Frühling 45 - Karl Friedrich Borée - E-Book

Frühling 45 E-Book

Karl Friedrich Borée

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Beschreibung

Berlin vom Untergang zum Neuanfang. Dicht am Alltag, ohne falsche Sentimentalität, voller Tatsachen und einnehmend erzählt. Die Wiederentdeckung eines Ausnahmeautors. Es beginnt mit einem Glücksfall: Der Ich-Erzähler kann im Februar 1945 zusammen mit seiner Frau und seiner Tochter in einem ruhigeren Randbezirk in ein von seinen Besitzern verlassenes Haus ziehen, in dem sich nur noch die Haushälterin und geheime Vorräte befinden. Eindrücklich und wendungsreich wird das Leben der kleinen Gemeinschaft in einer Zeit geschildert, in der die Vergangenheit brutal versinkt und das Kommende mehr als dunkel ist. Aber sie ist nicht nur gekennzeichnet von Todesangst, Zerstörung, Hunger und dem ängstlich erwarteten Eintreffen der Sieger, sondern auch von optimistischen Planungen für eine demokratische Zukunft und ganz persönlichen Sehnsüchten, die in dieser apokalyptischen Situation mitunter zu grundsätzlichen Lebensfragen werden. Dann kommt der Frieden und bringt eigene Gefahren mit sich. Ruhe tritt jedenfalls noch längst nicht ein. Lebendig und kompromisslos erzählt Borées autobiographisch geprägter Roman von diesen drastischen Tagen in der Geschichte Berlins.

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Seitenzahl: 711

Veröffentlichungsjahr: 2017

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KARL FRIEDRICH BORÉE

FRÜHLING

45

Chronik einerBerliner Familie

Roman

Mit einer Nachbemerkungzum Autor

Groß ist das, wovon wir gezwungensind zu erzählen.Eugen Rosenstock-Huessy

Inhalt

I. KAPITEL

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

II. KAPITEL

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

III. KAPITEL

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

IV. KAPITEL

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

V. KAPITEL

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

VI. KAPITEL

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

I. KAPITEL

1

Als wir drei aus dem Bahnhof traten, wußte ich plötzlich, daß sich in unserm gemeinsamen Schicksal ein Wandel vollzog. Ich spürte seinen vorüberschleifenden Vorhang in der Luft. Ja, vielleicht war es wirklich diese reine, ein wenig mit Waldruch gewürzte Luft, woran ich ihn spürte: wir würden noch nicht befreit sein, aber aus der Mitte entlassen und an den Rand des Geschehens beurlaubt. Eine deutliche Hoffnung begann in mich einzuziehen, fast ein Glaube, ein Glaube an Überstehen und Leben. Vorbereitet hatte sich dieser Wandel – wenn man nüchtern auf die Abfolge der Dinge zurückblickte –, vorbereitet hatte er sich allerdings schon am Morgen: als jene Dame, Frau Thiemann, uns anrief und von dieser plötzlich freigewordenen Wohnung Mitteilung machte, – Engel der Verkündigung! Indes was galten Verheißungen noch? – Aber dies war da: die unverstaubte Luft, der saubere Schmuckplatz vor dem Bahnhof, die heiligen Kiefern, die Gärten hinter den leichten Zäunen. Wir traten in eine andere Welt: aus der Welt der beklemmenden Menschenenge und des drohenden Steins in eine Welt der geräumigen, atmenden Natur.

Meine Frau sagte: „Hier sieht es ja aus wie in einem Kurort!“

„Nur die Baracken dürften dort nicht stehen“, wandte ich ein. Auf der großen Rasenfläche stand eine Baracke, aus der soeben ein Soldat trat. Vermutlich war auf dem Türmchen, das den Bahnhof krönte, eine Luftwache eingerichtet.

„Moment mal!“ sagte Maximiliane, unsere Tochter. „Du rennst so los.“

„Immer rechts an den Zäunen entlang“, versicherte ich, „die Rheinallee hinunter.“

Es war ein Nachmittag im Februar, aber ein Tag von solcher Milde, wie ihn der Frühling zuweilen vorausschickt, auch in Berlin. Schon nach dreißig Schritten wurde uns in unseren Wintermänteln und unter unserem schweren Gepäck heiß. Meine Frau und Maximiliane schleppten zwischen sich einen zweihenkeligen Flechtkorb, ich einen Rucksack und einen Handkoffer. Der Flechtkorb war ein fremdartiges Erzeugnis, vermutlich aus einer balkanischen Hausindustrie. Die Kriegswirtschaft beschenkte uns hin und wieder mit halbüberflüssigen Waren derartiger Herkunft, die dann plötzlich die Schaufenster füllten, um den Mangel wegzutäuschen. Meine Frau hatte aus aufgestauter Kauflust sogleich drei dieser Körbe erstanden und nach Haus gebracht. Wir hatten sie belächelt, doch nun triumphierte sie.

Die breite Promenade mit ihren vier Baumreihen war menschenleer, und die Villen, die sehr locker in Gärten standen, zwischen hohen Kiefern, sahen aus, als wären sie vom Kriege ausgenommen. Man konnte Frau Thiemann glauben, daß hier draußen im äußersten Zipfel der Stadt noch keine Bombe gefallen sei. Wir gingen schweigend, zweifellos machte uns alle drei der Eindruck des anderen stumm; aber mich drosselte auch die Angst vor der abgründigen Unzuverlässigkeit der Dinge, die uns die Zeit gelehrt hatte.

Dann kamen wir an die Moselstraße und bogen dort ein. Gärten, Bäume, Landhäuser. Die Straße war schmaler, die Stille noch eindringlicher. Und dann standen wir nach dreißig weiteren Schritten vor der Pforte, welche die Nummer 12 trug. Zwei hohe Buchen flankierten sie. Wir setzten unsere Lasten ab, obgleich die Pforte nur angelehnt war.

Das Haus lag auf einem Hügel, seinem Privathügel sozusagen. Zur Moränenlandschaft der märkischen Heide gehören solche Sandkuppen. Es war ganz von Kiefern umstellt und bewachsen. Man sah den Weg an einer Garage vorbeilaufen und danach zwischen Gebüsch in die Höhe steigen.

„Was machen wir, liebe Leute, wenn das jetzt nicht klappt?“ fragte Maximiliane. „Ich meine, ich spreche es einmal aus.“

„Warum soll es nicht klappen?“ fragte meine Frau.

„Also gehen wir!“ Ich drückte die Pforte auf.

Der Weg legte in seine natürliche Steigung noch sechsunddreißig Stufen ein, um die Haustür zu erreichen. Ich zählte sie sofort und überlegte auch gleich, ob es ein Vorteil oder ein Nachteil in der Fliegergefahr wäre, daß das Haus auf solcher Kuppe stehe.

Ich klingelte, aber man hörte nichts.

„Vielleicht haben die hier jetzt Sperrstunde.“

Ich klopfte. Da wurde alsbald geöffnet, und eine rundliche Person mit blondiertem Haar und spitzer Nase stand in der Tür. Auf der Nase hielt sich ein Klemmer. Ohne Zweifel hatten wir es mit ‚Flitta‘ zu tun: diese Kennzeichen und dieser Kinderstubenname waren uns als ihr Signalement mitgegeben worden. Ich schätzte dies weibliche Wesen auf vierzig Jahre. Flitta war zur Bewachung des Hauses zurückgelassen, mitsamt einem schwarzen Spaniel, wie wir nun sofort erfuhren; denn ein solches Tier drückte sich um ihre Füße. Es war offenbar altersschwach oder krank, und ich vermutete, daß man es aus diesem Grunde nicht für wert befunden hatte, ‚mitverlagert‘ zu werden, sondern es ebenfalls zum Inventar des Hauses geschlagen hatte, das man dem weiteren Verlauf der Dinge füglich überließ.

Flitta empfing uns mit augenscheinlicher Freude und Hilfsbereitschaft. Nicht wie ‚Ausgebombte‘ – ein Ausdruck, der mir wegen seines komischen Klanges verhaßt war. (Ich fand das französische ‚sinistrés‘ viel würdiger, aber die anfängliche Mischung von Mitleid und Scheu, mit der man den Bombengeschädigten begegnet war, hatte sich längst gewandelt. Man entledigte sich dieser peinlichen Gefühle seit Jahren dadurch, daß man die Unglücklichen kurzerhand um eine Gesellschaftsstufe degradierte.)

Flitta befreite uns von unserem Gepäck und half den Frauen aus den Mänteln und schien der Unstimmigkeit zwischen unserem Aufzug und der Eleganz des schmalen Entrees nicht zu achten, während wir uns ihrer schämten, – wir: ich bezog mindestens Maximiliane in diese Empfindung ein – und schickte sich dann unverzüglich an, uns durch das ganze Haus zu führen, wobei sie eine gebietende Sicherheit mit Gebärden verband, die uns anzeigten, daß nach ihrer Auffassung das ganze Reich ihrer Herrschaft nun uns zu Gebote stehe. Ich deutete ihre überraschende Freude dahin, daß sie glücklich sei, nicht mehr allein jenem ‚weiteren Verlauf der Dinge‘ entgegengehen zu müssen, sondern sogar in empfohlener Gesellschaft. Doch vielleicht war sie wirklich froh, Güte erweisen zu können: es gibt solche Naturen. Auf jeden Fall war sie eine Bedingung unseres neuen Daseins, die unsere volle Aufmerksamkeit verdiente.

Das Haus war geheizt. Wir wurden durch ein Speisezimmer, ein Herrenzimmer und den Salon der Dame geführt. Überall schaltete Flitta die ganze Deckenbeleuchtung ein, obgleich der Tag noch ausreichte. Der Besitzer war Spediteur, kein schlechtes Geschäft in dieser Zeit. Das Haus war nicht das, was man in Berlin „hochherrschaftlich“ nennt, vielmehr hatte man den Eindruck, als ob sich ein nachgekommener Reichtum in einer Behausung des guten Mittelstandes seine Form gesucht hätte.

