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Am Tag nach dem regionalen Eislaufwettbewerb von New Willows, einem kleinen Städtchen in Amerika, findet Vivian Hardt heraus, dass ihre Konkurrentin Annabelle spurlos verschwunden ist. Nachdem sie deren Leiche im Wald entdeckt und dann auch noch mehrmals von jemandem bedroht wird, beschließt sie, gemeinsam mit Annabelles älterem Bruder Joe dem Fall auf die Spur zu gehen. Das entpuppt sich allerdings nicht nur wegen dessen arroganten Charakters als schwieriger als erwartet...
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Seitenzahl: 340
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Annika Siry
Ice Crime
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Inhalt
PROLOG
1. KAPITEL
2. KAPITEL
3. KAPITEL
4. KAPITEL
5. KAPITEL
6. KAPITEL
7. KAPITEL
8. KAPITEL
9. KAPITEL
10. KAPITEL
11. KAPITEL
12. KAPITEL
13. KAPITEL
14. KAPITEL
Impressum neobooks
Annika Siry
Ice Crime-Trilogie
Ice Crime
Frost Fight
Snow Down
2. Auflage 2020
Copyright © 2016 Annika Siry
Alle Rechte vorbehalten.
Umschlaggestaltung, Illustration: Annika Siry
Lektorat, Korrektorat: Deborah Siry
Verlag: Annika Siry, Nightingalestraße 3, Heidelberg, [email protected]
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Handlungen und Personen im Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
DEBORAH,
das ist für dich.
Ohne deine Unterstützung
wäre das niemals was geworden.
Das alles wäre vielleicht gar nicht passiert, wenn ich mich nicht so dumm angestellt hätte. Na ja, einiges davon wäre passiert, doch vielleicht nicht in dem Ausmaß, wie es letztendlich war. Doch dann denke ich mir, dass es doch viele positive Seiten hatte. Aber manchmal überwiegen einfach die negativen.
Es begann alles damit, dass ich den Lehrern auf der privaten High School in Seattle zu sehr auf die Nerven ging. In anderen Worten: Ich flog von der Schule. Die Auswirkungen waren leider fataler als ich gedacht hätte. Mom war richtig sauer auf mich und meinte, dass sie sich in Seattle nicht mehr blicken lassen konnte. Das gewöhnliche Blabla. Dabei schien ihr wohl nicht klar zu sein, dass Seattle etwas größer war als sie es kannte. Als ob jemand da wissen würde, dass ihre Tochter von der Schule geflogen war. So oder so war das Endergebnis davon leider, dass wir nach New Willows zogen.
New Willows, ich finde, der Name sagt schon alles. Eine kleine Stadt in der Nähe von Seattle, etwa eine halbe Stunde weit weg. New Willows ist sogar so klein, dass es nur zwei High Schools hat. Das einzig Positive an diesem kleinen Dorf ist, dass es eine Eissporthalle hat. Für mich mein zweites Zuhause. Und da wäre noch etwas: Ich hatte endlich die Möglichkeit, mehr Zeit mit meinem Dad verbringen zu können. Er wohnte nämlich zu dem Zeitpunkt schon seit zwei Jahren in seiner eigentlichen Heimatstadt. Meine Eltern ließen sich voneinander trennen, als ich vierzehn war. Und Dad zog daraufhin nach New Willows.
Dennoch freute ich mich irgendwie doch ein bisschen auf diesen Neuanfang. An meiner alten Schule hatte ich zwei beste Freundinnen gehabt – Kathy und Fiona. Kathy war immer im Mittelpunkt von allem und allen gewesen. Fiona und ich blieben da oftmals im Schatten links liegen. Ich war nicht unbeliebt, nein, aber beliebt war ich auch nicht. Leider versprach ich mir zu viel. Als ich das erste Mal in meinen Englischkurs kam, krachte erstmal mein Stuhl zusammen. Dank zwei idiotischen Jungs namens Dave und Joe, die die Beine des Stuhls zersägt hatten. Joe ist eigentlich ein Fall für sich. Jedenfalls wäre da dann noch Henry. Mein erster Sitznachbar an der St. Crester High School. Und mein bester Freund. Wir waren irgendwie gleich befreundet gewesen, einfach so. Im Nachhinein betrachtet war das eigentlich gar nicht mal einfach so, doch im Nachhinein ist ja sowieso alles letztendlich anders. Weil man später immer schlauer ist. Wäre ich das bloß schon davor gewesen, ich hätte mich nie darauf eingelassen. Meine Hoffnungen, beliebter zu sein als in Seattle, entpuppten sich als viel zu optimistisch. Ich wurde nämlich gleich zum absoluten Loser des Jahrgangs. Dank den zwei Jungs von vorhin. Und ihren behämmerten aufgeschminkten Freundinnen namens Tracy Stele und Cassandra Cole. Glücklicherweise hatte ich noch Henry, der liebe Henry. Er stand mir immer zur Seite, auch jetzt noch. Zugegebenermaßen schien alles ziemlich düster auszusehen. Doch das war es gar nicht mal. Immerhin habe ich auch einige positive Ereignisse erlebt. Mit Leuten, mit denen ich zuvor kein Wort hatte reden wollen. Mit Leuten, die mich immer genervt hatten. Und am Ende entpuppen sich manchmal die schlimmsten Menschen als die nettesten.
Meisterklasse Nr. 1, beste Eiskunstläuferin des Vereins, schon ein Dutzend Pokale und Medaillen gewonnen und schon tausendmal in der Zeitung gewesen: Annabelle Grayburn. Wow. Wenn jemand im Eislaufen einmalig war, dann sie.
Im Gegensatz zu mir. Heute fand der regionale Pokal-Wettbewerb für Eiskunstlauf statt und ich hatte die große Ehre, gegen Annabelle antreten zu dürfen. Nicht, dass ich diese Ehre haben wollte.
Der Wettbewerb beschränkte sich auf New Willows und dessen Nachbarstädte. Dummerweise – zumindest für mich – kam Annabelle aus Elder Grove, dem Bombenviertel von New Willows. Diesen Pokal würde sie also unter keinen Umständen sausen lassen. Immerhin war hier gerade die Rede von Annabelle. Ich wollte ja nicht gemein klingen, aber sie war total hochnäsig, angeberisch und sah auf jeden einzelnen Menschen herab.
Und ich sprach aus Erfahrung.
