Frost Fight - Annika Siry - E-Book

Frost Fight E-Book

Annika Siry

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Beschreibung

Ihr Vater im Gefängnis, mit Joe verstritten - die Lage spitzt sich für Vivian zu. Neben steigenden Gefühlen für Joe und dem nervigen Freund ihrer Mutter hat Vivian genug um die Ohren. Bei Drohungen bleibt es jetzt ebenfalls nicht mehr, weshalb es für sie umso wichtiger ist, den wahren Mörder von Annabelle ausfindig zu machen. Frost Fight ist der 2. Teil der "Ice Crime"-Trilogie von Annika Siry.

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Seitenzahl: 318

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Annika Siry

Ice Crime-Trilogie

Ice Crime

Frost Fight

Snow Down

2. Auflage 2020

Copyright © 2016 Annika Siry

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlaggestaltung, Illustration: Annika Siry

Lektorat, Korrektorat: Deborah Siry

Verlag: Annika Siry, Nightingalestraße 3, Heidelberg, [email protected]

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Handlungen und Personen im Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Für meine Eltern,

die mir beim Plotten brillante Ideen geliefert haben.

Inhaltsverzeichnis

1. Kapitel1

2. Kapitel1

3. Kapitel1

4. Kapitel1

5. Kapitel1

6. Kapitel1

7. Kapitel1

8. Kapitel1

9. Kapitel1

10. Kapitel1

11. Kapitel1

12. Kapitel1

13. Kapitel1

14. Kapitel1

15. Kapitel1

16. Kapitel1

17. Kapitel1

18. Kapitel1

1. Kapitel

Ich glaube, es wäre an der Zeit, dir zu sagen, was passiert ist.« Ich blickte in Dads ernstes Gesicht. Ich konnte mich beim besten Willen nicht an das letzte Mal erinnern, an dem Dad nicht ernst und auch nicht ein klein wenig verzweifelt ausgesehen hatte. Freude hatte ich schon lange nicht mehr in Dads Gesicht gesehen.

So ging es uns allen ja. Na ja, fast allen. Da war natürlich Mom – von ihr brauchte man gar nicht erst sprechen. Sie war ja die Einzige, dich sich so verhielt, als sei nichts passiert. Manchmal schien sie doch etwas besorgt zu sein, aber es war nie etwas ernsteres. Es machte mich zum Teil sogar ein wenig sauer, dass sie sich einen Dreck darum kümmerte, was mit Dad passiert war. Als würde sie Dad gar nicht mal richtig kennen.

Ich kam mir schon fast vor, als wären wir die Familie des Opfers gewesen.

Annabelle Grayburn.

Sie... sie lebte nicht mehr. Es war offensichtlich gewesen, dass sie diesen Vorfall nicht überleben würde. Nicht nach einem Schuss in den Rücken.

Ich hatte es eigentlich schon viel früher gewusst. Doch ich hatte mir immer gesagt, dass ich nur halluziniert hatte, dass die Polizisten Recht hatten und wir wenig später eine quicklebendige Annabelle finden würden.

Natürlich passierte nichts von dem. Als man wirklich festgestellt hatte, dass Annabelle – man konnte es nicht schön formulieren, das ging nicht – tot war, war die Wahrheit erst in mich hineingesickert .

»Ich... ich weiß nicht, wo ich anfangen soll.«

Ich seufzte und blickte schuldbewusst auf den Boden. Dad war dabei, die ganze Wahrheit herauszufinden und zwar die ganze Wahrheit. Leider beschränkte sich das nicht auf eine Nacht. Es war die ganze Geschichte, von vorne bis hinten.

»Fang einfach am Anfang an.« Dad lächelte, doch es war kein glückliches Lachen, sondern ein trauriges. Ich konnte Dad dabei nicht in die Augen sehen. Dafür schämte ich mich zu sehr. Vor allem nach dem einen Vorfall. Dem Vorfall.

Also befolgte ich Dads Ratschlag.

Ich erzählte ihm alles. Alles, was passiert war.

Dad hatte nach wie vor eine besondere Begabung dafür , seine Gefühle nicht zu zeigen. Deshalb konnte ich nicht direkt sagen, was er gerade von mir dachte. Ob er mich gerade hasste, für das, was ich getan hatte. Oder ob er es vielleicht gar nicht mal so schlimm finden würde.

Als ich mit meiner Geschichte endlich fertig war, sah ich Dad etwas beklommen an und machte mich auf eine Standpauke gefasst. Vielleicht nicht gleich eine Standpauke, aber ich würde definitiv danach keine Umarmung und Begeisterung bekommen.

»Ich wusste schon immer, dass du irgendwann mal so etwas machen würdest« sagte Dad und lächelte vor sich hin. »Allerdings hätte ich nicht damit gerechnet, dass du so weit gehen würdest.«

Ehrlich gesagt konnte ich noch nicht so ganz etwas mit dieser Reaktion anfangen. Ich konnte sie nicht wirklich deuten. War Dad jetzt sauer auf mich? Enttäuscht, womöglich?

Ich musste etwas schuldbewusst auf den Boden starren. Vor allem, da ich überhaupt nicht mit einer solchen Reaktion von Dad gerechnet hätte.

Er hatte immerhin geschmunzelt.

»Du... bist also nicht überrascht?« fragte ich vorsichtig.

»Vivian, dir ist hoffentlich bewusst, dass ich bereits viel früher davon wusste, oder?« Viel früher davon gewusst? Wie war das möglich? Meinte Dad das ernst? Hatte er wirklich bereits zuvor schon gewusst, dass ich versucht hatte, Annabelles Entführer – Mörder – zu finden? Jetzt war ich noch verwirrter als zuvor.

»Woher wusstest du davon?« fragte ich erstaunt. Mit dieser Wendung hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Erst recht nicht kommen sehen.

»Na ja, ich hab an einem Abend deinen Steckbrief über Annabelle auf dem Wohnzimmertisch gefunden. Ab dem Zeitpunkt war mir eigentlich klar, was du so treibst. Auch dein mitternächtlicher Spaziergang. Da konnte ich mir irgendwo schon denken, was du vorhattest.« Dad war komplett ruhig und gelassen, als würden wir gerade über meine Sommerferien reden. Ich konnte nicht ganz nachvollziehen, wieso. Es war doch komplett irrational gewesen, was ich getan hatte. Und das wusste ich sogar selber. Zwar war ich nicht alleine gewesen – Joe war genauso an dem Ganzen beteiligt, doch änderte das überhaupt etwas an der Tatsache?

