Fröscheküssen für Anfänger - Hanna Clarin - E-Book

Fröscheküssen für Anfänger E-Book

Hanna Clarin

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Beschreibung

Johanna Lenné ist eine aktive, erfolgreiche Enddreissgerin, die in Zürich lebt und ihr Leben rundum geniesst. Es wäre sogar ziemlich perfekt, wenn es da nicht dieses Schwarze Loch gäbe, in das sie immer wieder mal fällt oder geschubst wird: Jo ist Single. Die Hochzeit ihrer besten Freundin Klara ist wieder einmal so ein Moment des freien Falls, und Jo wettet mit einer (ebenfalls alleinstehenden) Kollegin, dass sie binnen eines Jahres Partner finden würden. In den folgenden Monaten arbeitet sie den modernen Kanon der Partnersuche ebenso geflissentlich wie erfolglos ab: Speed- und Internet Dating, Vereinsleben, Konzert- und Museumsbesuche, die altmodische Vermittlung von Freunden. Jo geht auf Dates von langweilig über lustig bis bizarr und trifft Männer vom Kamasutra besessenen Porschefahrer über den sympathisch-knuffigen Bernhardiner mit unknuffigen Anhängsel am oberen Ende der Leine und den testosteronversprühenden Fitnessfanatiker bis hin zum Paarpsychologen mit Paaraversion. Als sie zunehmend in Frage stellt, ob es die grosse Liebe wirklich gibt oder ob sie lediglich einem viel besungenen Mythos, zu vielen Romanen und romantischen Komödien und zu hohen Erwartungen aufgesessen ist, trifft sie Dr. Roland Bergner, einen Mann, der weiss, was er will: Johanna. Aber ist er wirklich, was oder wen sie will? Ihr Seelenverwandter? Der Mensch, mit dem sie ihr Leben teilen will? Zeit für Johanna, sich zu entscheiden, was für sie im Leben wirklich zählt.

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Seitenzahl: 462

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Für alle Prinzessinnen,

die ihren Frosch gefunden haben,

noch suchen,

wieder suchen

oder nicht mehr suchen.

Und für ihre Frösche -

ob Prinz oder nicht

Inhaltsverzeichnis

Klara

Desi

Schakweline

Herr Müller

Tina

Walhalla

Jörg

M1 – M10

Hans

CHM7K5KW

Martin

MomInZurich

Nandika

Samuel

Lilo

Cordelia

Tim usw.

Bernd

REX

Rodolfo

Nofretete

Downing

Alma

Dr. Bergner

Roland

Onkel Walter

Opa

Xavier

Mrs Andersen

Don Camillo

Florence

Zora

Hannes

Urs

Amélie Bastet

Frank

Fini

Konrad

Epilog

Klara

Zum gefühlten 375. Mal saß ich in einer festlich geschmückten Kirche, inmitten von festlich geschmückten Menschen, die ich nicht kannte - und lächelte. Lächelte. Lächelte. Lächelte.

Die Strahlen der Spätsommersonne, gebrochen durch die farbigen Glasfenster, ließen die Gesichter des glücklichen Paares erstrahlen.

„Konrad Donnetzky, willst du diese Klara Donnetzky, geborene Müller, die Gott dir anvertraut, als deine Ehefrau lieben und ehren und die Ehe mit ihr nach Gottes Gebot und Verheißung führen, in guten wie in bösen Tagen, bis der Tod euch scheidet, so antworte: Ja, mit Gottes Hilfe.“

Konrad drehte sich um. Sein Blick irrte über die Gesichter, suchte und fand das Antlitz, nach dem sein Herz schrie. Das meine. Er tauchte in meine Augen ein und versank in meinem Herzen. Der einige Schlag unserer aufgewühlten Herzen nahm uns die Luft zum Atmen. Er entwand seine Hand aus der ihren, ließ sein bisheriges Leben hinter sich, beflügelt von der explodierenden Kraft seiner neu entbrennenden Liebe. Er stürmte auf mich zu, fiel auf die Knie: „Johanna, als ich dich vorhin das erste Mal sah, wusste ich: Du bist die Frau, die ich immer gesucht habe. Die Frau, mit der ich mein Leben und meine Träume teilen und nie alt werden will. Die Frau meiner Träume und meines Lebens. Johanna, willst du meine Frau werden?“

Meine Augen füllten sich mit Tränen. Das kam doch etwas plötzlich. Ich kannte ihn nicht wirklich. Und er war eigentlich just dabei, meine beste Freundin zu heiraten. Ich konnte doch nicht… Andererseits …

„Ja, mit Gottes Hilfe.“

Konrads Antwort schlug mir ins Gesicht und die Flausen aus dem Kopf. Er stand noch immer am Altar, um Klara zu heiraten, er hielt noch immer ihre Hand, er lächelte sie noch immer an. Natürlich.

Und ich hatte einfach zu viele amerikanische Liebesfilme gesehen.

„Klara Donnetzky, geborene Müller, willst du diesen Konrad Donnetzky, den Gott dir anvertraut, als deinen Ehemann lieben und ehren und die Ehe mit ihm nach Gottes Gebot und Verheißung führen, in guten wie in bösen Tagen, bis der Tod euch scheidet, so antworte: Ja, mit Gottes Hilfe.“

„Ja, mit Gottes Hilfe.“

Klara strahlte ihren Konrad an, ihre Familie, ihre Freunde, den Tag – ihr Leben. Sie war eine wunderschöne Braut: groß, schlank, im figurbetonten, klassischen Kleid - natürlich weiß -, rosa Rosen im blonden Haar und im Brautstrauß, an dem sie sich gerade noch festgeklammert hatte und den sie jetzt, als die Frage aller Fragen beantwortet war, schon fast entspannt hielt. Wäre es nicht Klara gewesen, ich wäre eine leichte Beute des Neides geworden.

Die Spätsommersonne fiel durch die Kirchenfenster und badete die Gesichter des glücklichen Paares in einem sanften, warmen Schein.

Diesen Tag hatte Klara seit unserer Schulzeit in allen Details geplant, und so schien mir der Bräutigam wie ein alter Bekannter, auch wenn mir Klara ihn erst heute vorgestellt hatte. Und irgendwie stimmte das ja auch, denn ich kannte diesen charmanten, freundlichen, fröhlichen, gebildeten und dann auch noch attraktiven, kurz: perfekten Arzt aus Klaras Nachbarwohnung tatsächlich aus stundenlangen Telefonaten mit Klara.

Ihn, der nach kurzer Nachbarschaft seinerseits nach Zehlendorf im Süden Berlins weggezogen war: „Aber nicht wegen einer Frau oder so. Also, nicht dass mich das was angeht. Oder interessiert. Aber, also, eben, zurzeit ist er Single.“ „Ja, logo, Klara – was immer du sagst!“

Ihn, der selbstverständlich absolut rein überhaupt gar nichts mit Klaras Umzug in seine Nähe zu tun gehabt hatte. Der ihr dann – O Zufall, du launischer Meister des Schicksals! - rein zufällig im örtlichen Reitverein über den Weg gelaufen war: „Was, du wusstest gar nicht, dass ich mit dem Reiten angefangen habe? Aber, Jo, das wollte ich doch schon so lange. Hab ich dir das gar nicht erzählt?“ – Alles klar.

Ihn, den sie dann in die Oper eingeladen hatte, als ein Freund dummerweise kurzfristig erkrankt war. – Hatte sie mir eigentlich jemals den Namen dieses Freundes gesagt?

Ihn, bei dem es dann ebenso gefunkt hatte wie bei ihr: „Das war für uns beide so unerwartet!“ – Ja, wie gesagt: Alles klar.

Ihn, den sie jetzt heiratete.

Der Konrad, den sie so liebte, dass sie jetzt sogar eine ihrer größten Ängste für ihn überwand. Schon im Musikunterricht in der Schule war sie aus lampenfieberinduziertem Talentmangel an die Triangel verbannt worden, während wir anderen sangen, aber jetzt drehte sie sich um zur Gemeinde: „Liebe Freunde, liebe Familie. Ihr wisst ja, wie ungern ich singe. Vor allem vor anderen. Aber jetzt habe ich den Menschen gefunden, mit dem ich vor nichts und niemandem mehr Angst habe. Und deshalb möchte ich jetzt unser Lied für ihn singen. Konrad, erinnerst du dich? Es lief, als du mich nach der Oper nach Hause gefahren hast, nach unserem ersten Beinahe-Date. Und es beschreibt genau, was ich mit dir fühle. Für dich fühle. Das wird jetzt nicht künstlerisch wertvoll, aber, Konrad, du bist einfach das Beste, was mir je passiert ist.“

So sang Klara vor ihrer Familie, vor ihren Freunden, aber vor allem für ihren Konrad, „Das Beste“ von Silbermond.