Schon seit Längerem waren wir im gleichen Verein und sahen uns deswegen leider so ziemlich jedes Wochenende. Meine Begeisterung, sie immer auf der Eisfläche zu sehen, hielt sich jedes Mal aufs Neue in Grenzen, denn sie meinte immer, man müsse ihr beim Trainieren aus dem Weg gehen, weil sie ja so toll sei.
Gegen Annabelle anzutreten war für mich nichts Neues. Als ich noch in Seattle gewohnt hatte, hatte ich bereits das Vergnügen gehabt. Die mittlerweile 18-jährige Tussi war damals noch 15 gewesen – und ich 12 – und hatte eben, genauso wie ich, an einem bundesweiten Wettbewerb teilgenommen (er hatte in Seattle stattgefunden) und – wer hätte es gedacht – gewonnen. Damals waren wir noch in der gleichen Kürklasse gewesen, obwohl sie deutlich älter gewesen war. Jetzt war sie natürlich viel besser als ich. Aber dieser Wettbewerb wurde natürlich nach Alter und nicht nach Kürklasse geordnet.
Mir war mehr als bewusst, dass ich heute keine Chance auf den ersten Platz hatte, was ich allerdings nicht weiter als schlimm empfand. Natürlich wäre eine goldene Medaille ganz nett, aber ich war ja nicht nur aufs Gewinnen ausgesetzt. Mein Name war ja nicht Annabelle.
Aufgeregt stach ich mit der Spitze meines weißen Eiskunstlaufschuhs in den Boden. Obwohl ich schon an zahlreichen Wettbewerben teilgenommen hatte, konnte ich diese Anspannung nicht verhindern.
Mein Blick wanderte zu Annabelle, die voller Selbstvertrauen am Eingang stand und eifrig darauf wartete, dass sie aufgerufen wurde. Von Nervosität keine Spur.
Irgendwo bewunderte ich Annabelle. Ihr Talent, ihr Selbstbewusstsein… Sie hatte die perfekten Voraussetzungen für eine Profieiskunstläuferin. Zwar hatte ich andere Zukunftspläne, aber ich wollte nicht gerade zu den Schlechten dazugehören.
Aber ich sollte mir andere Gedanken machen. Beispielsweise Aufwärmen, das wäre jetzt eine ganz gute Idee.
»Nr. 11: Grayburn Annabelle, bitte auf das Eis. Nr. 11: Grayburn Annabelle« sagte der eine Kerl aus der Jury. Durch das zerkratzte Fenster konnte man ihn nicht wirklich gut erkennen, aber auf jeden Fall hatte er schwarze Haare, die so lang waren, dass er sie zusammen gebunden hatte. Zusätzlich trug er noch einen Anzug, welches ebenfalls schwarz war. Sah ganz schön düster aus, so komplett in schwarz. Angeblich, so das Infoblatt über den Wettbewerb, war er früher einmal ein professioneller Eiskunstläufer gewesen. Hatte sogar mal Amerika bei den Olympischen Spielen vertreten. Mit 30 hatte er aber einen Bandscheibenvorfall gehabt und war seitdem Mitglied der Jury. Tolle Entschädigung!
Annabelle drehte sich noch ein letztes Mal zu ihren Eltern und ihrem Bruder um, hob ihre Daumen nach dem Motto ›Ich hab sowieso schon gewonnen‹ hoch und betrat dann das mittlerweile schon zerkratzte Eis, ehe sie einen äußerst eleganten Knicks in Richtung Jury machte.
Ich wollte nicht so richtig zuschauen, weil es nicht gerade meinen Nerven gut tat, aber bei Annabelle war das schon fast ein Muss. Bei ihr hatte man tatsächlich das Gefühl, sie würde über das Eis schweben.
Die ersten Töne eines Musikstücks aus Schwanensee ertönten und Annabelle begann, zuerst mit einem dreifachen Salchow und einem dreifachen Toeloop, angeschlossen von Pirouetten und Rittberger-Schritten mit einem anschließenden zweifachen Axel.
Wow. Ich konnte da nur staunen.
Ich musste weggucken. Mein Blick wanderte zu den Zuschauern. Annabelles Eltern, die sie eifrig anfeuerten, ihr doofer Bruder Joe, der in meinem Jahrgang war und mir tierisch auf den Geist ging. Und dann war da natürlich Henry, mein einziger Fan im ganzen Eisstadion und gleichzeitig mein bester Freund. Ich winkte ihm zu.
Unwillkürlich suchten meine Augen wieder nach Annabelle. Man konnte sich einfach nicht von ihr wenden. Zumindest für längere Zeit.
Mittlerweile machte sie eine Biellmann-Pirouette, die natürlich perfekter als perfekt aussah. Wieso sie überhaupt noch trainierte, war mir ein Rätsel. Sie konnte doch sowieso schon alles.
Ich hatte irgendwo das Gefühl, bei den Olympischen Spielen dabei zu sein, so wie Annabelle gerade ihre Kür durchlief. Eigentlich war das gar nicht mal so abwegig – immerhin war es ja Annabelles Traum und Ziel, bei der Olympia mitzumachen. Ich war echt überzeugt davon, dass sie es irgendwann schaffen würde. Wirklich.
Annabelles blonde, eigentlich ja schon fast goldene Haare wehten im Wind bei ihrem Tempo und ihr weißes Trikot drehte sich zu einem wunderschönen Kreis bei jeder Pirouette, die sie machte. Es war, als würde man einen Engel beim Fliegen beobachten. Sie sah so unglaublich aus, dass ich einen Moment lang meine ganze Aufregung vor meinem eigenen Auftritt vergaß und einfach zusah, wie reizvoll Annabelle über das Eis glitt.
Wow...
Als sie dann aber fertig war, schien es mir, als würde ich gerade von einem Traum aufwachen. Ich war zurück in der grauen Realität. Und ärgerte mich über meine dahinschmachtenden Gedanken. Denn es war immer noch von Annabelle, der Oberzicke, die Rede.
Mit dieser ganzen Ablenkung hatte ich beinahe meinen Auftritt vergessen. Ich war ja nach Annabelle dran. Grayburn und dann Hardt. Toll. Nach dieser Show würden meine Künste wie ein Flop wirken.
Ich sah, wie meine Trainerin mir zuversichtlich zulächelte. Bonny (so hieß meine Lehrerin) blieb in solchen Fällen immer optimistisch. Aber deswegen hatte ich sie ja auch so gern.
