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Als Frontwoman bezeichnet man in der Unterhaltungsbranche die Frau auf der Bühne, die ganz vorne am Mikrofon steht und die Band und die Musik repräsentiert. Eine ähnliche Rolle haben reisende Service-Ingenieure inne, wenn sie beim Kunden ihr Unternehmen vertreten. Dr. Clara Dremler reist mit ihrem Werkzeugkoffer um die Welt, um irgendwo im Hinterland an elektrotechnischen Anlagen zu arbeiten. Dabei erfährt sie nicht nur im Beruf spannende Abenteuer im mehrfachen Sinn des Wortes, sondern trifft alle möglichen Menschen, um mit ihnen aufwühlende Beziehungen zu erleben. Dass auf ihrem Weg der eine oder andere ums Leben kommt, ist dabei noch nicht einmal ihre Schuld. Eine mitreißende Geschichte voller knisternder Erotik und dramatischer Spannung.
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Seitenzahl: 150
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Als Frontwoman bezeichnet man in der Unterhaltungsbranche die Frau auf der Bühne, die ganz vorne am Mikrofon steht und die Band und die Musik repräsentiert. Eine ähnliche Rolle haben reisende Servicetechniker oder Ingenieure, wenn sie irgendwo in der Welt ihr Unternehmen vertreten. Sie sind in diesem Moment das Unternehmen und gute oder schlechte Performance ihrerseits fällt auf das Unternehmen zurück.
Auch wenn über den Job des reisenden Service-Ingenieurs normalerweise wenig Worte verloren werden, so befinden sich in dieser geheimnisvollen Bruderschaft doch eine ganze Reihe von Heldinnen und Helden, die unter den widrigsten Umständen und in fremden Kulturen ihren Mann oder ihre Frau stehen. Ich habe einen derartigen Job selber jahrelang gemacht und es ist ein echtes Abenteuer.
Viele Details im technischen Bereich dieser Erzählung entspringen meinem persönlichen Erleben auf diversen Baustellen, die persönlichen Erlebnisse sind Fiktion, und grenzwertige politische Darstellungen haben nichts mit meiner persönlichen Einstellung zu tun. Ich arbeite gerne mit Leuten fremder Kulturen zusammen und habe während der Jahre mit dem Werkzeugkoffer den einen oder anderen Freund oder die eine oder andere Freundin in einem fernen Winkel unserer Erde gefunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind nicht absichtlich, sondern der jeweiligen Szene der Handlung geschuldet, insbesondere der Charakter von Dr. Clara Dremler.
Jo Berendson
Gedämpft durch die Verglasung der Raucherkabine höre ich die Durchsage für den letzten Aufruf meines Fluges. Ich mache einen letzten Zug aus der Zigarette und zerdrücke sie dann im Aschenbecher, nehme meine Notebooktasche am Riemen, werfe mir diesen über die Schulter und verlasse die zum Schneiden dicke Luft der Lasterzelle, wie ich diese winzigen Abteile nenne, in denen man heutzutage auf den raucherfreien Flughäfen seine Sucht befriedigen kann. Ich hatte das Rauchen seit über dreißig Jahren hinter mir gelassen und hänge seit nunmehr elf Monaten wieder am Tabak. Eine Scheiß Geschichte war das. Naja, selber schuld. Es sind ungefähr zwei Minuten zu gehen zum Abfluggate, wenn man so lange Beine hat wie ich und so niedrige Absätze trägt. Ich glaube, ich bin schlichtweg zu eitel, um Schuhe mit betonten Hacken zu tragen und meine Springerstiefel liebe ich wirklich. Sie sind mittlerweile über zwanzig Jahre alt und der Flickschuster stöhnt jedes Mal, wenn er mich in seinem Laden sieht und die alten Nähte zusammengeflickt werden sollen, aber die Schuhe sind halt höllisch bequem, sie sitzen ordentlich und wenn man auf einem Flughafen einen schnellen Umstieg bewältigen muss, dann kann man mit ihnen auch mal rennen. Während ich meinen Schritt beschleunige, schnuppere ich kurz an meinem Pullover. Wha, der stinkt, und das vor dem langen Flug. Ich glaube, ich lasse das Rauchen wieder, es ist einfach die Sache nicht wert.
