Snow Down - Annika Siry - E-Book

Snow Down E-Book

Annika Siry

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Beschreibung

Vivian sieht sich von Angesicht zu Angesicht mit Annabelles Mörder, der vor nichts zurückschrecken wird, um sie und ihre Freunde aus dem Weg zu räumen. Es liegt einzig und allein an ihr, Joe und Henry, ob sie es schaffen, die Unschuld Vivians Vaters beweisen zu können und somit den wahren Mörder hinter Gittern zu bringen. Gerade als sie glaubt, dass alles vorbei ist, hat es eigentlich erst begonnen.

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Seitenzahl: 445

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Annika Siry

Ice Crime-Trilogie

Ice Crime

Frost Fight

Snow Down

2. Auflage 2020

Copyright © 2016 Annika Siry

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlaggestaltung, Illustration: Annika Siry

Lektorat: Deborah Siry; Korrektorat: Marcus Dorn

Verlag: Annika Siry, Nightingalestraße 3, Heidelberg, [email protected]

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Handlungen und Personen im Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Inhaltsverzeichnis

1. Kapitel4

2. Kapitel25

3. Kapitel30

4. Kapitel38

5. Kapitel43

6. Kapitel51

7. Kapitel53

8. Kapitel81

9. Kapitel86

10. Kapitel108

11. Kapitel111

12. Kapitel121

13. Kapitel128

14. Kapitel146

15. Kapitel162

16. Kapitel178

17. Kapitel187

18. Kapitel191

19. Kapitel195

20. Kapitel218

21. Kapitel225

22. Kapitel233

Epilog253

1. Kapitel

Das war alles ein böser Traum. Nur ein Traum. Ich wachte auf, um herauszufinden, dass ich mir das alles nur eingebildet hatte. Um herauszufinden, dass nichts dergleichen je passiert war und ich in Wahrheit einfach nur eine lebhafte Phantasie hatte. Annabelle lebte noch, Dad war nie im Gefängnis gewesen, ich saß gemütlich daheim auf der Couch zusammen mit Henry und hatte noch immer nichts mit Joe am Hut.

Wenn es denn nur so wäre.

Ich wachte tatsächlich auf. Doch es war alles nach wie vor kein Albtraum. Es war traurige Realität. Leider. Ja, ich versank gerade in Selbstmitleid, doch ich war ehrlich gesagt der Meinung, dass es gerade vertretbar war. Immerhin saß ich gerade auf einem harten Holzboden mit gefesselten Händen und Füßen. Nicht gerade mein Wunschzustand. Als könne es nicht schlimmer kommen, hatte ich noch dazu höllische Kopfschmerzen. Ich konnte mir jedoch denken, woher sie kamen. Der Schlag auf den Kopf.

Das Letzte, an das ich mich erinnern konnte, war die Nacht in dem Wald. Ich hatte die Karte vom Fitnessstudio abgeben wollen, doch in dem Umschlag war nur noch eine billige Kalenderkarte gewesen. Als ich versucht hatte, die Flucht zu ergreifen, hatte jemand mir auf den Kopf geschlagen. Und ja, eigentlich war das bereits alles.

Da wäre noch etwas.

Joe.

Ich hatte ihn dort gesehen. Und das Einzige, dass er getan hatte, war zusehen. Zusehen, wie ich fast umgebracht und anschließend entführt worden war. Er hatte rein gar nichts getan. So was nannte sich wahre Freundschaft.

Was sollte ich also daraus jetzt folgern? Dass Joe einfach nur egoistisch und gemein war und sich einen Dreck darum kümmerte, was mir passierte?

Oder vielleicht doch etwas anderes?

Eigentlich hatte ich diese Gedanken schon etwas länger gehabt. Ich hatte sie verdrängt, einfach, weil ich sie nicht hatte wahrhaben wollen. Doch jetzt schienen sie unumgänglich. Die ersten Zweifel an Joe waren das erste Mal aufgetaucht, als er betrunken mitten in der Nacht vor meiner Tür aufgekreuzt war. Mit einem blauen Auge und blutverschmiert. Mir war natürlich klar, dass es heißen musste, dass er in einer Schlägerei verwickelt worden war, doch damals hatte ich mir einfach gesagt, dass es nichts weiter bedeuten musste.

Vielleicht hatte ich mich ja getäuscht.

Ich wollte damit keinesfalls behaupten, dass Joe ein Mörder war. Nein, das glaubte ich nicht. Das wusste ich. Vielmehr hatte ich diese Vermutung, dass er ja... in der Sache verwickelt sein konnte. Mir war schon so viel in diesen zwei Wochen passiert, das sich mit dieser Theorie erklären ließ.

Aber Joe würde das doch niemals seiner Schwester antun. Oder?

Dann aber die Worte des Hausmädchens. Dass Joe immer im Schatten von Annabelle gestanden hatte. Was, wenn es ihm gereicht hatte? Wenn er es satt gehabt hatte, dass seine Schwester immer erfolgreicher, immer besser, immer beliebter gewesen war als er? Wenn er einfach die Nase voll gehabt hatte, dass er sich immer mehr anstrengte und dass es seinen Eltern trotzdem egal gewesen war.

Ich sah zu viele Krimiserien.

Vielleicht geschah so etwas in den Serien, aber Joe würde das doch niemals tun. Es ging hier um seine Schwester. Das war unmöglich. Man musste schon ganz schön verteufelt sein, um seine eigene Schwester aus Neid ermorden zu lassen.

Was sprach denn außerdem überhaupt dafür?

Das war es ja. Es war leider nicht die von mir erhoffte Antwort. Es war nicht nichts.

Er war der Einzige gewesen, der sonst noch in Dads Haus gewesen war, als jemand mein Fenster mit dem künstlichen Blut beschmiert hatte. Was, wenn es Joe selber gewesen war? Er hatte es sogar selber entdeckt.

Aber das hieß ja noch gar nichts.

Vor kurzem war er nach einer SMS gleich abgehauen, damals, als Henry und ich gemeinsam mit ihm den Tatort hatten finden wollen. Was, wenn der Mörder ihm die Nachricht geschickt hatte? Und beide unter einer Decke steckten?

Ich sollte mir doch mal selbst hören. Das war doch lächerlich.

Außerdem hatte ich jetzt weitaus schlimmere Probleme. Ich sollte nicht versuchen, Leute zu beschuldigen. Ich sollte versuchen, von hier zu verschwinden.

Stünde da nicht der Pseudo-Arzt höchstpersönlich in dem gleichen Raum wie ich in der Ecke an der Wand gelehnt und mich anstarrend.

Ja, aus diesem Grund hatte ich noch nicht um Hilfe geschrien, genau deswegen. Weil ich wusste, dass das keine gute Idee wäre. Immerhin protzte eine Waffe nur so aus seiner Hosentasche. Ich wusste nicht, ob er sie mit Absicht so in die Hose gesteckt hatte, um mir Angst einzujagen und gleichzeitig cool zu wirken, oder weil die Pistole ganz einfach nicht in die Hosentasche passte.

Wieso machte ich mir denn auch Gedanken darüber?

»Hi Vivian.« Der Mann löste sich von der Holzwand und kam zu mir herübergelaufen. Nicht ein sonderlich langer Weg. Immerhin befanden wir uns gerade auf etwa fünf Quadratmeter Fläche. Wenn nicht weniger. Wenn ich die ganzen Gartengeräte um mich herum betrachtete, wusste ich auch, wo ich sein musste.

Ein Gartenhaus.

Wie schön.

»Ich hätte es gerne nicht so weit kommen lassen, weißt du. Nur hast du mir leider keine andere Wahl gelassen.« Genau. Das glaubte ich ihm sofort. Wenn er es nicht so weit hatte kommen lassen wollen, hätte er mich genauso gut auch einfach nach Hause schicken können. Seine Logik war nicht ganz schlüssig.

Mein Verhalten war auch nicht schlüssig.

Ich konnte gar nicht verstehen, wieso ich so entspannt war. Wieso ich alles so friedlich beobachtete und mit vollkommen klarem Kopf wahrnahm. Irgendwie hatte ich noch nicht so ganz begriffen, dass das hier echt war und nicht irgendein Krimi im Fernsehen oder ein verrückter Traum. Es fühlte sich alles so irreal an.

»Aber man sagt ja immer, man solle Leuten eine zweite Chance geben. Ich will das Gleiche tun. Ich gebe dir eine zweite Chance. Gib mir die Karte, sag mir wo sie ist und ich lasse dich gehen. Versprochen.«

Ich pfiff auf sein Versprechen. Ich war ja nicht verrückt. Jemand, der morden konnte, würde sicherlich kein Problem haben, mal schnell zu lügen. Was er mir hier versprach, wäre einfach taktisch gesehen als Mörder das Dümmste, was man tun könnte. Als ob er mich danach wieder laufen lassen würde.