»Nr. 12: Hardt Vivian, bitte auf das Eis. Nr. 12: Hardt Vivian« hörte ich in meinem Hinterohr erklingen. Okay, mal schauen, wie es laufen würde. Auf jeden Fall würde ich mein Bestes geben. Ich musste einfach nur Vertrauen in mir haben. Du schaffst das, du bist besser als jeder Mensch auf der Welt – selbst wenn das nicht stimmt, aber ist ja auch egal – und du wirst garantiert den Pokal gewinnen, wer sollte es denn sonst gewinnen? Ich murmelte noch einige andere selbstverliebt klingende Sätze vor mich hin bis ich wirklich motiviert war. Ich würde die Jury umhauen! (Oder auch nicht... )
»Viel Glück, Vivian!« zischte Annabelle in mein Ohr. »Aber der Pokal gehört mir sowieso.« Danke, das hatte ich ja gerade noch gebrauchen können. Mein ganzes Selbstvertrauen war wie weggeblasen. Na toll. Eigentlich hätte ich solch einen Kommentar von ihrer Seite ja irgendwie schon kommen sehen.
Bevor ich ihr eine schnippische Antwort hinterherwerfen konnte, marschierte sie bereits zufrieden davon, auf dem Weg zu ihren Eltern und Joe. Joe ist ja nicht viel anders als seine Schwester. Mittlerweile Headboy und somit nicht nur inoffiziell der beliebteste Typ der Schule. Er hing immer mit den ›coolen‹ Leuten wie Dave, Tracy, Cassandra und noch ein paar anderen Jungs ab.
Cool – eigentlich ja für mich schon fast ein Fremdwort. Eigentlich war ich so ziemlich das komplette Gegenteil von Joe. Also so uncool wie es nur geht. Loser des Jahrgangs. Nicht, dass ich irgendwie gemobbt wurde oder so, aber ausgegrenzt auf jeden Fall. Und keiner achtete auf mich. Natürlich gab es dann die ach so besonderen Schüler wie Joe und seine Clique, die meinten, sich immer über mich lustig machen zu müssen.
Kein Wunder, dass ich mich nicht vor Joe blamieren wollte. Es sollte ja morgen nicht noch mehr Gesprächsstoff geben, als es sowieso schon geben würde.
Mit roten Ohren sah ich zu, wie er seiner Schwester zulächelte und hoffte, dass er mich noch nicht entdeckt hatte und es auch nicht tun würde. Aber spätestens wenn ich auf dem Eis sein würde, wäre es dann mit dem Verstecken endgültig vorbei. Wenn er mich da nicht wiedererkannte, brauchte er eine Brille. Mit wirklich negativer Stärke.
Okay, reiß dich zusammen und geh auf das Eis, du wirst die Show hinlegen, glaub mir, das wird der Hammer...
Ich drehte mich um, betrat das Eis und machte einen Knicks an die Jury. Mein Herz machte mal wieder eins auf Hochtouren, sodass ich fast die ersten Töne der Musik verpasst hätte. Das Trommeln des Liedes ›Bolero‹ ertönten, die Töne, die ich in den letzten Wochen mehr als genug hören hatte müssen.
Ich setzte einen Fuß nach vorne und den nächsten und schon war ich so schnell, dass die Luft in mein Gesicht peitschte und meine kastanienbraunen, schulterlangen Haare nach hinten wehten.
Meine Anspannung und Angst wurden schwächer bis sie schließlich nach meiner ersten Pirouette verschwanden. Ein schöner zweifacher Rittberger, gefolgt von einem einfachen Toeloop. Es war ein großartiges Gefühl. Ich war vollkommen frei. Frei von allen Sorgen. Ich liebte es, wenn ich auf dem Eis sein konnte.
Selbst der Axel – der schwerste Sprung für mich – bereitete mir keine Schwierigkeiten. Der Aufprall war ein klein wenig wackelig, aber mit etwas Glück hatte die Jury das gar nicht mal bemerkt. Ich hatte es geschafft.
Den Rest, muss ich ganz ehrlich sagen, machte ich mit links. Ich wollte wirklich nicht angeben, es war nun mal so. Es war, als ob mir ein Stein vom Herzen gefallen war. Obwohl... Eigentlich war es ja nur ein Halber – immerhin stand mir noch die Siegerehrung bevor und das war für mich die reinste Qual.
Als die Musik dann endlich vorbei war, machte ich mit einem breiten Lächeln erneut einen Knicks und raste dann mit roten Backen und einem schweißgebadeten Rücken zum Ausgang. War ja schon irgendwie etwas peinlich, dass ich noch immer keinen zweifachen Axel konnte. Immerhin hatte Annabelle den in meinem Alter schon gekonnt. Igitt, jetzt fing ich ja mal wieder an, mich mit Annabelle zu vergleichen. Ich wollte Annabelle in keinem Fall imitieren, nein! Doch nicht diese blöde Kuh! Wobei ich mir insgeheim schon gestehen musste, dass ich das manchmal tat.
Nachdem ich meine grünen Kufenschoner angezogen hatte, machte ich mich wegen den dünnen Kufen langsam und vorsichtig auf den Weg zu meinem Sitzplatz in den oberen Reihen der Eissporthalle. Dort hatte ich eine Thermoflasche mit heißem Kaffee und eine Wolldecke, damit ich nicht in meinem weinroten Trikot frieren würde.
So machte ich es mir da oben gemütlich, starrte auf Annabelle, die etwas weiter unter mir war und hoffte vergeblich darauf, dass Joe mich nicht sah. Na ja, er hatte mich wahrscheinlich – was hieß hier wahrscheinlich, er hatte mich bestimmt schon gesehen – und morgen würde die ganze Schule davon erfahren. Wow, das konnte ich ja gerade noch gebrauchen, eine Blamage hier und in der Schule. Ich hatte mich eigentlich nicht blamiert. Meiner Meinung nach war ich wirklich gut gelaufen. Aber das war ja auch nur meine Meinung. Für die Grayburns existierte ja nur der erste Platz. Der Rest hatte sich, wie gesagt, blamiert. Und man konnte sich ja gut vorstellen, wem man eher glauben würde – Headboy oder Loser.