Die Uniformierte am Gate sieht mich und winkt mir hektisch zu: „Wir warten nur noch auf Sie.“ Lässig lächelnd ziehe ich mein Ticket aus der Gesäßtasche und halte es ihr hin. „Ihren Reisepass?“ Ach ja, den Reisepass. Ich ziehe ihn ebenfalls aus der Gesäßtasche und reiche ihn ihr. Sie wirft einen flüchtigen Blick hinein, hält den QR-Code des Tickets auf den Leser und flötet: „Einen guten Flug wünschen wir.“ Wir? Na gut. Mit den Hüften schwungvoll dem Begrenzungspfosten ausweichend, eile ich zum Steig und hinab zum Flieger. Dort empfängt mich eine Stewardess, der ich mein Ticket hinhalte. „Ah ja, Business, hier entlang bitte. Ihr Sitz ist gleich da drüben.“ Weiß ich doch, ich kenne die Boeing 777 wie meine Handtasche. Gut, war ein schlechter Vergleich. Auf dem Weg zu meinem Sitz ziehe ich bereits den Gurt der Notebooktasche von der Schulter und meine Jacke aus, lege beides ins Gepäckfach und winke ab, als die nächste Stewardess mit einem Kleiderbügel angeeilt kommt. Brauche ich nicht, meine Jacke ist knitterfrei. Sozusagen. Einen kurzen Blick auf die Passagiere vor, hinter und neben mir werfend, lasse ich mich in den Sitz fallen, schnalle mich an und lehne mich zurück.
Ich bin Elektroingenieurin, arbeite für einen international tätigen Technologiekonzern in der Inbetriebnahme und im Service für „erklärungsbedürftiger Hardware“, wie unsere Systeme bisweilen umschrieben werden. Ich werde an eine Baustelle beordert, wenn die Neuanlagen aufgebaut und verdrahtet sind und die Einschaltprozeduren durchgefahren werden müssen oder wenn während des späteren Betriebs im Prozess die Ergebnisse nicht zufriedenstellend sind. Für unser Unternehmen trete ich meistens alleine auf, was unter anderem bedeutet, dass ich die Marke nicht nur vertrete, sondern bin, ich bin also gewissermaßen die Frontfrau des Unternehmens.
Ich mache diesen Job schon fast mein gesamtes Berufsleben, wurde kurz nach meinem Studienabschluss von meinem Arbeitgeber angeheuert, und auch wenn die Abteilung, für die ich arbeite, im Laufe der fast drei Jahrzehnte ein paar Mal den Namen und die Position innerhalb der Konzernstruktur wechselte, so bin ich doch immer in der gleichen Branche unterwegs gewesen und ich glaube, es gibt nicht sehr viel, was ich nicht weiß über die verschiedenen Generationen unserer und Wettbewerbersysteme. Und, so pathetisch das klingen mag, ich liebe meinen Beruf. Ich liebe ihn in all seinen schwierigen Facetten und ich möchte in meinem Leben nichts anderes machen als mit Werkzeugkoffer und Programmiergerät zu den unwirtlichen Stellen eines Landes zu reisen, um dort anderen Menschen zu helfen, ihren Job zu erledigen.