Mit jedem schiefen Ton und jedem Taschentuch, das einer Hand- oder Hosentasche entrann, wurde mir glücklicher ums Herz. Und mit jedem Wort trauriger. Ich freute mich für Klara. Natürlich freute ich mich für Klara. Und für Konrad. Für beide. Aufrichtig. Von Herzen. Aber so schön es ist, sich mit und für mir liebe Menschen zu freuen, so gerne hätte ich mich auch mal für mich gefreut. Egoistisch? Natürlich. Ich konnte dieses Gefühl des „Und ich?“ hier und jetzt nur schwer unterdrücken. Hochzeiten sind immer ein Meilenstein. Für das Paar. Aber auch uns Zaungästen des Glücks gibt das feierlich-strahlende „Ja“ der Protagonisten Anlass zur Gefühls-Zwischenbilanz. Zur Frage, wo wir stehen im Leben und in der Liebe, warum das so ist – und was wir eigentlich wollen.

Ich war 39. Und noch nie wirklich verliebt gewesen. Wenn ich einen Mann sympathisch fand, erwähnte er unausweichlich seine Freundin/ Verlobte/Frau, wahlweise auch den Freund/Verlobten/ Mann. Oder er plante die Auswanderung, die Emigration ins Kloster oder – nein, einen Astronauten in Vorbereitung auf eine bevorstehende Marsmission hatte selbst ich noch nicht kennengelernt. Noch nicht.

Früher war das Leben klar erschienen: Abitur, Studium, Doktorarbeit, Job – und irgendwann auf dem Weg würde mich das Schicksal ganz automatisch zu dem führen, den es für mich bestimmt hatte. Wir würden heiraten oder auch nicht, Kinder haben oder auch nicht, ein Haus oder auch nicht, aber jedenfalls das Leben genießen, in langen und tiefschürfenden Gesprächen die Probleme der Menschheit lösen oder rumblödeln. Wir würden ins Theater, ins Kino, ins Museum oder zum Tanzen gehen, auf der Couch rumhängen, Freunde bewirten, lachen, wandern, radeln, reisen, kochen, singen - einfach alles tun, was mit dem richtigen anderen mehr Spaß macht als allein. Aber dann war unbemerkt ein Jahr nach dem anderen ins Land gezogen und ich blieb allein. Um mich herum wurde geheiratet und Nachwuchs in die Welt gesetzt, aber ich blieb allein. Als vor einigen Jahren ein Computervirus mit dem Titel „I love you“ im Büro die Runde gemacht hatte, war ich die einzige gewesen, die ihn nicht geöffnet hatte. Jemand, der mich liebte, das war mir verdächtig vorgekommen. Nun gut, von meinem Chef (der augenscheinlich nichts merkwürdig gefunden hatte an der Vorstellung, dass die ganze Welt ihn liebte) hätte mich ein solches Geständnis auch eher schockiert als erfreut.

Meine Freunde versuchten, mich mit Berichten von Paaren zu beruhigen, die sich im – tja, das war dann wohl im „fortgeschrittenen Alter“ gefunden hatten. Allerdings wurden die Zufälle immer zufälliger („Du! Glaubst! Es! Nicht! Da kommt sie am Gipfel an, weit und breit kein Mensch, nur ein Mann sitzt da ans Gipfelkreuz gelehnt. Sie sehen sich an und – Peng!“). Irgendwann würde ich es dann wohl tatsächlich nicht mehr glauben. Und immer noch allein sein. Bald würden nicht mehr meine Freunde, sondern ihre Kinder mich zu ihren Hochzeiten einladen: „Ach, lad doch Tante Johanna ein. Sie würde sich so freuen. Und vielleicht fällt dir ja noch jemand ein, neben den du sie setzen kannst.“ Nett gemeint.

Die Musik riss mich aus meinen Gedanken. Das Brautpaar schritt den Gang herab. Der Chor sang. Mendelssohn-Bartholdy: „Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.“

Ich seufzte. Was für ein wunderbarer Gedanke. Konrad würde dieser Engel sein für Klara, genauso wie sie für ihn. So, wie Klara es sich erträumt hatte. Und ich auch. Ich versank in meiner inneren Kitsch- und Selbstmitleidswolke.

Als ich mich von mir erholt hatte, reihte ich mich ein in den Zug der Gemeinde nach draußen – und dort war das Leben wieder perfekt: Die Sonne schien, die Glocken läuteten. Klara war immer noch wunderschön (natürlich). Konrad attraktiv (natürlich). Wobei - wen interessierte schon das Aussehen des Bräutigams bei einer Hochzeit? Solange er Anzug und Krawatte in der richtigen Reihenfolge anzog und sauber hielt, passte das schon. Nicht umsonst heißt es ja erst mal „Braut“ – und davon leitet sich dann der „Bräutigam“ ab. Mir fiel auf, dass im Deutschen sonst fast immer die männliche Form die Grundform war: Lehrer und Lehrerin, Pfarrer und Pfarrerin, Reiter und Reiterin, Erbe und Erbin. Erst Adam, dann Eva halt. Außer bei der Hochzeit. Da war die Initiative augenscheinlich von Eva ausgegangen. Was wollte mir jetzt das schon wieder sagen?

Ich verschob das Nachdenken auf später und begann, Klara und Konrad beim Abnehmen des Defilees zu fotografieren, eingerahmt in eine Parade von Lächeln, Umarmungen und guten Wünschen.

Ich hatte Klara versprochen, die offiziellen Fotos dem Fotografen zu überlassen, aber Schnappschüsse der Gäste zu machen. Augenscheinlich funktionierte diese Aufgabenteilung auch für den Fotografen, so dass er mich nur dann leicht schubste, wenn ich das Brautpaar fotografierte, „das ist mein Motiv“ knurrend. Das war zwar nicht wirklich eine freundliche Geste unter quasi-Kollegen, aber ich verstand auch, dass er mit den Fotos seinen Lebensunterhalt verdiente.

Ich fotografierte gerne bei Hochzeiten, und da ich bei diesen Gelegenheiten niemals eine tragende Rolle wahrnahm, verfügte ich über einen reichen Erfahrungsschatz. Alle Anwesenden sehen zumindest subjektiv optimal aus, alle lachen, sofern sie nicht gerade weinen. Aber selbst das Weinen ist ja bei Hochzeiten von der fotogenen Art. Und hinter der Kamera musste ich mich auch nicht über Fotografen ärgern, die strahlend die erbeuteten Scheußlichkeiten präsentieren und mir sagten, dass sie kaum jemals so ein gutes Foto geschossen hätten wie das von mir beim (zu großen) Biss ins Brötchen. Für mich war die digitale Fotografie zwar technisch ein Fortschritt – jedoch sozial ein Rückschritt. Während die Rechtsgelehrten noch über das Recht am eigenen Bild stritten, stellten sich die Betroffenen gegenseitig hemmungslos im Internet an den sozialen oder zumindest ästhetischen Pranger und fanden das auch noch „social“. Auf dass auch die Urenkel noch die Fotos von Uroma in ihrem ersten Vollrausch sehen mögen! Und während vorsichtige Zeitgenossen während ihrer Abwesenheit mittels Zeitschaltuhren Anwesenheit vortäuschten, verkündeten sie der Welt über alle verfügbaren Kanäle, dass sie jetzt mal zwei Wochen im Urlaub seien, im Kino oder eben heute auf einer Hochzeit in Potsdam. Aber ich musste ja nicht alles verstehen. Da war ich wohl zu alt für. Oder zu kompliziert. Oder zu simpel.

Obwohl, als Jacqueline und Bernd gratulierten, geriet ich dann doch ein wenig in Versuchung, einfach zu fotografieren, was mir vor die Linse kam. Ich hatte die beiden am Morgen kennengelernt – nur kurz, aber doch lange genug

„Hallo, ich bin Bernd und das ist meine Frau Schakweline.“

Bernd liebte seine Jacqueline augenscheinlich so sehr, dass er keinen Buchstaben ihres wunderbaren Namens unausgesprochen lassen mochte.

„Freut mi…“

„Ich kenne Konrad seit Jahren. Ich manage seine Versicherungen. Feiner Kerl. Hier ist meine Karte. Man weiß ja nie. Sind Sie auch Ärztin?“

„Danke, das ist...“

„Das ist für uns jetzt schon die zweite Hochzeit in dieser Woche. Und meine Schakweline sieht schon wieder um-wer-fend aus. Sie sticht noch jede Braut lässig aus.“

Jacqueline nahm Anlauf, ihn zu unterbrechen, aber Bernd fuhr fort: „Schatz, da brauchst du jetzt gar nicht so bescheiden zu sein. Finden Sie nicht auch, dass sie einfach um-wer-fend aussieht, Frau …? Wie war noch Ihr Name?“

„Ich bin…“

„Na, jedenfalls hab ich ihr schon heute Morgen gesagt: ‘Schatz,’ hab ich gesagt, sag ich, ‘du siehst einfach um-wer-fend aus. Du bist einfach die Geilste.’ Sie sieht eben einfach um-wer-fend aus. Sagen Sie, sieht sie nicht um-wer-fend aus?“

Ich hoffte, dass Jacqueline ihren Bernd dann mal um-wer-fen würde. Am besten direkt ins Koma, zumindest für heute.