Nichts verriet irgendwelche Schäden oder Vernachlässigungen. Keine Fensterscheibe fehlte. Alles, Polstermöbel, Teppiche, Bilder, Bücher in hohen Regalen, die Zierstücke auf Tischen und Schränken, alles stand so da, als wären die Leute nur eben ausgegangen und man hätte hinter ihnen wieder aufgeräumt. Zu allen Fenstern blickte die noble Kiefernwelt herein. Die ganze Schau hatte etwas Gläsernes, Imaginäres. Wir getrauten uns nicht, fest aufzutreten.

„Seit wann sind Reinharts weg?“ fragte ich.

„Heute morgen um fünf fuhren sie endlich ab. Schließlich hatten sie noch die große Speckseite vergessen, und Frau Reinhart mußte sie auf den Schoß nehmen.“

Die Zimmer widersetzten sich uns. Die Dichtigkeit des individuellen Lebens, das sie noch füllte, sperrte sich gegen unser Eindringen (und gegen die Verwahrlosung, die an uns klebte); wir kamen uns unanständig vor. Eine Wohnung ist ein weiteres Kleid; ich ziehe nicht gern fremde Sachen an. Vor allem nicht heimlich.

Über eine schmale und ziemlich steile Treppe, die Ecken umsprang, gelangten wir in den ersten Stock. Auch das sollte uns nun alles überlassen sein. Man öffnete uns das eheliche Schlafgemach, in das wir nur einen Blick warfen. Danach die kleine Stube des Sohnes, der bei der Marine stand, und das Zimmer der älteren Tochter. Dort blieben wir stehen. Bisher hatte das muntere Geplauder von Flitta allein die Luft bewegt. Jetzt sagte meine Frau:

„Ich denke, dies Zimmer nehmen wir beide, Maximiliane und ich.“

Wir waren uns sofort einig. Vom Erdgeschoß würden wir nur das Eßzimmer benutzen, weil es nahe zur Küche lag, ich würde mich in dem kleineren Zimmer des Sohnes einrichten, und dieses ‚Jungmädchenzimmer‘, das geräumig war, Wohn- und Schlafraum vereinigte und in seiner ganzen Ausstattung am neutralsten wirkte, würden die beiden Frauen beziehen. Ein zweites Bett ließ sich leicht darin aufstellen. Außerdem führte es durch eine Fenstertür auf die große Terrasse.

2

Meine beiden Damen – wie ich sie gern nannte, seitdem wir dies verkapselte Leben zu dritt führten – waren mit Flitta wieder hinuntergegangen, um Küche und Keller zu besichtigen. Ich erforschte die Terrasse. Jetzt dämmerte es. Rings um mich her bauschten sich Kiefernwipfel, blau glänzend im Widerschein des nachleuchtenden Himmels. Rechts unten sah man die Rheinallee, die sich etwas belebt hatte: ein Zug schien angekommen zu sein. Die Leute gingen wie Menschen, die ihres Feierabends gewiß sind. Die Terrasse war sehr groß, mindestens sechs mal sechs Meter. Die Moselstraße konnte man nicht sehen, das Haus stand dazwischen, dies Haus, das wie eine warme, bergende Höhle war. Ich stak in einem Traum. Sechs Jahre waren wir in die Hürde des fünfstöckigen Zwölffamilienhauses gepfercht gewesen und hatten den Druck der ‚Gemeinschaft‘ im Luftschutzkeller und auf den Treppen verspürt. Vor zwei Stunden waren wir noch durch Glassplitter und Kalkschutt gewatet und hatten einander durch die Löcher in den Rabitzwänden sprechen können. Seit Tagen hatten wir uns mit dem Gedanken gequält, auf welche Bekannten wir uns allenfalls verteilen könnten. Das Quartieramt hatte sich außerstande erklärt, uns auch nur ein einziges Zimmer anzuweisen: in der Gegend, wo unsere Wohnung lag, war seit den beiden großen Bränden kein Haus mehr ohne Schaden und alles überbelegt. Die Trennung hätte das Ende für uns bedeutet, die Auflösung des Wir, mit dem wir der angemaßten Gewalt und ihrem Kriege getrotzt hatten: noch wenn die Mauern im Luftschutzkeller schwankten, wenn wir, vom Luftschutzwart kommandiert, einmal, zweimal mit Kücheneimern die Dachstuhlbrände gelöscht hatten, war dieser Ringwall um uns gewesen, der uns abschloß und schützte. – Da erreichte uns der Rettungsruf dieser Frau, die ich nur dem Namen nach kannte: „Herr Stein, Sie müssen ausziehen? Ich weiß eine Wohnung für Sie! Ein ganzes Haus wird hier draußen heute frei.“

„Der Mensch ist intermittierend gut“, hatte Maximiliane gesagt, als wir im Zuge saßen. „Nur die Dummheit ist permanent. Schön, daß wir diese blöde Kuh, die Sametzki, nicht mehr jede Nacht sehen müssen.“

Ich wandelte auf der Plattform hin und her, die Hände in den Hosentaschen, und versuchte, mich ins Gleichgewicht zu bringen, – ich könnte auch sagen: den Traum zum Glauben zu machen. Das Wort Gnade kam mir auf die Zunge.

Ich begann, um des Überwältigenden Herr zu werden, mich darauf zu besinnen, wann in meinem Leben die äußeren Mächte mir in vergleichbarer Weise zu Hilfe gekommen seien. Ich beschäftige mich gern mit der Historie meines Lebens und suche darin unter dem sanften Nachgenuß der Erinnerungen eine Gesetzlichkeit, die ich für die Weltgeschichte ablehne. Es stört mich nicht, daß solche Studien, solches Rückwärtsleben, für ein Zeichen schwachen Vorwärtslebens gelten. Es gab solche Fälle mehr, wenn auch nicht so außerordentliche. – Auf diesem Gedächtnisspaziergang gelangte ich an eine Paradoxie, die mich lächeln machte: wenn ich ehrlich war, ich bewegte mich immer einverständlicher auf einer Bahn, in einem Geleise, aus denen ich jahrzehntelang entschieden hinausgestrebt hatte. Ich gehörte zu den Männern, die eines Tages auf den Gedanken kommen, daß sie eigentlich zur Ehe gar nicht taugen, und zu den noch zahlreicheren Männern, die glauben, sie hätten sich in ihrer Ehe geirrt. – Aber irren wir uns nicht irgendwie alle in diesem Punkt? Irren wir uns nicht fortwährend über die Abläufe, die wir in Bewegung setzen? Immerhin, ich kannte mich, ein sehr junger Mann, damals wahrhaftig weder selbst, noch wußte ich, was Liebe war und was für einen Zweck die Ehe hätte. – Nun aber war es mir ein bißchen so gegangen wie dem Schwimmer, den ein treibender Baumstamm immer wieder zurückdrängt. Erst waren die Kinder da, und dann, als die Kinder zu Erwachsenen zu werden begannen und der Termin heranzunahen schien, auf den ich mich vertröstet hatte, brach diese Gewalt über uns herein, die uns fester aneinanderschloß als je. Dann wurde der Junge einberufen, und ein neuer Sorgenpunkt entstand, der verpflichtete, und schließlich war die leibliche Bedrohung in der nackten Gestalt des Krieges an uns herangetreten, die nun wirklich jeden Gedanken an ‚Desertion‘ erstickte. – Ich hatte längst begonnen, mich in der Lebensform einzurichten, die ich mir selber gefügt hatte, und ich mußte bekennen – wie ich da stand, ganz erfüllt von diesem glücklichen Lose, das wir soeben gemeinsam gezogen hatten –, ich befände mich, trotz dem Entsetzen, in dem wir trieben, seit langem schon in einem Wohlgefühl, wie ich es früher nicht gekannt hatte. Ich steuerte das kleine Schlauchboot, in dem wir saßen, durch die stürmischen Wellen, und ich sah mich dabei in Übereinstimmung mit mir selbst. Ich lächelte, indem ich dies feststellte: hatte das Nächste, das Elementare, der Wille, am Leben zu bleiben, und der Wunsch, mir die zu erhalten, die den gesellschaftlichen Teil meiner Existenz ausmachten, den Sieg über meine Vorsätze davongetragen oder hatte ich eingesehen, daß man nur im Rahmen, den das Schicksal fügt, zur Heiterkeit gelangen kann?

Maximiliane trat ein. Sie hatte ihren Mantel wieder angezogen und kam durch die Glastür.

„Das Haus will uns noch nicht ganz haben. Nur hier auf der Terrasse fühlt man sich nicht wie bei fremden Leuten. Bloß die paar Liegestühle erinnern.“

Maximiliane war groß und gut gewachsen und, wie ich ohne väterliche Voreingenommenheit behaupten zu dürfen glaubte, mehr als nur hübsch. So eine große, blühende Sache, wie ein Jasminbusch im Juni. Sie war der Gegenstand einer besonderen, ganz bestimmten Sorge, mehr und anders als der Sohn, der sich schon seit Jahr und Tag in amerikanischer Kriegsgefangenschaft befand.

„Frierst du denn nicht?“ fragte sie mich.