„Verzeihung, Frau Doktor Dremler, sind Sie Mediziner?“ Ich schrecke hoch aus meinen Gedanken und blicke in das lächelverzerrte Gesicht eines der Stewards, der mich eben angesprochen hat. „Nein, wieso?“ – „Mediziner werden bei uns immer in der aktuellen Passagierliste hervorgehoben, nur für den Fall des Notfalles.“ – „Nein, ich bin kein Mediziner.“ – „Kann ich sonst etwas für Sie tun?“ – „Haben Sie etwas zu trinken?“ – „Ja, kommt gleich.“ Hat der Kerl mir etwa gerade auf die Brüste gestarrt? Oder habe ich wieder meinen BH vergessen? Verstohlen taste ich unter meine Achsel und spüre zu meiner Erleichterung die verstärkten Gewebe meines Sport-BH. Ich trage den BH nur, weil es mich nervt, wenn die Brustwarzen am Gewebe meiner Leibwäsche scheuern und nach einer Weile anfangen zu schmerzen. Ansonsten kann ich gut ohne dieses Teil leben. Das Problem ist natürlich, dass sich ohne BH die Brustwarzen auch schon mal durch einen Pullover bemerkbar machen und nicht jedes Mal, wenn meine Warzen erigieren, bin ich wirklich sexuell erregt. Aber dieser Typ ist sowas von nicht mein Typ mit seinen schlecht gemachten Jacketkronen und der Hautcreme im Gesicht. Dass er klein gebaut ist und mir nur bis zur Schulter reicht, würde mich nicht stören, auch wenn der Satz wahr wäre, dass man an der Nase eines Mannes seinen Johannes erkenne und er sich durch eine Stupsnase auszeichnet. Ich bin Techniker, ich brauche keinen großen Hammer … Und seit dieser Geschichte damals bin ich mit großen Schwänzen ohnehin nicht mehr auf ganz so gutem Fuß. Ich verliere mich wieder in Gedanken, während Mister Jacketkrone zähnefletschend ein Tablett schwingt und mir ein paar Gläser, gefüllt mit Orangensaft und Sekt, vors Gesicht hält. Ich greife mir ein Glas mit Orangensaft und nicke ihm dankend zu. Jedes Mal, wenn ich vor dem Einsteigen in den Flieger noch schnell eine geraucht habe, muss ich anschließend etwas Fruchtsäure in den Mund bekommen, um den ekligen Teergeschmack zu übertönen. Ich sollte das Rauchen wirklich wieder sein lassen.
Diese Geschichte war übrigens auch der Auslöser, wieder mit dem Rauchen anzufangen. Dabei hatte alles so nett begonnen damals, vor etwa elf Monaten. Ich war zu einer Anlage in Indien beordert worden, mitten im Hinterland. Alleine die Autofahrt vom nächstgelegenen Flughafen dorthin hatte schon sechs Stunden gedauert, und die Inder fahren nicht langsam, insbesondere Mahmut, mein Fahrer und Übersetzer, der mich unbedingt umbringen zu wollen schien, und je unbeeindruckter ich auf der Rücksitzbank saß und aus dem Fenster sah, desto mehr strengte er sich an. Wie dem auch sei, irgendwann landeten wir vor einer großen Steinmauer mit dem obligatorischen Stacheldrahtverhau oben drauf und dem Stahltor genau vor unserer Kühlerhaube. Zwei in Camouflage gekleidete Inder öffneten das Tor, nachdem sie eine Weile mit Mahmut verhandelt hatten, und wir fuhren rein.
