Augen, nimmt meine Hand, anschließend verschwinden wir beide im Schlafzimmer. Perfekt. Auch habe ich nichts dagegen, wenn sie die Planung für ein Wochenende übernimmt. Das ist dann richtig gut durchorganisiert. Besser kann ich es nicht.< Rufus hörte auf zu reden. Über sein Gefühlsleben mit Tea hatte er nie so intensiv nachgedacht.
Der Gepard stand auf, streckte seinen Rücken der Länge nach, machte zwei Schritte nach vorne und ließ sich mit einem Satz fallen. Er schaute Rufus wieder direkt in die Augen, Es war ein nachdenklicher, durchdringender Blick.
G: >Was du erzählst, begeistert bin ich darüber nicht. Klingt eher als ob du eine Köchin brauchst, die nebenbei die Wochenendplanung erledigt. Aber brauchst du eine Frau?<
R: >Vielleicht nimmst du es mit Humor? Was ist gegen eine Frau einzuwenden, die kochen kann? Essen ist etwas sehr Sinnliches. Du stellst mich als unmännlich hin. Ich lasse es zu, daß Tea eine aktive Rolle übernimmt.<
G: >Langweiler, Langweiler.< Das Tier rollt sich zur Seite, scheint sich sichtlich wohlzufühlen.
R: Nicht ganz so entspannt. >Tea mag eben Langweiler, stell dir vor. Ich mache nicht auf harten Typ, bin auch kein Lederjackendreitagebartkommissar. Ich mag meine modischen italienischen Jacken. Meine Schuhe sind immer geputzt, Sneakers finde ich,passen auf den Sportplatz und nicht in die Stadt. Es liegt sicher am Alter. Tea ist etwas älter als ich. Sie ruht in sich, sie ist selbstsicher. Sie weiß, was sie will. <
G:>Und was machst du in dieser Beziehung?<
R:>Hoffentlich keine blöde Figur. Natürlich bemühe ich mich um unsere Erotik; das mache ich gerne, Teas Wünsche bin ich immer bereit zu erfüllen.<
G: >Du bemühst dich. Das klingt nach Sozialdienst, nach einer großherzigen Tat von dir. Von Leidenschaft und Herz-Schmerz ist da nicht die Rede.<
R: >Mein Seelenleben mag ich nicht auf dem Seziertisch sehen. Du übertreibst einmal wieder. Ich finde Tea sexy. Wir haben viele Gemeinsamkeiten. Ich überrasche sie mit Konzertkarten, Musik hören wir dauernd. Sonntags machen wir gern einen langen Spaziergang am See entlang zum Yachthafen, mit der frischen Brise um unsere Nasen und den Blick ins Weite auf den See gerichtet. Das tut uns beiden gut. Gelebter Alltag eben!<
G: >Und deine Beziehung zu Tea, wie umschreibst du sie? Als nüchternen Fall, wie der analysierende Kommissar im Morddezernat die Mordfälle oder eher romantisch wie der sentimentale Mann beim Seespaziergang?<
R: >Aber wirklich, das ist doch kein Fall! Tea und ich wir begegnen uns auf vielfältigste Weise. Soll ich jetzt Sterne vergeben für die Beziehung, nach dem Motto 3 Sterne für super, 2 Sterne für mittelmäßig und 1 Stern für lau?<
G: >Wie empfindest du denn dein Privatleben? Was ist es für dich?<
R: >Das Beisammensein mit Tea ist gemütlich und unkompliziert. Sie beschwert sich auch nicht, wenn ich in einem kniffligen Fall stecke. Dann ist Tage lang keine Zeit für sie vorhanden.<
G: >Um es auf einen Punkt zu bringen. Sie stellt keine Forderungenan dich.< Die Raubkatze war inzwischen aufgestanden und schob den Kopf nach vorne. Sie spannte ihren Rücken an, um sich sogleich mit einem Satz nach vorne hinzusetzen, den Kopf stolz in die Luft gestreckt. Der Schwanz schweifte auf dem Boden entlang. Schnurrte. Schnurrte.