Mal ganz abgesehen davon, dass Jacqueline geil aussehen oder sein mochte, wie sie wollte (für diese Beurteilung fehlten mir sowohl die wahre Kennerschaft als auch das investigative Interesse), war schon die Frage deplatziert. Es war ihr ja zu gönnen, dass Bernd die Schöpfung als durch seine Frau vollendet ansah, aber so wunderschön wie Klara, die strahlende Braut, konnte keine Jacqueline hier und heute sein. Punkt.

Und jetzt kam dieses um-wer-fen-de Paar also auf Klara zu, Bernd mit gebleckten Zähnen, seine Jacqueline mit Hut. Dunkelblauer Samt. Mit breiter Krempe und Pfauenfeder. Und Vogelschiss. Mittig platziert wie ein Orden, gut sichtbar und noch ganz frisch. Ich tippte Bernd auf die Schulter und deutete auf das mobile Vogelklo. Seine Gesichtsfarbe näherte sich der des Vogelschiss' an, er packte seine Jacqueline am Arm und zottelte mit ihr in Richtung Parkplatz: „Ich hab dir doch gesagt, dass du nicht unter dem Baum warten sollst mit all den Vögeln. Das war doch klar, dass das so kommt. Aber nein, Madame muss ja im Schatten sitzen, in direkter Schusslinie. Ach, was sag ich? Schisslinie! Wegen Madames empfindlicher Haut. Zu blöd zum Sitzen! Du weißt doch, dass ich dem Chef versprochen habe, seiner Frau den Hut morgen mitzubringen. Und wie kriegen wir die Scheiße da jetzt ab? Das ist Samt! Samt! Aber das kannst du schön alleine machen, Madame. Du bist einfach zu blöd!“

Jetzt tat mir seine Jacqueline fast leid. Auf der anderen Seite hatte sie ihn sich ja ausgesucht. Unter Milliarden von Männern auf diesem Planeten. Er war wohl der Preis, den man als Krone der Schöpfung zahlen musste.

Nach und nach händeschüttelte, umarmte und küsste sich das Brautpaar durch die Menschenschlange, und auch ich reihte mich ein. Zuerst Konrad. Er lächelte. Fragend. Nein, meinen kleinen Eskapismus in der Kirche, den konnte er doch nicht mitbekommen haben. Oder doch? Wahrscheinlich wusste er nur nicht mehr, wer ich war. Ich streckte ihm die Hand entgegen: „Ich bin Johanna, Klaras Schulfreundin. Hey, pass gut auf sie auf. Klara ist was ganz Besonderes. Mach sie glücklich!“ Er ignorierte meine Hand, umarmte mich und drückte mir einen Schmatz auf die Wange. Sein Bart kitzelte.

„Natürlich! Johanna! Klara hat so viel von dir erzählt. Sorry, dass ich dich nicht gleich erkannt habe. So viele neue Leute. Keine Sorge, ich weiß, was für ein Glück ich hab mit Klara.“

Er drückte sie an sich, sie blickten einander an und ihre Blicke verschmolzen. Konnten Blicke verschmelzen? Egal. Auf Hochzeiten wurde ich immer kitschig. Das erlaubte ich mir.

Ich flüsterte Klara ins Ohr: „Ich freue mich so für dich! Werde glücklich.“

Sie umarmte mich: „Das bin ich schon. Und beim nächsten Mal tanzen wir auf deiner Hochzeit, Jo.“

Das war zu viel, jetzt musste ich heulen.

Desi

Das Brautpaar verabschiedete sich samt Fotograf und blumengeschmückter Limousine in den obligaten Fototermin und die Menge begab sich in die Pause.

Zum Glück waren Bernd und seine Jacqueline noch gerade rechtzeitig zum Gratulieren aufgetaucht. Ohne Hut, Bernd stürmend und Jacqueline gesenkten Blickes. Jetzt tat mir Bernds Jacqueline endgültig leid.

Ich trat zu ihr: „Das war wirklich Pech, das mit dem Vogel. Und dann auch noch auf dem dunklen Hut. Versuch mal Essig und Zitrone. Oder Seifenlauge. Neben der Post habe ich einen Supermarkt gesehen. Und du siehst auch ohne Hut umwerfend aus.“

Bernds Jacqueline lächelte: „Danke, das ist lieb von dir. Weißt du, es ist nur, weil Bernd seinem Chef versprochen hat, dass er ihm den Hut leiht. Also der Frau von Bernds Chef natürlich. Und das ist wirklich wichtig für seine Karriere.“

„Das ist natürlich doof, aber so ist das Leben. Sometimes, shit just happ…!“ Zu spät, ich hatte es so gut wie gesagt. Ich Idiot! Aber Bernds Jacquelines Bassetblick gab Entwarnung: Ein Hoch der Unilingualität!

Trotzdem verdrückte ich mich lieber: „Du, ich sollte noch ein wenig fotografieren. Klara hat mich darum gebeten. Schließlich heiratet sie nur einmal. Und allmählich verflüchtigt sich das Ganze hier ja auch. Also, bis später.“

Am Kirchentor fand ich die alleinstehenden Tanten, die zu jeder Hochzeit gehören und die gerade noch die letzten Neuigkeiten austauschten.

„Was, das hast du gar nicht gehört? Doch, doch, ganz plötzlich. Herzschlag und schwupps. Die Glückliche. Für ihre Kinder natürlich nicht so schön. Aber es war eine wunderbare Feier. Sehr würdig und geschmackvoll. Der Pfarrer war wirklich wunderbar.“

„War das derselbe Pfarrer, den Lotti hatte? Den will ich dann auch. Ich mag ihn wirklich sehr.“

„Aber, Trudy, der Hancock, der steht doch auch schon kurz vor der Pensionierung. Da hoffe ich doch, dass du uns noch ein wenig länger erhalten bleibst. Und außerdem, wenn er dir so gefällt, dann solltest du dafür sorgen, dass er sich vor deinem Tod mit dir beschäftigt und nicht danach. Man hört, er sei Witwer.“

Sie kicherten wie die Backfische und mein Foto war im Kasten. Drei fröhliche Tanten. Alles eine Frage der Perspektive und der Geduld. Im Leben und beim Fotografieren. Ach ja, noch so ein Wort mit weiblicher Grundform. Witwe.

Ich schob die noch Anwesenden hin und her und hielt ihnen gnadenlos die Kamera entgegen, bis sie lachen mussten. Richtig lachen. Ich mochte kein Fotolachen, da sahen die Porträtierten immer gleich aus, nur nie wie sie selbst.

Endlich, bei meiner letzten Runde, ein bekanntes Gesicht. Desi, also eigentlich Desideria Wilhelmina Agathe Freifrau von Hirschenstein, eine frühere Kollegin aus der Zeit, als Klara und ich – und eben Desi – noch in derselben Kanzlei in Berlin gearbeitet hatten. Meine Güte, das war jetzt auch schon wieder fünf Jahre her.

„Johanna? Johanna, bist du das? Ich hätte dich ja fast nicht wiedererkannt! Sage mal, hast du abgenommen? Du siehst toll aus.“

„Mensch, Desideria!“, ich würde sie natürlich niemals Desi nennen, also jedenfalls nicht ins Gesicht: „Wie geht es dir? Ja, hab ich. Sieht man das so?“

„Ja, absolut. Das steht dir ausgezeichnet. In der Tat.“

„Du, das war aber auch bitter nötig. Zu viel Arbeit, fast nur Fast Food, kein Sport, kein Schlaf, kein Urlaub. Aber wem sage ich das?“

Nun gut, tatsächlich hatte sich Desi damals auch bei der Arbeit sehr vornehm gezeigt und sich im Verhältnis zum Fußvolk eher zurückgehalten. Aber der Schnee war nicht von gestern, sondern von einem lange vergessenen Winter.

„Johanna, jetzt kann ich es ja sagen: Du hast wirklich zu viel gearbeitet. Also, in jedem Fall: Ich gratuliere. Du siehst sehr gut aus.“

„Das ist lieb von dir. Merci! Du siehst ja immer super aus, da sag ich dir nichts Neues. Und, was macht die Kanzlei? Wer ist denn überhaupt noch da von der alten Truppe?“

Die Frage war berechtigt. Wir hatten schon viele kommen und dem Rausch der Arbeit, dem Hochgefühl der eigenen Unentbehrlichkeit und der Hoffnung auf eine strahlende Karriere erliegen sehen. Auch ich hatte mein erstes Diensttelefon noch voller Stolz entgegengenommen, in dem erfüllenden Bewusstsein, zu den anerkannt Wichtigen zu gehören. Kurz später wünschte ich mir manchmal, weder wichtig zu sein noch zu scheinen. Mein erster Blick am Morgen und der letzte am Abend galten der Mailbox, ebenso wie unzählige Blicke dazwischen. Das Leben war geprägt von ständiger Erreichbarkeit, durchgearbeiteten Nächten, abgesagten Ferien und einer alles vereinnahmenden Amour Fou mit dem Mobiltelefon. Bis das hochqualifizierte Arbeitsvieh dann merkte, dass es angesichts von hunderten unbezahlten Überstunden eigentlich weniger verdiente als die eigene Putzfrau. So verließ der Malocher das Hamsterrad, um ersetzt zu werden durch hungrige Nachwuchstalente. Und das Rad drehte sich weiter.