„Noch nicht. Gleich.“

„Diese Flitta ist enttäuscht, daß wir nicht das ganze Haus besetzen.“

„Vielleicht hat sie Angst vor Einweisungen.“

„Nein, sie fühlt sich im Namen ihrer guten Stuben verschmäht. Weißt du, ich bin überzeugt, sie hat hier alles regiert. Die Frau hat in ihrem Salon gesessen und das Mädel am Radio. Seitdem es den Arbeitszwang gibt, ist die mit dem Vater ins Geschäft gefahren.“

„Du wirst einen weiten Weg haben.“

„In fünf Viertelstunden vom Himmel in die Hölle und zurück. Es ist doch ein Kinostück!“

Ich lachte. „Es ist zu ernst zum Lachen. Es ist unwahrscheinlich.“

„Warum sollten wir nicht auch einmal die große Nummer ziehen? Ohne eine starke Portion Glück kommt man aus dieser Geschichte nicht heraus.“

„Ich wußte gar nicht, daß du so pessimistisch warst.“

Sie war an die umlaufende Brüstung getreten und stützte sich mit beiden Armen darauf. Statt zu antworten, sagte sie: „Hier muß sich im Sommer herrlich Bowle trinken lassen. Ich bin auch schon mit Bohnenkaffee zufrieden. Sogar mit Lorke.“ Aber ihre Stimme vibrierte von unterdrücktem Weinen. Der Gegensatz war grotesk. Ich fuhr ihr mit den Fingern durch das volle Haar.

„Wenn uns die Sametzki hier sähe“, bemerkte sie. Eine Frau dieses Namens war unser Blockwart gewesen, eine Sadistin der Macht.

„Wenn sie erfährt, wo wir sind, holt sie uns zurück. – Der Mensch ist intermittierend gut, hast du gesagt. Das ist nicht richtig: er ist sporadisch gut. Wie die roten Steine im Estrich, mit denen der Fußbodenleger spart.“

„Komisch, wie man jetzt gelernt hat, nur an das Nächste zu denken.“

„Nur an das Natürliche.“

„Irgendwie ist das bequem. Man hat keine weiteren Aufgaben.“

„Du willst sagen: keine sogenannten Sorgen.“

Sie schwieg. Dann sagte sie: „Ja, es ist alles so einfach klar.“

„Irgend etwas zahlt auch das Schlimme.“

3

Nach dem Abendessen setzten wir uns auf die Terrasse. Wir zogen unsere Mäntel an, Decken lagen überall herum, und nahmen jeder einen von diesen Liegestühlen, im Dunkeln. Es war die eindringlichste Form, unsere Verpflanzung zu spüren. Wir hätten auch im Speisezimmer ungestört sitzen bleiben können, denn Flitta aß für sich. Aber man muß bedenken: wir hatten jahrelang in einer Hauptstraße gelebt und nicht einmal einen Balkon besessen.

Was übrigens Flitta betraf, so hatte sie es zwar für selbstverständlich angesehen, daß sie für uns koche, aber für ebenso selbstverständlich, daß sie ihre eigene Menage weiterführe. Diese Kombination – oder Nicht-Kombination – hatte meinen Damen nicht gefallen, ganz abgesehen davon, daß meine Frau sich nicht von der Küche ausschalten ließ.

„Sie hat natürlich ihren Hamsterschatz.“ Maximilianes Stimme ließ ihre Verachtung erkennen. „Man sieht es ihr ja an, sie hat noch keine Ernährungsverluste erlitten.“

„Sprechen wir nicht über Flitta, sprechen wir vom Mond!“

Der Mond war soeben zwischen den sperrigen Ästen der Kiefern aufgegangen, wie ein orangefarbiger Lampion hing er dort. Das Gefühl der Unwirklichkeit unserer Existenz bemächtigte sich meiner von neuem. Auch wenn man sie glaubte, haftete ihr noch das Hauchdünne der Morgenträume an: jeden Augenblick konnte man zu einem Schrecken erwachen.

Die Situation machte schweigsam. Nach einer Weile fragte Friederike:

„Wo liegt nun von hier aus die Stadt?“

„Aber Mutti, das weißt du nicht?!“

„Ihr sollt euch nicht immer gleich so über mich entrüsten.“

Ich sagte ihr Bescheid, ich zeigte ihr, in welcher Richtung ungefähr unsere Wohnung liege. Fünfzehn Kilometer entfernt in der Luftlinie. Aber in der Tat war dies absonderlich, daß Friederike so wenig geographischen Sinn besaß. Es war eine der trüben Stellen in ihrem glasklaren Verstande.

„Aber die Genehmigung vom Quartieramt haben wir nicht?“ fragte sie nach einer Pause.

„Sprich es noch aus!“ Maximiliane war ein bißchen abergläubisch; sie war es auf diese moderne Weise, welche die magischen Kräfte zwar mit dem Verstande ablehnt, es aber auf einen Bruch mit ihnen nicht ankommen lassen will. Ihr, fand ich, stand ein solcher Widerspruch ganz gut. Sie war jetzt achtundzwanzig. Ihre Mischung von Kindlichkeit und Intelligenz war mir ein täglicher Anlaß zu Vergnügen und Freude. Sie beherbergte auch sonst Widersprüche, sie schien zum Beispiel verschlossen und war doch durchaus mitteilungsbedürftig. Sie konnte nichts, aber auch gar nichts erleben – und sie erlebte täglich etwas –, das wir nicht sofort oder in einigem Abstand, je nach seiner Qualität, erfuhren. Sie hatte uns den Gefallen getan, in ihren etwas großartigen Namen hineinzuwachsen. Der Name blieb trotzdem zeitraubend. Aber seitdem sie auf eigenen Füßen stand, hatte sie sich jede Abkürzung als Verstümmelung verbeten.

Ich erklärte, daß ich mich der unerlaubten Hoffnung hingäbe, die Dinge würden schneller laufen als der Wohnungsbeamte. In der Tat fürchtete ich mich mehr vor dem Volkssturm: daß er nach mir suchen werde. Bis jetzt war ich jeder Art Zugriff entgangen, obwohl ich noch nicht sechzig und obwohl ich im ersten Weltkrieg Offizier gewesen war. Die ‚Gruppe Banken‘ hatte ihren Mantel um mich geschlagen und mich für unabkömmlich erklärt. Nachdem ich meine Zeitschrift ‚Die Bankwelt‘ hatte eingehen lassen müssen, hatten mir Freunde dort ein Unterkommen verschafft. Doch jetzt standen die Sowjets schon an der Oder, und es galt nichts mehr: weder Alter, noch Geschlecht, noch Gebrechlichkeit, noch Funktion.

Schon vor mehreren Wochen hatten die Sowjets die Oder erreicht, und wir begriffen nicht, warum sie dort haltmachten. Aber man begriff ebensowenig, daß sie dort überhaupt standen – keine neunzig Kilometer entfernt, keine drei Tagemärsche von der ‚Reichshauptstadt‘! Dies für unmöglich Gehaltene hatte die Menschen jäh überfallen. Die Sowjets dort zu wissen, war wie eine überhängende Felswand, die einen jeden Tag unter sich begraben konnte. Doch die Leute redeten nicht davon. Sie redeten von den Bombenangriffen des letzten Tages oder der letzten Nacht und von den neuen Verkehrsschwierigkeiten, die sie hinterlassen hatten. Davon redeten sie immerfort auf der Bankenzentrale. Es schien, als ob sie den ungeheuerlichen Gedanken abfertigten, wie sie mit dem Gedanken an den Tod fertig zu werden pflegen: sie schieben ihn vor sich her, wie die Straßenkehrer den Schnee: bis es nicht mehr geht. Es hatte eine kurze Panik gegeben, als die erste Nachricht eintraf. Das Gerücht behauptete, russische Panzer seien schon in dem Vorort Strausberg aufgetaucht. Danach, als die Sowjets nichts von ihrer Nachbarschaft merken ließen, als sie nicht einmal Fliegerangriffe unternahmen, trat Ruhe ein. Ihre Anwesenheit an der Oder wurde zu einer bloßen Rubrik im Heeresbericht. Die Wahrheit war: die Menschen erstarrten vor dem Ungeheuren.

Immerhin konnte dieser Stand der Dinge jetzt nicht mehr wochenlang dauern. In Frankreich ging es deutlich vorwärts, die Walze von 1941 begann zurückzurollen, und wir gehörten zu denen, die hofften, daß sie sehr schnell rollen werde. Vielleicht hatten die westlichen Alliierten mit den Sowjets verabredet, daß diese an der Oder warteten, bis beide Teile auf gleiche Entfernung an Berlin heran wären. Wir waren über die Abmachungen von Teheran und Jalta aus dem Radio im wesentlichen unterrichtet: die Sowjets würden das Land bis zur Elbe besetzen, aber Berlin werde unter ein Kondominium kommen. Dies, daß beide Teile gleichzeitig einmarschieren würden, war unsere aufrichtige, sehnlichst gehegte Hoffnung. Und wir nahmen an, daß es dabei zu keinen Kämpfen mehr kommen werde.

Unsere Gespräche im Dunkeln glichen Luftblasen, die aus dunklen Tiefen in einem Teiche aufsteigen. Friederike sagte:

„Wenn es hier draußen brennt, kann jedenfalls niemals alles brennen.“ Wir hatten das zweimal erlebt, daß man dachte: Nun brennt Berlin ab. Wir sahen aus dem offenen Dachstuhl in einen Nachthimmel, in dem die Funken wie Schneeflocken wogten, und von der Hitze tobte ein Sturm.

„Fräulein Flitta“, begann Maximiliane, „– nein, so kann man wirklich nicht sagen –, diese Flitta meint, sie hätten Föhren unter seinen Bäumen überhaupt noch nicht entdeckt.“ – Ich unterdrückte meine Ansicht, daß die Flieger sich mit anderen Mitteln orientierten als den Augen. (Weshalb ich auch die ganze Verdunkelung für Unsinn, für eine der beliebten Gehorsamsübungen hielt.)