R: >Das ist Gepardenlogik. Blödsinnig, auch wenn es dir weh tut. Tea nimmt einfach mehr Rücksicht auf mich als es eine jüngere Frau täte. Sie hat größeres Verständnis für einen Mann. Sie benötigt selbst auch Zeit, um ihre eigenen Interessen zu leben.<
G:>Was bist du für sie, wenn du ehrlich bist?<
R: Antwortet schnell, zu schnell. Es fällt ihm sofort auf. >Der Sonntagabendliebhaber mit Aufstiegschancen zum Freund.<
G: >Tolle Aussichten! Das nennt sich Karriere in deinem Liebesleben. Ist das wirklich nach deinem Geschmack hinsichtlich einer erfüllten und prickelnden Partnerschaft?<
R: Ist nachdenklich geworden. >Es ist eine Basis. Und überhaupt. Ich kann mein Liebesleben eben nicht so gut beschreiben. Die Begegnungen mit Tea sind vielfarbig, einmal sind sie gemütlich, einmal aufregend, einmal spannend, einmal langweilig, einmal total schweigsam. Ich wünsche mir eine intensive Partnerschaft.<
Rufus setzt sich bei diesen Worten ganz aufrecht auf sein Bett, als ob er ihnen ein besonderes Gewicht verleihen möchte.
G: >Intensive Partnerschaft. Meinst du das tatsächlich?<Das Schnurren wird immer lauter.
R: >Intensive Partnerschaft, so wie ich es sagte.<
G: >Das heißt, du trägst jeden Tag den Abfall zur Tonne?<
R: Lacht laut. >Stimmt so. Mache ich aber nur im Jackett mit Hose und nicht im Jogginganzug. Ein Minimum an Stil muß sein.<
Der Gepard schüttelte seinen Kopf. Er schnurrte wieder lauter.
G: >Was gefällt dir nicht an der Tea-Rufus-Liebe? Sprich es aus.<
R: >Die Finanzen sind ein Problem oder werden eins. Tea ist als Kochbuchautorin sehr erfolgreich. Ihre Bücher sind Bestseller. Sie ist Großverdienerin. Ich dagegen habe nur mein Beamtengehalt als kleiner Kommissar, immerhin mit Pensionsanspruch. Ich muß manchmal sparen, während Tea mehr finanziellen Spielraum hat. Einladen lasse ich mich von ihr nur ungern. Des Geldes wegen gestritten haben wir aber noch nicht.<
G: >Meine Güte, seid ihr Menschen kompliziert. Wir laufen los, suchen uns ein Weibchen und los geht es mit der Liebe.<
R: >Ich bin doch kein Urzeitmensch. Auf Wildwest mit Eroberungsstrategien habe ich keine Lust.<
G: Schnurrt. Schaut eindringlich auf Rufus. >Vielleicht solltest du dir überlegen, wo du in zwei Jahren sein willst. Mit Tea oder ohne Tea? Was sagt dein Herz?<
R: >Ich weiß es nicht. Ich bin mir nicht sicher, ob die Zuneigung zu Tea reicht für eine langfristige Mann-Frau-Aktion. Bis heute habe ich sie nicht zu mir nach Hause eingeladen. Mein neues Bett ist noch jungfräulich, die Matratzen haben noch keine Sexkapriolen mit einer Frau erlebt. Wie gefällt dir mein neues Bett und mein Schlafzimmer?<
G: >Du siehst ziemlich einsam und verloren aus auf dem großen Bett. Nackt unter dem Pyjama. Schaust du auch Pornos, spielst du deine eigenen Spiele?<
R: >Das reicht. Jetzt wird es aber delikat. Dazu sage ich nichts.<
Für Rufus war die Innenschau auf sein Privatleben längst überfällig. Daß er sich einmal Gedanken zu seinem Verhältnis zu Tea machen mußte, war ihm seit langem klar. Allmählich stellte er sich auch die Frage, warum er nicht fest liiert war? Hatte er Angst vor Frauen? War er etwa bindungsscheu? War es mit Tea überhaupt Liebe? Ziemlich viele Fragen auf einmal.