Mom wäre bestimmt ausgeflippt, hätte mir Hausarrest gegeben oder sonst noch was. Gar nicht mal, weil sie mich beschützen wollte oder Ähnliches, sondern einfach aus Prinzip.

Dad konnte mir ja schlecht Hausarrest geben.

Er stand selber unter Arrest.

»Und... bist du sauer auf mich?« flüsterte ich. Ich wusste nicht, wieso ich flüsterte. Als hätte ich Angst, jemand anderes könnte mir zuhören. Ich merkte erst jetzt, dass meine Stimme zitterte.

Irgendwie schien Dad nicht sauer auf mich zu sein, was ich mir wirklich nicht erklären konnte. An dieses Gefühl hatte ich mich allerdings mittlerweile schon gewöhnt – seit einer Woche konnte ich mir einiges nicht erklären.

»Natürlich nicht.« Dad lächelte mich an, als ich erstaunt den Kopf hob. »Im Gegenteil: Ich bin wirklich stolz auf dich.«

Stolz auf mich?

Dad hätte genauso gut sagen können, dass mir blonde Haare stehen würden und ich wäre dennoch weniger erstaunt gewesen als ich es jetzt war.

»Du bist stolz auf mich?« fragte ich verwundert, leicht aus dem Konzept gebracht.

»Ja, ich bin stolz auf dich. Aber Viv–« Dad packte mich an meinen Schultern, so unerwartet und plötzlich, dass ich kurzzeitig zusammenzuckte.

»Die Umstände mögen zwar etwas anderes sagen, aber du musst mir versprechen, dass du dich ab sofort aus dem allen heraushältst.« Was? Langsam löste sich die Verwirrung in mir. Dad war stolz auf mich, doch er wollte einfach nicht, dass ich weitermachte, da es wahrscheinlich zu gefährlich für mich war. Zumindest seiner Meinung nach. Ich konnte doch auf mich aufpassen. Außerdem ging es hier nicht um mich, sondern um Dad. Um seine Zukunft, nicht meine.

»Aber Dad!« rief ich, merkte dann aber, dass ich etwas laut geworden war und versuchte, mich wenigstens ein kleines bisschen zu beruhigen.

»Dad« setzte ich erneut an, dieses Mal in leiserem Ton. »Das kann ich nicht machen. Ich kann doch nicht tatenlos zusehen, wie die dich verhaften!« Meine untere Lippe fing an zu beben, also biss ich darauf, um es ruhig zu stellen. Ich wollte nicht wie ein kleines Mädchen rüberkommen. Ich war schon erwachsen genug, um einen Fall alleine lösen zu können. Außerdem hatte ich noch zusätzlich Joes Hilfe an meiner Seite.

Wenn er sich denn melden würde.

Eigentlich hast du bereits tatenlos zugesehen, wie dein Vater verhaftet wurde.

Meine innere Stimme.

Unwillkürlich musste ich zurückdenken, zwei Tage vorher. Erinnerungen strömten in mein Gehirn.

Ich war alleine gewesen, in meinem Zimmer, bei Dad. Dann war der Schuss gefallen, ich hatte Panik bekommen. Nachdem ich in Dads Büro gekrochen war, hatte ich die Polizei gerufen. Und als sie wenig später angekommen waren, hatten sie in unserem Wohnzimmer eine Leiche gefunden. Nicht irgendeine Leiche... Es war Annabelle gewesen.

Das Schlimme an der ganzen Sache war, dass ich praktisch für Dads Verhaftung verantwortlich war. Wäre ich bloß länger in der Schule geblieben, wäre ich nicht gleich in Panik geraten, dann säßen Dad und ich gerade wahrscheinlich zu Hause auf dem schönen weißen Ledersofa und nicht hier im Gefängnis. Wir würden zwar eine Leiche in unserem Haus verstecken müssen, aber das war mir immer noch viel lieber als ein Vater, der fälschlicherweise als Mörder bezeichnet wurde.

Alles meine Schuld.

»Viv, es mag zwar für dich noch nicht danach aussehen, aber glaub mir, dieser Täter ist gefährlicher als du denkst.« Dads Miene wurde finster. Klar, Dad konnte nicht wissen, dass ich schon mehrere – insgesamt drei – Bekanntschaften mit Annabelles Mörder gemacht hatte. Ich musste beschämt eingestehen, dass ich diesen Teil weggelassen hatte. Er sollte sich wegen mir nicht unnötig Sorgen machen. Was er jedoch mit großer Wahrscheinlichkeit ohnehin tat.

Außerdem hoffte ich noch immer, dass ich es mir bloß eingebildet hatte, wobei das ziemlich unwahrscheinlich war.

»Aber Dad! Sonst werden die dich als Mörder verurteilen! Für immer! Und das, obwohl du vollkommen unschuldig bist!« widersprach ich Dad, obwohl ich nur zu gut wusste, wie sehr er eigentlich Recht hatte. Aber so leicht würde ich nicht aufgeben. Gerade jetzt war es mir noch wichtiger denn je, den Fall zu lösen und Annabelles wahren Mörder zu finden. Vorher war es nur eine Art Spiel gewesen, als sei man Detektiv, als könne man mal in eine andere Rolle schlüpfen.

Ja, ich hatte es schon damals ernst genommen. Doch ich war mir ziemlich sicher gewesen, dass ich es nicht sehr weit bringen würde. Das Einzige, was mich dazu gebracht hatte, weiter zu machen, waren die Drohungen gewesen. Es klang ironisch, doch sie hatten mir gezeigt, dass ich Teil von dem Fall war. Dass ich mit darin verwickelt sei. Und dass ich deswegen nicht aufgeben sollte.

Jetzt war alles aber noch viel ernster. Jetzt ging es darum, Dad zu helfen. Seinen Ruf zu retten, ihn zu retten. Bis auf mir sah ich da niemanden, der das tun konnte.

In der Ferne hörte ich Schritte, die aus dem Gang ertönten. Ich konnte erahnen, um wen es sich handeln musste.

Schnell wandte ich mich weg von Dad und sah aus dem metallenen Gitter hinaus in den Gang. Tatsächlich handelte es sich um Frank Mowen, der gekommen war, um mich aus der Gefängniszelle zu holen, aus der Untersuchungshaft, in der Dad steckte. Ich musste ihn jetzt alleine lassen, so merkte ich.