»Du warst voll gut« sagte jemand. Ich drehte mich um. Henry stand hinter mir. Seit ich in New Willows wohnte, war er mein Freund, mein einziger Freund. Zwar hört es sich jetzt so an, als würde ich immer einsam vor mich hin dümpeln, aber das stimmt nicht ganz. Henry und ich haben gemeinsam total viel Spaß. Und das ist doch das Wichtigste.
»Danke Henry« sagte ich und musste grinsen. Er setzte sich neben mich auf einen der roten, ebenfalls zerkratzten Sitze. Selbst wenn ich wirklich schlecht gewesen wäre (ich wollte ja nicht angeben, aber schlecht war ich nicht gewesen... überragend aber auch nicht), hätte Henry gesagt, dass ich die Beste gewesen wäre. Henry war so was wie Subjektivität in Person.
Wir redeten noch ein wenig miteinander, allerdings nicht besonders lange, da die Siegerehrung für meine Altersklasse ziemlich bald stattfand.
Ich hasste Siegerehrungen. Ich hasste sie, weil immer alle nervös und verzweifelt auf dem Eis herumstocherten und möglichst unauffällig zu den Pokalen blickten, in der vergeblichen Hoffnung, einen davon später in der Hand zu halten.
Leider – und ich hätte gerne etwas anderes von mir behauptet – erging es mir nicht anders.
Alle anderen, mit Ausnahme von Annabelle, hatten ja zumindest Freunde zum Reden. Ich hingegen war ganz alleine und wieder einmal der Außenseiter. Die Einzige, mit der ich hätte reden können, war Annabelle. Igitt, als ob ich mich mit meiner Feindin zusammen tun würde!
Vielleicht wären wir ja Freunde geworden, aber gleich in der ersten Stunde, als sich herausgestellt hatte, dass ich – laut meiner Trainerin Bonnie – ›unglaubliches Talent‹ hätte, hatte Annabelle mich niedergemacht. Ohne, dass ich ihr irgendwas getan hatte. Deswegen mochte ich sie auch nicht. Sie hatte es ja offensichtlich nicht anders gewollt.
Zum Glück redeten die Preisverleiher nicht lange um den heißen Brei herum, sondern kamen ziemlich schnell auf den Punkt. Wenn ich dann einen Pokal haben würde – oder auch nicht, was ja auch nicht ganz unwahrscheinlich war – könnte ich mich dann schleunigst gemeinsam mit Henry aus dem Staub machen.
Ich freute mich, als ich an die Vorstellung von Moms Wohnung dachte. Dies war allerdings ein Ausnahmefall, ich freute mich nie auf Moms Wohnung, welche sehr heruntergekommen und vermodert war. Und das war noch untertrieben.
Die, die schon aufgerufen worden waren, waren fast alle wirklich am Boden zerstört gewesen. Manche starrten unbemerkt zu den Schlechteren, manche zeigten ihre Trauer, anderen kamen sogar die Tränen. Erneut ein Beispiel, das mir zeigte, wieso Siegerehrungen einfach nicht mein Ding waren.
»Und auf Platz Drei steht... Stella Smith!« rief der Preisverleiher. Eine Kunstpause nach der Anderen. Teilweise konnte ich sogar täuschend echten Trommelwirbel hören, der natürlich nur in meiner Phantasie existierte. So weit gingen die Preisverleihe dann auch wieder nicht.
Und dann fiel es mir auf.
Bis auf Annabelle und mir waren alle bereits aufgerufen wurden. Ich war tatsächlich so sehr in Gedanken verloren gewesen, dass ich von der Außenwelt nichts mitbekommen hatte.
Obwohl ich eigentlich schon fast wusste, dass sie gewinnen würde und nicht ich, konnte ich den Gedanken an den ersten Platz einfach nicht wegstecken. Was wäre, wenn ich doch gewann? Wenn ich doch noch besser als sie war, dann war ich ja fitter für die Olympischen Spiele als sie. Ich könnte mich ja dann bewerben. Und was wäre, wenn die mich tatsächlich nehmen würden? Ich – ein Star bei den Olympischen Spielen, verewigt in der amerikanischen Sportgeschichte...
»Und auf Platz Zwei steht... steht...« Ich warf dem Preisverleiher einen genervten Blick zu. Man konnte doch wohl kaum mit Pausen Spannung erzeugen! Das war ja kaum mehr erträglich.
Nervös schob ich meine Kufen hin und her, sodass sich langsam unter mir ein Schneehaufen bildete. Vielleicht funktionierte das mit dem Spannung erzeugen ja doch ganz gut.
»Annabelle Grayburn!«
Was!?!
Niemals! Ich doch nicht! Da war doch ein Fehler gewesen! Oder? Das hatte ich wirklich nicht kommen sehen.
Ich merkte, wie meine Backen ganz heiß wurden, ich sah, wie gedemütigt Annabelle nach vorne lief, um ihre Urkunde und ihre Medaille zu holen, doch ich nahm es nicht wahr. Ich hörte nur mein pochendes Herz, die Aufregung war überall in mir zu spüren. Es war ein unglaubliches Gefühl.
Wow! Vielleicht machte es ja tatsächlich Sinn, bei der Olympia teilzunehmen. Womöglich würden meine Phantasien von vorhin dann Wirklichkeit werden. Und dann würde Annabelle nicht mehr mit ihren dummen Sprüchen ankommen. Und ihr blöder Bruder erst recht nicht. Ich würde Seite an Seite mit Ashley Wagner stehen.
Annabelle nahm ihre Urkunde und schrie auf. Riss mich vollkommen aus meinem Traum von glücklichen Gedanken. Sie war knallrot im Gesicht und Wut war in ihrem Gesicht geschrieben. Was war denn jetzt schon wieder mit ihr los?
»Das ist falsch!« rief Annabelle empört. Und mit Schadenfreude, das war ja kaum zu überhören. Moment mal. Den ersten Platz hatte ich sicher!
»Hier steht eindeutig drauf, dass ich den ersten Platz habe, nicht Vivian!« Meinen Namen sprach sie mit Verachtung aus.
Es dauerte einen Moment, bis ich wahrgenommen hatte, was sie gesagt hatte. Nicht wirklich, oder? Hatte ich soeben ein tolles Gefühl gehabt, so war es jetzt blitzartig verschwunden. So etwas konnte aber auch nur mir passieren, oder?
Der Preisverleiher verglich unsere Urkunden, wollte sichergehen, dass nichts faul war. Natürlich war etwas faul, war doch klar, dass Annabelle gewinnen würde. Als ob ich auch nur ansatzweise eine Chance hätte – vor allem gegen Annabelle.