Ich hätte ihm trotzdem die Karte gegeben. Oder gesagt, wo sie ist.

Nur konnte ich das nicht.

Ich wusste ja selber nicht, was mit der Karte passiert war.

»Und wenn ich wirklich nicht weiß, wo die Karte ist?« fragte ich vorsichtig.

»Vivian.« Er lächelte. Okay, jetzt bekam ich eine Gänsehaut. »Spiel mir nichts vor. Ich weiß genau, dass du weißt, wo die Karte ist. Schau her. Du kannst es dir entweder leicht machen oder schwer. Es liegt allein bei dir. Ehrlich.«

Jetzt wurde ich aber stinkig. Es lag einfach mal so gar nicht bei mir.

»Ich weiß wirklich nicht, wo die Karte ist! Ich schwör!« Ich versuchte, mich etwas zu beruhigen. Ich musste mich ja nicht gleich so aufregen, ich musste cool bleiben. Das war bestimmt hilfreicher, als so auszuticken.

Aber ich hatte einfach verdammt nochmal keine Ahnung, wo diese bescheuerte Karte war! Ich hätte sie ihm ja nachgeworfen, wenn ich es gewusst hätte!

Er seufzte. Als wäre er jetzt traurig. Das ekelte mich an. »Ich würde dir ja gerne glauben, aber ich tue es nun mal nicht. Ich frage dich nur noch ein letztes Mal: Willst du dir selbst helfen und mir die Karte geben oder nicht?«

Pah.

Natürlich wollte ich mir selbst helfen! Natürlich wollte ich ihm die Karte geben! Ich konnte aber nicht! Wieso wollte er mir nicht glauben? Wieso war die blöde Karte auch einfach verschwunden?

Wetten, dieser blöde Joe hatte sie geklaut?

Teil seines Plans?

»Ich will die Karte hergeben« sagte ich. Sein Gesicht hellte auf. Leider nur kurz. »Aber ich weiß wirklich nicht, wo sie ist! Ich würde sie ehrlich direkt hergeben, ich weiß nicht einmal, wieso ich sie für mich behalten sollte! Aber ich weiß. Es. Einfach. Nicht!« Langsam merkte ich doch, wie mein Puls anstieg. Jedoch nicht wegen meiner Situation, sondern eher, weil ich einfach sauer war. Wütend, weil ich nicht beeinflussen konnte, in welche Richtung dieses Gespräch verlief. Weil irgendjemand die verdammte Karte geklaut hatte.

Wer immer es war, der konnte noch was von mir erleben.

Ja, die Person würde was von mir erleben, denn ich würde lebend aus dieser Hütte herauskommen, egal, wie der Mann vor mir sich entschied.

Hoffte ich doch.

»Vivian, du lässt mir keine andere Wahl.« Er machte eine Kunstpause. Dramaqueen. Idiot. Ich hätte ihm gerne einige meiner Beleidigungen an den Kopf geworfen. Aber ich wollte ihn nicht provozieren. Das würde alles bestimmt nur verschlimmern. Man nahm doch immer etwas aus Krimiserien mit. »Ich habe es ja versucht. Leichte Variante. Harte Variante. Aber du wolltest ja nicht.« Klar, jetzt war es natürlich alles meine Schuld.

Irgendwie konnte ich mir denken, dass es so oder so auf die ›harte‹ Variante hinausgelaufen wäre.

Am liebsten hätte ich meine Augen geschlossen. Wer wusste, vielleicht verschwand er ja dann wieder. Doch ich wollte auch nicht wie ein schwacher Feigling wirken.

Ich stellte mich schon mal auf alles ein. Ich wusste ja nicht, wie weit er gehen würde. Aber bei ihm war es wohl ziemlich weit. Er hatte schon mal jemanden ermordet.

Ich wollte aber nicht die Nächste sein!

Es musste doch irgendetwas geben, dass ich tun konnte. Irgendetwas. Ich musste nur nachdenken. Nachdenken.

Vielleicht...

Wieso wollte mir denn nichts einfallen? Natürlich waren meine Möglichkeiten sehr stark eingeschränkt, so wie meine Bewegungsfreiheit – deswegen ja auch. Aber es musste doch einen Ausweg geben.

Ich hielt die Luft an.

Der klassische Nokia Klingelton ertönte.

Ich sah den Pseudo-Arzt irritiert an. Er war kurzzeitig aus dem Konzept gebracht. Dann griff er in die Hosentasche (nicht die mit der Pistole) und zog sein Handy aus der Tasche. Nach einem Blick auf das Display lief er zur Tür.

Okay... Diese Wendung hatte ich nicht kommen sehen.

»Ich bin gleich wieder da, keine Sorge.« Falls er mit dem Satz hatte witzig klingen wollte, war er kläglich daran gescheitert.

Er machte die Tür auf und schloss sie wieder hinter sich.

Vielleicht konnte ich ja einfach durch die Tür rennen und mein Glück probieren.

Er verriegelte die Tür von außen.

Ich konnte nicht einfach durch die Tür rennen und mein Glück probieren.

Nichts desto trotz war das hier jetzt meine Chance zu entkommen. Ich musste nur einen Weg finden. So schwer konnte es doch nicht sein. Ich musste schnell handeln. Viel Zeit hatte ich bestimmt nicht.

Ich sah mich um. Was gab es denn hier alles an Dingen, die ich gebrauchen konnte?

Das Fenster. Das Fenster mit dem Milchglas. Ich musste da durch entkommen. Es war der einzige Weg. Direkt unter dem Fenster war ein Stapel Feuerholz. Ich konnte es nutzen, um durch das Fenster zu klettern. Allerdings konnte man das Fenster nicht öffnen.

Wie dem auch sei, zuerst musste ich mich von den Fesseln befreien. Ich blickte auf meine Füße. Er hatte Paketband benutzt, um sie zusammen zu binden. Eine Schere müsste vollkommen ausreichen.

Diese Hütte war doch voll mit Gartenwerkzeugen, da musste doch auch eine Gartenschere sein. Wenn ich denn herumlaufen und eine finden könnte.

Ich versuchte aufzustehen. War ich froh, dass ich mal beim Turnen gewesen war. Es gelang mir tatsächlich ohne allzu große Schwierigkeiten. Indem ich meine Hände hinten als Stütze benutzte, konnte ich mich mehr oder weniger leicht von hinten hochhieven. Mein Kreuz tat zwar jetzt weh, aber das war mir gerade auch egal. So wie meine Kopfschmerzen auch. Ich musste sie jetzt einfach ausblenden. Ich hatte sowieso keine andere Wahl.

Von hier oben konnte man gleich viel besser sehen, wo was war.

Tatsächlich lag auf einem Regal neben der Tür eine Gartenschere. Zusammen mit einer Schaufel, einer Zange und diversen anderen Dingen.

Jackpot.

Ich wollte mich ja nicht zu früh freuen, aber ich konnte auf jeden Fall mit Sicherheit sagen, dass dieser Mörder nicht sehr achtsam war. Dann vermutlich hatte er aber auch nicht geplant, mich hierhin zu bringen. Es war wahrscheinlich eine Notlösung gewesen, weil ich ihm nicht die Karte gegeben hatte.

Wie sollte ich mich also fortbewegen?

Natürlich konnte ich ganz einfach hüpfen. Aber vielleicht konnte man mich dann da draußen hören. Ich wollte nichts riskieren. Ich hatte keine andere Wahl, als jetzt wie ein Pinguin durch die Gegend zu torkeln. Zum Glück war es nicht weit. Ich wusste, dass es bescheuert aussehen musste, doch das war mir gerade so was von egal.

Vor allem ohne Hilfe der Arme war es gar nicht mal so leicht. Ich hoffte einfach nur, dass ich nicht mein Gleichgewicht verlor.

Ein Schritt nach dem anderen. Auch Kleinvieh macht Mist. Irgendwie musste ich doch mit diesen winzigen Schritten vorankommen. Der Weg schien mir so unglaublich lang. Und das, obwohl es sich um knapp zwei Meter handeln musste. Jeder Schritt schien eine Zeitverschwendung zu sein. Was, wenn ich es nicht rechtzeitig schaffte? Wenn er wieder in die Hütte kam, bevor ich fliehen konnte?

Daran wollte ich jetzt einfach nicht denken.

Daran durfte ich jetzt einfach nicht denken.