»Vivian? Vivian Hardt?« fragte Mowen und öffnete die Gefängniszelle. »Es wird Zeit.«

Er klang ebenfalls betroffen – so wie Dad und ich auch. Ich konnte gut verstehen, wieso. Immerhin waren Dad und Frank wirklich gute Freunde. Es war schwer zu glauben, dass einer Polizist war und einer Mörder.

Aber Dad war kein Mörder.

Dad würde niemals ein Mörder sein.

Jeder, der Dad kannte, musste doch wissen, dass es ein Fehler gewesen war. Bloß weil Annabelle in Dads Haus aufgetaucht war und bloß weil Dad kein Alibi hatte, hieß es noch lange nicht, dass er sie ermordet hatte. Und dann war da natürlich noch die andere Sache, an die ich nicht gerne dachte.

Anscheinend hatte es noch weitere Beweise gegeben, doch bisher war ich noch im Unklaren darüber geblieben, was es genau für welche waren. Ich wusste nur von drei Beweisen: das fehlende Alibi, der Tatort und... die Waffe. Aber das mit der Waffe beunruhigte mich immer zu sehr, als dass ich daran denken konnte.

Egal, wie, es war jemand anderes gewesen. Ich war mir zu hundert Prozent sicher.

Doch bis auf Mom und Frank glaubte das sonst keiner. Nicht einmal Joe. Erst recht nicht Joe.

Im Gegenteil. Er hatte auf jede einzelne meiner Facebook-Nachrichten keine Antwort gegeben und das, obwohl er sie gelesen hatte – das hatte mir Facebook verraten.

Ich war mit meinem Leben so ziemlich am Ende der Welt angekommen. Dass man meinen Vater – meinen Vater! – für einen Mörder hielt, war so, als hätte man mich selbst beschuldigt.

Ich stand auf. »Bis bald, Dad!« sagte ich und blinkte meine Tränen aus den Augen. Ich wollte nicht wie eine Heulsuse dastehen.

Ich wollte mich gerade von Dad abwenden, doch er stand ebenfalls auf und packte mich am Arm. »Vivian, versprichst du es mir?« fragte Dad und ich konnte etwas Verzweiflung in seinen Worten hören.

Für mich klang die Frage eher wie eine Forderung, auf die es nur eine Antwort geben konnte: Ja, ich verspreche es dir.

Aber ich konnte es Dad nicht versprechen.

Wenn ich das tun würde, würde er beim Gerichtsprozess für schuldig erklärt werden. Und niemand würde daran zweifeln. Bis auf Mom – die ohnehin nichts dazu beitragen würde – und mir würde jeder Dad für Annabelles Mörder halten.

Fälschlicherweise.

Betroffen zog ich meinen Arm von Dads Hand und lief zum Gitter, zum Ausgang, weg von dieser dunklen Hölle. Als ich fast bei Frank angekommen war, drehte ich mich nochmal zu Dad um. Ich sah ihm nicht in die Augen, ich konnte mich nicht dazu bringen. Stattdessen starrte ich einfach auf den grauen Boden unter unseren Füßen. Was ich als Nächstes tun sollte – ich konnte es nicht tun.

»Ja, ich verspreche es dir.«

Sofort breitete sich Erleichterung in Dads Gesicht aus und ich musste aufgrund meiner Schuldgefühle wegschauen. Wie konnte ich nur...

»Bis bald, Dad« flüsterte ich in leisem Ton, doch Dad schien mich trotzdem zu verstehen.

»Wir sehen uns.« Dad lächelte mir zuversichtlich zu.

Ich sah noch ein letztes Mal zu Dad, bevor ich mich umdrehte und Frank aus der Zelle folgte. Hinter mir hörte ich, wie das Schloss zuklickte und ich wollte mich nochmal umdrehen, doch ich wagte es nicht.

Auf dem Weg zum Aufzug holte mich Frank ein. »Es tut mir wirklich leid« sagte er etwas zögernd, als wüsste er nicht genau, wie er anfangen sollte. »Ich bin der festen Überzeugung, dass Rick – dass dein Vater – nichts damit zu tun hat. Und ich werde alles daran setzen, seine Unschuld zu beweisen. Du hast mein Wort.«

Es beruhigte mich etwas, doch inwiefern Frank etwas bringen würde, konnte ich auch nicht sagen.

»Ist es – ich meine, wäre es möglich, dass sie mir sagen, wieso Dad verhaftet worden ist?«

Frank grinste etwas verlegen und bekam rote Ohren. Ich fragte mich, wieso er eigentlich Polizist geworden war, wenn er immer so schüchtern war. »Also um ehrlich zu sein dürfte ich dir davon nichts verraten« sagte er und kratzte sich am Kopf. »Ich meine, dass man Annabelle in seinem – eurem – Haus gefunden hat, trägt zum Großteil dazu bei, dass er verhaftet worden ist. Rick hat aber auch kein Alibi und außerdem...« Frank hielt inne und ich fragte mich, ob der letzte Teil womöglich eine Information war, die ich nicht wissen durfte. Dass mit der Waffe wusste ich schon. Was sollte es dann also sein? Und wieso durfte ich es dann nicht wissen?

»Und außerdem?« hinterfragte ich, in der Hoffnung, noch mehr Informationen aus ihm fischen zu können.

»Vergiss es lieber« murmelte Frank Mowen und wies mich in den Aufzug. Ich stieg hinein und die Türen schlossen sich, sodass die unangenehme Sicht des Reviers aus meinen Augen versperrt wurde.

Ich fragte mich, ob ich weiter nachhaken sollte. Ich wollte wirklich gerne wissen, was der dritte beziehungsweise eigentlich vierte Punkt war. Vielleicht konnte ich diesen Punkt ja sogar widerlegen und Dads Unschuld dadurch beweisen. Es war nur eine kleine Vorstellung, eine kleine Hoffnung in dieser vollkommenen Dunkelheit, doch es ließ mein Herz trotzdem schneller schlagen.

»Ich will es aber nicht vergessen« sagte ich etwas leise. Dann schwiegen wir eine Weile.

Frank schreckte mich plötzlich aus meinen Gedanken. »Vivian? Alles okay?« fragte er und sah mir in die Augen. Er sah ziemlich besorgt aus. Und müde. Als hätte er in letzter Zeit keinen Schlaf gehabt.