G: >Du wirst immer nachdenklicher. Hat dich mein Beziehungscheck an deiner Liebe zu Tea aufgeschreckt?<
R:>Du bist spitzfindig und anstrengend!<
G:>Hast du ein Geheimnis? Würdest du es mir verraten?< Schnurrt wieder, wie es Geparden tun.
R: Er schaute als ob er aus einem tiefen Traum erwacht wäre.
>Da kann ich ganz offen sein. Mein Geheimnis, das bist du. Ich werde niemandem anvertrauen, daß ich meine Gedanken mit einem Geparden teile. Sie sind absolut vertraulich. Und was ich vergessen habe, dir zu sagen. Im Morddezernat nennt man mich die Raubkatze. Ich soll auf meinen langen Beinen die Treppe in geschmeidigen, fließenden Bewegungen herauf- und herunterlaufen.<
G: Schnurrt. >Du machst mir Konkurrenz?<
R:>Wird mir wohl kaum gelingen. Eine Frage habe ich noch. Können Geparden Menschen von weither riechen?<
G: Die Katze hob wieder den Kopf. Sie lauschte in den Raum hinein. >Ich höre extrem gut. Und Menschen riechen?< Der Gepard drehte den Kopf zur Seite, stellte sich langsam auf, dehnte seinen sehnigen Rumpf und tastete sich mit seinen Beinen in vorsichtigen Schritten nach vorne. Schnurrt. >Du riechst ziemlich komisch. Undefinierbar nach vermoostem Wald. Einfach stickig, Müll. Du solltest das Aftershave wechseln. Sexy Fehlanzeige. Am Duftsignal mußt du noch arbeiten.<Er drehte seinen Körper. Rufus sah das Tier nur noch von hinten. Sein Schwanz pendelte in der Luft. Das ist wohl sein Abschiedsgruß, erkannte Rufus. Der Gepard verschwandt hinter dem Baumstamm. Weg war er.
DerGedankenaustausch mit seinem Freund , dem Geparden, war beendet. Rufus stellte das Video aus. Die Konfrontation mit seinen Gefühlen hatte ihn reichlich müde gemacht. Sie hatte länger gedauert als er vorgesehen hatte. Oberflächlich ist der Gepard nicht.Er nimmt sein Seelenleben ganz mächtig auseinander. Rufus seufzte mehrmals intensiv auf.
Inzwischen krampfte sich sein Magen zusammen. Er hatte regelrecht Magenschmerzen. Das Frühstück war heute seine einzige Mahlzeit gewesen. Das mußte er sofort ändern. Er rutschte vom Bett, schlich sich in die kleine Küche, wo er die Dachluke öffnete. Er brauchte dringend frische Luft. Tief atmete er die kühle Brise ein, die vom Azursee über die Stadt wehte. Auf eine langwierige Kocherei hatte er keine Lust. Penne mit Tomaten, das macht nicht viel Umstände, dachte er. Deshalb setzte er Nudelwasser im hohen Topf auf, ohne Salz zu vergessen. Sonst schmecken die Teigwaren fade, hatte ihm zumindest Tea gesagt. Die Soße stand fertig gekocht vom Vortag im Kühlschrank. Er hatte sie selbst zubereitet, mit viel Peperoncino scharf abgewürzt; den Geschmack mit Rosmarin abgerundet. Er nutzte die Kochzeit, um mit seinem Assistenten Fabian Alt im Morddezernat zu telefonieren. Fabian Alt hatte Bereitschaft.
>Hallo Fabian, wie geht es? Gibt es etwas Dringendes<, fragte Rufus. >Chef, es ist alles ruhig, wie es der See ist, jetzt nach der Regatta>.
>Ist mir sehr angenehm. Heute gab es die Regatta, das habe ich völlig vergessen. Sollte sich etwas Wichtiges ereignen, rufst du mich an<, entgegnete Rufus. >Ist in Ordnung, Chef. Schönes Wochenende<, beeilte sich Fabian Alt wichtigtuerisch zu antworten.