Nach mühsamen kleinen Schritten erreichte ich nach einer gefühlten Ewigkeit das Regal mit den kleineren Gartenwerkzeugen.

Jetzt musste ich also irgendwie an die Schere kommen. Leider konnte ich ja nicht einmal meine Arme anheben. Es sei denn...

Ich drehte mich um und hob meine Arme – so gut es eben ging – hoch. Ich versuchte, an die Werkzeuge zu kommen. Leider konnte ich jetzt überhaupt nicht sehen, wohin ich griff. Ich konnte einfach nur hoffen, dass das hier tatsächlich funktionierte und nicht irgendeine Schnapsidee von mir war. Aber ich hatte ja ohnehin keine anderen Möglichkeiten.

Da.

Das war doch die Schere. Mit den zwei Metallgriffen. Ich nahm es und zog es von dem hölzernen Regal weg.

Toll. Und jetzt?

Ich musste wieder auf den Boden kommen, sonst konnte ich ja praktisch nicht das Paketband an meinen Füßen durchschneiden.

Gut, das würde jetzt schmerzhaft werden. Ich biss mir auf die Lippe. Dann versuchte ich, so langsam wie möglich auf die Knie zu gehen. Ich konnte ja nicht meine Hände als Hilfe benutzen. Ich konnte sie ja fast gar nicht benutzen.

Es kam, wie es kommen musste. Man konnte es einfach nicht verhindern. Irgendwann kam der Punkt, an dem die Muskeln einen nicht mehr halten konnten und man einfach auf den Boden plumpste.

Ich hätte gerne geflucht. Doch ich ließ es sein. Man wusste ja nie, wie schalldicht diese Hütte war. Ich wollte lieber nichts riskieren, dass ich später noch bereuen könnte. Weitermachen, als wäre nichts gewesen und hoffen, dass die Tür verschlossen blieb.

Ich beugte mich nach hinten und versuchte, einen Blick auf meine Hände und Füße werfen zu können. Wenigstens hatte ich jetzt die Bestätigung, dass ich wirklich die Gartenschere erwischt hatte.

Das musste doch jetzt ein Kinderspiel sein. Sogar im Kindergarten konnte man bereits mit einer Schere umgehen. Das durfte doch jetzt nicht zu schwer sein, oder?

Zugegebenermaßen hatte ich mich doch etwas darin getäuscht. So ganz leicht war es dann doch nicht. Aber nicht unmöglich.

Zwei drei Schnippe später hatte ich bereits meine Füße befreit.

Ich hätte mich ja gerne gefreut, doch noch war ich weit vom Ziel entfernt. Ich musste noch schauen, dass ich meine Hände befreite und dann noch aus dem Fenster kroch.

Ich wusste ja nicht, wie lange Annabelles Mörder noch draußen telefonieren wollte, doch ich nahm an, dass ich nicht gerade die Zeit der Welt hatte. Langsam, da es nicht schneller ging, drehte ich die Gartenschere in die andere Richtung, sodass ich damit theoretisch das Paketband um meine Hände zerschneiden müssen könnte. Eigentlich müsste es doch sogar leichter gehen als mit einer normalen Schere. Das einzige Problem war, dass es viel schwerer war, eine Gartenschere falsch herum zu bedienen. Aber es musste doch funktionieren. In meinem Kopf lief es so unglaublich einfach und schnell ab.

Ich fuchtelte weiter herum.

Zwei Schnitte später hatte ich es tatsächlich geschafft. Leider hatte ein Schnitt meiner Hand selbst gegolten, doch damit musste ich jetzt einfach leben, so weh es gerade auch tat. Ich hatte eine Mission und so gut wie gar keine Zeit. Dass er bisher überhaupt noch gar nicht zurückgekommen war, grenzte bereits an ein Wunder. Immerhin hatte ich das Gefühl, dass er schon seit mehreren Minuten weg war und ich unendlich lange gebraucht hatte, um mich zu befreien.

Ich ging hastig zu den verschiedenen anderen Werkzeugen, die in der Hütte herumlagen, so ganz verstreut und unordentlich. Ich musste etwas finden, dass ein Fenster zerschmettern konnte. Mir war klar, dass spätestens dann der Mörder mitbekommen musste, was ich hier drinnen so tat, doch wenn ich Glück hatte, würde es dann bereits zu spät sein. Für ihn natürlich, nicht für mich.

Jetzt, da ich mich endlich wieder frei bewegen konnte, fiel es mir schon viel leichter, voranzukommen. Tatsächlich im wahrsten Sinne des Wortes.

Was konnte ich gebrauchen, was konnte ich hiervon nehmen... Ich wusste leider nicht, wie dick das Fenster war. Je nachdem konnte eine Schaufel ausreichen, doch ich war mir nicht sicher.

Schaufel, Besen... Verdammt, das brachte mir alles nichts.

Die Axt.

Ich hob sie auf. Die Axt könnte es sein. Sie war total schwer und sie konnte Holz spalten. Wieso also nicht auch Fensterscheiben? Egal wie, ich musste es jetzt ausprobieren. Ich hatte nicht die Zeit, mich noch länger umzuschauen.

Ich lief zum Fenster hin. Das war es jetzt. Alles oder nichts.

Tief Luft holen.

Dann mal los.

Ich holte aus.

Dann schwang ich die Axt um mich herum, direkt auf das Fenster zu. Irgendwie geschah der Rest in Zeitlupe. Die Axt kam auf das Fenster zu, immer näher, bis sie das Fenster berührte. Es bildete sich ein Spinnennetzmuster auf dem Fenster. Dann zersprang es. Glas flog überall hin. Glasscherben regneten überall um mich herum herab.

Ich schloss meine Augen, doch ich drehte noch von dem ganzen Schwung, den ich durch das Ausholen mit der Axt bekommen hatte, weiter. Also ließ ich die Axt los, ich versuchte mich zu halten, doch ich verlor mein Gleichgewicht und ehe ich es wusste, war ich auf dem harten Holzboden gelandet.

Ich stöhnte auf.

Nein, ich durfte keine Zeit verlieren. Vorsichtig öffnete ich meine Augen. Um mich herum lagen Glasscherben, auf mir ebenfalls, einfach überall. Na ja, wenigstens war ich erfolgreich gewesen.

Hastig stand ich auf. Mir taten zwar sämtliche Körperteile weh, doch das musste ich jetzt einfach ignorieren. Ich lief zum Fenster und stieg vorsichtig auf das gestapelte Feuerholz.

Mein Ziel war so nahe. Alles, was ich tun musste, war, aus dem Fenster zu klettern.

Natürlich hieß das noch lange nichts. Natürlich konnte ich danach noch immer von dem Mann, der draußen weiterhin telefonierte, erwischt werden.

Aber das musste nicht der Fall sein.

Ich wollte mich an dem Fenster festhalten, als Stütze, doch die Überreste des Glases waren recht scharf. Genervt versuchte ich, wenigstens an der Holzwand noch etwas Halt zu finden.

In dem Moment flog die Tür auf.

Mein Herz machte einen Satz.

Erschrocken drehte ich mich um und starrte auf die Person, die hereingekommen war. Insgeheim hatte ich wohl etwas Hoffnung gehabt, dass sich doch noch herausstellen würde, dass die Polizei eben gekommen war oder sonst jemand, der mir helfen konnte. Sogar der Anblick von Harry Smith hätte mich gerade überaus gefreut.

Aber nein, natürlich kam es nicht dazu. Ich war natürlich nicht Dornröschen und wurde auf magische Weise von einem Prinzen gerettet. Nein, es war Annabelles Mörder, der gerade durch die Tür gestürmt war.

Ich durfte jetzt erst recht keine Zeit verlieren.

Panisch drehte ich mich wieder um und fasste auf die Glasscheibe. Es war mir gerade so ziemlich egal, wie weh es tat. Die Brandblasen waren bestimmt gerade alle geplatzt. Aber ich musste jetzt trotzdem versuchen, aus dem Fenster zu klettern.

Ich zog mich hoch. Kalte Luft von draußen überkam mich. Ich war der festen Überzeugung, dass der Mörder hinter mir zu groß war, um durch das Fenster zu passen. Ja, er war nicht Thomas Graham mit dem Bierbauch, aber trotzdem. Nur wenn ich Glück hatte, war er vielleicht nicht so sportlich wie ich und hatte deswegen nicht mal die Kraft, aus dem Fenster zu klettern. Ich rutschte weiter nach vorne, hinaus in die Kälte. Ich hatte das Gefühl, viel zu langsam zu sein. Ich zog mich weiter vor, immer weiter, so schnell es ging.

