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Ein Leben in der österreichischen Provinz. Manchmal passieren Dinge, dann wieder nicht. Herr KOFLER schreibt seine Geschichten nieder. Weil es sonst ja keiner macht.
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Seitenzahl: 135
Veröffentlichungsjahr: 2015
www.tredition.de
Früher war ich jünger
41 Geschichten aus dem Leben eines einfachen Mannes
www.tredition.de
© 2015 Herr KOFLER Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7323-4788-9
Hardcover:
978-3-7323-4789-6
e-Book:
978-3-7323-4790-2
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Inhalt
Armin Assinger gibt alles
Entscheidungsschlacht an der Kot d‘Azur
Das mieseste Foul der Welt
Grabesstimmung beim Schikurs
Pinkler, Bullen und Prostituierte
Showdown in der Volksschule
Mädchenabend am Großglockner
Das Beinahe-Drama von Loipersdorf
Ferialpraktikanten aus der Hölle
Das vielleicht schönste Tor aller Zeiten
Der Zug nach Nirgendwo
Mit dem Motorrad durch die USA (Teil 1)
Mit dem Motorrad durch die USA (Teil 2)
Mit dem Motorrad durch die USA (Teil 3)
Sauna-Gang in Finnland
Einsame Momente in der Samenbank
Andy Borg lockert einen Mord auf
Schläferstündchen beim Villacher Fasching
Warum aus mir kein Radrennfahrer wurde
Als ich Udo Jürgens vorgaukelte, einen Chauffeur zu haben
Wie ich meine Frau kennengelernt habe
Der Tag, an dem ich den Krieg verschlief
Reifeprüfung
Fehlentscheidung im Whirlpool
Kurztermin am Standesamt
Kreativ-Termin beim Rotlichtkönig
Erinnerungen an Hansi Dujmic
Nahkampf in der Wasserrutsche
Ein Interview mit Franz Klammer
Sentimentale Geschichte über mein erstes Auto
Durchgeknallte Nachbarn
Die letzte Schlacht
Opfer der Zensur
Der Tag, an dem mich Franz Wohlfahrt überrollte
In schlechter Gesellschaft
Ich werde Vater
Ein Mittelfinger zuviel
Ein Moped namens Oscar
Ich klopfe in Hollywood an (Teil 1)
Ich klopfe in Hollywood an (Teil 2)
Abschließendes Geständnis
Das Buch
Herr Kofler sitzt bei einem Soda-Radler und muss ernüchtert feststellen: statistisch gesehen hat er die Hälfte seiner Lebenszeit hinter sich gebracht. Da er zuletzt auch immer öfter unangenehme Erinnerungslücken bei sich bemerkt, fasst er den Entschluss, seine Geschichten niederzuschreiben. Memoiren quasi. Es geht um bemerkenswerte Frauen, seltsame Jobs, sich übergebende Prominente und eine auffällige Unfallhäufigkeit.
Der Autor
Herr Kofler ist Anfang der 1970er-Jahre am östlichen Stadtrand von Villach geboren. Keine Edel-Gegend, können Sie mir glauben. Aber tadellose Kindheit. Es folgen: Studium der Politikwissenschaften, Traumfrau, Jobs bei diversen Zeitungen, Superkind, dieses Buch.
Herr Kofler mag Willy DeVille, seine Triumph Bonneville und, Sie werden es sich vermutlich schon gedacht haben, Soda-Radler. Vom Autor sind bisher auch folgende Bücher erschienen:
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Armin Assinger gibt alles
Ende der Neunzigerjahre. Ich arbeitete bei der Kleinen Zeitung, als der Chefredakteur eine Frage an die versammelte Redaktion stellte: „Wer will mit Armin Assinger in einer Saab 105 fliegen?“ Keiner meldete sich. Ob das an Assinger, dem einstigen Schisportler, der später als „Millionenshow“-Moderator zum Star wurde, oder am alten Militär-Jet lag, weiß ich nicht.