Nach einer Weile sprach wieder Friederike: „Wir sollten dem Jungen sofort Nachricht geben, daß wir hier draußen gelandet sind.“

„Wenn er die bekommt“, meinte Maximiliane, „weiß er längst, daß alles vorbei ist.“

„Aber er weiß dann doch, daß wir zuletzt nicht mehr in ständiger Gefahr waren. – Daß man sich wenigstens nicht mehr Tag und Nacht um ihn zu ängstigen braucht …“ – Dies war das Herz aller meiner Sorgen: daß Friederike den Jungen, der Junge die Mutter wiedersähe. –

Wir saßen zurückgelehnt in unseren Liegestühlen. Es wurde uns nicht kalt. Der Mond war hinter die Nadelwipfel gestiegen, der dunkle Himmel wie von Aluminiumstaub gefüllt.

„Aber was machen wir jetzt mit unseren Sachen?“ begann wiederum unvermittelt Friederike. „Ich komme mir so treulos vor.“

Keiner antwortete hierauf. Ich wußte, sie dachte vor allem an ihr Biedermeierzimmer, das unser aller Stolz war. Der Schutt lag auf den Polstern und Polituren, und der Regen kam durch die Fenster und ein Loch in der Decke herein.

„Wir können sie doch nicht einfach ihrem Schicksal überlassen“, fuhr sie fort. Ich erkannte mit Staunen, wie gleichgültig mir dieser Punkt war; ich hatte mich schon ganz von unsrer bisherigen Existenz gelöst. Ich dachte nur noch an jetzt und an morgen. Das Tor der Hoffnung faszinierte mich, das sich mit einem Spalte auftat. Aber für Friederike würde der Verlust unserer Möbel, unserer Teppiche und Bilder ein Begräbnis sein, der Untergang einer Lebensform, die sie uns gegeben hatten.

Ich sagte: „Man wird mit Scheffers reden müssen, daß sie ein Auge auf unsere Wohnungstür haben.“ – Herr Scheffer war Amtswalter, aber der einzige anständige Mensch im Hause.

„Ich werde täglich hineinfahren und herausschleppen, was ich tragen kann“, erklärte Friederike, „und so viel im Keller verstauen als hineingeht.“

„Du bist ja komisch.“

„Mutti!“ rief Maximiliane gleichzeitig.

„Aber ich muß ja doch täglich in die Stadt. Hier draußen bekommen wir doch nichts, solange wir nicht umgemeldet sind. Und ich gebe auch meine alten Läden nicht auf.“

Das hatte ich mir nicht deutlich vorgestellt.

„Ihr müßt ja auch täglich hineinfahren.“

Ich war entwaffnet, meine Frau war ein starker Mensch, sie würde tun, was ihre Überzeugung ihr befahl. Sie war es geblieben trotz ihren weißen Haaren.

Die Zeit war noch nicht gekommen, da man den Frauen Lorbeerkränze aufsetzte, weil sie (um eine bessere Lebensmittelkarte zu erhalten) in Eimern Trümmer schleppten. Aber es war doch schon offenbar geworden, daß sie zäher waren als die Männer. Ich bedauerte Friederike, während ich wieder einmal darüber nachsann, was sie uns bedeutete; sie tat mir leid in ihrer Stärke. Ihre Stärke war vielleicht die Wolke gewesen, die den Morgenhimmel unsrer Liebe so rasch getrübt hatte. Ich war ihr treu geblieben, und ich hing an ihr – um dies bildstarke Wort zu gebrauchen, wiewohl es durch gemeinen Gebrauch entwertet ist. Der Umgang mit ihrem lebhaften, klaren Geist war mir unentbehrlich, und die Kinder waren, heranwachsend, zu einer ständig fließenden Quelle meines Glücks geworden. Vielleicht war das, was uns verband, die eheliche Liebe in der Sprache unserer zur Bescheidung gestimmten bürgerlichen Moralisten. – Doch mir fielen zuweilen Namen wieder ein, die ich einst für Friederike erfunden hatte. Die Liebe jener ersten Zeit mußte mich bald verlassen haben. Denn so ist das doch: nicht wir lassen nach zu lieben, die Liebe verläßt uns, wie Sand, den wir zwischen unsern Fingern nicht zu halten vermögen. – Oder war dies alles selbstverständlich, der natürliche Verlauf der Dinge, der nur dies warme, innig ergebene Gefühl übrigließ, das sich als beständig erwiesen hatte?

Welches aber auch die Geschichte unsrer Ehe war, in jener Stunde, da wir zu dritt dort im Dunkel saßen, neuerlich durch ein starkes Schicksal zusammengeschweißt, gemeinsam aus elementarer Not in diese Sicherheit entrückt, empfand ich nur unsre neu bestätigte Einheit und die Verantwortung, die ich für diese Einheit trug. Das natürliche, innerste Gehäuse, das die Familie um den einzelnen schützend zu formen vermag, hatte mir in diesen Jahren, ausgestattet mit den Gaben unsrer Gegenseitigkeit, seinen nicht zu ersetzenden Wert offenbart: Menschen zu haben, die einem gehörten … Es vermochte den Sinn meines Daseins gegenwärtig für sich allein zu verbürgen. Die Plötzlichkeit unsrer Errettung bedrängte mich in solchem Grade – ich hätte ein Dankopfer darbringen mögen: zuweilen verlangt die Seele nach einem Altar, von dem der Rauch ihrer Freude aufsteigen könne.

Die Sirenen zerrissen den nächtlichen Waldfrieden. „Und ich dachte schon, heute bliebe uns der Angriff erspart“, sagte Maximiliane.

Wir lauschten bange. Jetzt polterte Frau Sametzki gegen die Türen und brüllte. Nicht einmal Flitta ließ sich hören, wir blieben sitzen. Alsbald sahen wir die Fechterkünste der Scheinwerfer tief im Süden, zwischen den Bäumen. Sie fuchtelten mit ihren bleichen Balken über dem Horizont. Wir rückten unsere Stühle herum, es war nur ein Lichterkonzert.

„Man hat schier ein schlechtes Gewissen“, meinte Maximiliane, die sich bei besonderen Anlässen gespreizt auszudrücken liebte.

„Ja“, sagte ich und sann diesem Gefühl nach, diesem diffusen Schuldgefühl, daß der Mensch gegenüber der Ungerechtigkeit der Welt auch dort empfindet, wo er an ihr nichts wenden kann. Vielleicht war es das, was manche neuerdings das metaphysische Schuldgefühl nannten. Aber dann war es nicht transzendenter Abkunft, sondern rührte sehr irdisch daher, daß wir uns verpflichtet wissen, die Ordnung der Gerechtigkeit in diesem Chaos aufzurichten. – Hatten wir ein Unrecht begangen, als wir der Lockung dieses stillen Ufers nachgaben? War es unsere Pflicht, das allgemeine Grauen bis in den Rest zu teilen? Wir teilten ja auch nicht das allgemeine Idol.

Die Tochter war auf einem anderen Wege weiterspaziert. „Kleine Madam, hast du das erspäht? Auch die Badestube weist etwas auf, ein Möbel, das mein Leib sich immer heimlich gewünscht hat.“

„Mach’ es noch deutlicher!“

„Also, du hast. – Vati, das weißt du noch gar nicht: die ganze Küche ist elektrisch und ein besonderer Anrichteraum ist da!“

„Wundervoll, solange es Strom gibt.“

„Ich muß doch sagen“, ergänzte meine Frau, „die fünf Zentner Kartoffeln im Keller und der Koks sind mir bedeutend wichtiger.“ Jedermann suchte sich für die Zeit eines gewissen Übergangs einzudecken, wiewohl es jedermann bei hoher Strafe verboten war, von diesem Übergang auch nur zu reden. Wir Vereinzelten hatten bisher nicht den geringsten Vorrat zusammengebracht, außer ein paar Gläsern eingeweckten Gemüses.

Von der unsichtbaren Straße herauf schrillte eine Frauenstimme: „Licht aus!“

„Bei uns ist alles dunkel“, flüsterte Maximiliane zu unserer Beruhigung. Dergleichen Kriegsaufgaben fielen in ihr Ressort.

„Also das gibt es auch hier“, bemerkte meine Frau, als wäre sie wirklich enttäuscht.

Ich meinte, immer zur Deutung der Erscheinungen geneigt, das gebe es überall, die Lust am Kommandieren. „In wem es steckt, aus dem kommt es jetzt heraus.“

Aber bei uns Deutschen sei es ein Volkslaster, behauptete Maximiliane. Sie war durch den ständigen Umgang mit gebildeten Ausländern, den ihr Dienst ihr verschaffte, etwas voreingenommen.

Ich knurrte einen Widerspruch; ich meinte, man dürfe einem jungen Menschen solche Sprüche nicht durchgehen lassen. „Es finden sich auf der ganzen Erde Leute, die zu Hause keine Gelegenheit haben zu kommandieren.“

„Im Gegenteil, gerade die, die darin Übung haben, toben sich nun erst aus.“

Sicherlich entfalteten die Frauen auch hier überraschende Eigenschaften, äußerte ich nachdenklich.

Das sei wieder solch ein Generalurteil, griff nun meine Frau ein, deren Wiege einmal im Gemach der Frauenemanzipation gestanden hatte. Sie trug mit sanfter Standhaftigkeit das zweifarbige Panier der Frauenrechte über die Schlachtfelder unserer Diskussionen. Königsblau bezeichnete deren seelische Überlegenheit, Weiß ihre historische Unterdrückung. Nur wenn sie Frauenstimmen im Radio hörte, wurde Friederike irre an dem Recht auf das symbolische Blau.

Indessen verfolgten wir das lautlose Feuerwerk über der Stadt, das die Funken der platzenden Granaten bereicherten.

„Tausche meine Trümmerhalde / gegen Stadtvilla im Walde“, travestierte Maximiliane. „Entschuldigt!“ – Es war die Zeit, da alle Bretterzäune mit Tauschangeboten gespickt waren.