»Wir entschuldigen diesen Fehler.« So hörte ich nun die Ansage des Preisverleihers und wusste, dass meine Glücksmomente wirklich bald verschwinden würden.
»Auf Platz Zwei steht Vivian Hardt!« Normalerweise hätte ich mich ja auf den zweiten Platz gefreut, aber nachdem man für eine Minute sogar den ersten hatte, war der zweite irgendwo eine Enttäuschung. Leider.
Ich ging nach vorne, ließ mir eine silberne Medaille und einen silbernen Pokal geben und auch noch eine Urkunde. Ja, eindeutig, ich war auf Platz Zwei. Wahrscheinlich hatten sie die Urkunden vertauscht. Also bitte, das konnten sie sich doch nicht leisten, das hier war ein professioneller Wettbewerb!
Ich hörte schon nicht mehr auf den Sprecher, beachtete nicht die vor Stolz zerplatzende Annabelle oder sonst irgendwen. Denn mit dem zweiten Platz war ich zufrieden.
Nachher zog ich mich noch um, ignorierte Annabelle und ihre Glücksschreie und verließ dann endgültig das Eisstadion.
Ich hatte ja noch gar keine Ahnung, was in wenigen Minuten passieren würde.
Und dass mein Leben sich damit vollkommen verändern würde.
Zumindest für längere Zeit.
Ich gähnte noch über meinem Brötchen, als meine Mutter in die Küche gestürmt kam und die Zeitung auf den Tisch klatschte. »Ich muss los. Viel Spaß in der Schule« rief sie mir zu und verschwand dann auch schon aus der Wohnung. Typisch Mom, sie sparte sich immer ihre Worte.
Etwas zögernd griff ich nach dem Haufen Papier und schlug die erste Seite auf.
Ich bekam einen Schock.
Normalerweise lese ich ja nicht die Zeitung – erst recht nicht morgens – höchstens die Wettervorhersagen, aber heute hatte ich eindeutig nichts Besseres zu tun.
Auf der Titelseite blickte mir Annabelles Gesicht entgegen. Wie immer bildhübsch... Wie konnte sie es mit dem Gewinn eines regionalen Eislaufwettbewerbs sogar auf die Titelseite schaffen???
Dann las ich die Überschrift des Artikels.
Ich verschluckte mich an meinem Käsebrötchen.
In diesem kleinen Städtchen namens New Willows passierte doch nie etwas, erst recht nicht so etwas! Und am Freitag, da war sie noch da gewesen... Ich war einer der letzten Personen auf der ganzen großen, weiten Welt, die sie noch gesehen hatte. Was sich ziemlich unheimlich anhörte. Richtig gruselig, wenn man mal darüber nachdachte. Und ich fühlte mich schon nicht mal mehr halb so wohl wie noch vor wenigen Sekunden.
»Beste Eiskunstläuferin von Washington verschwunden« murmelte ich vor mich hin. Irgendwie hatte die WNP (Willows News Paper, ja, nicht sehr einfallsreich) es geschafft, den Titel so unheimlich zu formulieren, dass ich sogar eine Gänsehaut bekam. Gott, wie sich das anhörte! Annabelle, verschwunden... Mir wurde ganz übel, als ich daran dachte. Klar, sie war schon die nervigste Person der Welt, aber... Ach, Gott! Ich konnte es nicht fassen, einfach nicht glauben. Mein Brötchen hatte ich ganz vergessen. Hunger hatte ich jetzt sowieso nicht mehr.
Mir fiel gerade noch rechtzeitig ein, dass ich ja noch zur Schule musste. Nach einem flüchtigen Blick auf die Uhr griff ich nach meinem Rucksack, riss die erste Seite der Zeitung ab und verschwand aus der Wohnung. Ich ging zum Aufzug und drückte den weißen Knopf neben den Türen. Ich musste wieder an das Bild denken. Von Annabelle. Am Lächeln. Und jetzt... jetzt war sie einfach... weg. Ich mochte ja Annabelle nicht. Ich mochte sie wirklich nicht. Aber dass ihr so etwas zustieß, das hätte ich nicht einmal in meinen Träumen gewollt. Vor allem nicht so etwas. Ich musste nun an zahlreiche Krimiserien von entführten Leuten denken. Ein Schauer lief mir den Rücken hinunter. So etwas endete nie gut.
Nein, stell dir jetzt nicht vor, wie es ausgehen könnte. Immerhin ermittelte Dad gerade an der Sache. Dad war Polizist. Er würde danach sehen, dass man Annabelle finden würde. Davon war ich überzeugt.
Nach einer halben Ewigkeit kam der Aufzug dann doch irgendwann an. Ich wusste, dass ich eigentlich die Treppe hätte nehmen können, aber dafür war ich einfach viel zu faul. Also doch lieber der Aufzug. Ich trat in die kleine metallene Kabine ohne jegliche Spiegel und drückte auf den Knopf für Erdgeschoss. Es ratterte und die Aufzugtüren schlossen sich. Dann begann der Aufzug seine Fahrt nach unten. Irgendwann – das wusste ich jetzt schon – würde der Aufzug während seiner Fahrt stecken bleiben. Ich wollte nicht die Person sein, die zu der Zeit im Aufzug steckte. Denn der Knopf mit der gelben Glocke funktionierte bestimmt schon lange nicht mehr. Ich versuchte mich abzulenken. Nicht an Annabelle zu denken. Beste Eiskunstläuferin von Washington verschwunden.
Ich verließ das Gebäude und griff nach meinem Fahrrad, das vor dem Wohnhaus am Fahrradständer angekettet war. Ich schlang mich darauf, ehe ich mit rasanter Geschwindigkeit durch die Stadt fuhr, um noch rechtzeitig zum Unterricht zu kommen. Und durch die ganze Strecke plagte mich das Bild von der lächelnden Annabelle.
Ich kam fünf Minuten zu spät zum Unterricht. Ich sagte ja, dass der Lift langsam gewesen war, aber Mrs Derraw, meine Englischlehrerin, hatte es mir natürlich nicht abgekauft und mich angeschaut, als würde sie mich am liebsten in einem Happen auffressen. Na dann, guten Appetit...