Dann kippte ich nach vorne und rutschte aus dem Fenster in den Schnee. Zum Glück gab es den Schnee. Ich wollte nicht wissen, wie viele Stellen meines Körpers sonst morgen blaue Flecken haben würden.

Hastig stand ich auf. Jetzt musste ich wegrennen. Einfach irgendwohin, Hauptsache weg von hier und weg von dem Mörder.

Natürlich konnte das nicht auf Dauer funktionieren. Aber vorerst war es die einzige Möglichkeit, die ich hatte. Vielleicht gab es hier irgendwo eine Telefonzelle oder ein anderes Haus, sodass ich noch Hilfe holen konnte. Leider war hier allerdings überall nur Wald zu sehen. Der Mörder hatte doch noch nachgedacht, als er sich für diesen Ort entschieden hatte.

Ich lief los, direkt aus dieser Lichtung, in der die Hütte gewesen war, hinaus in den Wald. Es war noch dunkel – ich hatte keine Ahnung, wie viel Uhr es eigentlich war. Aber es konnte doch nicht allzu spät in der Nacht sein, oder? Ich war doch nicht so lange bewusstlos gewesen.

Leider hatte ich nicht die Zeit, um meine Umgebung genau wahrzunehmen. Aber eigentlich war das egal, Hauptsache ich kam von hier weg. Mir war es gerade wirklich wichtiger, von hier zu flüchten, als ein guter Zeuge für die Polizei zu sein.

Überall um mich herum waren Bäume. Hinten, vorne, an der Seite. Zumindest von dem, was ich sehen konnte. Ich hatte keine Ahnung, in welche Richtung ich laufen sollte. Also lief ich einfach geradeaus. Am Ende würde ich früher oder später sowieso irgendeine Stadt erreichen müssen. Oder nicht?

Außerdem, so fiel mir gerade auf, konnte er mir nicht einmal mit einem Auto folgen. Dafür war der Wald einfach zu dicht. Ich hatte das zwar nicht geplant, aber das war auf jeden Fall ein guter Nebeneffekt der Bäume.

Am liebsten hätte ich einen Blick nach hinten geworfen, einfach, um zu sehen, wie groß mein Vorsprung war. Außerdem war ich jetzt schon aus der Puste. Ich wollte stehen bleiben. Vielleicht war er mir ja gar nicht gefolgt. Dann müsste ich auch nicht mehr rennen. Dann konnte ich eine Pause einlegen...

Ich durfte auf keinen Fall schwächeln.

Ich hatte Seitenstechen. Richtig schlimm. Und mit dem Seitenstechen kamen auch alle anderen Teile meines Körpers, die wehtaten, zum Vorschein. Meine Hände, meine Knie, mein Kopf – eigentlich alles, wenn ich genau darüber nachdachte. Ich fühlte mich wie ein Wrack. Ein Wrack, das verdammt nochmal stehen bleiben wollte.

Ich hatte doch mein Handy mitgenommen, als ich in der Nacht zum Treffpunkt gekommen war.

Ich hätte die ganze Zeit die Polizei rufen können.

Ich wollte mir auf die Stirn schlagen oder sonst irgendwo. Nur ging das beim Laufen schlecht. Ich musste meine Energie woanders einsetzen.

Aber noch war es ja nicht zu spät.

Ich griff in meine Jackentasche. Dort hatte ich doch mein Handy (eigentlich ja Joes, wenn man es genau nehmen wollte) hineingetan. Ich grub herum. Bis auf zwei oder drei Kaugummipapiere war es leer. Dann wohl die andere Jackentasche. Es gab ja zwei. Ein Lippenbalsam... Das war es auch schon. Kein Smartphone. Nichts. Nada.

Na toll.

Bestimmt hatte der Pseudo-Arzt es mir abgenommen. Ich würde sogar wetten.

Wann hörte denn dieser Wald auf? Es schien mir hier ja wirklich, als wäre ich am anderen Ende der Welt gelandet. Ansonsten hätte ich doch schon längst Zivilisation gesichtet. Wenigstens ein einsames Haus hier musste es doch geben. Gab es ja auch. Das Haus des Mörders war das einsame Haus hier in der Gegend. Dass ich nicht lachte.

Ich konnte nicht anders, ich musste stehen bleiben und Luft holen.

Ich drehte mich um.

Ich hatte Angst. Angst davor, was hinter mir sein könnte. Ob womöglich der Mörder hinter mir stand. Was, wenn er eine Waffe dabei hatte?

Nichts. Niemand. Nur Bäume. Das konnte doch nicht sein. Vielleicht täuschte ich mich ja. Vielleicht versteckte er sich hinter einem Baum.

Eigentlich durfte ich kein Risiko eingehen. Ich musste weiterrennen, abhauen, solange ich noch konnte. Aber mein Körper wehrte sich dagegen. Am liebsten hätte ich mich einfach auf den Boden geschmissen und mich erholt.

Aber das durfte ich nicht, ich musste eigentlich weiterrennen. Eigentlich.

Ich konnte nicht mehr.

Plötzlich knallte es. Ich spürte einen Windzug neben mir.

Ich fluchte.

Dann drehte ich mich um und rannte weiter. Er hatte auf mich geschossen. Er hatte tatsächlich versucht, mich umzubringen. Er war noch immer hinter mir. Ich hatte ihn nicht abgehängt. Ich war noch lange nicht sicher.

Ich fluchte weiter.

Eigentlich war ich wirklich an der Grenze meiner Kraft angelangt. Ich konnte gerade nicht sonderlich schnell rennen. Ich konnte sogar gar nicht weiterrennen. Dennoch zwang ich mich, einen Fuß nach dem anderen nach vorne zu setzen, ob ich wollte oder nicht, ich durfte nicht aufhören. Solange ich mich bewegte, war es für den Mörder schwieriger, mich zu treffen.

Plötzlich drückte mich jemand fest an sich.

Panisch fing ich an, um mich zu schlagen und die Person von mir zu drücken. Da sie einen Kopf größer war als ich, konnte ich nicht sehen, wer es war, doch ich konnte es mir ja fast denken. Es war ja nicht wirklich schwer. Es gab immerhin nur zwei verschiedene Menschen in diesem Wald: der Mörder und ich.

Die Person ignorierte einfach meine Versuche, mich zu befreien und drückte mich einfach noch fester. »Bin ich froh, dich zu sehen. Ich dachte schon, ich wäre zu spät gekommen« murmelte eine mir bekannte Stimme in meine Haare, eher er anfing, meinen Kopf abzuküssen.

Joe.

Es war Joe.

Wie hatte er mich gefunden? Und was machte er hier? Ich hatte es doch gewusst. Er war in der ganzen Sache verwickelt, dieses blöde Schwein. Und jetzt hielt er mich gerade davon ab, wegzulaufen!

»Lass mich los! Ich habe keine Zeit für deine blöden Spielchen!« Ich riss mich von Joes Umarmung los und versuchte, an ihm vorbeizulaufen.

Leider ging das nicht so gut. Er hielt mich einfach am Arm fest. »Viv, hör mir zu! Ich will dir nur helfen, ehrlich. Ich weiß, dass ich viel Mist gebaut habe, aber jetzt will ich es wieder gut machen.« Genau. Das glaubte ich sofort. Diesem Idioten konnte ich doch kein bisschen trauen.

»Lass mich verdammt nochmal los! Da ist ein Mörder hinter mir her und alles, was du tust, ist, mir im Weg zu stehen! Also lass mich endlich gehen!« Wütend versuchte ich, mich von Joes Griff loszureißen. Ich traute ihm nicht. Er war bestimmt ein Komplize vom Pseudo-Arzt. Sein Verhalten letztens hatte das nur zu gut bestätigt. Außerdem glaubte ich kaum, dass er nach seinem Auftritt in der Schule plötzlich wieder nett geworden war.

»Was?« Joe sah mich entgeistert an. »Um die zwei Minuten weg von hier ist ein kleiner Pfad. Da hab ich geparkt. Sobald wir also mein Auto erreicht haben, sind wir praktisch sicher.« Was hieß hier wir? Ich würde ihm garantiert nicht in sein Auto folgen, so verlockend es auch klang.

»Das ist mir egal! Hau doch alleine ab!« Ich begann einfach zu rennen, in der Hoffnung, dass Joe mich loslassen würde.

Tat er nicht.

Stattdessen überholte er mich und zog mich hinter ihn her. Leider konnte ich nicht anders, außer diesem Idioten und Kontrollfreak zu folgen. Dabei konnte er mich doch genauso gut auch alleine entkommen lassen! Das würde ich selber auch schaffen. Ich brauchte diesen Deppen nicht. Der ja nicht einmal einen Tag lang nett sein konnte und wahrscheinlich sogar selbst für den Tod seiner Schwester verantwortlich war. Er konnte vergessen, dass ich in seinen blöden Wagen steigen würde.