»Jaja, alles bestens« murmelte ich. Die Aufzugtüren öffneten sich und Frank schob mich sanft aus dem Aufzug in den grauen Gang. Ich konnte bereits den Ausgang sehen. Die Glastüren am anderen Ende des Korridors, durch die helles Sonnenlicht hindurchdrang und das Revier etwas aufhellte.

»Ich meine es Ernst« sagte Frank. »Ich werde alles tun, um die Unschuld deines Vaters zu beweisen. Du musst dir darüber wirklich keine Sorgen machen. Ich sehe, dass du den Schlaf gut gebrauchen kannst.«

Wir hatten mittlerweile die Glastüren erreicht. Ich seufzte. »Danke« sagte ich. »Danke, dass Sie das für Dad machen.«

»Ich mache das nicht nur für ihn« sagte Frank und lächelte mir noch zu, als die Glastüren schon hinter mir zufielen. Ich wollte ihn gerne fragen, was er damit gemeint hatte, doch er hatte sich bereits umgedreht.

Ich dachte wieder an Dad. Das Versprechen.

Ich drehte mich um und sah auf die Straße vor mir. Ich würde mein Versprechen nicht halten.

2. Kapitel

Es hatte bereits mehrfach an der Tür geklopft, doch ich war nicht in der Stimmung, mit jemandem zu reden. Glücklicherweise war Mom nicht Zuhause, sondern einfach weg (ich wusste nicht, wo sie eigentlich war, doch das war bei uns beiden nichts Besonderes). Irgendwann stand ich doch auf, um die Tür zu öffnen, denn ich hielt das Geklopfe nicht mehr aus. Es war Henry, so stellte ich fest. Und er war ganz schön hartnäckig gewesen.

»Hey Viv« murmelte Henry etwas verlegen.

»Henry?« Ich war etwas erstaunt, denn ich hatte nicht mit ihm gerechnet. »Wieso hast du nicht geklingelt?« fragte ich.

»Eure Klingel ist kaputt.« Typisch Moms Wohnung. Das war ja schon fast zu erwarten gewesen. »Ist ja auch egal. Ich wollte fragen, wie es dir denn geht nach dem, was passiert ist...« Henrys Blick wanderte mit einer gewissen Unsicherheit vom Boden herauf zu mir.

»Komm rein.« Wir gingen in mein Zimmer, wo wir uns beide auf meinem Bett breit machten. Ich wusste nicht genau, wo ich anfangen sollte, also begann ich einfach mit dem Gedanken, der die ganze Zeit schon durch meinem Kopf kursierte. »Die Sache ist Folgende, Henry. Mein Dad ist wegen mir verhaftet worden! Es ist allein meine Schuld.«

Henry legte seinen Arm um meine Schultern und drückte mich an ihm. Das Gewicht seines Arms war irgendwie beruhigend. »Das ist doch gar nicht wahr. Du kannst überhaupt nichts dafür, dass Annabelle plötzlich in eurem Haus gewesen ist. Und dass du die Polizei angerufen hast, hat ja eigentlich nichts damit zu tun, das weißt du doch auch.« Schön wäre es ja. Aber die Schuldgefühle wollten einfach nicht verschwinden.

»Das sag ich mir ständig auch, aber hätte ich mich nicht so angestellt und wäre erst nach unten gegangen, hätte ich auch einfach dafür sorgen können, dass niemand von Annabelle erfährt und dann wäre Dad nicht – und alles wäre noch in Ordnung.« Ich hielt kurz inne. Dann fuhr ich in etwas bitterem Ton fort. »Aber nein, natürlich nicht, nein, ich hab mich einfach nur dämlich angestellt, siehst du nicht Henry, es ist alles meine Schuld!« Ich musste erneut anhalten, ich musste meine Gedanken sortieren. Es war alles so schnell gegangen. Es waren bloß zwei Tage, doch es schien wie so viel mehr.

»Hey, ganz ruhig.« Henry drehte mich zu ihm, dass wir uns beide direkt in die Augen sahen. »Ganz ruhig. Vivian, es ist nicht deine Schuld. Es ist allein die Schuld von dem Mörder von Annabelle und der ist nicht dein Vater. Okay?«  

Mein Blick wanderte nach unten auf meine zitternden Hände. »Ach Henry, wenn ich nur immer so einen kühlen Kopf behalten könnte wie du.« Ich seufzte und musste sogar leicht schmunzeln, doch eher melancholisch als glücklich.

»Und ich meine, was haben die Polizisten denn schon gegen deinen Vater in der Hand?« Henry lächelte verlegen. Er versuchte, ein nervöses Lachen von sich zu geben und scheiterte dabei. Ich musterte nachdenklich sein Gesicht.

»Na ja Henry, das ist ja genau das Problem. Zuerst haben die Polizisten Annabelles Leiche in Dads Haus gefunden, bei einer Befragung kam raus, dass Dad kein Alibi hat und außerdem–« Ich schluckte. »Außerdem waren zwei Kugeln von Dads Waffe verschwunden und weißt du, wo sie aufgetaucht sind? Die einzige Kugel in Annabelles Rücken entspricht genau Dads Waffe, welches auch Pulverrückstände auf dem Austrittsloch aufweist. Man hat sogar den Tatort gefunden. Anscheinend wurde Annabelle in unserer Waschküche umgebracht – es gibt Blutspuren und man kann ziemlich deutlich sehen, dass Annabelle erschossen wurde – ein Fehlversuch, das ist die zweite Kugel, welches sich in der Wand bemerkbar gemacht hat – und dann wurde sie ins Wohnzimmer getragen – es gibt Bluttropfen im Gang. Ich weiß echt nicht, was ich noch machen soll, ich meine, es spricht eigentlich überhaupt nichts gegen meinen Vater und... was soll ich denn jetzt machen?« Ich brauchte keinen Spiegel, um zu wissen, dass ich gerade scheußlich aussah. Meine Gedanken waren nicht gerade besser. Genauso wenig Dads Aussichten.