Hastig lief ich in die letzte Reihe zu dem Zweierplatz neben Henry. Henry kannte ich erst seit diesem Schuljahr, als ich neu an die Schule gekommen war. Er war der Einzige, der von Anfang an nett gewesen war, alle anderen irgendwie nicht. Henry hatte gemeint, sie wären einfach nicht so kontaktfreudig, aber ich bezweifelte das. Vielleicht lag es ja an meinem Aussehen. Obwohl ich ja daran nichts Gravierendes finden konnte.
»Henry?« flüsterte ich meinem Banknachbarn zu. »Hast du schon von Annabelle gehört? Und dass sie...« Ich verstummte. Und am Freitag war sie noch da gewesen! Hatte den Pokal gewonnen, geprahlt. Ich erinnerte mich an ihre letzten Worte, die sie mir zugeraunt hatte. Viel Glück Vivian! Aber der Pokal gehört mir! Es waren keine schönen Worte. Wir waren so verfeindet gewesen. Und jetzt war sie einfach weg. Natürlich würde das jetzt für mich heißen, dass ich in Zukunft einige Pokale mehr gewinnen könnte, da Platz Eins nicht mehr gegen mich antreten konnte. Aber spielte das jetzt überhaupt noch eine Rolle?
»Annabelle? Nein, nicht dass ich wüsste...« Henry sah mich fragend an. Er wusste noch nicht davon? Na ja, Henry war ja ein Morgenmuffel, er würde bestimmt nicht morgens Zeitung lesen. Ich musste ihm unbedingt den Zeitungsartikel zeigen. Ich selbst hatte ihn ja auch noch nicht gelesen. Wenn ich nur an Annabelles Angehörige dachte. Ihre Eltern. Was die gerade durchmachen mussten... Und ihr Bruder. Joe.
Mein Blick schweifte zu dem Zweierplatz in der ersten Reihe. Dort saßen Dave und Joe immer. Dave war auch da, aber Joe fehlte. Verständlicherweise. Wer würde schon nach einem solchen Vorfall zur Schule kommen? Ich hatte ja keine Geschwister, aber wenn ich eine ältere Schwester haben würde, würde ich wirklich alles dafür tun, dass ihr nichts zustieß. Und dann so etwas. Joe musste mit seinen Nerven ganz schön am Ende sein. Er heulte sich wahrscheinlich gerade Zuhause auf seinem Bett aus. Ich mochte Joe wirklich nicht. Er ärgerte mich immer und machte sich zusammen mit Tracy und Cassandra über mich lustig. Aber jetzt gerade tat er mir trotzdem leid. Wer hatte das nur Annabelle antun können?
»Vivian, würdest du bitte meine Frage beantworten?« Ich blickte auf und hatte nicht im Geringsten eine Ahnung, welche Frage Mrs Derraw meinte. Ups. Ärger in Sicht.
»Tut mir leid, Mrs Derraw, aber nein, kann ich nicht« erwiderte ich trotzig und starrte Mrs Derraw direkt in die Augen. Das war ein Trick von meinem Dad. Er sagte mir immer, ich sollte einem stets in die Augen schauen, das irritierte. Und außerdem stärkte es die Persönlichkeit und das Selbstbewusstsein. Bei Mrs Derraw schien das allerdings nur fünf Sekunden lang zu stören, dann setzte sie einfach ihren Paukengang fort.
»Vivian, ich dulde es nicht, dass du in meinem Unterricht nicht aufpasst. Am besten, du setzt dich heute mal in die erste Reihe. Joe ist heute aus verständlichen Gründen abwesend, du kannst dich auf seinen Platz setzen.« Der Zweierplatz, wo ich mich hinsetzen sollte, war der von Dave und Joe. Die beiden waren echt gute Kumpels und die Witzbolde des Jahrgangs (wie ich gleich am ersten Schultag erfahren hatte, sie hatten meinen Stuhl zersägt). Sie veräppelten immer die Lehrer und hatten daher schon zahlreiche Verweise. Ich glaube, sie hatten sogar mehr als ich an meiner alten Schule erhalten hatte. Merkwürdigerweise war aber bisher noch keiner von den Beiden von der Schule geflogen. Einmal beispielsweise, hatten Dave und Joe sogar unseren Spanischlehrer Mr. Gilbert in ein Klassenzimmer gesperrt, damit wir keine Schulaufgabe schreiben mussten. Keiner hatte gepetzt, aber irgendwie war es dann doch noch rausgekommen und sie hatten einen Direktoratsverweis bekommen – was ganz schön heftig war. Ich persönlich glaubte, dass Sabrina (die bekannte Klassenpetze) gepetzt hatte, aber ich hatte ja keine Beweise dafür gehabt. Dave und Joe hörten aber nie auf und planten immer Neues. Da wurde einem nie langweilig. Obwohl ich mich ja schon fragte, ob Joe nach diesem Vorfall immer noch der Gleiche sein würde. Ich wäre es bestimmt nicht.
Also würde ich jetzt ganz allein neben Dave hocken. Einerseits war das total dumm, ich hatte bisher nämlich noch kein einziges Wort mit ihm geredet und er hatte immer irgendwelche blöden Kommentare über mich gemacht. Aber andererseits... Vielleicht würde eine Bekanntschaft mit Mr Cools bestem Freund ja meine sozialen Verknüpfungen erweitern. Oder auch nicht, ich würde das ja noch herausfinden. Denn ob Dave überhaupt mit mir reden wollte, war nun wirklich fragwürdig. Außerdem wollte ich etwas mehr über das Verschwinden von Annabelle herausfinden und vielleicht könnte mir Dave da ja etwas weiterhelfen. Er musste doch etwas wissen oder? Es ging hier immerhin um seinen besten Freund.
»Vivian!« rief Mrs Derraw aufgeregt und ich schreckte aus meinen Gedanken. Oh ja, ich sollte mich ja umsetzen. Also nahm ich meine Sachen und ließ sie auf den Boden neben dem Tisch fallen.
»Hi!« war das Nächstbeste, was mir einfiel. Ja, das war wirklich nicht gerade einfallsreich, aber in dem Moment war mir wirklich nichts Besseres in den Sinn gekommen und das, obwohl ich schon zahlreiche Krimiserien gesehen hatte und eigentlich wusste, wie die Polizisten immer mit den Angehörigen oder den Freunden der Opfer redeten.
»Äh ja, hi« sagte Dave. »Du bist doch die, die vom Stuhl gekracht ist, oder?« er grinste herabfällig. Mit einem solchen Idioten musste ich ja nicht reden. Mein Plan mit dem Kontaktknüpfen ließ ich mal schnell unter dem Tisch fallen.