Treffer, versenkt: „Ich glaube, du kennst fast niemanden mehr bei uns. Ein paar von den alten Sekretärinnen sind noch da, aber auch da hat sich viel verändert. Von den Anwälten sind nur noch Schlump und ich da. Und natürlich REX.“

REX, also Richard Ernst Xavier, war der Leiter der Kanzlei. Zumeist auf Reisen und sich seiner überragenden Bedeutung für die Menschheitsgeschichte mit jeder Faser seines Körpers bewusst. Wenn er ausnahmsweise doch im Büro war, verbreitete schon seine bloße Anwesenheit Stress und unproduktive Hektik. Man spürte ihn physisch im gesamten Gebäude, bis in die Empfangshalle – obwohl die Kanzlei im 18. Stock lag. REX, der seine Assistentin Susanne im Stundentakt feuerte und wieder einstellte. Und dann „ihr“ I love you- E-Mail öffnete. Der verkündete, eine Sekretärin müsse man mindestens einmal im Monat zum Heulen bringen, damit sie „pariere“. Und außerdem müsse man sie zumindest am Anfang jeden Tag bis Mitternacht im Büro behalten, damit sie wisse, „wo der Hammer hängt“. Ich hatte das so geregelt, dass ich meine Assistentin an ihrem ersten Arbeitstag gefragt hatte, ob sie bis spät arbeiten würde, wenn es nötig wäre. Sie hatte bejaht, damit war das Thema zufriedenstellend erledigt. Ich fragte mich, warum derartige Persönlichkeitsstörungen, wie sie REX sie so facettenreich und reichhaltig verkörperte, augenscheinlich karrierefördernd wirkten. Das war auch einer der Gründe gewesen, weshalb ich die Kanzlei verlassen hatte. So wollte ich nicht werden.

„Es gibt aber auch neue Kollegen. Sogar eine Gräfin. Sehr sympathisch. Es ist ausgesprochen wohltuend, sich mit jemandem von Stand angemessen austauschen zu können.“

Halleluja! „Jemand von Stand.“ Diese Macke unserer Freifrau musste ich jetzt nicht kommentieren.

„Spricht REX denn jetzt wieder mit Schlump?“ Zu meiner Zeit hatten die beiden nur schriftlich oder über ihre Assistentinnen miteinander kommuniziert. Das Gerücht besagte, dass sie sich vor einigen Jahren nicht auf die Formatierung der Weihnachtskarte hatten einigen können. Augenscheinlich hatte das Epizentrum dieser Krise in der lebensentscheidenden Frage gelegen, ob der Text zentriert („Das ist einfach elegant“ „Das ist alltäglich!“) oder linksbündig („Das sieht aus wie ein Geschäftsbrief.“ „Genau. Weil das an unsere Geschäftskunden gesandt wird.“) gedruckt werden sollte. Wie bockige Dreijährige. Ob in besagtem Jahr überhaupt Weihnachtskarten versandt worden waren, entzog sich meiner Kenntnis.

„Durchaus, sie reden wieder miteinander, aber dafür nicht mehr mit den Kollegen in Paris. Und du, wo arbeitest du jetzt?“

„Ich bin immer noch bei der Blau-Weiss Versicherung in Zürich. Im Rechtsdienst. Was eben so anfällt, von der Milliarden-Sammelklage in den USA bis runter zur Kundenbeschwerde, weil die Sonne nicht scheint. Ich weiß am Morgen nie, was ich am Abend gemacht haben werde. Spannend. Und ich habe diesmal wirklich Glück mit meinem Chef. Brillanter Jurist, trotzdem immer freundlich, nimmt sich Zeit, hört zu, diskutiert, lässt mich ausreden, antwortet auf E-Mails, bedankt sich. Kannst du dir das von REX vorstellen? Einfach konstruktives Zusammenarbeiten. Ich wusste ja schon gar nicht mehr, wie das ist.“

Desi seufzte: „Ja, mit REX, das ist nicht so einfach. Letzte Woche hat er wieder einmal Susanne gekündigt. Sie ist jetzt wirklich gegangen.“

„Was? Susanne ist gegangen? Susanne? Die ist doch mit der Kanzlei verheiratet!“ Ich konnte es nicht glauben.

„Ja. Diesmal hatte sie einfach genug. Sie war nach ihrer Krampfadern-Operation am Nachmittag noch ins Büro gekommen, weil REX anwesend war. REX war dann der übliche Egomane und hat keinerlei Rücksicht genommen. Als sie nicht so schnell war wie sonst, hat er sie angeschrien, wer ihr denn ins Gehirn geschissen hätte und ob er denn nur von Krüppeln und Idioten umgeben sei. Verzeih die Sprache, das ist ein Zitat. Wenn sie da sei, dann hätte sie auch zu arbeiten. Susanne hat ihm dann ganz ruhig gesagt, wenn sie mit verwöhnten Dreijährigen hätte arbeiten wollen, wäre sie Kindergärtnerin geworden. Und dann ist sie gegangen.“

Desi schien sich gerade die schmerzhafte Frage zu stellen, warum sie nicht ging.

Ich wechselte das Thema: „Aber, sage mal, wie geht es dir denn sonst so, abgesehen von der Arbeit?“

Desi schüttelte den Kopf: „Ich bin immer noch alleinstehend. Wo soll ich schon jemanden treffen? Im Büro? Im Auto? In meiner Wohnung? Bei meinen Eltern? Und wenn man von Stande ist, ist die Auswahl natürlich nochmals wesentlich begrenzter.“

Zweimal konnte ich ihre Adelismen nicht durchgehen lassen: „Ach, davon solltest du dich nun wirklich nicht einschränken lassen. So ein Titel heißt ja im Zweifel nur, dass irgendein Vorfahr besser rauben, morden, intrigieren und brandschatzen konnte als der Durchschnitt. So ähnlich wie bei den Australiern, bei denen stammen die wirklich alten Familien auch alle von Verbrechern ab. Schau dich doch lieber nach was Besserem um als nach so einem degenerierten Adelsfuzzi.“

Das war jetzt zwar nicht wirklich nett. Aber ich zählte auf die überlegene Selbstbeherrschung der Baronin und wurde nicht enttäuscht.

Tatsächlich, nach einer kurzen Schockstarre: „Und, hast du jemanden gefunden?“

Touché! „Nein, ich bin auch noch Single. Da geht es mir wie dir: In unserem Alter sind nun mal fast alle verheiratet. Jedenfalls die Guten. Und in der Schweiz ist es auch schwerer, jemanden kennenzulernen.“

„Schwieriger als in Deutschland?“

„Doch, das würde ich sagen. Echte Freundschaften knüpfen die Schweizer im Kindergarten oder bestenfalls der Schule – also, allerspätestens an der Uni. Das ist natürlich super, wenn du einer dieser alten Freunde bist, aber sonst ist es schwierig. Sie laden auch fast nie mehr als eine Person oder ein Paar ein. Das ist natürlich auch ein Kompliment, dass sie den Abend wirklich nur und gerade mit dir verbringen wollen, aber du wirst halt nie jemanden über gemeinsame Freunde treffen.“

„Und wenn du einlädst?“

„Du, das mache ich sowieso. Aber meine Gäste kenne ich ja, also lerne ich auch niemanden kennen, wenn ich sie einlade. Alle finden das toll und kommen gerne, aber sie machen es halt selbst fast nie. Und wenn, dann ist es alle zehn Jahre eine Riesenparty mit allen befreundeten Paaren. Und mir.“

„Was ist nur aus den Partys geworden, bei denen man mit einem Glas Wein in der Küche steht, Gott und die Welt diskutiert und sich kennenlernt?“

„Ich fürchte, die finden immer noch statt, nur ohne uns. In unserem Alter sind doch fast alle unter der Haube. Und die paar, die es nicht sind, sind es oft aus gutem Grund.“

Desi lachte: „Hast du auch diese Gespräche mit deinen Freunden, wenn sie ihre inneren Adressbücher nach eligiblen Kandidaten durchforsten? Weil du doch so eine wunderbare Frau, nein, so ein wundervoller Mensch bist, dass es einfach nicht sein kann, dass du niemanden findest? Und dann gehen sie einen nach dem anderen durch und immer, wenn der eine jemanden vorschlägt, erwidert der andere, warum der Kandidat nicht an deine Seite gehört, sondern in psychiatrische Behandlung.“