„Mir ist anders zumute“, sagte Friederike kurz.

„Aber Mutti! Man kann es doch sonst gar nicht bewältigen!“ Sie beugte sich zu ihr hinüber und gab ihr einen Kuß. So verschieden von ihr Maximiliane geartet war, sie liebte ihre Mutter zärtlich, und es herrschte die schönste Verträglichkeit zwischen beiden.

Und dieser Herr Reinhart, dachte ich, hat sich nun noch einen Schritt weiter von dem gemeinen Schicksal entfernt. Hat nicht nur seine paar Möbel, sondern sein ganzes wohlgefülltes Haus aufgegeben und die Sicherheit hinter der Elbe dafür eingetauscht. Wahrscheinlich hatte er noch ganz besondere, persönliche Gründe, sich beizeiten aus dem Staube zu machen, Gründe, die bei mir ‚entfielen‘, ein Strich in dieser Rubrik der Formulare. – Die Leute in unserem früheren Haus haßten uns, weil wir uns abgesetzt hatten. Aus Neid. Wir – ihn? Ich beneidete Herrn Reinhart nicht. Ich beneidete nicht einmal die Leute, die ein Auto besaßen. Aber vielleicht unterdrückte ich nur das Eingeständnis meiner Unterlegenheit. Ob Herr Reinhart ernstlich damit rechnete, seine Sachen jemals wiederzusehen? Die Kohlen und Kartoffeln hatte er uns großmütig zugesprochen. Und diese Flitta – ich stellte mir den Mann vor, der uns so nahe anging und den ich nicht kannte –: nach zwölfjähriger treuer Dienstzeit hatte er sie mit dem Vertrauen belohnt, sich mit seinem Besitz durch den Orkus zu schlagen. Es war eine klare Dereliktion, die er sich zu verschleiern suchte. Wer ging, schied ab.

Das Scheinwerferspektakel im Süden verlosch. Endlich heulten auch die Sirenen ihre Entwarnungsschamade. Es klang fast melodisch, wie der gleiche Ton sich von der Innenstadt nach diesem äußersten Vorort fortsetzte.

Maximiliane warf ihre Decke ab und sprang ins Haus. „Kinder, die Nachrichten! Solange wir noch Strom haben.“

Wir folgten gehorsam. „Wo hast du denn ein Radio?“ Aber sie kniete schon im Dunkeln, dicht neben der Tür. Ein schwacher Lichtschein streifte ihr Haar und gab dem ganzen Zimmer einige Deutlichkeit. Der vertraute, düstere, spannende, gefährliche Vierklang ließ sich hören: „Bum-bum-bum-búm. Bum-bum-bum-búm.“

Friederike mahnte: „Nicht so laut!“

Aber das kauernde Mädchen schnaufte: „Ich habe diese Flitta schon abgetastet. Die ist fest.“

4

Am andern Morgen ging ich mit einiger Besinnlichkeit den Weg zur Bahn, der von jetzt an mein täglicher sein würde. Die Tochter war schon voraus, Friederike wollte erst fahren, wenn sie die Zimmer gerichtet hätte: irgendein Mißtrauen hinderte sie, von Flitta, die auf der unsicheren Grenzlinie zwischen einer Hausdame und einer Wirtschafterin balancierte, allzu viele Dienste anzunehmen. Die Luft war noch wie am Vortag leicht erwärmt, der kurze Weg unter Bäumen ein Spaziergang. Ich hatte gut geschlafen in dem Bett eines anderen, der wie ich von seinem Bette vertrieben war. Ich fuhr nicht widerwillig. Vielmehr war es so, als ob dieses Eintauchen in die verwüstete und bedrohte Stadt mir den Schatz der sauberen Sicherheit und Stille, in die ich zurückkehren würde, erst erschlösse. (Es entsprach da etwas meiner intel-lektualisierten Art, das Leben zu genießen.) Die Promenade war jetzt belebt. Um den Bahnhof herum verdichteten sich die Häuser zu einer Straßenfront, in der die Post, das einzige Lebensmittelgeschäft, Bäcker, Fleischer, Apotheke, ein Gasthaus und ein Café lagen. Frauen drängten sich vor dem Lebensmittelgeschäft. Hinter seinem Schaufenster waren Äpfel hoch aufgestapelt, die neueste Austeilung an die Kinder. (Wir hatten seit Jahren kein Obst mehr gegessen.) Ich stieg die hohe Treppe zum Bahnsteig hinunter und dachte darüber nach, daß diese elektrische Vorortstrecke die einzige und sehr verletzliche Verbindung mit der Stadt sei. Alles – Wasser, Gas, Strom, Post – gelangte durch feine Nährstränge aus einem fernen Herzen in dieses exzentrische Glied. Was für ein künstlicher Organismus war solche Großstadt …

Die Züge fuhren nur noch halbstündlich und waren verkürzt. Immerhin lief die Schlange von roten und gelben Wagen pünktlich ein. (Auch der Farbunterschied hatte seine Bedeutung verloren; es gab keine zweite Klasse mehr.) Ich bekam einen Sitzplatz. Der Wagen war nicht geheizt, mehrere Fensterscheiben fehlten. Die Menschen schwiegen frierend, lasen frierend die Zeitung. (Immer stürzten sie sich auf die Zeitungen, in der Suche nach etwas, das nicht darin sein konnte, wie auf die Lebensmittel, in denen sie einen Nährstoff suchten, der ebensowenig darin war.) Ich verglich, das Blatt in kalten Fingern, den Heeresbericht mit den Meldungen des Londoner Senders. In Frankreich schienen die Westmächte sich mit großer Schnelligkeit Paris zu nähern. In Italien krampfte sich der Widerstand immer noch an den Apenninen fest. An Italien zu denken, das nun auch, Ort für Ort, zerhackt und zerstampft würde, bereitete mir eine leibliche Qual. Über die Front an der Oder wieder nichts Neues. Und nichts stand in dem Bericht über das Ungeheure, das sich seit Wochen in Ostpreußen, Pommern und Schlesien zutrug. Auch der Londoner Sender hatte nur eine kurze Bemerkung gebracht. Aber die Gerüchte, die sich verbreiteten, die privaten Erzählungen, die auch an uns weitergegeben wurden, sammelten sich zu einem Bilde: eine Völkerflucht ohne Beispiel in der Geschichte nach Maßen und Schrecknissen war seit dem Januar im Gange. Das ganze schlesische Volk, Millionen, mußte sich in Bewegung gesetzt haben und schien die Erde aufzugeben, auf der es seit siebenhundert Jahren saß. Aus Furcht oder auf Befehl? Das war nicht erkennbar. Es wälzte sich über die Landstraßen und in offenen Güterwagen über die Geleise bei Schnee und Kälte nach Westen, geglaubten, aber völlig ungewissen Zielen zu.

Das Unheimlichste an diesem maßlosen Geschehen war, daß es sich gleichsam unter einer Decke der Verschweigung vollzog und daß man in Berlin von seiner nahen Entsetzlichkeit nicht das Geringste spürte. Einer auf meiner Bankenzentrale hatte mir eines Morgens zugetragen, auf dem Schlesischen Bahnhof sei ein Depot für Kinderleichen eingerichtet worden; Tausende von verhungerten, zerquetschten, erfrorenen Kindern lägen dort. Ich fuhr mittags hin, obgleich das schon mit Umständlichkeiten verbunden war, ich sah mich um, soweit man das, ohne sich verdächtig zu machen, konnte: ich entdeckte nichts als ein Gebirge von Flüchtlingsgut, das man mit Trümmersteinen eingehegt hatte. – Eine Leitung mußte wohl dafür sorgen, daß der Strom der Flüchtigen nördlich und südlich an Berlin vorbeirauschte.

Wir lebten, wenn auch von Bomben nächtlich und täglich bedroht, wenn auch in banger Erwartung unseres eigenen Schicksals, immer noch in den kaum erschütterten Formen der Zivilisation. Sicher war eins: der erste Abschnitt des Wechsels wurde Deutschland präsentiert, den die herrschende Macht auf den Sieg gezogen hatte und unter dem alle deutschen Namen standen, achtzig Millionen, ob als Aussteller oder Bürgen, auch die der Kinder, die selbst noch nicht schreiben konnten. Wir alle hafteten, ob wir schuldig waren oder nicht. Jene mußten die erste Rate bezahlen.

Aus Ostpreußen drang die Nachricht durch, der Kommandant von Königsberg sei erschossen worden, weil er die sinnlose Verteidigung habe einstellen wollen. Man hatte Frauen und Kinder in offenen Schlauchbooten bei eisiger Kälte über das Meer abtransportiert. – Aber wo blieben die unseligen ‚Volksdeutschen‘, die man soeben erst im Vorgriff auf den Endsieg in den baltischen Provinzen und dem tieferen Rußland entwurzelt und in Polen seßhaft gemacht hatte? Wohin stopfte man diese Menschen, die auch nach Millionen zählten – und die der Haß ihrer früheren Herren vor sich herjagte?

Die Fahrt dauerte eine reichliche halbe Stunde. Alle vier oder fünf Minuten hielten wir auf einer Station. Diesmal hatte ich die Muße, mir die Gegend anzusehen. Unser Nachbarort hieß Kierow, dem Augenschein nach eine zusammengewürfelte Mittelstandssiedlung. Die Waldregion hörte auf, Laubengärten streckten sich bis an den Horizont. Hin und wieder waren Grasland, Moorland, nackter Sand, der ursprüngliche Zustand der Erde, erhalten geblieben. Dann begannen Fabriken sich aufzurecken, dann fünfstöckige Häuser über dem flachen Boden zu starren. Je weiter man in die Stadt kam, um so häufiger wurden Ruinen. – Ich verließ den Zug auf dem Bahnhof ‚Unter den Linden‘ und hatte danach noch zehn Minuten zu gehen. Der Weg führte durch die schon stark angenagte Kanonierstraße. Das große Bürohaus, in dem wir saßen, genoß die Nachbarschaft des Propagandaministeriums.

