Früher war auch schon scheiße - Oliver Scholz - E-Book

Früher war auch schon scheiße E-Book

Oliver Scholz

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Beschreibung

»Was macht du denn?«, fragt Rudi und streift sich die Maske ab. »Das bringt doch überhaupt nichts. Wegen fünf Euro werde ich doch nicht zur Kriminellen und lasse mich von der Polizei wegen eines Raubüberfalls suchen.« »Vielleicht sind es ja mehr als fünf Euro.« »Ja, vielleicht. Vielleicht zehn oder zwanzig oder hundert. Aber dafür lohnt es sich doch genau so wenig.« »Und was schlägst du nun vor?« »Jetzt essen wir erst mal was.« »Meinetwegen«, sagt Rudi. »Also heute dann kein Überfall mehr?« +++ Dieses Buch enthält 28 ausgewählte Texte des Autors aus den Jahren 2015 bis 2022. Darunter auch brandneue und bisher nicht veröffentlichte Stories. +++ Hedwig gewinnt im Lotto und segnet kurz darauf das Zeitliche. Das passt der Neu-Millionärin natürlich gar nicht. Regina sucht seit Jahren nach Erholung und erträgt fast ein halbes Leben jährliche Campingurlaube an der Ostsee. Rudi hat eines Nachts eine Begegnung der dritten Art. Kannibale Torsten bekommt Besuch von Gott persönlich. Heiner führt ein exzessives Leben. Jeder Tag besteht nur aus zwei Extremen. Heinrich hat seine große Liebe Rosa verloren. Kurt und Gabi sind ein ungleiches Paar. Während sie die Liebhaber wechselt wie ihre Unterwäsche, beschäftigt er sich lieber mit kanadischen Kuckucksarten. Ein Motivationsseminar wird für einen Teilnehmer zum Horrortrip. Karin hat nicht mehr lange zu leben. Ihr letzter Wunsch ist es, mit der Nachbarin zu schlafen. Eine Lehrerin probt den Aufstand, eine Schildkröte entpuppt sich als Monster und Adele flirtet mit ihrem nackten Nachbarn. Norbert hat ein Waschbecken absichtlich mit der Toilette verwechselt, Emil und Joey haben nach einer Explosion Grund zum Feiern und Sabine plant einen Massenmord. Ein Alkoholiker und zwei Kampfhunde machen die Gegend unsicher. Thea lädt ihre beste Freundin zu einem außergewöhnlichen Essen ein und Frank will sich kurz vor der Hochzeit umbringen.

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Seitenzahl: 274

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Über das Buch:

Für diese Textsammlung wurden 28 Texte aus den Jahren 2015 bis 2022 ausgewählt. Die meisten davon sind vormals in den Büchern Das Glück liegt auf dem Küchenschrank und Die Rache des Regenwurms erschienen. Neu und bisher unveröffentlicht sind die Geschichten: Linsensuppe, Die letzte Fahrt, Von Mädchen und Fischen und Das Konfetti meiner Mutter.

Zum Inhalt (Inhaltsverzeichnis siehe am Ende des Buches):

Hedwig gewinnt im Lotto und segnet kurz darauf das Zeitliche. Das passt der Neu-Millionärin natürlich gar nicht. Regina sucht seit Jahren nach Erholung und erträgt fast ein halbes Leben jährliche Campingurlaube an der Ostsee. Rudi hat eines Nachts eine Begegnung der dritten Art. Kannibale Torsten bekommt Besuch von Gott persönlich. Heiner führt ein exzessives Leben. Jeder Tag besteht nur aus zwei Extremen. Heinrich hat seine große Liebe Rosa verloren. Kurt und Gabi sind ein ungleiches Paar. Während sie die Liebhaber wechselt wie ihre Unterwäsche, beschäftigt er sich lieber mit kanadischen Kuckucksarten.

Ein Motivationsseminar wird für einen Teilnehmer zum Horrortrip. Karin hat nicht mehr lange zu leben. Ihr letzter Wunsch ist es, mit der Nachbarin zu schlafen. Eine Lehrerin probt den Aufstand, eine Schildkröte entpuppt sich als Monster und Adele flirtet mit ihrem nackten Nachbarn. Norbert hat ein Waschbecken absichtlich mit der Toilette verwechselt, Emil und Joey haben nach einer Explosion Grund zum Feiern und Sabine plant einen Massenmord. Ein Alkoholiker und zwei Kampfhunde machen die Gegend unsicher. Thea lädt ihre beste Freundin zu einem außergewöhnlichen Essen ein und Frank will sich kurz vor der Hochzeit umbringen.

Inhalt

Das Glück liegt auf dem Küchenschrank

Eigenartiges Leben

Urlaub, Urlaub

Der verliebte Kannibale

Das geht Sie gar nichts an, Mister

Das Abendessen

Linsensuppe

Unterschiedlich

Frittenbude d´amour

Autokauf

Brotdose

Motivation oder: Bratkartoffeln machen glücklich

Der Traum

Null zu null

Als Frau Fischer ein Schimpanse sein wollte

Die Bäckerei

Soweit nichts Neues

Die letzte Fahrt

Liebe unter Frauen

Weihnachtsabend

Waschbecken

Emil und Joey

Frau Patschinski und der Nacktputzer

Die Schildkröte oder: Yodas Neffe

Ein nie endender Zahnarztbesuch ohne Narkose

Von Mädchen und Fischen

Kotzende Sterne

Das Konfetti meiner Mutter

Man weiß selten, was Glück ist, aber man weiß meistens, was Glück war.Françoise Sagan