Endlich konnte er die Nudeln herunterschlingen, denn zu mehr war er bei dem Heißhunger nicht fähig. Rufus mischte die gegarten Penne mit der inzwischen heißen Tomatensoße. Dann holte er den frischen Parmesan aus dem Kühlschrank. Mit der Käsereibe raspelte er sich Käsespäne auf seine Nudelportion. Gerade wollte er den ersten Gabelbissen in den Mund schieben, als sein Handy klingelte. Er legte die Gabel schwungvoll auf den Teller und checkte den Anruf. Er kam von Tea.
Cap Mondrian war eine romantische Sommerfrische am Azursee mit bunten, großen Häusern und alten Sandsteingebäuden im Stadtzentrum und etlichen neu erbauten Hochhäusern am Stadtrand. Der Ort erinnerte in seiner Stadtgestaltung an den niederländischen Maler Piet Mondrian. Ein Bürgermeister im vergangenen Jahrhundert liebte diesen Künstler. Er regte an, Häuserfassaden nach Gestaltungselementen von Mondrians Kunst anzumalen. Zu Ehren des Künstlers wurde der Ort in Cap Mondrian umbenannt. Früher hieß der Ort schlicht Cap Rosen am Azursee.
Der Stadtkern zeigte sich eben mondrianmäßig. Einige geradlinige Straßen zeigten rote Hausfassaden, während andere kerzengerade angeordnete Häuser gelbe Anstriche aufwiesen. Die Häuserdächer waren tief schwarz. Es gab etliche rechteckig angelegte Plätze mit Cafes, Restaurants und Boutiquen. Im Sommer schien meist die Sonne. Es war hell auf den Plätzen, in den Straßen und in den kleinen Gassen. In der Stadt herrschte ein südländisches Flair. Die Promenadenallee war die prächtige Hauptstraße von Cap Mondrian. Auf der linken Straßenseite standen gelb angestrichene Häuser, rechts waren sie rot. Auf beiden Seiten reihten sich Platanen entlang. Im Sommer spendeten sie Schatten. Unter den Bäumen saß man in Korbstühlen und erholte sich von seinen Einkäufen in den zahlreichen Geschäften. In den Bars und kleinen Cafes trafen sich Einheimische, Segelbegeisterte, Touristen und Rufus Vogl mit seinen Mitarbeitern zu kühlenden Drinks bei Sommerhitze und Punsch im Winter. Rufus Vogl, Hauptkommissar des Morddezernats, nippte seinen Espresso bevorzugt in der Bar „Azuro“.
An die Promenadenallee grenzte der städtische Park aus dem 19. Jahrhundert. Der Park war ein Rosengarten, wovon der frühere Name des Ortes Cap Rosen herrührte. Viele der Pflanzen dort hätte jeder Rosenliebhaber gerne gehabt. Die Sorten waren sehr selten und alt. Es duftete betörend süß aus den Blütenkelchen. Ein Grund, weshalb es nachts Rosendiebe gab. Polizisten schoben im Park Nachtwache. In den Rosenbeeten wuchsen kleinwüchsige Stämme neben hoch aufwachsenden Rosenstöcken. An den Rändern des Parks ragten Rosenhecken auf, dazwischen steckten Kletterrosen und Clematispflanzen an Rankgittern. Die Rosen blühten in voller Pracht in allen Farben von tiefem Rot bis zu hellem Cremeweiß von Juni bis Oktober.
Tea Sommerda lief die Promenadenallee entlang, sog den Rosenduft des Parks ein und erreichte zügig die Seestekstraße. Mit Schwung kurvte sie um die Ecke und trabte in großen Schritten weiter. Die Straße war mehr ein Uferweg, der direkt am Yachthafen endete. Tea spazierte regelmäßig auf diesem Weg. Die Seestekstraße war auf der einen Seite von niedrigen Hecken gesäumt. Dahinter standen weiße Villen aus der Gründerzeit. In den gepflegten Gärten um die Häuser blühten weiße Rosen, neben pinkfarbigen Bougainvilleen. An den Apfelbäumen hingen die halbreifen, prallen Früchte. Auf der gegenüberliegenden, zum See zugewandten Seite fiel das Ufer zu einem schmalen Strand ab. Sonnenhungrige nutzten die großen Felsen dort gerne als Sonnenterrasse mit exklusivem Blick auf den See. Abends genoß man einen malerischen Sonnenuntergang.