»Das klingt wirklich gar nicht gut, Viv. Aber was ist mit dem Motiv? Dein Vater hat doch gar kein Motiv! Er hat keinen Grund, Annabelle umzubringen.«

»Ein Motiv...?« Ich musste nicht lange überlegen. »Oh doch. Sogar das hat er. Ich. Ich bin sein Motiv. Annabelle ist meine Konkurrentin beim Eiskunstlauf. Schau, ich bin an allem schuld, Henry, an allem.« Ich seufzte erneut. Natürlich musste es alles so gut passen – es sollte mir ja nicht leicht fallen, Dad irgendwie aus der Patsche holen zu können. Es war eigentlich das erste Mal, dass ich so ausplauderte, was letztendlich alles passiert war. Und es fiel mir nicht leicht, das alles einzusehen und zu verdauen.    

»Aber dein Dad hat doch bestimmt ein Alibi von dem Abend, als du die Schüsse gehört hast. Da war er doch am Arbeiten, oder? Ich meine, er ist mit den anderen Polizisten zu euch nach Hause gefahren.«

»Schön wär’s.« Ich starrte betroffen auf mein ungemachtes Bett. »Er ist aber nicht im Revier gewesen.«

»Und wo dann?« fragte Henry verwirrt. Verwirrt, das war ich auch.

»Keine Ahnung. Ich wollte Dad nicht fragen, das wäre irgendwie... Du weißt schon.« Ich hatte Dad nicht verletzen wollen. Denn wenn ich hinterfragte, wo er gewesen war, hieß es ja praktisch, dass ich auch Zweifel an seiner Geschichte hätte. Und das hatte ich nun wirklich nicht. Er ist mein Dad. Er würde so etwas nie tun.

»Oh man, ich bin grad ehrlich gesagt wirklich ratlos. Es... es sieht echt danach aus, als ob... ich meine, es sieht echt mies aus...« Henrys Stimme versiegte. Als ob ich nicht wusste, was er eigentlich hatte sagen wollen. Es sieht echt danach aus, als wäre dein Vater der Mörder gewesen.

Das konnte ich nicht zulassen. Ich durfte nicht zulassen, wie die ganze Welt meinen Vater für den Mörder von Annabelle hielt. Ich musste endgültig den wahren Mörder von Annabelle finden, Dads Versprechen hin oder her. Jetzt war es nicht wie zuvor bloß dieses Ausprobieren und mal Cop spielen. Ab jetzt war es wirklich ernst geworden. Es war immerhin die einzige Möglichkeit, Dads Unschuld zu beweisen und seinen Ruf ein für alle Mal zu retten.

Das Problem war nur wie. Denn ob Joe jetzt noch mit mir reden würde, wusste ich wirklich nicht. Eher weniger und dieses Mal konnte ich es wirklich gut verstehen. Ich würde auch nicht mit der Tochter des angeblichen Mörders meiner Schwester reden wollen.

»Viv? Falls du ermitteln willst, tu’s nicht. Das könnte wirklich gefährlich werden und ich will wirklich nicht, dass dir etwas passiert.« Henry hatte wohl meine Gedanken gelesen. War es denn so offensichtlich gewesen? Was ich gedacht hatte? Oder Henry kannte mich einfach viel zu gut.

»Aber...« begann ich, doch Henry unterbrach mich. »Kein Aber! Und weißt du, was wir jetzt machen? Wir vergessen das alles erstmal. Ich steck meine Chillout-Playlist an und wir machen einfach das, was wir sonst machen, wenn wir abhängen. Mit Ausnahme von Krimis anschauen.«

Zugegebenermaßen hörte es sich doch sehr verlockend an, zumal Henrys Chillout-Musik wirklich entspannend und cool war.

Doch jetzt einfach meinen Vater im Stich zu lassen und das Leben zu genießen schien mir auch nicht recht.  Das hatte Dad nicht verdient und es war – egal was Henry behauptete – immer noch meine Schuld, denn ich hatte die Polizei gerufen. Da konnte Henry wirklich sagen, was er wollte.

Dann allerdings hörte ich die ersten Töne von ›Faded‹ und wollte mich nur noch zu Henry gesellen und nichts tun. Was ich letztendlich nach etwas Zögern wirklich tat. Henry wusste doch wirklich immer, wie er mich zum Entspannen bringen konnte.

Mir war nicht klar, wie lange wir einfach nebeneinander auf meiner Couch saßen und... na ja... chillten. Irgendwann war Roxy, Dads Hund, dazugekommen und hatte sich zu uns gesellt. Seit Dads... Seit jener Nacht wohnte schließlich nicht nur ich nur noch bei Mom. Zwar hatte sich Mom anfangs gesträubt, einen Hund in ihrer ach so tollen Wohnung zu haben, doch als ich mit einem ›Tu’s für Dad‹ ankam, hatte sie eigentlich keine andere Wahl mehr gehabt.

Es war Henry, der als Erstes die Stille unterbrach. »Du Viv, ich muss dir was sagen.« Mir etwas sagen? Ich fragte mich, was jetzt kommen sollte. Irgendwie hatte ich etwas Angst. Denn mit dieser Anfangsfloskel war Henry noch nie angekommen. Und in Krimis hieß das meistens nichts Gutes.

»Was denn?« fragte ich und richtete mich etwas auf.

»In der Schule ist dieses eine Mädchen.« Henry starrte verlegen auf den Boden. Ein Mädchen.

Ein Mädchen!?!

Nein. Kein Mädchen. Doch nicht Henry und ein Mädchen. Das würde unsere Freundschaft ruinieren! Er konnte sich jetzt doch nicht in irgendein blödes Mädchen von unserer Schule verlieben, nein, ich wusste nur zu gut, wie so etwas endete. Er würde immer mehr mit ihr machen und am Ende saß ich alleine da und hatte keine Freunde mehr. Nicht Henry und ein Mädchen, nein. Das konnte er mir nicht antun. Jetzt nicht. Nicht nach alldem. Ich hätte schreien können.

»Wer ist denn dieses... Mädchen?« fragte ich möglichst vorsichtig, denn ich versuchte, mich zu beherrschen. Henry sollte nicht merken, dass mein innerer Vulkan gerade das nächstgelegene Dorf explodieren lassen wollte.

»Ach die... kennst du gar nicht« murmelte Henry.

»Ich dachte, sie geht auf unsere Schule?« Jetzt war ich verwirrt. Mein Vulkan machte gerade einen leichten Rückzieher.