DAS GLÜCK LIEGT AUF DEM KÜCHENSCHRANK

H: »Auf diesen Tag habe ich mein Leben gewartet. Nicht wegen des Babys. Das ist ein schöner Bonus. Aber endlich mal sechs Richtige plus Zusatzzahl. Wenn meine Eltern das noch erlebt hätten. Die haben auch jede Woche getippt, wissen Sie? Und nun sagen Sie mir, ich sei tot?«

T: »Ja, in der Tat, Frau Hoffmann.«

H: »Aber ich bin erst 64.«

T: »Ich weiß.«

H: »Kann es sein, dass Sie sich da nicht irren.«

T: »Keinesfalls.«

H: »Sicher?«

T: »Todsicher.«

H: »Aber ausgerechnet heute? Ausgerechnet jetzt? Ich meine, da scheinen mir einfach zu viele Faktoren, zu viele Umstände zusammenzukommen; bin ich denn tatsächlich schon dran? Sicher, dass Sie sich nicht doch irren? Jeder kann sich schließlich mal vertun.«

T: »Mag sein, dass Sie so empfinden, werte Frau Hoffmann. Aber es bestehen keine Zweifel. Sie stehen hier für heute auf meiner Liste. Deshalb habe ich Sie geholt. Außerdem vertue ich mich nicht. Sowas kann ich mir gar nicht erlauben. Ich bin der Tod. Ich mache keine Fehler.«

H: »Aber vielleicht handelt es sich gerade bei mir ja um eine klitzekleine Verwechslung. Vielleicht ist eine andere Hedwig Hoffmann gemeint. Mich schreibt mit zwei f und zwei n. Schauen Sie doch noch einmal nach. Nicht, dass Sie mich mit einer Hedwig Hofmann mit nur einem f verwechseln.«

T: »Ich irre mich nie, Frau Hoffmann. Irren ist was für Menschen und nichts für jemanden von meiner Art.«

H: »Aber gerade heute ist mein Enkel geboren. Ich habe ihn doch noch gar nicht gesehen. Und nur eine halbe Stunde zuvor habe ich im Lotto gewonnen. Und wie gesagt, ich bin außerdem erst 64. Jung und rüstig. Ich habe mich doch gut gefühlt. Ja, mir geht´s gut, prima, alles bestens. Könnte gar nicht besser sein.«

T: »Mag alles sein, Frau Hoffmann. Ändert aber nichts an der Tatsache, dass ich Sie holen musste.«

H: »Und mein Enkel. Und der Lottogewinn?«

T: »Vielleicht war es die Aufregung.«

H: »Die Aufregung, die Aufregung. Nun hören Sie aber mal auf! Sonst rege ich mich gleich mal wirklich auf! Hören Sie, Herr Tod?«

T: »Sie können tun und lassen, was Sie wollen. Ändert alles nichts mehr. Tot ist tot.«

H: »Und sowas nennt sich nun Glückstag! Ich will sofort mit Ihrem Vorgesetzten sprechen.«

T: »Bitte? Welchen Vorgesetzten?«

H: »Na ja, es wird doch wohl irgendjemanden geben, dem Sie unterstehen.«

T: »Der Tod ist Chefsache, Frau Hoffmann. Wie gesagt, Sie können sich beschweren und jammern wie Sie wollen. Ändert alles nichts mehr. Glauben Sie mir, Sie sind nicht die Erste und werden nicht die Letzte sein.«

H: »Ich würde Ihnen auch die Hälfte von meinem Lottogewinn abgeben.«

T: »Lassen Sie uns bitte kurz den Papierkram erledigen, um die Sache zu Ende zu bringen.«

H: »Dreiviertel des Gewinns?«

T: »Ich mache mir nichts aus Geld, Frau Hoffmann.«

H: »Den ganzen Gewinn plus Ersparnisse?«

T: »Geld spielt in meiner Welt keine Rolle.«

H: »Gibt es denn nicht irgendwas, dass ich tun kann, um die Angelegenheit rückgängig zu machen.«

T: »Nein. Sie können mit mir jetzt diesen Fragebogen ausfüllen und dann legen wir Ihr Leben zu den Akten. Normales Prozedere.«

H: »Ein Fragebogen? Was soll denn das nun wieder? Was wollen Sie mit einem Fragebogen? Ich bin doch angeblich tot. Oder ist das hier sowas wie Versteckte Kamera?«

T: »Diese Befragung ist gemäß unseren AGBs absolut notwendig und von jedem ausgeschiedenen Lebewesen zu absolvieren.«

H: »Moment mal. AGBs? Was ist das denn für ein hirnverbrannter Schwachsinn?«

T: »Können wir nun endlich anfangen, Frau Hoffmann?«

H: »Und was soll das für eine Befragung sein, wenn ich fragen darf?«

T: »Eine Meinungsumfrage. Eine Art Zufriedenheitsstudie. Wir wollen feststellen, wie Ihnen das Leben auf der Erde gefallen hat. Wir wollen das Produkt schließlich stetig verbessern.«

H: »Das Produkt? Das Leben ist für Sie also ein Produkt?«

T: »Natürlich. Was dachten Sie denn, Frau Hoffmann?«

H: »Jedenfalls nicht, dass es sich bei meinem Leben, um ein Produkt handeln könnte. Wann wollen Sie mir das denn verkauft haben?«

T: »Genau genommen haben wir es ja nicht Ihnen, sondern Ihren Eltern verkauft. Aber, ob das Produkt gefallen hat, können selbstverständlich nur Sie uns sagen. Als Userin sozusagen. Können wir nun also beginnen?«