„Oh ja, die kenne ich auch. Johannas Resterampe. ‘Liebling, Johanna interessiert sich doch für Kunst. Wie wäre es denn mit Anton?’ ‘Schatz, Anton macht Malen nach Zahlen. Das ist jetzt nicht wirklich Kunst. Und außerdem hat er gar keine Zeit neben all seinem Ausmalen.’ Oder: ‘Schatz, wie wäre es denn mit Jochen?’ ‘Ach nee, Jochen? Ich weiß nicht. Der wohnt doch noch bei seiner Mutter, und außerdem, Johanna, wie stehst du denn zu Sadomaso?’ Sie haben dann im Ernst eine Antwort erwartet. Ist mir wirklich passiert, kein Witz.“

Desi musste lachen: „Mir wurde vor kurzem ein potenzieller Partner ans Herz gelegt, der ‘leicht lala im Kopf’ sei. Er würde mir auch bestimmt nicht widersprechen. Ich könnte praktisch so weiterleben, als wäre er gar nicht da. Oder wie mit einem Hund.“ Sie zögerte und prustete heraus: „Aber er war adelig. Uradel. Ein Fürst.“

Eine solche Steilvorlage konnte nicht ungenutzt bleiben: „Definitiv ein weiteres Argument zum Heiraten außerhalb des Standes. Geringeres Lala-Risiko.“

Jetzt lachten wir beide. Dumm war nur, dass wir selbst zur Angebotspalette auf dieser Resterampe gehörten. Also saß vielleicht genau jetzt ein mit mir befreundetes Pärchen mit einem Single-Freund zusammen: „Fritzfranzkarlferdinand, du bist doch so ein wunderbarer Mann, nein, so ein wundervoller Mensch, da kann es doch einfach nicht sein, dass du niemanden findest.“ „Schatz, wie wäre es denn mit Johanna?“ „Also, Johanna, das geht ja wohl gar nicht. Johanna hat doch …“

Was auch immer dann kam, sagte mir natürlich niemand. Obwohl, es hätte mich schon interessiert, weshalb man mich nicht für – wie hatte Desi das so schön ausgedrückt? – „eligibel“ hielt.

Desi verabschiedete sich zum Garderobenwechsel: „Schließlich kann man ja nicht zwei Anlässe im selben Kleid begehen.“

Genau das war allerdings mein Plan. Und da mein Kleiderschrank ca. 850 km entfernt in Zürich stand, war dieses grausame Schicksal jetzt auch unausweichlich. Das sollte allerdings überlebbar sein. Wenn schon keine Socke den Bräutigam wahrnahm, sollte ich doch bitteschön völlig unter dem Radar segeln können. Schließlich ging es nicht um mich, sondern um die Braut – na ja, und so ein bisschen um den Bräutigam. Und ich hieß nicht Jacqueline und war auch nicht Eigentum von irgendeinem Bernd. Deshalb musste ich auch nicht um-wer-fend aussehen.

Ich wusste natürlich, dass diese Einstellung für die Partnersuche nicht gerade hilfreich war. Ich war einfach zu uneitel. Wie hatte schon mein Vater so treffend ausgeführt: „Kind, du musst mehr für dein Äußeres tun. Männer können nun mal besser gucken als denken.“ Da hatte er natürlich recht. Als intelligente Frau musste man doppelt gut aussehen. Und sich ein wenig dümmer stellen als man war. Aber so weit war ich denn doch nicht. Noch nicht. Außerdem ging ich davon aus, dass selbst der optisch orientierteste Mann es irgendwann merken würde, dass auch ein geschminkter und frisierter, ja sogar ein behüteter weiblicher Kopf ein Gehirn zu beherbergen pflegte. Außer vielleicht, wenn dieser Mann Bernd hieß. Aber der war augenscheinlich ein Kapitel für sich.

Egal, jetzt war es für ein neues Kleid zu spät, und wenn heute der Tag der Tage sein sollte, an dem Mister Oneandonly in mein Leben treten würde, dann musste er eben sein Gehirn anschmeißen und nicht den Hormonspiegel.

Schakweline

Während sich die Gäste, deren Eltern ihnen augenscheinlich abends Gutenachtgeschichten aus dem Knigge vorgelesen hatten, sich angemessen für den zweiten Teil des Anlasses aufbrezelten und das Brautpaar seine Liebe für die Ewigkeit in Bits und Bytes, vielleicht sogar auf Zelluloid bannte, schlenderte ich zum Schloss Kartzow – seit einem Schulausflug vor viel zu vielen Jahren der Ort, an dem Klara und ich mit einem Zwillings- oder zumindest Brüderpaar eine rauschende Hochzeit feiern würden. Wir hatten Stunden damit verbracht, unseren großen Tag zu planen. Und heute feierte Klara dort. Konrad war ein Einzelkind. Natürlich.

Nach zwei Stunden gemütlichen Promenierens (zum Glück trug ich keine High Heels) kam ich im Schloss an und fand das bei Hochzeiten übliche Bild: Paare, getroffen von Amors wild umherfliegenden Querschlägern, deren unter Bergen von Windeln und Ratenzahlungen schon fast vergrabene Liebe gerade neu entbrannte und die eigentlich am liebsten alleine gewesen wären.

Da es keinen Tisch für Singles gab, gesellte ich mich zu einem der eher weniger turtelnden Paare.

Sie: „Schön hier.“ Schweigen.

Er: „Ja, wirklich schön hier.“ Schweigen.

Sie: „Die Trauung war auch schön.“ Schweigen.

Ich: „Hallo, ich bin Johanna, eine Schulfreundin von Klara.“ Schweigen.

Er: „Ja, war wirklich schön, die Trauung.“

Aha, auch eine Antwort. Und eine Leistung, bei drei Leuten das fünfte Rad am Wagen zu sein. Ich verkrümelte mich – was keiner besonderen Anstrengung bedurfte.

Leider verliefen auch meine weiteren Versuche der Kontaktanbahnung ähnlich. Ich schaltete um auf Fotografin und das Wunder geschah: Fotografiere, und die Welt strahlt dich an! Das wirkte doch immer – und klärte die Situation weiter: „Jetzt mal ganz nah zusammen und kuscheln, bitte!“ Wer seinen Nachbarn und mich jetzt befremdet anstarrte und sich zu jedem Millimeter der Annäherung mühsam durchringen musste, der war wohl (hoffentlich) nicht miteinander verbunden, bis Gott euch scheide. Der erste Eindruck hatte jedoch nicht getrogen: Paare, wohin das Auge blickte. Klick.

Während das große Turteln im Garten noch anhielt und die wieder endlose Liebe uns umwaberte, stürmte Bernd an mir vorbei zum Torbogen, im Schlepptau Jacqueline, in perfekter (insbesondere sauberer) Abendgarderobe. Sie sah um-wer-fend aus. Wirklich. Mir wäre ein im Rücken so tief ausgeschnittenes Kleid natürlich zu dünn gewesen bei den Temperaturen. Und man wusste ja auch nie, wer schon auf dem Stuhl gesessen hatte, an dessen Lehne sich Jacquelines sexy entblößter Rücken am Abend schmiegen würde. Aber das war ja ihr Ding. Ich war wohl wirklich zu uneitel.

Grund der Unruhe, die schnell die versammelte Gemeinschaft ergriff: Die Limousine des Brautpaars war angekommen. Konrad stieg aus und eilte seiner Angetrauten zu Hilfe – „… dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.“ Und Klara brauchte diese Hilfe, denn der Traum in Weiß, den sie trug, ließ selbst ihr weder viel Atem- noch Beinfreiheit. Egal, Klara strahlte.

Der offizielle Fotograf hatte nach der Privataudienz das Feld geräumt, aber es brauchte ihn auch nicht mehr: Mindestens die Hälfte der Anwesenden zückten ihre Mobiltelefone und blitzten Klara einen Weg durch die einsetzende Dämmerung. Ich gönnte ihr diesen Hollywood-Auftritt. Hatte ich erwähnt? Klara strahlte.