Wie weit war der Mörder wohl von uns weg? Leider hatte ich überhaupt keine Ahnung. Er könnte zwanzig Meter hinter uns liegen, genauso aber auch nur zwei Meter. Dank Joe hatte ich viel zu viel Zeit mit Reden verschwendet. Wertvolle Zeit, in der ich eigentlich hätte laufen müssen.

In mir brannten so viele Fragen, die ich Joe stellen wollte. Wie er mich gefunden hatte, was er in dem Wald damals bei der Übergabe getan hatte, wieso er versucht hatte, mich zu finden und noch so viel mehr. Nur wollte ich mich nicht mit so einem Deppen unterhalten.

»Wir sind gleich da, es können nur noch ein paar Meter sein« keuchte Joe und zog mich weiter hinter sich her. Konnte ich ihm jetzt eigentlich zumindest bis wir entkommen waren, vertrauen? Ich wollte kein Risiko eingehen, dann wiederum war er wahrscheinlich meine einzige Chance zur Flucht.

Etwas glänzte. Das musste Joes Wagen sein. Joe zog seinen Autoschlüssel aus der Hosentasche und öffnete den Wagen.

Dann erreichten wir den Waldpfad und Enttäuschung breitete sich in mir aus. Gleichzeitig eigentlich auch Erleichterung, doch die Enttäuschung überwiegte. Ich konnte meine Emotionen gerade einfach nicht sortieren.

Ja, da stand Joes Wagen, das graue Auto, das vorhin aufgeblinkt war, als Joe es geöffnet hatte.

Aber davor stand noch ein Wagen. Und es war nun wirklich nicht schwer zu erraten, wem es gehörte.

Verdammt.

Ich war noch lange nicht gerettet.

Joe hatte mich endlich losgelassen und stieg jetzt in das Auto. Konnte ich ihm trauen und mich auch dazu setzen? Aber wenn der Pseudo-Arzt und Joe beide ein Auto besaßen, würde es für mich alleine eine große Schwierigkeit sein, zu entkommen.

Widerwillig setzte ich mich auf den Beifahrersitz und zog hastig die Tür zu. Ich wollte das hier wirklich nicht tun, aber ich hatte schlichtweg keine andere Wahl, außer Joe gerade jetzt zu vertrauen.

Joe schaltete in den Rückwärtsgang und raste nach hinten. Mein Herz machte einen Satz. Das wäre es jetzt noch. Wenn Joe es schaffte, einen Unfall zu bauen. Dann hätten wir überhaupt keine Chance. Ich hätte ihm bestimmt nicht vertrauen sollen.

»Wieso wendest du nicht einfach?« fragte ich in wütendem Ton. Ja, vielleicht würde ich dank ihm entkommen, aber sauer war ich auf ihn trotzdem. Und von Vertrauen würde noch lange Zeit nicht die Rede sein.

»Dann verlieren wir zu viel Zeit. Am Ende vom Pfad kann man einigermaßen gut drehen. Hier müsste ich ja zehn Mal hin und her fahren, bevor das Auto andersrum da steht.«

Ich wollte für ihn (und für mich auch eigentlich) hoffen, dass er Recht behielt.

Ich folgte Joes Blick nach hinten. Gott, was machte Joe denn für Sachen...! Ich drehte mich wieder um. Ich konnte mir das nicht anschauen. Wie Joe mit dem Tempo rückwärts an den Bäumen vorbeischoss.

Vorne sah es aber leider nicht besser aus. Der Mörder war soeben aus dem Wald gekommen und ebenfalls in sein Auto gestiegen. Und er fuhr nicht – wie Joe – nach hinten, sondern fing an, auf dem engen Weg zu wenden.

Ich wollte Joe gerade wirklich nicht zu nahe treten, aber ich glaubte, dass der Mörder mehr Fahrerfahrung hatte als Joe. Und demzufolge wusste, was er da gerade tat.

Entweder war es Zufall oder Joe hatte es mit Absicht getan, um mich in eine Falle zu locken. Damit der Mörder mich wieder erwischte.

Dieser Idiot!

»Joe, mach endlich mal schneller!« rief ich panisch. Ich hätte ihm gerne noch alles Mögliche an den Kopf geworfen, aber erstmal musste ich mich darauf konzentrieren, dass wir von hier verschwanden. Egal, ob ich ihm trauen konnte oder nicht. Und egal, was davor zwischen uns passiert war.

»Chill, wir kriegen das hin, okay?« sagte Joe, allerdings eher zu sich als zu mir. Und überzeugend klang das auch nicht gerade.

»Wo ist dein Handy?« fragte ich Joe und öffnete das Handschuhfach, um es zu suchen. Leider konnte ich es aber nicht sehen. Ich begann, etwas dort herum zu graben.

Als ich zu Joe blickte, sah ich, wie er sein Smartphone aus seiner Hosentasche zog und mir in die Hand drückte. Ich hoffte ja bloß, dass er dabei nie seine Augen von dem schmalen Weg vor uns abgewendet hatte.

Joe hatte es sogar schon mit seinem Daumenabdruck entsperrt.

»Was willst du denn damit?« fragte Joe.

»Na was schon? Natürlich die Polizei rufen, was sonst!« Ich rollte meine Augen und ging dann auf die Telefon-App, ehe ich 911 wählte. Ich wollte gerade die grüne Taste drücken, als der Bildschirm plötzlich schwarz wurde und ich ein kleines, sich bewegendes Ladezeichen sehen konnte.

Dann nichts.

»Joe, dein verdammtes Handy ist ausgegangen!« schrie ich. Vielleicht benahm ich mich ihm gegenüber nicht angemessen, aber er hatte es ehrlich gesagt nicht anders verdient!

Joe fluchte. »Nein. Verdammt. Mein Akku ist leer. Das kann doch jetzt echt nicht wahr sein...«

Meine Vorahnung hatte sich soeben bestätigt.

Eine klasse Leistung.

»Hast du denn keine Powerbank oder was Ähnliches? Solche reichen Idioten wie du haben doch tausend Ersatzakkus und was weiß ich was für Dinge, die ein Handy wieder zum Laufen bringen! Wieso ist dein verdammtes Handy leer?« schrie ich in Joes Ohr. Ich wollte ja wirklich nicht ausrasten, wirklich nicht, aber ich hatte gerade fast keine andere Wahl. Wie in aller Welt sollte ich schließlich jetzt die Polizei kontaktieren? Ich wollte wirklich nicht warten, bis wir wieder in New Willows waren. Wer wusste, wie lange das noch dauern würde.

Joe sah mich kurz panisch an und widmete sich dann wieder dem Autofahren. »Viv, wieso sollte ich etwas dafür können? Ich habe vielleicht mein Handy die ganze Zeit benutzt, um dich zu finden – da kannst du nicht erwarten, dass es noch immer genug Akku für weitere Dinge hat. Außerdem fahren wir ja jetzt sowieso einfach direkt zur Polizei und nicht nach Hause, um Kaffee oder so zu trinken. Was glaubst du denn.«

Ich konnte diesem Deppen nicht vertrauen. Er hatte nicht einmal ein Handy da, das ich benutzen konnte. Er sollte mich aus dem Auto lassen. Er war garantiert in der Sache verwickelt. Garantiert.

Aber ich konnte leider nicht aus einem fahrenden Auto springen. Mir blieb nichts Anderes übrig, außer zu warten, bis das Auto stehen geblieben war.

Ich wusste nicht, wohin ich sehen sollte. Sah ich nach vorn, sah ich, wie der Mörder wendete und uns dann ganz sicher einholen würde. Sah ich nach hinten, sah ich, wie wir die ganze Zeit fast in Bäume düsten und permanent in Lebensgefahr schwebten.

Also starrte ich einfach Joe an. Ich hätte ihn gerne angeschrien und ihm lauter fiese Dinge an den Kopf geworfen, doch ich wollte auch nicht, dass er einen Unfall baute. Das würde nur noch mehr Schwierigkeiten mit sich bringen.

Ich gab es ganz ehrlich zu, ich war frustriert, verzweifelt und fühlte mich hilflos. Ich konnte gerade gar nichts machen und durfte einfach nur zusehen, wie Joe und Annabelles Mörder über mein Schicksal entschieden. Natürlich gab es keinen anderen Weg, da ich ja nicht Autofahren konnte, doch es passte mir dennoch nicht so. Ich wollte genauso etwas machen können, aktiv beeinflussen, was passierte. So konnte ich ja nur hoffen, dass Joe nichts mit dem Fall zu tun hatte und nicht gegen einen Baum fuhr und der Mörder schon.