H: »Userin? Aber bitte. Wenn es unbedingt sein muss.«

T: »Frage 1: Auf einer Skala von 1 bis 10, wobei 1 den schlechtesten und 10 den besten Wert darstellt: Würden Sie sagen, Sie haben Ihre Lebenszeit sinnvoll genutzt?«

H: »So ein Schwachsinn. Das ist doch absurd.«

T: »Frau Hoffmann. Bitte machen Sie einfach mit.«

H: »Was soll ich dazu so spontan sagen? Ich habe drei Kinder großgezogen, war fürsorgliche Hausfrau, Mutter und Ehefrau. Ich denke schon, dass es sinnvoll war.«

T: »Bitte verwenden Sie die Skala von 1 bis 10.«

H: »Dann 4.«

T: »4? Sie sagten doch gerade, dass Sie Ihre Existenz für sinnvoll erachtet haben. Das klingt für mich nach mindestens einer 8. Also vielleicht einer 10 mit Abstrichen.«

H: »Soll ich hier den Fragebogen ausfüllen oder wollen Sie das übernehmen?«

T: »Sie haben Recht. Also meinetwegen. Eine 4. Ist vermerkt. Obwohl ich es nicht verstehe. Aber zu den Gründen kommen wir ohnehin später noch.«

H: »Später? Wie lange geht denn Ihre Studie?«

T: »Frage 2: Gibt es etwas, dass Sie nun, da Sie nicht mehr unter den Lebenden verweilen, bereuen?«

H: »Das können Sie sich ja wohl denken. Ich bin gerade Oma geworden und habe im Lotto den Jackpot geknackt! Frischegebackene Millionärin und Großmutter! Hallo? Da liegt es wohl auf der Hand, dass ich es bereue, weder meinen Enkel noch das Geld je zu Gesicht zu bekommen!«

T: »Nun, das kann ich nachvollziehen, Frau Hoffmann. Aber ich möchte hier vielleicht noch einmal darauf hinweisen, dass es darum geht, ob Sie etwas bereuen, was Sie zu Lebzeiten getan oder eben nicht getan haben? Ich hake hier deshalb nach, da Sie der Tod, zugegebenermaßen, vom Timing her, etwas unglücklich erwischt hat.«

H: »Wie das klingt. Vom Timing her. Der Tod war vom Timing her ungünstig. Gibt es denn ein ideales Timing, um den Löffel abzugeben?«

T: »Bitte, bleiben wir beim Thema, ja? Also, Ihr Tod trat nun einmal unmittelbar nach der Geburt Ihres Enkels und der Bekanntgabe des Lottogewinns ein. Sie hatten zu Lebzeiten also gar keine Chance mehr Ihren Enkel zu sehen und den Lottogewinn zu erhalten. Genauso wenig hatten Sie die Chance, durch Ihren eigenen Einfluss die Geburt oder den Lottogewinn zu beschleunigen. Es lag nicht in Ihrer Macht.

Unsere Frage zielt jedoch genau auf diesen Aspekt ab. Gibt es etwas, dass Sie bereuen, getan oder eben nicht getan zu haben, obwohl die Möglichkeit dazu jederzeit bestanden hätte?«

H: »Sie haben ja echte Probleme.«

T: »Nun, Ihre Antwort bitte.«

H: »Natürlich gibt es Dinge, die ich bereue. Ich hätte vieles anders machen können. Wenn ich mich mit Peter und Susanne nicht so verkracht hätte, hätte ich vielleicht noch Kontakt zu Ihnen. Und ich wollte immer mal eine Kreuzfahrt machen, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Ich wollte reisen, die Welt sehen und nicht immer nur hier in Kleinkleckersdorf herumbutschern. Wenn Sie verstehen, was ich meine?«

T: »Peter und Susanne sind bitte wer?«

H: »Zwei meiner Kinder. Und Sabine ist meine jüngste Tochter. Die, die heute das Baby bekommen hat. Der Peter ist ja leider Gottes schwul und Susanne Nonne geworden.«

T: »Können wir Gott aus dem Spiel lassen?«

H: »Ok, von mir aus.«

T: »Sie bereuen also, zu zweien Ihrer drei Kinder keinen Kontakt mehr zu haben? Und Sie bereuen, dass Sie nicht öfters verreist sind?«

H: »Ja. Aber was heißt öfters verreist? Ich bin noch nie in meinem Leben verreist. Ich habe mein ganzes Leben hier verbracht. Bin nie rausgekommen. Sie können sich vorstellen, als da heute Abend auf dem Bildschirm meine sechs Zahlen mit Zusatzzahl kamen; da habe ich mich schon auf dem Deck eines Luxuskreuzfahrtschiffes gesehen. In der Südsee. Mit einem Cocktail ... eine Villa ...«

T: »Schon gut, Frau Hoffmann. Ist notiert. Ich denke, ich habe verstanden. Kommen wir zu Frage 3: Warum haben Sie die Dinge, die Sie bereuen nicht zu Lebzeiten getan?«

H: »Das ist doch ganz einfach.«

Kurzes Schweigen. Stille.