Konrad geleitete seine Klara zu einem mit rotem Samt bezogenen Sessel, ach was, Thron, stellte sich neben sie und legte die Hand auf ihre Schulter. Klara hielt seine Hand, als er vorlas: „Liebe Familie, liebe Freunde, liebe Kollegen! Vor allem: Liebe Klara. Wie ihr wisst, bin ich kein Mann des Wortes. Worte können ohnehin nicht beschreiben, wie glücklich ich bin, dich, Klara, heute hier als meine Frau an meiner Seite zu haben. Ich fasse mich daher kurz: Dies ist der schönste Tag meines Lebens und ich danke jedem einzelnen von euch, dass ihr ihn mit uns teilt – umso mehr, als einige von euch eine so weite Anreise auf sich genommen haben, um Zeugen dieses unerwarteten Ereignisses zu sein. Ja, unerwartet. Vor allem für meine lieben alten Studienkollegen, die mir schon seit Jahren bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit – mit Vorliebe bei den unpassenden – prophezeit haben, dass ein sonderbarer Kauz wie ich wohl alleine bleiben würde und dass das auch gut sei für die Frauen dieser Welt. Tja, Jungs – das hättet ihr nicht gedacht! Besonders danken möchte ich unserer ehemaligen Vermieterin, Frau Brettschneider, die bestimmt nicht wusste, dass Amor bei ihrem Einzug auf Klaras Schulter saß. Dieser kleine Kerl blieb zum Glück hartnäckig, als ich dann kurz später wegzog, und er schubste auch Klara quer durch Berlin, zu mir. Manche Männer brauchen eben nicht nur einen Wink, sondern einen kräftigen Schlag mit dem Zaunpfahl. Und so bitte ich Sie und euch, mit mir das Glas zu erheben und anzustoßen auf Amor, auf das Glück der Kauze, auf meine umwerfende, kluge, fröhliche und einfach perfekte Frau und auf einen Abend, an dem wir alles das feiern wollen. Klara, du bist das Beste, was mir je passiert ist. Ich liebe dich.“

Die Menge durchfuhr ein kollektiver Seufzer, die Gläser klirrten, die Taschentücher wurden gezückt, der Abend war eingeleitet. Klara – natürlich, Klara strahlte. Und zitterte. Das Brautkleid war ein Traum, besser gesagt, ein Hauch von einem Traum – und einfach nicht warm genug für einen spätsommerabendlichen Sektempfang im Garten. Ich legte ihr meinen Mantel um, und nach kurzem Protest („Wie sieht denn das aus, Jo!“ „Warm und nach einer Braut, die morgen ohne Lungenentzündung aufwacht und am Montag auf Hochzeitsreise gehen kann.“ „Ja, und du?“ „Ich gehe am Montag nicht auf Hochzeitsreise. Stell dich nicht so an, Klara!“) verbrachte Klara den Rest des Gartenempfangs mit Hochzeitskleid und Mantel. Wer schön sein will, muss leiden. Wer nicht leiden will, ist innen schön. Und Klara war heute sowieso die schönste Frau der Welt.

„Das nenne ich mal Fürsorge“, vernahm ich eine tiefe Stimme hinter mir. Ich drehte mich um. Groß, massiv, graues Haar, Brille, um die sechzig, in der Hand ein Glas Champagner, der Mund erst von einem süffisanten Grinsen, dann von einer Pfeife eingenommen. Nein, den kannte ich nicht.

„Ich kann sie ja nicht krank auf Hochzeitsreise gehen lassen. Das wäre eine grobe Verletzung der Fürsorgepflicht.“

Er lachte: „Ach, Sie sind Juristin? Und, was ist die Rechtsgrundlage Ihrer Fürsorgepflicht? Also, wenn Sie die Mutter der Braut sind, dann muss ich Ihnen ein ganz großes Kompliment machen, gnädige Frau.“

Ich musste lachen: „Johanna. Johanna Lenné. Ich bin eine Schulfreundin von Klara. Das reicht für eine Fürsorgepflicht. Und Juristin. Sie auch, nehme ich an – also, Jurist?“

„Bergner. Dr. Roland Bergner, ein Freund der Familie Donnetzky. Und, ja, ich bekenne mich schuldig: Jurist.“

Wie peinlich, sich als Jurist mit Doktortitel vorzustellen! Das hätte ich nie getan. Nicht meins. Aber seine Stimme: Ein Bass wie ein Wolkenbett – zum Versinken. Leider war jedes sexy Basswort mit einem ausgesprochen unsexy Rauchausstoß verbunden.

„Na dann, sehr erfreut, Herr Dr. Roland Bergner. Bitte recht freundlich!“ Klick. „Vielleicht noch ein Foto mit Ihrer Frau?“ Ein alter Single-Reflex, ich konnte es einfach nicht leugnen.

„Nein, ich bin nicht…“

„Auch gut. Dann bis später.“ So sehr interessierte mich sein Status dann doch nicht.

Ich gesellte mich zu Desi, die mit Bernd und seiner Jacqueline smalltalkte. Jacqueline wandte sich mir zu: „Du, vielen Dank nochmal für den Tipp mit dem Zitronensaft und dem Essig. Ich hab den Fleck tatsächlich rausbekommen. Gottseidank.“ „Keine Ursache.“

Ein Kellner bot uns Häppchen an – Frühlingsrollen mit Currysauce. Als Jacqueline zugreifen wollte, schlug Bernd ihr auf die Finger: „Nein, das lässt du schön bleiben. Eine solche Aktion am Tag reicht ja wohl. Ich bin Insurance Manager und nicht Meister Proper. Ich hab keine Lust, mich hier nochmal von dir zum Affen machen zu lassen. Und außerdem wirst du sowieso zu fett. Komm, Schakweline, wir gehen rein und suchen unsern Tisch.“

Sprach’s, drehte sich schwungvoll um – und rempelte den nächsten Kellner an, mitsamt Hackfleischbällchen. Und mit Cocktailsauce. Es war doch immer wieder erstaunlich, wie flächendeckend sich Flüssigkeiten verteilten. Das galt auch für Cocktailsauce. Bernds Anzug dürfte reinigungstechnisch eine Herausforderung dargestellt haben. Dumm nur, dass Bernd, wie er gerade so überaus zutreffend festgestellt hatte, Versicherungsvertreter war und nicht Meister Proper. Dümmer, dass er jetzt eindrucksvoll bewies, dass er sich auch ganz allein zum Affen machen konnte, indem er nicht wirklich jugendfreie Kommentare ausstoßend durch die Menge zum Parkplatz pflügte. Mir schien fast, als habe auch Jacqueline den Bruchteil einer Sekunde gegrinst, bevor sie Bernd pflichtschuldig folgte. In guten wie in schlechten Zeiten und sogar in solchen mit Bernd.

Zum Essen erschienen die beiden dann etwas verspätet, Bernd wieder in seinem Mittagsanzug. Wenigstens war ich nicht mehr die einzige Unumgezogene.

Desi und ich standen noch ein wenig herum, ließen die Häppchen an uns vorbeiziehen und tauschten unsere spärlichen Informationen zu den Anwesenden aus, als sie sich plötzlich aufrichtete. Die Freifrau hatte Fährte aufgenommen: „Ist das nicht Dr. Bergner?“

„Yup.“

„Dr. Bergner, der General Counsel von der Maienwald-Gruppe? Wie kommt denn der hierher?“

„Er sagte, er sei ein Freund von Konrads Familie.“

„Was? Du hast mit ihm gesprochen?“

„Mehr oder weniger. Und?“

„Ich glaube, du bist dir der Bedeutung der Situation nicht bewusst. Dr. Bergner ist unser wichtigster Mandant, ausschließlich durch REX persönlich betreut. Erinnerst du dich nicht? Ich wünsche mir seit Jahren, ihn einmal zu treffen.“

Dunkel stieg die Erinnerung an lange Nächte, in denen ich Gutachten für die Maienwald-Gruppe verfasst hatte, durch einen dicken Nebel des Desinteresses in mir auf.

„Und außerdem ist er nicht verheiratet. Könntest du mich bitte vorstellen, Johanna?“

„Desideria, ich hab den auch gerade erst kennen gelernt. Was heißt kennen gelernt? Drei Worte haben wir gewechselt, vielleicht fünf. Und wieso muss ich ihn dir vorstellen, du bist alt genug, um das selbst zu tun.“

Desis Blick flehte. Alles klar, eine Freifrau wartete darauf, vorgestellt zu werden. Nur Plebs wie ich stellten sich selbst vor – und adelige Damen, die sich nicht trauten. „Also gut. Dann komm halt.“

„Herr Bergner, darf ich Ihnen Frau Desideria von Hirschenstein vorstellen? – Frau von Hirschenstein: Herr Bergner.“

„Welch angenehme Überraschung. Gleich zwei so charmante junge Damen. Überaus erfreut. Aber das ist halt so: Wo Dr. Bergner ist, da sind die hübschen jungen Damen. Enchanté!“

Was für ein Schleimer. Natürlich musste er seinen Doktor unterbringen. Wie peinlich.

Übertroffen nur von Desi. Sie kicherte: „Herr Dr. Bergner, die Freude ist ganz meinerseits. Ich habe ja schon so viel von Ihnen gehört.“

Ach, du Schande! Es fehlten nur noch der Handkuss und die Geigen. Ach ja, rosa Licht und ein Knabenchor vielleicht noch. Ich zückte die Kamera und manövrierte sie näher zusammen. Damit erachtete ich meinen Anbahnungsjob als getan. Klick und weg.

Auf zum Sitzplan! Ein weiteres leidiges Thema bei Hochzeiten. Mit viel Glück landete man an einem Tisch mit anderen Singles, die jedoch mit zunehmendem Eigenalter immer jünger wurden, so dass ich mich manchmal fühlte wie die Gouvernante am Kindertisch. Oder man war die ungerade Zugabe an einem Tisch voller turtelnder Pärchen, die in Erinnerungen an ihre Hochzeit schwelgten oder einen magischen Abend lang schweigend die Hand der Liebe ihres Lebens hielten. Schön für sie. Und heute? Ich saß – wie bitte? – am Tisch des Brautpaares. Wahrscheinlich das einzige Mal in meinem Leben.