Na ja, vielleicht gab es doch etwas, was ich machen konnte.

Ich wollte Joe bei seinem Automanöver nicht aus dem Konzept bringen, also musste ich es selber tun. Vorsichtig beugte ich mich über Joe drüber und versuchte, den Blinker zu erreichen.

»Viv, was zum Teufel machst du?« fragte Joe, ohne allerdings seine Augen von dem Pfad abzuwenden.

»Keine Sorge, ich weiß, was ich mache« sagte ich kühl. So hatte Joe doch vorhin auch selber behauptet. Also sollte er mich jetzt auch mal machen lassen.

Ich drückte den Blinker nach hinten und ließ mich dann wieder in meinen Sitz plumpsen. Ein Blick nach vorne genügte, um mich zu freuen. Tatsächlich leuchtete das Fernlicht jetzt auf. Und blendete hoffentlich.

»Viv, was hast du gemacht?« Joe klang nicht anklagend, aber auch nicht zufrieden. Wenn jemand anklagend klingen sollte, dann ja wohl ich.

»Ich hab das Fernlicht angeschaltet. Vielleicht blendet das ja den Mörder und er fährt gegen einen Baum oder so« erklärte ich. War doch offensichtlich. Nur nicht für einen Hirnlosen wie Joe.

Joe schmunzelte. »Gute Idee. Keine Ahnung, ob es etwas bringen wird, aber wer weiß.«

Dann schlug Joe schlagartig das Lenkrad komplett nach rechts und schaltete dann in den ersten Gang, ehe er nach vorne schoss und ordentlich Gas gab.

Wir waren auf einer normalen Straße.

Ich hätte jubeln können, doch noch war ja nichts getan. Außerdem wusste ich auch nicht, ob Joe dorthin fuhr, wo ich gerne hinwollte. Nämlich zur Polizei.

Joe schaltete das Fernlicht aus. Ich sah auf die Uhr in Joes Auto. Es war erst kurz nach zwei Uhr. In der Früh. Hieß das etwa tatsächlich, dass ich über eine Stunde lang bewusstlos gewesen war? Um Mitternacht war ich im Wald gewesen. Aufgewacht war ich doch erst maximal vor einer Stunde, wenn nicht weniger. Ich war ja eine ganz schön lange Zeit weg gewesen. Irgendwie unheimlich.

Ich drehte mich kurz um. Hinter uns war ein Auto, das immer näher kam. Das Auto des Mörders. Wir hatten ihn noch immer nicht abgewimmelt. Ich fluchte vor mich hin.

»Viv, nimm mal mein Navi aus dem Handschuhfach und such nach dem nächsten Diner.«

Ich sah Joe entgeistert an.

Das war doch jetzt nicht sein Ernst, oder?

Wir waren gerade auf der Flucht, hinter uns kam ein Mörder auf uns zu, der bestimmt keine guten Absichten im Kopf hatte und was wollte Joe tun? Essen.

Essen!

War er verrückt geworden? Das war doch jetzt wirklich nicht ernst gemeint gewesen, oder? Wieso in aller Welt sollten wir zu einem Diner gehen? Wir sollten viel eher zur Polizei fahren. Aber doch nicht zu einem Diner!

»Ein Diner? Bist du blöd? Wir fahren doch jetzt nicht etwa zu einem Diner!« rief ich verwirrt.

»Ja, doch, ein Diner.« Joe drückte weiter auf das Gaspedal. Wir waren schon mit weit über 60 Meilen pro Stunde unterwegs und waren ja noch nicht mal auf der Interstate. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, keine Angst zu haben.

»Wieso?« fragte ich perplex. »Joe, du weißt hoffentlich, dass wir so schnell unterwegs sind, weil wir auf der Flucht sind und nicht, weil wir Hunger haben, oder?«

Jetzt war Joe derjenige der entgeistert dreinblickte, sich dann allerdings schnell wieder der Straße zuwendete. »Viv, denk mal nach. Wenn wir zu einem Diner fahren und in einem Diner sind, sind dort auch andere Menschen mit Handys. Wenn der Mörder nicht noch heute ins Gefängnis wandern will, wird er uns dort nicht erschießen oder auflauern oder was weiß ich was. Und wir können die Polizei rufen. Gehen wir aber schön brav nach Hause, wird er hingegen genau das tun. Uns erschießen. Ich meine, für wie verfressen hältst du mich eigentlich?« Joe schnaubte und murmelte dann vor sich hin: »Pff, mit einem Mörder hinter uns essen gehen...«

Ich wollte es nicht zugeben, aber was Joe sagte, machte Sinn. Also nahm ich einfach das Navi aus dem Handschuhfach und schaltete es an, ohne einen Kommentar von mir zu geben.

Der nächste Diner war um die zehn Minuten von hier entfernt und hieß Mikki’s 24 Hour Diner. Ich folgerte daraus, dass er auch um diese späte Uhrzeit auf sein sollte.

Ich sah mir die Landkarte etwas genauer an. Ich wollte wissen, wo wir uns denn eigentlich befanden. Als könne Joe meine Gedanken lesen, sagte er urplötzlich: »Wir sind irgendwo in der Nähe von der Interstate 90, das ist die Autobahn, die auch nach Seattle führt. Ich würde sagen, wir sind etwa eine halbe Stunde von New Willows entfernt. So Pi mal Daumen.«

Eine halbe Stunde von New Willows entfernt? Wo in aller Welt waren wir gelandet? Hier war ich noch nie gewesen und wollte es auch ganz ehrlich nicht sein.

Ich drehte mich wieder um. Ich hatte schon viel zu lange den Mörder außer Acht gelassen, was sicherlich nicht gut sein konnte. Wir mussten immerhin wissen, wie groß unser Vorsprung ihm gegenüber tatsächlich war.

Leider enttäuschend gering. Er kam uns immer näher. Und näher.

Ich drehte mich wieder um und sah auf das Display des Navigationssystems. Tatsächlich mussten wir in 500 Metern auf die Autobahn fahren. Vielleicht war das ja sogar unsere Chance, zu entkommen.

Wenn der Mörder uns nicht in diesen 500 Metern einholte.

Ich sah auf die Anzeige beim Lenkrad. Wie die Nadel langsam weiter nach rechts ging, immer näher an die 80 Meilen pro Stunde.

Dann wurden wir nach vorne geschleudert. Ich wusste nicht, was passierte, nur, dass wir nicht mehr so schön nach vorne sahen, sondern irgendwo anders hin. Ich hatte meine Orientierung verloren, ich konnte wirklich nicht sagen, was los war.

Ich sah mich um.

Jetzt wusste ich doch, was passiert war.

Er hatte uns erreicht.

Er war hinten in uns hineingefahren. Wahrscheinlich mit Absicht. Ach was, auf jeden Fall mit Absicht. Damit wir so ins Schleudern gerieten. Und jetzt schlitterten wir quergestellt über die Mitte der Fahrbahn. Vermutlich mit einer Delle im Auto.

Als ich einen Blick nach links warf, sah ich, wie ein LKW auf der Gegenspur auf uns zukam.

»Joe, fahr weiter, da kommt einer!« schrie ich. Am liebsten hätte ich ihn gerade vom Steuer geschubst und hätte selber auf das Gaspedal gedrückt. Dann war ich aber die Person ohne Fahrerlaubnis und Fahrerfahrung.

Panisch drehte sich Joe ebenfalls nach links, um sich zu vergewissern, dass auch wirklich ein LKW auf uns zukam und sichtlich nie etwas von einer Bremse gehört hatte. Wieso konnte Joe mir denn auch nicht einfach Glauben schenken und losfahren? Er konnte mir ja, im Gegensatz zu mir, vertrauen.

Plötzlich zersplitterte das ganze Glas neben mir und prasselte auf mich herab. Instinktiv hob ich meine Hände vor mein Gesicht.

Zeitgleich kam der LKW immer näher.

»Was war das?« fragte ich verwirrt und blickte aus dem Fenster. Natürlich konnte ich dort die Antwort finden. Sie schoss im wahrsten Sinne des Wortes auf mich zu. Der Mörder hatte eine Pistole auf uns gerichtet und versuchte wohl gerade, uns zu erschießen. Und hätte mich um ein Haar erwischt. Der LKW war nur noch wenige Meter von uns weg.