T: »Frau Hoffmann?«

H: »Ja?«

T: »Ihre Antwort.«

H: »Ach so. Ja. Also ... ähm ... äh ...«

T: »Warum haben Sie die Dinge, die Sie bereuen, nicht einfach bereits zu Lebzeiten getan?«

H: »Wann denn? Erst waren da die Kinder, auf die ich Rücksicht nehmen musste. Dann hatten wir Eheprobleme. Da konnte ich auch nicht. Das fühlte sich nicht richtig an. Und der Haushalt musste ja trotzdem gemacht werden.«

T: »Nach meinen Unterlagen hat Sie Ihr Mann für eine andere Frau verlassen.«

H: »Eheprobleme. Sage ich ja.«

T: »Das war vor über fünfzehn Jahren.«

H: »Wie das dann eben so ist, Herr Tod. Kennen Sie das denn nicht?«

T: »Mit Verlaub, Frau Hoffmann. Das kenne ich nicht.«

H: »Immer denkt man sich: Morgen gehe ich es an. Ab morgen lebe ich mein Leben. Und dann kommt immer wieder etwas dazwischen. Und wenn es nur die Wäsche ist. Und dann verschiebt man es. Wieder und wieder und ...«

Erneute Stille.

H: »... und wieder.«

T: »Ich nehme jetzt einfach mal auf, dass es Ihnen Ihre häuslichen Pflichten nicht ermöglichten, Ihr Leben zu leben und zum Beispiel zu reisen. Ist das in Ordnung?«

H: »Was spielt das jetzt noch für eine Rolle?«

T: »Brauchen Sie ein Taschentuch?«

H: »Nein, warum?«

T: »Für mich sieht es so aus, als würden Sie weinen.«

Hedwig Hoffmann schluchzt leise.

H: »Kein Problem.«

T: »Und dieser Streit mit Ihren Kindern, den Sie erwähnten und bereuen; hatte die Beilegung auch etwas mit Ihren häuslichen Pflichten zu tun?«

H: »Natürlich nicht.«

T: »Sondern?«

H: »Mit Stolz, Herr Tod. Einfach nur mit Stolz.«

T: »Stolz?«

H: »Stolz und Dummheit dann eben.«

T: »Können Sie das näher ausführen?«

H: »Sie klingen wie ein Richter.«

T: »Noch nie was vom Jüngsten Gericht gehört?«

H: »Sitze ich hier etwa auf der Anklagebank?«

T: »War nur ein Scherz, Frau Hoffmann. Nur ein unbedeutender Jux. Unangebracht von mir. Entschuldigen Sie, bitte. Natürlich ist das hier kein Gericht. Es ist eine Meinungsumfrage. Die übrigens erheblich länger dauert als sonst üblich. Vielleicht daher auch mein unangemessener Anflug von Heiterkeit. Bitte entschuldige Sie vielmals. Der Tod zu sein, ist selbstverständlich eine seriöse Tätigkeit.«

H: »Diskretion, hm?«

T: »Das trifft es am besten, Frau Hoffmann, ja.«

H: »Also, um das Ganze zu Ende zu bringen: Ich war eventuell einfach zu stolz und zu dumm, um wieder auf meine Kinder zuzugehen. Ich war enttäuscht, als Peter mir sagte, er lebe mit einem Mann zusammen. Nicht, weil er schwul ist, sondern weil er es mir so spät gesagt hatte. Warum hatte er nicht schon früher mit mir geredet? Ich dachte immer, ich wäre eine gute Mutter. Ich dachte immer, mit mir könne man über alles reden. Mir vertrauen. Stattdessen hat mein Ältester jahrelang ein großes Geheimnis vor mir. Wissen Sie, wie man sich da als Mutter fühlt?«

Der Tod runzelt die Stirn.

Er atmet hörbar ein und hält die Luft an. Dann hebt er kurz einen Zeigefinger, lässt ihn aber wieder sinken.

H: »Na ja, und die Susanne ist ja ins Kloster gegangen. Sie hat gesagt, ich hätte mich versündigt, weil ich Rainer verlassen habe.«

T: »Rainer?«

H: »Mein Ex.«

T: »Ah ja, richtig.«

H: »Dabei hatte er mich doch verlassen. Betrogen und verlassen. Und Susanne gab mir die Schuld. Weil die Kirche sagt, dass Ehebruch eine Sünde ist. Sie gab mir die Schuld an allem. Das konnte ich ihr nicht verzeihen.«

T: »Aber letztlich wären Sie froh, wenn Sie doch noch einmal mit Ihr gesprochen hätten?«

H: »Ja, sie hat mehrfach versucht, mich anzurufen. Aber ich bin nicht rangegangen.«

T: »Lassen wir das so stehen. Frage 4: Würden Sie sagen, dass Ihr Leben glücklich war, insofern sich dieses nicht bereits aus den Fragen 1 bis 3 ergeben hat?«

H: »Hm, da muss ich nachdenken.«

T: »Wir haben aber keine Zeit.«

H: »Ich bin tot. Da habe ich ja wohl alle Zeit der Welt.«

T: »Würde ich nicht sagen.«

H: »Warum?«

T: »Weil der Nächste bereits vor der Tür wartet, Frau Hoffmann. Was haben Sie denn gedacht? Dass Sie heute die Einzige sind, die gestorben ist? Das Wartezimmer ist proppevoll. Also, bitte. Beantworten Sie einfach kurz und präzise die vierte Frage. War ihr Leben ein glückliches Leben? Ja oder Nein?«

H: »Als wenn man das mal eben so kurz beantworten kann. Da muss man ja auch einiges erklären. Ich meine, was ist denn schon Glück? Ein Augenblick in einem langen Leben, den man vielleicht nur ein einziges Mal so fühlt. Vielleicht zwei Mal, im besten Falle drei Mal. Aber was anderes ist Glück doch nicht. Glück ist immer nur ein kurzer Moment. Wir suchen und streben ein Leben lang danach. Und wenn es dann mal anklopft, sind wir nicht zu Hause.«