Gleich hinter dem Tor gab es ein Haus mit vergitterten Fenstern und ich musste aussteigen. Dann führte mich Mahmut in einen der Räume, in dem ein wackliger Schreibtisch und ein paar lebensgefährlich aussehende Stühle standen, und bat mich, Platz zu nehmen. Kurze Zeit später watschelte eine dicke Frau, die sich in eine zu knapp sitzende Uniform gezwängt hatte, in den Raum. Sie setzte sich auf einen der Stühle und schlug ein mitgebrachtes Dossier auf. Dann hielt sie mir die Hand entgegen und murmelte etwas vom Passport. Ich reichte ihr meinen Reisepass, den sie aufschlug und nachdenklich studierte. Nach einer Weile guckte sie wieder in ihr Dossier und blickte dann immer wieder zwischen meinem Reisepass und dem Dossier hin und her. Dann drehte sie sich zu Mahmut und sagte etwas, was dieser mit „Sie sind eine Frau? Wir haben einen Mann erwartet.“ weitergab. Ich zuckte die Schultern und sagte: „Ja, das tut mir nun Leid, aber ich bin tatsächlich eine Frau.“ Der Übersetzer wandte sich der uniformierten Nudel zu und sagte etwas, was diese mit einem mürrischen Nicken zur Kenntnis nahm. Nach einer Weile wurde ich aufgefordert, meine Fingerabdrücke abzugeben, ein Foto von mir machen sowie Größe und Gewicht aufnehmen zu lassen. Was war das hier? Der Knast? Weiterhin musste ich den Inhalt meiner Notebooktasche ausbreiten und jedes Teil benennen. Besonders irritiert zeigte sich die Nudel davon, dass ich keine Handtasche dabei hatte und kein Schminkzeug. Ob das in meinem Koffer sei. Ich schminke mich nicht. Okay, ganz selten mal, wenn ich wirklich auf Beutefang bin.
Naja, jedenfalls dauerte es noch etwa eine Stunde, bis die uniformierte Nudel alle Informationen hatte, die sie scheinbar brauchte, ehe ich hier arbeiten durfte. Im Gegensatz zu vielen anderen Einsatzstellen gab es hier nie und nirgends irgendwelche Sicherheitsunterweisungen. Das hat mich aber erst sehr viel später erstaunt. Nachdem wir fertig waren mit der Einlasskontrolle, erhielt Mahmut ein Papier mit einigen Stempeln drauf und einer langen Erklärung, die er an mich weitergab: „Ich bin während Ihres Aufenthaltes hier in diesem Werk für Sie verantwortlich. Sie wenden sich in allen Belangen direkt an mich und ich kümmere mich dann darum, dass das erledigt wird. Ihren Reisepass erhalten Sie zurück, wenn Sie hier fertig sind und wieder abreisen.“ Das behagte mir nicht, aber andere Länder, andere Sitten.
Wir verließen das Wachlokal, setzten uns wieder in den Wagen und ich wurde zu einem Gebäude transportiert, das sich als eine Art Herberge entpuppte. Wenn nicht alles so schäbig und staubig ausgesehen hätte, hätte man sich fast in „Palast der Winde“ versetzt fühlen können. Die Inder haben schon eine eigene Art, ihre Gebäude zu errichten. Ich stieg aus, holte meinen Koffer und meinen Werkzeugkoffer aus dem Kofferraum des Wagens, hängte mir die Notebooktasche über die Schulter und wollte mein Gepäck aufnehmen. Mahmut winkte ab und bedeutete einem der herumlungernden Männer, das Gepäck für mich zu transportieren. Der eilte herbei, bückte sich nach dem Werkzeugkoffer, packte den Griff und versuchte, sich aufzurichten. Vergeblich. Mein Werkzeugkoffer wiegt fünfundzwanzig Kilogramm und ist regelmäßig Anlass für Diskussionen am Check-In. Ich winkte großzügig ab, deutete auf meinen Kleiderkoffer und bückte mich selbst nach dem Werkzeugkoffer, hob ihn betont spielerisch an und folgte mit gleichgültiger Miene Mahmut. Ich glaube, die Inder hier hatten erst mal was zu reden von der Lady mit den Bärenkräften.