Der Tag lieferte nicht mehr als die kleinen Ereignisse, die man sich gefallen läßt. Ich beschäftigte mich still in dem mir zugeteilten Zimmer, das rings mit Büchern bestellt war. Nebenan arbeitete die mir zugeteilte Stenotypistin, ein geräuschlos behendes, von seiner Aufgabe erfülltes junges Wesen. Mein Geschäft war das Archiv, die Statistik, die Bibliothek, die Erteilung wissenschaftlicher Gutachten. Wissenschaftliche Probleme hielten niemand mehr auf, nach Büchern verlangte keiner. Ich fühlte mich wohl auf meinem Büro, aber mein Posten konnte mich nicht mehr von seiner Wichtigkeit überzeugen. Ich wartete auf den Morgen, da eine Kommission ins Zimmer treten werde, die zu derselben Erkenntnis gelangen würde: nämlich, daß ich abkömmlich sei. Ich war nur noch ein rudimentäres Organ dieses Finanzinstituts. Einstweilen wurde ich gut bezahlt, durfte im Kasino für wenig Marken und wenig Geld nahrhaft essen und brauchte weder zu schießen noch zu schanzen. Den größten Teil der Zeit arbeitete ich für mich privat.

Leider wurde das Haus nicht mehr geheizt: eine Bombe hatte die Zentralheizung gekränkt, und trotz allen Beteuerungen ließ sich ihre Krankheit nicht mehr heilen. Alle höheren Angestellten brannten deshalb elektrische Öfen in ihren Zimmern, wiewohl die Verwendung solcher Geräte seit langem mit Strafe bedroht war. Auch fühlte die Stromleitung sich davon überlastet: alle halben Stunden trat Kurzschluß ein. Dann rannte der Hausmeister durch die Zimmer. Ich hatte meinen kleinen Ofen neben mir im offenen Schreibtischregal stehen, wo ihn ein Eintretender nicht sehen konnte. Außerdem lebte ich mit dem Hausmeister auf gutem Fuß: wir waren einander auf der politischen Ebene begegnet.

Fräulein Busch konnte keinen Ofen bei sich aufstellen. Ich benutzte jede Gelegenheit, sie in meinem Zimmer arbeiten zu lassen. Um Christi willen. Sie war mit einer Behutsamkeit um mich, die ich zu Hause nicht gewohnt war. Dahingegen konnte sich eine geistige Gemeinschaft zwischen uns nicht bilden: sie war zurückhaltend bis zur Verstocktheit, sie trug vor ihren braunen Augen einen Vorhang, der mir aus einem psychopathischen Gewebe zu sein schien. Mit großer Regelmäßigkeit fiel ihr eine dunkle Haarsträhne ins Gesicht, die sie mit überraschend lebhafter Gebärde an ihren Ort zurückzuwerfen pflegte. Ich wagte nie, hinter den Vorhang ihrer Verschlossenheit zu dringen. Das einzige, was ich von ihrem Privatleben wußte, war, daß sie Schlittschuh lief, in Konzerte ging und eine Einzimmerwohnung besaß, auf die sie sehr stolz war. Sie war ein sehr bequemes, aber zartes Möbel.

Es kam im Lauf des Vormittags wie immer einer aus dem Hause zu mir, der sich ‚ausquatschen‘ wollte. Ohne mich zu rühmen, darf ich bemerken, daß ich stark zum vorzeitigen Aussterben der vorgeschriebenen Grußformel beitrug.

„Auch unsere Nachbarschaft fängt jetzt an zu packen.“

„So so.“

„Die U-Bahn zwischen Friedrichstraße und Spittelmarkt wird nicht mehr instand gesetzt.“

„Sie scheinen mir dem Defaitismus zu verfallen.“

Gegen elf Uhr machte ich dem mir vorgesetzten Direktor meine tägliche Aufwartung. Er sollte sehen, daß ich mein Gehalt noch verdiente; außerdem war er ein gescheiter Mensch. Er gratulierte mir zu unserer neuen Wohnung. Er lebte jetzt als Strohwitwer im Erdgeschoß seiner Wannseevilla. Seine Familie hatte er verlagert; dafür hatten sie ihm eine fremde ins Obergeschoß gesetzt. „Haben Sie jemals eine Mutter im Hause gehabt, die mit ihrem Kind nicht fertig wird?“ fragte er mich.

Danach vertraute er mir, daß man Vorbereitungen treffe, die westdeutschen Bankfilialen im Ernstfall zu verselbständigen. Es war ein klarer Fall von ‚Zersetzung der Kriegsmoral‘. Die Schwierigkeit lag darin, daß es auch im Direktorium einen politischen Fanatiker gab.

Im Anschluß daran unterhielt er mich von dem Ergehen seines Steckenpferdes, das auf dem Vergleich unseres Diktators mit Kambyses, Cäsar, Tschingis Kan und Napoleon weidete. Er war ein dilettierender Schöngeist, – aber zugleich auch ein Meister der Fechtkunst im täglichen Kleinkampf mit der Macht. „Jetzt wollen sie, daß wir ihnen die Depots der verschleppten Juden ausliefern. Ich habe gesagt: ‚Verschaffen Sie uns die Sterbeurkunden!‘ Darauf zogen sie zunächst einmal ab.“

Die Tischgespräche im Kasino hielten sich ans Augenscheinliche und an die Heeresberichte. Einer ließ sich lebhaft darüber aus, daß die Straßen beim Wiederaufbau Berlins noch breiter angelegt werden würden, damit im dritten Weltkriege die Brandgefahr geringer sei. Die anderen löffelten ihren Grießbrei. Nur mein Direktor besaß den Witz, um hin und wieder die heuchlerische Decke zu durchstoßen. Der Leiter der Kreditabteilung, jener farbechte Pg, der zugleich ein unbeliebter Vorgesetzter war, rief ihm zu: „Herr Kollege, ich warne Sie. Sie landen noch einmal im KZ!“

„Gott sei Dank! Ich hatte schon gedacht: in der Kreditabteilung.“

Um 17 Uhr war Arbeitsschluß, und ich begab mich auf die Rückfahrt. Aus einem Anlaß, den ich nicht mehr weiß, ging ich bis zum Bahnhof Friedrichstraße, statt Unter den Linden einzusteigen. Als ich auf den Bahnsteig kam, fand ich die Menschen fünf Glieder tief vor den beiden Geleisen warten: viele Omnibus- und Straßenbahnlinien waren schon ausgefallen, so daß sich alles auf die Stadtbahn stürzte. Während der Zug einfuhr, schon gut besetzt, ballten sich die Menschen vor den Wagentüren zusammen, und wenn man nicht der letzte war, brauchte man sich ums Mitkommen nicht zu bemühen. Man wurde emporgehoben und hineingewälzt. Drinnen hing man in seinen Nachbarn. Die Arme blieben, wohin sie geraten waren. Ich begriff, warum die Männer neuerdings ihre Aktentaschen an einem Riemen trugen und daß die Frauen sich in der neuen Mode der Männerhosen (die aus Mangel an Strümpfen und Heizung und aus dem Überfluß an männlicher Zivilkleidung entstanden war) gerechtfertigt fühlten. Die Leute ertrugen die entwürdigende Qual mit Disziplin – oder mit Lammsgeduld? Sie gehörte einfach dazu. Niemand protestierte, als auf der nächsten Station neue sich hineinzwängten: jeder hatte das gleiche Recht, nach Haus zu kommen. Man hielt die letzten in der nicht mehr zu schließenden Tür an den Armen fest. Das Maß, in dem man den Menschen komprimieren kann, hat keine Grenzen. Selbstverständlich hatte ich ähnliche Fahrten gelegentlich schon erlebt. Zank entstand nur, wenn sich jemand nicht fügen wollte. Dann löste sich die verborgene Spannung in heftigen Worten, und quer durch den Wagen hörte man einen rufen: „Sie sind wohl nicht von hier?“ In jener Zeit bildete sich zum erstenmal ein Gemeinbewußtsein unter den Berlinern. Die anonyme Situation begünstigte den bodenständigen Witz. „An so ’ne gute Polsterung bin ich gar nicht mehr gewöhnt. Herrschaften, bei die Kartenverpflegung!“ Doch selten waren die Körperteile, mit denen man in intime Berührung gezwungen wurde, attraktiv.

Von der drittletzten Haltestelle an leerte sich der Wagen, von der vorletzten an konnte ich sitzen. Als ich ins Haus kam, stand mir Flitta bei der Zubereitung meines Nachmittagskaffees bei. ‚Bohnenkaffee‘, wie er schon lange hieß (immer muß das Gute seinen Namen nach unten abgeben), war das einzige, was ich gehamstert hatte. – Ich setzte mich damit auf ‚mein‘ Zimmer. Diese Stunde war der eigentliche Akt meiner Besitzergreifung.

5

Das schmale, kleine Zimmer wehrte sich etwas; es besaß nicht die Servilität eines Hotelzimmers. Sein einziges Fenster ging auf die Terrasse hinaus und über diese hinweg in die Kiefern. Diese Aussicht, jetzt im letzten Licht, war mein Eigen. Alles andere war mit fremder Persönlichkeit getränkt: das glänzend polierte Tischchen mit seinen beiden gepolsterten Hockern, ein dandyhaftes Ensemble, das mehr im Wege stand, als daß es diente, der altmodische Schreibtisch, die Regale voll fremder Bücher, der billige Schrank. Ich knipste, es gab Licht. Ich ließ den Rollvorhang herunter und setzte mich vor den Schreibtisch. Ich machte mir ein paar Fächer frei, indem ich den Inhalt in die übrigen stopfte. Dieser Eingriff war mir peinlich. Ich stieß auf ein angebrochenes Päckchen Zigaretten und auf Streichhölzer, zögerte eine halbe Minute und zündete mir dann eine Zigarette an. Wo verlief die Grenze des Nutzungsrechtes eines Menschen, der, seiner Habe entsetzt, in die Habe eines anderen versetzt war, der sie seinerseits dem Schicksal überlassen hatte?