T: »Frau Hoffmann, es geht hier nicht um die Definition oder Ihre Interpretation des Begriffes Glück, sondern um die Frage, ob Sie glücklich waren mit Ihrem Leben.«

H: »Ist doch egal. Ich bin tot. Was spielt es jetzt noch für eine Rolle, ob ich glücklich war?«

T: »Es mag für Sie nie eine Rolle gespielt haben und auch jetzt keine mehr spielen, aber für unsere Studie und damit die Verbesserung des Produktes spielt es sehr wohl eine Rolle. Tun Sie doch einfach Ihren Nachfolgern auf Erden einen Gefallen. Ihrem Enkel zum Beispiel.«

H: »Herrgott noch mal! Nein, mein Leben war nicht glücklich. Zufrieden?«

T: »Ich bitte Sie noch einmal darum, Gott aus dem Spiel zu lassen, Frau Hoffmann.«

H: »Entschuldigung. Was haben Sie denn gegen Gott?«

T: »Was soll ich gegen ihn haben? Wir sind nur nicht gut aufeinander zu sprechen. Aber das tut hier auch nichts zur Sache. Also! Ihr Leben war nicht glücklich. Meinen Sie denn, Ihr Leben wäre glücklicher gewesen, wenn Sie all die Sachen getan hätten, die Sie bereuen nicht getan zu haben?

H: »Hätte, wäre, könnte. Was soll das? Steht das da alles in Ihrem Fragebogen?«

T: »Nein, das interessiert mich bei dieser Form der Antwort nur immer persönlich.«

H: »Wenn das so ist. Dann können Sie mich mal am Arsch lecken, Herr Tod.«

T: »Ich kann verstehen, dass Sie gereizt sind, Frau Hoffmann. Aber es besteht kein Grund für Verbalentgleisungen. Sie sollten dem Tod mit Respekt begegnen.«

H: »Respekt? Sie bringen mich hier geradewegs in mein Grab und da soll ich vor Ihnen auch noch salutieren und dankbar sein, oder was?«

T: »Sagen Sie mir doch einfach, was Ihrer Meinung nach für ein glückliches Leben notwendig gewesen wäre.«

Wieder kurze Stille.

H: »Ich habe mir darüber nie Gedanken gemacht, ok? Ich habe jung geheiratet. Da stand die Familie immer an erster Stelle. Und als mich mein Mann später verlassen hat und die Kinder aus dem Haus waren, da war ich doch schon zu alt für den ganzen Quatsch.«

T: »Sie nennen es Quatsch? Gerade eben sagten Sie noch, Sie fühlen sich jung und rüstig und sind erst 64 und ...«

H: »Ok, hören Sie zu, ich sage es Ihnen, weil Sie es ja offensichtlich hören wollen! Und weil es Ihnen große Freude bereitet, sich im Unglück anderer zu wälzen: Ich war in meinem Leben nie glücklich! Ich habe immer nur für andere gebuckelt und nie an mich selbst gedacht. Ich wurde zu einer unansehnlichen verschrumpelten alten Hausfrau und deshalb hat mich mein Mann auch irgendwann verlassen. Ich kann ihm deshalb nicht mal böse sein. Und Susanne hatte recht! Ich habe Rainer mit meiner vergrämten Art ja geradezu in die Arme dieser anderen Frau getrieben. Und eine soooo tolle Mutter kann ich auch nicht gewesen sein. Sonst hätte der Peter ja früher mit mir geredet. Aber ich habe mich ja lieber hinter Wäschebergen, Staubsaugen und Blumengießen versteckt. Immer nur versteckt. Die ganze Zeit. Anstatt auch mal an mich zu denken. Oder an etwas Schönes. Und es ist mir bewusst, dass es im Leben auch darum geht. Man kann nicht immer nur für andere da sein. Man muss auch mal Egoistin sein und an sich selbst denken. Leben! Ich wollte doch eigentlich nur leben. Ganz einfach nur leben. Nicht bloß existieren! LEBEN! Verstehen Sie?«

Schweigen. Der Tod schenkt sich Kaffee nach. Das Heißgetränk plätschert in seinen Becher mit der Aufschrift LANG LEBE DER TOD. Wie sehr Hedwig Hoffmann frischen Kaffeeduft liebt. Gerne hätte sie auch ein Tässchen gehabt, wusste aber, dass die Frage danach überflüssig gewesen wäre.

H: »Herr Tod? Verstehen Sie, was ich meine?«

T: »Fahren Sie einfach fort.«

H: »Ich glaube, ich habe den Karren voll an die Wand gefahren. Ich habe alles kaputt gemacht, was mir je etwas bedeutet hat. Und zu allem Hohn kommt dann noch dazu, dass mein Leben gerade heute eine Wendung nehmen sollte. Mein Enkel wird geboren und ich gewinne im Lotto.«

T: »Und in diesem Moment, da fühlten Sie sich glücklich?«

H: »Na klar! Natürlich! Das war so ein Moment des Glücks. Ich wollte überschäumen voller lauter Glück. Das war irgendwie ... geil! Das sagen doch die jungen Leute immer so, oder? Ja, genau! Geil, war das! Einfach nur geil. Ein geiles Gefühl, Herr Tod! Und dann kommen Sie einfach so, mir nichts, dir nichts daher, und nehmen mir mein Leben einfach weg. Genau in diesem geilen Moment?«

T: »Scheiß Timing, sage ich ja.«

H: »Und dann stellen Sie mir hier diese saudämlichen Fragen, um mir am Ende meiner Zeit noch einmal einen richtigen Arschtritt zu verpassen. Ich kann Ihnen nicht sagen, was hätte anders sein müssen, um glücklich zu sein. Wahrscheinlich alles! Ich hätte einfach alles anders machen müssen. Und wenn Sie mich noch einmal zurückschicken könnten, dann würde ich sehr wahrscheinlich alles anders machen und mich ändern und endlich leben. Endlich glücklich sein.«

Stille. Der Tod nippt vorsichtig am heißen Kaffee.