Das Zimmer war wie der ganze Bau sehr schäbig und schlicht. Die Dusche funktionierte allerdings und Mahmut ließ mich für eine Stunde allein, um mich frischzumachen. Dann gab es Abendessen. Das fand in einem Speiseraum statt, in dem wacklige Tische und lebensgefährlich ausstehende Stühle regellos gruppiert herumstanden. Es gab eine Art Büffet, auf dem diverse Töpfe standen, in denen zerkochte Gemüsesorten und Reis zu finden waren. Ich suchte mir etwas zu Essen zusammen und setzte mich an einen der Tische, Mahmut gegenüber. Wir redeten nicht viel während des Abendessens. Das ist aber normal, wenn ich unterwegs bin. Viele Männer wissen nicht, worüber sie mit mir reden sollen, bis wir ein paar Tage auf den Anlagen verbracht haben und das Eis dann bricht. Nach dem Abendessen informierte er mich noch kurz über die Frühstückszeit und dass wir gleich nach dem Frühstück von einem Fahrer des Werkes abgeholt würden, um zum ersten Meeting gebracht zu werden. In meinem Zimmer angekommen, duschte ich noch einmal und legte mich dann unbekleidet aufs Bett. Ich hatte schon vorher mal am Bett geschnuppert. Es roch nach frischer Wäsche und ich mag es gern, unbekleidet zu schlafen.
Nach dem Frühstück am nächsten Morgen kam wirklich unmittelbar danach ein Fahrer, der mich, nun in Arbeitskleidung und mit Werkzeugkoffer und Notebooktasche ausgestattet, sowie Mahmut ins Auto lud und kreuz und quer durch das Gelände fuhr, ehe er vor einem schmutzigen Gebäude anhielt. Man bedeutete mir, dass ich mein Werkzeug im Wagen lassen dürfe. Der Wagen würde nicht anderweitig benutzt und es bestünde keine Gefahr, dass mein Werkzeug abhanden komme. Ich habe gelernt, derartigen Versicherungen zu vertrauen. Im Gebäude ging es über Flure und Treppen in einen Besprechungsraum, der mit wackligen Tischen und lebensgefährlich aussehenden Stühlen ausgestattet war. Es waren bereits einige Leute anwesend, einige in schmutziger Arbeitskleidung, sogar zwei Anzüge waren zu sehen. Ich nahm mir einen Stuhl und setzte mich, stellte meine Tasche neben mir auf den Boden und lehnte mich zurück. Mahmut sagte ein paar Sätze, stellte mich wahrscheinlich vor. Dann warteten wir noch eine Weile. Schließlich kam noch ein Europäer in den Raum. Schmutzige Arbeitskleidung, Schutzhelm auf dem Kopf, Schweiß lief ihm herunter. Er grüßte kurz mit einer Handbewegung und setzte sich mir gegenüber an die Tischrunde. Er war fast so groß wie ich, in den Schultern allerdings sehr breit. Seinen Körperbau verbarg ansonsten der weit geschnittene Arbeitsanzug. Sein Haar trug er kurz geschoren, sein Gesicht war bartstoppelig. Er mochte um die Vierzig sein, soweit man das bei einem Mann schätzen kann, der gerade sehr geschafft aussieht. Seine Hände waren sehr groß und breit und schwielig. Ein Arbeiter der Faust.
Nun stand einer der Anzüge auf und sagte ein paar Worte, die mir von Mahmut jeweils simultan weitergegeben wurden. Er begrüßte uns alle und erklärte, dass man mich aus Deutschland beordert hätte, weil die Anlage nicht ordnungsgemäß gearbeitet hätte und daher umgebaut worden war. An dieser Stelle gab er das Wort an einen der Inder in Arbeitskleidung. Es ging eine Weile hin und her und ich vermochte mir im Lauf der Zeit, ein ganz gutes Bild zu machen. Die Schaltanlage war offenbar für Wartungen außer Betrieb genommen worden. Während der Wartungen sollten ein paar Veränderungen durchgeführt werden. Das Equipment für den Umbau stammte von einer österreichischen Firma, dessen Vertreter der andere Europäer am Tisch war, der einen Teil der Inbetriebnahmen bereits durchgeführt hatte, aber nicht alles, weil er nicht die Berechtigungen und das Wissen dafür hatte. Das war nun mein Job.