Zum Glück kam Klara: „Du, ich hoffe, das macht dir nichts aus. Weißt du, mein Vater ist doch allein, seit meine Mutter tot ist, und da dachte ich, dass du neben ihm sitzen könntest. Dich kennt er doch.“

„Klar, Klara. Mache ich gerne. Ich mag Deinen Papa.“

Mir waren ohnehin keine, um Desi zu zitieren, eligiblen Junggesellen aufgefallen. Apropos Desi: Sie saß neben dem Doktor. Chapeau, Klara – du kennst deine Freundinnen. Vielleicht würde sich da ja was ergeben.

Herr Müller

Klara hatte mich gebeten, alle Gäste mit dem Plüschfrosch zu fotografieren, den ich ihr vor Jahren geschenkt hatte – zum Üben, damit sie vorbereitet wäre, wenn der Richtige käme. Diese Idee war typisch Klara, und sie hatte sie bis zum Ende durchgezogen: Die Hochzeit stand im Zeichen des Frosches. Auf den Tischen standen Schalen mit Seerosen, umgeben von Fröschen aus Ton, Holz, Porzellan und allem, woraus man Frösche herstellen kann. Für jeden Gast einer zum Mitnehmen.

So lauerten Froggy und ich neben der Tür, sprangen die Eintretenden an und nötigten sie dazu, meinen plüschigen Begleiter zu küssen. Zum Glück konnte dabei niemand ernst bleiben. Nicht einmal der Doktor, der allerdings darauf bestand, nicht alleine fotografiert zu werden. Seit wann war seine Partnersuche mein Problem? Zum Glück lungerte Desi in der Nähe herum und ich schob sie mit ins Bild. Trotzdem machte er einen Schmollmund. So habe er das nicht gemeint. Egal. Klick und basta la pasta. Manche Leute waren einfach high maintenance.

Jedenfalls hatte ich beim Abschluss dieser Übung zwanglos herausgefunden, dass die Herren Müller und Bergner die einzigen alleinstehenden Männer des Abends waren – wenn man von den knuffigen Studenten und Anfangdreißigern absah, die die ebenso knuffigen Halbmodels anschmachteten. Süß! Single-Frauen meines Alters gab es hingegen im Überschuss. Wie immer.

Herr Müller – grauer und weniger groß als in meiner Erinnerung - stand auf: „Guten Abend. Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Horst Müller. Ich bin der Vater von der Klara.“ Er hatte offensichtlich seine formale Seite hervorgeholt und sorgfältig poliert.

„Guten Abend, Herr Müller. Ich bin’s, Johanna. Klara und ich sind doch zusammen zur Schule gegangen.“

Herr Müller ließ das Formale fallen: „Mensch, Johanna. Du bist aba jroß jeworden. Lass dir ankieken: Ne richtije Dame biste jeworden. Ick hab dir übahaupt nich wiedaerkannt. Wer hätte dit jedacht?“

„Na ja, mit fast 40 sollte man wohl schon groß sein. Aber ich verspreche ihnen, dass ich mit dem Wachsen aufhöre. Wir haben uns ja ewig nicht gesehen. Wie geht es Ihnen, Herr Müller? Haben Sie den Tag gut überstanden? War das nicht eine schöne Hochzeit? Klara ist so eine brautige Braut.“

Herr Müller strahlte mich mit Klaras Lächeln an: „Ja, isse nich wundaschön? Meen Prinzesschen. Et kommt mia vor, wie wennse noch jestern bei mia uffem Schoß jesessen hat. Und jetzt isse ne verheiratete Frau. Dass meene Frau dit nich seh‘n kann!“

Ich nahm seine Hand und wir schwiegen ein wenig.

Nachdem jeder Gast seinen Platz gefunden hatte, wünschte der Bräutigam nochmals allen einen schönen Abend, und der Salat wurde serviert. Herr Müller war etwas unschlüssig angesichts der vielen Messer und Gabeln neben seinem Teller, und ich flüsterte: „Von außen nach innen, Herr Müller. Nehmen Sie einfach, was ich nehme. Dann passt es schon.“ Wir verstanden uns.

Die Rede des Trauzeugen nach dem Salat war gut vorbereitet und schmissig serviert, mit der richtigen Portion Humor, einigen angemessen peinlichen Anekdoten über Konrad und gebührender Bewunderung für Klara. Er hatte das definitiv schon einmal gemacht und genoss den Auftritt.

Als wir dem glücklichen Paar zugeprostet hatten und die anderen sich wieder setzten, blieb Herr Müller stehen und ließ sein Glas klingen.

Klara zischte ihn an: „Nicht jetzt, Papa!“

„Aber, Klara, ick will ooch wat sajen!“

„Ja, Papa, kannst du ja auch. Aber nicht jetzt.“

Wenn Blicke töten könnten!

Herr Müller war jedoch immun: „Meene Tochta will ja nich, dass ihr oller Herr jetz wat sacht, aber dit muss ma jesacht werden, und zwar jenau jetz.“

Klara blickte mich flehend an. Ich zog möglichst unauffällig an Herrn Müllers Jackett, aber er war stärker und wild entschlossen: „Also, liebe Klara, lieba Konrad – oder darf ick jetzt sajen: Meene lieben Kinda! Ick bin heute der stolzeste Vata inner janzen Welt. Klara, du machst mir sehr, sehr jlücklich. Konrad is der Mann, den ick mir für dir jewünscht habe, weil ick weeß, dat ihr euch liebt und dass er dir jlücklich machen wird. Und das isset ja, wat sich’n Vata wünscht. Mehr als allet andere.“

Er schaute sich um. Ich weiß nicht, ob es Klaras Dolchblicke waren oder das festliche Ambiente; jedenfalls stellte er auf Hochdeutsch um.

„Klara, wir sind ja oft aneinander gerasselt, weil wir beide solche Dickschädel sind, aber ich hoffe, du weißt, wie sehr ich dich liebe und dass ich immer stolz auf dich war, auch wenn ich mir als Vater natürlich oft Sorgen gemacht habe, wenn du auf jeden Baum klettern musstest oder als klitzekleiner Purks vom Zehnmeterbrett springen wolltest und da oben gestanden hast, so klein, dass ich dich kaum sehen konnte. Aber du bist gesprungen. Oder als du mit 18 einfach den Motorradführerschein gemacht hast, dir ´ne alte Kiste gekauft und damit bis nach Griechenland gefahren bist. Das ist meine Klara. Macht den Motorradführerschein, kauft sich sofort eine Maschine und fährt am nächsten Tag nach Griechenland. Ich habe mir solche Sorgen gemacht. Ich meine, so ein hübsches junges Mädchen, ganz allein bei den Griechen.“

Klara zischte: „Papi, nicht jetzt!“

Vergeblich, Herr Müller hatte Fahrt aufgenommen. „Aber ich war immer stolz auf dich. Und das bin ich auch heute. Und auf Konrad auch. Ihr beide passt so gut zusammen, und das habe ich mir so für dich gewünscht. Auch deine Mutter wäre ganz furchtbar stolz auf dich, Klara. Ach, Klara, ich vermisse deine Mutter so sehr. Ich weiß, dass du sie auch vermisst, gerade heute. Aber irgendwie ist sie ja auch bei uns. Durch dich, Klara. Sie war eine wunderbare Frau, und wenn ich dich ansehe, dann sehe ich sie vor mir bei unserer Hochzeit. Sie war die schönste Braut, die man sich vorstellen kann. So wie du heute.“

Klara hatte aufgegeben und schaute mit resignierter Rührung und Tränen in den Augen zu ihrem Vater.

„Ich bin ja inzwischen ein alter Mann und deshalb habe ich auch das Recht, euch beiden einen Ratschlag zu geben. Geht niemals schlafen, so lange noch etwas zwischen euch steht. Darauf hat deine Mutter immer bestanden, egal, wie sehr mich das genervt hat. Und sie hatte recht. Dann kann man auch alles überstehen. Gemeinsam. Dann werdet ihr zusammen sein, bis der Tod euch scheidet. So wie deine Mutter und ich. Ach, Klara, ich wünschte so, dass sie hier wäre.“

Inzwischen hatten die Anwesenden die Taschentücher wieder herausgeholt, ein vielstimmiger Schniefchor erfüllte den Raum und Klara saß, am glücklichsten Tag ihres Lebens, inmitten einer Trauergemeinde. Zum Glück berappelte sich ihr alter Herr wieder: „Und ihr müsst einander nicht nur sagen, dass ihr euch liebt, ihr müsst es auch zeigen. Jeden Tag. Wie sagte schon der alte Jöthe: ‘Jenuch jequatscht, jetz macht ma wat!’ Also stoßen wir an auf meine wunderbare Tochter Klara und auf meinen neuen Schwiegersohn Konrad. Und, wat soll’s, uff den ollen Jöthe ooch noch. Willkommen in der Familie, Konrad!“

Konrad und Klara umarmten Herrn Müller und die Suppe wurde serviert.