Was war eigentlich mit der blöden Sportivity-Karte? Wollte er die denn gar nicht mehr haben? Wenn wir beide tot waren, konnte er vergessen, die Karte je zu finden.

Jetzt war Joe es, der das Fluchen anfing. Und sich dann glücklicherweise endlich in Bewegung setzte. Mit einem ohrenbetäubenden Geräusch fuhr Joe wieder auf seine Spur. Ich atmete auf. Fast wäre ich gerade gestorben. Fast hätte er uns gerade gefasst. Fast wären wir gerade von einem LKW überfahren worden.

Jetzt fuhr der LKW einfach an uns vorbei, als wäre es ihm gleichgültig gewesen, dass man auf uns geschossen hatte und wir quergestellt auf der Fahrbahn gewesen waren.

Und da saß ich nun mit einer zersplitterten Glasscheibe und eiskalter Luft, die durch das nicht mehr vorhandene Fenster blies.

Joe bog ab und fuhr auf die Interstate. Ein Blick nach hinten bestätigte meine Vermutung, dass der Mörder uns mal wieder gefolgt war.

Ich blickte wieder auf das Navigationssystem. Wir mussten nur noch drei Minuten weit fahren. An der nächsten Ausfahrt gleich wieder abfahren und dann müssten wir kurz danach den Diner erreichen. Er war nämlich eine Art Autobahndiner.

Ich hoffte einfach zutiefst, dass wir es schafften.

»Du musst gleich wieder abfahren« sagte ich zu Joe, nur, falls er sich bei diesen hohen Geschwindigkeiten nicht gleichzeitig auch auf das Navi konzentrieren konnte. Schließlich war er nicht so ein Denker, dieser Depp.

Joe nickte abwesend.

Da war die Abfahrt.

Ich sah nochmal hinter mich. Wie in aller Welt war es möglich, dass wir trotz der hohen Geschwindigkeit und der wenigen Autos neben uns noch immer den Mörder hinter uns hatten? Wieso gab er denn nicht einfach auf?

Vielleicht machte er sich ja tatsächlich Hoffnungen, dass wir gerade zu der Sportivity-Karte fuhren – wo immer sie jetzt auch war.

»Da hinten ist der Diner, ich kann ihn schon sehen!« rief Joe, sichtlich begeistert und bremste etwas ab, als er die Kurve der Abfahrt fuhr.

Auch ich konnte sie jetzt sehen. Die rot leuchtende Mikki’s 24h Diner Aufschrift war kaum zu übersehen. Wir waren so nah dran. Es fühlte sich schon fast wie ein Déjà-vu an, da ich heute ja bereits schon mal in einer solchen Situation gesteckt hatte. In der Hütte, am Fenster, als ich sie zerschmettert hatte. So wie die zerschmetterte Fensterscheibe zu meiner Rechten. Es schien Ewigkeiten her zu sein.

Joe bog nach rechts in die Einfahrt des Diners ein und auf den kleinen Parkplatz vor uns. Es gab auch eine kleine Tankstelle daneben. Wir waren fast angekommen. Sobald wir in dem Diner waren, konnten wir eigentlich davon ausgehen, vorerst in Sicherheit zu sein. Wir mussten nur schnell genug sein. Vielleicht gab es hier ja sogar Überwachungskameras. Dann wären wir doch jetzt schon sicher.

Nein, das wäre doch viel zu einfach.

Joe parkte direkt vor dem Eingang des Diners. Klar, dann war der Weg zwischen Auto und Diner am kürzesten. Und sichtlich war genau dieser Weg der gefährlichste, denn genau dann hatten wir überhaupt keinen Schutz und keine Möglichkeit, uns zu verteidigen. Erst recht, da Annabelles Mörder eine Waffe bei sich trug.

»Auf drei sprinten wir aus dem Wagen und in den Diner, okay?« murmelte Joe leise und versuchte, seine Umgebung wahrzunehmen, ohne dabei besonders aufzufallen. Auch ich sah mich um.

Allerdings konnte ich nirgendwo den Mörder sehen.

Was, wenn er sich gerade hinter dem Auto versteckte und nur darauf wartete, dass wir aus dem Auto stiegen?

»Eins...«

Ich nahm den Gurt ab und legte meine rechte Hand bereits auf den Türgriff. Dann konnte ich gleich loslaufen und möglichst wenig Zeit verlieren.

»Zwei...«

Ich sah mich nochmal genau um, um sicherzugehen, ob sich ein Schatten irgendwo hinter uns oder vor uns bewegte. Selbst, wenn wir ihn nicht sehen konnten, hieß es ja noch lange nicht, dass er nicht hier war.

»Drei...«

Ich schlug die Tür auf und sprang aus dem Wagen. Dann knallte ich die Autotür wieder zu und rannte auf die Tür am Eingang des Diners zu. Wahrscheinlich nur um die zwanzig Meter von uns weg, das mussten wir doch schaffen. So viel war das doch gar nicht. Joe sprintete hinter mir her; ich wusste eigentlich nicht genau, wieso er mich nicht überholt hatte, wieso er nicht vor mir war. Wahrscheinlich hatte er noch sein Auto abgesperrt. Doch ehrlich gesagt brachte das nicht wirklich viel mit der zerbrochenen Fensterscheibe.

Da war die Tür, direkt vor mir. Ich schubste zwei Erwachsene, die gerade vor dem Eingang rauchten, aus dem Weg und schlug die Tür auf. Joe war direkt hinter mir.

Wir waren nur einen Katzensprung davon entfernt, in Sicherheit zu sein.

2. Kapitel

Ich setzte mich auf die Bank an der Wand am weitesten vom Fenster weg hin. Joe ließ sich neben mir nieder.

Wir hatten den Diner gefragt, ob wir Joes Handy aufladen konnten, weil er dringend damit telefonieren musste. Dann hatte ich mit der Polizei in New Willows Kontakt aufgenommen, die jetzt auf dem Weg hierher war. Das Einzige, was wir jetzt tun mussten, war abwarten. Abwarten, bis die Polizei kam und uns von hier rettete.

Jetzt hatte ich erstmal Zeit, alles zu verdauen. Das alles, alles was passiert war.

Aber davor musste ich klären, wie Joe mich hatte finden können und was er letzte Nacht im Wald zu suchen hatte.

»Zeig mal her« sagte Joe und griff nach meinen Händen, um sich die Verletzungen anzuschauen. Es fiel mir tatsächlich erst jetzt auf, obwohl ich es mir ja eigentlich schon hätte denken können. Das Glas hatte meine Hände ordentlich aufgeschürft. Getrocknetes Blut auf der Haut ließ das Ganze schon recht eklig aussehen. Ein wenig so wie damals, als Joe mitten in der Nacht bei mir aufgekreuzt war.

Sauer zog ich meine Hände wieder zurück und versteckte sie unter dem Tisch. Joe war kein Sanitäter oder Heiler. Meine Hände gingen ihn gar nichts an. Auch wenn ich nur dank ihm hier in Sicherheit saß. Verziehen hatte ich ihm deswegen noch lange nicht.

»Hat er das gemacht?« fragte Joe, urplötzlich kreidebleich im Gesicht. Ach so. Jetzt wollte er sich also plötzlich wieder Sorgen um mich machen. Nachdem er mich in der Schule wie ein Stück Dreck behandelt hatte. War er etwa in seinen Wechseljahren?

»Kann dir doch egal sein« sagte ich. Ich musste hier nicht mit Joe reden. Ich konnte genauso gut auch einfach warten, bis die Polizei kam.

Aus dem Nichts küsste Joe mich einfach. Etwas erschrocken blieb ich einfach wie versteinert in meiner Position sitzen. Das hatte ich gerade so gar nicht kommen sehen.

Als mir endlich wirklich bewusst war, was gerade passierte, schubste ich Joe von mir weg. Hallo? Ging’s noch? Was glaubte er, wer er eigentlich war? Dachte er wirklich allen Ernstes, dass ich ihm einfach so aus dem Nichts verzeihen würde? Da hatte er sich offensichtlich in mir getäuscht.

»Ich bin einfach verdammt nochmal so froh, dass es dir gut geht. Wenn dir etwas passiert wäre, hätte ich mir das nie verziehen« sagte Joe und starrte ungemütlich auf die Menükarte auf dem Tisch. War es ihm etwa peinlich, mir das zu sagen? So wie ich ihm auch peinlich war? Ich glaubte diesem Schwein kein Wort. Ein paar Tage früher und ich hätte es unheimlich nett vom ihm gefunden.

Aber es waren keine paar Tage früher.