Derartige Inbetriebnahmen ziehen sich teilweise über mehrere Wochen hin, wenn Probleme auftreten, vor allem, wenn verschiedene Unternehmen involviert sind, weil ab einem bestimmten Zeitpunkt mehr Zeit verschwendet wird, sich gegenseitig die Schuld für Mängel und Verzögerungen zuzuschieben, als zielorientiert zu versuchen, über Schnittstellen hinweg eine gemeinsame Lösung zu finden. Ich bin in diesen Dingen ziemlich gut, ich meine im Überwinden von Schnittstellen und Finden von Lösungen, und da hilft es bisweilen, wenn man ein Frau ist, weil ein Mann einer Frau auch in einer Welt der angeblichen Gleichberechtigung eher eine Konzession macht als einem anderen Mann. Sogar in der Technik läuft es immer wieder auf Rangkämpfe raus und auf das Balzverhalten zwischen den Geschlechtern. Außerdem sehe ich mich als Ingenieurin und ich mache vor nichts Halt, sei es die Mechanik, die Elektrik oder der Prozess. Ich will die Zusammenhänge verstehen und Lösungen auf Fragestellungen und Probleme umsetzen.
Wir diskutierten noch stundenlang über meine Vorgehensweise, welche Informationen ich zu welchem Zeitpunkt erhalten und liefern sollte und so weiter. Dass ich nicht direkt mit den Leuten reden durfte oder konnte und Mahmut jeden Satz, den ich sagte, mehrere Male hin und her drehen musste, ehe ihn alle verstanden hatten, half nicht unbedingt. Slawic, ein Kroate, der für das österreichische Unternehmen arbeitete und ganz gut Deutsch sprach, musste sprachlich in dieser Runde auch über die englische Schiene gehen. Er hatte einen eigenen Übersetzer und bisweilen stritten er und Mahmut sich, wie man eine bestimmte Floskel richtig umsetzte. Es war bereits früher Nachmittag, ehe wir die Diskussion beendeten. Als wir in den Wohnbereich der Werksanlage zurückkehrten, war die Mittagspause im Speiseraum längst beendet und für uns standen nur ein paar Teller mit kaltem zerkochtem Gemüse in einem Kühlschrank. Slawic, der im selben Wagen wie ich zum Wohnbereich gekarrt worden war, setzte sich zu mir an den Tisch und murrte über das Essen. Ich lasse mich auf derartige Diskussionen nicht ein. Wer jeden Tag ein Wiener Schnitzel und Kartoffelsalat essen möchte, der soll eben zuhause bleiben. Ich zeigte ihm aber auch nicht allzu sehr die kalte Schulter, zum Einen, weil ich während der nächsten Tage mit ihm zusammenarbeiten würde und weil er etwas hatte, was meine weibliche Seite durchaus ansprechend fand. Wissen Sie, all diese Diskussionen, worauf eine Frau oder ein Mann abfährt, all dieses Getue mit der Schminke auf der einen Seite und dem Bodybuilding auf der anderen, das ist alles Quatsch. Man sieht sich, man riecht sich, man hört sich und der Blitz schlägt ein oder nicht. Dann kommt es nur noch drauf an, ob man reagiert oder ob man ignoriert. Und bei Slawic war ich bereit zu reagieren. Und wenn ich seine ersten Signale richtig interpretierte, dann war er ebenfalls bereit. Ob es daran lag, dass er schon fünf Wochen hier war und ihm das Samenwasser gewissermaßen zu den Ohren rausquoll oder ob ich wirklich sein Typ war, das wusste ich noch nicht. Aber wir hatten ja Zeit. Jedenfalls stellte ich mir kurz mal vor, wie es sich anfühlen mochte, wenn diese schwieligen Pranken meine nun auch nicht ganz kleinen Brüste in die Hand nahmen. Ein leichtes Ziehen in meinen Brustwarzen war die Antwort.