»Ja, das wart ihr, oder?« fragte ich, leicht genervt.
»Wie heißt du nochmal? Ich hab deinen Namen vergessen« sagte Dave. Was? Er kannte nicht einmal meinen Namen? Das war aber wirklich das Letzte. Ich war hier neu und kannte schon alle Namen der ganzen Klasse und er konnte sich noch nicht einmal einen neuen Namen merken? So ein Kotzbrocken!
»Vivian« zischte ich genervt und wartete auf Daves Reaktion.
»Aha« sagte Dave gelangweilt. Ich packte meine Sachen aus der Tasche und spähte unauffällig zu ihm hinüber. Er checkte gerade seinen Facebook-Account auf seinem Handy und chattete mit Joe. Mit Joe? Dann musste er ja praktisch mehr zu dem Verschwinden von Annabelle wissen. Dave war ja multitaskingfähig, merkte ich gerade. Er hatte die ganze Zeit mit mir geredet und gleichzeitig auf Facebook seine Nachrichten durchsucht. Oder er hatte mir eigentlich gar nicht zugehört. Was – wenn ich darüber nachdachte – wahrscheinlicher war.
»Das, was Joes Schwester passiert ist, ist wirklich... schlimm« sagte ich. Dave ignorierte mich komplett. Ich räusperte mich. Nichts.
»Genau... Ja stimmt« sagte Dave plötzlich sarkastisch und surfte weiter auf seinem Handy herum. Irgendwie nervte das gerade höllisch. Er hörte mir eindeutig nicht zu und warf bloß bedeutungslose Kommentare in den Raum. Vielleicht lag es ja daran, dass er Angst hatte, sonst seine Gefühle wegen Annabelle zu zeigen.
»Ja, ähm, kann gut verstehen, dass du heute etwas... na ja...« Den letzten Teil ließ ich lieber weg. Ich wollte die Sache ja etwas langsam angehen. Eigentlich erschien mir Dave gar nicht verstört oder traurig, aber vielleicht versteckte er es ja nur. Jungs wollen ja nie heulen und traurig sein, weil das so ›mädchenhaft‹ sei. Oder er kannte Annabelle einfach zu wenig, um wirkliches Beileid zu haben.
»Kannst du mich nicht mal in Ruhe lassen?« fragte Dave genervt. Ok, wenn er nicht wollte! Ich konnte schweigen und nichts sagen. Ich hatte kein Problem damit, ihn nicht aufmuntern zu müssen. Also schwieg ich. Eine Weile lang. Na ja, eigentlich eher eine kurze Weile lang.
»Wegen du weißt schon: Habt ihr schon mehr Neuigkeiten?« Ich muss zugeben, auf irgendeiner Weise machte mich Annabelles Verschwinden extrem neugierig. Ich wollte nur ein wenig mehr wissen, als in der Zeitung stand.
»Das geht dich nichts an« sagte Dave finster. »Wieso mischst du dich da überhaupt rein?« Ich musste Dave an dieser Stelle eigentlich Recht geben. Ich sollte mich wirklich nicht in diese ganze Angelegenheit mischen – das betraf mich doch ohnehin alles nicht.
»Also, da ich Shakespeare für besonders wichtig halte, werdet ihr in Zweierteams ein Drama lesen und es anschließend in der Klasse als Referat analysieren« setzte Mrs Derraw ihren Monolog fort. Ich war überrascht, dass mein Name seit dem Vorfall noch nicht aufgetaucht war.
»Vivian! Wieso ist dein Buch nicht aufgeschlagen?« Okay, zu früh gesagt, ich war eben immer das Opfer, nicht nur bei Joe und Dave. Aber war denn überhaupt von Buch die Rede gewesen?
»Auf welcher Seite?« fragte ich ganz nebenbei und unschuldig. Natürlich ließ sich Mrs Derraw das nicht gefallen. Konnte sie mich nicht mal in Frieden lassen?
»Also, das ist ja unerhört!« schrie sie. »Komm nach der Stunde bitte zu mir, Vivian!« Oh super, jetzt konnte ich also noch mit Freitagnachmittag Nachsitzen rechnen. Na toll! Tja, Dave schien ihr da ja ziemlich egal zu sein. Er spielte gerade mit Pou auf seinem Handy (hobbylos?!) und beteiligte sich überhaupt nicht am Unterricht. Dass er sein Buch offen hatte, war natürlich nicht der Fall, aber das war Mrs Derraw ja nicht aufgefallen. Wie oft würde ich noch feststellen müssen, dass diese Lehrerin mich hasste? Und meine Frage war auch noch immer nicht geklärt, aber das war ihr natürlich komplett egal.
»Ja, und auf welcher Seite denn jetzt?« fragte ich, doch ich erhielt nur einen bösen Blick von Mrs Derraw.
»Seite 228, Viv!« rief Henry von hinten und erhielt ebenfalls einen bösen Blick von Mrs Derraw. Ich drehte mich hastig um und sagte tonlos ›Danke‹. Hoffentlich hatte Henry das gesehen. Wenigstens einer, der auf meiner Seite war. Alle anderen waren es ja sichtlich nicht.
»Die alte Tante hat was gegen dich« flüsterte Dave. Aha, doch noch einer, der gemerkt hatte, wie fies Mrs Derraw zu mir ist. Und doch noch einer, der reden wollte.
»Ja, auf jeden Fall! Aber frag mich nicht, wieso. Ich hab ihr ja schließlich nichts getan« sagte ich.
»Also na ja, bis darauf, dass du zu spät gekommen bist, nicht zugehört hast, etwas frech warst und jetzt gerade ununterbrochen redest, hast du ihr wirklich nichts getan.« Ich musste wegen Daves Kommentar lachen. Er hatte also auch einen Sinn für Humor. Hatte ich ihn vielleicht falsch eingeschätzt? Nein, bestimmt nicht, er doch nicht. Das war ein arroganter Kauz, der mir gerade beweisen wollte, dass er richtig cool und lustig war. War er aber nicht, das musste ich ihm zeigen. Ich versuchte, mit dem Lachen aufzuhören. Das war gar nicht mal so schwer. Henry und ich machten nämlich ganz schön oft im Unterricht Witze und weil das keiner mitkriegen durfte, mussten wir unser Lachen immer verkneifen. Mittlerweile war das schon fast antrainiert.