Aus der Tiefe des Schubfachs kam ein Brief hervor. Eine weibliche Handschrift. Ich begann zu lesen. Im Verhältnis zu einem Menschen, den ich vermutlich nie kennenlernen würde, verdünnte sich der Begriff der Indiskretion zu einem Akt psychologischer Forschung. Der Brief enthielt die bündige Ablehnung eines Heiratsantrags. „Wenn ich rechtzeitig bemerkt hätte, was für ein Menschentyp Du bist, so würde ich es niemals so weit haben kommen lassen. Wenn ein Mädchen sich küssen läßt, so ist das noch lange kein Grund zum Heiraten. Dieses ist eine sehr komische Einstellung von Dir; im allgemeinen ist das doch die Ansicht des weiblichen Geschlechts.“ – „Ich liebe Dich nicht“, hieß es nach wenigen Sätzen weiter, „denn ich bin ja ein freier Mensch.“ Danach berief sich die Schreiberin noch mit Nachdruck darauf, daß sie erst sechzehn Jahre sei.

Die Mischung von Naivität und kühler Sicherheit schien mir typisch für unsere jugendlichen Zeitgenossinnen. Ich überlegte, ob ich Maximilianes Urteil einholen solle; doch mit ihrem Spott würde auch meiner Meinung nach die Indiskretion beginnen.

Das Licht verschwand, ich zündete mit schlechtem Gewissen eine Kerze an, an der Kerze schon mit weniger Zögern die zweite Zigarette und setzte mich in den Lehnstuhl, der ebenfalls zum Mobiliar des abgewiesenen Freiers gehört hatte und das brauchbarste Stück seiner Einrichtung war. Die Situation hatte wieder den Zauber des Übernatürlichen: Muße unter dem Donner der Zeitgeschichte, Balance über dem Abgrund auf dem Seil des beglükkenden Lebensbewußtseins. Solche Stunden hatte es in unserer alten Wohnung in der Innenstadt nicht mehr gegeben.

Unten klappte die Haustür. Ich blies schuldbewußt das Licht aus und legte mich aufs Bett. Bald darauf trat Friederike ins Zimmer. Sie hatte sich schrecklich plagen müssen mit ihrem schweren Korb und der Markttasche. Üblerweise mußte sie umsteigen, und ausgerechnet auf dem Bahnhof Friedrichstraße mit seinem Massenandrang. Sie schien mir mit Recht stolz zu sein auf das, was sie geleistet hatte.

Nach einer weiteren halben Stunde traf auch die Tochter ein. – Maximiliane hatte auf ihrem Institut arg unter der Kälte zu leiden. Sie saßen schon im dritten Quartier, und dies dritte war ohne jede Möglichkeit einer Erwärmung. Wochenlang hatte die Zimmertemperatur auf null gestanden. Ihre Finger begannen an einer Hautkrankheit zu leiden, die wir anfangs für Frost hielten. Aber der Arzt erklärte sie für eine ‚Mangelkrankheit‘. Damit war eins der Worte gefunden, mit denen ein nicht zu bewältigendes Übel begrifflich bewältigt wird. Sie war erschöpft. Sie tat mir schrecklich leid. Alle diese Jugend, deren Seide der Krieg sozusagen beiläufig verschliß, schnitt mir ins Herz.

Als wir nachher um eine Kerze beim Essen saßen, war alle Mühsal vergessen. Der Schutzwall war wieder um uns. Später ging sogar das elektrische Licht an, und wir richteten uns an dem runden, niedrigen Tisch behaglich ein, der im Zimmer der beiden Frauen stand. Maximiliane hatte aus dem Meer der ätherischen Wellen ein Symphoniekonzert von Brahms gefischt. Friederike nähte, Maximiliane versuchte einen Strumpf zu heilen, ich hatte ein Buch vor mir, das ich aus dem Regal meines Besitzvorgängers entnommen hatte, und rauchte eine von seinen Zigaretten. „Du rauchst doch sonst nur Pfeife.“ Die Tochter sah mich mit großen Augen an.

Der Raum wirkte etwas kühl in seinem Schlafzimmercharakter, aber nicht unwirtlich. Korbstühle standen darin. – Hatten wir Angst? Weder Friederike noch Maximiliane äußerten jemals ein Zeichen von Furcht. – Wir trieben unaufhaltsam einem Schlund zu, der sich im Dunkeln verlor. Wir mußten alle durch das finstere Tor, das dem Tor des Todes sehr ähnlich sah – ja vielleicht war es der Tod. Dahinter stand das Mysterium der Hoffnung: vertagtes Leben in Friede und Freiheit. Sicherlich waren wir alle drei von dem Wunsch beseelt: „Schnell, nur schnell mit dem Unausweichlichen heran!“, gleich wie ein Kranker schließlich nur noch den Wunsch hat, daß man ihn bald operiere. Wenn ich Angst hatte, war es keine Angst vor den Dingen, sondern Angst um die Dinge: um Maximiliane, um Deutschland –, daß zuletzt auch noch das Letzte draufginge.

Ich betrachtete die beiden, die über ihre Arbeiten gebeugt waren, des jungen Mädchens volles, dunkelblondes Haar, das einen goldenen Schimmer hatte, Friederikes weißes, und wieder kam mir das Bild, daß wir zusammen in einem Boote führen, einem kleinen, sehr seeuntüchtigen Boote gewiß, das zu steuern mir auflag. Ich folgte meinem Bedürfnis, mir meine Gefühle klarzumachen. War es nicht bloß meine Freude an Maximilianes immer noch strahlender Jugend und mein Verlangen nach Austausch mit beider lebhaftem Geist, was mich mit ihnen verband und mich auch jetzt ihre Gesellschaft aufsuchen ließ? Oder durfte man diese mir angenehmen Gefühle Liebe nennen? Immerhin fand ich mich doch entschlossen, für diese beiden mir anvertrauten Leben Opfer zu bringen. War nicht jeder Egoismus Tugend, der das Moralische verwirklichte? Die Ratio schien auch mir nicht imstande zu sein, das Wesen der Liebe aufzulösen. Die Natur selber hatte es verwirrt, das Ich und das Du in der Liebe unentwirrbar verflochten. Die Natur war offenbar nicht so streng wie die Menschen. Wenn es nicht lächerlich zu sagen wäre: sie kannte den Menschen – besser als die Priester und die Moralisten. Sie wollte jeden auf seine Rechnung kommen lassen.

Das Licht blieb weg und mit ihm die Musik und meine Meditationen. Maximiliane rief: „Nun ist es wieder aus!“ (Den Menschen ist das Wort gegeben wie dem Hund sein Gebell: sie befreien sich damit von Eindrücken.)

Auf allgemeinen Beschluß gönnten wir uns noch etwas Stearin.

„Drei Zentimeter!“ dekretierte unser Sparkommissar Maximiliane. Als die Kerze brannte, markierte sie mit dem Daumennagel das Maß auf deren weißem Leib. „Und diese sogenannte Flitta weiß nicht, wohin vor lauter Stearinlichten!“ bemerkte sie zur Begleitung.

„Woher weißt du denn das schon?“

„Aber sie stehen doch an den unmöglichsten Orten!“

„Leute wie diese Reinharts meinen“, sagte ich, „sie schulden es ihrem gesellschaftlichen Range, sich aus dem allgemeinen Schicksal herauszuhalten. – Warum hast du auch keinen Spediteur geheiratet oder wenigstens einen Kohlenhändler?“

„Ihr habt mich falsch erzogen“, entgegnete Maximiliane, ohne von ihrem Strumpfe aufzusehen.

„Es ist schließlich doch gut, daß Lembergers sich rechtzeitig das Leben genommen haben“, unterbrach uns Friederike. „Und ich habe ihnen damals so zugesetzt.“

„Denkt mal. Was ich heute auf der Bank erfuhr: es gibt immer noch Leute, die Juden bei sich versteckt halten und mit ihren Karten durchfüttern.“ In unserem Hause sei so etwas leider nicht möglich gewesen, fügte ich hinzu.

„Schwer“, bestätigte Friederike. „Aber es quält mich. Hier draußen wäre es eher möglich.“

„Ich will euch einmal verraten, was mich quält“, gab ich zur Ergänzung. „Daß es mir bis auf den heutigen Tag nicht gelungen ist, zu oppositionellen Kreisen irgendwelche Verbindung zu finden. Es muß doch welche geben. Wir haben immer zu einsam gelebt. Wenn ich nur zwei gefunden hätte, die genauso dächten wie ich –“

„Warum sprichst du nicht weiter, Vati?“

„Weil man ungetane Taten nicht mit Worten ersetzen soll.“

„Ach, das wäre doch nicht deine Sache gewesen“, flocht Friederike ein.

„Warum nicht meine? Wenn es an mich gekommen wäre …“

„Du stehst nicht allein.“

Ich antwortete nicht weiter. Maximiliane kam mir zu Hilfe: „Bei uns, wenn die Fischer draußen ist, unterhalten wir uns jetzt ganz ungeniert.“

In unserem Kasino sei noch keine Morgendämmerung zu spüren, nahm ich das neue Thema auf.

Wir hatten von Dachau, Theresienstadt, Lublin entsetzliche, aber eben sehr nebelhafte Begriffe. Man wußte, daß die aus den KZ-Lagern Entlassenen auf keine Weise zum Reden zu bringen waren. Von dem nahe gelegenen Sachsenhausen wußten wir nicht das Geringste.