»Für wie dumm hältst du mich eigentlich?« fragte ich wütend. »Bloß weil du etwas Auto gefahren bist, heißt es nicht, dass ich gleich wieder mit dir rede und dir verzeihe! Und wenn du es nochmal wagst, mich anzufassen, kannst du was erleben!« Ich versuchte, nicht zu laut zu werden, schließlich wollte ich nicht aus dem Diner geschmissen werden. »Außerdem kann ich dir doch sowieso nicht trauen! Am Ende bist du selber für Annabelles Tod verantwortlich, du Depp! Du hast jedenfalls ein gutes Motiv dafür! Und dein Verhalten würde auch sehr gut dazu passen.«

»Viv, wieso sagst du sowas?« Joe schien vollkommen perplex zu sein. Haha. Tolle Show zog er hier gerade ab. »Das stimmt überhaupt nicht! Ich würde meiner Schwester nie etwas antun! Wie kannst du mir das nur unterstellen?«

»Weil es doch sehr gut stimmen kann« sagte ich, dieses Mal etwas ruhiger.

»Und außerdem...« Joe holte tief Luft. »Ich weiß, dass ich gestern ziemlich viel Mist gebaut habe. Aber ich will das wieder gut machen. Es tut mir so furchtbar leid. Es ist meine Schuld, dass es so weit gekommen ist. Deswegen bin ich auch gekommen, um dich zu retten und meine Fehler wieder auszubügeln. Bitte verzeih mir doch.« Davon konnte er noch lange träumen. Wenigstens hatte er verstanden, dass er ziemlich viel falsch gemacht hatte.

Ich rümpfte verächtlich meine Nase, um ihm zu zeigen, wie egal es mir war. »Du glaubst doch nicht wirklich, dass ich jetzt einfach so nachgebe und dich gleich wieder anhimmle, oder? Ich bin keine Tracy-Tussi. Wieso gehst du nicht und nervst sie mal zur Abwechslung?«

Joe strich sich verzweifelt durch sein Haar. Ich hasste es, wenn er das tat. »Ich verstehe ja total, wenn du mir nicht verzeihen willst, aber gib mir doch bitte noch eine Chance!«

»Nein« sagte ich und stand auf, um mich an einen anderen Tisch zu setzen.

Nicht einmal zehn Sekunden und die Nervensäge war wieder bei mir. Ich seufzte genervt.

»Lass mich es erklären« begann Joe. »Schau her. Ich kann dir wirklich schwören, dass ich mit Annas Tod überhaupt nichts zu tun habe. Wirklich nichts. Und was uns beide angeht... Ich kann dir nicht sagen, wie unendlich leid es mir tut. Wahrscheinlich brauchst du einfach Zeit, bevor du mir verzeihen kannst. Solltest du mir je verzeihen können. Aber können wir bitte wenigstens wieder normal miteinander reden?«

Ich musste kurz überlegen. Ob ich ihm wirklich glaubte, dass er nichts mit Annabelles Tod haben konnte. Darüber mussten wir auf jeden Fall später noch reden, denn ich wollte einige Unklarheiten klären.

»Von mir aus« grummelte ich und starrte auf die Menükarte des Diners. Nicht, dass ich Hunger hatte. Ich hatte einfach nur keine Lust auf Joes Gesicht.

Ich hörte erleichtertes Aufatmen. »Würdest du mir erzählen, was alles passiert ist?« fragte er vorsichtig.

Eigentlich hatte ich wirklich keine Lust darauf. Aber wenn es denn sein musste, konnte ich ihn in die wichtigsten Details einweihen. Was nicht hieß, dass ich dabei nicht in einem trotzigen Unterton sprach.

Als ich fertig war, starrte Joe mich entsetzt an. »Verdammt, hattest du ein Glück, dass er telefonieren musste!« Damit hatte er letztendlich schon recht. Ohne das Telefonat würde ich wahrscheinlich noch immer dort sitzen und ihn ertragen müssen. Vielleicht würde ich jetzt sogar nicht mehr leben.

Bei dem Gedanken daran musste ich schaudern.

»Passt« sagte ich. »Woher wusstest du, dass ich in dem Wald war?« fragte ich stattdessen. Ehrlich gesagt hatte die Frage schon länger in mir gebrannt, nur hatte meine ganze Wut auf Joe das in den Hintergrund gedrängt.

» Zuerst wollte ich mich natürlich vergewissern, dass du auch wirklich nicht zu dem Treffen hingehst, also bin ich ebenfalls hingegangen. Ich hab mich zwischen ein paar Bäumen versteckt, mit der Absicht, einzugreifen, solltest du auftauchen. Allerdings hab ich dann die Pistole gesehen und na ja, dann wusste ich eigentlich, dass ich – oder wir beide – keine Chance haben würden und dass ich alles nur noch verschlimmern würde, wenn ich mitten ins Bild sprang. Also hab ich mir das Kennzeichen vom Wagen gemerkt und bin dann wieder abgehauen. Ich bin direkt zur Polizei gefahren, weil ich mir dachte, dass sie wohl am ehesten helfen können. Ich bin zu Frank gegangen, weil er sich ja so grundsätzlich mit dem Fall beschäftigt. Aber als ich ihm alles erklärt habe, wollte er mir nicht glauben. Er hat gemeint, dass es normal sei, dass man nach dem Tod einer nahestehenden Person solche Halluzinationen oder so hat. Und dass ich mich melden soll, wenn du morgen noch immer nicht aufgetaucht sein solltest. Aber ich wusste, dass das zu spät sein würde. Also hab ich mich einfach selber auf die Suche gemacht. Frank hat zwar gemeint, er ruft bei dir daheim noch an, um sicherzugehen, aber das war mir eigentlich egal, weil ich wusste, dass das nichts bringen würde.«

Deswegen hatte ich also kurz Joe gesehen, bevor ich umgekippt war. Ja, das machte Sinn. Was nicht hieß, dass ich nicht trotzdem ein wenig sauer war, dass er nichts getan hatte und einfach zugesehen hatte, wie ich fast ermordet worden war. Henry beispielsweise hätte eingegriffen.

»Und wie hast du mich jetzt finden können?« fragte ich. Das war schließlich eigentlich das, was ich wissen wollte.

»Das war eigentlich relativ einfach. Erinnerst du dich an mein iPhone, das ich dir gegeben hab? Es war noch auf meine Apple-ID angemeldet. Und mit der kannst du all deine iPhones, die angemeldet sind, orten. Ich hab also einfach dein Handy geortet und dann mein Smartphone dahin navigieren lassen. Deswegen habe ich auch direkt hinter dem Auto vom Mörder geparkt. Ich glaube, dein Handy war nämlich da drinnen.« Da war mein Handy also.

Das würde ich Joe niemals sagen, aber seine Methode, mich aufzuspüren, war wirklich schlau gewesen.

Wie gesagt: Das würde Joe niemals erfahren.

»Okay.« Ich versuchte somit, cool zu bleiben und mir nicht anmerken zu lassen, dass ich von seiner Vorgehensweise recht fasziniert war. Aber dieser Depp würde es direkt falsch verstehen und dann glauben, ich hätte ihm verziehen, was ich jedoch noch lange nicht getan hatte.

Joe zögerte kurz. »Es gibt vielleicht noch etwas, das du wissen solltest.«

Ach ja? Was denn?

Ich zog einfach eine Augenbraue hoch. Ich war nicht in Stimmung, viel mit Joe zu reden. Sonst würde ich ihn nämlich am Ende wieder anschreien.

»Werde jetzt bitte nicht sauer, okay?«

Wenn er schon mit diesem Satz ankam, würde es mir bestimmt verdammt schwer fallen, nicht sauer zu sein.

Ich zuckte einfach mit den Schultern.

»Als ich bei dir übernachtet habe und du dann in der Schule warst, da... da hab ich die Sportivity-Karte aus dem Umschlag genommen und eine von diesen Kalenderkarten auf deinem Schreibtisch genommen und darauf geschrieben, dass du nicht zu dem Treffen gehen sollst.«

Bevor ich reden konnte, hatte Joe bereits wieder das Wort ergriffen. »Bitte schrei mich jetzt nicht an, ich weiß, dass war unendlich dumm von mir und es tut mir auch wirklich wirklich leid. Ich hätte das nicht tun sollen. Wahrscheinlich säßen wir gar nicht hier, wenn ich es einfach drinnen gelassen hätte. Ich wollte einfach nicht, dass du hingehst, falls dir genau das passiert, was auch wirklich passiert ist.«

Ja ich war wütend auf ihn, das hatte Joe gut vorhergesehen. Und wie sauer ich war. Es war wirklich eine dumme Idee gewesen, ausgerechnet auf eine Karte