H: »Herr Tod? Bitte! Ich glaube, ich habe es jetzt wirklich kapiert. Ich werde mich ändern. Wenn Sie mir die Chance dazu geben, werde ich mich ändern! Das verspreche ich Ihnen hoch und heilig!«

T: »Wenn ich jedes Mal einen klitzekleinen Blumentopf für diesen Satz, in diesem Raum bekommen hätte, besäße ich nun einen hektargroßen Urwald. Glauben Sie mir.«

H: »Können Sie denn nicht eine Ausnahme machen? Nur eine winzige Ausnahme. Ich habe es doch nun wirklich verstanden. Versprochen! Ehrenwort! Ich schwöre!«

T: »Aber so ist es ja nun einmal mit dem Leben und dem Tod, Frau Hoffmann. Sie hätten sich darum früher Gedanken machen können. Jeder muss einmal sterben. Dessen sollte man sich bereits zu Lebzeiten stets bewusst sein. Danach ist es zu spät. Wir können nichts dafür, wenn Sie und die Menschen da unten ihre Lektion nicht schon früher lernen. Es tut mir leid, Frau Hoffmann. Es tut mir wirklich sehr leid.«

H: »Und wie geht es nun weiter?«

T: »Ich habe noch eine letzte abschließende Frage: Was können wir Ihrer Meinung nach tun, um das Produkt Leben noch besser zu machen?«

Sie blicken sich tief in die Augen. Stimmung wie in einem Western. Plötzlich ertönt „Spiel mir das Lied vom Tod“.

T: »Sorry, mein Handy.«

Der Tod drückt auf den roten Hörer.

T: »Nun?«

H: »Ja, also, wenn ich das alles abwäge und wenn ich es genauer betrachte, dann ...«

T: »Ja, Frau Hoffmann? Dann?«

H: »Nehmen Sie Ihr Produkt am besten vom Markt!«

T: »Warum sollten wir das tun?«

H: »Weil es keine Rolle spielt, ob Ihr Produkt gut oder schlecht ist. Ob es zufrieden stellt oder Anlass für eine Reklamation bietet. Am Ende stehen Sie doch sowieso mit Ihrem beschissenen Fragebogen vor einem und sagen: Das hätten Sie sich früher überlegen müssen, Frau Hoffmann. Das hätten Sie schon zu Lebzeiten erledigen können, Frau Hoffmann ... Was macht es da für einen Unterschied, ob mich Ihr Produkt zwischenzeitlich begeistern konnte oder nicht.«

T: »Aber das macht einen gewaltigen Unterschied, Frau Hoffmann. Einen ganz Gewaltigen sogar. Schauen Sie mal: Vor Ihrer Zeit war das große Nichts. Da gab es Sie einfach noch nicht. Nach Ihrer Zeit folgt wieder das große Nichts. Da gibt es Sie nicht mehr. Und dazwischen, ja, dazwischen, da liegt einfach alles, Frau Hoffmann. Zwischen Geburt und Tod liegt einfach alles.«

H: »Ach, was wissen Sie als Tod schon von der Zeit dazwischen.«

T: »Was ich damit sagen will, Frau Hoffmann, ist, dass jede Sekunde des Lebens kostbar ist. Das mag in Ihren Augen, zum jetzigen Zeitpunkt, nicht mehr von Relevanz sein. Aber wenn Sie jede Sekunde mit wertvollem Leben füllen und Ihre Zeit nutzen, dann haben Sie ein Leben gelebt, von dem Sie am Ende mit einem weinenden Auge, aber auch mit einem lachenden Auge Abschied nehmen können. Und wenn wir es einrichten können, dann gehen Sie sogar mit zwei lachenden Augen. Weil Sie gerne gelebt haben. Weil Sie etwas, aus der Ihnen geschenkten Zeit gemacht haben. Und weil Ihr Leben erfüllt gewesen ist. Mehr kann man vom Leben nicht verlangen.

Aber es ist nun mal an Ihnen, die Zeit auch mit Leben zu füllen und sie so zu gestalten, dass sie lebenswert und möglichst voller Glücksmomente ist. Uns oder vielmehr mir, dem Tod, können Sie am Ende doch nicht die Schuld in die Schuhe schieben, Ihr Leben nicht so gelebt zu haben wie Sie wollten. Habe ich Sie etwa daran gehindert? Habe ich es Ihnen verboten oder Sie von irgendwas abgehalten? Nein. Im Gegenteil. Sie wissen, seit Sie denken können, dass jedes Leben endlich ist und dass am Ende der Tod steht. Und gerade, weil dieses so ist, hatten Sie genug Möglichkeiten und Chancen, vorher etwas zu unternehmen. Gerade weil Sie wissen, dass Sie nicht ewig leben werden. Die Zeit vor dem Tod, nennt sich Leben, Frau Hoffmann. Bei einem Tier könnte ich es eventuell noch nachvollziehen. Ein Tier weiß nicht, dass es mal sterben wird. Das ist ein Fluch und ein Segen zugleich. Ein Tier lebt ganz einfach. Es lebt. Es lebt, obwohl es nicht weiß, dass es einmal sterben wird. Müsste der Mensch dann nicht noch viel mehr leben und noch viel mehr aus seiner Zeit machen, Frau Hoffmann? Gerade weil er das einzige Lebewesen ist, das um seinen Tod und die Endlichkeit weiß? Wissen Sie, Frau Hoffmann, mit dem Glück ist es manchmal wie mit einer Tafel Schokolade, die vor einem Kind versteckt wird. Es liegt ganz oben auf dem Küchenschrank, doch es ist nicht vollkommen unmöglich, es zu erreichen.«

Hedwig Hoffmann senkt den Kopf und schluckt.