„In meinen Läden, wenn ich mit den Verkäuferinnen allein bin, packen sie aus. Es ist unbegreiflich, wie die ihre Leute kennen. Und wie gut sie mich immer behandeln, obwohl ich ihnen gar nichts mitbringen kann.“ Friederike erzählte Beispiele dafür, wie sie immer heimlich bevorzugt werde.

Es gebe, bei aller Niedertracht, dozierte ich, eine geheime Gemeinde der Anständigen, die viel größer sei, als man sich denke. „Die Menschen sind überhaupt nicht alle auf einmal Schweine geworden, sondern man hat die Schweine herausgelassen, und die Hammel laufen hinterher. Und entdecken, daß die auch Schweinernes an sich haben.“

„Kinder, ich muß euch ja noch etwas erzählen“, fuhr Maximiliane plötzlich heraus. „Wir sitzen doch jetzt in einem Modeatelier. Da haben wir heute die Quittungen für die Ribbentropschen Damen entdeckt. Na!“ Sie unterhielt uns eine Weile mit Details. Dann sagte sie ebenso plötzlich:

„Verehrtes Elternpaar, drei Zentimeter sind ‚off‘.“

„Laß mich wenigstens diesen Knopf noch annähen.“

„Spar dir ihn für den Luftschutzkeller auf!“

Ich ging bei dem schwachen Lichtschein, der über den Treppenabsatz fiel, ins Badezimmer und dann ins Bett.

6

Kurz nach unserem Einzug begann jene letzte Epoche in der Geschichte Berlins, da es keine Nacht ohne Angriffe mehr gab. (Als alles vorüber war, zählten wir, daß sie sechzig Nächte hintereinander gekommen waren; nur die Nacht auf Ostern hatten sie ausgelassen.) Auch das Methodische des Schrecklichen hat den Vorzug, daß es gewöhnt. Ordnung bildet sich, und es gibt keine Panik. Hierzu kamen freilich die Tagesangriffe, die seltener waren, aber unberechenbar und viel härter. Nachts hatten die Engländer Dienst, der Tag war den Amerikanern vorbehalten. Bald besuchten uns die Engländer zweimal. Zuerst gegen acht Uhr, später, als die Tage länger wurden, um zehn und um Mitternacht. Es war die erste systematische Belagerung einer Stadt aus der Luft. Immerhin war Berlin groß, selbst der größte Angriff von Fliegern konnte immer nur Stadtteile treffen.

Es führten sich feste Regeln und Gebräuche ein. Nach dem Abendessen legten wir uns aufs Bett, in der Absicht, das an Kerze zu sparen, was wir an Schlaf gewännen (eine Rechnung, die bei mir nie aufging). Dann flammte das Licht auf, zuckte ein paarmal, und die Sirene heulte. Ich warf meine letzten Sachen in den offen bereitstehenden Handkoffer, ergriff ihn, schaltete das Licht aus, öffnete das Fenster. Nebenan hatte Maximiliane schon den Rundfunk abgehört. Wenn es hieß: „Schwere Luftverbände im Raume Hannover-Braunschweig“, hatten wir zu gewärtigen, daß sie ein paar Minuten später „im Raume Wittenberge-Neuruppin“ stehen und über uns einfliegen würden; wenn sie von Magdeburg herkamen, wählten sie den Weg über die südwestlichen Vororte: reiche Phantasie entwickelten sie nicht. Die Frauen griffen nach ihren Decken und ihrem Luftschutzgepäck. Ich nahm noch den kleinen Radioapparat unter den Arm, öffnete auch hier die Fenster und stolperte die steile Treppe im Dunkeln hinterher. Ich setzte meine Sachen im Keller ab, stieg noch einmal zurück, lief vor die Haustür. Man konnte durch die Baumstämme sehr gut beobachten, wohin sich der Angriff bewegte. Sie schickten einen Spitzenreiter voraus, wie die Berliner diesen Flieger nannten, den die Scheinwerfer verfolgten. Man sah, wo er seine Signale abwarf, große, gelbe oder rote Trauben von Lichtern, die sich langsam lokkerten und zur Erde senkten, die ‚Weihnachtsbäume‘, eine immer wieder entzückende Ouvertüre zum Höllenspiel. War es soweit, sprang ich in den Keller zurück, denn nun hörte man die ersten Geschwader schon rauschen.

Unser Luftschutzkeller war nichts als der Boden der Kellertreppe. Den dafür eigentlich vorgesehenen, mit Balken gut abgestützten Raum hatten Reinharts, wie ich erst später entdeckte, bei ihrem Abzug zu ihrer Schatzkammer gemacht: für Flitta und den Hund genügte der Kellerhals. Man befand sich nur halb in der Erde, und die vier Mauerwände waren auf drei Seiten von Türen unterbrochen.

Viele Erfahrungen der letzten Jahrzehnte haben gelehrt, daß der Zwang zur Gemeinschaft entweder zu einer tief tröstenden Harmonie führt oder zu einer Vorschau aufs Inferno. Die Enge der Not preßt aus den Menschen das Innerste heraus, das sich je nachdem als ein Humanes oder als ein Satanisches offenbart. Wir spürten nicht mehr die kaum verhohlene Feindseligkeit in unseren Rücken. Die Gegenwart des Todes mit Menschen zu teilen, die einen hassen, nimmt ihm noch die Erhabenheit. – Flitta saß mit ihrem leuchtend gelben Haar in einem leuchtend blauen Morgenmantel halb unter der Treppe auf einem heruntergekommenen Sofa und hatte den heruntergekommenen Hund neben sich, dazu einen kleinen Volksempfänger. Ihr oblag es, den Polizeifunk zu verfolgen; Maximiliane hatte eine Karte erbeutet, auf der die Planquadrate eingetragen waren, die er ansagte. Die Koordinaten waren mit Vornamen bezeichnet. Wenn es hieß: „Gustav Emil“, standen sie genau über uns, und wir hörten sie rauschen. Friederike und Maximiliane saßen auf Stühlen, ich auf einer Kiste, jeder eines der schmalen Mauerstücke hinter sich. Wir versuchten zu lesen, aber oft unterhielten wir uns auch. Flitta erwies sich als tapfer und witzig. Wenn eine Bombe in hörbarer Nähe niedergegangen war, konnte sie sich freilich einer Reaktion nicht enthalten. „Es hat gebumst“, konstatierte sie dann. Sie war ein echtes Berliner Kind, und sie legte ihren politischen Trieben keine Zügel an.

Von meinen beiden Frauen war ich gewohnt, daß sie sich vollkommen beherrschten. Ich selbst litt schwer in den Minuten der Gefahr, so wenig mich die Angriffe im voraus beschäftigten. Ich glaube nicht, daß man sich auch durch die beharrlichste Übung an die Vorstellung gewöhnen kann, das Leben im nächsten Augenblick auf eine vermutlich grausame Weise zu verlieren. Aber, wie schon gesagt, ich fürchtete mich glücklicherweise nicht im voraus; ich konnte arbeiten, bis die Sirene tönte. Was ich fürchte, ist die Nervenpein, die den erwarteten Schrecknissen vorausgeht.

Wenn es besonders arg zugegangen war, gab Flitta ein Glas Wein oder Kognak aus, und ich erhielt noch zusätzlich eine Zigarre. Wir eilten nach oben, von Maximiliane angetrieben, damit wir die ausländischen Nachrichten erhaschten, solange der Strom noch währte, – es sei denn, wir waren zu müde.

Maximiliane wollte auch jetzt, wo wir hier draußen wohnten, und die Alarme zur Tages- oder besser: zur Nachtordnung gehörten, ihren geselligen Verkehr nicht aufgeben. Wenn sie auch sozusagen in ihr Mädchentum zurückgetreten war, aus dem sie vor fünf Jahren eine Kriegsheirat vorschnell und sehr flüchtig herausgeholt hatte, so stand es uns doch längst nicht mehr an, ihr Vorschriften zu machen. Aber wir rieten ihr nicht einmal nachdrücklich von diesen Unternehmungen ab. Konnte man einem jungen Weibe den so eng gewordenen Lebensbezirk noch beschränken? – Sie hatte immer Freundinnen und Freunde, sie war ein Genie der Freundschaft, obwohl es auch immer wieder Menschen gab, die durch die Schale ihrer Herbheit nicht hindurchdrangen und denen sie ihrerseits Abneigung nicht verhehlte. Es gab erstaunliche Proben der Anhänglichkeit, die man ihr erwies. Eines Nachts war noch um zwei Uhr einer ihrer Bekannten an der Wohnungstür erschienen, um zu erfahren, ob sie sicher durch einen schweren Angriff nach Hause gekommen sei.

Ihr Mann stand im Felde, an der Ostfront. Jetzt hatte sie seit Monaten nichts mehr von ihm gehört. Aber schon seit Jahren war er nicht mehr auf Urlaub gewesen, und wir beobachteten schon lange, daß der Briefstrom nur noch zähe hin- und herfloß. Sie war, was wir vorausgesehen hatten, über diesen unreifen Versuch einer ersten Lebensgestaltung hinausgewachsen. Sie gehörte, wie ich selbst, zu den Menschen, die sich langsam entwickeln, wenngleich ihre Intelligenz schon früh erwacht. Wir hatten sie nicht hindern können: ihr Eigenwille war stark. Nun hatte sie der Krieg und ihr Beruf erst zu dem gemacht, was ihren Anlagen entsprach. Das Amt, auf dem sie schon seit den ersten Kriegsjahren arbeitete, hatte sie in ständigen Verkehr mit Menschen gebracht, die über den Durchschnitt gebildet und geistig angeregt waren.