Zwei Stunden später fand ich mich in der „VIP-Schaukel“ wieder. So nannte man beim Heer die viersitzige Saab, eine Sonderanfertigung, ursprünglich zu Ausbildungszwecken konstruiert, die zusätzlich verwendet wurde, um Promis den Himmel zu zeigen. Assinger hatte den Flug zum Geburtstag geschenkt bekommen. Und weil der Platz neben ihm frei geblieben wäre, hatte das Heer die größte Zeitung Kärntens eingeladen. „Ihr werdet 15 bis 20 Minuten in der Luft sein, nicht länger“ zwinkerte uns der Presseoffizier zu. Assinger und ich, beide in kurzen Hosen (es war Hochsommer), lachten souverän. Es sollte das letzte Lachen an diesem Tag sein. Als die Saab über die Klagenfurter Rollbahn hinausdonnerte und abhob, war uns augenblicklich klar: Das wird bitter. Sehr bitter. Der Flug sollte, entgegen der Ankündigung, fast eine Stunde dauern. Die – zum damaligen Zeitpunkt – längste Stunde meines Lebens. Wir flogen vom Großglockner bis zum Murtal, kreuz und quer. Als Feinddarsteller in einer Heeres-Übung, wie uns der Pilot erst nach einiger Zeit erklärte.
Es war schrecklich. Wenn man das Fliegen in einem Jet nicht gewöhnt ist, hat der Körper massive Probleme mit Tempo und Fliehkraft. Ich war schweißgebadet, mir war übel, ich wollte raus. Egal, in welcher Höhe. Gerne auch ohne Fallschirm. Ich war bereit, vor den Herrn zu treten.
Doch Assinger ging es noch viel dreckiger als mir. Nach etwa 20 Minuten knickte er ein – und griff erstmals zu den Speibsackerln,die sich an der Rückenlehne der Pilotensitze befanden. Sie waren überraschenderweise von der Lufthansa. Assinger füllte unter lautem Würgen das erste Sackerl. Dann das zweite. Die Geräuschkulisse und der säuerliche Geruch, der sich im Cockpit verbreitete, machte es auch für mich nicht leichter. Wir mussten ein erbärmliches Bild abgegeben haben: Der große Sportler erbrach sich unentwegt, der kleine Reporter daneben schwitzend, pressatmend, den Blick starr geradeaus.
Dass ich es fast 30 Minuten lang schaffte, dem Co-Piloten nicht ins Kreuz zu kotzen, betrachte ich bis heute als eine meiner stärksten Willensleistungen. Assinger war deutlich weniger zurückhaltend: Bis zum Ende des Fluges hatte er alle verfügbaren Behälter in der Saab angefüllt. Er hatte sprichwörtlich das Letzte aus sich herausgeholt.
Nach gefühlten drei Tagen setzt die Saab endlich zur Landung an. Blöderweise hatte der Presseoffizier, der den Flug organisiert hatte, Rundfunk und Zeitungen informiert. Und so waren eine ORF-und mehrere Fotokameras auf uns gerichtet, als wir, durchnässt wie nach einem Dampfbadbesuch und aufeinander gestützt wie Kriegsverletzte, über die mobile Treppe aus dem Jet zum Asphalt hinunter taumelten. Himmelhunde auf dem Weg aus der Hölle. Assinger gab keine Interviews. Wie hätte er auch sollen? Er konnte nicht mehr sprechen. Die Komantschen hatten ausgepfiffen. Die Presse verzichtete anständigerweise darauf, am nächsten Tag Fotos von uns abzudrucken.
Entscheidungsschlacht an der Kot d‘Azur
Als meine Tochter zwei Jahre alt wurde, machten wir den ersten Familienurlaub. Das Geld war zwar knapp, doch Menschen, die in Villach leben, bleibt immer noch Lignano. Diese Perle der oberen Adria, mit ihren höchstens 100.000 identen Sonnenschirmen und Meerwasser in bester Kläranlagenqualität.
Die Stunden am Strand waren zäh: heiß, überbevölkert, laut. Solche Umstände wären wohl für viele Menschen mühsam gewesen, aber für mich, der ich am liebsten alleine mit dem Motorrad durch die USA fuhr, war es die Hölle.
Trost spendete meine Tochter. Von meiner Frau unter fünf Zentimeter Sonnencreme konserviert, stakste das bezauberndste Mädchen der Welt nackt bis auf ein mit Blumen verziertes Häubchen im Sand herum. Ganz vorne am Strand, dort, wo die Wellen ans Ufer kotzten.