H: »Was soll ich sagen, Herr Tod? Schuldig?«

T: »Geben Sie nur nicht mir die Schuld an Ihrem Tod oder vielmehr, an dem, was einmal Ihr Leben gewesen ist. Sie wussten fast Ihr Leben lang, wo die Schokolade versteckt ist. Ob Sie sich ein Stückchen oder gar die ganze Tafel holen, lag immer nur bei Ihnen, Frau Hoffmann. Nur bei Ihnen! Aber auch Schokolade hat nun einmal ihr Verfallsdatum.«

H: »Sind wir dann fertig?«

T: »Ich glaube, dann haben wir es, Frau Hoffmann. Wenn Sie dann bitte hier noch unterschreiben würden?«

H: »Eine Unterschrift?«

T: »Nur für die Akten. Die Bürokratie endet selbst im Tode nicht, sage ich immer.«

H: »Und wie geht es jetzt weiter?«

T: »Gar nicht, Frau Hoffmann. Sie gehen nun bitte durch diese Tür dort und dann war es das.«

H: »Was ist denn hinter der Tür?«

T: »Nichts. Hinter dieser Tür ist nichts.«

H: »Ich gehe also da durch und dann ist nichts?«

T: »Ja, zumindest nehme ich das an. Durch diese Tür gehen alle nach der Befragung. Was genau dahinter ist, weiß ich natürlich nicht. Bisher ist jedenfalls noch keiner zurückgekommen, falls Sie das meinen.«

H: »Kann ich nicht einfach durch die Tür gehen, durch die ich hineingekommen bin?«

T: »Das Thema hatten wir doch schon. Ich muss Sie nun leider wirklich bitten zu gehen. Draußen warten, wie gesagt, noch andere Kandidaten. Kommen Sie, ich halte Ihnen die Tür auf.«

H: »Eins will ich Ihnen aber noch sagen, Herr Tod.«

T: »Ja, bitte.«

H: »Wenn es nach dem Tod so etwas wie eine Wiedergeburt gibt, dann werde ich es im nächsten Leben besser machen. Das verspreche ich Ihnen trotzdem.«

T: »Nun denn, Frau Hoffmann. Dann wünsche ich Ihnen eine fröhliche Wiedergeburt und auf ein Neues.«

H: »Man sieht sich immer zwei Mal!«

T: »Im Leben.«

H: »Was?«

T: »Das Sprichwort besagt, dass man sich immer zwei Mal im Leben sehen würde.«

H: »Ach so, ja. Stimmt.«

T: »In diesen Räumlichkeiten sieht man sich in der Regel nur ein einziges Mal.«

H: »Sicher sind Sie sich aber auch nicht, Herr Tod, oder?«

T: »Gute Reise, Frau Hoffmann. Was auch immer hinter der Tür kommen möge.«

Hedwig Hoffmann schreitet über die Schwelle und verschwindet.

»Ja, ja, immer wieder die gleiche Leier. Ich kann es bald nicht mehr hören. Wer vorher lebt, der stirbt entspannter«, sagt der Tod, während er in die Leere blickt.

Er schließt die Tür.

»So. Dann wollen wir mal. Einen schaffe ich vor dem Mittag noch. Der Nächste, bitte.«

K tritt ein.

K: »Das kann gar nicht sein. Das kann alles überhaupt gar nicht sein. Es muss sich um einen fürchterlichen Irrtum handeln. Ein schreckliches Missverständnis.«

T: »Guten Tag. Ich bin der Tod und Sie sind hier, weil Sie gestorben sind.«

EIGENARTIGES LEBEN

Heiner Lehmann führt ein eigenartiges Leben. Jeden Morgen steht er um 7:00 Uhr auf. Dann macht er Kaffee, putzt sich die Zähne, das Übliche. Gegen 9:00 Uhr beginnt Heiner mit dem richtigen Frühstück. Denn erst ab 9 hat er so richtig Appetit. Es ist jedes Mal ein nie enden wollendes Frühstück und geht quasi automatisch ins Mittagessen über. Er isst und isst und kann einfach nicht aufhören, so einen Hunger hat er. Und alles schmeckt ihm, alles könnte er essen, den ganzen Vorrat; nicht nur das, was im Kühlschrank ist, sondern auch die Sachen, die er noch im Keller lagert. Er schlingt nicht. Er isst gemütlich, mit Bedacht. Dennoch sind es vermutlich mehr als eintausend Kalorien pro Stunde, die er seinem Körper zumutet.

Spätestens um 13 Uhr hat er so viel gegessen, dass er todmüde auf dem Sofa einschläft. Suppenkoma, Fressnarkose. Ende im Gelände. Heiner Lehmanns Magen bietet schließlich keine endlosen Kapazitäten.