»Ja... nee...« Henry schien demonstrativ nicht in meine Richtung sehen zu wollen. »Ach, vergiss einfach, was ich gesagt hab, okay?« Vergessen? Dafür war es jetzt eindeutig zu spät. Er konnte doch nicht einfach mit so etwas ankommen und dann mittendrin einfach behaupten, ich solle es wieder vergessen! Das war ja so, als hätte ich nur die ersten zwanzig Minuten von Castle sehen dürfen. Da gab man sich auch nicht damit zufrieden, dass der Fall noch nicht gelöst war. Henry konnte jetzt wirklich knicken, dass ich es einfach vergaß.

»Wenn du meinst... Es ist ja deine Sache, wann du bereit bist, so etwas weiter zu erzählen, ich respektiere es. Aber du weißt ja, ich erzähl so was ja auch nicht weiter. Also, falls du etwas loswerden möchtest und so...« Wie lehrte mein Vater mich immer? Kommunikation ist die größte Waffe. Mit Kommunikation konnte man alles erreichen. Und ich versuchte gerade, indirekt Henry dazu zu bringen, es mir zu sagen. Indem ich ihm klarmachte, dass es mir nicht so wichtig war, worum es ging.

Zugegebenermaßen nicht gerade nett von mir gegenüber meinem besten Freund, aber es brannte wirklich in mir, um zu wissen, in wen Henry verknallt war. Und anscheinend war sie nicht von unserer Schule. Was hieß, dass es hier noch eine andere High School geben musste, oder?

»Oh man Vivian, genau das mag ich total an dir. Du zwingst einen nicht dazu, alles zu erzählen.« Henry umarmte mich begeistert und grinste vor sich hin. Ich versuchte, ebenfalls zu grinsen.

Mein Plan war soeben in die Hose gegangen.

Ich wollte gerade einen Kommentar zurückgeben, als ich hörte, wie die Haustür aufflog und Mom begeistert in unsere Wohnung stürmte. Mir war nicht klar, ob Mom plötzlich Selbstgespräche führte oder womöglich einfach etwas komisch drauf war, denn sie rief: »Das ist unsere Wohnung!«

Ich wollte gerade fragen, wo die ganze Begeisterung und dieser dubiose Satz herkamen, als ich die Quelle erblickte.

Harry Smith.

Hätte ich bloß meine Zimmertür zugemacht.

Und am besten noch abgeschlossen.

»Und das, Schatz, ist mein zweiter Schatz: meine Tochter Vivian!« rief Mom und zog Harry Smith in mein Zimmer. Man, ich hätte unbedingt noch ein Schild vor meiner Tür hängen sollen. Mit der Aufschrift ›Harrys müssen leider draußen bleiben‹. Und jetzt stand das Ekelpaket höchstpersönlich auf meinem Territorium. Der sollte echt Land gewinnen. Anstatt mich so dumm anzugrinsen.

»Hi, ich bin Harry!« rief er mir begeistert zu.

»Schon klar« murmelte ich und tätschelte genervt Roxys Ohren. Nach einem leichten Knurren sprang der Shiba Inu allerdings auf und rannte aus dem Zimmer. Na, sieh mal einer an. Sogar Roxy flüchtete vor diesem Mann.

Harry Smith war wahrscheinlich eines dieser Menschen, die auf der High School wegen Übereifer im Unterricht von seinen Mitschülern gemobbt wurde. Ehe er sein Informatikstudium begann. Dann war er nämlich umzingelt von Gleichgesinnten gewesen.

»Ich bin dann mal weg, Viv« murmelte Henry verlegen und stand auf.

»Nein Henry, du kannst gerne–«

Mom unterbrach mich einfach. »Gute Idee, Henry. Auf Wiedersehen.« Was? Mom konnte doch nicht einfach meinen besten Freund aus der Wohnung schmeißen!

Doch jetzt, so sah ich durch meine Tür, war es ohnehin zu spät.

»Vivian Liebes, Harry hat ein vorweihnachtliches Geschenk für dich gekauft« erzählte Mom voller Enthusiasmus, was mich vollkommen kränkte, denn Dad war verhaftet worden, während es ihr vollkommen egal zu sein schien. Stattdessen musste natürlich Harry Smith hier sein. Hatte er denn kein eigenes Zuhause außer dem Platz unter der Brücke?

»Yay, ich freu mich ja schon...« murmelte ich. Es kam mir schon fast vor, als wäre ich gerade mal vier Jahre alt und als hätte Mom gerade ein Baby bekommen. Dann hieß es doch auch immer, dass die älteren Geschwister ihre jüngeren über alles hassten und man sie deswegen mit Geschenken zumüllen musste. Und nichts anderes taten Mom und ihr Prinz Harry gerade auch.

»Ich wusste, dass es eine gute Idee sein würde« sagte Mom freudig und ich musste mich schon fast dafür fremdschämen, dass meine Mutter nicht die Ironie hinter meinem Satz verstanden hatte.

»Hier« sagte Harry Smith urplötzlich aus dem Nichts und zückte ein in kitschiges Weihnachtsmotiv-Geschenkpapier eingewickeltes Päckchen. Zu große Packung für Handy oder Handyzubehör und zu kleine Packung für Computer oder Computerzubehör. Kurz gesagt: Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, was da drinnen stecken könnte. Und um ehrlich zu sein war ich doch etwas gespannt. Was ich allerdings nie zugeben würde.

Natürlich wollte ich auch nicht so rüberkommen, weshalb ich das Geschenkpapier auch Schritt für Schritt entfernte – bis nur noch das Geschenk vor mir lag.

Wow.

Ich war überwältigt. Richtig überwältigt.

»Und? Gefällt es dir?« fragte Harry Smith neugierig. Und grinste breiter, soweit das noch möglich war.

Am liebsten hätte ich ›Dein Ernst? Du fragst noch?‹ gerufen, doch stattdessen zwang ich ein »Danke, das ist sehr nett von Ihnen. Genau das hab ich mir schon seit langem gewünscht!« hervor. Mom lächelte beruhigt und schmiegte sich an Harry Smith an. Mir wurde ja schon fast übel bei dem Anblick.

»Aber Vivian, du kannst mich doch duzen!« rief Harry Smith. »Ich meine, wir sind doch quasi eine Familie!« Familie?

Familie?

»Mom? Ihr seid... verlobt?« fragte ich überrascht und zutiefst verstört. Mein Weltbild war gerade zerfallen.

»Aber nein Schatz, wir wollen nicht hetzen! Wobei mir die Idee eigentlich ganz gut gefällt...« Mom blickte verträumt in Harrys Augen. Er drückte sie an sich. Ich wollte am liebsten wegschauen und mit meinem Geschenk nach ihnen werfen.