Klara brach in schallendes Gelächter aus: „Nein, das darf nicht wahr sein! Suppe! Wir haben ja noch die Suppe! Das hatte ich völlig vergessen.“

Anscheinend konnte sie die Fragen in unseren Augen lesen und sie erklärte: „Ich dachte, der nächste Gang wäre der Rehrücken. Und den sah ich dann vor meinem geistigen Auge zu Brikett verkokeln, weil der doch so empfindlich ist. Deshalb wollte ich, dass du noch etwas wartest, Papi. Ach, Papi, das war so lieb, aber ich konnte kaum zuhören, weil ich immer nur an den doofen Rehrücken denken musste. Papi, ich hab dich so lieb.“

Ich war beruhigt und checkte die Fotos der letzten Minuten. Klara sah aus wie Schneewittchens Stiefmutter im Verfluchungsmodus, mit rot leuchtenden Blitzaugen und zusammengekniffenem Mund. Wunderbar, die würden so bleiben.

Konrad ging hinter mir vorbei und sah mir über die Schulter: „Sehr gut, die musst du behalten.“

Klara war abgelenkt, ich nutzte die Gelegenheit, Konrad etwas zu fragen: „Sage mal, Konrad, dass da zufällig Silbermond im Auto lief, als du Klara nach Hause gefahren hast. Könnte es eventuell sein, dass das nicht ganz zufällig war?“

Konrad grinste: „Erwischt! Du musst mir aber versprechen, dass du mich nicht verrätst. Also, Klara glaubt ja, dass wir uns ganz zufällig wiedergetroffen hätten. Aber, weißt du, ich hatte mich sofort in sie verliebt, als sie bei uns im Haus einzog, und mich nur nicht getraut, ihr das zu sagen. Bis es zu spät war. Als sie dann auf einmal im Reitverein auftauchte, da hab ich mir geschworen, mir diese tolle Frau nicht noch einmal entgehen zu lassen. Deshalb sind wir uns dann ‘rein zufällig’ ständig über den Weg gelaufen, bis ich sie weichgeklopft hatte. Und das mit Silbermond, das war leicht. Sie hatte die CD ja rauf und runter gehört, als wir nebeneinander wohnten. Aber, bitte, versprich mir, dass du ihr nichts erzählst. Sie meint, es sei ein Wink des Schicksals gewesen.“

Ich hatte eine Gänsehaut. Die beiden waren wirklich für einander gemacht: „Niemals. Versprochen.“

Nach dem Essen spielte eine Band – Walzer. Klara, die wunderschöne Braut, tanzte mit ihrem Vater, der sie an ihren Mann übergab – und dann mich aufforderte. Nach einem klitzekleinen Schock genoss ich die Sekunden auf der fast leeren Tanzfläche. Und Walzer konnte ich zum Glück so mehr oder weniger. Ein unerklärliches bisschen war das auch mein Brauttanz.

Die Band wechselte zu der Musik, zu der Klara und ich vor ewigen Zeiten in der Disco getanzt hatten, und ich stand vor der üblichen Frage: „Und nu?“ Schnell bevölkerte eine Handvoll Paare (darunter auch Bernd und seine Jacqueline) die Tanzfläche und schwebte in vollendeter, in Jahren des gemeinsamen Lebens und Tanzens erarbeiteter Harmonie über die Bühne. Lauter Gingers und Freds. Schön. Frustrierend. Frustrierend schön. Selbst Herr Müller hatte seine Cinderella gefunden und schwebte mit einer Lady in Lila über das Parkett. Das war doch Ruth – die augenscheinlich den attraktiven Pfarrer Hancock schon fast vergessen hatte. Wie jedes Mal, nahm ich mir vor, einen Tanzkurs zu absolvieren. Wissend, dass dies wie jedes Mal am mangelnden Partner scheitern würde. Alleinstehende Männer waren in Tanzkursen, auch in denen für Singles, eine rare Spezies. Sie waren in etwa so häufig anzutreffen wie Papageien beim Tiefseetauchen. Und das, obwohl ein Tanzkurs der ideale Ort wäre, um Frauen kennenzulernen.

Ich hatte mir dazu meine Gedanken gemacht und fand sowieso, dass es für Männer simpel war, eine Partnerin zu finden. Sie mussten sich nur in die männerfreien Zonen wagen, in denen Frauen Männer zu jagen pflegten: Tanzkurse, Kochkurse, Studienreisen oder überhaupt alles, was mit Kultur zu tun hatte. Vergleichbare Männerbastionen waren wohl Fußballstadien, Harleyclubs oder Männergesangvereine. Oder die virtuelle Welt. Augenscheinlich waren männliche und weibliche Zeitvertreibe ziemlich inkompatibel. Schwierig.

Nach den Halbprofis trauten sich jetzt auch „normale“ Paare auf die Tanzfläche. Noch ein Lied abwarten, dann … Bingo! Jetzt gaben die bewegungsfreudigen Frauen mit tanzmuffeligen Partnern ihre Zurückhaltung auf und tanzten miteinander. Wie immer. Manchmal fragte ich mich, wie die Menschheit die Zeiten überstanden hatte, in denen die Paare sich im Rahmen rauschender Bälle mit komplizierten Tänzen kennenlernten, deren Choreografie man heutzutage wohl nur speziell ausgebildeten Berufstänzern zumuten würde. Für unsere Zeitgenossen war es demgegenüber schon zu viel, mit minimalistischen Bewegungen gerade so zu verhindern, dass sie auf der Tanzfläche anwuchsen…

Ich sah Desi neben der Tanzfläche stehen und ging zu ihr: „Und, will Herr Bergner nicht tanzen?“

„Nein. Dr. Bergner hat Knieprobleme.“

„Na ja, in seinem Alter … Wollen wir?“

Desi wollte. Wir tanzten, bis ein Gong ertönte: „Wir bitten jetzt alle alleinstehenden Damen auf die Tanzfläche. Die Braut wirft den Strauß.“

Es klang wie eine Ladung zum Arbeitsdienst. Trotzdem versammelten sich etwa zwanzig mehr oder weniger alleinstehende Frauen, darunter Desi und ich. Ich drückte mich in den Hintergrund in der Erwartung, dass Klara genau die anpeilen würde, die ohnehin als nächste heiraten würde. Es gab immer eine Cousine oder eine Freundin, die gerade ihre eigene Hochzeit plante, und auf sie würde jede Braut zielen. So kannte ich es und so gehörte es sich meiner Meinung nach. Da ich von einer Heirat in etwa so weit entfernt war wie ein Pottwal vom Spitzentanz, wähnte ich mich sicher. Dumm war nur, dass Klara nicht wusste, was sich gehörte. Oder ihre Wurftechnik war noch schlechter als ihre Gesangstechnik. Jedenfalls kam der Brautstrauß in gerader Linie genau auf mich zugeflogen. In völliger Überrumpelung übernahmen meine Reflexe die Regie. Nach jahrelangem Vereinsvolleyball hieß „Reflex“ in diesem Zusammenhang, dass ich das runde Etwas, das da auf mich zuflog, gekonnt in Richtung Absenderin zurückpritschte. Zum Glück hatte Klara nicht Volleyball gespielt, so dass sie die Blumen nicht zurückschmetterte, sondern auffing.

Nach einer Schrecksekunde lachte Klara: „Na, das Schicksal ist sich wohl nicht ganz sicher.“ Beim zweiten Wurf landete der Strauß in den offenen Armen von Desi. Unser aller Welt war wieder in Ordnung. So halbwegs.

Ich musste mich aber doch entschuldigen: „Du, Klara, das tut mir wahnsinnig leid. Ich hatte einfach nicht damit gerechnet, dass du in meine Richtung wirfst.“

Klara schwebte für die Lappalien des Lebens unerreichbar auf Wolke Sieben: „Ist schon okay. Schau nur, Desi ist ganz selig. Du hast also ein gutes Werk getan.“

Tatsächlich, Desi drückte die Blumen an sich, schnupperte an ihnen und lächelte.

Ich verdrückte mich von der Tanzfläche, vorbei an dem Doktor – dessen Kommentar mir gerade noch gefehlt hatte: „Sehr saubere Technik, junge Dame! Chapeau! Darf ich Sie anstellen, wenn ich jemals damit rechnen sollte, mit faulen Eiern beworfen zu werden?“ Der fand sich wohl wahnsinnig cool. So einen brauchte echt kein Mensch. Ich ignorierte ihn.

Desi erwartete mich schon an der Bar – mit dem Brautstrauß in einem Sektkühler: „Johanna, das darfst du nicht tragisch nehmen. Einige haben es vielleicht ja auch gar nicht gemerkt. Ich habe auch mal einen Strauß fallen lassen. Allerdings war ich noch nie gut in Ballspielen. Aber Hauptsache ist, dass ich ihn heute gefangen habe. Für dich besteht also auch noch Hoffnung. Vielleicht ja bei meiner Hochzeit. Wie findest du eigentlich Dr. Bergner?“ Ein kaum wahrnehmbares Lächeln verflüchtigte sich aus ihren Mundwinkeln, bevor es gelandet war.

Auch das noch! „Du, der findet sich so toll, da