»Ihr zwei da vorne!« rief Mrs Derraw und starrte uns grimmig an. Wenn Blicke töten könnten, dann wären Dave und ich jetzt weg. »Ich denke, ihr kommt beide nach der Stunde zu mir.« Ich verstummte ganz. Dave sah mich verärgert an, so, als wäre ich an allem Schuld. War ja klar. Es schien mir, als würde Mrs Derraw jede Handlung von mir wahrnehmen. Sie bekam absolut alles von mir mit. Also versuchte ich einfach, gar nichts zu machen. Auch nicht aufzupassen, das hatte Mrs Derraw nämlich nicht verdient, auf gar keinen Fall.
Plötzlich klang ein muffelndes Geräusch aus dem Lautsprecher, welches sich links von der Tafel befand. Alle wurden leise. »Liebe Schüler und Lehrer der St. Crester High School« begann unser Direktor die Durchsage. »Wie die Meisten von euch bereits mitbekommen haben, ist eine unserer Schülerinnen, Annabelle Grayburn, am Freitagabend verschwunden. Bisher gibt es noch keine Hinweise, was mit ihr passiert sein könnte. Wir sind alle zutiefst erschüttert von diesem tragischen Vorfall und geben allen Angehörigen und denjenigen, die Annabelle nahe standen, unser tiefstes Beileid. Ich bitte euch nun um einen Moment der Stille, damit wir Annabelle und ihren Bekannten gedenken können.«
Der Direktor verstummte. Auch die Klasse verstummte. Ich musste wieder an Annabelle zurückdenken. Und an Joe. Was er wohl gerade durchmachen musste. Wahrscheinlich war er gerade zu Hause in seinem Zimmer, lag wohl auf dem Bett und starrte Löcher in die Wand. Dachte an seine Schwester. Und seine Eltern erst. Denen musste es bestimmt noch schlimmer ergehen. Womöglich hatten sie sich freigenommen von ihrer Arbeit als Anwältin und Richter. Sie saßen auch zu Hause, nahm ich an. Und schwiegen.
Direktor Weighley riss mich wieder aus meinen Gedanken. »Ich danke euch und wünsche euch noch einen angenehmen Schultag.«
Ich schielte zu Mrs Derraw hinüber. Sie sah recht verwirrt aus, als würde sie nicht so ganz glauben können, dass das, was Mr Weighley gesagt hatte, wirklich wahr war. Es war immerhin etwas, was nicht jeden Tag in New Willows passierte.
Den ganzen Rest des Unterrichts konnte ich nur noch an Annabelle denken und an die verschiedenen Theorien, die ich zu ihrem Verschwinden entworfen hatte. Entweder war Annabelle einfach von Zuhause weggelaufen, weil sie irgendwelche Schwierigkeiten gehabt hatte und ihnen entkommen wollte. Ich hatte allerdings Zweifel an dieser Theorie, denn ich konnte nicht glauben, dass Annabelle so große Probleme haben könnte, dass sie von Zuhause flüchten würde. Vor allem an dem Tag, an dem sie erfolgreich an einem Wettbewerb teilgenommen hatte. Und dann noch so lange. Immerhin waren seit dem Wettbewerb drei Tage vergangen.
Die andere Theorie war eine Entführung. Es war das, was am meisten Sinn ergab. Und es war auch das, was am schlimmsten war. Man musste es sich nur vorstellen. Ein Krimineller, der jemanden entführt. So etwas hatte kein Mensch auf der Welt verdient, nicht einmal Annabelle.
Wohl oder übel änderte sich aber nichts an der Tatsache, dass Dave und ich nach dem Unterricht zu Mrs Derraw mussten.
»Ich geh schon mal vor« sagte Henry und gab mir ein Daumen hoch, womit er mir wahrscheinlich sagen wollte, dass alles schon funktionieren würde. Dann verließ auch er das Zimmer. Ich nahm es Henry nicht übel – keiner blieb freiwillig in Mrs Derraws Nähe.
»Also« begann Mrs Derraw. »Gibt es irgendeine Erklärung, weshalb ihr euch so unerhörlich schlecht benommen habt?« Eine Erklärung also. Wahrscheinlich wollte Mrs Derraw so tun, als würde sie uns eine zweite Chance geben, dabei wusste sie doch ganz genau, dass wir beide keine Erklärung hatten.
Ich zumindest, aber irgendwie hatte Dave doch noch eine: »Wissen Sie, Mrs Derraw, Joes Schwester und ich sind sehr eng miteinander befreundet und deswegen bin ich noch immer etwas erschüttert.« Einerseits bewunderte ich die raffinierte Idee von Dave, andererseits war ich etwas schockiert, denn Dave schien kein Problem damit zu haben, Annabelles Geschichte für seine Zwecke zu nutzen. Und ich? Mich ließ er natürlich links liegen und verschaffte mir keine Ausrede. Dann musste ich eben selber eine erfinden. Und ich hatte auch schon eine Idee...
»Und ich bin auch sehr gut mit Annabelle befreundet und deswegen bin ich auch zutiefst entsetzt« sagte ich und machte ein trauriges Gesicht. Dass Mrs Derraw ja darauf reinfiel.
»Also mir kommt es eher so rüber, als könntest du Annabelle gar nicht leiden« sagte Dave, der seine Hände verschränkt hatte und lässig gegen den Lehrerpult lehnte, als hätte er mit der ganzen Sache gar nichts zu tun gehabt. Und was sollte dieses Benehmen? Aha, mich einfach in Schwierigkeiten bringen, oder was? Wahrscheinlich wollte er sich dafür rächen, dass ich ihn zur Nacharbeit gebracht hatte, dabei war es doch er gewesen, der den Witz gemacht hatte (der doch nicht lustig gewesen war, wenn ich es mir recht überlegte). Blöder Dave. Auf den konnte ich genauso gut verzichten wie auf seine ganzen Freunde.
Mrs Derraw seufzte, als ich Dave einen schwarzen Blick zuwarf. »Dave, du kannst gehen. Vivian, du kommst am Freitag nach der Schule zur Nacharbeit« erklärte sie. Nein. Keine Nacharbeit! Das musste ich jetzt schleunigst verhindern. Irgendwie. Keine Ahnung wie, aber es musste doch irgendwie gehen.
»Ach, kommen Sie! Das ist doch nur zusätzliche Arbeit für uns alle!« jammerte ich.