Gegen 14 Uhr wacht er wieder auf, reckt und streckt und dehnt sich ausgiebig. Dann schlüpft er in seine Sportklamotten und beginnt auf bestialische Art und Weise mit dem Training. Bis circa 19 Uhr gönnt er sich keine Pause.

Er joggt wie ein Irrer ums eigene Haus. 50, 60, 70 Runden im Höchsttempo, bis sein Kopf puterrot ist und er sich fast erbrechen muss. Danach Liegestützen. Manchmal bis zu 200 Stück pro Tag; bis ihm sämtliche Muskeln brennen und er sich selbst zu hassen beginnt. Dann ab auf den Heimtrainer. Vollgas bis sich das Herz kreischend überschlägt und Heiner tiefschwarz vor Augen wird. Es folgen 80 Klimmzüge, 220 Sit-Ups, 115 Kniebeugen und 158 Crunches. Obwohl Heiner Lehmann glaubt, dass Crunches doch irgendwie das gleich sind wie Sit-Ups. Vielleicht macht er die Übung auch einfach nur verkehrt. Und selbst wenn, es ist ihm herzlich egal. Sein Training ist gnadenlos und Namen spielen keine Rolle.

Neu in Heiners Sortiment: ein Springseil. Das Seilspringen verlangt ihm noch einmal alles ab. 10 Minuten am Stück, so viel muss er schaffen. Er muss, er muss, er muss. Alles unter 10 Minuten am Stück zählt nicht.

Und dann geht´s noch 45 Minuten auf den Crosstrainer, der mangels Platzes in der Küche steht. In der Küche hat sein Tag begonnen, hier endet er. Erst nach 5 Stunden nimmt der Spuk ein Ende.

Erschöpft und schweißgebadet und vollkommen hinüber schmeißt sich Heiner wieder auf das Sofa. Zum Duschen fehlt ihm die Kraft. Nur, wenn ihn sein eigener Körpergeruch nervt, wenn der Geruch so richtig schön penetrant beißt, gönnt er sich eine Dusche. Sein Körper nimmt den folgenden Tiefschlaf aber auch ohne Dusche dankend an.

Er schläft ausgiebig. Heiners geschundener Körper braucht die Erholung. Schließlich klingelt um 7 Uhr schon wieder der Wecker. Und dann geht alles von vorne los.

Bei einem so eng getakteten Tagesablauf braucht man an andere Dinge gar nicht erst zu denken. Familie, Freunde oder arbeiten zum Beispiel.

Wie soll er bei all dem Stress auch noch einer geregelten Arbeit nachgehen? Er findet oftmals ja nicht einmal mehr die Zeit oder die Kraft, um zu duschen, geschweige denn, um sich nach einem Job auch nur umzuschauen.

Heiner Lehmann fragt sich, ob er jemals Arbeit, eine Frau oder Glück finden wird. Eine Verpflichtung dazu besteht ja nicht. Das wäre auch noch schöner. Eine Pflicht, glücklich zu sein. Wie die Wehrpflicht. Sinnlos und komplett schwachsinnig.

URLAUB, URLAUB

Wäre sie als Junge geboren worden, hätten ihre Eltern sie Reginald nennen wollen.

»Allen Ernstes! Ohne Scheiß! Reginald!«, lallt sie.

Zum Glück ist Regina dann aber ein Mädchen geworden. Es sei das erste und letzte Mal in ihrem Leben gewesen, dass sie wirklich Glück hatte.

Wir kennen uns nicht, hocken am Tresen, sind die letzten Gäste in der Bar. Der Barkeeper deutet auf eine imaginäre Armbanduhr. Wir haben sowieso genug. Ich habe genug und Regina schon lang. Sie hat mir ihre halbe Lebensgeschichte erzählt. Ob sie das alles ernst meint oder der Rum aus ihr spricht, lässt sich nur schwer sagen.

***

Regina freute sich auf den Urlaub mit ihrem Mann. Es sollte ihr erster Urlaub zu zweit sein. Nur Rolf und sie. Ein Urlaub ganz ohne Kinder. Ohne Stress, ohne enges Campingmobil, ohne weitere Verantwortung für einen anderen Menschen. Ohne die Abhängigkeit von Schulferien und ohne das ständige Gemurre der jungen Leute, die sowieso viel lieber zu Hause geblieben wären und und und. Da gab es noch viele weitere Gründe, was im kommenden Urlaub anders, ja, schöner werden würde, dachte Regina. Endlich würde sie einen Urlaub erleben, der das bewerkstelligen sollte, für was er angedacht war.

Erholung. Allein schon dieses Wort. Erholung. Es besaß etwas Magisches, etwas Krampflösendes, etwas Schwereloses. Aber das war nicht immer so. In ihrem bisherigen Leben stand dieses Wort lediglich für eine Lüge. Für ein trügerisches Ziel, eine Fata Morgana. Ein sich nicht erfüllender Traum und Sehnsucht. Erholung. Regina wollte das gelobte Land der Erholung endlich selbst erleben. All die Jahre konnte sie nur davon träumen. Und nun sollte es tatsächlich soweit sein. Sie konnte es fast nicht glauben.

***

Als sie ihren Mann Rolf vor fünfundzwanzig Jahren kennengelernt hatte, wurde sie sehr bald schwanger. An Urlaub war da gar nicht zu denken. Auch nicht in den darauffolgenden vier Jahren. Schließlich hatten Regina und Rolf mit Kind 2, 3 und 4 noch für Nachschub gesorgt.

Den ersten gemeinsamen Urlaub gab es erst viel später. Da waren sie bereits sechs Jahre verheiratet. Was für eine Zeit. Regina stellte es sich von Anfang an