»Okay, dann...« Ich hatte keine Ahnung, was ich eigentlich noch sagen sollte, ich hatte ja auch bloß das Geschnulze unterbrechen wollen. »Ich muss lernen...« sagte ich vorsichtig.

»Oh natürlich Süße, wir wollen nicht länger stören.« Harry grinste mich an. Ich blickte nur schockiert zurück.

Süße?

Am besten auch noch Dreikäsehoch, oder?

Harry Smith wollte wohl eins auf Vater machen. Tja, er sollte wohl wissen, dass er mit mir nicht besonders weit kommen würde.     

»Vivian, wir gehen außerdem heute Abend weg zum Essen.« Mom sah mich mit warnender Miene an. Ich wusste direkt, was sie von mir wollte.

»Ja? Schön, viel Spaß« murmelte ich und warf Mom einen fragenden Blick zu, als hätte ich nicht die leiseste Ahnung, was sie von mir wollte. Natürlich wusste ich genau, worauf sie hinaus wollte.

»Alle, meine ich damit. Du auch.« Ein langgezogenes ›Neeeeeeeein‹ breitete sich in meinem Gehirn aus. Gemeinsames Abendessen mit Mr. Schnulz? Auf gar keinen Fall! Die zwei Turteltäubchen konnte ich jetzt schon nicht länger ausstehen. Und dann auch noch einen ganzen Abend mit ihnen verbringen? Kam nicht infrage! Ich musste mir schleunigst eine Ausrede einfallen lassen. Wirklich schleunigst.

Mom und Schnulz verließen das Zimmer, während ich grummelig vor mich hin starrte. Mein Blick wanderte auf Schnulz Geschenk. Und dann so was.

Ich hatte immer noch ein paar Stunden vor dem besagten Abendessen. Und es gab noch eine Person, mit der ich dringend reden musste.

Ich griff nach meinem Handy und meiner kleinen Handtasche und machte mich auf den Weg aus meinem Zimmer. Ein letztes Mal fiel mein Blick auf das Geschenk.

Und dann hatte er mir doch tatsächlich eine Barbie-Puppe gekauft.

Das Zimmer war unordentlicher als sonst. Normalerweise war es doch nicht ganz so schlimm. Normalerweise war es doch peinlich aufgeräumt.

Ich klopfte vorsichtig an der Tür, obwohl ich eigentlich bereits im Türrahmen stand und die Tür sowieso offen stand. Das Hausmädchen hatte mich reingelassen.

Keine Reaktion.

Etwas verunsichert betrat ich den mit Kleidung und diversen Gegenständen bestreuten Boden. Jetzt, da ich inmitten des Zimmers stand, kam ich mir vor wie bei der Apokalypse höchstpersönlich. Und das lag nicht nur am Raum, sondern irgendwie auch an der Stimmung (nur so zur Info: Ich glaube nicht an Esoterik). Eigentlich war ja ›unordentlicher als sonst‹ die Untertreibung des Jahrhunderts gewesen. Als hätte jemand hier seine ganze Frust abgebaut. Als wäre IncredibleHulk hier gewesen.

»Joe?« fragte ich, denn ich hatte noch immer keine Reaktion bei ihm festgestellt. Er saß am Schreibtisch. Vor dem großen Monitor seines Macs, um genau zu sein. Von hier konnte ich nicht direkt sagen, was er tat, bloß dass er Kopfhörer anhatte. Beats-Kopfhörer. Bonze.

Ich ging etwas näher an den Schreibtisch. Joe schien mich noch immer nicht wahrzunehmen. Wohl eher wahrnehmen zu wollen, denn der Ton aus seinen Kopfhörern war nicht zu hören, weshalb es nicht so laut sein konnte. Er hatte mich also wohl kaum überhören können.

»Joe, ich weiß, was du gerade denkst und ich bin gekommen, um... um dir die Wahrheit zu sagen...« erklärte ich und versuchte, das Zittern meiner Stimme zu unterdrücken.

»Du solltest gehen« murmelte Joe genervt. Ich wusste nicht genau, wie ich reagieren sollte, also trat ich einige Schritte weiter vor, bis ich direkt am Schreibtisch stand.

Mittlerweile konnte ich sehen, was er tat. Es war ein Egoshooterspiel. CounterStrike, um genau zu sein. Eigentlich kannte ich mich mit Computerspielen gar nicht aus – das war wirklich eine Ausnahme. An meiner alten Schule hatte ich einen Typen gekannt, welcher immer auf verschiedene Teams, welche dieses Spiel spielten, gewettet hatte. Deswegen wusste ich von Counter Strike. Der Junge war der Freund von einer meiner beiden Freundinnen gewesen. Die Beliebte natürlich. Ich hatte mittlerweile nur noch wenig Kontakt mit ihnen.

Meine Gedanken schweiften wieder auf Joe, welcher noch immer hartnäckig den Computerbildschirm anstarrte und einen Menschen nach dem anderen erschoss.

Es war das erste Mal, dass ich wusste, was in Joes Kopf ablief. Er wollte mit CounterStrike seinen Frust abbauen. Nachdem er bereits sein Zimmer derangiert hatte. Alles wegen Annabelle. Ich musste zugeben, ich hatte gerade wirklich Mitleid mit ihm.

»Steh nicht so dumm rum und verschwinde endlich!« zischte Joe verbittert. Seine rechte Hand bewegte die Maus unruhig umher, während seine linke Hand auf der Tastatur aktiv war.

»Joe, es ist nicht so wie es aussieht« versuchte ich es erneut. In den Krimiserien hieß es dann eigentlich immer, dass es genauso war, wie es aussah. Aber wir befanden uns gerade nicht in einer Krimiserie.

»Ach ja?« Joe wandte sich endlich mir zu. Ich war kurz abgelenkt, da sein nicht wirklich sichtbarer Avatar gerade vor sich hin atmete, ein Gewehr in der Hand. Bald würde sein Avatar zugrunde gehen, das Spiel würde bald vorbei sein. »Es ist nicht, wie es aussieht?« fragte Joe in einem sarkastischen Unterton. Irgendwie schien er mir gerade unheimlich. Er klang so anders, so voller Zorn und Bitterkeit.