Hannah trug eine Plastikschaufel in der linken, einen Kübel in der rechten Hand. So viel Neues, so viel zu entdecken, es waren aufregende Stunden für sie. Ich lag im seichten Wasser, dort, wo die anderen Kinder mit Vorliebe ihre Blase entleerten, und ließ mich von den sanften Wellen schaukeln.
Dann hatte Hannah etwas entdeckt, das ihre Aufmerksamkeit nachhaltig erregte. Zwei italienische Buben, vielleicht fünf, sechs Jahre alt, hatten eine beachtliche Sandburg gebaut, nur wenige Meter von jener Stelle entfernt, an der ich den gestrandeten Wal gab. Die Burg war rund einen Meter hoch, vielleicht zwei Quadratmeter groß und von einem exakt gezogenen Graben umgeben, der mit Meerwasser gefüllt war.
Hannah hatte beschlossen, an den Bauarbeiten teilzunehmen. Die Buben hatten beschlossen, dies nicht zu dulden. Hannah näherte sich. Die Buben stießen sie weg. Hannah näherte sich. Die Buben stießen sie weg. Immer und immer wieder. Hannah war zäh. Das gefiel mir. Was mir weniger gefiel: die zunehmend grobe Art der beiden Fratzen. Die Zeichen standen auf Eskalation. Noch einmal, dachte ich, noch ein einziges Mal stoßt ihr mein Kind um und ich werde es rächen.
Während ich mir noch überlegte, ob es effizienter wäre, die beiden Dolme mit dem Schädel voraus in ihre Burg zu stecken oder ob ich sie doch besser in der Adria versenken sollte, fand Hannah einen eigenen Weg, ihrer Empörung Ausdruck zu verleihen (und der Begriff „Ausdruck“ passt hier ganz besonders gut).
Breitbeinig stellte sie sich über den Burggraben, einen Fuß in der Burg, einen draußen. Und dann, liebe Leute, dann schiss mein großartiges Kind einen imposanten Haufen und setzte ihn treffsicher mitten in das Wasser
„Pflog“ machte es – und das Essen vom Vortag trieb als übel riechendes Zeichen des Protests im Burggraben. Eine Art Shitstorm, lange bevor es diesen Begriff gab.
Hannah blieb ruhig. Sie hatte das Letzte aus sich herausgeholt. Ich bin mir bis heute sicher, dass sie in diesem Augenblick ganz genau wusst hat: Spiel, Satz und Sieg. Die Buben hingegen, die hatten verloren – den Kampf um die Burg und ihre Contenance: „Wäh, was für eine Sau“, riefen sie und ergriffen angewidert die Flucht. Es war ein beeindruckender Sieg meiner Tochter. Ich war sehr stolz auf sie.
Seither nenne ich die Obere Adria liebevoll Kot d‘Azur.
Das mieseste Foul der Welt
Mit 16 Jahren schaffte ich den Sprung in die Kampfmannschaft meines Fußballvereins. Super eigentlich. Kleine Einschränkung: Dies war weniger auf mein Talent zurückzuführen als auf den wirtschaftlich desaströsen Zustand meines Klubs, der die Verpflichtung guter Kicker einfach nicht mehr zuließ.
In Summe kickte ich rund 20 Mal bei den Großen mit, meist kam ich als Einwechselspieler in der zweiten Halbzeit zum Einsatz. So auch bei jenem Stadtderby, in dem mein Verein, der Magdalener Sportclub, gegen Treffen spielte, ein anderes Team aus der Villacher Peripherie. Beide Vereine brauchten dringend Punkte, das Match stand auf des Messers Schneide – und wurde darob härter. Gelbe Karten fast im Minutentakt.
In der 60. Minute war es soweit: Unser Trainer entschied, die Defensive zu verstärken. Warum er dabei ausgerechnet an mich dachte? Man weiß es nicht. „Geh. An Den. Mann!“, brüllte er mich an: „Der Gegner muss dich spüren!“ Dabei schüttelte er mich kräftig durch. Am liebsten hätte er mir wohl einen als Motivation gedachten Kinnhaken verpasst.
So war er halt, der Trainer. Ein knapp zwei Meter großer Holzhacker mit den tief liegenden blauen Augen eines Serienmörders auf der Flucht. Ein Mann, der ein gutes Slide tackle stets höher einschätzte als einen raffinierten Doppelpass. Als Verteidiger müsse man, so lautete sein Credo, einen Stürmer vom Rasen auf die Aschenbahn jenseits des Spielfeldrandes hinausgrätschen. Mindestens.
