Friedenstaube - Ricardas Gavelis - E-Book

Friedenstaube E-Book

Ricardas Gavelis

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Beschreibung

"Vilnius kann man nicht entfliehen." Dies ist ein Kernsatz aus dem bekanntesten Roman von Gavelis, dem 1989 erschienenen "Vilniaus pokeris" (Vilniusser Poker). Die litauische Hauptstadt ist hier realer, mehr aber noch metaphysischer Ort des Geschehens. Nicht anders in diesen Erzählungen, die in allegorischer und kafkaesk-surrealer Form Probleme des postkommunistischen Litauens thematisieren. Es sind keine gemütlichen Einsichten: Da geht es um die Umtriebe der Mafia, die langen Schatten der stalinistischen Vergangenheit, um geistig-moralische Desorientierung, neue Armut und neue Reiche, die Verlockungen und die Abgründe der Macht. Auch die Helden dieser Prosastücke können oder wollen ihre Stadt nicht verlassen. Dämonische, zerstörerische Kräfte halten sie gefangen. Vilnius ist stärker als sie, und es ist überall.

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Seitenzahl: 192

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Ričardas Gavelis

Friedenstaube

Sieben Vilniusser Geschichten

Aus dem Litauischen von Klaus Berthel

ATHENA

Literatur aus Litauen

Band 1

Umschlagabbildung: »Taikos Balandis« von Marius Liugaila

Die litauische Originalausgabe erschien 1995 bei Alma Littera, Vilnius unter dem Titel »Taikos Balandis. Septyni Vilniaus Apsakymai«

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.

1. Auflage 2012

Copyright © 1995 by Ričardas Gavelis,

Copyright © 2012 by ATHENA-Verlag,

Mellinghofer Straße 126, 46047 Oberhausen www.athena-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Katja Niehörster

Datenkonvertierung E-Book: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN (Print) 978-3-89896-211-7 ISBN (ePUB) 978-3-89896-826-3

Nachdem ich ein Jahr lang keine Kurzprosa mehr geschrieben hatte, spürte ich das magische Bedürfnis, mich erneut diesem Genre zu widmen. Der Titel des Bandes ist einer älteren Erzählung entnommen, traurig-sarkastisch »Friedenstaube« genannt. Damals brachte eine Vilniusser Taube dem Helden Hass und Vernichtungswut entgegen. Leider ist dieses verhängnisvolle Geschöpf hinübergeflattert in unsere Tage. Es gibt keine Eintracht unter den Fliederbäumen von Vilnius. Da verwandelt sich eine metaphysische Liebe in ein fiktives Verbrechen. Da schreiben Hunde blutige Tagebücher. Da gelingt es einem allwissenden Arhat, sich nahe der Karoliniškės in Luft aufzulösen. Und all das unter den gespenstischen Blicken von siechen, hinkenden Stadttauben, Sendboten eines Friedens, der keiner ist.

Ričardas Gavelis

Friedenstaube

Als ich ihn zum ersten Mal sah, diesen gefiederten Satan, war mein Verstand wahrscheinlich vernebelt gewesen. Ich hätte doch gleich kapieren müssen, und wie. Freilich war es entsetzlich heiß, bunte Ringe tanzten einem vor den Augen, der Kopf schien gleichsam mit trockenem Gras ausgestopft. Diese Hitze hat etwas Ungutes, dachte ich sogleich. Staub hatte sich über die Stadt gelegt, alle möglichen Gerüche waberten, ihnen allein schienen diese Temperaturen von Nutzen. Schweißgebadet kehrte ich heim, da wartete vor der Haustür bereits dieses Gestalt gewordene Verhängnis auf mich. Eine Taube, aber was für eine! Nicht mal richtig stehen konnte die, ständig kippte sie zur rechten Seite weg und musste sich mit dem Flügel abstützen. Eine rechte Missgeburt, die auch gar nicht daran dachte, wegzulaufen oder gar davonzufliegen. Die mich nur anstarrte. Weder Bösartigkeit noch Furcht waren in diesen gelben Knopfaugen zu lesen, eigentlich gar keine Emotionen. Und doch lief mir ein Schauder den Rücken hinunter. Mir schien, als blicke ein anderer da hindurch. Und dass man wahnsinnig würde, wenn man diesem Blick länger standzuhalten versuchte. Ich dreh’ ihr den Hals um, dachte ich unwillkürlich, aber die Beine gehorchten mir nicht. Ich konnte nur einen großen Bogen um die Erscheinung machen, mich zu nähern, fehlte mir der Mut. Widerlich war sie obendrein, dreckig, es konnte einem übel werden. Dass die Taube das rechte Bein nachzog, bemerkte ich zu dieser Zeit noch nicht.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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