»Nein... ist es nicht...?« murmelte ich leise und auch etwas verlegen. Wie aus dem Nichts stand Joe von seinem Stuhl auf, sodass er direkt vor mir stand. Etwas zu direkt. Ich wollte mich schon fast nach hinten lehnen. Ich konnte sogar sein Aftershave riechen.

»Mach mir nichts vor. Du wusstest es die ganze Zeit. Und ich hab dir vertraut. Dein Vater, Vivian, ist ein Mörder. Und jetzt geh einfach! Und komm nicht wieder.« Er war gar nicht mal laut. Er war nur bitter. Es klang schon fast verstörend. Als ich seine Hände sah, bemerkte ich, dass sie zitterten.

»Nein, ist er nicht! Das... das wollte ich dir ja eigentlich jetzt sagen! Mein Vater ist kein Mörder! Er hat Annabelle nicht – nichts angetan!« Ich versuchte, meine mittlerweile laut gewordene Stimme zu beruhigen. Aber es fiel mir schwer. Ich kam einfach nicht damit klar, dass man meinen Dad als Mörder bezeichnete.

Er war verdammt noch mal kein Mörder!

»Woher willst du das wissen? Was spricht denn überhaupt dagegen?« Joe war weiterhin leise geblieben, er regte sich irgendwie nicht auf. Das machte alles nur noch schlimmer. Diese Ruhe, die er ausstrahlte... Was war nur los mit ihm?

Er hatte doch tatsächlich genau die Frage aufgebracht, die ich seither zu unterdrücken versucht hatte. Denn ich hatte dafür nur eine Antwort gefunden und diese war nicht die Antwort, die ich brauchte und hören wollte.

»Also...« Mein Mund öffnete sich, doch ich wusste nicht, was ich sagen wollte.

Was ich sagen sollte.

»Siehst du?« sagte Joe und biss sich auf die Unterlippe. Ich wusste genau, wieso er das tat.

»Hey, warte, du irrst dich. Ich weiß, wie es aussieht und ich verstehe, dass du glaubst, was du glaubst. Aber mein Vater ist kein Mörder. Er würde so etwas nie tun. Es war jemand anderes. Jemand, der meinem Vater etwas anhängen wollte. Und... ich würde es wirklich schätzen, wenn du mich dabei unterstützen würdest. Also, den wirklichen Mörder zu fassen. Willst du etwa nicht auch für Gerechtigkeit gegenüber deiner Schwester sorgen?« Jetzt war es raus. Jetzt wusste Joe, was ich von ihm wollte, wieso ich hergekommen war. Meiner Meinung nach hatte ich das ziemlich gut gemacht. Bloß schien Joes Blick etwas anderes zu denken.

»Du bist echt...« Er hielt schockiert inne, mit einem angeekelten Blick. Ich war verwirrt. Was hatte er denn auf einmal? »Ich kann nicht glauben, dass du–« Joe stockte erneut. »Dir ist es wohl vollkommen egal, wie es deinen Mitmenschen geht, oder? Du kommst hierher und fragst nicht mal, wie es eigentlich ist, nach dem, was passiert ist. Nein, es geht gleich um deinen großen Plan, der sowieso nicht funktionieren wird, weil du einfach kein Polizist bist! Dir ist es einfach vollkommen egal, wie es mir geht, nein, es geht verdammt nochmal nur um dich! Sieh alleine zu, dass du deinen Pseudo-Mörder findest! Und jetzt lass mich in Ruhe!« Joe setzte sich wieder hin, sein Blick wanderte wieder auf den Bildschirm. Sein Atem war schneller geworden.

›Game Over‹ stand in großer Schrift auf dem Monitor. Ich war ziemlich ratlos. Joe hatte mich gerade zusammengeschrien und wenn ich es mir recht überlegte, hatte er eigentlich vollkommen Recht. Etwas, was ich nicht wahrhaben wollte.

Ich blieb noch kurz stehen, sagte dann aus Trotz: »Ich kann auch gut ohne dich auskommen« und ging einfach schnell ohne Weiteres aus seinem Zimmer, wo ich mich erstmal gegen die Wand lehnte und versuchte, mich zu beruhigen.

Game Over. Es war einfach nur grauenvoll gewesen, es war total schief gelaufen und ja, es war komplett meine Schuld gewesen. Ich hatte es einfach verbockt. Und ob ich das gut machen konnte, wusste ich gerade selber nicht.

Ich musste mich bei Joe entschuldigen. Ich konnte aber jetzt unmöglich wieder das Zimmer betreten. Doch je länger ich warten würde, umso eher würde ich einfach vergessen wollen, was gerade passiert war. Und dann würde ich mich nie bei ihm entschuldigen. Was ich nun wirklich nicht tun konnte. Morgen nach der Schule würde ich ihn abfangen. Und ihm vollkommen ehrlich erklären, dass es mir leid tat. Wobei ich ihm auch etwas schenken sollte. Ich konnte ihm natürlich auch etwas backen. Gemeinsam mit Henry. Obwohl... Eigentlich müsste ich mich jetzt schon bei ihm entschuldigen. Und was, wenn er kein Gebäck mochte?

Oder mir nicht verzeihen wollte.

»Was verstehst du an ›Lass mich in Ruhe‹ nicht?« hörte ich plötzlich und bemerkte, dass ich noch immer vor der Tür stand und Joe dies wahrscheinlich gemerkt hatte.

Ich versuchte, langsam und leise wegzukriechen, die Treppe hinunter und zur Haustür. Möglichst so, dass Joe nicht merkte, dass ich noch da gewesen war.

Auf dem Weg traf ich wieder auf die Haushälterin Didi (sie hatte sich beim Öffnen der Tür bei mir vorgestellt) der Grayburns.

»Und?« fragte sie neugierig. Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Eigentlich wollte ich ja jetzt gehen und kein Gespräch hier unten anfangen. Schon gar nicht über mein grauenvolles Verhalten.

»Ehm... nicht gut?« murmelte ich.

»Du glaubst mir nicht, seit zwei Tagen heult er jede Nacht – ich höre ihn immer. Und gestern hat er alles in seinem Zimmer rumgeschmissen bis ich hochgelaufen bin und ihn beruhigt habe.« Didi schien ziemlich aufgeregt und übereifrig zu sein.          

»Und du konntest ihn beruhigen?« fragte ich erstaunt. Mir schien es ja so, als wäre Joe eine unaufhaltsame Lawine geworden.