Aber immerhin: Der Mann hatte ein paar Bundesligamatches in den Beinen, für uns Spitzkicker aus der Vorstadt war er Gott. Und an Gottes Wort zweifelt man nicht. Mit wild verzerrtem Gesicht und Schaum vor dem Mund stand ich, aufgepeitscht, übermotiviert und zu allem bereit, an der Outlinie, um eingewechselt zu werden.
Kaum, dass ich im Spiel war, nahm das Unglück seinen Lauf. Meine Mannschaft war zu weit in den Angriff aufgerückt – und plötzlich Konter. Der einzige, der den auf unser Tor zustürmenden Treffner noch stoppen konnte, war ich. „Der Gegner muss mich spüren“, hämmerte es in meinem Kopf: „Muss. Mich. Spüren!“ Ich rannte, so schnell ich konnte, seitlich auf den Stürmer zu. Wir kamen einander immer näher. Ich war auf Kollisionskurs, Titanic nichts dagegen.
Rückblickend muss ich sagen: ja, freilich, es hätte mehrere Möglichkeiten gegeben. Den fairen Rempler zum Beispiel. Oder die Grätsche, um den Ball wegzuspitzeln. Meinetwegen auch den Griff zum Trikot. Aber im Hinterkopf lief halt leider der Soundtrack des Verderbens: „Dein Gegner muss dich spüren. SPÜ-HÜ-HÜREN!!!“ Ich entschied mich folgerichtig für die Fleischhacker-Version. Rammte den Stürmer mit voller Wucht. Ich kam über ihn wie der jüngste Tag. Ich war alle apokalyptischen Reiter in einem. Ich war das Ende alles Seins.
Ein Aufschrei ging durch Stadion, immerhin waren rund 400 Fans gekommen. Sie sahen, was ich sah: Einen Treffner Stürmer, der, von mir schwer in der rechten Flanke getroffen, laut brüllend, wie ein Rakete abhob und in hohem Bogen durch die Luft flog. Geschätzte zehn Meter weiter, unserem Tor näher, war klar: Houston, wir haben ein Problem. Die Rakete setzte zur Landung an. Vielmehr: sie schlug ein. Kopf voraus. Ich bin mir sicher, dass die Erschütterung sogar in der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik in Wien messbar war. Der Exekutierte lag regungslos in seinem Elend. War ruhig. Ich stand da mit schreckensgeweiteten Augen. Es war still geworden im Stadion. 400 nervöse Hebammen, die den ersten Schrei des Neugeborenen herbeisehnten. Dann endlich heulte er los. Hielt sich Bein, Bauch und Kopf gleichzeitig, klagte sein Unglück. Ich wusste: „Glück gehabt, nix passiert.“
Zum Entschuldigen kam ich nicht mehr. Längst hatte mich der Schiedsrichter erreicht und mir aus 20 Zentimetern Entfernung die Rote Karte ins rechte Nasenloch geschoben. In der 60. Minuten war ich gekommen. In der 62. Minuten trat ich ab. Eine bescheidene Bilanz. Mein Entsetzen schlug in Zorn um. Beim Abgang schleuderte ich einen Schuh und eine Wasserflasche nach dem völlig unschuldigen Linienrichter. Am Weg zur Kabine wurde ich von den Zuschauern völlig zu Recht übelst beschimpft und bedroht..
Der Kärntner Strafsenat sperrte mich für ein Match. Was aber bedeutungslos war: Ich spielte nie wieder in der Kampfmannschaft.
Grabesstimmung beim Schikurs
Ich fahre nicht gerne Schi.
Das war früher anders. Da habe ich sogar Geld im Schnee verdient. Als Schilehrer. Nicht, weil ich so gut war. Sondern, weil ich damals mit 19 ein passables Englisch und ein einigermaßen vertretbares Italienisch sprach. Und am Hausberg meiner Heimatstadt Villach, dem Dobratsch, auf dem inzwischen längst alle Lifte abgebaut worden sind, gab es viele englische Schulklassen und italienische Urlauber. Was war da mangelnde Technik im Vergleich zur Fähigkeit zum Smalltalk? Eben.
Die Schilehrer-Phase war eine durchwachsene. Sich monatelang in klirrender Kälte mit Anfängern am Berg herumzuplagen, ist harte Arbeit. Einen Großteil des Tages verbrachte ich in der so genannten Schneepflug-Position, bei der man die Knie aneinanderpresst und die Füße nach außen stellt. In dieser Stellung lernt man Schifahren. Gegen Ende der Saison waren die Knie an den Innenseiten wundgescheuert und es fiel mir schwer, aufrecht zu gehen.
Einmal musste ich einer Gruppe Jugendlicher aus England Grundkenntnisse beibringen. Bei der Kontrolle der Ausrüstung vor dem Hotel fiel mir ein Junge auf, der bei ein paar Grad unter Null mit kurzärmligem Leibchen, Fäustlingen und geschulterten Schiern vor mir stand. Null Kälteempfinden. Der junge Mann strahlte über das ganze Gesicht, jede einzelne seiner unzähligen Sommersprossen schrie mir „Good morning“ entgegen. So freundlich der Kerl auch wirkte: irgendetwas passte nicht an ihm. Die Gesamterscheinung war irgendwie seltsam.
Es dauerte lange, bis ich es erkannte: Der Kerl trug die Schnallen seiner Schischuhe innen. Innen! Er hatte es also tatsächlich geschafft, den linken Schischuh am rechten Fuß zu tragen und umgekehrt. Wenn Ihnen fad sein sollte, können Sie das ja gerne einmal zu Hause probieren. Ich weiß bis heute nicht, wie man das schafft, ohne sich mindestens acht der zehn Mittelfußknochen zu brechen.
Eine italienische Familie vertraute mir ihre drei Kinder im Alter von sechs bis zehn Jahren an. Alle drei trugen die Schischuhe richtig herum und waren auch abseits vom Ankleiden, auf der Piste, einigermaßen talentiert. Ich dachte, ein paar Anfeuerungsrufe könnten nicht schaden. „Come Tomba!“ rief ich begeistert: „Macht es wie Tomba!“ Ich erntete entsetzte Gesichter
Zur Erklärung: Es war die Zeit, als der italienische Superstar Alberto Tomba den Slalom-Weltcup dominierte. Und wer wäre besser, um ihn als Vorbild für junge Italiener zu nennen?
Eine Woche lang schrie ich also aufmunternd meine Tomba-Sätze. Eine Woche lang erntete ich verstörte Blicke. Erst am Ende des einwöchigen Schikurses nahm mich der Vater der Buben diskret zur Seite.
Die Kinder hatten ihm von meinen Motivationsmethoden erzählt. Es gebe da ein Problem. „Wir sind aus Süditalien, aus Bari“, sagte er, „meine Jungs haben keine Ahnung vom Schi-Weltcup. Sie wissen nicht, wer Alberto Tomba ist.“
Und für derart unkundige Italiener heiße „tomba“ halt nur das, was das Wort eigentlich bedeute: „Grabstein.“ Ich hatte den drei Youngsters also sieben Tage lang empfohlen, wie ein Grabstein zu fahren…
Ein anderer Bub aus Italien stellte sich erstaunlich ungeschickt an. So richtig. Bewegungstalent eines Hochspannungsmasten.
Immer und immer wieder zeigte ich ihm die Schneepflugstellung. Erklärte ihm, wie man eine kleine Kurve nach links oder nach rechts bewerkstelligte und wie man stehenblieb. Es half nichts: Sobald er Fahrt aufgenommen hatte, wurde er zur unkontrollierbaren Pistengefahr, zur unguided missile. Er kannte nur eine Richtung: die diretissima.
Unangenehm wurde es, wenn die Schneise, die er benötigte, nicht frei war. Andere Kinder, Zäune, Büsche, Liftfahrer, Schilehrer – er rammte alles. Ein italienischer Panzer.
Ich war verzweifelt. Seit fünf Tagen übten wir, null Fortschritt. Mittlerweile waren wir am Anfängerhügel ein gefürchtetes Paar. Sobald wir die Piste betraten, machte der Rest Platz. Ich fragte einen Kollegen, der im Unterschied zu mir eine Ausbildung als Schilehrer hatte, was man mit einem so dermaßen ungeschickten Schüler tun soll. Kurs abbrechen?
